Jonas: „Erratischer Block“

Eine solide kritische Auseinandersetzung mit dem Werk Rudolf Steiners steht nach wie vor aus. Dies dürfte u. a. daran liegen, dass dieses Werk sowohl seinem Umfang (über 350 BaÅNnde) als auch seinem Inhalt nach wie ein erratischer Block in unserer Kulturlandschaft steht. Um so mehr aber auch als Herausforderung: Der Auseinandersetzung mit einem „Okkultismus“, der Visionen, Trancepraktiken etc. ablehnt und einen radikalen Empirismus auf absolut rationaler Grundlage für sich in Anspruch nimmt, wäre durch Forschung mit Sicherheit mehr gedient als durch journalistische Kolportage.“

(Karen A. Swassjan)

Schon vor einiger Zeit, im Dezember 2008, ist in der deutschen historischen Fachzeitschrift (Historische Zeitschrift, Bd. 287) eine Rezension von Karen Swassjan zu Helmut Zanders Buch "Anthroposophie in Deutschland" erschienen. In prägnanter Weise hat Swassjan dort auf knapp anderthalb Seiten einige Hauptpunkte aus seinem Buch "Aufgearbeitete Anthroposophie - Bilanz einer Geisterfahrt", welches als Antwort auf Zander erschienen ist, zusammengefasst.

Einen Punkt möchte ich gerne herausgreifen. Swassjan schreibt von der "methodisch fragwürdigen Grundhaltung (...), über Steiners Werk zu urteilen, ohne sich mit diesem inhaltlich auseinanderzusetzen." Zander positioniere sich als "Textkritiker
bzw. Quellenforscher, dem es «nicht um eine Verifizierung oder Widerlegung von Steiners Hellsichtigkeit» geht, «sondern um eine Analyse seiner verschriftlichten Wahrnehmungen»."
Dagegen sagt Swassjan, "dass Texte, bevor sie überhaupt analysiert werden können, allererst verstanden sein müssen (...)".

Dieser Gedanke wiegt meiner Meinung nach genauso viel wie die fast 2000 Seiten von Zanders Buch. Denn wie will man etwas über einen Text aussagen, wenn man ihn nicht versucht zu verstehen? Und heisst nicht verstehen auch immer sich selber innerlich damit verbinden? Welche Konsequenzen hätte das bei einem Text von Steiner?

Mir ist klar, was man sich heute von so einer "wissenschaftlichen Untersuchung", wie sie Zander anstrebt, für eine Vorstellung macht. Wenn man dem aber auf den Grund geht findet man häufig nur verschwommene Begriffe, die auf einen Anspruch an Objektivität und Wahrheit hinweisen. Im Grunde genommen soll ja die Wissenschaft eben dazu dienen, den Wahrheitsgehalt von etwas herauszufinden.
Aber ist das überhaupt möglich? Kann man vom sicheren Ufer aus das Meer verstehen? Muss man nicht den Sprung wagen und kann man nicht erst nachher sehen ob es wahr war?

Swassjan fasst das am Schluss so zusammen: "Medienberichte (...) suggerierten, „die Wissenschaft“ habe ihr letztes Wort über Steiner und die Anthroposophie gesprochen."