Dr. Regina Reinsperger:
Emil Bock und der Nationalsozialismus
Emil Bock , der Leiter der Christengemeinschaft von 1938 bis 1959, hat 1947 Friedrich Benesch und 1950 Werner Georg Haverbeck als Pfarrer in die Christengemeinschaft aufgenommen. Dass er Haverbecks (siehe Wikipedia-Artikel:“Werner Georg Haverbeck") nationalsozialistische Vergangenheit kannte, hat CG-Pfarrer Georg Blattmann überliefert (siehe egoisten-Artikel:“Beneschs Lebenslauf“). Hans-Werner Schroeder berichtet in seiner Benesch-Biographie auf Seite 119, dass Emil Bock 1947 auf einer Jugendtagung in Stuttgart sinngemäß über das 3. Reich gesagt habe: „Der Enthusiasmus und die Begeisterung, die damals in der deutschen Jugend waren, waren doch in Ordnung! Die Popanze jedoch, die als die so genannten Führer diesen Idealismus auf sich zogen, die waren die eigentliche Katastrophe!“ In diesem Zusammenhang fehlt jeglicher Hinweis auf die verbrecherischen Inhalte im Denken der jugendlichen Idealisten: das nationalsozialistische völkische Bewusstsein einerseits und die mörderische Rassenkunde andererseits. Die Weltanschauung wird von Bock hier vollständig ausgeklammert und lediglich die „Popanze“ werden als Katastrophe benannt. Schroeder schreibt auf Seite 120: „Bock ist über jeden Verdacht nationalsozialistischer Tendenzen erhaben.“ Sehen wir, so gut es eben geht nach, ob und wie wir diese Aussage verifizieren können.
Die Verbotszeit
Rudolf Hess, der Stellvertreter des Führers (siehe Wikipedia), schützte Gruppierungen, die sich mit Astrologie, Spiritismus und Okkultismus, Pendeln und Magnetopathie, Wahrsagerei, Kartenlegen, Handlesen, Traumdeutung, Christian Science und Gesundbeten befassten, und ebenso die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die anthroposophische Heilpädagogik, Kliniken und Sanatorien, und die Christengemeinschaft. Einige Waldorfschulen wurden als „Musterschulen“ genehmigt und konnten nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft von 1935 vorerst weiter arbeiten. Nach Hess` Flug nach England im Mai 1941 verboten Himmler und Heydrich ( siehe die Wikipedia-Seiten: „Heinrich Himmler“ und Reinhard Heydrich“) alle diese Initiativen. Die Christengemeinschaft wurde als Sammelbecken von Anthroposophen angesehen und am 9. Juni 1941 verboten und viele Pfarrer verhaftet. Die meisten Christengemeinschafts - Pfarrer wurden nach vier bis sechs Wochen wieder freigelassen und zur Wehrmacht eingezogen oder dienstverpflichtet. Nicht so Emil Bock als Leiter der Christengemeinschaft, Elisabeth Klein, als Vertreterin der Waldorfschulen und Erhard Bartsch als Leiter der landwirtschaftlichen Demeter-Bewegung , sie blieben in Haft. Erhard Bartsch wurde im Dezember 1941 entlassen.
Emil Bock war nach seiner Inhaftierung und Verhören in Stuttgart in das kleine, 1820 erbaute Amtsgerichtsgefängnis Welzheim gebracht worden, das die Gestapo jetzt als KZ führte (siehe bei Wikipedia: “KZ Welzheim“). Dort teilte er sich eine Zelle mit seinen Pfarrer - Kollegen Martin Borchart, Hans Feddersen, Gottfried Husemann, Eberhard Klemp und Hans Kuhn. Die Gruppe musste nicht zur Arbeit ausrücken und niemand wurde geschlagen. Sie wurden in Welzheim nicht mehr von der Gestapo verhört und bekamen regelmäßig zu essen, auch wenn Hans Feddersen in seinen Erinnerungen das Essen als „unglaublichen Fraß“ bezeichnete. Die Gruppe zelebrierte in ihrer Zelle regelmäßig leise die Weihehandlung und konnte ihrem Aufenthalt auch Komik abgewinnen: „Es wurde einmal so gelacht, dass die Wärter hereinstürzten und schrieen, dass es hier nichts zu lachen gäbe, womit sie auch wieder recht hatten.. -… Es war gar nicht anders möglich, als die unsäglichen Leiden des Lagers intensiv mitzuerleben; wussten wir doch nicht, was für uns selbst im nächsten Augenblick eintreten konnte“ berichtet Hans Feddersen. Die Ungewissheit über ihr Schicksal lastete schwer auf ihnen. Emil Bock wurde im September 1941 zu einem Verhör nach Berlin und anschließend wieder nach Welzheim zurück gebracht. Seine Kollegen waren da schon , nach sechs Wochen Haft, Anfang August 1941, entlassen worden.
Wie Emil Bock im Februar 1942 dann doch freikam, berichtet die Waldorflehrerin Elisabeth Klein, geb. von Staudt, in ihrer Autobiographie „Begegnungen“ auf Seite 101 folgendermaßen:
„Am nächsten Morgen öffnete sich die Tür meiner Zelle. Herein trat der (Gestapo)Kommissar Friedt und sagte: „Ich habe Sie eben unten beim Gefängnisarzt krank schreiben lassen. Sie können jetzt vier Wochen allein in ihrer Wohnung bleiben und stehen unter meinem Schutz. Sie haben mächtige Freunde. Wir bekommen Sie hier nicht frei. Ich habe alles versucht. Versuchen Sie es jetzt selbst und rufen Sie täglich bei uns an.“ - Mein Vater hatte eine Schwester, Frau Professor Lohmann, die Frauenschaftsleiterin in München-Land war. Ihr Mann hatte das Lietzsche Landerziehungsheim in Schondorf am Ammersee begründet (siehe: http://www.landheim-schondorf.de ) Sie war mit Frau Scholz-Klink befreundet, der obersten Leiterin der Frauenschaft. Ich unterrichtete sie von meiner Lage. Sie besuchte mich umgehend und wandte sich sofort an Frau Scholz-Klink. Diese bürgte für mich als Mutter von vier Kindern, deren Vater (Anm.: CG-Pfarrer Gerhard Klein) arbeitsverpflichtet war. Sie bürgte ebenso für Emil Bock als Witwer und Vater von vier Kindern. Meine Verwandte hatte meine inständige Bitte, die Sache für uns beide vorzubringen, erfüllt. Frau Scholz-Klink hatte gute Beziehungen zu Heydrich, dem Leiter der SS. Ein Kurier brachte das Schreiben nach Prag (Anm.: zu Heydrich) und seine Antwort an Frau Scholz-Klink. Für Emil Bock und mich wurde gleichzeitig Ende Februar 1942, also nach ungefähr neun Monaten, der Haftbefehl aufgehoben.“
Auch Rudolf Hauschka, der Gründer der Firma Wala-Heilmittel in Eckwälden war in der Aktion vom 9. Juni 1941 verhaftet worden. Er berichtet über die Freilassung in seiner Autobiographie folgendermaßen:
„Eines Morgens stand mein Hauptwachtmeister strahlend in der Tür und rief: „Herr Doktor, die Stunde der Freiheit hat geschlagen! Meine erste Frage galt Dr. Stavenhagen. Auch sie wurde gleichzeitig entlassen. …..Dass alles so glimpflich ablief, verdankten wir unserem Freund Otto Ohlendorf. Wie ich später erfuhr, waren sogar Todesurteile in Aussicht genommen, die die fünf Hauptverhafteten der Aktion vom 9. Juni 1941 betrafen. (Dr. Bartsch, Lic. Emil Bock, Erbprinz Georg Moritz von Sachsen-Altenburg, Elisabeth Klein und ich). – In einer „Führerbesprechung“ soll sich Otto Ohlendorf zum Wort gemeldet haben und so geschickt plädiert haben, dass anders entschieden wurde – sehr zum Ärger von Himmler und Heydrich. Diese sollen geäußert haben: „Diesen Burschen (Otto Ohlendorf) müssen wir härten!“ Sie setzten eine Strafversetzung in die Ukraine durch…..“
Der Anthroposoph Uwe Werner berichtet über die Freilassung der Pfarrer Anfang August 1941 in seinem Buch: „Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus“ 1999. Über die Freilassung Bocks teilt er jedoch nichts näheres mit, Elisabeth Kleins Version könnte aber aufgrund folgender Intervention vorbereitet gewesen sein, die Uwe Werner berichtet: „Es ist anzunehmen, dass die Korvettenkapitäne Hellmuth von Ruckteschell und Hans Erdmenger entscheidend dazu beitrugen, dass insbesondere die Pfarrer der Christengemeinschaft von einer längeren Inhaftierung verschont blieben.“ Im Juli und August 1941 hatte Erdmenger ein Gespräch über die Lage der Pfarrer der Christengemeinschaft mit dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Raeder, dieser gab ihm den Befehl, sich „mit dem Stab von Admiral Canaris (Abwehr) in Verbindung zu setzen, damit von dort die Haftbefreiung nunmehr unverzüglich verfügt würde.“ Dieser Befehl Raeders fand im Amt Canaris Gehör. Durch Raeders Vermittlung konnte Erdmenger mit Rosenberg und Heydrich Kontakt aufnehmen. „Möglicherweise hatten Erdmengers Nachfragen und die durch Erdmengers Intentionen von der Abwehr, vielleicht durch die von Canaris selbst ausgehenden Schritte, den entscheidenden Einfluss darauf, dass Heydrich die Haft der Pfarrer und Lehrer nach sechs Wochen beendete.“
Emil Bock wurde nach seiner Haftentlassung auch dienstverpflichtet wie seine Kollegen: er arbeitete währen des Krieges ganztägig als kaufmännisch Angestellter bei der Firma Bosch in Stuttgart. ( Brief an Paul Jagenberg vom 9. 2. 1942). Über seine Haftzeit schreibt er am 18. 12. 1942 an Jagenberg: „…ich bitte Sie doch, die beigelegten Übersetzungen der Thessalonicher – Briefe (Anm.: Neues Testament) als kleine Weihnachtsgabe entgegenzunehmen…. Die Grundlage dieser Neufassung stammt aus dem letzten Winter, als ich nicht zu Hause war.“ Und Barbara Nordmeyer berichtet in ihrem Buch „Zeitgewissen“ über Emil Bocks Haftzeit: „Sicher war es nicht in der Absicht der Gestapo gelegen, als sie Ihn 1941/42 im Konzentrationslager inhaftierte, ihm dadurch die nötige Zeit zu schenken, nun zu einer grundlegend neuen Phase der Bibelübersetzung auszuholen.“
Emil Bock selbst schreibt im Juni 1946 im Vorwort zu seinem Buch „Die drei Jahre“ über diese Zeit: „ Im Juni 1941 wurde unter gewalttätigem Zugriff die Christengemeinschaft in Deutschland verboten. Damals wurden mit unserer gesamten Literatur auch die bereits erschienenen Bände dieser Reihe, wo man ihrer nur habhaft werden konnte, weggenommen und samt allen Verlagsbeständen eingestampft. Unter den Büchern und Papieren, die man wagenladungsweise aus meiner Wohnung fortholte, war auch das Manuskript zu mehreren Kapiteln des nächsten Bandes, der Ende 1941 hätte erscheinen sollen. Nach meiner Entlassung aus dem Konzentrationslager gelang es mir – im Jahre 1943 – die verlorenen Teile neu zu schreiben und das Fehlende zu ergänzen. Allerdings musste ich dabei, da zu dieser Arbeit neben der aufgenötigten fremden Berufstätigkeit nur wenig Zeit blieb, mehr als ich es sonst getan hätte, in der Formgebung auf eine Reihe von Vorträgen zurückgreifen, die ich im Winter 1939/40 gehalten hatte. – Auch in der jetzigen Fassung des Werkes wird der Leser ein gewisses Mitschwingen des Zeitschicksals bemerken. Wie auch in den früheren Bänden…so ist auch in diesem Buch kein Wort geschrieben ohne das Bewusstsein, dadurch dem dämonischen Fieber und der satanischen Veräußerlichung der chaotisch gewordenen und sich in Todeszuckungen windenden Zivilisation die ordnenden und neubeseelenden Ideale und Impulse einer zeitgemäßen Christuserkenntnis entgegenzusetzen.“
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Quellen:
Emil Bock, „Die Drei Jahre“, Verlag Urachhaus, Stuttgart 1971
Emil Bock, „Briefe“, Verlag Urachhaus, Stuttgart 1968
Hans Feddersen, „Erlebnisse und Erinnerungen aus der Zeit des Verbotes und der Gestapohaft –Stuttgart-Welzheim Sommer 1941, Private Vervielfältigung ca.1971
Rudolf Hauschka, „Wetterleuchten einer Zeitenwende“, Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 1966
Elisabeth Klein, „Begegnungen – Mitteilenswertes aus meinem Leben“, Verlag die Kommenden, Freiburg i.Breisgau 1978
Barbara Nordmeyer, „Zeitgewissen – Biographische Skizzen“, Verlag Urachhaus Stuttgart 1985
Uwe Werner, „Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933 -1945), Oldenbourg Verlag München 1999
Internet:
Wikipedia-Artikel über: Werner Georg Haverbeck, Friedrich Benesch, Rudolf Hess, Reinhard Heydrich, Heinrich Himmler, Gertrud Scholz-Klink, KZ Welzheim, Wilhelm Canaris
Forschungsstelle Kulturimpuls – Biographien Dokumentation: Bock, Emil – Hauschka, Rudolf – Hauschka-Stavenhagen, Margarete - Klein, Elisabeth und Klein, Gerhard http://biographien.kulturimpuls.org/
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