In einem der letzten Kommentare wurde gefragt, wie Blinde die Realität wahrnehmen können. Eine Antwort hierauf und wie sich durch eine Erblindung auch die anderen Sinnesorgane kompensatorisch verfeinern, gibt Jacques Lusseyran (1924-1971) in seinem Buch „Das wiedergefundene Licht – Die Lebensgeschichte eines Blinden im französischen Widerstand“ (DTV-Taschenbuch).
Ich selbst habe einen blind geborenen Mann kennengelernt, der die Erfahrungen von Lusseyran bestätigte, und der in einem ihm völlig fremden Raum Anordnung und Größe von Möbeln und Gegenständen und die Lage von Türen und Fenstern völlig korrekt beschrieb. Diese Phänomene, sind unter den Blinden selbst bekannt, sie sprechen jedoch meist mit Außenstehenden nicht darüber. Außerdem haben keineswegs alle Blinden diese Erfahrungen, besonders Menschen, die erst im Alter erblinden, stehen meist völlig hilflos im dunklen Raum und sind auf umfassende Hilfeleistungen angewiesen. - Auch die „gestützte Kommunikation“ (FC=Facilitated Communication), die erst seit Anfang der 90-er Jahre entwickelt wurde, brachte erstaunliche Innenansichten von Schwerstbehinderten zu Tage. Diese Berichte werden heute meist nur unkommentiert zur Kenntnis genommen. Auch Lusseyran ´s Beschreibung über seine Erblindung und das Wiederfinden des Lichtes ist ein Einzelbericht, jedoch so interessant, dass ich ihn selbst zu Wort kommen lassen will. Ich habe jedoch für diesen kleinen Artikel, um die Gedankengänge zu straffen, manchmal die Reihenfolge der Abschnitte aus dem zweiten und dritten Kapitel des Buches ein wenig verändert, nicht jedoch Lusseyran ´s Sätze. Lusseyran beschreibt die Erfahrungen, die er in der Anfangszeit der Erblindung machte. Durch einen Unfall wurde eine operative Entfernung des rechten Augapfels nötig, die Retina des linken Auges war mehrfach gerissen und ebenfalls zerstört. Er war zu dieser Zeit acht Jahre alt und es waren die 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts in Paris. Er beschreibt seine neue Situation in seinem Buch folgendermaßen:

Das wiedergefundene Licht
„Jeden Tag danke ich dem Himmel dafür, dass er mich schon als Kind, im Alter von nicht ganz acht Jahren erblinden ließ. Das mag herausfordernd klingen, und so will ich mich näher erklären.
Ich danke dem Schicksal zunächst aus äußeren, materiellen Gründen. Ein kleiner Mann von acht Jahren hat noch keine Gewohnheiten, weder geistige noch körperliche. Sein Körper ist noch unbegrenzt biegsam, bereit eben jene - und keine andere Bewegung zu machen als die, welche ihm die Situation nahelegt. Er ist bereit das Leben anzunehmen, so wie es ist, zu ihm ja zu sagen. Und aus diesem „Ja“ können ganz große physische Wunder erwachsen.
Mit großem Bedauern denke ich an all die Menschen, die als Erwachsene – infolge von Unfällen oder Krieg – mit Blindheit geschlagen wurden. Diese Menschen haben ein sehr hartes und in jedem Fall schwierigeres Los, als es das meine war. (…)
Meine Blindheit war für mich eine große Überraschung, glich sie doch in keiner Weise meinen Vorstellungen von ihr; auch nicht den Vorstellungen, welche die Menschen um mich herum von ihr zu haben schienen. Sie sagten mir, Blindsein bedeute Nichtsehen. Aber wie konnte ich ihnen Glauben schenken, da ich doch sah? Nicht sofort, das gebe ich zu. Nicht in jenen Tagen, die unmittelbar auf die Operation folgten. Denn damals wollte ich meine Augen noch gebrauchen, mich von ihnen leiten lassen. Ich blickte in die Richtung, in die ich vor dem Unfall zu blicken pflegte, von dort aber kam nur Schmerz, Empfinden des Mangels, etwas wie Leere. Von dort kam das, was die Erwachsenen Verzweiflung nennen.
Eines Tages jedoch( und dieser Tag kam ziemlich rasch)merkte ich, dass ich ganz einfach falsch sah, dass ich einen Fehler machte, wie einer, der die Brille wechselt, weil sich sein Auge den Gläsern nicht anpassen wollte. Ich blickte zu sehr in die Ferne und zu sehr auf die Oberfläche der Dinge. (...) Ein Instinkt – ich möchte fast sagen, eine Hand, die sich auf mich legte – hat mich damals die Richtung wechseln lassen. Ich begann, mehr aus der Nähe zu schauen. Aber nicht an die Dinge ging ich näher heran, sondern an mich selbst. Anstatt mich hartnäckig an die Bewegung des Auges, das nach außen blickte, zu klammern, schaute ich nunmehr von innen auf mein Inneres. Unversehens verdichtete sich die Substanz des Universums wieder, nahm auf ´s neue Gestalt an und belebte sich wieder. Ich sah, wie von einer Stelle, die ich nicht kannte und die ebenso gut außerhalb meiner wie in mir liegen mochte, eine Ausstrahlung ausging, oder genauer: ein Licht – das Licht. (…)
Ich sah eine Welt, die ganz in Licht getaucht war, die durch das Licht und vom Licht her lebte. (…) Auch die Farben – alle Farben des Prismas – bestanden weiterhin. (…) Das Licht breitete seine Farben auf Dinge und Wesen. Mein Vater, meine Mutter, die Leute denen ich auf der Straße begegnete oder die ich anstieß, sie alle waren in einer Weise farbig und gegenwärtig, wie ich es niemals vor meiner Erblindung gesehen hatte. Und diese Farben prägten sich mir jetzt als ein Teil von ihnen genauso tief ein, wie es ihr Gesicht vermocht hätte. (…)
Ich fühlte eine unsagbare Erleichterung und (…) Freude. Zuversicht und Dankbarkeit erfüllten mich. Ich entdeckte Licht und Freude in demselben Augenblick, und ich kann sagen, dass sich Licht und Freude in meinem Erleben seither niemals mehr voneinander getrennt haben: zusammen besaß oder verlor ich sie. (…) Dennoch gab es Zeiten, in denen das Licht nachließ, ja fast verschwand. Das war immer der Fall, wenn ich Angst hatte. …sie machte mich blind. Dieselbe Wirkung hatten Zorn und Ungeduld, sie brachten alles in Verwirrung. (Anm.: Lusseyran beschreibt, dass er sich dann selbst in seinem Zimmer nicht mehr orientieren konnte)… Die schlimmsten Folgen hatten die Boshaftigkeit. Ich konnte es mir nicht mehr leisten, missgünstig und gereizt zu sein, denn sofort legte sich eine Binde über meine Augen, ich war gefesselt, geknebelt, außer Gefecht gesetzt; augenblicklich tat sich um mich ein schwarzes Loch auf und ich war hilflos. Wenn ich dagegen glücklich und friedlich war, wenn ich den Menschen Vertrauen entgegenbrachte und von ihnen Gutes dachte, dann wurde ich mit Licht belohnt. (…)
Ich ging auf einer mit Bäumen gesäumten Landstraße, und ich konnte auf jeden der Bäume entlang der Straße zeigen, selbst wenn diese nicht in regelmäßigen Abstanden gepflanzt waren. Ich wusste, ob die Bäume gerade und hoch waren, ob sie ihre Äste trugen wie ein Körper seinen Kopf oder ob sie, zu Dickicht verfilzt, den Boden rings umher bedeckten. (…) Ich musste die Bäume selbst ganz an mich herankommen lassen. Ich durfte nicht die geringste Absicht, auf sie zuzugehen, den geringsten Wunsch sie kennenzulernen, zwischen sie und mich stellen. Ich durfte nicht neugierig sein, nicht ungeduldig, vor allem nicht stolz auf meine Fähigkeit. Dieser Zustand ist nichts anderes, als was man gewöhnlich „Aufmerksamkeit“ nennt.
Neues Hören
Wie hatte ich leben können all die Zeit, ohne zu wissen, dass alles auf der Welt eine Stimme hat und sprechen kann? Nicht nur die Dinge, denen man Sprache zugesteht, nein auch die anderen: die Torwege, die Mauern der Häuser, die Balken, die Schatten der Bäume, der Sand und das Schweigen. (…) Seit ich blind war, konnte ich keine Bewegung mehr machen ohne eine Flut von Geräuschen auszulösen… Wurde die Tür vom Wind zugestoßen, knarrte sie nach „Wind“; wenn eine Hand sie zuschlug, knarrte sie menschlich. Ich täuschte mich nie. Ich konnte die kleinste Vertiefung in den Wänden von ferne vernehmen, denn die veränderte den ganzen Raum. Eine Ecke oder Nische ließ den gegenüberliegenden Schrank hohler klingen. (…) Man denkt immer, dass Geräusche abrupt beginnen und enden. Ich entdeckte, welch ein großer Irrtum das war. Meine Ohren hatten die Töne noch nicht vernommen, da waren sie schon da, berührten mich mit ihren Fingerspitzen und führten mich zu ihnen hin. Oft konnte ich die Leute reden hören, bevor ein Wort über ihre Lippen gekommen war. (…)
Die Töne waren dem Licht eng verwandt. Sie lagen weder innerhalb noch außerhalb von mir, sie gingen durch mich hindurch. Sie wiesen mir meine Position im Raum zu und verbanden mich mit den Dingen. Nicht Signale vermittelten sie: Sie gaben Antwort. (…) Man sagt meist, die Blindheit schärfe die Fähigkeit des Gehörs. Ich glaube nicht, dass das wahr ist. Nicht meine Ohren hörten besser als früher, sondern ich konnte mich ihrer besser bedienen.
Tastsinn und Geruch
Meine Hände gehorchten mir zunächst nicht mehr. Wenn sie ein Glas auf dem Tisch zu fassen suchten, verfehlten sie es. Sie tappten um Türklinken herum und verwechselten die schwarzen und weißen Tasten des Klaviers. Sie schlugen in die Luft, wenn sie sich Gegenständen nähersten. Fast schien es, als seien sie entwurzelt, von mir abgeschnitten, und eine Zeitlang ängstigte mich das.
Glücklicherweise merkte ich rasch, dass sie nicht nutzlos geworden waren; sie begannen geschickt zu werden. Man musste ihnen nur Zeit lassen, sich an die Freiheit zu gewöhnen. Ich hatte geglaubt sie gehorchten mir nicht mehr; in Wirklichkeit war es nur so, dass sie keine Anordnung mehr erhielten. Meine Augen konnten sie nicht mehr befehligen. (…) Ich hatte in Wirklichkeit nichts weiter zu tun, als meine Hände sich selbst zu überlassen. Ich brauchte ihnen nichts beizubringen, ja seit sie in eigener Verantwortung arbeiteten schienen sie alles im Voraus zu wissen. Im Gegensatz zu den Augen hatten sie eine ernste Art an sich. Von welcher Seite sie auch an einen Gegenstand herangingen, sie prüften ihn genau. Sie erprobten seine Widerstandsfähigkeit, lehnten sich gegen seine Masse und hielten auch die unwesentlichste Eigenschaften seiner Oberfläche fest. Sie maßen nach Höhe und Dicke, indem sie so viele Dimensionen anlegten wie nur möglich. Vor allem gebrauchten sie die Finger auf ganz neue Weise, jetzt, nachdem sie ihrer gewahr worden waren.
Als ich noch meine Augen hatte, waren meine Finger steif und am Ende der Hände halb abgestorben, gerade recht, die Bewegung des Greifens auszuführen. Jetzt ergriff jeder von ihnen eine Initiative. Sie wanderten einzeln über die Dinge, spielten gegeneinander und machten sich unabhängig voneinander schwer oder leicht.
Doch es gab noch etwas Wichtigeres als die Bewegung (der Finger): den Druck. (…) Wenn jeder meiner Finger sich verschieden stark gegen die Rundung eines Apfels drückte, wusste ich bald nicht mehr, ob der Apfel schwer war oder meine Finger. Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich ihn berührte, oder er mich. Ich war ein Teil des Apfels geworden und der Apfel ein Teil von mir.
Meine zum Leben erwachten Hände führten mich in eine Welt hinein, in der alles ein Austausch von Druck war. Dieser Druck verdichtete sich zu Formen, und alle diese Formen hatten einen Sinn. Ich muss in meiner Kindheit Hunderte von Stunden damit verbracht haben, mich gegen die Gegenstände zu lehnen und sie sich gegen mich lehnen zu lassen. Alle Blinden werden betätigen, dass diese Gebärde, diese Wechselspiel, eine zu tiefe Befriedigung gewährt, als das man es beschreiben könnte.
Wie mit dem Tastsinn verhielt es sich auch mit dem Geruch. (…) Ich begann zu erraten, was Tiere empfinden müssen, wenn sie in die Luft schnuppern. Wie die Töne und Formen, war auch der Geruch sehr viel ausgeprägter, als ich zuvor angenommen hatte. Es gab physische Gerüche, und es gab moralische Gerüche, doch davon später.“
Rudolf Steiner führte ja sehr viel über die Sinne des Menschen aus, er fand 12 Sinne, über die er in verschiedenen Vortragszyklen referierte. Auch die heutige Physiologie beschränkt sich nicht mehr streng auf die klassischen fünf Sinne, die zudem noch differenziert werden. So wird das „Sehen“ unterteilt in Sehen von : Farbe, Graustufen, globale Helligkeit, Bewegung und Kantensehen. Das Innenohr mit seinem Gleichgewichtssinn unterstützt die Augen bei der räumlichen Wahrnehmung, zum Hören der Laute muss der Sprachverständnis-Sinn dazukommen um sinnhaft Sprache zu verstehen. Der Tastsinn wird unterteilt in Wahrnehmung von Druck, Berührung, Vibration, Temperatur und Schmerz. Auch Geschmack, Riechen und Hören werden weiter unterteilt. Die Sinneslehre ist also im Wandel, im Allgemeinen spricht man, je nach Unterteilung, heute vorläufig von 8 – 13 Sinnen.
Über uns „Normalos“ sagte Rudolf Steiner: „Die Sinne liegen so sehr an der Peripherie, im Umkreis des Menschen, dass der Mensch im alltäglichen Leben vergisst, dass dieses Sinnesleben die äußerste Schicht seinen Lebens ist.“(GA 208 Seite 84)
Wie man Sinne wandeln kann, hat Jaques Lusseyran beschrieben.