700 Reichsmark pro Jude- die Beteiligung der deutschen Reichsbahn an den Deportationen
von Dr. Regina Reinsperger
Der „Zug der Erinnerung“ muss pro Bahnkilometer 3,50 Euro, pro Abstellstunde 5,-Euro und pro Ausstellungstag für das Gedenken 450,- Euro bezahlen. Damit steht die Deutsche Bahn A.G. in guter deutscher Tradition. Nichts ist umsonst, nicht das Gedenken an die Opfer, genauso wenig wie deren Fahrt in den Tod umsonst war.
Die Juden mussten nämlich grundsätzlich für ihre Fahrt ins Gas selbst bezahlen. War das nicht möglich, z.B. bei den Massendeportationen aus Warschau, so hatte man sich darauf geeinigt, wer die Züge bestelle, müsse für die Kosten aufkommen. Für die Reichsbahn war das Reichssicherheitshauptamt der SS (in dem ja auch Otto Ohlendorf die Leitung des Amtes III inne hatte) die Kontaktstelle, und dort bestätigte Adolf Eichmann am 20. Februar 1941 die Übernahme anfallender Kosten.
Die Reichsbahn berechnete pro Person den Beförderungstarif für die 3. Wagenklasse, gestellt wurden aber nach Möglichkeit nur alte, vergammelte Güterwaggons. Für jeden Deportierten bekam die Reichsbahn je Schienenkilometer 4 Reichspfennige, Kinder unter 4 Jahren kosteten die Hälfte, Kleinkinder fuhren kostenlos mit. Damit war die Fahrt in den Tod zunächst mehr als doppelt so teuer wie die Beförderung von Soldaten, die kosteten 1,5 Pfennige pro Kilometer. Ab Juli 1941 brauchte die SS nur noch die Hälfte des ausgehandelten Tarifes zu bezahlen, wenn mindestens 400 Menschen deportiert wurden. Für Deportationszüge aus dem Ausland verlangte die Reichsbahn ebenfalls Gebühren, wenn ihr Schienennetz benutzt wurde. - Am 11.6.1942 fand im Reichssicherheitshauptamt in Berlin eine Konferenz statt, in der es auch um die Kosten der Deportation französischer Juden nach Auschwitz ging: „ Die Transportkosten sowie Kopfgeld (ca. 700,--RM pro Jude) müssen vom französischen Staat getragen werden“ heißt es im Protokoll.
Ursprünglich transportierte die Reichsbahn mit jedem Sonderzug ca. 1000 Menschen, als die Transportkapazität infolge der vorrangigen kriegswichtigen Transporte der Wehrmacht immer geringer wurde, wurden die Züge mit mehr Menschen beladen: Ende 1942 mit 2000 Menschen und auf kürzeren Strecken mit bis zu 5000 Menschen, das bedeutete für eine Person ca. ¼ Quadratmeter Platz. Durch die Überladung kam es dann zu niedrigerer Fahrgeschwindigkeit und da Wehrmachtstransporte absoluten Vorrang hatten, kam es immer wieder zu langen Wartezeiten, oft auf Bahnhöfen, auf denen dann die Menschen nach Wasser schrien. Dies hörten neben dem Bahnpersonal selbstverständlich auch zivile Reisende.
Ins Reich zurück brachten die Güterzüge die sortierten und gebündelten Kleider, Wäsche und Schuhe der Ermordeten, die später an die durch Luftangriffe obdachlos gewordenen Menschen ausgeteilt wurden.
Wer hat also alles von den Transporten und den Massenmorden gewusst? Bei der Reichsbahn fanden regelmäßige Fahrplankonferenzen statt, nach denen die Generalbetriebsleitung Ost der Deutschen Reichsbahn alle beteiligten Direktionen unterrichtete, die Züge und Lokomotiven bereitstellen mussten. Die entsprechenden Briefe trugen keinen Geheimhaltungshinweis, sondern nur den Vermerk : “Nur für den Dienstgebrauch“, was lediglich bedeutete, dass es sich nicht um öffentliche Züge handelte. Die Polizisten der Reichsbahn und das Bahnhofspersonal der Bahnhöfe, auf denen die Sonderzüge warten mussten, wussten Bescheid, die Lokführer und Heizer der Züge, Signalsteller, Bahnschrankenwärter und man kann getrost davon ausgehen, dass sich das Geschehen bei den Bediensteten der Reichsbahn herumgesprochen hatte.
Professor Dr. Robert M.W. Kempner , Ankläger in zahlreichen Nürnberger Prozessen stellte fest:
„ Ohne die Beteiligung der Reichsbahn wäre dieser Massenmord wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen, denn man wollte ja nicht in jeder Stadt oder jedem etwas harmloseren Lager solche Mordaktionen durchführen. Das wäre auch technisch gar nicht möglich gewesen. Ohne die bereitwillige Mithilfe der Reichsbahn hätte es in dem ganzen Geschehen unerhörte Verzögerungen gegeben.“
Fazit: Während des Nationalsozialismus war die Reichsbahn daran interessiert, am Holocaust beteiligt zu werden um damit ihr Defizit ein wenig auszugleichen und auch heute braucht Dr. Hartmut Mehdorn jeden Pfennig für die Bahn, also: Fahrkarten für den Sonderzug in den Tod und Fahrkarten für den Zug der Erinnerung
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Quelle:
Heiner Lichtenstein: „Pünktlich an der Rampe – Der Horizont des deutschen Eisenbahners“ In: „Niemand war dabei und keiner hat´s gewusst – Die deutsche Öffentlichkeit und die Judenverfolgung 1933 -1945“ Hrsg. Jörg Wollenberg, Serie Piper, München 1989
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