
Als den Russen Hörner wuchsen
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Michael Eggert
Unter dem Titel "Die Hörner von Ulan-Ude" berichtet Uwe Klussmann im SPIEGEL 4/2000 über eine sagenhafte Geschichte, die von der BILD-Zeitung am 17.1. 2000 verbreitet worden war: Aufgrund eines Gen-Defekts würden bei Burjaten "am sibirischen Baikalsee beheimatet- Missbildungen beobachtet. Der BILD-Zeitungsartikel wiederum fußte auf Berichten aus der in Ulan-Ude ansässigen Boulevardzeitung Nummer eins. Dort war das Foto eines Mannes abgebildet worden, "über dessen linkem Ohr fingerkuppengroß ein Horn aus dem Haupthaar ragt". Der Artikel war betitelt mit "In Ulan-Ude lebt ein gehörnter Mensch". Die BILD- Zeitschrift, wahrlich keine Freundin der Untertreibung, titelte entsprechend "Gen-Defekt- Russen wachsen Hörner". Der abgebildete Mann litt, so hieß es, seit "zwei Jahren an zwei fünf Zentimeter langen Wucherungen auf dem Kopf".
Uwe Klussmann begann mit seinen Recherchen. Die zuständige Leiterin des Genetischen Instituts wusste von nichts. Sie erfuhr davon erst aus Deutschland und wünschte sehr, diesen Mann zu sehen. Neugierig geworden, besuchte Klussmann die zuständige Redaktion. Das Blättchen stellte sich als eines von vielen heraus, die nach dem Verschwinden der bisherigen Parteiblätter aus dem Boden gestampft worden waren, mit einer Redaktion von " vier jungen Damen" in einem "bescheidenen Einzimmerbüro". Beliebte weitere Themen: Ufos und unglaubliche neue Hormonpräparate zur Förderung der ehelichen Treue. Die Autorin des Hörnerartikels bedauerte, dass der Gehörnte anonym zu bleiben wünschte. Er litte auch eher an "Beulen" als an Hörnern. Das Foto sei eine Fotomontage: "Zeitungen wollen eben leben, zumal in dieser Zeit". BILD hatte nicht nur schlecht abgeschrieben, sondern viele Details weiter frei ausgeschmückt; hatte auch den Ort einfach an den Baikalsee verlegt, von dem er doch 100 Kilometer entfernt ist. Damit war es BILD möglich, die bekannten Umweltprobleme am Baikalsee mit dem erfundenen Phänomen zu verbinden und daraus auf "Gendefekte" "der Russen" zu schließen. Gehörnt waren also die westlichen Leser eines Blattes, das Erfundenes mit Phantasiertem verquickt und die Melange als ins Klischee passendes Substrat verkauft.
Das Eigenartige an Erfundenem ist das, dass es durchaus manchmal an eine Ebene reichen kann, die imaginativ an reale Vorgänge rührt. Allerdings rühren die gemeinten Vorgänge an okkulte Erscheinungen bei den auch am Baikalsee beheimateten Schamanen. Diese okkulten Erfahrungen sind als solche wohl nicht buchstäblich zu nehmen, sondern als Bilder seelischer Vorgänge zu verstehen.
Greifen wir in eine bedeutende Dokumentensammlung schamanistischer Traditionen und Praktiken [1] , so werden wir bald auf Phänomene stoßen wie die "Tierwerdung" der Schamanen:
"Ich erinnere mich, wie zur Zeit des Vollzuges des Mysteriums der Schamane plötzlich seine Trommel wegwarf und ein Stiergebrüll ausstieß, sich auf alle Viere stellte und mit den Händen den Boden aufzukratzen begann. Darauf schien es mir, als ob über beiden Ohren am Kopf irgendetwas Rotes in der Länge von einer Viertelelle erschien. Man sagte, dass das die Hörner wären. Indem er ein langgezogenes Stiergebrüll ausstieß, begann er mit den Hörnern den Erdboden aufzugraben, und man sah, wie große Lehmstücke an die Wand flogen (...) [2] .
Eine andere Überlieferung berichtet Ähnliches:
"Nachdem er das gesagt hatte, kleidete er sich aus und legte sich hin, aber sofort rollte er auf den Boden und begann mit Stiergebrüll die Erde mit den Händen aufzukratzen (wie das ein Bulle tut, bevor er sich mit einem Gegner in einen Kampf einlässt). In diesem Moment wuchs ihm aus der Mitte seines Scheitels ein Horn. Indem er fortfuhr, die Erde mit dem Horne aufzuwühlen, grub er ein Loch unter der Türschwelle und begab sich durch diese ÷ffnung auf den Hof. Die Hausgenossen beobachteten ihn und sahen, wie er allein, indem er sich als Stier gebärdete, mit schwerem Stöhnen mit einem unsichtbaren Gegner kämpfte. Die von dem Vorfall erschreckten Leute versteckten sich alle.
Endlich, nachdem er den Kampf abgebrochen hatte, kam er in die Jurte zurück und sagte weinend: "Warum habt ihr mich denn allein mit dem Teufelssohn kämpfen lassen ?"" [3] Dieser Schamane war trotz des martialischen Horns im Kampfe gegen einen anderen unterlegen: Er starb danach.

Tiergestalten
Die Welt des Schamanismus ist mit Tiergestalten durchsetzt: Viele Zauberer, vor allem solche der dunklen Art, hielten sich Bären und Wölfe und nutzten sie in ihren Verwandlungszeremonien. Diese Tiere galten als "mit Blutdurst angefüllt "- als eigentlich dämonische Gewalten. Die Verwandlung in Hunde wurde praktiziert, falls Gegenstände oder Personen aufzufinden waren. Auch die zeremoniellen Trommelschlägel tragen manchmal die geschnitzte Form einer Hundeschnauze. Es handelt sich bei den vielfältigen Tiergestalten um Hilfsgeister verschiedener Kategorien, aber auch um innerseelische entrückte Zustände unterschiedlicher Qualität. Auf der Jagd mussten traditionell Riten eingehalten werden, um die Seelen der erlegten Tiere nicht zu erzürnen. So wurde bei der Bärenjagd niemals ein Kopf oder ein Glied des Bären liegen gelassen. Diese Überreste mussten regelrecht bestattet werden. Der Bärenpelz wurde durch viele kleine Schnitte "als knöpfe man einen Mantel auf- geöffnet und nach dem Abziehen feierlich und in allen Ehren ins Dorf getragen. Rituelle Ausrufe waren einzuhalten. In Liedern wurde die wütende Seele des Tieres irregeleitet- indem etwa der Name eines feindlichen Dorfs darin genannt wurde. Sie sollte sich dort mit ihrem Zorn ausleben. Niemals trug man das Bärenfell durch eine Tür, sondern am besten durch das Fenster. Im Haus erhielt es zunächst einen Ehrenplatz und wurde geschmückt. Bei einem anschließenden Fest hatte jeder Gast die Schnauze des Tieres ehrerbietig zu küssen. Das deftige Fest mit seiner Musik und den festgelegten Tänzen versöhnte die Tierseele schließlich. Danach konnte das Fell benutzt oder veräußert werden.
Es gibt aber auch tierische Gottformen im schamanistischen Kulturkreis, an deren Spitze Adler oder Schwäne stehen, aber auch die Urmutter allen Schamanismus, die Vogelfrau.

Die Initiation durch die große Tiermutter
In vielen schamanistischen Kulten unterschiedlicher Völker war das Vergraben und Anordnen der Tierknochen eine zeremonielle Angelegenheit von höchster spiritueller Bedeutung. Oft waren große Feste eines Jägerclans oder eines Dorfes damit verbunden. Schließlich vermutete man " etwa nach der erfolgreichen Bärenjagd -, dass diese zeremonielle Bestattung "die Seele des getöteten Bären vollkommen" versöhnen könne. Man nahm an, einerseits zu einer Wiederbelebung "Reinkarnation- des getöteten Tieres beigetragen zu haben. Andererseits hatte man auch die Kräfte des Tieres eingebunden und die aggressiven, w¸tenden und rachs¸chtigen Elemente der Tierseele neutralisiert zu haben.
Man warf sogar die Gräten von Fischen und die Knochen von Seehunden und Walen zeremoniell ins Meer und rief dabei: "Die Seehunde haben sich ins Meer begeben" " als wären sie damit magisch wieder ins Leben wiedererwacht. Teile des Tierkörpers wurden zu "magischen Kristallisationspunkten" [4] , aus dem sich die Tiere "wieder vollständig regenerieren" konnten. Anderenorts " und besonders bei bedeutsamen Tieren wie Bären - war es notwendig, das ganze Skelett des getöteten Tieres zu rekonstruieren. Dessen Teile wurden " etwa bei nordostsibirischen Lamuten - komplett mit Seilen miteinander verbunden und " wie ein menschlicher Leichnam - im Wald auf einem Geäst beigesetzt. Diese Rituale sind im weiteren Sinne schamanistisch - aber eigentlich gewöhnliche und gebräuchliche Rituale von Jägersippen, die sich mit der Seele der getöteten Tiere versöhnen wollen. Im engeren Sinne ist bei den Schamanen darauf zu verweisen, dass auch der Einweihungsakt des Schamanen selbst mit dem Erlebnis des Zerstückelt - Werdens, des Verstreuens der Knochen durch die initiierenden Geister und der darauf folgenden Wiedererweckung des neuen Schamanen zusammenhing.
Zu einer solchen Einweihung gehörte auch in vielen Kulturen die Begegnung mit der großen Tiermutter- eine beängstigende und gefährliche Angelegenheit.
Die Tiermutter erscheint in vielerlei Gestalten- aber allenfalls drei Mal im Leben eines Schamanen: Bei der Geburt, der Initiation und kurz vor dem Tod.
Manche beschreiben sie als großen Vogel - mit einem Schnabel, der einer Eispicke ähnelt, gewaltigen Klauen und einem langen Schwanz. Im höchsten Norden gibt es eine mythologische Lärche, auf deren Zweigen sich große Nester befinden. In denen nah am Gipfel br¸tet die Vogelmutter die großen Schamanen aus. Diese brauchen bis zu ihrer Reife drei volle Jahre. Die geringeren Schamanen benötigen nur ein Jahr. Sie besiedeln die unteren Äste des Zauberbaums. Nicht alle schamanistischen Kulturen benutzen in ihrer Bildsprache Vögel: Es gibt auch mythische Wesen, Bären, Elche und Rentiere. Die Tierm¸tter aber sind in jedem Fall die Wächter des Todes und der Geburt. Erscheint ein solches Wesen noch einmal nach der Initiation, kündigt es dem Schamanen unwiderruflich den Tod an. Die Initiation aber ist als der "kleine" Tod zu verstehen. Das Ei platzt, und aus der Schale kriecht - zerschlagen, zerschunden, in Bezug auf sein altes Ich erstorben - der Einzuweihende.
Nicht immer folgt der Initiant freiwillig. Es ist aber immer wieder berichtet worden und zwar unabhängig vom jeweiligen schamanistischen Kulturzusammenhang - dass der Auserwählte keine Wahl hatte. Denn mit dem Erscheinen der Tiermutter kriechen aus den Tiefen auch böse Geister, die voller Blutdurst sind. Verweigert sich der Einzuweihende, wird sich das Volk der Unglücksbringer auf das Vieh, die Verwandtschaft und die Sippe des kommenden Schamanen stürzen, diese fressen und zerstören. Erst wenn der Initiant sich die Kräfte im Akt der Einweihung zueigen gemacht hat, weicht diese zerstörerische Kraft. Das Blut, die Sippschaft stehen als Pfand für den Schamanen ein. Meist finden sich in dieser Sippe bereits eine ganze Reihe von Schamanen. Auch die Geister der Vorfahren werden zürnen, wenn sich der Auserwählte verweigert. Ihn selbst werden ebenfalls alle möglichen Folgen treffen. So ist der Widerstand "auf die Dauer fast immer vergeblich" [5] . Schließlich sind die Auserwählten bereits von Kindestagen an be- und gezeichnet: Nicht nur introvertiert und "in die Problematik der eigenen Psyche" verstrickt, sondern auch in der Lage, sich in medialem Sinne auf exkorpsorale, ekstatische Erfahrungen einzulassen. Typische Erscheinungen in diesem Alter sind "Geistererscheinungen, häufige Schwindelanfälle, Ohnmachten, die Fähigkeit, die Zukunft vorhersagen zu können" [6] .
Ist diese ekstatische Begabung in der Jugend - die sich bis zu qualvollen körperlichen und seelischen Leiden steigern kann - noch eine Belastung, so wird es durch den Griff zur Schamanentrommel, den Vollzug der Einweihung möglich, an eine Kraftquelle heranzureichen, die den Mitmenschen auch zum Nutzen werden kann: Wenn der Schamane als Medizinmann, als Heiler, als Helfer zu dienen in der Lage ist. Diese Kräfte, die vorher bedrohlich in Tierbildern geschaut wurden, werden jetzt zur Fähigkeit des Schamanen: Er selbst wird zum "Raben", zum "Bären". Ihm selbst wachsen "die Hörner". Der Auserwählte selbst aber muss Verzicht leisten: Die Spur seines eigenen Lebens, auf der er vielleicht vorhatte, sich zu verheiraten, versiegt- und es bleibt ihm nur die zwar anerkannte, aber einsame Rolle des Herrschers über die tierischen Kräfte, die er immer wieder und immer aufs neue zu bändigen hat.
Die Entstehung des Zauberers
Der Schamane ist Herr über Naturkräfte –manchmal auch über solche von Bergen und Seen. Das Prinzip der Einverleibung ist ein medial - ekstatisches. Zahlreiche Schutz- und Ahnengeister behüten ihn bei seinen astralen Inkorporationserlebnissen. Die Sippe, die Ahnen und die Blutsverwandtschaften treten für ihn ein, ja bürgen mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben für ihn. Die Initiation schneidet ihn von der Gestaltung eines persönlichen Lebens weitgehend ab: Er hat seiner Berufung zu dienen. Meist erfolgt die Berufung direkt vom Vater oder anderen Angehörigen der Sippe, die selbst bereits Schamanen gewesen sind. Es hat diverse „Zeichen“ wie das Erscheinen der Tiermutter bei der Geburt und eine schwächliche Gesundheit des Kindes gegeben, die auf eine spätere Initiation hindeuten. Vielleicht hat man in der Betrachtung der Nachgeburt (die häufig als spiritueller "Doppelgänger" angesehen wurde) des gerade Geborenen bereits solche Zeichen entdeckt. Der Bewusstseinszustand bei den ekstatischen Erfahrungen des Schamanen ist so zu charakterisieren, dass „ein Geist“ „Besitz von einem Menschen“ ergreift. Das „macht ihn zum Schamanen“ [7] . Es handelt sich also um ekstatische, exkorpsorale und überpersönliche geistig-seelische Erfahrungen. Die Seele wird nach der Zerschlagung der Knochen des Initianten von der Tiermutter „in den Himmel gebracht“ und auf dem „Schamanenbaum“ bebrütet und ernährt. Nachdem sie zurückgebracht worden ist, ist der initiatorische Akt vollzogen: Der Eingeweihte ist bereit und in seinem Leib wiedergeboren.
Aber auch der Akt der Einweihung ist als zutiefst schmerzhaft erlebt worden: „Fürchterlich sind solche Vorstellungen, wonach ein Eisenhaken zwischen die Gelenke eingeführt wird, um sie damit auseinander zureißen. Das Fleisch wird von den Knochen abgekratzt, beide Augen werden aus den Höhlen genommen und gesondert hingelegt“ [8] . Manchmal wird der Kopf „auf eine lange Stange gesetzt, damit er nur ja alles genau mitansehen kann, was mit dem Körper geschieht“. Gelegentlich wird erlebt, wie der abgenommene Kopf in einen heißen Ofen gesteckt und „geglüht“ wird. Auch das Fleisch wird gekocht oder auch von den Dämonen roh gefressen. Wie bei den Jägern haben dann auch die Geister beim Initianten die Aufgabe, die Knochen zu zählen, wieder an Ort und Stelle zu bringen und mit Drähten zusammenzufügen. Das Gerüst wird wieder mit Fleisch bekleidet. Dieses „Fleisch“ kann gelegentlich auch von Blutsverwandten des Einzuweihenden bezogen werden, und zwar in wortwörtlichem Sinne: „Bei der Entstehung eines großen Schamanen“ kann „die ganze Sippe aussterben“ [9] . Gelegentlich sind Dämonen und Tiermütter aber bereit, sich mit einer Kuh zufriedenzugeben. An anderer Stelle wird berichtet, dass sowohl initiierende Geister wie auch der Initiant Tierblut zu trinken haben.
All diese teils gewalttätigen Mythen und Rituale finden nur nach langer, entbehrungsreicher Vorbereitung (z.B. durch intensives Fasten) des Einzuweihenden statt, oft weit zurückgezogen von der Gemeinschaft der Anderen, aber meist unter Begleitung zumindest eines Helfers oder Pflegers. Denn es wird tatsächlich – wohl unter zu Hilfenahme von Drogen - ein Zustand erreicht, in dem der Initiant tagelang „wie tot“ liegen bleibt. In dem Einweihungstraum sieht er die Bilder des Zerstückeltwerdens, der Tiermutter, der Reife im Wipfel des Schamanenbaums - und erlebt der Neugeburt. Oft wird der Einzuweihende während dieser Zeremonie mit frisch abgezogenen Birkenrindenstücken bedeckt: Er „schläft für die Dauer von drei Tagen und drei Nächten ein und liegt da wie ein Toter“. Aus seinem Mund tritt weißer Schaum und sein Körper wird blau, ja er ist manchmal mit Blutergüssen – Stigmata - übersät. Manche tragen körperlich ein Leben lang Blessuren von dieser Tortur davon. Geistig aber sind die Kräfte des Todes nun überwunden. Nun kann er den Hirsch reiten, seine Trommelschlägel als Hundeschnauzen verwenden und astrale Reisen mit den vorangehenden zauberischen Rentieren unternehmen, Dämonen besiegen und körperliche Erkrankungen Anderer heilen. Er ist ein Zauberer.
[1] Hans Findeisen/Heino Gehrts: Die Schamanen- Jagdhelfer und Ratgeber, Seelenfahrer, Künder und Heiler. München 1983
[2] Findeisen u.a. S. 42
[3] Findeisen u.a. S. 43
[4] Findeisen S. 37
[5] Findeisen S. 49
[6] Findeisen S. 61
[7] Findeisen, S. 59
[8] Findeisen, S. 64
[9] Findeisen, S.66