"Das Jahrhundertende und die Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft" - über einen Aufsatz von Sergej Prokofieff [1]

- Fragestellung
Prokofieff verweist in seinen einleitenden einleitenden Worten auf eine Bemerkung Rudolf Steiners, eine "Kulmination" der anthroposophischen Bewegung gegen Ende des 20. Jahrhunderts könne nur dann stattfinden, wenn "es die Anthroposophische Gesellschaft versteht, im rechten Sinne hingebend die Anthroposophie zu pflegen" [2] . Unter Kulmination ist in diesem Zusammenhang mancherlei zu verstehen: Meinte Rudolf Steiner eine Verinnerlichung im Sinne der Zusammenführung der verschiedenen karmischen Strömungen innerhalb der Gesellschaft oder meinte er eine Stärkung der Bewegung in dem Sinne, dass eine echte Kulturwirksamkeit innerhalb einer globalisierten Welt endlich möglich würde ? Vielleicht hängen diese möglichen Bewertungen ja innerlich voneinander ab: Die unterschiedlichen Strömungen könnten, wenn sie sich tatsächlich ergänzen würden, zu einer größeren Wirksamkeit der anthroposophischen Bewegung auch in die Öffentlichkeit hinein führen. Diese Fragen bewegen Prokofieff zunächst aber nicht.
- Pessimistische Analyse
Er spricht von "pessimistischen Schlussfolgerungen", die daher rühren, dass nicht nur ein "Rückgang der anthroposophischen Bewegung" feststellbar sei, sondern auch "eine sich verstärkende Krisis in der Anthroposophischen Gesellschaft selbst". Prokofieff konstatiert "Konflikte, Versäumnisse und Fehler" ebenso wie irrationale Hoffnungen von Mitgliedern, "der große Lehrer" werde eben trotz des Versagens der Gesellschaft eben "wiederkommen" und gewissermaßen als kleiner Paraklet das richten, was die Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft nicht erreicht hat " was immer das sein mag. Prokofieff weist das ebenso zurück wie Hoffnungen einzelner Anthroposophen, äußere "Tätigkeit durch die Benutzung von Internet und anderen Kommunikationsmitteln" könne die erhoffte Kulmination bewirken.
- Esoterische Exoterik
Nun bemüht sich Prokofieff um Auswege. Er beschreibt zu diesem Zweck den "esoterischen Zug" der Weihnachtstagung. Mit der Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft hatte Rudolf Steiner immer wieder " in geradezu beschwörenden Worten- Mitglieder dazu aufgerufen, Anthroposophie zu einer "Sache" zu machen, "in der der Geist lebt". [3] Die Kulmination, von der eingangs die Rede war, ist davon abhängig, "wie die Mitglieder der Gesellschaft die geistigen und sozialen Aufgaben erfüllen, die die Weihnachtstagung ihnen stellt". Im Grunde hängt davon " so Prokofieff -"das Weiterbestehen der Anthroposophie" überhaupt ab. Die Aufgabe stellt sich darin, "die denkbar größte ÷ffentlichkeit zu verbinden mit echter, wahrer Esoterik" [4] . So kristallisiert sich die "Kulmination" also tatsächlich heraus als die Verbindung esoterischen Lebens mit vollem Wirken in der ÷ffentlichkeit. In dieser Hinsicht möchte man ihm durchaus überhaupt nicht widersprechen.
- Begründung des Grundsteins im Einzelnen
Merkwürdig, wie Prokofieff diese Aufgabenstellung aber definiert: Esoterik bedeutet für ihn, da Rudolf Steiner "den Grundstein aus der Substanz der anthroposophischen Bewegung" geschöpft hat, auch wortwörtlich intensive innere Arbeit an der sogenannten Grundsteinmeditation. Nur dann, schreibt er, könne die Verbindung der Gesellschaft zur anthroposophischen Bewegung gehalten werden. Die "Bewegung" ist dabei als der eigentliche geistige Impuls zu verstehen, dessen äußere formale Hülle die Gesellschaft darstellt. Der Grundstein stelle "die esoterische Grundlage der Anthroposophischen Gesellschaft" dar. Ohne intensive innere Arbeit des Einzelnen an dieser Meditation könnten weder die konkreten Probleme gelöst noch könnte eine Verbindung der unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Gesellschaft (z.B. die sogenannten Platoniker und Aristoteliker) geschaffen werden. Nur durch die Erfassung des Grundsteins könne sich der Einzelne "von der Menschen- zur Weltenliebe" erheben und damit zu einer Begegnung mit dem Geist (dem "ätherischen Christus") gelangen. Ich persönlich finde die Begriffsgebilde, die Prokofieff verwendet, um diese Erfahrung nicht zu beschreiben, sondern abstrakt zu verbalisieren, hölzern und schwer nachvollziehbar: Christus ist bei ihm der göttliche Träger der "Liebessubstanz in imaginativer Form". Aus dieser erscheint der Christus in imaginativer, inspirativer und intuitiver Weise. In dieser Begegnung wird der Grundstein im Menschen zum "Herzorgan des Wahrnehmens". Die notwendigen sozialen Fähigkeiten entwickelten sich für den Einzelnen dann von selbst: Es wirkten dann die "sozialen Kräfte der Auferstehung".
- Begründung einer neuen Christusgemeinschaft
Nur mit dem Erreichen dieser esoterischen Aufgabe kann für Prokofieff die angesprochene Kulmination gelingen. Die Gemeinschaft, die solches erreicht hat, die zu dem "Quell ihres esoterischen Wesens" vorgestoßen ist, wird den verschiedensten "Hindernissen und Versuchungen" begegnen können und ihr Aufgabenfeld "innerhalb der gegenwärtigen exoterischen Zivilisation" sehen. Das ist für Prokofieff der "Beginn der neuen christlichen Gemeinschaft", "an der sich in der Zukunft die Menschheit orientieren kann".
Dies alles, von dem man innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft wenig sehen, spüren, erleben konnte und kann, wird konterkarikiert durch einen sich "verstärkenden Ansturm der Gegenmächte". 1998 wurde "die Bresche" geschlagen, durch die "Ahriman in die Welt treten und sich am Beginn des nächsten Jahrtausends verkörpern wird". Diesem Ansturm kann die Anthroposophische Gesellschaft nur dann widerstehen, wenn sie das beschriebene esoterische "soziale Haus für Anthroposophia" zu bauen in der Lage ist. Das Fundament gelegt wird aber in jedem Einzelnen.
- Verzweifelter Appell
Hält man diese Aussagen Prokofieffs zusammen mit seiner anfänglichen Analyse der tatsächlichen inneren Situation der Anthroposophischen Gesellschaft, so kann man nur annehmen, dass es sich in seinem Aufsatz um einen verzweifelten Appell kurz vor Toresschluss handeln muss. So spricht er von dem "Ernst der Lage", der erkannt werden müsste, von "unserer schicksalstragenden Zeit" und von der "persönlichen Verantwortung" der Anthroposophen. Schade, dass er es in so drögen Worten tut. Ich finde, man muss das typische anthroposophische Vokabular nicht so weit treiben, dass der geneigte Nicht-Insider ein Wörterbuch daneben halten muss. Dieser unbeholfene Insiderjargon begegnet einer emotionalen Spannung, die die Lage beschreibt wie kurz vor dem Einfall des römischen Imperiums.
Was vermögen solche Appelle so kurz vor Toresschluss, was können sie bewirken, wenn man sie mit den 80 Jahren anthroposophischer Gesellschaftsgeschichte zusammenhält, in denen es offensichtlich nicht gelungen ist, das "soziale Haus" zu begründen und zu bauen ? Für mich ist die Situationsbeschreibung Prokofieffs die einer innerlich und äußerlich bedrohten frühen Christengemeinde. Mit der exklusiven Vereinnahmung des geistigen Christusimpulses für diese Gemeinde " die dazu aber eben auch nicht reif zu sein scheint, wozu sonst solche Appelle ? - und der als einzig möglich erachteten "Erlösung" durch die spirituelle Realisation des "Grundsteins" ergibt sich eine Situation, die den "wiedererscheinenden Gott" nur im Schosse und im Rahmen dieser Gemeinde und ihrer spirituellen Möglichkeiten und Praktiken zu sehen in der Lage ist. Das scheint mir eine überspannte Sicht der Dinge zu sein. Vor allem, wenn der "Geist der Zeit" als bedrohliche "ahrimanische" und zerfallende Kultur definiert wird, kann das so dargestellte Gemälde auch als naiv-manichäisch, um nicht zu sagen sektiererisch erscheinen.
Vielleicht muss sich auch Prokofieff klar machen, dass das Werk Rudolf Steiners eben längst in der Welt ist, für jedermann, auch Nicht-Mitglieder verfügbar. Und was ist mit spirituellen Bemühungen am Rande und andernorts ? Was ist mit denen, denen der geschlossene Jargon und das zeremonielle und selbstgefällige Gehabe mancher anthroposophischer Kreise zeitlebens ein solcher Stolperstein geblieben ist, dass sie es vorzogen, das eine oder andere intensiv in sich aufzunehmen, aber lieber keinesfalls eine Mitgliedschaft suchten ? Was ist mit den zahlreichen sozialen und mitmenschlichen Bemühungen, Initiativen und Impulsen, die sich eben tatkräftig um das bemühen, was für die Anthroposophen noch in weiter Ferne " nach dem inneren Erlangen des "Christusimpulses" " zu schweben scheint, die das also im Willen zu tragen scheinen, was für die Anthroposophen noch "geistiger Inhalt" werden soll ? Die seltsamen Schritte " Lesen, Studieren- Meditieren " Geistige Erfahrungen machen " daraus soziale Impulse schöpfen " bleiben offensichtlich meistens schon in der Bemühung um die Meditation hängen. Die soziale Wirksamkeit bleibt Zukunftsmusik.
Das Herbeibeschwören der Anthroposophischen Gesellschaft als Hort aller zukunftstragenden esoterischen und vor allem sozialen Impulse ist vielleicht überholt. Der Gral ist weitergewandert. Im übrigen meint die dauernd beschworene Freiheit des Einzelnen eben auch dies: Esoterische Bemühung ist so wenig zu verordnen oder zu beschwören wie emotionale Ansprüche innerhalb einer Familie wie "sei friedlich" oder "sei glücklich". Schon gar nicht, wenn mit ƒngsten operiert wird wie "Beeilt Euch, Ahriman steht vor der Tür". Der Anspruch an den Einzelnen und an die Anthroposophische Gesellschaft, den Prokofieff mit der "neuen christlichen Gemeinschaft" formuliert, "an der sich in Zukunft die Menschheit orientieren" kann, bleibt nicht nur " generell und angesichts der Lage- überzogen, sie kann auch bestehende Bemühungen jedweder Art lähmen. Ich nehme dabei sehr wohl im Sinne von Herrn Prokofieff vorsorglich an, dass er die formulierten tiefgründigen esoterischen Erfahrungen für sich selbst einzulösen in der Lage ist. Wie angenehm wäre es, wenn er auch in der Lage wäre, diese ohne den Bombast von kaum einzulösenden Ansprüchen und in freien, mitmenschlichen Worten zu vermitteln, ohne den Impetus eines Kirchengründers frühchristlicher Zeit !
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[1] In: Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland; Michaeli 1999 (209). Herr P. ist übrigens Vorstandsmitglied
[2] R.St., Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge VI " GA 240
[3] GA 260
[4] GA 260