Blüte & Schmetterling



Wenn man in Steiners Gesamtwerk etwas passendes zu warmen Sommerabenden sucht, empfiehlt sich vielleicht der Vortragszyklus „Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden bildenden und gestaltenden Weltenwortes“ an. Denn hier geht es um die Natur im weitesten Sinne, um Korrespondenzen zwischen Mensch und Tier, Tier und Pflanze - und vor allem um eine konkrete Poesie, eine eigentlich von Steiner geschaffene neue Kunstform, die eine Imagination der geschaffenen sinnlichen Welt darstellt. Nehmen wir als Beispiel eine kurze Textstelle, in der es um die Schmetterlinge geht:

„Was Sie nun hier haben unter dem Einfluss des außerirdischen Kosmos, diese ganze Entwickelung vom Keim durch Raupe, durch Puppe zum Schmetterling, das können Sie nun da verfolgen: Indem der Same irdisch wird, der Erde anvertraut wird (...), entwickelt sich die Pflanzenwurzel, das erste, was aus dem Keim entsteht.

Und statt dass die Raupe kriecht in den Kräften, die vom Mars ausgehen, entsteht das Blatt, das in Spiralstellung herauf kriecht. Das Blatt ist die unter den irdischen Einfluss gekommene Raupe. Sehen Sie sich die kriechende Raupe an, dann haben Sie dasjenige, was im Oberen entspricht dem Unteren, dem Pflanzenblatte, das sich herausmetamorphosiert aus dem, was Wurzel geworden ist durch den Samen, der aus dem Sonnenbereich in den Erdenbereich versetzt worden ist.

Gehen Sie weiter hinauf, dann haben Sie, zusammengezogen immer mehr bis oben, wo der Kelch ist, dasjenige, was Puppe ist. Und endlich entwickelt sich der Falter in der Blüte, die ebenso farbig ist wie der Falter oben in den Lüften. Der Kreislauf ist geschlossen.
Wie der Schmetterling sein Ei legt, so entwickelt sich in der Blüte wiederum der Same zu dem Künftigen. Sie sehen: wir blicken hinauf in die Luft zum Schmetterling, wir verstehen ihn als die in die Luft erhobene Pflanze.“ (S. 72)
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