Michaela Brückner
Judith von Halle – Versuch der Annäherung an einen außergewöhnlichen Menschen unter der Prämisse der Unbefangenheit (eine der sog. Nebenübung von R. Steiner)



Judith von Halle ist nicht nur persönlich ein Phänomen, eine Herausforderung, ja geradezu eine Provokation für die Flexibilität und Unvoreingenommenheit unserer Denkrichtungen, Vorstellungsmöglichkeiten und Gefühlsinhalten, sondern die Reaktionen ihrer Mitmenschen auf sie sind es nicht minder.

Sie wird glühend verehrt oder schmählich abgewertet; nur gleichgültig lässt sie kaum jemanden.

Die Reaktionen auf ihre körperlichen Besonderheiten (Stigmata und Nahrungslosigkeit) sind eigentlich nicht weiter erwähnenswert, denn sie sind identisch mit denen, die Katharina Emmerich (18./19. Jahr.) und Therese Neumann (20. Jahrh.), die beide von den gleichen Phänomenen betroffen waren wie Frau von Halle, ebenfalls zu spüren bekommen haben: Ungläubigkeit und die Unterstellung von Scharlatanerie.
Dass eben diese Reaktionen besonders heftig „aus den eigenen Reihen“ kommen, ist auch nichts Neues. Der streng gläubigen, katholischen Therese Neumann erging es nicht anders: die grausamsten „medizinischen“ Experimente, zum Nachweis des Ausschlusses jeglicher Vortäuschungen, speziell bei den Stigmata, wurden von der katholischen Kirche angeordnet.
Was an dieser Situation eigentlich erschreckt ist, ist die Tatsache, dass die Reaktionen des Gros der Menschen, seit dem 18. Jahrh., sich offensichtlich nicht sonderlich verändert/weiter entwickelt zu haben scheinen. Nach wie vor gilt: Was wir nicht verstehen, kann einfach nicht sein! Eine solche Einstellung ist noch ablehnender als die Reaktion des „ungläubigen“ Thomas vor zwei Jahrtausenden. Er war immerhin bereit sich durch Erfahrung eines Besseren belehren zu lassen. Wir aufgeklärten Menschen heutzutage sagen da doch lieber gleich: damit brauche ich mich nicht zu beschäftigen, denn es ist vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus völlig unmöglich.
Warum wehren wir uns so dagegen, auch nur die Möglichkeit, dass es „so etwas“ tatsächlich doch geben könnte, ernsthaft in Erwägung zu ziehen? Und wieso beschäftigen wir uns beinahe mehr mit der „Außenwirkung“, die ein solcher Mensch hat – bzw. von der wir phantasieren, dass er sie hervorrufen könnte –, als mit der Sache an sich? Wie kann man darüber nachdenken, ob Judith von Halle dem Ansehen der Anthroposophischen Gesellschaft schadet, ohne bereit zu sein, sich mit dem Menschen, an welchem diese Phänomene aufgetreten sind, und mit den Aussagen, die dieser Mensch in schriftlicher und/oder mündlicher Form tätigt, auseinander zu setzen?

Es wird auch problematisch, wenn ein Mensch für die Handlungen seiner „Anhänger“ verantwortlich gemacht wird oder wenn man ihm unterstellt, dass er genau so fühlt und denkt wie seine Anhänger.
Ich habe noch nie etwas Negatives über Verhaltensweisen von Frau von Halle gehört, aber über das Auftreten und Agieren von einigen ihre „Anhänger“, wird sich öfters mokiert. Nun, wenn man R. Steiner alleine an dem überkandidelten Verhalten einiger „anthroposophischer Tanten“ gemessen hätte, so wäre von dem ernsthaften Geistesforscher nicht mehr viel übrig geblieben. Und wenn das Verhalten des Jüngers Judas als Maßstab für die innere Haltung Jesu Christi genommen würde, so wäre der Menschen liebender Gottessohn nicht mehr glaubwürdig. (Nein, ich bin nicht übergeschnappt: ich vergleiche Judith von Halle weder mit R. Steiner noch mit Christus; ich wähle lediglich prägnante Beispiele zur Verdeutlichung.)
Außergewöhnliche Menschen ziehen viele Menschen an. Und von diesen versteht und lebt jeder das Gehörte nach seinen eigenen Möglichkeiten. Dafür aber ist mitnichten der „verehrte“ Mensch verantwortlich – und schon gar nicht im Zeitalter der Bewusstseinsseele.

Ferner ist es sehr ungewöhnlich, dass ein Mensch aus zwei unterschiedlichen Erkenntnisquellen schöpft: einmal dem persönlichen Miterleben des Geschehens am Beginn unserer Zeitrechnung, und zum anderen dem geistigen Erforschen.
Als Normalsterblicher kann man sich überhaupt nicht vorstellen, wie so etwas überhaupt möglich ist und welche unterschiedlichen Erlebnisqualitäten sich daraus ergeben. Unsereins wäre ja schon froh, auch nur eine dieser beiden Erkenntnisquelle zur Verfügung zu haben.
Wie schwierig aber mag es sein, wenn einerseits, ganz ruhig und „nüchtern“, Ergebnisse aus rein geistigem Forschen versucht werden in Worte unserer heutigen Zeit zu kleiden, und andererseits das Erleben vor zweitausend Jahren so real und lebendig miterlebt wird, wie wir es wohl nur vom Traumerleben kennen. Während des Träumens denke ich mir nichts aus, ich bin kein unbeteiligter Zuschauer der abgeklärt aus sicherer Entfernung das Geschehen betrachtet, sondern ich bin mittendrin und alles betrifft mich unmittelbar und meist auch sehr gefühlsintensiv.
Ich weiß nicht, wie die Menschen vor zweitausend Jahren gefühlt und gedacht haben – ich kann mich nämlich leider partout nicht daran erinnern -, aber es ist wohl keine zu gewagte Hypothese, wenn davon ausgegangen wird, dass zur damaligen Zeit die Gefühle wesentlich intensiver waren als heute, da der Intellekt noch nicht so weit ausgebildet war und die Gefühle dadurch weniger „im Zaum“ halten konnte.
Und jetzt stelle man sich vor, dass man die Aufgabe hätte, zwei dermaßen unterschiedliche Erlebnisqualitäten (rein geistiges Forschen und intensives persönliches Miterleben) in Worte zu fassen und dabei immer wieder von einer zur anderen Erkenntnisquelle zu wechseln. Ist es da verwunderlich, dass manche Passagen gefühlsbetonter ausgedrückt werden als andere? Und dass der Übergang vom Beschreiben der Ergebnisse aus der einen Erkenntnisquelle zum Darstellen der Erkenntnisse aus der anderen Erkenntnisquelle zuweilen etwas holprig erscheinen mag? Sagt diese rein irdische Schwierigkeit (ganz unterschiedliche Erlebnisqualitäten in Worte zu kleiden, welche heutzutage gebräuchlich und verständlich sind) irgend etwas über den Wahrheitsgehalt einer dieser beiden Erkenntnisquellen oder gar beider aus?

Ich würde mir niemals anmaßen irgend einen Kommentar bezüglich wahr oder unwahr zum Thema höhere Physik von mir zu geben, denn ich habe schlicht und ergreifend keine Ahnung von höherer Physik. Warum glaubt aber (fast) jeder etwas über den Wahrheitsgehalt von Mitteilungen, die auf übersinnliches Forschen/Erleben zurück zu führen sind, aussagen zu können? Nur aufgrund der Tatsache, dass mein Gefühl spontan mit dieser oder jener Aussage sympathisiert oder eben auch nicht? Ich mache doch auch keine Aussagen über höhere Physik, nur weil mein „Bauchgefühl“ irgendwie darauf reagiert. Es heißt schließlich Geisteswissenschaft und nicht Wellness-Feeling.
Und, da wir schon einmal bei dem Begriff der Geisteswissenschaft angelangt sind: ist es denn wirklich dermaßen unmöglich und unvorstellbar, dass im Zeitalter der Wiederkunft Christi, die geistige Welt uns mit Phänomenen wie denjenigen, die an Judith von Halle sowohl in körperlicher als auch in spiritueller Hinsicht zu beobachten sind, „konfrontiert“?
Sicher, das Zeitalter des blinden Glaubens ist vorüber, aber das Zeitalter des „blinden Ablehnens und Abwertens“, nur weil etwas ungewohnt ist, sollte es auch sein!

Man könnte die „Provokation“, die ein Mensch wie Frau von Halle für alle gängigen Denk- und Gefühlsmuster darstellt, doch auch einmal ganz innovativ und kreativ dafür nutzen, die Nebenübung der Unvoreingenommenheit so richtig intensiv und ausgiebig zu praktizieren, und sich während dessen mit einem vorschnellen Urteil zurück zu halten. Vielleicht käme dabei ja etwas ganz Neues, Überraschendes und Spannendes heraus?