Regina Reinsperger: Strahlende Realität


Am 26. April 1986 explodierte in Tschernobyl/Ukraine der Kernreaktor und seine radioaktiven Wolken zogen auch nach Westeuropa und Skandinavien. Das ist eine Ewigkeit her, könnte man meinen. Wie real es noch in unsere Gegenwart spielt, schreibt die Stuttgarter Zeitung in einem Artikel „Strahlendes Wildbret beunruhigt grüne Politiker“ (Nr. 134, vom 11.6.08, Seite 7). Dort wird berichtet, dass die Region Oberschwaben besonders vom radioaktiven Niederschlag betroffen gewesen sei und dass die Caesium 137 Partikel über die Jahre in tiefere Erdschichten gesackt sind und sich zum Beispiel in Hirschtrüffeln, der Leibspeise von Wildschweinen konzentrieren, sodass die Schweine über die Jahre immer strahlender wurden. Im Jahr 2005 (!) führte die Landesregierung BW daher ein Wildmessprogramm ein und zwar in Teilen des Alb-Donau-Kreises, der Kreise Ravensburg und Bodensee, des Ortenau-Kreises, des Rhein-Neckar-Kreises, der Kreise Waldshut und Hochschwarzwald und des Stadtkreises Mannheim.

Von Juli 2005 bis März 2008 hat das Chemische und Veterinär-Untersuchungsamt Freiburg ca. 4000 Fleischproben von Wildschweinen untersucht: bei 790 Proben war der Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm deutlich und oft um ein Mehrfaches überschritten (Spitzenwert: 11560 Becquerel). Das Fleisch war somit für den menschlichen Verzehr nicht geeignet und musste vernichtet werden. Anders ausgedrückt: jedes fünfte Tier war radioaktiv verseucht.
Der Landesjagdverband BW sagt, selbst wer einmal belastetes Wild esse, dem passiere „noch lange nichts“, der bekomme nicht mehr Strahlung ab, als bei einem Flug von Frankfurt nach New York. Dem widerspricht der Grünen Abgeordnete, der Forstwissenschaftler Reinhold Pix aus dem Kreis Breisgau-Hochschwarzwald: „Wenn Sie eine Lungenentzündung oder eine Zahnoperation hinter sich haben, dann ist es vorbei mit lustig“, warnt er. Zudem akkumuliere das Caesium 137 in den Tierkörperbeseitigungs-Anstalten, da Verbrennung dem Isotop nichts anhaben könne.

Nun, wir alle essen sicher recht wenig Wild. Doch die Frage bleibt: wenn die Böden und Pflanzen in den Wäldern so hoch belastet sind, dass die Wildtiere radioaktiv verseucht werden, wie sieht es dann mit unseren Kulturpflanzen in den belasteten Gebieten aus? Was nehmen wir da über die Jahre zu uns? Was tun wir unseren kleinen Kindern an?