Elisabeth
Klein: Das Schicksal von Otto Ohlendorf
in: Begegnungen. Mitteilenswertes aus meinem Leben
Freiburg 1978
Unergründlich und schwer verständlich, ja schwer zu
tragen sind manche Lebensschicksale, die in tragischen
Zeiten dem eigenen Lebensweg begegnen. Mit Scheu
versucht man, der Größe mancherlei Verknotungen
nahezukommen. So ging es mir bei meinen Berliner
Bemühungen mit Persönlichkeiten, die mir auf
verschiedenen Ämtern entgegentraten, besonders aber mit
der Persönlichkeit von Otto Ohlendorf. Dieser arbeitete
im SD für das Amt der „Volksbefragung" und in leitender
Stellung in der Reichsgruppe Handel. Sein Mitarbeiter,
Dr. Dütsch, berichtet über seine Ziele: „Ohlendorf war
bekannt als Gegner aller kollektivistischen
Bestrebungen in der Wirtschaft und aller Versuche, die
privaten Unternehmen zu Gunsten von Großbetrieben
abzubauen." So wird es verständlich, dass er sich auch
mit großer Energie für die Erhaltung der
biologisch-dynamischen Landwirtschaft, auch gegen den
Widerstand der Kunstdüngerkonzerne, einsetzte, ebenso
aber auch für die Waldorfschulen. Auch für die
Erhaltung heilpädagogischer Heime hat er viel
Hilfreiches getan. Herr Leitgen machte uns auf ihn
aufmerksam. Ohlendorf war als Kämpfer gegen die
Maßnahmen eines Bormann, eines Heydrich und besonders
Himmlers bekannt.
Intern hat Ohlendorf gegen viele Zwangsmaßnahmen des
Nationalsozialismus, vom Kulturleben an bis hin zur
Judenfrage opponiert. Kein Wunder, dass er sich dadurch
Feinde schuf und dass man nach einem Grund suchte,
gegen ihn vorzugehen. Das gelang erst 1941, als Heß
nicht mehr in Deutschland war; in erster Linie wegen
seiner Angriffe auf die führenden Persönlichkeiten der
SS, aber auch wegen seines Einsatzes für die
biologisch-dynamische Landwirtschaft, die
Waldorfschulen und heilpädagogischen Heime. Er wurde
strafversetzt und kam an die Ostfront. Als Beauftragter
der an die der II. Armee angeschlossenen Polizeitruppe
erhielt er von dort seinen Einsatzbefehl: Rückwärtige
Säuberung der Front von Partisanen. Das hieß nicht nur
die Vernichtung ganzer Dörfer, wenn dort ein Schuss
gefallen war, sondern häufig auch das Töten von Juden
und Zigeunern, die generell als Partisanen angesehen
wurden. Aller Widerstand, den er gegen den Befehl
geleistet hatte, erwies sich als vergeblich. Es gelang
ihm aber, Zehntausende von rumänischen Juden zu retten,
indem er sie auf rumänisches Gebiet zurückführen ließ
und so vor dem sicheren Tod bewahrte. An alle Armeen in
Russland waren solche Polizei- Abteilungen der SS
angeschlossen, und es war Himmlers Bemühungen nur
schwer gelungen, Ohlendorf in eine solche Polizeitruppe
in Russland versetzen zu lassen. Ohlendorf war 10
Monate durch die Strafversetzung in diesem Einsatz. Ich
habe ihn nach diesem furchtbaren Erleben wiedergesehen.
Todesernst ging von ihm aus, als er sagte: „Ich hätte
mich dort an die Wand stellen lassen können. Für einen,
der so viel Grauen gesehen hat, wäre das nicht schwer
gewesen. Aber ich durfte es nicht tun. Ich kannte
meinen Nachfolger, der grausam war. Vor allem wusste
ich, dass ich in Berlin mit anderen zusammen Mittel und
Wege finden könnte, um diesen furchtbaren Mißständen in
Russland ein Ende zu machen." Das war aber nicht mehr
zu bewältigen. Er kämpfte nicht nur gegen jene Führer
Heydrich, Himmler usw., sondern in Wahrheit gegen
Mächte, für die jene Genannten nur Werkzeuge des
Machtwillens und der Grausamkeit waren.
In einem Brief aus Landsberg vom 22. Mai 1949 findet
sich: „Nicht das Gefängnis ist für mich schwerstes
Leiden. Mein Leiden ist vielmehr zu keiner Zeit größer
gewesen als in den letzten Kriegsjahren in äußerer
Freiheit und rastloser Tätigkeit im großen Kreis."
Ohlendorf hat sich bei Kriegsende sofort den Alliierten
gestellt und über das Geschehen in Russland, in das er
1941/42 verwickelt war, Mitteilung gemacht. So kam er
in den Nürnberger Prozess, dem sich viele andere durch
Selbstmord oder Flucht entzogen hatten.
Er hat sich im Nürnberger Prozess als einziger selbst
verteidigt mit etwa den folgenden Ausführungen: Wenn
englische Flieger auf Befehl Phosphorbomben auf Hamburg
und seine Frauen und Kinder werfen, oder wenn Flieger
die „Christbäume" über Berlin setzen und eine Stadt mit
Frauen und Kindern ausradieren, so geschah dies auf
Befehl. Auch ich habe auf Befehl, gegen den ich mich
mit allen Kräften vorher gewehrt hatte, gehandelt. Sind
das nicht alles Kriegsverbrechen oder nur meine
Handlung? Übereinstimmend mit solchen Gedanken sagt
Barbara Nordmeyer im „Zeitgewissen": „Auch Claude
Eytherly, der amerikanische Pilot, war nur ein Rädchen
in der großen Kriegsmaschine. Er tat nur seine Pflicht,
als er das Zeichen zum Abwurf der Atombombe über
Hiroshima gab, eine Pflicht, die ihn in den Augen
seiner Nation sogar auszeichnete. Nicht in seiner
Verantwortung lag der Krieg und das, was er tat in
Ausübung seiner Pflicht — musste er das verantworten?"
Ohlendorf wurde zum Tode durch den Strang verurteilt
und wurde zwischen 1945 und 1951 nach Landsberg
überführt. Viermal kam er in die Todeszelle. Immer
wieder kamen Gnadengesuche für diesen außergewöhnlichen
Menschen. In Landsberg hatte er von neuem Gelegenheit,
sich mit Anthroposophie zu beschäftigen. Sein Anwalt
Merkel, der Anthroposoph war, gab ihm viele Bücher
Rudolf Steiners sowie das Johannesevangelium von
Rittelmeyer, und er berichtet, daß er sie mit stärkster
Anteilnahme las. Seine Frau konnte ihn nach seinem Tod
sehen und teilte mit, daß er trotz der Todesart sehr
friedlich ausgesehen habe. Er war ein Bauernsohn und
wurde in seinem Heimatdorf Hoheneggelsen in Gegenwart
von etwa 1200 Menschen auf seinen eigenen Wunsch von
einem Pfarrer der Christengemeinschaft bestattet. Nach
seinem Tode fühlte ich mich sehr bedrängt und bat Herrn
Steffen um ein Gespräch. Herr Steffen hatte sich aber
damals ganz zurückgezogen. Es ergab sich jedoch, dass
ich in der Aufführung seines Dramas „Die Märtyrer"
durch die Güte Dr. Poppelbaums auf dessen Platz neben
Herrn Steffen sitzen konnte. Das Drama hat nicht die
Kriegsfrage und was jemand auf Befehl tut zum Inhalt,
sondern das Leben einer Persönlichkeit, die
Misshandlung und Grausamkeit selber will, wie es etwa
bei Heydrich der Fall war.
Als nach der Vorstellung alle den Saal verlassen
hatten, stand ich wie schon einmal mit Herrn Steffen
allein in dem großen Saal. „Nun, haben Sie noch eine
Frage?", wandte er sich gütig an mich. Das Drama selbst
aber hatte alle Abstufungen von Schuld und Wandlung
gezeigt und Fragen beantwortet. Albert Steffens
Abschiedsworte waren: „Ich verspreche Ihnen, dass ich
mich um den toten Otto Ohlendorf kümmern werde."
Es sind viele Fragen, die angesichts eines solchen
Schicksals in einem aufsteigen können, Fragen, die sich
einer nur individuellen Beurteilung entziehen und die
das Böse in seiner menschheitlichen Gewalt in den
Blickpunkt rücken.
Eines ist mir aber sicher: Wo eine solche Schuld
entstanden ist, bedeutet es eine Hufe, wenn der
Betreffende noch in seinem Erdenleben die Folgen seiner
Taten als Leiden zu tragen hat. Dieser Gesichtspunkt
kann mit dem Schicksal von Otto Ohlendorf aussöhnen. In
diesem Sinn waren die Jahre schwersten Leidens in
Landsberg auch eine Hilfe für ihn.
Wie verschieden sind die Schicksale einiger der schon
vorher genannten Persönlichkeiten.
Lothar Eickhoff hatte in Berlin alles, was in seinen
Möglichkeiten lag, getan. Bei den letzten Besuchen traf
ich ihn in großer Angst und Sorge. „Es ist zu erwarten,
dass ich in der nächsten Zeit einen Unfall haben
werde", sagte er. „Das macht man heute so! Wenn jemand
unbequem ist, hat er einen Unfall. — Werden Sie meiner
Frau beistehen, wenn das geschieht?" — In seiner
Situation griff der Minister Frick helfend ein. Er
versetzte den Ministerialrat als Regierungspräsident
nach Aurich in Ostfriesland, entfernte ihn also vom
Kampfplatz. Nach dem Krieg hat Eickhoff Schweres
durchgemacht. Ihm war aber ein ruhiges Alter, in dem er
sich mit wissenschaftlichen Studien beschäftigen
konnte, beschieden. Bei der Entnazifizierung Professor
Bäumlers stellte sich heraus, dass er nicht nur 38
Bücher Rudolf Steiners zum öffentlichen Verkauf
freigegeben hatte, sondern auch Tausende von anderen
sogenannten „unerwünschten Schriften". Er war mit
einigen anthroposophischen Staatsschullehrern zusammen
in einem automatischen Arrest. Dort trug er ihnen, wie
sie berichteten, begeistert die Philosophie der
Freiheit vor. Er wurde in allen Ehren und voller
Pension entlassen. Otto Ohlendorf ist durch seinen Tod
einen Weg gegangen, an dessen Ende die volle Einsicht
in seine Schuldverknüpfung und der Wille zur Sühne
stand. Das gibt die Berechtigung, sich um ein
Verständnis des Menschen Ohlendorf zu bemühen, der mit
teuflischer Absicht von jenen in seinen Auftrag
hineingestoßen wurde, die sich zu Vollstreckern des
Bösen gemacht hatten und die ihn dadurch schuldig
werden ließen. Aus meinen eigenen Erfahrungen mit ihm
habe ich die Überzeugung gewonnen, dass über diesem
hochbegabten, mutigen und in seinem Kern lauteren Mann
ein Karma waltete, das im Durchschreiten der Finsternis
den Weg frei machte für ein neues bewusstes Leben im
Lichte eines Aufarbeitens vergangener Schuld.
Ein ähnliches Bild entstand durch die eidesstattlichen
Erklärungen eines Dr. zur Linden, eines Dr. Hauschka
oder eines Herrn Pickert und einer Fülle anderer
Persönlichkeiten, mit denen er im Leben zu tun gehabt
hatte.
Ohlendorf ist in eine furchtbare Situation und in
Gewissenskonflikte geraten, aus denen er keinen Ausweg
fand, vielleicht, weil es keinen Ausweg gab. Darum kann
sein Schicksal als tragisch bezeichnet werden.
Licentiat Bock hat die historische Gewalt dieses
tragischen Schicksals am deutlichsten erkannt. Er
schrieb ihm handschriftlich am 13. Mai 1948, also etwa
in der Mitte seiner Gefangenschaft, nach Landsberg und
nach seinem Tod an Frau Ohlendorf, die er kannte.
Ich stelle hier an den Abschluss Teile aus diesen
beiden Briefen, weil sie für diesen besonderen Fall
historische Größe offenbaren. Aus dem Brief vom 13. Mai
1948: „. . . Sie sind auf den Wegen Ihres Schicksals
vielfältig mit dem Schicksalskreis in Berührung
gekommen, in welchem wir leben und wirken. Große,
überpersönliche Zeitalter-Schicksale haben in diese
Begegnung hineingewirkt und es mit sich gebracht, dass
Sie an Plätze gerieten, wo Sie zum Exponenten
gigantisch tragischer Entwicklungen wurden. Sie sollen
wissen, dass in unserem Kreise angesichts der Gestalt,
die das Schicksal nunmehr für Sie annimmt, alle
trennenden Fragen und Bedenken getilgt werden. Es soll
nur auf die Tatsache der Blick gerichtet sein, dass Ihr
Schicksal sich mit dem unsrigen real berührt hat, und
dass Sie ... bestrebt waren, unseren Bestrebungen
hilfreich zu sein. Wir möchten darin ein Hervortreten
der latenten Schicksalszusammengehörigkeit sehen, die
wir an unserem Teile für jetzt und zukünftig bejahen
und durch Positivität des Herzens real machen
möchten..."
Aus dem Brief vom 21. Juni 1951 an Frau Käthe
Ohlendorf: „Wenn ich Ihnen erst heute ein Wort der
Teilnahme sende, so bitte ich Sie, das nicht als
Zeichen eines Zuwenig, sondern vielmehr als das Zeichen
eines Zuviel anzusehen. Das Schicksal Ihres Mannes hat
mich so sehr erfüllt und beschäftigt, dass ich auch
heute noch das Gefühl habe, keinen geeigneten Ausdruck
für meine Empfindungen finden zu können. Vor einiger
Zeit ließen Sie mich wissen, dass Ihr Mann Ihnen die
Zeilen, die ich ihm in der Oster zeit geschrieben habe,
gezeigt hat. Auch damals war es mir fast unmöglich,
auch nur einen andeutenden Ausdruck für meine
Empfindungen zu finden. Ich habe trotzdem ein paar
Worte zu sagen versucht. Mein sicheres Gefühl war, dass
das prüfungsreiche, schwere Schicksal angesichts einer
höheren Welt durchaus richtig, positiv und fruchtbar
verlief. Die innere Fruchtbarkeit, von der ich mir
vorstellte, dass sie sich in der Seele Ihres Mannes
offenbarte, war so leuchtend groß, dass demgegenüber
die Frage nach dem weiteren äußeren Verlauf verblasste,
aber es war natürlich, dass ich an der Sehnsucht derer
teilnahm, die wünschten, dass der äußere Verlauf der
Positivität des inneren Verlaufes entsprechen möchte.
Schon die Folter der langen Ungewissheit war aber ein
Ergebnis derjenigen politischen Rücksichtnahmen und
Machenschaften, die nachher erst recht den äußeren
Verlauf bestimmt haben. Und so musste ja auch schon zu
Ostern und später immer wieder damit gerechnet werden,
dass der äußere Verlauf ein tragischer werden würde.
Trotzdem habe ich bis zum letzten Augenblick gehofft,
dass sich letzte Regungen von Menschlichkeit und
Gerechtigkeit gegen die kalten politischen Berechnungen
durchsetzen könnten. Es ist anders gelaufen. Eine
Tragik kam zustande, in der sich die letzte Kälte und
Herzlosigkeit, die aus der heute üblichen Denkungsart
resultiert, weltgeschichtlich symbolisiert. Fast noch
deutlicher als durch die Hinrichtung selbst ist das in
der Strategie des Totschweigens zutage getreten, durch
die man erreicht hat, dass weite Kreise der
Weltöffentlichkeit schließlich meinen mussten, es
handele sich um eine Bagatelle, wo es sich in
Wirklichkeit um ein Zeichen der Zeit allerersten Ranges
handelte. Sie wissen, und ich habe auch in meinem Brief
zu Ostern darüber gesprochen, dass wir uns in die Arena
des Politisierens niemals begeben haben und auch
niemals begeben werden. Wir müssen es uns zur Aufgabe
machen, im Spirituellen, wenn auch in aller Stille,
Gegentatsachen zu schaffen gegen die Taten des
Ungeistes, die das politische Feld heute mehr denn je
beherrschen. Meine Überzeugung ist, dass die innere
geistige Fruchtbarkeit, zu der sich Ihr Mann in der
schweren Prüfungszeit der letzten Jahre hindurch
gerungen hat, in erster Linie zu solchen Gegen
Tatsachen zu rechnen ist, wie wir sie durch unsere
religiöse Wirksamkeit zu erzielen streben. . . Aus
einem 3. Brief Emil Bocks an Frau Ohlendorf vom 26.
April 1959 (die Urteilsvollstreckung war 1951) sei
folgender Passus zitiert: „ Als ich das Schreiben
verfasste, in welchem ich Sie bat, Ihren Mann zur
Abfassung einer ausführlichen Denkschrift über die
kultischen und okkulten Tendenzen der SS zu
veranlassen, habe ich das wirklich ohne jeden
Hintergedanken gemacht. Nie ist mir der Gedanke
gekommen, dass Ihr Mann an den Manipulationen, die ich
da meinte, irgend einen Anteil gehabt haben könnte. Ich
stellte mir nur vor, dass er als Beobachter doch
manches wahrgenommen habe, über das ein Bericht von ihm
eben historisch aufschlussreich gewesen wäre."
Frau Ohlendorf konnte dieser Bitte Emil Bocks nicht
nachkommen. Kämpfte sie doch damals mit der Prinzessin
Isenburg zusammen um das Leben ihres Mannes. Auch
konnte sie bei den kurzen erlaubten Besuchen, immer in
Gegenwart mehrerer Zuhörer, solche intimen Dinge wohl
schwer zur Sprache bringen. Während seiner Tätigkeit im
SD hatte Ohlendorf seiner Frau über die Schwierigkeiten
und seinen Kampf mit Hitler so gut wie nichts
mitgeteilt, um sie nicht zu belasten. Mir selbst ist
durch seine eigenen Worte bekannt, dass er gerade gegen
diese okkulten Umtriebe in der SS auf das heftigste
gekämpft hat.
Nicht zuletzt ist es gerade durch den Kampf Ohlendorfs
gegen die okkulten Machenschaften in der SS zu der
Strafversetzung dieses unbequemen Mannes in die Krim
1941 gekommen. Die Tragik des Schicksals von Otto
Ohlendorf wird durch diesen Umstand noch deutlicher.
Ich habe diese Darstellung über Otto Ohlendorf
gebracht, entgegen aller Opportunität, weil meine
Verantwortung der Wahrheit gegenüber es notwendig
machte.