Regina Reinsperger: Friedrich Benesch und die Toten des Spanischen Bürgerkrieges

Nichts im Schatten des Olivenbaums: Frederico Garcia Lorca



In Ihrer heutigen Ausgabe berichtet die Stuttgarter Zeitung von der Suche nach den Gebeinen des großen spanischen Dichters und Dramatikers Frederico Garcia Lorca. Anderthalb Monate suchten Archäologen, Historiker und Gerichtsmediziner aufgrund eines vagen Hinweises in einem Gebiet am Ortsrand von Alfacar bei Granada nach menschlichen Überresten. Sie fanden nichts und so bleibt Lorca, 73 Jahre nachdem er im spanischen Bürgerkrieg ermordet wurde, weiterhin verschollen und teilt so das Schicksal vieler tausender Spanier.

Die Suche nach Lorca kann man auch als Symbol für Spaniens Suche nach der eigenen Vergangenheit sehen. Zigtausende von Mordopfern der Franco-Zeit vom Beginn des Spanischen Bürgerkrieges 1936 an bis Anfang der 50er Jahre liegen in Spanien noch irgendwo verscharrt: in Straßengräben oder auf offenen Feld. Beinahe jeden Monat wird seit Beginn der systematischen Suche nach den Opfern im Jahre 2000 ein neues Massengrab gefunden und geöffnet, mehrere Tausend Tote wurden schon exhumiert.

Friedrich Benesch in Toledo

Im Jahre 1963 hielt Friedrich Benesch ein Seminar vor angehenden Waldorflehrern bei Toledo in Andalusien. An einem Wochenende besuchten er und seine spanischen Begleiter Toledo und Benesch schaute sich dort in der Kirche Santo Tome das berühmte Bild von El Greco: „Das Begräbnis des Grafen von Orgaz“ an. Anschließend besichtigte er den Alcazar, das alte maurische Festungs-Schloss, in Toledo hoch über der Stadt gelegen.
Toledo lag zu Beginn des spanischen Bürgerkrieges in republikanischem Gebiet und in Alcazar verschanzten sich im Juli 1936 Franco-Anhänger: ca. 100 Offiziere und Soldaten, 800 Guarda–Civil-Männer, Falange-Angehörige und einige wenige Kadetten der Militärakademie. Mit dabei waren 550 Frauen und Kinder der Kämpfer. Die Eingeschlossenen konnten der Belagerung bis zu ihrer Befreiung standhalten und mehrere Angriffe der Republikaner erfolgreich abwehren. Ende September erreichten Francos Truppen den Stadtrand von Toledo und die republikanischen Truppen zogen sich daraufhin schleunigst nach Aranjuez zurück. Bei der Einnahme Toledos durch die franquistischen Truppen unter General Jose´ Varela richteten diese ein grausames Massaker an den zurückgebliebenen, verwundeten, republikanischen Soldaten und der Zivilbevölkerung Toledos an. Kriegsberichterstatter waren bezeichnenderweise während des letzten Angriffes auf die Stadt von vornherein nicht zugelassen worden: das blutige Massaker war geplant.

Der Spanier Jaime Padro begleitete Friedrich Benesch 1963 bei seinem Besuch in Toledo und er berichtete, dass Benesch bei der Besichtigung des Alcazar ihnen erklärt habe, dass „die Aura der Opfer noch über dem Gebäude zu sehen sei.“ Fast alle Verteidiger seien ums Leben gekommen.
Um diese Behauptungen Beneschs einordnen zu können, muss man wissen, dass der Kampf um Toledo und den Alcazar in den faschistischen Ländern als „Opferlegende“ medienwirksam ausgebeutet worden war. Toledo wurde nach 1936 zu einer Art Wallfahrtsort für deutsche Spanienreisende und prominente, heute längst vergessene Autoren des dritten Reiches berichteten in ihren Reisenotizen ausführlich über den Alcazar (Dwinger 1937 / Vesper 1942) und es wurde zu einem Sujet in der Jugendliteratur. Die Tatsache, dass dem ehemaligen Kommandeur des Alcazar noch 1955 das deutsche Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, zeigt wie reibungslos sich die antikommunistische Symbolkraft des Alcazar-Mythos auch in der Zeit des kalten Krieges instrumentalisieren ließ.

Hier sehen wir also, dass Friedrich Benesch selbstverständlich diesen faschistischen Mythos kannte, er lebte ja von Januar 1938 – Oktober 1940 wieder in Halle an der Saale. Da nach diesem Helden-Mythos fast alle Verteidiger des Alcazar den „Opfertod gestorben sind“, sieht Benesch folgerichtig noch 1962 die „Aura der Opfer“ über dem Gebäude – und zeigt sich so nebenbei auch als Befürworter des spanischen Diktators General Franco.
Und was sieht er nicht? Die „Aura“ von Toledos Zivilbevölkerung , die dem Massaker der Franco-Truppe zum Opfer gefallen sind, sieht er nicht über der Stadt - oder die „Aura“ der unbekannten Toten, die zu Tausenden in Straßengräben oder im freien Feld verscharrt worden sind, wie eben auch Spaniens großer Dichter und Dramatiker Federico Garcia Lorca.

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Quellen:

Stuttgarter Zeitung, 21. 12. 2009, Nr. 295, Kultur 15

Wikipedia: Belagerung des Alcazars von Toledo

Greco, El: Das Begräbnis des Grafen von Orgaz – Zeno.org

Hans-Werner Schroeder: „Friedrich Benesch, Leben und Werk, 1907- 1991“
Mayer Verlag, Stuttgart-Berlin 2007, Seite 322