Michael Eggert
Reaktionäre und autoritative Erscheinungsformen
Zu den bemerkenswerten Erfahrungen vieler, die der Anthroposophie in ihrer heutigen Form begegnen, gehört auch die reaktionäre, autoritative Erscheinungsform, in der sie häufig gepflegt wird. Das beginnt in der Art, in der Diskussionen häufig geführt bzw. eben verhindert werden: Gespräche werden häufig dadurch unmöglich gemacht, dass in erkenntnistheoretisch naiver Art auf Zitate Rudolf Steiners als der vermeintlich argumentativen Schlussinstanz verwiesen wird.
Fragehaltungen, Interesse und mitmenschliches Bemühen um gemeinsames Verstehen und Verständnis werden häufig dadurch verhindert. Vor allem wird aber vergessen, in welch großem Maße „Inhalte“ des Werkes Rudolf Steiners der persönlichen Durchdringung, individuellen Einbettung in Erfahrungszusammenhänge und in den Kontext des Gesamtwerks notwendig sind- bei Steiner mehr noch als sonst, da er häufig Begriffe in ganz widersprüchlicher Bedeutung verwendet hat.
Steiner hat sein Leben lang um Formulierungen vor allem da gerungen, wo es ihm um die Darstellung geistiger Erfahrungen ging. Er hat immer neue Anläufe genommen und Begriffe in einem durchaus bildlich-annähernden Sinne verwendet. Es ist gar nicht anders denkbar, als dass der Leser seinerseits ebenfalls eine solche bemühende erkennende Bewegung nachzuvollziehen hat, wenn er sich diesen Begriffen annähern will [1] . Eine naive wortwörtliche Übernahme dieser Begriffe führt lediglich zu einem Katechismus voller undurchgearbeiteter Begriffsleichen. Wird ein solcher Kanon gebetsmühlenhaft gebrauchter Begriffsleichen dazu verwendet, um autoritativ- argumentativ eigene Positionen zu festigen bzw. eine machtvolle Position zu stabilisieren, dann handelt es sich eigentlich um einen Missbrauch des Werks von Rudolf Steiner [2] . Anthroposophie wird dabei instrumentalisiert und mystifiziert. Sie führt dann zum Gegenteil einer „Philosophie der Freiheit“, führt von jeder Erkenntnisbemühung fort. Schon auf dieser Ebene -der, der nicht-verstandenen "Inhalte" und Begrifflichkeiten wird so in einem Salto mortale rückwärts aus der anthroposophischen Erkenntnisbemühung ein geschlossenes Glaubenskonstrukt.
Eine anthroposophische Mystifikation: Beschworene Gegner und sektiererische Zementierungen
Eine andere Mystifikation wird dann betrieben, wenn die durch Anthroposophie bemühten „Erkenntniswege“ eine unreflektierte kausale Beziehung beinhalten. Solche Beziehungen sollen im folgenden an zwei Beispielen dargestellt werden. Ein erstes Beispiel habe ich dargestellt. Dort versuchte ich einen Artikel von Sergej Prokofieff in dieser Hinsicht zu untersuchen („Das Jahrhundertende und die Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft“ [3] ) . Herr Prokofieff ist hier um eine Zustandsbeschreibung der Anthroposophischen Gesellschaft bemüht. Er sieht diesen Zustand durchaus pessimistisch. Als Gegenmittel zu der beklagten gegenwärtigen Lage sieht er „Christusgemeinschaften“ innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Eine esoterische Gemeinschaft, die im Sinne der Weihnachtstagung innerlich rege sei, zum „Quell ihres esoterischen Wesens“ vorgestoßen sei, würde den verschiedensten „Hindernissen und Versuchungen“ begegnen können und ihr Aufgabenfeld „innerhalb der gegenwärtigen exoterischen Zivilisation“ sehen. Das ist für Prokofieff der „Beginn der neuen christlichen Gemeinschaft“, „an der sich in der Zukunft die Menschheit orientieren kann“. Zu den gewohnten esoterischen Mystifikationen gehört schon, dass Prokofieff eine solche Bemühung immer konterkarikiert sieht von einem sich „verstärkenden Ansturm der Gegenmächte“. Es gehört zum immanenten sektiererischen Reflex, auch ernsthaft bemühte Kritik und interne Reformbereitschaft stets zu einem solchen Impuls von „Gegenmächten“ zu erklären. Es handelt sich dabei um eine bedingungs-, ja gnadenlose Zementierung der eigenen Bemühungen, um das Schaffen einer gruppeninternen argumentativen Linie, die durch nichts widerlegt werden kann. Denn an solchen Mauern prallt jeder noch so treffende argumentative Versuch selbstverständlich ab. Nur wird nicht erkannt, dass eine solche argumentative Kurzschlussposition auch die eigene innere Beweglichkeit beschränkt auf den Kreis, den man wie mit einem Zirkel geschlagen hat. Handelt es sich dann noch um einen Erkenntnisweg- oder um das Verharren auf einer Position, die ein lüsternes Selbstbild voller Selbstbeweihräucherungen und kläglichen Abgrenzungsbemühungen gegenüber einer als feindlich empfundenen Gegenwart heranzüchtet ?
Die Mystifikation des umgekehrten Saddhu-tums
Die zweite mystifizierende Linie besteht darin, dass der (auch) von Prokofieff beschriebene Erkenntnisweg eine unreflektierte innere Logik aufweist, die vielleicht einem bestimmten Temperament, einer bestimmten Generation oder auch anthroposophischen Richtung zuträglich sein mag, keinesfalls aber größeren Teil der heutigen Gesellschaft. Er besteht darin, dass vorgestellt wird, die Stufen geistiger Entwicklung folgten drei Schritten. Der erste ist für Prokofieff der des Lesens, Studierens und ersten Meditierens. Der Adept beginnt seine Arbeit und formt seine Interessen und sein Identitätsgefühl. Die Folge daraus sei das mögliche Sich -Einstellen „geistiger Erfahrungen“. Die vorgestellte „geistige Welt“ verteilt gewissermaßen wie eine Übermutter Süßigkeiten zur Belohnung für den Adepten. Der dritte Schritt sei dann – nach erfolgter Erfahrung und Befruchtung durch den „Christusimpuls“ – , dass der Adept innere Kraft geschöpft hat, um daraus soziale Impulse zu schöpfen. Von nun an greift er ins soziale Gefüge seiner Zeit ein.
Dieser theoretische Dreischritt folgt einer internen Logik, die von einem umgekehrten indischen „Saddhu“ -Begriff ausgeht. Ist der Saddhu dort derjenige, der in der Nachfolge des Siddharta nach einem erfolgreichen exoterischen Leben in das eines Bettelmönches einkehrt, um sein Leben in Armut, innerer Beschau und mönchischer Erkenntnis zu verbringen- um das „Loslassen“, das durch Alter, Krankheit und Tod notwendig erfolgen wird, gewissermaßen vorwegzunehmen und innere Reife zu erlangen, so macht es der „anthroposophische Saddhu“ im Sinne Prokofieff genau andersherum: Er betreibt ein mönchisches, abgekehrtes inneres Leben, das zu Erkenntnissen führt, die ihn befähigen sollen, ins soziale Leben einwirken zu können.
Tatsächlich leben wir aber nur in seltensten Fällen in dieser abgekehrten, meditativen Haltung. Wir leben vielmehr inmitten vielfältigster sozialer Prozesse. Eine Bemühung, sich meditativ aus diesen Prozessen abzukehren und auf Erkenntnissee zu warten, bis wir weisheitsvoll in diese eingreifen könnten, produziert eben die oben beschriebenen sektiererischen Abgrenzungstendenzen. Ein so vorgestellter oder praktizierter „Erkenntnisweg“ führt daher auch bei ehrlichen Zeitgenossen zur Aversion und Resignation, da sie sich aus den für sie wertvollen sozialen Prozessen nicht ausgliedern wollen und können. Unfreiwillig komisch wird es, wenn individuelle anthroposophische Haltungen und Positionen zusätzlich dadurch zementiert werden, dass man den Begriff des Karma mit hineinnimmt. Dieser Begriff kann für Entschuldigungen und Selbstrechtfertigungen natürlich hervorragend missbraucht werden- er treibt die selbstauferlegten Mystifikationen ins Uferlose. Auch Heide Oehms missbilligt [4] , dass man „oftmals...von Anthroposophen die Meinung“ hört, „es habe noch Zeit bis zur nächsten oder übernächsten Inkarnation, man müsse geduldig abwarten“.
Eine Bemerkung und Forderung von Joseph Beuys dagegen wie „Die Mysterien finden am Hauptbahnhof statt“ hat für einen solchen Personenkreis viel größere Bedeutung als die Mystifikationen Prokofieffs. Der Erkenntnisweg beginnt hier und jetzt, inmitten der Welt und der Prozesse, in denen wir stehen. Wir lernen, leiden, freuen uns aneinander, wir sehen uns permanent in Frage gestellt, korrigiert oder bestätigt von Anderen, wir schöpfen aus diesen Prozessen, entwickeln uns an ihnen. Das Soziale ist der „Erkenntnisweg“, der Andere ist „Geistige Welt“.
Mystifikation und Entmystifizierung von Sexualität
Eine weitere anthroposophische Mystifikation möchte ich am Beispiel eines Artikels von Heide Oehms in den von Lorenzo Ravagli herausgegebenen Jahrbüchern „für anthroposophische Kritik“ darstellen. Sie betrifft das Verhältnis von „Erkenntnisweg“ und Sexualität. Frau Oehms stellt den anthroposophischen Erkenntnisweg in der Gestalt der Entwicklung und Entfaltung der sogenannten Chakras –übersinnlicher Erkenntnisorgane- dar. Es gelingt ihr dies umfassend und interessant in einer Mischung aus Äußerungen Rudolf Steiners und eigenen Deutungen, die manchmal lebendig, manchmal merkwürdig abstrakt daherkommen. Sie nimmt beispielsweise den Bildcharakter des „Drehens“ der Chakren immer wieder wörtlich. Links- und rechtsdrehende Chakren assoziiert man zu Recht mit Yoghurtkulturen. Organe der Erkenntnis dagegen, zudem wenn sie deutlich als „Willensorgane“ dargestellt werden, werden durch solche Bilder nur sehr dürftig beschrieben, vor allem wenn der Bildcharakter gar nicht erkannt wird.
Frau Oehms geht es um den „Sinn einer solchen Schulung“, um das „Ziel wahrer Geistesschulung“, die sie in traditionell-anthroposophischer Manier in den „Gegensatz zur östlichen Weisheit“ gestellt sehen will. Sie fordert: „Die Erde sollen wir nicht fliehen, sondern ergreifen und verwandeln“. Gerade im „zwischenmenschliche(n), soziale(n) Bereich, der heute am stärksten entwurzelt ist, wird dadurch (auf dem Erkenntnisweg M.E.) die Fähigkeit entwickelt werden können, neue Formen des Zusammenlebens zu finden und zu erfinden“. Also unterliegt auch Frau Oehms dieser Prokofieffschen Mystifikation: Eine feindliche, asoziale Gegenwart könne nach Beschreiten eines „Erkenntnisweges“ und nach den eingetretenen inneren Wandlungen bereichert werden. Wann soll denn diese Verwandlung stattfinden ? Auch in der „nächsten oder übernächsten Inkarnation“ ?
Und wie ist es mit dem „Verwandeln“ der Erde, die wir nicht „fliehen“ sollen ? Wie steht es beispielsweise mit den erdhaften, bodenständigen Anteilen in uns, die sich in unserer Sexualität ausdrücken ?
Frau Oehms kommt auf diese Fragen erst nach einer langen, oft sehr gelungenen und detaillierten Darstellung diverser Übungen und Entwicklungsschritte in bezug auf die Entfaltung der Chakren. Dieser Weg beginnt mit der Entwicklung des „sinnlichkeitsfreien Denkens“ und der damit verbundenen „Ausbildung der zweiblättrigen Lotosblume“ an der Stirn, zwischen den Augen. Es folgt die Ausbildung des Chakras am Kehlkopf und am Herzen. Das dann spürbare „Strömen im Ätherleibe“ wird beschrieben. Aber wohin führt dieses esoterische Curriculum ?
Am Ende stehen Mutmaßungen über die vier- und achtblättrige Lotosblume (Zirbeldrüse), zu denen Rudolf Steiner sich sehr wenig geäußert hat. Mit deren Entwicklung wird „eine besondere Einstellung zur Sexualität notwendig. Man kann nicht mehr so unbeschwert mit diesem Bereich umgehen, wie es in heutiger Zeit üblich geworden ist. Es ist der Bereich, in dem die höchsten Hierarchien ihren Wirkensort haben. Im Zeugungsprozess verbinden sich diese göttlichen Wesen mit dem Herrn der Materie, mit Ahriman. Es ist ein rein magisches Wirken, welches der Mensch triebhaft in Gang setzt. Diese Magie kann unbewusst oder bewusst missbraucht werden. Der Mensch, der verantwortlich mit diesem Kraftpotential umgeht, kann durch den Schulungsweg allmählich lernen, diesen Bereich zu verwandeln und als unerschöpflichen Kraftquell für die höhere Schulung zu gebrauchen“(...).
Steht also am Ende doch nichts als der gute alte katholische moralische Imperativ ? Ist Sexualität unlöslich mit „Zeugung“ und dämonischen Kräften verbunden ? Ist unsere Zeit, in der Individuen ihre Sexualität frei zu gestalten beginnen, sich aus althergebrachten Zuweisungen und moralischen Belastungen freizuschwimmen beginnen, tatsächlich lediglich „leichtfertig“ ? Ist die Entmystifizierung der Sexualität heute lediglich ein naiver, triebhafter Umgang mit „magischem Wirken“ ? Es ist für mich erstaunlich, wie unbeschwert Frau Oehms ihrerseits Magie und subtile Unterdrückungs- und Missbrauchsmittel, die heute eben zu überwinden versucht werden, als unlöslich mit der Sexualität verbunden denkt. Für mich ist Sexualität per se kein magisches Mittel, sondern eben der mystifizierende Umgang mit ihr. Eben diese Mystifikationen sollen heute aber doch überwunden werden, auch die damit verbundenen qualvoll determinierenden Festschreibungen der Geschlechterrollen. Der Versuch der Überwindung dieser Determinationen wird von ihr als „leichtfertiger Umgang“ deklassiert.
Am Ende des Erkenntnisweges steht also der asexuelle Mensch. Es gibt nur noch diejenigen, die Sexualität überwunden haben- und diejenigen, die das „Benutzen der Triebe“ pflegen, „um kosmische Erlebnisse zu haben“ - im Sinne einer schwarzgrauen Magie. Dieses katholizierend- moralisierende geistige Curriculum wird so wenig anziehend sein für Menschen, die heute und in Zukunft eine entmystifizierte, selbstbestimmte Sexualität „im körperlichen Gespräch miteinander“, jenseits aller determinierenden Geschlechterrollen suchen wie es die anthroposophische Saddhu-Verkehrung für den sozial aktiven Zeitgenossen sein kann.
Ich denke, dass Frau Oehms hier ihrerseits einer Mystifikation unterliegt, die sie dazu führt, geistige Schulung nicht vorstellen zu können ohne moralisierende Implikationen. Zumindest fehlen, hier wie in Bezug auf andere Mystifikationen, die zahlreichen Zwischentöne, die in allen Farben glänzen können, das Leben lebenswert machen und den Menschen entlassen können zu dem selbstbestimmten geistigen Wesen, das in sozialer, aber auch sexueller Beziehung steht zu seinen Mitmenschen und eben in der Interaktion reift- als Gebender, Nehmender, als wacher und liebevoller Zeitgenosse, der mit seinen unreifen mönchischen Attitüden, seinen unreflektierten Selbstbeweihräucherungen und seinen subtilen Manipulationen umzugehen gelernt hat.
______________________________________________
[1] „Man kann, was man im Übersinnlichen schaut, wohl beschreiben durch Vorstellungen, die aus der sinnlichen Welt genommen sind. Man kann zum Beispiel sprechen davon, dass ein Wesen wie durch eine Farbenerscheinung sich offenbare. Allein, wer solche Beschreibungen des übersinnlich Wesenhaften entgegennimmt, sollte nie außer Acht lassen, dass der wirkliche Geistesforscher mit der Angabe einer solchen Farbe meint: er erlebe etwas, was von ihm seelisch so erfahren wird, wie die Wahrnehmung der betreffenden Farbe durch das sinnliche Bewusstsein. Wer mit seiner Schilderung zum Ausdruck bringen will: er habe vor dem Bewusstsein etwas, das gleich ist der sinnlichen Farbe, der ist nicht ein Geistesforscher, sondern ein Visionär oder ein Halluzinierender“ Rudolf Steiner, GA 17 „Die Schwelle der geistigen Welt“
[2] Siehe auch: Georg Kühlewind, Vom Umgang mit der Anthroposophie, Stuttgart 1991
[3] In: Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, Michaeli 1999
[4] Heide Oehms, Gesetzmäßigkeiten der Geistesschulung, in: Ravagli (Hrsg): Jahrbuch für anthroposophische Kritik 1997