Arno Geigers Buch "Der alte König in seinem Exil"

Arno Geigers Buch „Der alte König in seinem Exil“ ist schon deshalb ein Phänomen, weil sonst kaum je ein Buch mit dem Thema Alzheimer bis in die Top Ten des deutschen Buchhandels vorgerückt ist. Da es das Schicksal des Vaters von Arno Geiger betrifft, handelt es sich auch um biografischer Material, vielleicht aber auch um ein Sachbuch? Einigen Kritikern macht die Einteilung Schwierigkeiten, andere sind berührt und überaus angetan, die Leser aber kaufen.

Arno Geiger bringt es fertig, liebevoll, aber kühl betrachtend, warmherzig und analysierend zugleich zu schreiben. Er blendet sich nie aus, auch nicht in seinem (allzu verständlichen) Versagen, jahrelang die Demenz nicht erkannt zu haben. Zu dieser Zeit wurde der Vater zu einem Sonderling, vor allem nachdem seine Frau ihn verlassen hatte. Dass er litt und sich zunehmend verwirrte, wurde erst nach und nach deutlich. Die Alzheimererkrankung schritt dann langsam weit über ein Jahrzehnt voran, bis hin zu Zuständen, in denen der Vater selbst einen Baum nicht mehr als solchen erkannte. Er sah ihn, aber hatte dafür keinen Begriff, keinerlei Vorstellung, was für ein Ding das war. Zwischendurch gab es immer wieder helle Augenblicke, in denen der Vater sich nicht nur in Selbstkenntnis seines Zustandes äußerte, sondern dies auch in ungewollt poetischer, ja imaginativer Art äußerte. Diese Momente berührten den Dichter Arno Geiger, und er protokollierte sie mit. Mit der Entdeckung dieser Poesie hat Geiger die Alzheimer- Erkrankung gewissermaßen geadelt, hat ihr und seinem Vater die Würde zurück gegeben. Inmitten dieser Verwüstung gedeihen die schönen und weisen Worte- manchmal gerade aus der Not geboren, auf den „richtigen“ Begriff zu kommen. Der Vater begründet eine Art Bildsprache, in der er seinen Zustand auch umschreibt und definiert.

An diesem Buch stimmt einfach alles- es ist mitfühlend und beglückend, nie larmoyant, nie „klinisch“, nie bloß tröstlich. Dennoch erlebt man den Zerfall sehr deutlich mit. Aber, so lehrt das Buch, es ist eben nicht nur Zerfall. Es ist, selbst in den späten Aufenthalten im Pflegeheim, nie so, dass die Person, die da die Kontinuität ihres Bewusstseins verliert, doch ganz verloren wäre. Inmitten des Zerbröckelns der Person besteht ein Charakter fort, der sich nur noch ab und zu aus dem Dickicht der Demenz erheben und sich äußern kann. Es ist nicht nur die Geschichte eines Untergangs, sondern auch eine des Bestehens.

Deshalb und weil es so un-ambitioniert, so scheinbar anstrengungslos geschrieben ist, muss man das Buch mögen. Auch dann, wenn es gegen Ende etwas verflacht. Die Stringenz des Erzählens dieser Biografie und dieser Beziehung verebbt etwas- es wird fragmentarischer, stichwortartiger- so, wie das Leben des Vaters auch monotoner zu werden scheint.

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Als Gegenpol und Kontrast sei hier noch einmal auf das Buch von Judith von Halle zu diesem Thema in diesem Blog verwiesen.
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