Vom Hirschen im Manne


hirsch





Geistige Bodybuilder


Diese Männer sind ehrenwert und bedeutungsvoll- um das vorneweg zu sagen. Husemann und Wolff haben das Standardwerk der anthroposophischen Medizin geschrieben. Allein der hier vorliegende Teil[1] umfasst über 1070 Seiten, und es findet meine volle Bewunderung in seiner exakten Beobachtung des Menschen. Ich selbst blättere seit vielen Jahren immer wieder, mit Gewinn und voller Respekt darinnen.

Aber dennoch.. finden sich auch hier Aspekte und Gesichtspunkte, die man, gelinde gesagt, als zeitgebunden und skurril betrachten kann; als missglückte Versuche, gerade wieder einmal das Verhältnis der Geschlechter phänomenologisch auszuleuchten. Herauskommt dann eine Betrachtung, durch die die höchst persönlichen Anschauungen dieser Männer hervorlugen, die sich darin als Anthroposophen gebärden, und doch vor allen Dingen dies sind: Männer, die ihre Geschlechtlichkeit stolz und voller anthroposophischem Machismo gegen die Weiblichkeit zu verteidigen und abzugrenzen bemüht sind. Natürlich baut man in anthroposophischen Kreisen keine Muskeln im Bodybuilding- Studio; man baut argumentativ- phänomenologische- spirituelle Betrachtungen auf. Der Effekt ist allerdings manchmal bemerkenswert ähnlich, wie auch dieses Beispiel beweisen soll.



Inkarnierte Männer und kosmische Frauen


Natürlich geht es bei Husemann/ Wolff auch um das „Genitalsystem“ [2], das man, wie wir übereinstimmen werden, „als wohl den ausgesprochensten Träger des Lebens ansehen“ kann, „in dem vollständig die Aufbauprozesse überwiegen“. Im Gegensatz dazu wird von Husemann /Wolff das Nervensystem dargestellt, in dem „die Regenerationskraft (..) praktisch aufgehoben“ ist.

Neben dieser Polarität besteht aber selbstverständlich auch die zwischen Mann und Frau. Die Autoren werden nun zwischenzeitlich von ihrer phänomenologischen Sichtweise urplötzlich verlassen und stellen einfach fest, dass der Mann „sich stärker mit dem Leib und der Erde verbindet. Er inkarniert sich intensiver, während die Frau kosmischer bleibt“. Nun ja. Mit diesen Vorstellungen schieben sich Bilder des 19. Jahrhunderts hinein, die zwischen Madonna, Sexus, Verruchtheit und Sünde in ziemlich bodenlos verquere geschlechtliche Zuweisungen führten. Und tatsächlich nehmen die Autoren eben diese Vorstellungen als Grundlage für ihre weiteren Betrachtungen und zementieren die Polaritäten damit bis in das von ihnen vorgestellte Leibliche hinein.



Die unterschiedliche Gehirnbildung und der wandernde Hoden


Denn wegen dieser so gesehenen Polaritäten zwischen Mann und Frau ist „auch die Rückwirkung auf das Nervensystem eine andere“. Die „Gehirnbildung und damit die Denkweise“ ist unterschiedlich zwischen den Geschlechtern.

Das Nervensystem des Mannes erfährt eine „intensivere“ Ausprägung. Oh je. Jetzt geht die Argumentation in eine Richtung, an der Alice Schwarzer ihre reine Freude hätte. Denn der Mann denkt ­ wenn man es platt ausdrücken möchte ­ mit seinen Geschlechtsorganen: „Das Spannungsverhältnis zwischen Nervensystem und dem polaren Genitalsystem ist beim Mann größer“. Schließlich, führen die Herren aus, differenzieren sich die männlichen Keimdrüsen in der embryonalen Entwicklung früher. Der Mann hat also einen Vorsprung. Und, gemein wie er ist, nutzt der Mann diesen Vorsprung natürlich gnadenlos aus in der „differenzierteren Herausgestaltung des Nervensystems“. Wir sehen- das Patriarchat hat seine Gründe. Man muss sie nur entdecken. Aber Husemann/ Wolff fangen ja erst an.

Die besondere Bedeutung, die Husemann/ Wolff nun im Descensus, in der Verlagerung und auch der Körpertemperatur der Hoden sehen, ist mir in dieser Argumentationskette nicht eingeleuchtet. Dafür war zu befürchten, dass die Herren nun, um die Polarität zwischen Hoden und Gehirn weiter zu vertiefen, auf die Tiere verfallen.



Die Eier im Stacheldraht

Ja, die Männer unter den Tieren (nicht die Tiere unter den Männern sind gemeint) haben in Bereich ihrer Schädel besondere Qualitäten. „Männliche Attribute“ sind die „Geweihbildung beim Rotwild, die Mähne des Löwen, das farbigere Federkleid“. In den Geweihen sind sogar „relativ viel Keimdrüsenhormone“ nachgewiesen worden. Schauen wir doch einfach - sagen wir mal - auf den Perückenbock: Wenn der ­ beispielsweise durch einen kühnen, aber unzeitgemäßen Sprung über einen Stacheldraht - seiner Hoden verlustig geht, „so unterbleibt die reguläre Ausbildung des Geweihs“. Das ist natürlich in zweierlei Hinsicht tragisch. Man kommt allerdings nicht umhin, an althergebrachte Herrenwitze zu denken wie den, wie denn der Stier Hannibal heiße, wenn er über den Zaun gesetzt hat: Hanni natürlich.

Aber was hat das mit der Polarität zwischen Mann und Frau zu tun ? Schließlich haben die Männer, mit denen ich umgehe, weder „Gehörn, Geweih“ noch „Mähne“. Und schließlich pflegt man in der anthroposophischen Literatur, die ich kenne, Mensch und Tier nicht in einen unmittelbaren analogen Zusammenhang zu bringen.

So finden auch die Herren nach ihrer Argumentationskette zu unserer großen Erleichterung zu dem Schluss, dass sich in bezug auf Geweih und Gehörn „äußerlich kein Korrelat“ findet.



Das innere Geweih im Manne


Äußerlich, sagen sie,
äußerlich!

Der Geistesforscher schaut aber auch ins Innere hinein. Und da stellen die Autoren nun eben fest, dass es „eben zum Wesen des Menschen“ (ach, Gott, wenn Anthroposophen damit anfangen, wird es immer wüst) gehört, dass er das, „was beim Tiere organisch auftritt“, „zurücknimmt, sich nicht entwickeln lässt“. Dadurch wird es beim Menschen erst möglich, dass die „damit im Organischen nicht verbrauchten Bildekräfte für die Geistentfaltung frei werden und zur Verfügung stehen“.

Ja, und deshalb ­wir kommen jetzt endlich wieder auf den Anfang der Argumentationskette zurück ­ „führt diese Entwicklung beim Mann zur differenzierteren Herausgestaltung des Nervensystems und einem schärferen, aber eingeengteren, gegenständlichen Denken“. Mann muss die Frauen also nicht direkt bedauern. Sie können zwar nicht klar denken und schon gar nicht solche argumentativen Ketten mit Analogien, Sprüngen und Imaginationen wie Husemann/ Wolff bilden, aber dafür sind sie eben „kosmischer“. Und irgendwie lieb. Das ist doch auch etwas.

Die einen haben eine innere rauschende Mähne, ein inwendiges majestätisches Geweih, mit dem sie denken können, die anderen so kleine Stummel im ätherischen Kopf. Was soll man machen ? Man muss mit dem zurechtkommen, was man hat, meine Damen.

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[1] Das Bild des Menschen als Grundlage der Heilkunst, Band II, 2. Halbband, Stuttgart 1978

[2] dito S. 530