Inclusion International 2010
Bericht von Thomas Reinsperger


In Berlin fand vom 16. - 19. Juni der 15. Weltkongress von Inclusion International statt, über den u.a. auch die „Lebenshilfe“ auf ihren Seiten berichtet. (1) Der Bundesvorsitzende der Lebenshilfe übersetzte den in Deutschland noch unbekannten Begriff „Inclusion“ mit der prägnanten Formel: „behindertengerecht ist menschengerecht“. Dieser Kongress hatte ca. 3000 Teilnehmer, darunter waren ca. 1000 Menschen mit geistiger Behinderung, sogenannte „Selbstvertreter“. Einer dieser „Selbstvertreter“ war Michaela, eine von mir betreute, junge, behinderte Frau. Ihr kurzer Bericht mir gegenüber und die von ihr mitgebrachten Unterlagen nehme ich zum Anlass einer kurzen Schilderung, wobei ihr persönliches Schicksal mit dem Tagungsthema korrespondiert, weshalb ich Michaelas Schicksal hier ebenfalls kurz darstelle.

Michaela ist „Asperger“ Autistin. Diese Form des Autismus wurde vom österreichischen Arzt Asperger 1944 erstmals geschildert. Nach heutigem Wissenstand ist der Autismus eine komplexe Erkrankung mit einem breiten Spektrum an Symptomen und Schweregraden. Aus noch unbekannten Gründen sind viermal mehr Männer als Frauen betroffen. Bei etwa 50% der Betroffenen liegt ein vererbter Genschaden vor, wobei dieser Generationen überspringen kann, oder auch von Generation zu Generation weiter vererbt wird. Bei der anderen Hälfte der Erkrankten haben aus unbekannter Ursache Mutationen der Gene stattgefunden.
Der Autismus ist generell eine Störung der Spiegelneurone im Gehirn. Deshalb werden z.B. die Sinneswahrnehmungen trotz normaler Funktion der Sinnesorgane vom Gehirn anders als normal verarbeitet. So genannte „Kanner“ Autisten können oft nicht sprechen, weil sie zu laut hören und einen wilden Geräuschsalat im Kopf haben, sie können also die Sprache nicht aus den Geräuschen herausfiltern.

Asperger Autisten können in der Regel sprechen. Sie haben jedoch oft eine andere Störung: Sie erkennen Gesichter nicht. Menschen erkennen sie also wie ein Blinder an der Sprache. Wenn man ein Gesicht nicht erkennt, hat dies schon für das Kleinkind weitreichende Folgen: So werden die Gefühle der Mitmenschen nicht erkannt: die Stimmung, mit der mir etwas gesagt wird. Diese Menschen verstehen auch Doppeldeutigkeiten in der Sprache nicht, und deshalb keine Witze oder Späße. Michaela z. B. schlug in der Schule zu, wenn ein Mitschüler einen Spaß mit ihr machte – sie fühlte sich angegriffen und sie schlug richtig zu, bei größeren Mitschülern nahm sie den erstbesten Stein, den sie auf dem Schulhof fand. Das schaukelte sich so hoch, dass sie in ihrer ursprünglichen Großstadt-Heimat keine Schule mehr aufnehmen wollte. (2)

Sie kam also in ein Heim, dort ging es ihr gut, man brachte sie so weit, dass sie andere Mitbewohner liebevoll mitbetreute (längere Zeit einen kleinen hyperaktiven Jungen) und so die Erzieher entlastete. Sie erwies sich in der Arbeit (Behindertenwerkstatt) als schnell und zuverlässig und wurde eigentlich nur noch gelobt. Ihre Aggressivität wurde durch Judo neutralisiert, sie übte intensiv und ausdauernd und wurde u. a. in der höchsten Klasse des Behindertensports (Behinderte, die oft mit nicht Behinderten trainieren) Deutscher Meister. Weil sie in der Behindertenwerkstatt sehr gut arbeitete, durfte sie einen speziellen Berufsvorbereitungskurs für Autisten „Maut“ der vom Arbeitsamt beauftragten Gesellschaft für berufliche und soziale Integration besuchen. Auch hier wurde sie für ihre praktische Arbeit von den Arbeitgebern ihrer Praktika gelobt, eine Ausbildungsstelle fand sie trotzdem nicht. Letztlich musste sie zurück in eine Behindertenwerkstatt.

Nachdem Ihre Eltern, das Arbeitsamt und die Mitarbeiter von Maut ergebnislos versucht hatten einen Arbeitgeber zu finden, suchte und fand die Behindertenwerkstatt dann für sie eine Arbeitsstelle auf dem 1. Arbeitsmarkt. Sie arbeitet heute als normale Mitarbeiterin, nicht als behinderte Aushilfe, in einer Kantine der Lebenshilfe. Diese Arbeit erledigt sie zur Zufriedenheit ihres Arbeitgebers, nur ein wenig schneller könnte sie sein, meint ihr Koch.

Die Arbeit fordert sie aber so sehr, dass sie jeden anderen Termin vergisst. Sie kann nicht von alleine zum Arzt gehen, sie muss an den Termin erinnert werden, da sie sogar den Zettel, der am Computer-Bildschirm klebt, übersieht, wenn sie im Internet surft. Sie muss gesagt bekommen: „Du siehst schlimm aus, wasche Dir bitte die Haare“ usw. Dies alles ist ihr auch bewusst, sie kann es aber auch mit gutem Willen nicht ändern, weshalb sie mit jetzt 27 Jahren auf die Frage, ob sie ausziehen wolle und ein Appartement für sie gesucht werden solle, selbst den Entschluss fasste: „Ich bleibe doch besser im Heim“. Wirtschaftlich heißt dies, dass sie ihr Gehalt abgeben muss und nur ein erhöhtes Taschengeld vom Heimträger erhält. Menschlich gesehen zeigt es, dass sie sich im Heim wohl fühlt, weil sie trotz der notwendigen Betreuung als eigenständiger, erwachsener Mensch behandelt wird.

Nun, soviel zu Michaela. Ihr Arbeitgeber schenkte ihr nun die Teilnahme an der Berliner Tagung: Inclusion International 2010 (3). Diese Tagung war ihr so wichtig, dass sie mich außer der Reihe treffen wollte, um mir zu berichten. Das Berichten zu den einzelnen Punkten war dann oft autistisch kurz: 2 Sätze und ich musste mehrmals nachfragen um einen brauchbaren Bericht zu bekommen. Hier meine kurze Wiedergabe ihres Berichtes:

Es gab Vorträge von Behinderten, die Ihre Alltags-Lebens-Wünsche formulierten, die oft auf: „Alleine in einer Wohnung leben“ herausliefen. – Hier gestehe ich ein, kann ich zwar den Wunsch verstehen, teile ihn aber nicht. Ich kenne z.B. ein Heim in Oberbayern, welches Behinderte in Einzelappartements wohnen lässt. Dort ergab sich dann wegen der geringeren Betreuung das Problem, dass Behinderte sich isolierten und zum Alkoholiker wurden und letztlich sogar wie folgt auszogen: sie verließen einfach heimlich das Heim und verschwanden vollständig, wahrscheinlich u.a. in der Obdachlosen-Szene. „Wilde Auszüge“ heißt das dann im Fachjargon.

Auch Michaelas jahrelanger Freund lebte allein in einem Appartement, das er völlig vermüllte. Dann passierte es, dass er mit der Zigarette in der Hand einschlief und einen Wohnungsbrand auslöste. Die Feuerwehr rettete ihn, ihm wurde aber die Wohnung gekündigt, und er lebt heute wieder in einem Heim. (Seinem Betreuer hatte er den Zugang zu seinem Appartement konsequent verweigert.)

Die Heime, die ich heute kenne haben sich geöffnet, die erwachsenen Behinderten verfügen natürlich über eigene Schlüssel, verbringen ihre Freizeit nach ihren Wünschen, haben Partner, die sie auch besuchen können, erhalten aber eben immer noch eine Tagesstruktur und soweit wie notwendig Unterstützung und Betreuung in allen Lebenslagen. Die Betreuer versuchen die notwendige Struktur in die Selbstbestimmung des Betreuten sinnvoll einzugliedern und bestimmen nicht „über seinen Kopf hinweg“.
Den auf der Tagung geäußerten Wunsch, Heime zu schließen kann ich bezogen auf die gefängnisartige Unterbringung in Osteuropa unterstützen, die Heimlandschaft in der BRD sieht meiner Erfahrung nach inzwischen für geistig behinderte Menschen positiv anders aus.
Dies war noch bis in die 70-er Jahre anders als heute, aber es hat sich hier in den letzten 30 Jahren sehr viel bewegt.



Menschenwürde

Michaela berichtete selbst sehr bewegt vom Leben Behinderter außerhalb Deutschlands. Sie konnte mir das Land, aus dem die Referentin kam nicht wiedergeben, ihren mitgebrachten Unterlagen nach ist es wohl Bulgarien.

Die Referentin (eine behinderte Frau) berichtete, dass sie in einem Heim gefangen gehalten wurde. Sie musste tagsüber in einer dem Heim angeschlossenen Fabrik arbeiten, wofür sie keinerlei Entlohnung erhielt. Geld hätte ihr auch nichts genützt, denn sie durfte das Heim nie verlassen. Nachts wurden die Bewohner mit Medikamenten ruhig gestellt.
Eine Menschenrechtsorganisation versuchte sie zu befreien, was nicht gelang, das Heim „verteidigte“ seine Beute. Letztlich wurde sie durch einen Polizeieinsatz, veranlasst durch diese Organisation, befreit.

Soviel zu Michaelas Bericht. Sie brachte mir „Change“, A Journey to Inclusion, einen Bildband von der Tagung mit. Aus diesem füge ich zwei Bilder über das Leben von Behinderten in Bulgarien bei. Inzwischen gibt es jedoch zahlreiche Institutionen welche sich um die Auflösung solcher Heime bemühen und betreute Wohngemeinschaften in vielen Gemeinden organisiert haben.


Hinweise

http://www.lebenshilfe.de

( 2) Dieser Artikel soll keine „wissenschaftliche“ Darstellung des Autismus sein. Wer sich weiter informieren will, sei auf die Veröffentlichung „Autistische Menschen brauchen Hilfe“ des Vereins: „Autismus Oberbayern“ verwiesen. Zu beziehen in der Poccistr.5, 80336 München. – Diese Heft bietet eine kurze, aber ausreichende Darstellung der autistischen Störungen mit weiterführenden Angaben.

( 3) http://www.inclusion2010.de