Anthroposophie

Die ungedeckten Worte

Die wunderbare schöne neue Welt kommt heute im Reiseblatt der FAZ (Nr 191, Seite R1) daher als ein Bericht über Abu Dhabi. Auch hier werden virtuelle, aber dennoch real zu bereisende Urlaubsfantasien wahr, und zwar in einem riesigen Freizeitpark von 200000 Quadratmetern- alles unter einer roten Zeltplane und klimatisiert. Momentan wird gerade gebaut: „Wir besehen uns die Menschen, die über, unter, links und rechts von uns an der Arbeit sind. Sie bilden lange Ketten und reichen sich Materialien an. Sie entstauben und streichen. Sie sitzen auf künstlichen Ahornbäumen und montieren Zweige.“

Aber montierte Ahornzweige gibt es natürlich nicht nur in Golfstaaten mit bizarrem Reichtum, nicht nur in Hollywood- Blockbustern und Spielhallen. So etwas bringen in übertragenem Sinne auch Anthroposophen zustande, die sich pseudo- okkultistisch mit ungedeckten Worten umgeben. So formulierte Georg Kühlewind jedenfalls in seinem kaum verklausulierten Zorn:

Über die Erfahrungen eines Geistesforschers zu sprechen, wenn man sie nicht selbst vollziehen kann, ist nur in dem Sinne berechtigt, dass man sie als den Bericht eines Geistesforschers auffasst, nicht aber sich so auf sie beruft, als wären sie für mich Wirklichkeit. Die ungedeckten Worte, das Reden über Nicht- Erfahrenes, die Verstandeskombinationen von Erfahrungselementen, die keine eigenen Erfahrungen sind, all dies bildet eine isolierende Schicht von unrichtigen Vorstellungen, denen die Wahrnehmungsseite fehlt, die durch Vorstellungselemente aus der Sinnes- oder Vergangenheitswelt ersetzt wird, eine isolierende Schicht, die den so Sprechenden und meistens seine Zuhörer immer mehr von der Realität trennt: von der Realität der Gegenwärtigkeit, des Geistes, von der äußeren und inneren Realität.
Der Missbrauch des Wortes führt zu einem Illusionismus, der das hervorstechende Merkmal hat, das, was nur als Illusion gegeben ist, zu behaupten, wodurch wiederum die Illusion verdeckt und ihre Verwirklichung verhindert wird. Das gilt für die Beteuerung des „esoterischen“ Charakters, der „Wichtigkeit“, der „Weltbedeutung“ usw. Gäbe es das alles, würde man es nicht beteuern müssen. Die Beteuerung ist gerade das Zeichen für die Irrealität der Behauptung
.“ (Kühlewind, Die Diener des Logos, 1981, S. 92)

Derlei Illusionismus begegnet einem in der Szene auch heute noch auf Schritt und Tritt- in den Sonntagsansprachen der diversen Breviere, aber auch in Büchern anerkannter Repräsentanten. Die neuen Medien tragen ihren Anteil dazu bei, dass die frohe Kunde des ungedeckten Worts sich quer durchs Internet verbreitet und durchaus wesentlich mehr Anhänger findet als nüchterne Recherchen. So schart eine Enddreissigerin bei Facebook 360 Anhänger um sich, die an ihren Lippen hängen, weil oder obwohl sie behauptet, die Reinkarnation Rudolf Steiners zu sein. Von den blutenden Wundmalen einer Judith von Halle und ihren visionären Eingebungen ganz zu schweigen. Wir sind heute -technologisch, medial, aber auch spirituell - noch einen Schritt tiefer gesunken als zu Kühlewinds Zeiten vor vielleicht dreissig Jahren. Heute werden vielfach nicht nur Bände mit geraunten „Geheimnissen“, Verschwörungen und geheimen Logen gefüllt, heute bekommt die Ungedecktheit eine eigene Dynamik und nimmt visionären Charakter an. Dort wo das auftritt, taumelt stets eine Gemeinschaft von Gläubigen hinterher. Offensichtlich folgt der illusionären Ungedecktheit eine Art Gärung, der immer fantastischere Erfahrungen und Behauptungen entspringen.
Abu Dhabi ist überall.
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"Rudolf Steiner und die Anfänge der Theosophie"

Robin Schmidts neues Buch „Rudolf Steiner und die Anfänge der Theosophie“ setzt sich mit dem personellen, geistigen und organisatorischen Umfeld der Theosophie des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auseinander, aus dem sich Rudolf Steiners Anthroposophie entwickelt hat. Auch die Ursprünge der theosophischen Bewegungen - die in Abgrenzung zu in der Mitte des 19. Jahrhunderts verbreiteten spiritistischen Bewegungen entstanden sind- werden detailliert betrachtet. Obwohl man zu diesem Thema einiges gelesen hat und eine Reihe von Fakten bekannt sind, ist die sachliche und gradlinige Darstellung Schmidts erhellend. Anthroposophen blicken gern mit einer gewissen Herablassung auf die theosophische Phase herab. Schmidt dagegen unterlässt solche Bewertungen. Schließlich stellt Anthroposophie ihrerseits zwar eine Abgrenzung von den theosophischen Quellen dar, andererseits waren die persönlichen Bezüge Rudolf Steiners zu einigen Theosophen tief greifend:
„Man darf die Kontakte und den Austausch in diesem Kreis in ihrer Auswirkung für Rudolf Steiner daher nicht zu gering einschätzen; er spricht von einem „freundschaftlichen und intimen Verkehr“, der für ihn biografische und spirituelle Relevanz hatte. Möglicherweise waren das für ihn überhaupt die ersten freundschaftlichen und herzlichen Beziehungen mit Gleichaltrigen, bei denen er sich heimisch und verstanden fühlen konnte“. (S. 101)
Zu diesem interessanten, warmherzigen Kreis gehörte sein Freund Eckstein, aber auch die Frauenrechtlerin Rosa Mayreder und deren Freundin Marie Lang. Die Begegnungen mit dem umtriebigen, geistig beweglichen und höchst aktiven Friedrich Eckstein gehörte nach Steiners Worten zu den „allerwichtigsten meines Daseins“. Er schrieb Eckstein später, „dass ich Ihnen unbegrenzt zu danken habe“. Ähnlich warmherzig schrieb er an Marie Lang, in deren Haus Steiner viele Beziehungen knüpfen konnte. Zu dieser Zeit- 1890- war Steiners Haltung zur Theosophie noch überaus kritisch. Mayreder schrieb, er habe sie ihr gegenüber als „Schwachgeistigkeit“ bezeichnet, die sogar „Gefahren für die geistige Entwicklung“ mit sich bringen könne. Damit waren wohl bestimmte mystische Strömungen um Franz Hartmann gemeint, die nach Steiners Worten „meiner Geistesrichtung völlig entgegengesetzt“ waren.
Dieser ganze Freundeskreis von Architekten, Schriftstellern und Komponisten war offensichtlich wohltuend für Steiner. Er hatte auch nichts dagegen, ab und zu in Kreise „unterzutauchen“ (eine Formulierung in einem Brief von 1891), in denen „recht flott über Yogi, Fakire und indische Philosophie gesprochen“ wurde. Er hatte eben ein verständliches Faible für eine offene Boheme, auch wenn er selbst schon innerlich beschäftigt war - „zwar nicht in mystischer, wohl aber in logisch- ideeller Weise“- mit seinen Arbeiten zur „Philosophie der Freiheit“. Auch 1894 bezeichnet er sich in einem Brief an Eduard von Hartmann als „Feind aller Mystik“.
Dass er wenig später nun ausgerechnet Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft wurde, erscheint vor diesem Hintergrund einigermaßen rätselhaft. Die Schritte dorthin stellt Schmidt dar. Das Spannungsfeld, in das Steiner damit eintrat- voller Intrigen, ständiger Streitigkeiten, Abspaltungen und obskurer Behauptungen- hatte von Anfang an innerhalb der Theosophischen Gesellschaft bestanden. Auch die Auseinandersetzungen zwischen eher „christlichen“ und eher „buddhistischen“ Richtungen bestanden sehr früh.
Schmidt arbeitet das „kulturgeschichtliche Umfeld“ (Buchumschlag) der theosophischen Bewegung heraus, und zwar auf spannende Art und Weise. Es ist einfach auch ein sehr gut geschriebenes Buch, das man ungern weglegt.
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Im kleinen Finger

„Nehmen wir einmal, um es radikal zu sagen, was ich aussprechen will, einen normalen Menschen der Gegenwart, der sich redlich ernährt, seine gehörige Anzahl von Stunden schläft, frühstückt, zu Mittag und zu Abend isst und so weiter, und der auch geistige Interessen hat, sogar hohe geistige Interessen, der Mitglied, sagen wir, einer theosophischen Gesellschaft wird, weil er geistige Interessen hat, da alles mögliche treibt, um zu wissen, was in den geistigen Welten vorgeht. Nehmen wir einen solchen Menschen, der sozusagen im kleinen Finger alles dasjenige hat, was in dieser oder jener theosophischen Literatur der Gegenwart notifiziert wird, der aber sonst nach den gewöhnlichen Usancen des Lebens lebt.

Nehmen wir ihn, diesen Menschen! Was bedeutet all sein Wissen, das er sich aneignet mit seinen höheren geistigen Interessen? Es bedeutet etwas, was hier auf der Erde ihm einige innerliche seelische Wollust bereiten kann, so einen richtigen luziferischen Genuss, wenn es auch ein raffinierter, verfeinerter Seelengenuss ist. Es wird nichts davon durch des Todes Pforte getragen, gar nichts davon wird durch des Todes Pforte getragen.

Denn es kann unter solchen Menschen - und sie sind sehr häufig- solche geben, die, trotzdem sie im kleinen Finger haben, was ein Astralleib, ein Ätherleib und so weiter ist, keine Ahnung davon haben, was vorgeht, wenn eine Kerze brennt. Sie haben keine Ahnung davon, welche Zauberkunststücke aufgeführt werden, damit draußen die Tramway fährt. Sie fahren zwar damit, aber sie wissen nichts davon.

Aber noch mehr: sie haben zwar im kleinen Finger, was Astralleib, Ätherleib ist, Karma, Reinkarnation, aber sie haben keine Ahnung davon, was gesprochen wird, angestrebt wird zum Beispiel heute in den Versammlungen proletarischer Menschen. Es interessiert sie nicht. Es interessiert sie nur, wie der Ätherleib ausschaut, wie der Astralleib ausschaut, es interessiert sie nicht, welche Wege das Kapital macht, indem es seit dem Beginn des. 19. Jahrhunderts die eigentlich herrschende Macht geworden ist.

Das Wissen von Ätherleib, Astralleib, das nützt nichts, wenn die Menschen gestorben sind. Gerade das muss man aus einer wirklichen Erkenntnis der geistigen Welt heraus sagen. Es hat erst dann einen Wert, wenn dieses geistige Erkennen das Instrument wird, um unterzutauchen in das materielle Leben und da im materiellen Leben dasjenige aufzunehmen, was in den geistigen Welten selber nicht aufgenommen werden kann, was aber hinein getragen werden muss.“
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R. Steiner, Die Sendung Michaels, 12.12.1919, S. 166ff
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"Recherchen auf dem Anthroposophenhügel"

Schön angestaubt:

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Neues aus Birk

Über Pfarrer Benesch, der als glühender Nationalsozialist, evangelischer Pfarrer und Dorfherrscher mit angeschlossenen Schlägertrupps bekannt wurde, nach dem Krieg seine Schäflein in den Westen brachte und in der Christengemeinschaft untertauchte, um auf distanzlose Art und Weise zahllosen Menschen persönliche spirituelle Anleitungen zu geben, aber sich auch gern frommen anthroposophischen Studentinnen per direktem Körperkontakt näherte, ist in diesem Blog viel geschrieben worden. Das eigentliche Problem war nicht einmal die Karriere dieser manipulativen Person, nicht nur das Wegducken vor dessen herrischem Auftreten, sondern das lang andauernde, beharrliche Leugnen der Wahrheit über die Vergangenheit Beneschs innerhalb der Christengemeinschaft. Hans-Jürgen Bracker macht nun noch einmal auf eine Blognotiz aufmerksam, die beschreibt, wie es in dem Dörfchen Birk nach dem Weggang Beneschs weiter ging. Nach Jahrzehnte währenden Verfalls scheint sich die Gemeinde nun wieder - mit Unterstützung der ehemaligen Bewohner- etwas zu organisieren und verkauft sogar bäuerliche Produkte. Zwar nicht die legendäre Hirnwurst wie zu Beneschs Zeiten, aber immerhin Kräutersalze:
Hirnwurst
„Die Feier hat mit dem Gottesdienst in der überfüllten evangelischen Kirche begonnen. Das Thema war „Der Himmel steht über alle“ und wurde zweisprachig geführt. Geleitet wurde die Zeremonie in der Kirche von dem evangelischen Pfarrer Zoran der die besondere Ehre hatte das Ornat seines Vorgängers Friedrich Benesch anziehen zu dürfen. Musikalisch untermalt wurde die Feier von Familie Kaufmann aus Deutschland und Frau Gerte Vöge aus Spanien. Gudrun Kaufmann ist nämlich die Tochter des ehemaligen Pfarrers Benesch und ist wie auch ihre Kusine Gerte Vöge in Birk geboren. Benesch war zwischen 1934 und 1944 Pfarrer in Birk und ist gleich nach dem Krieg nach Deutschland gezogen.“
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"Real Anthroposophy!"

Joel Wendts erster YouTube- Vortrag über „Real Anthroposophy“. Sehr heroisch, sehr amerikanisch und etwas merkwürdig. Aber hat er im Hintergrund tatsächlich Micky Maus auf dem Regal stehen?
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#wir lieben menschen

„#wir lieben menschen“ ist der neue Slogan der (teilweise) anthroposophischen Zeitschrift Info3, die gerade einen Relaunch auch ihrer Website erlebte.
Im ersten Augenblick bleibt unklar, was damit gesagt werden soll. Ob die Mitarbeiter sich selbst als „liebe Menschen“ einschätzen? Oder ob sie einen Slogan der Heilsarmee zweckentfremden und einfach ab jetzt Jeden unbesehen lieben, einfach mal so? Ob sie Idi Amin geliebt hätten, würde er noch leben? Wie so vieles, bleibt der Sinn des Slogans dem Uneingeweihten vorerst im Dunkeln.

info3

Oder leidet die Redaktion, obwohl sie das Christentum erklärtermaßen nicht schätzt, selbst unter einem Jesus- Syndrom? Man weiss es nicht. Wahrscheinlich geht bald einer (ich weiss, wer) auf dem Wasser?
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Der Geist, der nicht schreit

„Der Zusammenhang zwischen der Menschenseele und der geistigen Welt wird gefunden werden in intimen Kräften der menschlichen Seele; in Kräften, welche diese menschliche Seele entwickelt, wenn sie Aufmerksamkeit entfaltet, innere, stille, ruhige Aufmerksamkeit, zu der sich der Mensch erst wiederum erziehen muss, nachdem er im materialistischen Zeitalter gewöhnt worden ist, Aufmerksamkeit auf dasjenige allein zu verwenden, was sich ihm mit Wucht von außen aufdrängt, was gewissermaßen an das Auffassungsvermögen heran schreit.

Der Geist, der im Innern erlebt werden soll, der schreit nicht, der lässt auf sich warten, und man kommt ihm nahe, wenn man versucht, sich vorzubereiten auf dieses Nahekommen.“

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Rudolf Steiner, Gesamtausgabe 175, Seite 36
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Ich bin..

ichbin
GA 267
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Das Ergreifen des Moments des Aufwachens

„Würde die Geistesgegenwart in ausgiebigerem Sinne bei den Menschen heran erzogen, so würden heute schon alle Menschen reden können von geistig-übersinnlichen Impressionen, denn sie drängen sich eigentlich im eminentesten Maße auf beim Einschlafen und Aufwachen, insbesondere beim Aufwachen. Nur weil so wenig heran erzogen wird, was Geistesgegenwart ist, deshalb bemerken die Menschen das nicht.

Im Momente des Aufwachens tritt ja vor der Seele eine ganze Welt auf. Aber im Entstehen vergeht sie schon wiederum, und ehe sich die Menschen darauf besinnen, sie zu erfassen, ist sie fort. Was sich da abspielt im Momente des Aufwachens, das sind nicht Lebensreminiszenzen. Sie sind sehr gut zu unterscheiden von Lebensreminiszenzen, diese flutenden Gedanken.

Die Gedanken, die ich jetzt meine, sie stellen sich wie ganz objektiv dar gegenüber dem eindringenden Ich und dem astralischen Menschen, und man merkt ganz genau:
man muss passieren den Ätherleib; denn solange man den Ätherleib passiert, bleibt alles traumhaft. Man muss aber auch passieren den Abgrund, den Zwischenraum – möchte ich sagen, wenn ich mich recht uneigentlich, aber dadurch vielleicht deutlicher ausdrücke –, den Zwischenraum zwischen Ätherleib und physischem Leib, und schlüpft dann in das volle Ätherisch-Physische hinein, indem man aufwacht und die äußeren physischen Eindrücke der Sinne da sind.

Man kommt auf dem Wege einer solchen Beobachtung zu der Erkenntnis, dass sich zwischen unserem physischen Leib und Ätherleib, gleichgültig ob wir wachen, ob wir schlafen, immerzu Vorgänge abspielen, die eigentlich im webenden Gedankensein bestehen. Dieses webende Gedankenleben kommt eigentlich so, wie es ist, im Wachzustande nicht zu unserem Bewusstsein. Wenn wir nämlich aufgewacht sind, schlüpfen wir mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leib in unseren physischen Leib hinein. Sie werden, indem Sie das Sinneswahrnehmungsleben in sich haben, mit den äußeren Weltengedanken, die Sie sich bilden können an den Sinneswahrnehmungen, durchdrungen und haben dann die Stärke, dieses objektive Gedankenweben zu übertönen.

An der Stelle, wo sonst die objektiven Gedanken weben, bilden wir also gewissermaßen aus der Substanz dieses Gedankenwebens heraus unsere alltäglichen Gedanken, die wir uns im Verkehre mit der Sinneswelt auf die eben angedeutete Weise ausbilden. Gewissermaßen in derselben Region unseres menschlichen Wesens ist beides vorhanden: das objektive Gedankenweben und das subjektive Gedankenweben. Das objektive Gedankenweben, wenn es wahrgenommen wird, wenn wirklich eintritt, was ich geschildert habe als das geistesgegenwärtige Ergreifen des Momentes des Aufwachens, dieses objektive Gedankenweben wird nicht als bloß Gedankliches erfasst, sondern es wird erfasst als dasjenige, was in uns lebt als die Kräfte des Wachstums, als die Kräfte des Lebens überhaupt.

Diese Kräfte des Lebens sind verbunden mit dem Gedankenweben. Sie durchsetzen dann den Ätherleib nach innen; sie konfigurieren nach außen den physischen Leib. Was in dieser Art in uns ist, wir nehmen es als ein innerliches Weben wahr, das aber durchaus ein Lebendiges darstellt. Das Denken verliert gewissermaßen seine Bildhaftigkeit und Abstraktheit. Es verliert auch alles das, was scharfe Konturen sind. Das Weltendenken webt in uns.

Wir erfahren wie wir mit unserem subjektiven Denken untertauchen in dieses Weltendenken.“

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Rudolf Steiner, GA 207, Seite 51ff
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Standpunkt des gewöhnlichen Begreifens

Auch geistige Arbeit in dem Sinne, wie es anthroposophische Forschung meint, ist auf Verbalisierung und Dialog ausgelegt und angewiesen. Die Erkenntnisse werden erst zu dem, was sie sind, wenn sie formulierbar werden. Auch diese „Wahrnehmung“ benötigt eine Begrifflichkeit, muss diese aber erst schöpfen, da es passende Worte nicht dazu gibt. Sprachliche Konturen nimmt die Sache aber erst an, wenn diese im Dialog entstehen. Daher suchen und finden sich entsprechend Interessierte unabhängig von äußeren Institutionen und Traditionen.
So jedenfalls interpretiere ich folgende Textstelle von Rudolf Steiner:

„Die Menschen sind wiederum in das Stadium eingetreten, wo sie ein Auge brauchen für die geistige Welt, in die sie eintreten nach dem Tode. Und dieses Auge werden sie nicht haben, wenn sie es sich nicht hier auf Erden erwerben.

So wie das physische Auge im vor- irdischen Dasein erworben werden muss, so muss das Auge für das Wahrnehmen des Übersinnlichen nach dem Tode hier durch Geisteswissenschaft, durch geistiges Erkennen erworben werden. Nicht durch Hellsehen, das ist jedes Menschen eigene Sache, aber durch Verstehen mit dem gesunden Menschenverstand dessen, was durch hellseherische Forschung erkundet wird.

Dieses geistige Auge muss sich der Hellseher ebenso erwerben, wie es der andere Mensch auch erwerben muss. Was man durch imaginative Erkenntnis erworben hat, was man erschaut hat, verfällt nach wenigen Tagen. Es verfällt nur dann nicht, wenn man es auf den Standpunkt des gewöhnlichen Begreifens heruntergebracht hat. Man ist gezwungen, diese Sache dann ebenso zu begreifen, wie sie der begreift, dem man sie mitteilt.“

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Rudolf Steiner, GA 218, Seite 326f
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In der Armut sein

„Auf dem Gebiet des Seelisch-Geistigen gibt es kein „Haben“. Es gibt auch kein „Sich-Berufen“ auf etwas, auf Vergangenheit, Geschehnisse, Prinzipien. Denn auf diesem Gebiet der Unvergangenheit gibt es kein „Etwas“.

Die Ergebnisse einer Fähigkeit dürfen nicht verwechselt werden mit der Fähigkeit selbst - und auf der Ebene des Lebens oder der Gegenwärtigkeit gelten allein Fähigkeiten. Das „Gestern“ darf nur als Fähigkeiten weiterwirken.

So besteht das Sein in dieser Sphäre im andauernden Verzichten auf das Eben- Errungene, im Suchen- Bleiben, im steten Überwinden des Gefunden- Habens, im immerwährenden Werden. Wer „hat“, „gefunden hat“, wer nicht verzichtet, fällt aus diesem Bereich heraus. In der Armut sein, in der Armut bleiben ist die einzige Art, in der Gegenwärtigkeit zu weilen. Denn nur die Armut hat die Anziehungskraft für das Immerneue.“

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Georg Kühlewind, Die Erneuerung des Heiligen Geistes, Stuttgart 1992, S. 57
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In keiner Art zu wünschen

„In keiner Art zu wünschen, bevor man das Richtige auf einem Gebiete erkannt hat, das ist eine der goldenen Regeln für den Geheimschüler.“


Rudolf Steiner, GA 10, S.93
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Unser Ich, das sich im Geistigen selbständig halten und tragen kann

„In reinen Gedanken denken, ist Denken des esoterischen Schülers, wenn er z.B. über die Weltentstehung oder die Menschwerdung denkt. Dadurch wird vorbereitet, was durch Meditation und Konzentration erreicht wird: eine Lockerung der menschlichen Wesensglieder.

Wird eines dieser Glieder in Verhältnis zu den anderen zu schnell gelockert, so treten grosse Disharmonien und Missverhältnisse hier auf der physischen Ebene auf. Die zu schnelle Lockerung des Ich z.B. bewirkt Nervosität. Erst soll daher das Ich im Astralleib, dann der Astralleib im Ätherleib gelockert werden, dann dieser im physischen Leibe.

Das ist durch das gewissenhafte Studium möglich, wodurch das Ich zuerst einen Halte- und Stützpunkt erlangt, ehe es sich im Astralleibe lockert.

Da die Logik des Denkens auf allen Ebenen die gleiche ist, so ist es notwendig, sich erst auf dem physischen Plan diese Logik anzueignen, um nicht in den höheren Welten in Verwirrung zu geraten. Doch soll man nicht nur Gedanken denken, die aus der Sinneswelt entnommen sind- auch nicht drauflos experimentieren- sondern abstrakte Gedanken, die rein geistige sind.

Dadurch finden wir unser Selbst, unser Ich, das sich im Geistigen selbständig halten und tragen kann. Das ist er erste Schritt, um uns rein im Geistigen zu finden.

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Aus: R. Steiner., Esoterische Stunde, 1.11.1907, Berlin
Quelle ist das neu eröffnete Uranos- Archiv mit auch unveröffentlichten Texten Rudolf Steiners
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Wilfrid Jaensch kreist um die "wahre Natur des Ich"

jaensch
Schon wieder ein Buch des „Verlages am Goetheanum“? Was ist das denn? Kriegt der Blogautor Prozente oder wenigstens Belegexemplare? Den Zweiflern und Nörglern können wir im reinen Pfingstgeist, der über uns gekommen ist, versichern: Ja, wir verdienen uns dümmlicher und dämlicher denn je und lassen uns auf einer ayurvedischen Menschenfarm mit quecksilberhaltigen Ölen voll schmieren. Zu dem Autor, um den es hier geht, Wilfrid Jaensch, kann man sowieso nichts sagen, und zu seinem Buch („Was ist die wahre Natur des Ich?“) auch nicht. Zum grossen Teil handelt es sich um die Niederschrift eines Vortrags, den Jaensch 2004 im Rahmen der Tagung „Die soziale Frage im Zeitalter der Globalisierung“ im Rudolf-Steiner Haus in Berlin gehalten hat. Er hat sich über das Tagungsthema ebenso wie über das Thema seines Vortrags offenbar geärgert und es den Veranstaltern und Gästen heimgezahlt, indem er sämtlichen Erwartungen nicht entsprochen hat. Jaensch mag Begriffe wie „Globalisierung“ und „soziale Frage“ nicht. Er täuscht begriffliche Willkür vor, wie ein Dribbling vor dem Torschuss, aber Torschüsse mag Jaensch auch nicht. Um „Schnarchen“ zu vermeiden, spannt er Bögen zwischen Ramses II und Computern, um nur mal ein beliebiges Beispiel zu nennen. Aber zwischen den Dribblings bemerkt man, dass Jaensch, indem er keinen Umweg vermeidet, zielstrebig um den Punkt kreist, auf den es ankommt.

Reden wir nicht drum herum, lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:
Frei kommt von Freya, der germanischen Göttin der Liebe und des Todes. Ich mache den freien, also tödlichen Satz über den Abgrund. Den Satz der Liebe. Ich stürze mich selbst und mein „Ich denke“ in das kochend fließende eiserne Meer des Lebens. Ich stürze mich selbst vereinigend ion das Leben, in welchem mein „Ich denke“ ertrinkt, erlischt, verbrennt und verschlungen wird. Indem ich selbst verschwinde, höre ich aus dem eisern kochenden Meer des Lebens einen Satz, der nicht mehr der meinige ist. Der Satz lautet: „Ich bin“. Das „Ich“ ist die Selbstaussage des allgemeinen, sich selbst denkenden Lebens, das aus allen einzelnen Lebewesen erschallt.“ (S. 42)

Auf Jaenschs Blog hatten wir ja schon aufmerksam gemacht. Texte, Fotos und Grafiken gibt es bei Facebook, hier eine Veranstaltung mit Jens Prochnow:
prochnow
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Anthroposophie als Ich- Berührung

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Ich habe es versprochen, nun habe ich den Salat: Die Besprechung von Wolf-Ulrich Klünkers neuem Buch „Anthroposophie als Ich- Berührung“ steht noch aus. Es handelt sich um 25 kleine Meditationen, nicht um einen auf den ersten Blick zusammenhängenden Text. Das macht die Besprechung schwer. Andererseits zieht sich dennoch ein roter Faden durch das Buch; es handelt sich um eine Perspektivverschiebung auf alle möglichen Aspekte im Verhältnis von praktiziertem geistigem Leben einerseits und den geistigen, seelischen, leiblichen und sozialen Bedingungen andererseits. Das Buch ist im typisch anthroposophischen Sprachstil gehalten, aber sicherlich in vielen Aspekten übertragbar auf andere Erkenntnis- und Schulungswege, wenn sie denn modern, reif und erwachsen daher kommen.

Das scheinbar Konventionelle in der Sprachgebung täuscht aber: Ständig ist Klünker bemüht, klassische anthroposophische Begriffe auf heutige Phänomene (und auch Krankheitsbilder) zu beziehen. Man merkt Klünker an, wie vorsichtig und sorgsam er dabei vorgeht und dass er sich an keiner Stelle nahe liegende, simple Zuweisungen gestattet. So kommt er z.B. zu einer Betrachtung, in der die klassischen Schritte von Imagination- Inspiration- Intuition heute kein ferne liegendes Ziel mehr darstellen, sondern Selbsterneuerungskräfte sind, die die gesamte innere seelisch- geistige Landschaft beleben sollen und müssen: „Wille und Ich- Aktivität“ sollten „spätestens in der Lebensmitte (..) in das Denken einziehen“, ohne das Horchen auf inspirative Fähigkeit „entindividualisiert sich das menschliche Fühlen“ und ohne eine „Intuition“, die in der Lage ist, umfassend „die eigene Denk- und Gefühlslage“ zu überblicken, gleitet der Wille ins Depressive oder chaotisch Unbewusste ab. Das, was vor hundert Jahren „Schulungsweg“ gewesen sein mag, stellt sich bei Klünker für die Moderne als eine Art Hygiene dar: Meditation ist der Faktor, der verkrustende seelische Prozesse beleben und erneuern kann.

Dabei geht es ihm um eine realistische Selbsteinschätzung. Heute sollte man nicht vor Ehrfurcht erstarren in Erwartung „der „großen“ geistigen Einsicht oder der „objektiven“ Geistwirksamkeit“: Es kommt vielmehr auf das „individuelle geistige Verhältnis, das ich im Laufe meines Lebens ausbilden kann“, an; meine persönliche „Qualifikation geistiger Wirklichkeit“. Anthroposophie versteht Klünker als einen Vermittler für die individuelle Tastbewegung; fertig und abgeschlossen ist hier nichts. Klünker postuliert daher keine scheinbar objektiven „geistigen Tatsachen“, sondern fragt vorsichtig: „Zu welchem Aspekt geistiger Wirklichkeit kann ich mich realistisch in Beziehung setzen?“

Diese Haltung, die ja vor allem dem verbreiteten Kulturpessimismus eine Absage erteilt und auf die Würde und Selbstaktivierung des Individuums setzt, fällt in Klünkers Augen auch als „Anspruch, den die Anthroposophie an sich selbst stellen muss“, auf diese zurück. Denn „niemand will mehr Deutungen, Weltanschauungen vom Menschen sehen, sondern den Menschen selbst.“ Die Zeiten, in denen sich Anthroposophie als „Lehre“ verstand, sind ein für allemal vorbei: „Die Überzeugungskraft liegt nicht im Begriff, sondern im Sein- genauer in demjenigen Begriff, der im Menschen Sein geworden ist.“

In diesem Sinne bewegt sich Klünkers Buch an der Nahtstelle der individuellen und kollektiven Schwellen. Ein zentrales, immer wieder kehrendes Thema ist auch das der Krankheit. Die „mitgebrachte leiblich- seelische Konstitution“ des Menschen stellt heute für das sich emanzipierende Ich nicht immer eine dauerhaft tragende Grundlage dar. In der Nähe der Schwelle kann sich das, was wir als „Krankheit“ zu bezeichnen gewohnt sind, durchaus auch als Chance erweisen, inneren Suchbewegungen Kraft und Raum zu vermitteln; Krankheit kann Chance sein und sollte so auch verstanden werden. Ein -vielleicht temporär- prekäres Verhältnis zur Leiblichkeit kann Anstoss zu einem Aufbruch werden.

Klünkers Buch löst das ein, was der Autor vertritt: Eine freie, unbefangene Positionsbestimmung von anthroposophischer Arbeit und Kultur heute. Anthroposophie versteht sich hier als ein praktizierter Weg jenseits der Katechismen und begrifflichen Einbahnstrassen. Daher finden sich zwar bei Klünker mehr Fragen als Antworten, aber auch mehr Anregungen als anderswo. Es ist eine Freude, so etwas zu lesen.
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Wolf-Ulrich Klünker: Über Inkarnationsstörungen und Geisterfahrung

In seinem neuen Buch (März 2010) schreibt Wolf- Ulrich Klünker:
„Darüber hinaus zeigt sich immer deutlicher das Problem, dass die mitgebrachte leiblich-seelische Konstitution nicht mehr die ganze Biographie über für das Ich eine tragfähige Grundlage bildet. Die individuell vorgefundenen seelisch-leiblichen Gegebenheiten können sich als für das Ich nicht handhabbar, als Gegenkraft für Ich-Intentionen oder als krankheitsanfällig darstellen. Das Ich kann sich innerhalb eines solchen Leib-Seelen-Gefüges nur schwer greifen. Solche Schwierigkeiten sind früher ungefähr von der Lebensmitte an für manche Menschen biographisch relevant geworden. In-zwischen ist schon an Kindern und Jugendlichen spürbar, dass sich geistige Individualität und Leib-Seelen-Konstitution widersprechen können. Daraus entstehen zuweilen Krankheitssymptome, die im Hinblick auf die zugrunde liegende (in dem beschriebenen Sinne „konstitutionelle“) Ursache recht wenig aussagefähig sind. Vielmehr kann hier ein Inkarnationsproblem vorliegen, das darauf hinweist, dass das Ich gegenwärtig und zukünftig vor der Aufgabe steht, die eigenen seelisch-leiblichen Existenzvoraussetzungen selbst mitzugestalten.

Zu den biographischen Erfahrungen gehört auch immer öfter, dass das eigene Selbstgefühl gefährdet ist – entweder als Folge oder auch als Ursache der leiblich-seelisch konstitutionellen Schwächung. Wenn das Selbstgefühl unsicher wird, beginnen die inneren Beziehungen zur Welt und zu anderen Menschen zu schwanken: es fehlt der Bezugspunkt im eigenen Innenempfinden. (...)

Es könnte inzwischen für viele Menschen eine innere Situation gegeben sein, die eine solche „klassische“ Beziehung von Ich und Geistselbst im Seelenraum nicht mehr ohne weiteres zulässt. Vielleicht muss dann ein Verhältnis ins Auge gefasst werden, in dem sich das Ich zunächst gleichsam michaelisch-abstrakt mit Geistselbst-Kräften in Beziehung bringt; in dem die fehlende Tragfähigkeit von Selbstgefühl und seelischem Innenraum zunächst so weit wie möglich akzeptiert wird; in dem ein zunächst gewissermaßen „abstrakter“ Wille an der eigenen geistigen Tätigkeit festhält, auch wenn diese erst einmal keine positiven Wirkungen in der eigenen seelischen Befindlichkeit zeigt – denn es könnte sein, dass gerade das fehlende seelische Resonanzerleben Ausdruck davon ist, dass eine tiefer leiblich-seelisch gesundende Kraft im Organismus zu wirken beginnt: eine Kraft aus dem Geistselbst-Bereich, die vielleicht erst in einem zweiten Schritt auch zu einer Konsolidierung des seelischen Selbstgefühls und damit auch der Beziehung zur Welt und zu anderen Menschen führen kann.

Dann aber wäre eine Situation gegeben, in der die Beziehung des Ich zum Geistselbst nicht mehr allein darin besteht, dass eine tragfähige seelische Grundlage geistselbstfähig umgewandelt und so eine Beziehung zur Engel-Dimension aufgenommen wird. Vielmehr würde das Ich in den geistigen Bereich hinein arbeiten, aus dem heraus dann seelisch-leibliche Gesundungskräfte wirken und schließlich auch einen neuen seelischen Innenraum mit befriedigendem Selbstgefühl ausbilden. Die Seele wäre dann zunehmend eine Wirkung der geistigen Tätigkeit des Ich, in der das Ich sich der Geistselbst-Kraft öffnet und damit im seelischen Innenraum gestaltend wirkt, unter Umständen bis in den Organzusammenhang hinein. An diese Geistselbst-Wirkung könnten positive Kräfte aus dem Bereich der dritten Hierarchie anknüpfen: Kräfte, die zur Neugestaltung von Seele und Leib in der Lage sind.“

Okay, die Sprache ist gewöhnungsbedürftig und offensichtlich an Insider gerichtet- schade. Wer heute mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, kann aber den angesprochenen Sachverhalt - ein wenig befriedigendes Selbstgefühl, eine innere Kluft von hoher geistiger und intellektueller Präsenz in einem manchmal eher infantilen seelischen Innenraum- nicht selten beobachten. Ich habe Klünkers Buch noch nicht gelesen, sondern erst bestellt. Das Zitat stammt aus dem Rundbrief AGiD Aktuell- Mai 2010.
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Zitate von Rudolf Steiner zum Thema Gedächtnis und Erinnerung

„Gewissermaßen ist es so: Wenn wir einen Gedanken haben und den später einmal aus der Erinnerung hervorholen, so kommt bei dieser Arbeit des Sich-Erinnern-Wollens unser Ätherleib in Bewegung, und er passt sich mit seinen Bewegungen dem physischen Leib an, und indem er hineinkommt in jene Bewegungen, die dieser Ätherleib bei dem entsprechenden Gedanken in den physischen Leib gemacht hat, kommt der Gedanke wieder herauf ins Bewusstsein.“ (GA 174b, 161)
„Dieselbe Kraft, die wir seelisch als Erinnerungskraft benützen, dient dazu, unsere aufgenommenen Nahrungsstoffe umzuwandeln in solche Substanzen, die von unserm Leib gebraucht werden können. Sie müssen immer einen inneren Kampf, der im Unterbewusstsein sich abspielt zwischen einem Seelischen und einem Leiblichen, ausführen, wenn Sie sich erinnern wollen an irgendetwas. (GA 191, 33ff)

(zusammen getragen von Regina Reinsperger)
zum ganzen Text..

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Tom Mellett: JvH

Tom L.,

I did not realize that you were going to put up photographs on my journal entry. I have no problem with that; however, I do have a big problem with this particular photograph because it is NOT a photo of Judith von Halle. You got the photo from Michael Eggert's fine German Steiner blogosphere site called Egoisten but unfortunately Michael made a real cyber-ass of himself by putting this photo up and mistakenly identifying her as JvH because at the time there were no photos of Judith available anywhere on the Net

However, presently, there are at least two photographs of JvH on the Net and I would ask you to remove the present false photo and replace it with one or both of the following actual photos of JvH, which appear here on this other German blog



Here are the Image locations: 1 / 2

These photos are far more illuminating and far more germane to the subject at hand, namely "clear thinking," because Judith von Halle is pictured last October lecturing to the Academy of Waldorf Pedagogy at the Free High School of Mannheim, Germany. The title of her lecture is "Modern Spiritual Guidance."

As you can see, even from these poor-quality, grainy and distant photos, she's got a captivating winsome charisma mainly because she looks so serenely self-possessed, genial and warm-hearted. (And that irresistible captivation is, to my mind, the real JvH Flu that's infecting everybody.) Even the author of this German blog, who is not sympathetic to anthroposophy at all, makes the point that JvH is not some "other worldly space cadet." Nor is she some stern dowdy schoolmarm type, either. She is at once adorably child-like and professionally competent; at once bubbly, dainty, baby-faced, yet intellectually authoritative. (You might be interested to know that she never stopped working as a professional architect in Berlin since her Stigmata first appeared 5 years ago. )

To me she looks like a Barbi-Doll with Brains dressed up in all-black Victorian Rudolf Steiner clothing. Jeez Louise, she could be a model for "Rudi's Victorian Secret" line of atavistic fashion. Or else a female Johnny Cash, that is, the "Woman in Black!"

And mark my words, Tom, Judith von Halle is the future of the Anthroposophical Society. She is already an esoteric Super-Star, and she looks the part! Move over, Jesus H. Christ. Now we have "Judith von Halle, Super-Star!" You don't believe me? Well, then, consider the following recent facts:

--- JvH just published a new book entitled: "Anthroposophical Perspectives on Dementia". "Die Demenzerkrankung. Anthroposophische Gesichtspunkte."

--- The book was published by a subsidiary of the Goetheanum publishing House in Dornach.

--- Dr. Michaela Gloeckler, former Vorstand member and presently the Head of the Medical Section at the Goetheanum wrote the foreword to the book.

Now consider the following rumors and gossip --- which in the dialect of Classical Anthroposophese, I shall hereinafter refer to as "Anthropoop." ( I really do need to start a spiritual scientific gossip blog and call it "Father Tom's Anthro-Poop Sheet." Nyuk! Nyuk! Nyuk! 8-)

--- Rumor has it that a therapeutic center to accommodate the healing vision and work of Judith von Halle will soon be built in Dornach, close to the Goetheanum.

--- the multi-billionaire Anthroposophist Goetz Werner, who made his fortune in founding a drug store chain in Germany --- like Walgreen's in the US --- has taken such a shine to Judith von Halle, that he is financing the above healing center for her, as well as bailing out the very financially strapped Goetheanum.

--- how much of the bailout is "quid pro quo" I don't know, but don't be surprised if there is an actual section of the Goetheanum School of Spiritual Science created expressly for Judith von Halle and her charismatic gifts of the spirit for Anthroposophy

---- Many of Judith von Halle's devoted followers believe her to be the direct reincarnation of Edith Maryon, the sculptor without whom Rudolf Steiner could not have carved the Representative of Man group.

Anyway, Tom, I just wanted to give you a real "head's up" on the Judith von Halle phenomenon because it far transcends any previous ideas and mental images you or others may have about her and about Stigmatization. For example, I, as born and baptized Irish Roman Catholic, was flabbergasted to learn that Judith von Halle is not Catholic. Nor is she Protestant. Her parents are Jewish!!! Previously, I had been under the mistaken impression that only Catholics could get the Stigmata.

I'm out here in Hollywood, Tom, already sifting through possible actresses to play JvH in the future movie about her. As of today, I'm settling on Kristen Stewart, whom you can see right now playing punk singer Joan Jett in the "Runaways" movie. What actress would you pick, and what would you like to see represented in the JvH screenplay?

Tom Mellett
Los Angeles, CA
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Die tollenden Alten

„Allmählich kann man ja im Alter den physischen Körper nicht mehr gebrauchen; schon aus dem Grunde nicht, weil sich ungeheuer viel Kalk einlagert, namentlich in die Adern. Aber in demselben Maße, in dem, sagen wir zum Beispiel bis zum 40. Jahre vom Kopf herunter die Entwickelung in den ganzen Körper hineingeht, in demselben Maße geht es wiederum zurück.

Kommt man von den vierziger in die fünfziger Jahre hinauf, so muss man wiederum die Brust mehr gebrauchen, und im Alter muss man wieder mehr den Kopf gebrauchen. Aber jetzt müsste man im Alter wiederum den feineren Kopf, den Ätherkopf gebrauchen. Aber das lernen die Leute in der lateinischen Erziehung nicht. Und gerade diejenigen, die in den letzten Jahrzehnten materialistische lateinische Erziehung genossen haben, die sind am meisten diesem Altersblödsinn ausgesetzt gewesen. Man muss im Alter wiederum auf die Kindheitsstufe zurück. Es gibt ja Leute, bei denen das sehr stark eintritt.

Der Geist bleibt aber ganz erhalten, der Körper wird nur immer schwächer und schwächer. Der Ausdruck: Im Alter wird man kindisch – der hat nämlich seine sehr gute Begründung. Man gelangt wirklich wiederum in die Kindheit zurück. Aber das ist, sobald man Geistesleben in sich hat, kein Unglück, sondern es ist eigentlich ein Glück; denn wenn man noch Kind ist, da kann man nämlich den Atherleib noch benützen. Man benützt denselben Ätherleib, den man als Kind zum Toben benützt hat, dann im Alter zu etwas Gescheiterem.“

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Rudolf Steiner, Gesamtausgabe 350, Seite151f
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Der Todestag Rudolf Steiners

zeitzeichen
Die WDR- Radio- Sendung „Zeitzeichen“, die übrigens auch per Podcast regelmäßig auf dem Computer zu empfangen ist (unabhängig von den Sendezeiten), erinnert an den 30. März, den Todestag Rudolf Steiners.

Der Beitrag der Autorin Helene Pawlitzki wird am besagten Tag um 9.05 Uhr im WDR5 zu hören sein. Ein wenig hat Rudolf Steiners manchmal eigensinnige Sprachwahl auch schon auf den WDR abgefärbt, der in der Anthroposophie eine der „wirkmächtigsten“ esoterischen Richtungen sieht. In normalem Deutsch sagt man vielleicht „einflussreich“.

Für die, die den WDR nicht empfangen können, bietet sich der Podcast an - oder ein Mithören im Internet (für Windows).

Dank an Ute Reifenberg für den Hinweis!
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Buddha vers. Christus

„Niemals wird von irgendeinem, der aus dem Quell der Rosenkreuzer-Weisheit und -Forschung heraus spricht, gesagt werden, dass irgend etwas bekämpft werden soll vom Inhalt der Schriften des grossen Buddha, dass irgend etwas nicht wahr sei in den Schriften des grossen Buddha. Jeder, der aus dem Quell der Rosenkreuzerei heraus spricht, teilt die Überzeugung Buddhas und der gesamten östlichen Weisheit, keine negiert er. Er sagt: Jawohl, was du, grosser Buddha, durch deine Erleuchtung in deinem Inneren geschaut hast von den grossen Wahrheiten vom Leide des Lebens, es ist restlos wahr; wahr ist es bis zum letzten Häkchen und Jota. -

Nichts, aber auch gar nichts wird davon genommen. Es bleibt alles stehen. Und gerade aus dem Grunde, weil alles stehen bleibt, weil es wahr ist, was Buddha gesagt hat, dass Geburt Leid, Krankheit Leid, Alter Leid, Tod Leid und so weiter ist, deshalb ist uns der Christus- Impuls jenes mächtige und wichtige Heilmittel - weil er es ist, der dieses Leid aufhebt, weil es eben wahr ist, dass die Leiden da sind, wenn nicht ein grosser Impuls die Welt darüber hinaus hebt.

Warum hat Christus gewirkt? Weil Buddha die Wahrheit gesprochen hat.“

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Rudolf Steiner, „Geistige Hierarchien“, Düsseldorf, 12. 04. 1909, vormittags
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Zombies & Demenz- Ein weiteres Buch Judith von Halles

zombies

In einem neuen Buch - „Die Demenzerkrankung. Anthroposophische Gesichtspunkte“- geht Judith von Halle, die wir an dieser Stelle schon mehrfach angesprochen haben, über ihre bisherigen thematischen Bezüge wie das Leben Jesu hinaus und widmet sich einem konkreten menschlichen Problem- eben der Demenz. Vielleicht stellt das ja, nachdem Frau von Halle nun auch im Goetheanum auftreten und vortragen darf, auch einen Schritt dar von der Wundererscheinung zur ernsthaften anthroposophischen Autorin. Natürlich ist das reine Spekulation.

Jedenfalls hat das Büchlein auch ein Geleitwort von Michaela Glöckler erhalten und darf somit mit einem gewissen wachsenden Wohlwollen rechnen- auch bei denen, die nicht unbedingt Freunde von Lichtnahrung und Stigmata sind.
Der eigentliche Anlass für Frau von Halles Betrachtungen waren Anfragen bezüglich einer speziellen architektonischen Gestaltung der Umgebung Demenzkranker. Leider geht die Autorin darauf nur kurz am Ende des Buches ein. Praktisch umsetzbar sind ihre diesbezüglichen Anregungen kaum, wünscht sie sich doch runde oder spiralige Räume, die von sehr wenigen Bewohnern in kleinen Wohngemeinschaften bewohnt werden sollen. Die Pfleger sollen nicht im Schichtbetrieb wechseln, sondern kontinuierlich für die Kranken da sein und mit ihnen leben. Das müsste dann wohl eine Art Ordensgemeinschaft sein, die sich nicht nur als medizinisches Personal versteht, sondern bereit ist, ihr eigenes Leben faktisch für die Aufgabe der Betreuung aufzugeben. Frau von Halle weiss sehr wohl, dass das idealistische Utopien sind.


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Ingrid Haselberger: Der Winter kehrt zurück...

- Meine Erfahrungen mit der „dritten Nebenübung“-
bank

Ich folge Steiners Anregung. Zu meiner Verwunderung ist es gar nicht besonders schwierig.
Statt ein muffiges Gesicht aufzusetzen, beobachte ich, was in mir geschieht. Was ist das eigentlich, was da in mir aufsteigt?
Dieses Unbehagen, das ich empfinde, kann eigentlich nicht nur durch Kälte und Schnee verursacht sein. Denn schließlich: den allerersten Schnee in diesem Winter habe ich wirklich freudig begrüßt, und mich auch über die anhaltende Kälte gefreut, sie sogar herbeigesehnt, damit die weiße Pracht nicht allzu schnell wieder dahin ist...

Was ist es also, das mich jetzt vor demselben Anblick unmutig und ungeduldig aufstöhnen lassen will?
Es hat wohl mit Enttäuschung zu tun. 
Ent-täuschung aber bedeutet, daß ich zuvor einer Täuschung erlegen war: ich hatte etwas erwartet, das nun doch noch nicht eingetreten ist. Ich hatte wohl empfunden, daß ich mir nach diesem langen Winter jetzt sofort einen hellen und warmen Frühling "verdient" hätte.
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Die anthroposophische Fallgrube

Dass ich ausgerechnet den bis 1945 äußerst fragwürdigen Autoren und italienischen Anthroposophen Massimo Scaligero auch zur Kritik an der anthroposophischen Methodik heran ziehe, muss schon deshalb befremden, weil er in Deutschland nach wie vor kaum gelesen wird, sein Übersetzer die weitere Arbeit eingestellt hat und seine Bücher durchgängig nur antiquarisch zu haben sind. Von Kritikern wird immer wieder gefordert, Scaligero aufgrund seiner eindeutig faschistischen Vergangenheit völlig zu ignorieren- sein Werk quasi einer internen Bücherverbrennung zu übergeben und den Autor zu vergessen. Allerdings sind seine wenigen übersetzten Bücher aus der Zeit nach 1945 derart dicht, nüchtern und von einer offensichtlichen spirituellen Aufrichtigkeit und Reife, dass ich diesen Forderungen nicht nachgeben möchte. Trotz aller Vorbehalte gegen den Autor sollten diese Arbeiten meiner Meinung nach sogar sehr viel mehr in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gelangen- zumindest für diejenigen, die sich ernsthaft mit meditativen Wegen im Sinne einer Spiritualisierung des Denkens interessieren. Dazu muss man Scaligero keineswegs idealisieren oder die sehr deutlichen Untiefen seiner faschistischen Vergangenheit unter den Teppich kehren.
Die „Fallgrube“, von der im Titel die Rede ist, wird von Scaligero (wiederum: „Traktat über das lebende Denken“) in folgender Weise angesprochen:

„Die Konzentrationsübung verläuft in der richtigen Weise, wenn sie der Gesetzmäßigkeit des von seinem Wesen her wahrgenommenen Denkens entspricht, nicht aber wenn sich Doktrinen der Vergangenheit in ihr ausdrücken, die - in einer Methodik, die früher berechtigt war- dem Denken besondere spirituelle Themen vorgeben, es aber in Wirklichkeit von seiner eigenen reinen Immanenz abbringen. Diese Doktrinen operieren heute mit einem Kanon, der längst gedacht ist, und präsentieren dem Menschen metaphysische Inhalte, die die wirkliche Dynamis des Geistes lähmen.“ (S. 69)

Damit ist gemeint, dass Vorstellungen über die Art und Weise, wie sich spirituelle Erfahrung entwickelt, bereits im Vorfeld des eigenen Übens wie in einer Überlagerung vor das innere Auge legen und damit die sich entwickelnde innere „Immanenz“ praktisch unmöglich machen. Nun hat kaum ein spiritueller Denker durch die publizierten Vorträge ein derart umfassendes Werk wie Rudolf Steiner hinterlassen- ein Werk, das schon vom Umfang her für den Einzelnen kaum zu bewältigen ist. Nur allzu leicht wird die „Dynamis des Geistes“ eben durch diese Inhalte des Werkes, aber auch durch eine unkritische Verehrung dessen, der dergleichen geäußert hat, verhindert. Selbst wenn diese Fallgrube umgangen wird, führt die Bearbeitung des Werks häufig zu einer Metadiskussion esoterischer Inhalte- nicht selten auf hohem abstraktem Niveau. Andererseits verhindern die Vorstellungen darüber, wie „spirituelle Erfahrung“ auszusehen hat, den eigenen realen Erfahrungen zu vertrauen oder sie überhaupt als solche zu erkennen. So entwickelt sich die häufig beklagte typisch anthroposophische Second-Hand-Spiritualität aus geliehenen Vorstellungen oder - in einer Art Salto mortale- eine aufgepfropfte Esoterik, die sich zwar der anthroposophischen Nomenklatur bedient, ihre Quellen aber ganz anderen Richtungen entlehnt. Manchmal entwickelt sich auch eine seltsame Dogmatik, die sich vor allem in der Ablehnung von Erfahrungen Anderer aufbaut und auf eine vorgebliche „Reinheit der Lehre“ pocht.

Die Freiheit, jenseits von Dogmatik, „Inhalten“ und wie auch immer gearteten Vorstellungen dort zu gründen, wo das Denken „noch nicht an ein Objekt“ (Scaligero) gebunden, noch namenlos und formlos sich selbst erfährt, versickert in diesen Fallgruben allzu leicht. Die „Verwirklichung seines Seins, das eins ist mit der Welt“, ist einem Denken, das bereits mit Erwartungen und Vorstellungen besetzt ist, fast unmöglich.

Wenn man Anthroposophie in dieser Hinsicht etwas vorwerfen mag, ist es eben ihre Fülle. Aus ihr muss sich der, der es mit ihr ernst meint, in gewisser Weise auch heraus arbeiten, um sich zu emanzipieren. Der Beginn setzt an einem individuellen Nullpunkt an, an dem „Inhalte“ und Determinationen schweigen.
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Natur & Geist

„Obwohl das reflektierte Denken als denkendes Denken alles zu denken vermag, hat es dennoch nicht die Kraft, den Menschen aus den Fesseln der Natur zu lösen, um sie endlich erkennbar zu machen. Solange sie aber nicht erkannt wird, ist sie nur die falsche oder niedere Natur: so dass der Schmerz, an ihr zu haften und ihr unterworfen zu sein, ausgestanden werden muss.

Aber für das Denken ist es unvermeidbar, an der Natur zu haften, denn nur dadurch kann es das gewöhnliche, gespiegelte Denken sein. Seine innerste Kraft entwickelt es jedoch erst in der Überwindung und Erlösung der Natur, wenn es sich selbst als die Macht erkennen lernt, die der Natur präexistiert.“

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Massimo Scaligero, Traktat über das lebende Denken, S. 65
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Thomas Reinsperger: Nachtodliches Leben und Reinkarnation in Buddhismus und der Anthroposophie

ganesh

„Ich berufe mich auf meine Notizen von obigem Vortrag und auf den im Internet veröffentlichten Artikel: „Was geschieht, wenn wir sterben“ von Geshe Pema Samten, übersetzt von Oliver Petersen.

Der Sterbevorgang beginnt schon in den letzten Tagen des irdischen Lebens. Die vier Elemente die den menschlichen Körper bilden, beginnen sich schon zu Lebzeiten aufzulösen. Damit sind die alten Elemente Erde (das Feste), Wasser (das Flüssige), Feuer (die Wärme) und Luft, Windenergie (das Bewegende) gemeint.

Das Erdenelement löst sich in das Wasserelement auf, der Sterbende nimmt in einer Art Fata Morgana wahr, als ob Sommerhitze auf einer Straße flimmern würde und seine Kraft lässt nach. Das Wasserelement löst sich dann in das Feuerelement auf, der Sterbende nimmt eine innere Erscheinung von Rauchschwaden wahr, er hört nicht mehr gut und seine Körperflüssigkeiten trocknen aus. Löst sich das Feuerelement im Windelement auf, nimmt der Sterbende das innerlich als „Glühwürmchen“ oder Funkenflug war. Der Körper wird kälter und die Verdauungsfunktion fällt aus. Zuletzt löst sich das Element des Windes in das Element des Bewusstseins auf. Der Sterbende nimmt dies als ein flackerndes Kerzenlicht war. Er kann sich jetzt nicht mehr bewegen, die fünf Sinnesorgane funktionieren nicht mehr. Die Atmung setzt aus. Hier würden die Ärzte nun den Hirntod diagnostizieren. Die geistige Sinneskraft bleibt aber in subtiler Form erhalten und lässt den Sterbenden innere Visionen erscheinen.“

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Rudolf Steiners Einflüsse auf Kunst und Design

Von Regina Reinsperger

wolfsburg
In Kürze wird es eine Ausstellung des Vitra Design Museums in Weil am Rhein in Kooperation mit dem Kunstmuseum Wolfsburg und dem Kunstmuseum Stuttgart geben. Das Kunstmuseum Wolfsburg präsentiert vom 13. Mai bis 3. Oktober 2010 die Ausstellung: „Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags“ und zeitgleich die Ausstellung „Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart“. Die Ausstellung wird dann vom 5. Februar bis 22. Mai 2011, also im Gedenkjahr zum 150. Geburtstag Rudolf Steiners im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen sein und ab November 2011 im Vitra Design Museum.
Das Vitra Design Museum schreibt in seiner Ausstellungs-Ankündigung folgende lesenswerte Zeilen:

„ Rudolf Steiner gilt als einer der einflussreichsten und zugleich umstrittensten Reformer des 20. Jahrhunderts. Er gründete die Waldorf-Schulen und trat für ein ganzheitliches Menschenbild ein, das heute in vielen Formen unseren Alltag prägt – ob in Biokosmetik, einem gesteigerten Umweltbewusstsein oder in Produkten aus biologisch-dynamischer Landwirtschaft. Steiner inspirierte Künstler wie Piet Mondrian, Wassily Kandinsky oder Joseph Beuys, gilt als Begründer der „organischen Architektur“ und entwickelte selbst im Möbeldesign eine einzigartige Formensprache. Mit der Ausstellung „Rudolf Steiner-Alchemie des Alltags“ hat das Vitra Design Museum die erste große Retrospektive über diesen universellen Denker und Künstler realisiert.“

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Das Wabern im globalen Dorf

lucy
Quelle des Bildes

Vielleicht ist es Zeit, sich einmal wieder mit dem frühen Theoretiker Marshall McLuhan zu beschäftigen, der klug, aber etwas drastisch angesichts der neuen elektronischen Medien über deren Einfluss auf den Menschen gedacht hat. Für ihn fand die elektronische Revolution schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts statt, eine Revolution („For the past 3500 years of the Western world, the effects of media — whether it’s speech, writing, printing, photography, radio or television — have been systematically overlooked by social observers.“), die eine schockartige, unkontrollierte und unmittelbare Erweiterung der menschlichen Sinne und Kommunikation mit sich bringen würde, aber auch die Gefahr einer kollektiven und globalen Gleichschaltung.

Das Ganze ist inzwischen - 50 Jahre später- zwar tatsächlich eingetreten- einschließlich der Gleichschaltung via globaler kultureller Events, TV- Shows und Internet- Medien, hat aber doch nicht zu dem kollektiven Identitätsverlust geführt, den McLuhan befürchtet hatte: „In the past, the effects of media were experienced more gradually, allowing the individual and society to absorb and cushion their impact to some degree. Today, in the electronic age of instantaneous communication, I believe that our survival, and at the very least our comfort and happiness, is predicated on understanding the nature of our new environment, because unlike previous environmental changes, the electric media constitute a total and near-instantaneous transformation of culture, values and attitudes. This upheaval generates great pain and identity loss, which can be ameliorated only through a conscious awareness of its dynamics. If we understand the revolutionary transformations caused by new media, we can anticipate and control them; but if we continue in our self-induced subliminal trance, we will be their slaves.“
Aber die Abhängigkeit des Menschen von diesem Medium ist- auch in wirtschaftlicher Hinsicht- heute mehr und mehr eine Tatsache. Die Grundgedanken McLuhans sind hier in einem Interview mit dem Playboy nachzulesen- eine Vision aus dem Jahr 1969.

Natürlich ist die Erweiterung der Sinne und des Leibes durch diese Medien heute festzustellen, die McLuhan so beschrieb: „Alle Medien sind Ausdehnung menschlicher Fähigkeiten – seien sie psychisch oder physisch. – Das Rad ist eine Ausdehnung des Fußes. Das Buch ist eine Ausdehnung des Auges, Kleider sind eine Ausdehnung der Haut, die Medien unserer Zeit sind eine Ausdehnung des Zentralnervensystems. Indem Medien die Umwelt verändern, schaffen sie in uns eine ganz bestimmte Konstellation sinnlicher Wahrnehmung. Die Ausdehnung nur eines Sinnes verändert die Art, wie wir denken und handeln, die Art, wie wir unsere Körper wahrnehmen. Wenn diese Verhältnisse sich wandeln, wandelt sich der Mensch.“ (Quelle Blogpiloten) Aber der Mensch wandelt sich nicht nur, er integriert auch die neuen Fähigkeiten. Vor allem ändert sich auch die Verantwortlichkeit des Einzelnen. Die aktuelle Katastrophe in Haiti mobilisiert durch die Medien ein globales Gefühl dafür, verantwortlich zu sein. Das gilt aber nicht unbedingt für den Obdachlosen, der Tag für Tag vor dem Bäcker sitzt, bei dem ich meine Brötchen hole. Der ist halt noch nicht medial präsentiert und vermarktet.

Es sind nicht nur die integren Berichte über Katastrophen in aller Welt, nicht nur die musikalischen Mega- Events, nicht nur die grassierenden Gerüchte und albernen Verschwörungstheorien, die durchs Internet wabern, was in diesem Zusammenhang auch einen Bezug zu Rudolf Steiner herstellt. Ich finde dieses seltsame - von Regierungen uniform gepuschte - Angstsyndrom so auffällig, sei es nun vor Klimakatastrophen oder vor Hühner-, Schweine- und Ziegengrippe- Epidemien. Gerne und breit werden Untergangsszenarien aller Art verbreitet. Vielleicht illustriert so etwas Rudolf Steiners mehrfach und drastisch geäußerte Bedenken vor der von ihm so genannten „Öffentlichen Meinung“: „Die öffentliche Meinung ist weniger wert, als was sich der einzelne als Meinung, wenn er fortschreitet, erringen kann. Sie ist untermenschlich.“ (GA 141, Seite 134).

Hier, meint Steiner, sind die Dämonen der heutigen und künftigen Zeit wirksam. Das „globale Dorf“ (ein Begriff von McLuhan) wird heute von Szenarien durchwabert, deren negative Energien er „luziferische“ nennt: „Und sie wirken in einer verschwommenen, durcheinanderflutenden Gedankenmacht der öffentlichen Meinung. Man versteht auch die Funktion der öffentlichen Meinung nur, wenn man weiß, dass sie in dieser Art in die Menschheit hineinkommt.“ (GA 141, Seite 128). So weit muss man natürlich nicht gehen. Man kann es durchaus dabei belassen, die drohende Uniformität im globalen Dorf, die durch weltweite, manchmal gut gemeinte Kampagnen angestossen wird, mit Interesse und einiger Verwunderung als die Schattenseite des heute technisch möglichen globalen Dialogs zu betrachten.
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Regina Reinsperger: Im Lichte der Aufmerksamkeit: der Blick aus dem Fenster

Die erste Hälfte der Überschrift ist eine Redewendung, die jedem von uns bekannt ist und im Folgenden möchte ich einige praktische Gedanken zu „Licht“ und „Aufmerksamkeit“ darstellen. Dass der Tag hier bei uns hell ist und die Nacht dunkel, ist eine Lebenstatsache über die man nicht diskutieren muss. Wir bemerken auch, ob die Sonne scheint oder nicht, ob es regnet, schneit oder stürmt und wenn es tagelang trübe ist, stöhnen wir über diese relative Dunkelheit und vermissen die Sonne. Aber beobachten wir auch intime Natur- und Lichtverhältnisse?

Die Maler aller Jahrhunderte haben uns das vorgemacht, es ist äußerst interessant, ihre Bilder unter dem Gesichtspunkt der malerischen Behandlung des Lichtes zu betrachten: zu entdecken, wie differenziert das Licht dargestellt werden kann. Ich denke da zum Beispiel an Rembrandt, El Greco, die Romantiker und Italienreisende des frühen 19. Jahrhunderts, William Turner, Caspar David Friedrich und später die Impressionisten. Bei Vincent van Gogh kann man anhand seines Lebenswerkes die Schritte von der herkömmlichen „Akademiemalerei“ zu seinen wunderbaren, farbigen und lichtdurchfluteten Bildern verfolgen. Auch bei Künstlern im Umfeld des „Blauen Reiters“ in München ist das möglich. Alexei Jawlensky war einer dieser Künstler.

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Der selbstverliebte Mystiker

„Ein gut Teil Egoismus über dieses Leben hinaus kann uns so aus der Geisteswissenschaft erwachsen, und darin liegt eine Gefahr. So kann es geschehen, dass die in der Seele zu unrecht aufgefasste Geisteswissenschaft eine Versucherin werden kann, das ist die Verlockung der Geisteswissenschaft. Sie liegt in ihrem Wesen. (..) Wir können also beobachten, dass die Liebe auftritt zu etwas, was in uns selber ist.
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Der Mensch hat vielfach versucht, den Impuls der Liebe zu etwas, was in uns selbst ist, in einem höheren Sinne zu überbrücken. Wir finden zum Beispiel bei Mystikern das Bestreben, den Trieb der Selbstliebe im Sinne der Liebe zur Weisheit zu entwickeln und diese in einem schönen Licht erstrahlen zu lassen. Sie versuchen durch Vertiefung in das eigene Seelenleben in sich den Gottesfunken zu finden, ihr höheres Selbst als diesen Gottesfunken zu empfinden. (...)

Man interpretiert es nun so, weil man sich geniert, sich einzugestehen, dass man es doch nur selbst ist, dieser Geistessame.“

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Rudolf Steiner, Die Liebe und ihre Bedeutung in der Welt, Zürich, 17. Dezember 1912
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Sich mit den Fehlern des anderen Menschen liebevoll zu befassen

„Dasjenige, was der Menschheit einzig und allein Heil bringen kann gegen die Zukunft hin – ich meine der Menschheit, also dem sozialen Zusammenleben -, muss sein ein ehrliches Interesse des einen Menschen an dem anderen. Dasjenige, was dem Bewusstseinsseelen – Zeitalter besonders eigen ist, ist Absonderung des einen Menschen vom anderen. Das bedingt ja die Individualität, das bedingt die Persönlichkeit, dass sich innerlich ein Mensch von dem anderen absondert.

Aber diese Absonderung muss einen Gegenpol haben, und dieser Gegenpol muss in dem Heranzüchten eines regen Interesses von Mensch zu Mensch bestehen. Sie finden unter den elementarsten Impulsen, die angegeben werden (zur Geistesschulung), die Entwicklung einer Gesinnung zur Positivität. Die meisten Menschen der Gegenwart werden geradezu mit ihrer Seele umkehren müssen von ihren Wegen, wenn sie diese Positivität entwickeln wollen, denn die meisten Menschen haben noch nicht einmal einen Begriff von dieser Positivität.

Sie stehen von Mensch zu Mensch so, dass sie, wenn sie an anderen Menschen etwas bemerken, das ihnen nicht passt – ich will gar nicht sagen, das sie tiefer betrachten, sondern das ihnen von oben her betrachtet, ganz äußerlich betrachtet, nicht passt -, so fangen sie an abzuurteilen, aber ohne Interesse dafür zu entwickeln. Es ist im höchsten Grade antisozial für die zukünftige Menschheitsentwicklung, solche Eigenschaften an sich zu haben, in unmittelbarer Sympathie und Antipathie an den anderen Menschen heranzugehen.

Dagegen wird die schönste, bedeutendste soziale Eigenschaft der Zukunftsentwicklung sein, wenn man gerade ein naturwissenschaftliches , objektives Interesse für Fehler anderer Menschen entwickelt, wenn einen die Fehler anderer Menschen viel mehr interessieren, als das man sie versucht zu kritisieren. Denn nach und nach…wird sich der eine Mensch ganz besonders immer mehr und mehr mit den Fehlern des anderen Menschen liebevoll zu befassen haben.“

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Aus: Rudlof Steiner, „Geschichtliche Symptomatologie“ GA 185, Seite 96ff.
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Ingrid Haselberger: Von Angesicht zu Angesicht

Eigentlich hatte ich vor, die Gedanken Georg Kühlewinds zum ersten Brief des Paulus an die Korinther in meinen eigenen Worten zusammenzufassen.
Doch ich habe mich dagegen entschieden. Denn ich möchte allen, die hier mitlesen, nicht nur die Möglichkeit geben, die hier entwickelten Gedanken in logischer Folge nachzuvollziehen, sondern auch die „Melodie“ wahrzunehmen, die in der Art liegt, wie Georg Kühlewind zu seinen Seminarteilnehmern spricht.

Ich zitiere also aus dem einleitenden Vortrag des Seminars „Kunst und Erkennen“, das Georg Kühlewind vom 9.-12.September 2005 in Baruth gehalten hat:

„Sehr verehrte Anwesende,

seit vielen Jahren – ich kann gar nicht sagen, wie vielen – befassen wir uns hier in einer kleinen Gruppe mit der Frage „Kunst und Erkennen“. Ich glaube, wenn wir noch so langlebig wären, könnten wir dieses Thema nie abschließen, weil es Tiefe hat.
[…]
Also ganz kurz gesagt: Unser Alltagsbewusstsein hat zwei Charakteristiken, wenn man darauf schaut. Und das ist auch sehr merkwürdig, dass wir das können. Wir können darauf, wie unser Bewusstsein arbeitet, einen Blick haben. Das ist eine sehr interessante Sache. Denn: Was für ein Bewusstsein ist das dann, das charakterisieren kann, wie das Alltagsbewusstsein arbeitet? Diese Frage lassen wir jetzt offen. Jedenfalls kann man auf das Bewusstsein blicken, und wenn wir das tun, können wir feststellen, dieses Alltagsbewusstsein hat zwei Charakteristika: Es ist dualistisch, und es ist diskontinuierlich.

Konfrontiert mit der Welt oder mit der eigenen Vorstellung?

Dualistisch heißt, wir leben in der Überzeugung, dass ich hier bin, und die Welt ist dort. Sorgfältig voneinander getrennt. Das ist auch die Sichtweise der Naturwissenschaft. Und es ist auch ein Erfordernis der Wissenschaft, dass die Objekte, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigt, unabhängig sein sollen von mir als Betrachter; also von meiner privaten Sympathie und Antipathie absolut unberührt.
[…]

Stückwerk: Diskontinuierliches Erkennen

Und das andere ist, dass dieses Bewusstsein diskontinuierlich ist. Das kann man daran sehen, dass wir vereinzelte Dinge wahrnehmen und den Zusammenhang zwischen diesen Dingen nicht durch unsere Sinneswahrnehmung erfahren, sondern durch das Denken. Das Denken konstruiert auch in der Wissenschaft Zusammenhänge zwischen Dingen, die nur ganz unabhängig voneinander erscheinen. Zum Beispiel: ich sehe jetzt diesen Schirm, diesen weißen Sonnenschirm, und daneben sind Stühle. Dass die irgendwie zusammenhängen könnten, das sehe ich nicht. Wenn ich nachdenke, ja dann sage ich schon, jemand hat das Arrangement gemacht, deshalb stehen sie jetzt so, wie sie stehen. Aber das sehe ich nicht. Das muss ich mit dem Denken ergänzen, und das heißt diskontinuierlich.
[…]

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Software AG Stiftung

Einer der grossen Geldgeber vieler freier, vor allem anthroposophischer Initiativen in Behinderten- und Altenarbeit, in Jugendhilfe, Förderung alternativer Wissenschaft, Medizin, Landwirtschaft und Umweltschutz ist die Software AG Stiftung. Deren Begründer, Peter M. Schnell, heute 71 Jahre alt, hatte vor 40 Jahren mit zwei Kollegen die Software AG gegründet, mit wenig Geld, aber einigen Software- Patenten. Heute ist dieses Unternehmen milliardenschwer und beschäftigt (FAS, 13.12.2009, Nr. 50, S. 49, „Asien bringt Pepp ins Portfolio“) 2000 Mitarbeiter.
Peter M. Schnell, der Anthroposoph und laut FAS Vater von zwei behinderten Kindern ist, hatte seine Anteile am Unternehmen schon 1992 fast vollständig in die Stiftung eingebracht, damit mit den „erheblichen Vermögenswerten heilsam in der Welt umgegangen“ (FAS, dito) werden könne. Sich „mit Hunderten Millionen Euro ein bequemes Leben“ zu machen, fände Schnell „schrecklich fad“.
Der Vermögensberater der Stiftung, Andreas Rachor, erwirtschaftet für die gemeinnützigen Zwecke jährlich 25 Millionen Euro- eine nahezu konstante Rendite, „abgesehen vom Horrorjahr 2008“. Im Gegensatz zu der Geschäftspolitik der Banken lehnt Schnell im Namen der Stiftung „Derivate ab, also abstrakt konstruierte Geldprodukte“ (FAS, dito). Diese Haltung hat sich in der Finanzkrise bewährt. Die Stiftung bewahrt in ihrer Anlagepolitik auch andere ethische Vorbehalte- „Wir investieren nicht in Rüstung, nicht in die Tabakindustrie, nicht ins Glücksspiel“. Die Unterstützung des biologisch- dynamischen Landbaus verbietet natürlich auch Investments in Richtung Gentechnologie. Im Portfolio finden sich dagegen sehr wohl Aktien von BP, Total, Danone und Unilever, aber auch RWE. Trotz vieler Unkenrufe investiert die Software AG Stiftung in Aktien aus Asien, auch in Banken in Indien und Hongkong.

Projekte und Initiativen, die eine Förderung wünschen, können sich bei der Stiftung hier bewerben. 2007 hatte die Stiftung darüber nachgedacht, neben ihrem Engagement in der Kunsthochschule Alfter, „die deutsche Privatuniversität Witten/Herdecke zu übernehmen.“ (Quelle) Heute ist sie einer der wichtigsten Gesellschafter der freien Universität (Quelle) und hat damit deren Insolvenz vermieden.
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Hans-Peter Dieckmann: Melodie und Stille

Ich war mir nicht sicher, ob das Niveau von Georg Kühlewinds Büchern gewahrt bleiben würde, als die Nachschrift eines von ihm im Jahr 2005 gehaltenen Seminars unter dem Titel “Melodie und Stille“ (Verlag Freies Geistesleben) im Dezember des vergangenen Jahres erschien. Doch zu dieser Veröffentlichung heißt es in den Anmerkungen: “Der Originaltext der Aufzeichnung wurde für die Buchveröffentlichung an wenigen Stellen gekürzt sowie, bei weitestmöglicher Wahrung des authentischen Tones, im Sinne der Lesbarkeit und Verständlichkeit sprachlich bearbeitet.“ Das ist sehr gut gelungen. Mit den Einschränkungen, die sich aus der gedruckten Form ergeben, liegt nun etwas von der anregenden Lebendigkeit der Seminare Georg Kühlewinds vor. Wie zum bestimmt unbeabsichtigten Vermächtnis leuchten in “Melodie und Stille“ noch einmal viele seiner großen Themen zur Einheit verwoben auf: seine Aufmerksamkeitsschulung mit seiner spirituellen Erkenntnistheorie, Psychologie und Linguistik als Bahnen zum Logos, zur Leere und zur Kunst. So sehr Georg Kühlewind Ausführungen etwa von Rudolf Steiner, von (auch modernen) Zen-Meistern und Anstöße aus der Kunst verarbeitet hat und in diesem Seminar mit vielen biographischen Bezügen darstellte, war er immer unverwechselbar und kreativ er selbst.

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Ingrid Haselberger: Offener Brief an Holger Niederhausen

Lieber Holger,

offensichtlich lesen Sie hier mit, also möchte ich mich jetzt einmal direkt an Sie wenden (und hoffe, unser Gastgeber Don Michele hat nichts dagegen).

Ich finde viele Ihrer Gedanken ganz richtig.
Ich möchte zum Beispiel aus Ihrem letzten Aufsatz herausheben:
„Es geht im Grunde nicht darum, was der Einzelne beim Nachdenken einer Unwahrheit erlebt, sondern was mit dieser Unwahrheit gewissermaßen der Wahrheit an sich angetan wird.“
Ja. Sie versuchen in Ihren Aufsätzen, das bemerke ich deutlich, der „Sünde wider den Heiligen Geist“ (Matthäus 12,31) entgegenzutreten. Das ist Ihnen ein Herzensanliegen, und das findet meine Zustimmung – und einen Widerhall in meinem Herzen.

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Tom Mellett: Christmas Mood


Auf dieser Seite kannst du die Versen des Seelenkalenders paarweise nach ihren jeweiligen Polaritäten sortiert sehen. Wie läuft diese Polarität?

   St.John's ---------->  12- 13
                                 9     15 <------(polar verse)
                                6       19
                                  3    23
       Easter------------> 1- 26 <------ Michaelmas
                                 27 - 52
                                29     49
                               32       45
                                34     42
  Christmas----------> 38- 39
                (this week's verse)

Es gibt eine gleichzeitige Vorwärtsbewegung und Rückwärtsbewegung. Z.B. bewegen Die Verse  1,2,3 . . .  während die entsprechenden Polarvers laufen in Reihenfolge 52,51,50 . . .   Um die Nummer zu rechnen, summiert sich jeder Vers mit seinem Polarvers zu 53.
 
Z.B. Im Weihnachtsvers 38 ist der Polarvers 15.  Im folgenden stelle ich die Verse nebeneinander.

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Weihnachten

eis

„Im Winter aber, wenn die Schneedecke sich über die Erde breitet, wenn die vegetative Tätigkeit schlummert, da wissen wir, dass die höchsten göttlichen Wesenheiten, die da schaffend, wirkend, webend sind im kosmischen All, dass diese um uns sind, dass das höchste göttliche Leben, göttliches Bewusstsein in der Erde wirkt. So ist es, wenn es Winter ist, nicht, wenn es Sommer ist. Daher hat jenes alte Bewusstsein überall, wo es tätig sein konnte, jenes Fest, das andeuten soll, dass der Mensch sich vereinigt fühlt mit dem Geistigen der Erde, das Weihnachtsfest, in die Mitte des Winters gelegt.“

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Rudolf Steiner, GA 143, Seite157f
Fotolink
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Grüsse vom Großen Hüter

In einer privaten Email hat Hermann Keimeyer mich vor drei Wochen gefragt: „Wollen Sie auch darüber Witze machen?“. Denn immerhin geht es inhaltlich um die „Sonnenaura der 12 Christusmächte um und in unserer Mutter Erde.“ Leider muss ich als Entgegnung auf die Frage gestehen: Ja, ich will.

Zu Beginn möchte Hermann Keimeyer uns zunächst seine komplizierten privaten Verhältnisse erläutern, indem er darlegt: „Eine Eingebung des Großen Hüters an den Schreiber Hermann Keimeyer, gewidmet seinem neuen Dual., jetzt seit 2009 ist seine Ehefrau Irene, seine "Neue Dualseele" - man kann mehrere " Neue Dualseelen" haben, und wenn sie eine solche sein will, kann dies auch Gudrun Gundersen, werden - die mit vielen Beiträgen in den Webseiten hier vertreten ist .- Dualseelenschaft bedeutet nach Goethe einfach Seelenverwandtschaft.“

Ach so. Das ist praktisch, wenn man mehrere Dualseelen um sich versammeln kann, vor allem wenn es sich um Ehefrau und Freundin handeln sollte. Würde ich meine Frau als „Dualfrau“ bezeichnen, würde sie das verständlicherweise mit Misstrauen erfüllen. Aber insgesamt ein geschickter Schachzug von Herrn Keimeyer, um dem zu erwartenden Ärger halbwegs aus dem Weg zu gehen.

Nach diesem Präludium geht Herr Keimeyer gleich auf alle drei Widersachermächte ein, nämlich „des Teufels, des Satans und des zweihörnigen Tieres - die alles vernichten wollen..“ Offensichtlich sind es diese Widersachermächte, die Herrn Keimeyers private Verhältnisse unterminieren wollen. Er aber versichert sich, damit alles gut geht, gleich der 12-fachen Christuskraft: „Verbinde Dich mit Deinem Neuen Dual in geistiger Arbeit und Meditation und sei Dir bewußt, und das gilt für alle Menschen, daß wir, die 12 Christuswesen, rund um und in dieser unserer Mutter Erde - im Zusammenwirken mit den im Dreifaltigkeitsartikel hier , erwähnten Milliarden und aber Milliarden mikro - und makrokosmischen Engel - Götter - Wesen, von Angeloi bis Seraphim , Sonnenauren riesigen Ausmaßes geschaffen haben, Auren, die n u r durch übersinnliche Wahrnehmung erkennbar sind , die aber bei jeder Meditation michaelischer Art auch im übersinnlichen Herzen gefühlt werden können (...), damit auch diese unsere Mutter Erde einmal Sonne werden kann.“ (Aus Erbarmen für unsere Leser habe ich etwa die Hälfte gekürzt)

Im weiteren Verlauf erläutert Herr Keimeyer weitschweifig, „daß wir also von unten aus den Erdentiefen dauernd mit Licht - Wärme - Lebens - Kräften bestrahlt werden“, was wir gerne zur Kenntnis nehmen, auch wenn uns diese „Grosse Sonnen - Geistes - Licht - Wärme - Farben - Tönende - Leben - Spendende - Auren“ bisher nicht bekannt waren. Herr Keimeyer, nach eigenem Bekunden „einer der geringsten Schüler der weißen Meister“, hat eine Reihe prominenter Fürsprecher, z.B. „Meister Jesus ( identisch mit Rudolf Steiner), Chr.Rosenkreuz, Maria unter dem Kreuz (identisch mit Marie Steiner, ihr Mysterienname ist Maria Logos)“, aber auch „Gautama Buddha, und Melchisedek (dem Führer des Sonnenorakels der Alten Atlantis, dem Begründer der Gralsmysterien, und der Tafelrunde von König Athurs) , weiter mit dem Ur - Michael, und dem Throne Christus“. Dagegen kommen wir natürlich nicht an, denn wir haben als Referenzen eigentlich überhaupt niemanden.

Dafür haben wir aber immerhin eine aktuelle Postkarte von Doktor Steiner erhalten, die wir Herrn Keimeyer und unseren Lesern nicht vorenthalten wollen:
weihnsteiner
Natürlich kommen unsere empfangenen Botschaften nicht so an wie „diese Imagination begleitende kosmischen Intuition“ Herrn Keimeyers. Aber wir müssen ja auch nicht die tobenden Dualseelen Irene und Gudrun beruhigen.
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Das Unsterbliche


„Der Mensch lebt zwar zwischen Geburt und Tod durchaus in dem, was in ihm sterblich ist, was in seinem Wesen vergänglich ist. Und man möchte sagen: nur leise und intim tritt auf dasjenige, was im Menschenwesen unsterblich ist, tritt der unsterbliche Teil zutage.

Ja, man kann sagen, so leise und intim tritt dieses Unsterbliche auf, dass im gewöhnlichen Leben die menschliche Seele nicht die Kraft, die Ausdauer, vor allen Dingen aber nicht in einem höheren Sinne entwickelte Aufmerksamkeit genug hat, um zu beobachten, was sich da intim und leise als das Unsterbliche in ihr ankündigt.“

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Rudolf Steiner, GA 64, Seite 259
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Hans-Peter Dieckmann: Erkenntnis und Selbstbestimmung

orange

Gewöhnlich kommen wir denkend zu Erkenntnissen, aus reinem Nachdenken mit oder ohne Beobachtungsbezug. Sollte man meinen, oder? Ich finde zumindest, das wäre angebracht, denn wir wissen ja was für Urteile entstehen, wenn wir uns durch Emotionen oder zum Beispiel Begehren beeinflussen oder regelrecht hinreißen lassen. Denkend orientiert man sich mehr am Thema und bleibt beweglicher, eben weil man das Thema in den Mittelpunkt stellt und nicht sich selbst mit seinen Vorlieben. Dabei verstehe ich unter Denken noch kein meditatives Denken, sondern einfach ein alltägliches Denken, bei dem es um sachliche Klärungen geht. Selbst wenn dieses Denken keine spirituellen Erkenntnisse berücksichtigt, betätigt es sich bereits im übersubjektiven Geist und kommt ihnen damit entgegen. Zu Änderungen des Verhaltens führen seine Erkenntnisse allerdings nur, wenn sie durch Fühlen und Wollen eine genügende Zustimmung erfahren, die beim Streben nach Objektivität aber schon auf die Bereitschaft gestimmt sind, Erkenntnisse in Taten umzusetzen.

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Ich hatte einen Traum..

Ich hatte einen Traum.. Ich wollte mich selbst erkennen.. und ich erkannte mich.

anthroposophie
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Regina Reinsperger: "Ralf Sonnenberg (Hrsg.): Anthroposophie und Judentum"

sonnenberg
Unter diesem Titel erscheint in den nächsten Tagen ein 160 Seiten Band in der Schriftenreihe „Kontext“ des info 3 Verlages mit Beiträgen diverser Autoren. Herausgeber ist Ralf Sonnenberg, von dem bereits ein profunder, ausgewogener und sachlicher Beitrag auf den Egoisten-Seiten zu finden ist (siehe unter Autoren).

Sonnenberg, geb. 1968, war von 2001 bis 2007 Mitglied der Redaktion der anthroposophischen Kulturzeitschrift „Die Drei“. Er ist studierter Historiker und Religionswissenschaftler und lebt heute in Berlin. Seine Kompetenz in dem schwierigen und heiklen Thema hat er bereits mit einem Beitrag in dem führenden deutschsprachigen Publikationsorgan des Zentrums für Antisemitismusforschung bewiesen. Im „Jahrbuch für Antisemitismusforschung“ das von Professor Wolfgang Benz herausgegeben wird, erschien 2003 ein Beitrag von Ralf Sonnenberg, der jetzt von ihm überarbeitet und unter der Überschrift „…ein Fehler der Weltgeschichte? – Rudolf Steiners Sicht des Judentums zwischen spiritueller Würdigung und Assimilationserwartung“ in das Buch aufgenommen wurde.

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Solche & solche

Seit Rudolf Steiners Lebzeiten besteht eine der liebsten Beschäftigungen von Anthroposophen darin, sich oder Andere bestimmten Strömungen zuzurechnen. Steiner selbst hat das zum Zwecke der Selbsterkenntnis, eines gedeihlichen, verständnisvollen Zusammenwirkens und einer Integration spezieller Richtungen höchstselbst angeregt. Auch das hat nicht geklappt. Auch Florin Lowndes („Die Belebung des Herzchakras“) hat das vor kurzem wieder versucht. Seine Bücher und Kurse gehören sicherlich zu dem Intimeren, was man in anthroposophischen Kreisen studieren kann. Man sollte sich nicht von seinem Hang zu tabellarischen Auflistungen und einer Systematisierung des Schulungsweges abhalten lassen. Seine Bemühungen (auf die ich gern hier noch eingehen werde), sind substanziell; die Verbindungen, die er erschafft - etwa zwischen den Figuren des Agrippa, eurythmischen Stellungen, Mantren- Zeilen, klassischen Chakren und „Nebenübungen“ Steiners- können, wenn man ihnen folgt, ganz neue Einblicke ergeben, vor allem für die meditative Arbeit. Ich weiss nicht, ob Lowndes bewusst ist, dass auch seine Kurse von manchen Teilnehmern wieder mit albernen exklusiven Wohlfühlschaudern bedacht werden- aber das ist nun einmal die anthroposophische Krankheit, alles mögliche mit Bedeutsamkeit und Exklusivität aufzuladen statt einfach zu arbeiten. Ich möchte das auch nicht verallgemeinern, aber es ist eben ein klassisches Problem.

Lowndes selbst unterscheidet zwischen zwei anthroposophischen Strömungen. Die erste führt über das Studium der „Mitteilungen der Geisteswissenschaft“- also über das esoterische Werk Steiners- als „ein durchaus sicherer“ (Steiner, GA 13) allmählich „in das sinnlichkeitsfreie Denken“ (dito). Es besteht also bei diesem Studium die Gewähr, dass diese Wege quasi schon gegangen worden sind. Lowndes scheut sich nicht, dafür Begriffe wie „Nachahmen“ und „Gewöhnen“ zu verwenden: „Wenn er auch die Beobachtungen in der geistigen Welt nicht selbst gemacht hat- das hat der Verfasser der Mitteilungen getan-, gelangt er durch diese nachahmende Denktätigkeit doch tatsächlich in das sinnlichkeitsfreie Denken.“ (Lowndes, S. 188). Der Weg zum eigenen Schöpfertum ist allerdings, wie man in den letzten hundert Jahren beobachten konnte, mit unselbständigen, traditionellen und wortgläubigen Jüngern gepflastert, die rechthaberisch ihre Standpunkte und Verortungen verteidigen. Es ist offensichtlich schwer, sich in der Masse und Wucht des Steinerschen Gesamtwerks frei zu schwimmen. Die Gefahr ist groß, dass der Jünger an den bloßen Inhalten kleben bleibt und die schöpferische „Kraft des Geistes“ (Lowndes, S. 189) lediglich postuliert.

Der zweite Weg verzichtet auf das so gemeinte „Studium“ und nimmt sich lediglich die „Philosophie der Freiheit“ vor. Über seine frühen philosophischen Schriften hat Steiner selbst bemerkt, dass, wer diese „auf seine ganze Seele wirken lässt, der steht schon in der geistigen Welt“. Diese schwierigen Werke waren in diesem Sinne für Steiner „ein sehr wichtiges Erziehungsmittel“ (GA 350). Man kann von einer unmittelbaren Erziehung des Willens im Denken dabei sprechen, von einem notwendigen Plastischwerden, was über die strenge Logik unmittelbar „das ätherische Denken“ (Lowndes, S. 193) schult: „Dieses Denken ist zugleich Wille; es ist zugleich willenshaftes Denken und denkender Wille“ (dito). Als Vertreter dieses zweiten, moderneren Weges könnte man zum Beispiel Georg Kühlewind und den späten (nach seiner politisch anrüchigen Lebensphase) Massimo Scaligero nennen. Es ist ein Irrtum zu glauben, dieser zweite Weg sei lediglich abstrakt und intellektuell. Das ist er nur, wenn es schief läuft. Wenn er in der Strenge des verwirklichten Denkwillens an neue Erfahrungen heran rührt, wird der Übende tiefere Felder und Ebenen des Seins erfahren:

„Die Logik des Denkens, das denkt, führt- in vollständiger Erfahrung- zur Intuition der Zeitlosigkeit und Körperlosigkeit des Denkens; d.h. zum lebenden Denken: eine Intuition, die jedoch nur ein Aufblitzen des lebenden Denkens ist, noch nicht sein Sein. Denn sein wirkliches Sein ist der Logos selbst. Von ihm geht es aus, ihm ist es im Verborgenen zugewandt: der immer bereit ist, sich dem Denken zu übergeben und in ihm - mit seiner Kraft, seiner Einheit, seiner ewigen Gegenwart- anwesend zu sein.“ (Massimo Scaligero, „Traktat über das lebende Denken. Ein Weg zur Überwindung der abendländischen Philosophien, des Yoga und des Zen“, S. 20)
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Tiefwinter

Ich bin ja jedes Jahr doch etwas darauf eingestellt und vorbereitet auf die speziellen Schwierigkeiten, die nach der Mitte des November entstehen und in der Adventszeit kulminieren. Ich meine damit gewisse Unwägbarkeiten, die unvermittelt aus Leuten, mit denen man im (Arbeits-) Zusammenhang steht, so heraus brechen können- manchnal in einer derart drastischen Art, dass man doch staunt. Hatten wir nicht eben noch einvernehmlich Absprachen getroffen- warum jetzt diese unverhältnismäßige Wut? Warum läuft eine Person, mit der man umzugehen hat, plötzlich offenkundig vor die Wand, schüttet ein Füllhorn von Attacken aus und redet sich um Kopf und Kragen? In der Zeit, wenn die Glöcklein an den Kränzen klingeln, werden nicht selten hektisch und sinnlos die Ellenbogen ausgefahren. Manchmal scheint die vorweihnachtliche vorgebliche Innigkeit wie eine Soße, die über dem nackten inneren Beben liegt. Natürlich sind nicht alle betroffen, natürlich sorgt man für Erklärungen: Depression wegen Lichtmangels, zum Beispiel. Vorweihnachtsstress.

Von Rudolf Steiner gibt es keine Erklärung, wohl aber eine Schilderung, die sich auf den antiken Menschen bezieht:

"Ebenso wie sich der Mensch in der Hochsommerzeit über sich hinausgehoben fühlte zu dem göttlich-geistigen Dasein des Kosmos, so fühlte sich der Mensch in der Tiefwinterzeit wie unter sich herunterentwickelt. Er fühlte sich gewissermaßen wie von den Kräften der Erde umspült, von den Kräften der Erde mitgenommen. Er fühlte so etwas, wie wenn seine Willensnatur, seine Instinkt- und Triebnatur durchsetzt und durchströmt wäre von Schwerkraft, von Zerstörungskraft und anderen Kräften, die in der Erde sind.

Das Frostige, das fühlen wir ja auch noch heute, denn das bezieht sich auf die Körperlichkeit, aber der alte Mensch fühlte seelisch als Begleiterscheinung des Frostigen das Dunkle, das Finstere. Er fühlte gewissermaßen, als ob sich überall, wo er ging, aus der Erde heraus das Finstere höbe und ihn wolkenförmig einschlösse, nur bis zur Körpermitte herauf allerdings. Er fühlte, wie wenn die Erde ihn in Anspruch nähme, wie wenn er umgarnt würde von den Kräften der Erde in bezug auf seine Willensnatur
." (GA 223, Seite 78f)

In diesem Zusammenhang spricht Steiner in bezug auf den tiefen Winter von einer regelrechten "Versuchung". Mag sein, dass uns das heute als übertrieben erscheint. Aber ein wenig antik sind wir, scheint mir, doch noch.
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Porträt

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"Einen Menschen seinem Ich nach unmittelbar, wie er in der Wirklichkeit drinnensteht, schildern, porträtieren, gibt keine Kunst. Der Künstler muß mit dem Ich einen Prozeß machen, wodurch er dieses Ich aus der Spezialisierung heraushebt, in der es heute im Erdenprozesse lebt, er muß ihm eine allgemeinste Bedeutung verleihen, etwas Typisches geben. Das tut der Künstler ganz von selber. Die Veränderungen, die da der Künstler vornimmt mit dem, was da ist, die sind ein gewisses Zurückführen zur Verlebendigung der Sinne."

(Rudolf Steiner, GA 170, Seite 150)
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Bjørneboe

teufel
Anthroposophie lebt ausschließlich durch die Menschen, die sie vertreten. Es gibt keinen Kanon von Grundannahmen. Wer sie als gegeben hinnimt, hat sie schon aus dem Auge verloren. Vertreten wird sie aber auch von allerlei Extremen. Man muss sich schon die Mühe machen, das für sich zu sortieren.

So macht Jostein Saether in seinem Artikel "Waren Jens Bjørneboe und seine anthroposophischen Freunde während der Naziokkupation von Norwegen zur Kollaboration bereit?" auf diesen Schriftsteller aufmerksam. Dessen Freund Bjerke, mit dem er in die Anthroposophische Gesellschaft eintrat, hatte zuvor Anthroposophie charakterisiert als "als ‚eine Mischung von östlichen Opiumsvisionen und westlichem Christentum, [...] als deutsch-tibetanische Gedankenverwirrung.“ Bjørneboe war in vielerlei Hinsicht ein labiler Typ, was ihn "in Depression, übertriebenem Alkoholverbrauch, (zu) destruktivem und selbstdestruktivem Handeln" (so ein neuer Biograf) trieb. Eben dieser Biograf stellt nicht nur Bjørneboe, sondern dessen anthroposophisches Umfeld schlechthin tendenziös als anti- sozialdemokratisch, deutschtümelnd und rechtslastig dar. Dabei war er von Anfang an in einer erheblichen Distanz zum anthroposophischen Mainstream dieser Jahre, für den vor allem galt: „Mit Rausch und Sexualität ist man in anthroposophischen Kreisen vorsichtig. Und als Bjørneboe ausbricht, kommt es teilweise als eine Folge der Drang, seine Sexualität auszuleben. Er war bisexuell, und seine sexuelle Praxis und das Alkoholkonsum machte es schwierig für ihn da drinnen zu bleiben“.

Wenn Bjørneboe sich kuturpessimistisch äußerte, hat er aber sicherlich stets von sich selbst gesprochen, von seinem Hang zum Abgründigen. Auf der anderen Seite war er aber jemand, für den das "anarchistische Element, mit dem individualistischen Fokus auf Max Stirner, das zusammen zu einem gewissen spiritualistischen Individualismus wird, (..) das Zentrale" war. Für Bjørneboe war der lange anthroposophische Exlurs also vor allem ein Ausdruck seines unbändigen Freiheitswillens- etwas, was sich aber einerseits kaum mit dem damaligen spiessigen Umfeld verbinden konnte, andererseits aber auch selbstzerstörerische Elemente aufwies. Bjørneboe nun als Repräsentanten einer deutschtümelnden, reaktionären lokalen Anthroposophischen Gesellschaft vorzuführen bzw ihn in diesem Sinn zu instrumentalieren, erscheint einem auch als Außenstehendem als reichlich konstruiert.
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Eurythmie- Hirsch

eurythirsch
Okay, diesen Eurythmie- Hirsch von mir gibt es schon jahrelang- er kursiert im Netz in einer Mini- Version und wird kontinuierlich seit Jahren herunter geladen. Er ist quasi ein geheimes Insider- Symbol der EGOISTEN selbst, eines der Dinge, die bei uns Dauerinteressenten finden.

Hier der Download des technisch-qualitativ hochwertigeren Bildes für die Fans..
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Anthropunks (Omi, das ist jetzt nix für dich)

anthropunk
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Die Kraft des Lebens

teufel
Nein, nicht die vegetativen Kräfte sind gemeint, nicht die pralle juvenile Hier-bin-ich und Nehme-was-mir-gebührt- Energie, das Raumausfüllende, das Naive, das plumpe Ego. Nicht das ist gemeint, was wir hoffentlich im Laufe des Lebens und mit wachsender Erfahrung und Selbstdistanz etwas zu kultivieren bemüht sind- auch weil wir wissen, dass wir "von Natur" nichts als ein schwer erträgliches emotionales Knäuel sind, eine Zumutung für die uns Nahestehenden. Wir kennen inzwischen die Fallen, die wir uns selber stellen, weil wir in jeder einzelnen schon einmal drinnen gesessen haben.

Allerdings kennen wir auch viele "Bemühungen, die das Gegenteil des verfolgten Zwecks erreichen (Beispiel: verbitterte Frömmlerinnen, falsche Askese, gewisse Aufopferungen usw.)" (Simone Weil, "Schwerkraft und Gnade") Es kann keine reine Technik, aber auch kein emotionaler Ausnahmezustand wie eine Askese sein, die es ermöglicht, den "Willen anzuhalten" (dito). Der anthroposophische Weg, das Denken lebendig zu machen, bleibt aber lange eine Phrase, der man sich gern bedient, die aber ein Abstraktum bleibt, denn nichts scheint ferner zu liegen, als ausgerechnet beim Denken anzusetzen, das -so wie es ist- als das von der "Kraft des Lebens" am meisten Entfremdete erscheint, so lange es uns nicht gelingt, es zu erlösen und dorthin zurück zu führen, wohin es gehört:

"Dies ist das Denken, das erst in der Kontemplation, die den Denkakt anschaut, aufleuchten kann: das sich selber denkende Denken, das wirklich ist, weil es das eigene Wesen ausspricht, ein Denken, das sich nicht auf die Spiegelung stützen muss, um sein Leben zu offenbaren, das also auch ohne dialektische Vermittlung erfahrbar ist. Dieses Denken kennt der Mensch noch nicht. Entstünde es in ihm, dann hätte er darin die Quelle aller Denkkraft, die Kraft des Lebens.

Die Kraft des Lebens wäre dann nicht nur ein philosophisches Gleichniswort, sondern eine unmittelbare Wahrnehmung: die Wahrnehmung des Seins, in welchem die Welt wurzelt und das als die - vom Gegenstand nicht gefesselte - Kraft des Denkens hervor sprosst: die Kraft, die alles in sich hat, was denkbar ist von seinem Wesen her, da sie ja selber das Wesen ist." (Massimo Scaligero, "Traktat über das lebende Denken")

Wie sich diese "Auferstehung des Denkens" (Scaligero) im Einzelnen bemerkbar macht, ist offenbar eine individuelle Sache- oder zumindest eine Sache, bei der es unpassend erscheint, sie in hierarchischen Kompetenzmustern wie in den esoterischen Freimaurerbünden zu sehen. Die neu erworbenen Fähigkeiten mögen sich ausleben in sozial- intuitiven Kompetenzen (das verstehen, was sich in Gruppen und sozialen Prozessen "in der Luft liegend" anbahnt), im Erleben eines imaginativen Kraftquells vor dem inneren Auge oder in der Form eines so vertieften Gebets, dass dieses wie ein Samen auf den Boden des unsichtbaren Feldes fällt und so gedeiht, dass der Kontemplierende sich angeschaut fühlen darf. Hier sucht man keine "höheren Wahrnehmungen", ganz im Gegenteil: Das Ziel besteht eher darin, wahrnehmbar zu werden für das Andere.
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Anthroquiz

Etwas ist an diesem Bild verkehrt:
rocksteiner3

a) Elvis war viel fetter.
b) Das ist nicht Steiners Ohr.
c) Steiner trug ganz andere Klamotten.

Für die jüngeren Freunde vielleicht etwas knifflig, aber fragt doch mal Omi, die weiss das aus dem Zweig!
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Der anthroposophische Salon

teufel
Waldos anthroposophischer Lese- und Arbeitskreis war eigentlich eine Galerie. Es hingen eine Menge Bilder an den Wänden, aber es gab auch eine Reihe von Bildhauerarbeiten. Waldo war besonders stolz auf einen grossen verglasten Holzschrank, denn dieser war seine Eintrittsarbeit für den Kunstprofessor Beuys gewesen. Beuys verlangte von seinen engeren Schülern eine handwerkliche Arbeit, bevor sie irgend etwas anderes begannen. Waldo lebte aber nicht wirklich von der Kunst, sondern von der Rahmung von Bildern betuchter Kunden in dieser guten Gegend direkt am Rhein.

Waldo war ein Holländer im künstlerischen Exil, ein gross gewachsener Mann, der mit diesem charmanten Akzent mit allen und jedem redete, immer an einem Projekt dran war und allerlei bewegte. Ich habe immer diese Männer bewundert, die so leicht und direkt mit jedem umgehen können, dass man schon nach wenigen Minuten meinte, mit ihm werweisswie vertraut zu sein. Wir waren in einem Hinterhof an der Stadtgrenze, wo es allmählich ins Bergische Land übergeht Nachbarn. Hier wohnten viele Künstler, aber auch junge Leute und Ältere, die ein gewisses Problem hatten, denn die Psychiatrie war nicht fern. Auf unserem Flur in diesem uralten Haus z.B. lebte eine Dame, die nachts mit einer Kerze, mit Nachthemd und schlohweissen Haaren durch die Gänge schlich. Ihr stiller Ehemann, der auch schon weit über 70 war, fing sie immer wieder ein, bevor sie etwas anstellte, wirre Reden hielt oder gar davon lief. Waldo lebte mit seiner Waldorffamilie in einer riesigen Wohnung unten im Hof- ein offenes Haus, Kinder, Kunst und immer Gäste. Sehr viel später wuchsen ihm die Probleme mit Familie und Freundinnen über den Kopf und er floh nach Amsterdam, um ganz neu anzufangen. Er hinterließ, vermute ich, eine ganze Reihe trauernder Frauen in dieser Stadt. Wenn man ihn kannte, wenn man sah, wie er leichthändig und freundlich, aber auch mit sicherer Hand eine Art Lebensstil um sich verbreitete, konnte man die Frauen verstehen.

Dienstags trafen wir uns im Laden, um "Die Geheimwissenschaft im Umriss" zu lesen: Beuysschüler, Anthroposophinnen, angehende Jungpolitiker bei den Grünen und Niemande wie ich. Es artete regelmäßig in regelrechte Streitgespräche aus, aber wenn es zu arg wurde, gab Waldo heiter eine neue Runde Tee aus, man schluckte, man lachte, man beruhigte sich. Niemand hier gehörte zu den etablierten Kreisen, aber man biss sich gern an diesen Steinertexten die Zähne aus. Selbst wenn der Text verrückt erschien, war er doch anregend und vermittelte etwas wie eine andere Sicht auf die Welt, die den Geist reinigen konnte, weil er die Perspektiven verschob.
Einer, der sich besonders aufregte und die ganze Zeit über Steiners Unsinn schimpfte ("ein Leib ist ein Leib, zu allen Zeiten und in allen Umständen"), verschwand für eine ganze Weile. Er hatte im Haus seiner Eltern in deren Abwesenheit die Decke durchbrochen und durch das Loch einen Felsen befestigt, der nun, vom Dachfirst baumelnd, im Wohnzimmer schwebte. Seine Eltern hatten für solche Aktionen wenig Verständnis und benachrichtigten den Notarzt.
Aber ansonsten pflegten wir unseren wöchentlichen Salon mit Tee, durchforsteten etwa zwei Jahre lang Steiners Werke. Zwischendurch besprachen wir Politisches und begutachteten neue Arbeiten der anwesenden Künstler. Die Belegschaft wechselte, aber der unverwechselbare Stil von Waldo blieb, diese Mischung von Offenheit, Neugier und wachsamer, freundlicher Präsenz, die Räume eröffnete.

Als er ging, zerstoben die Leute mit ihm. Wahrscheinlich war es für mich eine Zeit, in der ich bei ihm in die Lehre ging. Das Raum- Schaffen ist eine Kunst, die man eben nicht an jeder Ecke lernen kann.
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Lieber Herr Eggert

Offener Brief an den Betreiber
der Webseiten unter www.egoisten.de
Michael Eggert
Köln, den 14.10.09
Lieber Michael Eggert,

ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber die satirische Überzeichnung, ja man könnte auch sagen
Lächerlichmachung von Hermann Keimeyer, mit dessen anthroposophischer Geistesforschung, geht
an der Sache völlig vorbei.
Vor Spott in Zusammenhang mit Ergebnissen der Geistesforschung warnt Rudolf Steiner
eindringlich in seiner 1. Klassenstunde, wiewohl er sich auch klar war, dass alles, was sich nicht mit
den Mitteln heutiger universitärer Forschung fassen lässt, unweigerlich den Hohn
agnostisch gesonnener Zeitgenossen auf sich ziehen wird.

Hermann Keimeyer war aber nicht der einzige Geistesforscher seit Rudolf Steiners Lebzeiten,
welcher aus dessen Schulungshinweisen Nektar zu ziehen weiß.

Es begann recht früh, kurz nach Steiners Ableben, dass sich mit Valentin Tomberg ein neuer
anthroposophischer Hoffnungsträger mit eigenständiger Geistesforschung zu zeigen begann.
Die allermeisten Anthroposophen waren aber der felsenfesten Meinung, außer Rudolf Steiner
könne niemand den von ihm aufgezeigten Schulungsweg souverän meistern. Dieses Missverständnis
von R. Steiners Anliegen zieht sich noch heute durch weite Teile der anthroposophischen Bewegung.
Seitdem Tomberg der anthroposophischen Bewegung, aufgrund der heftigen Ablehnung die seiner
eigenständigen Geistesforschung entgegenschlug, den Rücken bot, gab es noch viele
weitere Pioniere auf diesem Felde.

Es lassen sich nennen: Jesaiah Ben Aharon, Heide Oehms, Willi Seiß, Christiane Feuerstack
sowie der zurecht umstrittene Jostein Saether. Außeranthroposophisch war es Stylianos Atteslish,
bekannter unter seinem esoterischen Namen ‚Daskalos’, welcher den Anthroposophen im Interview
mit Günther Zwahlen (vgl. Günther Zwahlen: Daskalos – Ein Nachruf: In: „Das Goetheanum Nr. 34
vom 3. Dezember 1995), Mut machte, Steiner auf seinen von ihm vorgelebten esoterischen Pfaden
zu folgen.
Es wäre in meinen Augen halsbrecherisch für eine esoterische Bewegung, wie die Anthroposophie,
wenn in allem nur auf den verstorbenen Meister gesetzt würde, nicht aber auf eigene Bemühungen,
das dargebotene esoterische Material um eigene esoterische Forschungsergebnisse zu ergänzen (so
auch der mir persönlich bekannte Anthroposoph Dr. Wolfgang Garvelmann in einem an Sie gerichteten
Brief zur Verteidigung der Judith von Halle).

Daher möchte ich dazu ermutigen, sich auch auf Hermann Keimeyers Forschungsergebnisse zumindest
wohlwollend kritisch einzulassen.

Es grüßt Sie recht freundlich

Gez.
Michael Heinen-Anders

PS: Dieser Brief darf auf Ihren Webseiten veröffentlicht werden.Eine Rückmeldung oder Antwort ist
gleichfalls willkommen, sofern gewünscht.
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Anthroposophie in Hongkong

hongkong
Hier ein paar Hinweise auf die vor einigen Tagen erwähnte Tätigkeit von Peter von Zezschwitz in China.
Auf einer Website skizziert Peter z.B. seine Aktivitäten im Jahr 2002. Die Themen, die Peter in Hongkong präsentierte, entsprechen sicherlich seinen persönlichen Interessen, docken aber auch zugleich an die östliche Tradition an: "On the other Side of the Rainbow, Goethe's Colour Research as a key to qualitative thinking. The Importance of Imagination in a Materialistic World. The Nature of Language and the Language of Nature. The Reality of the Grail and the Biography of Modern Man. Buddha, the Ancient and the New TAO. Re-Incarnation and Karma, Superstition or Reality?" Zugleich bringt Peter einige Fotos von dem dortigen Waldorf- Kindergarten, seinem Wohnort und einer Greenpeace- Mitarbeiterin. In einem Programmheft aus dem Jahr 2006 berichtet er auch über sich selbst und seine Intentionen:

"Peter, designer/artist is one of the few early students of the Hamburg-Altona Waldorf School in the early 30’s. Now a senior designer with extensive experience in Corporate Design Projects, he was Project Designer for major exhibits at the Ontario and Federal Pavilions at Expo’67 in Montreal. He founded the Macintosh Lab at Georgian College in Barrie where he taught Design and related subjects for 21 Years.
He had many speaking engagements, notably the award winning “On the other Side of the Rainbow” which he gave twice at York University in Toronto. Main interests are Dr.Rudolf Steiner’s Spiritual Science (which he called the “Science of the Grail”), the Qabbalah, an esoteric Mystery Tradition which expressed profound Cosmic Wisdom through the 78 cards of the Tarot deck of which 52 remained to be used today in our well-known playing cards with their simplified symbols. His Grail Studies found him giving talks and workshops on Waldorf Education in Canada, the US, Hong Kong and in mainland China (Zhouhai, Shenzhen and Chengdu).
With his keen sense for the Nature Beings, known by both Western and Eastern traditions, the speaker will endeavour to present his inspirational imagery which will help to understand the divine Nature of our children and our environment and help us to raise and educate them without depriving them of their most precious childhood creativity. This series of lecture/video presentations also introduces Dr. Rudolf Steiner’s educational method."
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Rosenkreuzer und Katharer

Nach Jahren hat mich wieder eine Mail des weitgereisten Peter von Zezschwitz erreicht, hier inmitten einer Gruppe während eines Workshops in Zhouhai. Peter ist oft in der Region und hat immer wieder Kurse über den Gral und die Anthroposophie gehalten.

zezschwitz

Wir haben uns vor über zehn Jahren - damals gab es die "Egoisten" ja schon - öffentlich über Katharer, Rosenkreuzer und den Gral unterhalten. Es war ein lockerer Email- Wechsel im Verlaufe der Zeit, der damals schon online gestellt wurde. Nun hat Peter anlässlich seiner erneuten Kontaktaufnahme den alten Text wieder einsehen wollen. Es ist eine Materialsammlung mit einigen Zitaten Rudolf Steiners zum Thema, aber auch Originalquellen. Der Artikel ist hier herunter zu laden.
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Neue Bücher von Georg Kühlewind & ein Forschungsprojekt

teufel
Auch in diesem Jahr erscheint posthum ein neues Buch von Georg Kühlewind in seinem Stammverlag Freies Geistesleben, und zwar am 11. November. Es hat den Titel "Melodie und Stille: Kunst, Kontinuität und das leere Bewusstsein": "Wie arbeitet unser Bewusstsein, wenn wir erkennen, das heißt in der Wissenschaft, und wie arbeitet unser Bewusstsein in der Kunst? An diesem Leitfaden entwickelte Georg Kühlewind ein Seminar, das sich vom diskontinuierlichen Erkennen zur Kontinuität erkennenden Fühlens in der Kunst bewegt und immer aufs Neue die Erfahrung des leeren Bewusstseins sucht."

Offensichtlich handelt es sich also nicht wie bisher um Aufschreibungen Kühlewinds, sondern um eine Mitschrift von Seminarteilnehmern. Das muss kein Makel sein, ist aber doch nun etwas überraschend. Wird das ab jetzt inflationär? Bekommen wir jetzt eine GA (Gesamtausgabe) Kühlewinds mit gefühlt 365 Bänden? Nein, ich meckere nicht, ich würde sie sowieso lesen.

Aber damit nicht genug. An der Universität Klagenfurt ist ein ganz erstaunliches Forschungsprojekt (hier ein Google- Link) geplant, das die Arbeiten Kühlewinds zum Inhalt hat: "Georg Kühlewind (1924 - 2006), gebürtiger Ungar ("echter" Name: György Székely), ehemaliger Professor der physikalischen Chemie an der TU Budapest, war Autor von 23 Büchern zu Themen wie der Erkenntnistheorie und -Praxis, der Psychologie, der Pädagogik, der Sprachwissenschaft und der Christologie. Er hat die meisten seiner Bücher in deutscher Sprache geschrieben; viele seiner Bücher wurden in verschiedene Sprachen, wie Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Holländisch, Georgisch, Rumänisch und Ungarisch übersetzt. Er übte eine intensive, internationale Vortragstätigkeit aus. Er war ein wahrer Polyhistor und „moderner Mystiker“ – mit wissenschaftlichem Anspruch. Er war einer der bedeutendsten Wissenschaftler der modernen Zeit, der – wie das bei wahren Genies meistens der Fall ist – seiner Zeit weit voraus war."

Auf eine wunderbar "unmystische", pragmatische Weise wird der "Übungsweg" Kühlewinds dargelegt: "Das „Übersinnliche“ liegt nicht irgendwo in einem hypothetischen Raum, sondern auf dem Quellgebiet unserer eigenen Erkenntnisfähigkeiten. Üblicherweise werden uns nur die Produkte des Erkennens bewusst – die schon gedachten Gedanken, die schon in Form geronnen Wahrnehmungen. Nur die Vergangenheit des Erkennens – die „Information“ – wird uns bewusst, nicht aber sein Ursprung, seine Gegenwart. Die eigene Gegenwart kann uns aber nicht prinzipiell verschlossen sein – die Unfähigkeit, sie zu erfahren, liegt nur an der gegebenen Konstitution unseres Bewusstseins, an der Schwäche unserer Aufmerksamkeit. Wer sein Denken und Wahrnehmen im Entstehen, im Prozessualen bewusst erlebt, hat seine Erkenntnisgrenzen erweitert, und ist in die Bereich der „Gegenwart“ und des „Lebens“ eingedrungen. Das geht nicht einfach, die entsprechende Stärkung der Aufmerksamkeit muss erübt werden."

Das Projekt besteht nun darin, 17 (!) handschriftlich vorliegende Manuskripte Kühlewinds aufzuarbeiten und zu veröffentlichen, eine Website dazu zu starten und Tagungen sowie Übersetzungen zu initiieren. Man darf wirklich gespannt sein. Andererseits ist es auch bedauerlich, dass Kühlewind erst posthum quasi losgelöst wird aus dem anthroposophischen Interessentenkreis.
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Absetzbewegungen gegenüber Gronbach

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Sebastian Gronbachs Buch „Missionen“ und seine Website „Mission Mensch“ gehören sicherlich zu den Tiefpunkten der in dieser Hinsicht nicht armen anthroposophischen Literatur. Die damit verbundene Absicht war, die anthroposophische Bewegung als Ganze mittels Injektionen aus dem Füllhorn okkulter Strömungen aus dem Umfeld des New Age zu reformieren bzw. „voran“ zu treiben. Unterstützt wurde Gronbach von der bis dahin angesehenen Zeitschrift Info3 und deren Redakteuren. Nun hatte sich Gronbach schon vor Wochen öffentlich dahin gehend geäußert, man wolle ihn eventuell aus dem nordrhein- westfälischen Arbeitskollegium heraus werfen. Dazu wird es wohl nicht kommen.

In der Mitgliederzeitschrift „Motive- Aus der anthroposophischen Arbeit in NRW“ treibt Anna- Katharina Dehmelt aber immerhin eine vorsichtige Absetzbewegung gegenüber Gronbach voran- etwas, was in den Augen vieler Mitglieder seit langem erwartet wird. Hintergrund ist, dass das Arbeitszentrum als solches in vorangegangenen Konferenzen „deutlich“ in Frage gestellt wurde: „Das zeigte sich zunächst in scharfer Kritik an der Mitarbeit von Sebastian Gronbach im Kollegium. Wir haben klar gestellt, dass Sebastian Gronbach keinerlei besondere Funktionen für das Arbeitszentrum übernommen hat, insbesondere nicht in der Öffentlichkeitsarbeit oder als Sprecher des Kollegiums. Seine Beiträge im Internet, seit einigen Monaten unter MissionMensch.blogspot.com, sind private Äußerungen und stoßen auch im Kollegium nicht durchweg auf Zustimmung.“ Im weiteren folgen einige diplomatisch- lobende Worte für Gronbach (sein „offene(r) Blick ins Zeitgeschehen..“)

So vorsichtig diese Distanzierung auch ausfallen mag: Die hochfahrenden, ja anmassenden Pläne des Egomanen Gronbach, Kernbegriffe der anthroposophischen Bewegung wie Karma und Reinkarnation, aber auch die christliche Orientierung im Alleingang abzuschaffen, dürften damit doch vorläufig hinfällig sein. So „privat“ Gronbachs Beiträge und seine eigenwillige Positionierung nun eingeschätzt werden - die Äußerungen Anna- Katharina Dehmelts an dieser Stelle und zu diesem Zeitpunkt sind alles andere als das: „privat“: Die „integrale“ „Mission“ mitsamt ihrer speziellen Hybris muss sich andere Betätigungsfelder suchen.
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Der tief in die Materialität gestiegene Leib des Mannes

Wann ist man ein Mann?

maenner
„Wie die Frauenform nicht bis zu dem normalen Punkt heruntergestiegen ist, um den entsprechenden Geist in der Materie auszudrücken, sondern sich auf einer früheren Stufe kristallisiert hat, so hat der männliche Leib den normalen Punkt übersprungen und ist gerade so weit darüber hinausgegangen, als die Frauenform davor stehengeblieben ist.

Daher ist der männliche Leib tiefer heruntergestiegen in die Materialität, als es das normale Verhältnis gewesen wäre, und stellt das auch schon in seiner äußeren Gestalt dar. So stellt der Frauenleib eine ins Geistige, der männliche Leib dagegen eine ins Materielle verzeichnete Gestalt dar. Die wahre Gestalt würde in der Mitte liegen.“

Rudolf Steiner, GA 116, Seite 109f
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Der "geistige" Frauenleib

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„Die Frau hat, als die Einheit (der Geschlechter) in die Zweiheit trat, einen physischen Leib sich herausgebildet, der nicht vollständig aus der früheren Gestalt in die, wenn wir so sagen können, normale materielle Gestalt übergegangen ist, (daher) ist der Frauenleib auf einer geistigeren Stufe stehen geblieben. Er ist zwar materiell, dicht geworden, aber er hat in dieser Materialität eine frühere, geistigere Gestalt festgehalten.

Der Frauenleib hat gleichsam zurückgehalten eine frühere geistige Gestalt, ist nicht vollständig in die Materie hinuntergestiegen. Das ist er zwar in Bezug auf das Materielle, aber nicht in bezug auf die Form. Daher ist für den, der die Tatsachen des Lebens wirklich empfindet, oder imaginativ erkennen kann, der menschliche Frauenleib nur in bezug auf Kopf und Gliedmaßen einigermaßen eine wahre Gestalt, ein Ausdruck seines ihm zugrunde liegenden Geistigen, das heißt nur in Kopf und Gliedmaßen drückt sich etwas aus, was als materielle Erscheinung dem dahinter liegenden Geistigen ähnlich ist.“ (Rudolf Steiner, GA 116, Seite 108)

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Die Selbstbewusstseinsseele

Das Zeitalter der „Selbstbewusstseinsseele“ (ein Begriff von Georg Kühlewind, im Original heisst das bei Steiner nur „Bewusstseinsseele“) ist für mich dasjenige der Psychologie. Denn die Psychologie vermittelt ja vor allem den Blick auf das eigene Innere: Auf die Gefühle, Reflexe, Fallstricke, biografischen Verwicklungen, Reaktionsmuster, Verkrustungen, Wunden. Dass dieser Blick aber überhaupt möglich ist, bedeutet aber doch, dass ein Teil des Selbst - derjenige, der betrachtet- sich aus diesen seelischen Gegebenheiten schon befreit hat. Auch die eigene Seele - obgleich wir so stark aus ihr heraus leben- kann potentiell zum Ding unter Dingen werden, zu einem Gegenstand der Betrachtung. Das ist immer ziemlich schmerzlich. Aber es ist notwendig, um die Bedingungen unserer eigene Impulse, Antriebe, aber auch Hemmungen durchschauen zu lernen und ihnen nicht ausgeliefert zu sein.

Auf der anderen Seite kann der Part in uns, der das Innere betrachten kann, weiter gestärkt werden: „Das Merkmal zur Möglichkeit der Bewusstseinsseele ist das Reflektieren- können auf das Bewusstsein, auf die Seele selbst, wenn auch nur auf die Vergangenheit der Bewusstseinsprozesse, nicht auf das Erleben der Gegenwart. Dies zu erleben, ist gerade die Bildung der Bewusstseinsseele geeignet, die Erfahrung der freien Aufmerksamkeit durch sich selbst in der Gegenwart - die Vergangenheit wird sofort Objekt der gegenwärtigen freien Aufmerksamkeit.“ (Georg Kühlewind, „Der Gral oder Was die Liebe vermag“, Ostfildern 1997, S. 18)

Das „Gebet“ der Bewusstseinsseele (die nach Steiner heute weltweit zum seelisch- geistigen Normalzustand wird oder geworden ist) ist nichts Mystisches oder Geheimnisvolles, sondern - so Kühlewind- „der Zweifel, ihre Fähigkeit das Fragen“. Je mehr sie sich im Menschen emanzipiert, je mehr sie zur Reife kommt, ist sie frei von inneren und äußeren Mechanismen, Automatismen und Determiniertheiten. Wenn es bei diesen Zweifeln und Selbstzweifeln auf Dauer bleibt, führt diese Revolte allerdings doch zu nichts als Resignation, Verzagtheit und Rückzug ins Private. Auch Zweifel können manieristisch und selbstbezogen wirken. Die Stärkung der autonomen inneren Instanz kann aber auch insofern weiter führen, dass die Aufmerksamkeit - übend verselbständigt- zu einer neuen „geistige(n) Geburt des Menschen“ (Kühlewind, S. 19) führt. Die Aufmerksamkeit selbst wird dabei - ohne Inhalte des zu Betrachtenden- zu einer rein geistigen Erfahrung. Der Betrachter, der auf das Betrachten verzichtet, erlebt einen Zustand reiner Aufmerksamkeit und dabei die eigene geistig autonome Entität. Insofern gilt die alte Mysterienforderung „Erkenne dich selbst“ nicht mehr. Heute heisst es vielmehr „Erschaffe dich selbst“: „Das Selbst erschafft sich in der gesteigerten Aufmerksamkeit, wenn sie stark genug wird, sich selbst zu erfahren..“ (Kühlewind, S. 20).

Diese Erfahrung jenseits der personellen Determiniertheiten, der körperlichen Rückmeldungen, der seelischen Reflexe, der Macht der Gewohnheiten und Erinnerungen beschreibt Kühlewind so: „Die Kraft in den Formen hat gelernt, ohne Formen zu bleiben und ein formfreies Selbst zu werden.“ (S. 21) Das Leben „ohne Form“ ist das Leben des Ich selbst, das sich nun in das hinein versetzen kann, was immer ihm begegnet.
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Floris Schreve: Neo-Nazi elements sold as Anthroposophy

Floris Schreves umfassende Arbeit „A Bridge too Far? Neo-Nazi elements sold as Anthroposophy“ ist eigentlich ein Buch ( etwa 60 Seiten Umfang) und ist - bis auf die Zitate- auf Englisch verfasst. Das Büchlein ist gut lesbar geschrieben, aber auf eine sehr provokative Art. Denn das Thema sind Neo- Nazi- Websites mit anthroposophischem Anstrich, Kritiker wie Helmut Zander und die ganze Pracht von rassistischen Stellen in Steiners Werk. Dennoch bemüht sich Schreve um eine differenzierte Darstellung, auch wenn er Vielen auf den Schlips treten mag.

Er selbst schreibt über sich:

„Floris Schreve (1973) studies art history at the University of Leiden, the Netherlands. He went to a primary Waldorfschool and grew up in an environment with moderate sympathy for the anthroposophy. He published several articles on contemporary art of the Arab world (mainly Iraq). Since a two years he researched the issue of 'races' in the work of Steiner and of contemporary anthroposophists. Most of his contributions (in Dutch) can be found on or on the website of Ramon de Jonghe (Belgium), a critical website on the Belgian Waldorfschools and anthroposophy.“

http://florisschreve.blog-s.nl/
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Das Zerschneiden des Silberfadens

teufel
Mit dem Zerschneiden des Silberfadens fällt vor allem die Macht der Gewohnheiten ab, die Vorstellung des Raums, die Erfahrung des sich- selbstempfindenden Individuums. Die Gewohnheiten und die scheinbare Kontinuität der Erinnerungen - also die Erfahrung der persönlichen Zeitlichkeit- konstituieren dabei ganz wesentlich das, was wir als unser Ich bezeichnen. Wie sehr die scheinbar grundlegenden Erinnerungen einen selektiven, ausschnitthaften und unsicheren Charakter haben, wird vor allem deutlich, wenn man mit sehr alten Menschen an der Schwelle umgeht. Das hohe Alter beginnt damit, dass man die in einem selbst abgemalten Lebensphasen rückwärts durchschreitet. (Mein Vater ist zum Beispiel gerade im Jahr 1943 angelangt). Diese Phasen stehen einem alten Menschen dann nicht nur deutlich vor Augen, er lebt zeitweise regelrecht darinnen und vergisst die Jetzt- Zeit fast völlig. Das ist eines der Dinge, die man als jüngerer Mensch gerne als Demenz klassifiziert. Aber es ist doch vor allem und zuerst ein verändertes Zeitempfinden.

Rudolf Steiner meinte, dass dieses Zeitempfinden sich nach dem eingetretenen Tod noch deutlich verändert: „Die Zeit ist innerhalb der Erde gar keine Realität. Um in die Zeit als Wirklichkeit hineinzukommen, muss man aus dem Raume heraus, alles Räumliche wegschaffen, das aber heißt: sterben.“ (GA 236, Seite 243)

An der Schwelle, wo der Silberfaden dünn ist, hat man es schon mit einem ganz anderen Menschen zu tun. Er ist vor allem - da die determinierende Macht der Gewohnheiten gerade abgelegt ist- in Momenten auf eine besondere Art und Weise präsent. Man kennt ihn eigentlich seit Jahren und Jahrzehnten vor allem als Gebilde aus solchen - teils skurrilen- Gewohnheiten und seelischen Reflexen- jetzt, physisch hauch dünn geworden- ist es, als käme frische Luft hinein- ein Staunen, ein Wundern, dass man noch am Leben ist. Wenn die Seele wieder staunen kann, hat sie ihre Jugend wieder gefunden. Aber körperlich schwankt es - es lässt sch nicht ausmachen, in welche Richtung es gehen wird. Zwei Tage später ist der Appetit wieder da, aber auch das Gefühl, dass das Leben einem etwas schulde. Man kann wieder mäkeln.

Die Zeit, meinte Steiner in obiger Textstelle, „erleben Sie erst im seelischen Erleben“. Das kann man als eine meditative Erfahrung verstehen, aber wir wissen auch im Alltag, dass die Zeit sich anders anfühlt, wenn sie in einer todlangweiligen Schulstunde erlebt wird - oder in einem anregenden Gespräch.

Die Macht der Gewohnheiten, die im Laufe des Lebens kontinuierlich anwächst, um dann an der Schwelle abzufallen, ist ein anderer Grund für die häufige Zuschreibung von Demenz, auch wenn diese nüchtern betrachtet nicht nur durch das Individuum konstituiert wird. Denn die Individualität inmitten ihrer Gewohnheiten, die einen existentiellen Charakter angenommen haben, stösst auf die Bedürfnisse eines maschinellen Systems wie die eines Krankenhauses. Die Maschine kann mit Individualismus nicht umgehen, er ist ihr nicht nur fremd, sondern er ist ausschließlich störend. Im Lichte der Maschine muss der alte Mensch, der in seinem häuslichen Kontext vielleicht noch gut funktioniert, skurril, krank und therapiebedürftig erscheinen.

Bevor er reißt, ribbelt der Silberfaden sich langsam auf. Schritt für Schritt wird die Lebenszeit zu einem seelischen Erlebnis. Man ist im Strom der Zeit und löst sich Schritt für Schritt darinnen auf. Sicherlich muss ein ganz anderes Sich-selbst-Erleben damit verbunden sein. Wenn der Im- Zeitstrom- Schwimmende sich losreisst, ist der Silberfaden zerrissen.

„A. Das Leben ist sehr kurz.
B. Mir kommt es sehr lang vor.
A. Es ist kurz, wo es lang, und lang, wo es kurz sein sollte.“

(Novalis, „Dialogen und Monolog 1798“)
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Der "wirkliche Geistesforscher"

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„Dasjenige, was besonders geeignet macht, in die wirkliche geistige Welt einzudringen, das ist Regsamkeit des Geistes, das ist Aktivität des Geistes, das ist ein gewisser Eifer in dem Verfolgen wirklicher Gedanken, in dem Sichüben an Herstellung von Verbindungen entfernt liegender Gedanken, das ist eine gewisse Regsamkeit in schnellem Ergreifen von Gedankenzusammenhängen, das ist eine gewisse Liebe zur inneren geistigen Aktivität.

Zwischen einer medialen Veranlagung und der Veranlagung für wirkliches geistiges Erkennen ist ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Das ist die eine Bedingung, die besonders erfüllt werden muß, wenn wirkliches geistiges Forschen möglich sein soll. Eine andere Bedingung ist die, daß die Seele eines wirklichen Geistesforschers möglichst wenig zugänglich sein darf für Suggerierbarkeit, daß sie möglichst skeptisch, möglichst kritisch gegenüberstehen muß auch den Dingen des äußeren Lebens.

Der wirkliche Geistesforscher wird es mit Freude erleben, daß gerade diejenigen, die ihm nahetreten, über kurz oder lang auch ihm gegenüber zu einem selbständigen Urteil, zu einer gewissen inneren Freiheit kommen, und daß sie nicht durch blinde Anhängerschaft, durch Suggerierfähigkeit sich zu ihm halten, sondern durch die gemeinsamen Interessen gegenüber der geistigen Welt.“

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Rudolf Steiner, GA 67, Seite 219ff
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Hans-Peter Dieckmann: Zu Ralf Sonnenbergs Artikel “Vergangenheit, die nicht vergehen will“

Ralf Sonnenbergs Artikel ist schon eine Herausforderung für viele Anthroposophen! Das wurde schnell an den Kommentaren auf dieser Website zu ihm deutlich, die von heftiger Kritik bis zu einer Reihe von erfreuten Reaktionen reichen, nach denen es endlich einmal jemand wagt, die Problematik von Rudolf Steiners Rassenlehre ungeschminkt anzusprechen, ohne dabei den differenzierten Blick auf sie und die Anthroposophie mit ihrem Initiator zu verlieren. Natürlich spielen in die Kommentare viele Erfahrungen mit den seit Jahren erhobenen Rassismusvorwürfen gegen die Anthroposophie und den Umgang von Anthroposophen mit ihnen und der Rassenlehre Rudolf Steiners hinein. Die konstruktiven Kommentare zu Ralf Sonnenbergs Artikel münden in die Frage: Wie können wir die Anthroposophie weiterentwickeln?

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Ralf Sonnenberg: Plädoyer wider die ›anthroposophische Korrektheit‹

In diesem zuerst 2003 in der Zeitschrift »Novalis« (Nr. 9/10) erschienenen, zwischenzeitlich aktualisierten »Plädoyer wider die ›anthroposophische Korrektheit‹« fordert Ralf Sonnenberg, Historiker und langjähriger Redakteur der Zeitschrift »Die Drei«, die anthroposophische Bewegung auf, sich den gegenüber Rudolf Steiner erhobenen Rassismus- und Antisemitismus-Vorwürfen ohne Scheuklappen und Fragetabus zu stellen. An Beispielen wie einer Veröffentlichung des Christengemeinschafts-Pfarrers Friedrich Rittelmeyer aus dem Jahre 1934 sowie eines Vortrages Rudolf Steiners über den mittelalterlichen Ahasver-Mythos von 1908 wirft Sonnenberg die Frage auf, inwieweit die Anthroposophie auch heute noch an antijudaistischen Denkfiguren und Stereotypen partizipiert, die zum Teil dem Fundus idealistischer Geschichtsphilosophien des 18. und 19. Jahrhunderts entstammen. Die kritische »Nachlese« Sonnenbergs bezieht sich auf das vor einiger Zeit vom Bund der Waldorfschulen in Auftrag gegebene Erscheinen zweier apologetischer Schriften der Autoren Hans-Jürgen Bader, Manfred Leist und Lorenzo Ravagli, die rassistische und antijudaistische Auffassungen Steiners leugnen.

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Regina Reinsperger: Rudolf Steiner und die Sonnenenergie

„….Man kann ja hoffen, dass man, wenn die Erde einmal sehr arm wird an Kohle, direkte Sonnenwärme durch irgendeine Umwandlung wird zum Heizen benutzen können; aber heute geht das eben noch nicht, dass man Sonnenwärme unmittelbar zum Heizen benützt. Es wird vielleicht gar nicht mehr lange dauern, so wird man darauf kommen, wie man es machen kann….“ - sagte Rudolf Steiner am 24. Oktober 1923 in einem Vortrag vor den Arbeitern des Goetheanum-Bau in Dornach.

Für „den gläubigen Anthroposophen“ ergibt diese Stelle, dass Rudolf Steiner die Solartechnik hellsichtig vorausgesehen hat. Hat er das wirklich? Dazu ein wenig Geschichte der Solartechnik bis ca. 1920 ganz kurz gefasst und ohne Anspruch auf Vollständigkeit

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Scaligero und Evola

teufel
Hans-Peter Dieckmann hat in den Kommentaren bereits darauf hingewiesen, wie wenig wir von den Einflüssen auf Massimo Scaligero wissen, wie wenig über die Art, Dauer und Intensität. Die vorliegenden Dokumente sind mehr als dürftig, selbst die fünf in deutsche Sprache übersetzten Bücher Scaligeros sind für mich noch nicht alle greifbar. Ergänzt werden sie durch einige Bruchstücke aus Scaligeros autobiografischen Notizen in „Dallo yoga alle rosacroce“. Aus diesen Bruchstücken lässt sich aber immerhin ablesen, dass Scaligero nicht immer diesem „rosenkreuzerischen Schulungsweg“ gefolgt ist. Als die Bruchstelle stellt er seinen erzwungenen Gefängnisaufenthalt am Ende des Weltkrieges dar. In der Zelle kam er dazu, etwas für sich auszubilden, in dem Anthroposophie keine „Lehre“ im Sinne aufsagbarer Vokabeln mehr für ihn war, sondern etwas, was ihn im Innersten berührte: „Im Gefängnis kam ich dazu, meine konkrete Methode der Meditation auszubilden. Es war für mich die Möglichkeit, durch klare, reine Gedankenkraft, die Lehre von Rudolf Steiner erfahren zu können (…). Hier konnte ich beginnen, die Kraft der Einsamkeit und Stille mit meinem innersten Wesen zu erleben (…) Ich nahm die Synthese aller meiner vorherigen esoterischen Erfahrungen und begann diese auf die Geisteswissenschaft Steiners auszurichten.“

An dieser Nahtstelle fragt man sich, auf was sich diese „Synthese aller meiner vorherigen esoterischen Erfahrungen“ eigentlich bezieht. Aus manchen der übersetzten Bruchstücke wird deutlich, dass sich diese Synthese auf Fragen bezieht, die denkbar weit entfernt sind von dem, was den Inhalt dessen, was Rudolf Steiners Geisteswissenschaft ausmacht, tangiert. Es handelt sich um die „Magia Sexualis“, um die Sexualmagie, um das Erleben einer „Natur, die das Ich mit sich reisst“, um „die höchsten Kräfte, in denen die Widersachermächte wirken“. Der Weg nach Scaligeros innerer Wende 1945 (soweit diese tatsächlich stattgefunden hat) bestand in einer Aufarbeitung einer Positionierung, in der „man“ (..) „geneigt ist, sich für einen geistigen Führer zu proklamieren“ und in einer Arbeit in Bezug auf die „Erlösung des Eros“ („Dallo yoga alle rosacroce“), wobei der Schlüssel „das gereinigte Denken“ sei. Massimo Scaligero war der Auffassung, dass diese spezifische Arbeit schon im Sinne Rudolf Steiners sei, auch wenn dieser „in seinem Werk nicht vom Sexus“ („Dallo yoga alle rosacroce“) spräche. Scaligero ist der Ansicht, dass der Gralsweg derjenige ist, „der das Ich in das Herz der Erde führt“. Für ihn selbst bedeutet dieser so gesehene Weg vor allem - ohne falsche Askese- „die Erlösung der menschlichen Seele von dem Eros.“ Er findet diese Erlösung in einer geistigen „androgynen Wiederherstellung“- schon immer war der Eros für Scaligero „die tiefste Sehnsucht, das verlorene Paradies wieder zu erlangen.“ Im Reinen Denken beginnt der Erlösungsprozess für Scaligero, der in eine „Auferstehung des Fühlens“ mündet, eine Art „Sonnen- Alchemie“, in der der Eros im „Mittelpunkt des Herzens“ frei von der „begehrenden Hitze“ aufersteht. Am Ende erlebt Scaligero „das Fliessen der kosmischen Willensströmung in die Ätherstrukturen seines Denkens und Fühlens“.(„Dallo yoga alle rosacroce“)

Diese sehr spezielle Darstellung, dieses in meinen Augen höchst individuelle Ringen um „absolute Reinheit“ und „ursprüngliche Keuschheit“ („Dallo yoga alle rosacroce“) muss eine Vorgeschichte haben. Den rosenkreuzerischen Schulungsweg aufzufassen als eine Befreiung von der Determiniertheit durch Begierden und Sexualität im Speziellen, verweist auf eine konkrete und schwer wiegende Vorgeschichte.


weiter zum ganzen Aufsatz Michael Eggerts
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Massimo Scaligero: Im Gefängnis

„Es war mein Schicksal und mein Karma, das mich in das Gefängnis „Regina Coeli" gebracht hat. Ich kam in die sog. politische Abteilung des Gefängnisses, aufgrund der Tatsache, dass ich zwei anthroposophischen deutschen Freunden geholfen hatte. Diese Beiden hatten mir dann, als ich im Gefängnis war, allerdings nicht weiter geholfen.
All dieses war eine vorgeburtliche Entscheidung von meinem Ich. Es war für mich wie für jedes Individuum von grosser Bedeutung, das Schicksal so zu durchschauen, dass man die führende Kraft des Ich in den erscheinenden Ereignissen erfahren kann.
Im Gefängnis kam ich dazu, meine konkrete Methode der Meditation auszubilden. Es war für mich die Möglichkeit, durch klare, reine Gedankenkraft, die Lehre von Rudolf Steiner erfahren zu können. Anfangs war es schwierig, mit der neuen Situation umzugehen und sich an sie zu gewöhnen, es gab herumlaufende Tierchen und kalte, nasse Wände. Nach ein, zwei Wochen etwa verbesserte sich meine Lage: Die für mich verantwortlichen Aufseher und Wärter erkannten anscheinend etwas an meiner Persönlichkeit, was sie überzeugte, dass ich nicht ein sog. „politischer" Häftling sei und ich deshalb in eine Einzelzelle gesperrt wurde. Nun hatte ich eine Zeile für mich, es war in der Abteilung 322.“

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Massimo Scaligero: Die Politik als Maya

teufel
„Was ich in jener Zeit schrieb, könnte ich in jeder Zeitung, linker, rechter oder Mitte-Ausrichtung wieder veröffentlichen, nur mit dem Ersetzen des Wortes „Faschismus" z.B. durch den Ausdruck „soziale Vision" oder „moralische Instanz".“- ist eine der geradezu zynischen Verharmlosungen Massimo Scaligeros zu seiner faschistischen Vergangenheit. 1972 erschienen, zeigt diese absurde Verteidigungsschrift, dass Scaligero keineswegs zu einer inneren Wandlung durchgestossen war. Im Gegenteil- während der Verfassung seiner spirituellen Arbeiten glaubte er, er könne seine faschistische Ära dadurch rehabilitieren, dass er einfach ein paar Begriffe austauschte.
Die Banalität dieses Versuchs einer Reinwaschung spricht aus dem Text selbst. Er selbst - so stellt er sich dar- war nur eine Randfigur, die angeblich ihren Status nutzte, um Anderen zu helfen. Seine selbstlose Nächstenliebe war auch der einzige Grund für seine Inhaftierung. Dieser Text erinnert nicht nur an Benesch, er ist auch genauso erbärmlich wie dessen Selbstdarstellung. Benesch in seiner herrischen Art machte allerdings nicht einmal den Versuch einer Rechtfertigung, er ließ die Wirklichkeit einfach weg.

Zu Scaligeros Text..
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Hans-Peter Dieckmann: Zu Scaligeros „Die Politik als Maya“

teufel
Auf Anregung von Georg Kühlewind und dem Übersetzer einiger Bücher von Scaligero ins Deutsche*, Georg Friedrich Schulz, war ich während der ersten Hälfte der 90er Jahr des vergangenen Jahrhunderts zu einem begeisterten Leser der meditativen Texte von Scaligero geworden. Ich verdanke ihnen wertvolle Anregungen für meine meditative Praxis, was aus einigen Beiträgen von Michael Eggert über diesen wichtigsten Aspekt seiner Nachkriegsarbeiten meines Erachtens gut nachvollziehbar ist. 1994 führte meine Beschäftigung mit Scaligeros Büchern zu einem Arbeitskreis zu seinem “Traktat über das lebende Denken“, den ich zusammen mit einem anderen Leser von Scaligero gründete.

Wie mein Mitbegründer hatte ich der dem “Traktat über das lebende Denken“ beigefügten biographischen Skizze vertraut, die auf Scaligeros Tätigkeit als Chefredakteur einer faschistischen Zeitung von 1932 bis 1944 hinweist, ihn aber vom Faschismus frei spricht.

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Peter Staudenmaier: Über Massimo Scaligero

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„I think most anthroposophists are still unaware of Scaligero's racial writings. Even Italian anthroposophists, who have ready access to the texts themselves. Scaligero denied his own racism in his autobiography (in fact he cast his racial writings from the Fascist era as anti-racist), and lots of anthroposophists have simply taken this at face value. What is a little more surprising is that anthroposophists seem entirely unaware of the existing scholarship on the history of Fascist race policy, which discusses not only Scaligero's role in the racist campaign, but that of other Fascist anthroposophists as well, such as Ettore Martinoli and Aniceto Del Massa. In any case, Scaligero's racist publications are not hard to find in Italy. I think it would be good if anthroposophical admirers of Scaligero would familiarize themselves with this aspect of his work.“

weiter zum Text von Peter Staudenmaier..
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Regina Reinsperger: Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft in der NS-Zeit

Wer sich nicht nur mit der Geschichte des europäischen Judentum im 20. Jahrhundert, sondern auch einmal in einer wissenschaftlichen Bibliothek (und nicht nur im Internet) mit der Geschichte des Judentum im Deutschen Reich des 19. Jahrhunderts befasst hat, findet dabei selbstverständlich auch überaus reichliches Material über den Antisemitismus. Man ist erschüttert, wer sich alles negativ über „die Juden“ geäußert hat: angesehene Philosophen, Theologen, Wirtschaftswissenschaftler, Politiker, Journalisten und Bürger, die sogar unzählige „Antisemitische Vereine“ gegründet haben und überaus erfolgreich Mitglieder warben. Selbstverständlich stößt man bei dieser Beschäftigung auch auf die Rassentheoretiker, die sich gern einen wissenschaftlichen Anstrich gaben und nicht nur gegen die „jüdische Rasse“ hetzten. Alles in allem ist es ein beschämendes Thema, ähnlich der Inquisition des Mittelalters.

Nur eins lässt sich nicht finden: Schriften Rudolf Steiners, die den theoretischen Rassismus vorbereitet oder gefördert haben. Ihn dessen zu beschuldigen entspricht der Ebene, die Philosophie des Aristoteles auf seine Äußerungen über das Nicht-Menschsein der Sklaven und das nicht voll entwickelte Menschsein der Frauen und Kinder zu reduzieren oder die Philosophie des Thomas von Aquin an seiner Ansicht über die Frauen zu messen, mit der er aber „im Trend der Zeit“ lag. Da eine weitere Ausführung den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, hier nur ein kurzes Zitat Steiners aus dem Jahre 1909 über die Rassen: „Was wir heute Rassen nennen, das sind nur noch Überbleibsel jener bedeutsamen Unterschiede der Menschen, wie sie in der alten Atlantis üblich waren. So recht anwendbar ist der Rassebegriff nur auf die alte Atlantis. (GA 117, Seite 151)“ „Die alte Atlantis“ entspricht dabei einer wissenschaftlich nicht belegbaren Zeit kurz nach den Dinosauriern, hat also mit unserer realen Gegenwart nicht das Mindeste zu tun. „Aber jetzt schon hört der Rassebegriff auf, in Bezug auf die Entwicklung der Menschheit einen rechten Sinn zu haben. (GA 130, Seite 169)“. Wer sprach sonst solch einen Gedanken aus in einer Zeit, in der Antisemitismus und abenteuerliche Rassentheorien als „normal“ empfunden wurden? Und welcher Rassentheoretiker verkehrte mit den von ihm verachteten Menschen jüdischen Glaubens?

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Das leuchtende Gewand

teufel
Nach den Recherchen von Peter Staudenmaier war Massimo Scaligero vor und während des 2. Weltkriegs aktiver Faschist in Norditalien. Seine Schriften, die während und nach seiner Gefangenschaft (1945) entstanden, vor allem in den 60er und 70er Jahre bis zu seinem Tod, haben den Titeln nach spirituellen Charakter. Da sie nur zum geringen Teil übersetzt und - auch antiquarisch- schwer zu bekommen sind, kann ich nur das beurteilen, was ich vorliegen habe, und das ist das sehr anregende Buch „Traktat über die unsterbliche Liebe“. Es geht im Kern um das Verhältnis von Reinem Denken und Sexualität. Scaligero schreibt wie ein Blogger. Er schreibt nur zum geringen Teil zielgerichtet, linear: Seine Methode ist eine kreisende Aneinanderreihung von Meditationen über das Thema- so als wären es separate kleine Betrachtungen. Das Niveau ist schon deshalb hoch, da er offensichtlich aus der Vertiefung heraus schreibt, nicht nur über sie. Das ist also nichts für ungeduldige Leute. Das Thema entwickelt sich von innen heraus- in dem Maß, in dem man es mitvollzieht. Daher schreibt Scaligero, seinen Anspruch formulierend, im Vorwort auch: „Dieses Buch kann nicht einfach gelesen oder studiert werden. Es ist vielleicht nicht einmal der Meditation zugänglich, es sei denn, der Meditierende setzt das Denken so in Bewegung, dass es in seinen eigenen Inhalt eingeht.“ Man kann also nicht erwarten, Rezepte, Anleitungen oder auch nur eindeutige Aussagen Scaligeros zum Thema zu erhalten.

Ich habe mich an manchen Punkten auch gestossen. Scaligero ist keiner, der einfach und simpel irgend eine Art von Askese predigt. Er ist keinesfalls lustfeindlich. Auch wenn er eine Sublimierung der Begierde schlechthin beschreibt und sich im Grunde an die Quellen der Lust begibt, um sie spirituell zu fassen, verbrämt er sie nicht und zieht an keiner Stelle aus seiner Erfahrung heraus moralisierende Schlüsse. Aber selbst das ist nur schwer und über lange mitgehende Denkbewegungen eindeutig bei ihm fest zu machen. Manchmal klingt es auch anders, manchmal rührt er eindeutig an das, was in östlichen Traditionen als Kundalini- Kraft bezeichnet wird.

Aber Scaligero bewegt sich immer wieder an Grundlagen des Denkens überhaupt- etwa an die Beziehung zwischen Bewusstsein und Leben: „Der Widerspruch, der dem Bewusstsein anhaftet, besteht darin, dass es außerhalb seiner selbst das Leben sucht, das es von sich ausgeschlossen hat, um Bewusstsein zu sein. Dadurch, dass es zum Bewusstsein wurde, hat es das Leben zu etwas anderem gemacht. Zwar ist es der Ansicht, es in den Sinnesempfindungen dennoch zu haben, hat es dort aber immer nur so, dass es ihm zur Abstraktion gerät und verloren geht. Es kann das Leben nur berühren, das ihm aus der Tiefe als das noch unberührte oder nichtdialektische Denken entgegenblickt: als jenes Denken, das für einen flüchtigen Moment - im Wahrnehmen selbst- mit dem Lebendigen vereinigt ist.“

Das Bewusstsein kann auf der Ebene des Alltagsdenkens nur existieren, indem es „das Leben von sich“ stösst. Statt der reinen Erfahrung des Lebendigen wird ein Vorstellungsbild oder eine „persönliche Empfindung“ produziert: „Es nimmt das Leben nicht wahr, denn es sucht es außerhalb seiner selbst - unwissend, wie es seine eigene Grenze überschreiten kann. Es sucht es in einem Bild von der Welt, das schon des Lebens beraubt ist.“

In der Empfindung oder Vorstellung verlöscht das Lebendige. Eine „Fortsetzung“ in der Seele „könnte sich nur in der Bewegung des reinen Denkens ergeben, die das Leben tragen kann, weil sie von dessen sinnlichen Manifestationen unabhängig ist.“ Im reinen Denken kann sich die „Verknotung“ des Bewusstseins lösen; es werden „die Kraftlinien des Denkens, das sein eigenes Licht verstrahlt, wirksam: des Denkens, das undialektisch - als objektives Wollen - im leiblichen Willensstrom anwesend ist.“ (S. 153)

Vielleicht wird aus dieser Textstelle deutlich, in welchem Maß hier ein meditativer Text vorliegt, der eigentlich mantrischen Charakter hat und meditativ mitvollzogen werden will. Bei aller Skepsis in Bezug auf die Integrität des Autors: Diese Qualitäten wird man dem Buch gerne zugestehen. Die Erfahrung, die Scaligero an diese Textstelle anschliesst, lautet: „Dadurch ist die Seele selbst wie neu geboren, als zöge sie ein leuchtendes Gewand an, kann sie doch erst jetzt ihre eigene Wahrheit verwirklichen: die Unabhängigkeit vom Begehren. Das ist die Unabhängigkeit, durch die es möglich wird, die Erfahrung selbst als Leben in ihrer wunderbaren Unpersönlichkeit wahrzunehmen.“

So kreist Scaligero in seiner meditativen Praxis, die er in diesem Buch mitvollziehbar darstellt, um seine persönlich- unpersönliche Interpretation einer „Philosophie der Freiheit“. Sonntagsreden erspart er sich und uns. Es ist ein Arbeitsbuch, aus und für die konkrete Arbeit geschrieben.
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Mein iPhone und sein Dämon

Nun ja, zu Rudolf Steiners Zeiten beeindruckte Technik vor allem durch Grösse, Schnelligkeit und reine Effizienz am industriellen Arbeitsplatz. In einer sehr fernen Zukunft, meint Steiner, werden wir noch auf ganz andere Weise für diese Technik zu zahlen haben: Sie wird sich, „lebendig“ geworden, gegen uns wenden:
„Schaut Euch die riesenhaften Maschinen an, welche die menschliche Technik heute mit allem Scharfsinn konstruiert! In ihnen schafft sich der Mensch die Dämonen, die in Zukunft gegen ihn wüten werden. Alles, was der Mensch heute an technischen Apparaten und Maschinen sich erbaut, wird in Zukunft Leben gewinnen und sich dem Menschen in furchtbarer Weise feindlich entgegenstellen.“
iphone

„Riesenhaft“ ist mein iPhone nicht gerade, wenn man es für sich betrachtet. Es ist ein etwas fettes und schweres Handy mit zahlreichen Organizer- Funktionen. Es ermöglicht mir, Termine, Adressen, Fotos, Musik, Lieblingsfilme, Dokumente, Navigation, Wecker und was noch zu meinem Alltag gehören mag, mit mir herum zu tragen. „Riesenhaft“ ist es dennoch aus zwei Gründen. Zunächst ist es durch „Apps“ (Mini- Applikationen) auf denkbar leichte Weise zu erweitern. Es gibt Zehntausende davon. Praktisch ist z.B. eine App wie AroundMe, die sofort und überall Apotheken, Parkplätze, Restaurants usw. um mich herum anzeigt und mich auf einer Karte auch hinführt. Das iPhone ist eine wunderbare Allrounder- Maschine, die auf denkbar kleinstem Raum ziemlich beliebig erweiterbar ist.

„Riesenhaft“ ist das iPhone aber auch deshalb, da es ja Teil des globalen Netzwerks ist und überall Zugang zu Emails und Internet hat. Es ist insofern nur eines von Millionen Endgeräten, die an diesem Netzwerk partizipieren. Die Maschine, der Apparat ist eigentlich nicht das iPhone, sondern das Netz zwischen den Geräten- seien es Computer, Handys, Navigationsgeräte oder eben ein Zwitter wie das iPhone.

Die Apparate, von denen Rudolf Steiner sprach, waren Dinosaurier der Mechanik. Was wir heute vor uns haben, ist eine Art weltweites neuronales Netzwerk, eine mechanisierte, dynamische, globalisierte Intelligenz. Natürlich hat mein iPhone z.B. auch einen direkten Zugang zu Wikipedia. Es hat Zugriff auf das wachsende lexikalische Wissen. Der kleine Dämon in meiner Hand hat eben einen mächtigen Schatten.

Im Gegensatz zu Steiners Vorstellung von Technik als etwas, was nur „nach dem Nutzen“ entwickelt wird und keinesfalls danach, ob „etwas schön und edel“ ist, erscheint mir das iPhone als das alles zugleich. Es ist sicherlich auch ein schönes und edles Gerät. Das Bedürfnis, am wachsenden globalen „Mind“, einer technischen Weltmaschine teilzuhaben, aber auch selbst aktiv daran mitzuwirken, wird durch dieses angenehme und praktische Gerät eben auch auf ästhetische Art befriedigt. Heute entzünden sich rationale Zweifel an dieser Technik an konkreten Fragen danach, ob und wie weit man dann auch überall zu orten ist und in wie weit man seine persönliche Daten, die man mit sich herum trägt, denn auch noch schützen kann. Es gibt auch noch einige Zweifel, was man alles, wenn man die Dinge technisch löst, selbst verlernt. Meine Generation ist z.B. noch mit Karten aufgewachsen. Meine Generation hat sich in Bezug auf die Orientierung Vorstellungen gebildet. Wer nur diese winzigen Ausschnitte auf einem iPhone-Display und die verbalen Anweisungen der Navigationssysteme kennt („Halten Sie sich rechts“), entwickelt solche Orientierung natürlich nicht mehr. Die entsprechenden Hirnareale werden faktisch arbeitslos. Wie abhängig wollen wir uns machen?
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Das melodiöse Empfinden

„Das melodiöse Erleben ist dasjenige in der Menschennatur, welches den Kopf des Menschen dem Gefühle zugänglich macht. Der Kopf des Menschen ist sonst nur dem Begriffe zugänglich. Sie schieben gewissermaßen durch die Melodie das Herz in den Kopf. Sie werden in der Melodie frei, wie sonst im Vorstellen. Das Gefühl wird abgeklärt, gereinigt. Es fällt alles Äußere von ihm fort, aber zu gleicher Zeit bleibt es durch und durch Fühlen.“
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Rudolf Steiner, Gesamtausgabe 283, Seite 138
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Steiner online

Es fällt auf, dass in letzter Zeit immer mehr Seiten kommen, in denen Teile oder nahezu das ganze Werk Steiners online verfügbar gemacht werden. Nehmen wir mal die umfangreiche Scan- Arbeit Rudolf Saackes, anthroposophieonline: „Die Initiative zur freien Verwaltung des literarischen und künstlerischen Nachlasses des Begründers der Anthroposophie, Rudolf Steiner, lädt Sie ein, die Früchte der Anthroposophie zu genießen. Damit wir der Welt Hefe werden mögen.“ Die Initiative sitzt jetzt anscheinend in Dänemark.

Das Rudolf Steiner Online Archiv dagegen wird bei der Brigham Young University präsentiert: „Das Rudolf Steiner Online Archiv möchte eine wachsende Sammlung kostenloser und frei zugänglicher, zugleich aber lesbarer und möglichst fehlerfreier Versionen der Texte Rudolf Steiners zur Verfügung stellen. Jeder soll, unabhängig von materiellen oder geographischen Umständen, in die Lage versetzt werden, sich selbst ein Bild vom „Ereignis Rudolf Steiner“ zu machen und der geistigen Herausforderung, welches das „Abenteuer Anthroposophie“ darstellt, in individueller und schöpferischer Weise zu begegnen. Das Archiv möchte so zu einem Organ jenes Freien Geisteslebens werden, dessen Bedeutung Steiner so nachhaltig herausgestellt hat.“ Wie dem auch sei, Steiner wird immer leichter erreichbar, und zwar durchaus nicht nur in dürftigen Kompilationen, sondern im vollen Original. Mir persönlich ist ein gediegenes Buch angenehmer..

Barbara weist noch auf eine Seite namens Uranos-Archiv hin, auf der manche seltenen und bislang unveröffentlichten Vorträge Rudolf Steiners angeboten werden - teilweise von mitgeschriebenen, aber nicht autorisierten Texten.
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Die Mystik des Denkens

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Es ist wahr, was dem ursprünglichen anthroposophischen Schulungsweg von New-Agern vorgeworfen wird: Dieser Weg lehnt eine Mystik vor dem Denken ab. Das Ver-inbrunsten von Devotion, Emotion, Engelmystik usw. zum Zwecke höherer Gefühle - vielleicht auch spezifischer „Erfahrungen“- ist hier schlicht nicht das Gewollte. Die mystischen Sehnsüchte sind eben auch etwas, in dem sich das Ego spiegeln kann- sie sind nicht frei von innerer Korruption. Gefühle sind nun einmal keine transparente Instanz- das Denken kann das aber sehr wohl sein.

Wie in den letzten Tagen auch in den Kommentaren beschrieben, wagt die Disziplin des „Reinen Denkens“ auf vielerlei Art den Sprung von der Konzentration in die eigene „Weite“, in das „Fliessende des Denkens“, in die willensgetränkte Selbstrealisation. Den Begriff „Meditation“ für dieses Tun zu verwenden, ist vielleicht etwas gewagt, denn in der gemeinten Art und Weise steigt man lediglich in den Fluss, der die Steine am Ufer bewegt: Das lebendige Denken, einmal erwacht, erscheint als das Normalste der Welt. Als nicht normal dagegen erlebt man das Alltagsdenken, das krampfhaft fixiert auf die Inhalte seiner Betrachtung ist und dabei sich selbst vergisst.

Das Reine Denken ist sich dabei an jedem Punkt seiner selbst bewusst. Auch im übertragenen Sinne, denn die damit verbundenen spezifischen Körpergefühle hängen augenscheinlich mit Kraftfeldern zusammen, die in manchen Kulturen als Chakren bezeichnet werden. In dieser Hinsicht spricht der anthroposophische Schulungsweg sicherlich andere Kraftbereiche an als das in mystischen und ekstatischen Umwelten üblich zu sein scheint. Bei ersterem geht die Entwicklung von oben nach unten, beginnend im Bereich vor der Stirn.

Die Mystik folgt dem lebendigen Denken schon von selbst. In den Tiefenschichten der Ruhe werden die grossen Empfindungen von selber wach. Man „hat“ sie nicht wie eine simple Emotion. Man weiss, sie sind da, und man ist darin zu Hause. Die damit verbundenen Evidenzgefühle allerdings, die bis an den Punkt kommen, an dem man an einen Bereich der Wahrheit heran rühren kann, einer moralischen prima materia, können auch zu Irrwegen führen, wenn man sich dabei zu ernst nimmt und das mystische Erleben personifiziert. Es ist kein persönlicher Verdienst damit verbunden, kein Grund, kein Vorteil, kein Gewinn. Man erfährt eine Art von moralischem Denken, von dem man weiss, dass es da ist, dass man tief damit verbunden ist- aber es ist kein Denken, das man produziert. Das moralische Denken erweist sich als ein Da-sein.

Man könnte das als eine Mystik des Denkens bezeichnen. Man muss nur beachten, an welcher Stelle, unter welchen Vorzeichen und vor allem, in welcher Transparenz diese Mystik auftritt.

„Das in der Finsternis leuchtende Licht ist in der Seele das lebendige Denken, das in den gespiegelten oder abstrakten Gedanken hineinstirbt. Wenn aber das Denken seine eigene Natur vergisst, dann verkommt auch sein Licht. Es nimmt die Form von Instinkten und Leidenschaften an, die sich wollend und fühlend in einer abstrakten Welt bewegen, die im Grunde nichts als das Resultat des gespiegelten Denkens ist, in welchem das Licht erlosch. Dennoch ist es dasselbe Licht, das, wenn es sich aus dem Farben- und Formenspiel der Welt befreien kann, in der Seele als imaginatives Leben oder Licht-Denken aufblüht: ein Leben, vor dem die Finsternis der instinktiven Natur ihren verkehrten Glanz verliert ...“

(Massimo Scaligero, „Traktat über die unsterbliche Liebe“, S. 133)
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Ingrid Haselberger: Von der Reinigung des Denkens

Um nicht nur in seltenen „Sternstunden“ von „blitzartiger Erkenntnis“ überwältigt zu werden, sondern für ein solches Erleben in sich aktiv die Bahn freizumachen, sodaß schließlich ein, wie Michael bzw Georg Kühlewind es so schön beschrieben haben, „angehaltener, dauerhaft gewordener Blitz“ daraus entstehen kann - dazu mag es hilfreich sein, sich einige der „Verunreinigungsquellen“ zu vergegenwärtigen, die unser Denken so gern trüben, Hindernisse, die uns „Scheuklappen“ aufsetzen, durch die das natürliche Licht, das „lumen naturale“ (Descartes) nicht mehr zu dringen vermag.
Aus gegebenem Anlaß möchte ich heute als erstes das folgende Hindernis auf dem Wege ein wenig näher betrachten:

weiter zum ganzen Text
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Zum "Reinen Denken"

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Jostein geht in einem aktuellen Blogbeitrag - nicht zuletzt angestossen durch Blog- übergreifende Auseinandersetzungen über Mosmuller, Grauer und andere Autoren- auf das Thema „Reines Denken“ ein. Einerseits ist dieses in seinen Augen eine „Grundlage des hellseherischen Schauens“. Andererseits ist dieses „zu Evidenz führende autonome Denken ... nämlich ein Bewusstseinszustand, in welchem einen die Freiheit zum Schöpfen nicht dirigiert, etwas zu tun, sondern frei lässt, auch nichts zu tun.“ Er grenzt diese Form des intensivierten, bereits spirituellen Denkens - das noch lange keinen imaginativen Charakter haben muss- ab von Alltagsverrichtungen wie „andenken, auffassen, ausfragen, ausdenken, bedenken, besinnen, betrachten, einschustern, entdecken, erdenken, erfinden, erforschen, ergründen, erinnern, erörtern, erwägen, gedenken, grübeln, lernen, nachdenken, prüfen, Rücksicht nehmen, sinnen, spekulieren, studieren, überlegen usw.“ Ziel ist für ihn dabei, „das Denken so anzulegen, dass daraus eine lebendige, dynamische und mächtige Energiequelle entstehen“ kann.

Georg Kühlewind beschrieb in Vorträgen eben diese „Energiequelle“ als etwas wie einen angehaltenen, dauerhaft gewordenen Blitz. Er meinte damit, dass wir bei den gedanklichen Suchbewegungen nach Lösung eines Sachverhalts ab und zu etwas wie eine blitzartige gedankliche Intuition haben, die die Suchbewegungen plötzlich auf eine andere Ebene hebt und die Lösung so „wie Schuppen von den Augen fallen“, nahelegt. Der Unterschied zu den oben von Jostein zitierten denkerischen Alltagsverrichtungen ist der, dass diese immer in einem zeitlichen und logischen Nacheinander verlaufen- eventuell unterbrochen von mäandernden Nebenverläufen, von kreisenden Denkbewegungen. Die gedankliche Intuition dagegen hat kein Nacheinander- sie entsteht blitzartig, überraschend und fasst das, was sich bisher aneinander reihte, in einer kraftvollen Bewegung in eins zusammen.

Das „Reine Denken“ ist ein andauernder Blitz, eine erlebte, praktizierte, realisierte Intuition. Wenn man von gegenständlichen Konzentrationsübungen ausgeht, die - auf verschiedenen Ebenen- einen beliebigen Gegenstand meditativ betrachten, gibt es auf der höchsten Abstraktionsstufe einen Riss, an dem man dazu übergeht, den gedachten Gegenstand in hoher Konzentration quasi leiblich zu realisieren. Es ist eine gedankliche Erfahrung, die derartig gesättigt von Willen ist, dass man selbst zu diesem Gegenstand wird. In diesem Augenblick hört das Nacheinander des diskursiven Denkens auf und man geht in das Erfahren des „Blitzes“ über. Ähnlich ist es bei mantrischen Übungen, bei denen die Worte und mögliche Deutungen und Zusammenhänge sich wie auflösen in eine reine Erfahrung.

Diesen klar bewussten, willensgetränkten Schwebezustand, den man in der Tat - wie Jostein schreibt- als Energie erlebt, mit der man selbst auf das innigste verbunden ist, kann man anfangs nur schwer aufrecht erhalten. Die Unterbrechungen stellen sich schnell ein- etwa durch einen besonders bestechenden Gedanken, den man näher anschauen möchte, oder durch unwillkürliche Assoziationen, die sich doch wieder störend melden. Es ist auch möglich, dass sich der nun gefundene Weg bei späteren Anläufen als nicht mehr gangbar erweist- vielleicht weil man die Sache mit Erwartungen überfrachtet, verkrampft ist oder einfach unbedingt will. Man kann beim Reinen Denken die Ebene jederzeit wechseln. Das ist auch wichtig, um seine Erfahrungen einordnen zu können. Mit wachsender Geschmeidigkeit gelingt aber auch nach und nach der Wechsel von der diskursiven auf die meditative, fliessende Ebene ohne die krampfartigen Anläufe der Anfangszeit. Das Andere, weitere ergibt sich von selbst. Es ist, nebenbei bemerkt, in seinen Themen und in der Ausgestaltung höchst individuell. Da die zeitliche Staffelung in dieser Erfahrung fehlt - überhaupt Zeit- und Körpergefühl zeitweilig verloren gehen- ist es später sehr schwer, sich konkret zu erinnern. Umgekehrt kann man Sachverhalte manchmal aber doch wie komprimiert daraus nehmen und sie z.B. schriftlich wiedergeben. Man ist dann erstaunt, wie breit und komplex es wird, wenn man es in eine zeitliche und logische Ordnung zu bringen versucht. Es war ja eigentlich nur ein zeitloser intuitiver Blitz. Man bemerkt: Diese Komprimierung ist wie ein Bild, das sich erst im Reflektieren in seine Details entfaltet. Rudolf Steiner nennt das daher eine Imagination.

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Blüte & Schmetterling

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Wenn man in Steiners Gesamtwerk etwas passendes zu warmen Sommerabenden sucht, empfiehlt sich vielleicht der Vortragszyklus „Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden bildenden und gestaltenden Weltenwortes“ an. Denn hier geht es um die Natur im weitesten Sinne, um Korrespondenzen zwischen Mensch und Tier, Tier und Pflanze - und vor allem um eine konkrete Poesie, eine eigentlich von Steiner geschaffene neue Kunstform, die eine Imagination der geschaffenen sinnlichen Welt darstellt. Nehmen wir als Beispiel eine kurze Textstelle, in der es um die Schmetterlinge geht:

„Was Sie nun hier haben unter dem Einfluss des außerirdischen Kosmos, diese ganze Entwickelung vom Keim durch Raupe, durch Puppe zum Schmetterling, das können Sie nun da verfolgen: Indem der Same irdisch wird, der Erde anvertraut wird (...), entwickelt sich die Pflanzenwurzel, das erste, was aus dem Keim entsteht.

Und statt dass die Raupe kriecht in den Kräften, die vom Mars ausgehen, entsteht das Blatt, das in Spiralstellung herauf kriecht. Das Blatt ist die unter den irdischen Einfluss gekommene Raupe. Sehen Sie sich die kriechende Raupe an, dann haben Sie dasjenige, was im Oberen entspricht dem Unteren, dem Pflanzenblatte, das sich herausmetamorphosiert aus dem, was Wurzel geworden ist durch den Samen, der aus dem Sonnenbereich in den Erdenbereich versetzt worden ist.

Gehen Sie weiter hinauf, dann haben Sie, zusammengezogen immer mehr bis oben, wo der Kelch ist, dasjenige, was Puppe ist. Und endlich entwickelt sich der Falter in der Blüte, die ebenso farbig ist wie der Falter oben in den Lüften. Der Kreislauf ist geschlossen.
Wie der Schmetterling sein Ei legt, so entwickelt sich in der Blüte wiederum der Same zu dem Künftigen. Sie sehen: wir blicken hinauf in die Luft zum Schmetterling, wir verstehen ihn als die in die Luft erhobene Pflanze.“ (S. 72)
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Ingrid Haselberger: Evidenzerlebnis

Nehmen wir ein mathematisches Gesetz, beispielsweise den Pythagoreischen Lehrsatz: In allen ebenen rechtwinkligen Dreiecken ist das Quadrat, das sich über der Hypotenuse errichten läßt, gleich groß (d.h. hat den gleichen Flächeninhalt) wie die beiden „Kathetenquadrate“ zusammen.

Wenn ich das lese, sind es zunächst einmal Worte. Ich kann sie, nachdem ich mir Klarheit verschafft habe über die Bedeutung von Begriffen wie „rechtwinklig“, „Dreieck“, „Hypotenuse“ oder „Quadrat“, auswendig lernen (unzählige Mittelschüler tun das), und der Satz läßt sich in all meinen künftigen Berechnungen erfolgreich anwenden, auch ohne daß ich seine Richtigkeit „begriffen“ habe.

Ich kann mir aber auch einen der Beweise dieses „Lehrsatzes“, die zum Beispiel hier angeführt sind, anschauen.

Nehmen wir den ersten, den „geometrischen Beweis durch Ergänzung“.
Ich kann auch hier bloß an der Oberfläche bleiben, mir etwa denken, „aha, das schaut auf den ersten Blick ganz vernünftig aus, es sind offenbar zwei gleich große Quadrate, die irgendwie aufgeteilt werden, na, das wird schon seine Richtigkeit haben“ – und mich damit zufriedengeben.
Ich kann aber auch mit diesem Beweis „mitdenken“. In diesem Fall werde ich dazu kommen, daß mir das zu Beweisende e-vident wird, es leuchtet aus der Zeichnung hervor, läßt sich aus ihr heraus-sehen. Und wenn ich den Beweis in dieser Weise nachvollzogen habe, dann brauche ich den Pythagoreischen Lehrsatz in Zukunft weder zu glauben noch auch auswendigzulernen: denn ich werde jederzeit in der Lage sein, ihn mir wieder e-vident zu machen.

Wenn es mir bloß darum geht, künftig voll Vertrauen mit der Formel a² + b² = c² rechnen zu können, kann ich es bei dieser Art „Evidenzerlebnis“ bewenden lassen.

Ich kann aber auch innehalten, mich vom Inhalt des „Heraus-gesehenen“ ab- und der inneren Qualität dieses Erlebens zuwenden. Damit gehe ich der Emp-findung nach, die ich immer dann habe, wenn etwas mir in dieser Weise „evident“ wird. Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf die tiefinnerliche „Gewißheit“, „Erkenntnisfreude“, „innere Helligkeit“, „Stillung der Frage durch die ihr gewordene Antwort“ --- ich brauche viele Gänsefüßchen, weil keines dieser Worte imstande ist, ein solches Erlebnis vollkommen auszudrücken.

Diese tiefinnerliche Empfindung ist zwar von einem ganz bestimmten Gedankeninhalt veranlaßt worden, läßt sich aber dennoch isoliert von diesem Inhalt betrachten.
Und wenn ich versuche, dieses Erlebnis zu beschreiben, dann komme ich vielleicht – wie Ruth - auf Sätze wie diesen: „Wer in diesen Wahrheits- oder Ruhebereich eintritt, ist sich dessen fundamental sicher.“
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Der lebendige (wahre, tolle, ewige) Rudolf Steiner

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Mieke Mosmuller hat ihre eigene Art, Denkmäler zu bauen. In „Der lebendige Rudolf Steiner“ baut sie eines für Rudolf Steiner. Man sollte meinen, davon seien in den letzten 100 Jahren genügend erschienen. Aber dies ist nun halt das vorerst ultimative, denn die Erkenntnisse Mieke Mosmullers basieren auf dem „reinen Denken“. Sie erklärt in dem Buch nicht genau, worum es sich dabei handelt. Es handelt sich aber offenbar um eine ganz bestimmte meditative Qualität, die sie um die gefühlten 50 Mal erwähnt, stets mit dem Anspruch einer gewissen geistigen Objektivität. Nach eigenem Bekennen hat Frau Mosmuller „1983 mit dem Lesen der Bücher und Vorträge Rudolf Steiners angefangen“, 1987 dann „überkam mich das erste Mal die Erfahrung des reinen Denkens“.
Überkam?

Ich selbst benutze den Begriff auch- in dem Sinn, dass damit die meditative Erfahrung schlechthin angesprochen wird. Es sind Evidenzerlebnisse dabei möglich, eine automatisierte Objektivität verbinde ich damit nicht. Frau Mosmuller versteht ihre Erfahrungen als derart essentiell, dass damit eine ganz neue, umfassende Annäherung an Rudolf Steiner selbst möglich wird. Heraus kommt allerdings eine keineswegs originelle Arbeit mit neuen Einsichten, sondern eine Devotionalie, die manche der zahllosen Vorgänger locker in den Schatten stellt.

Mosmuller beginnt mit dem Referieren gängiger Vorurteile gegen Steiner. Dem stellt sie ein anderes, „erwärmtes“ Lesen der Arbeiten Steiners gegenüber. Sie grenzt sich gegenüber Anthroposophen ab, die Steiner blind verehren, aber vor allem auch gegen solche, die Teilaspekte aus seinem Werk heraus gliedern, um etwa die christlichen Aspekte seines Werks zu leugnen. Auch kritische „Spötter“ unter den Anthroposophen finden nicht ihre Zustimmung. Selbst ernannte „neue Eingeweihte“ wie Judith von Halle sieht Mosmuller mit grosser Skepsis. Ihre „Begeisterung“ für den „einzigartigen“ Rudolf Steiner wird von keiner der genannten Strömungen adäquat geteilt. Mosmuller bemüht sich, mit ausführlichen Zitaten die Grösse des „eingeweihten“ Steiners zu beweisen und kommt von nun an, in sich steigerndem Furor, immer wieder auf die genannten Gruppierungen innerhalb der Anthroposophie zurück. Insbesondere die Gruppe um die Info3- Redaktion wird namentlich genannt. Dass der alberne Herr Gronbach seine Erleuchtungen auch vor dem Computerbildschirm erfährt, erwähnt Mosmuller immer wieder. Dabei bleibt es aber nicht. Auch die anthroposophische Gesellschaft an sich, schreibt Mosmuller, sei „seit 1925 eine Mumie“. „Anthroposophie“ sei seitdem zu einem „Ungeheuer“ geworden, das lediglich „wie Gift wirkt“- ein „Nichts“, das erfüllt sei „mit Ahriman und Vernichtung seines Erzfeindes: Rudolf Steiner“.

Abschnittweise, sprunghaft und äußerst subjektiv geht Mosmuller durch die Lebens- und Schaffensperioden Steiners durch. Die bekannten Konflikte zu seinen Lebzeiten nehmen breiten Raum ein. Es soll bewiesen werden: Eine innere Opposition hat sich schon zu Lebzeiten Steiners positioniert und ist sofort nach seinem Tod vollends zutage getreten. Das ist natürlich völlig offensichtlich und benötigt keine 50 Seiten Anlauf. Natürlich - so Mosmuller- habe sich Rudolf Steiner nicht karmisch mit der Anthroposophischen Gesellschaft verbunden. Im Grunde sei in ihr von ihm keine einzige Spur mehr zu finden.

Um dieses Manko zu beheben, setzt sie dem ihre „Beziehung zum lebendigen Rudolf Steiner“ entgegen. Diese sei nur durch das „reine Denken“ zu finden, das damit implizit über jeden Zweifel erhaben sei: „Da gibt es keinen Zweifel mehr, da gibt es reines Denken“. Dies obwohl sie zwei Seiten später (S. 127) selbst zugibt: Das reine Denken habe „noch nicht die Möglichkeit, rein Geistiges außerhalb seiner selbst zu erkennen“. Es müsse erst durch eine „Ohnmacht“ hindurch gehen. Der Individualität Steiners will sie sich aber dennoch jetzt annähern, indem sie lange Zitate von Aristoteles, Thomas von Aquin und Steiner aneinander reiht. Das hätte eine schöne Arbeit werden können, wenn sie nicht von vornherein die Absicht gehabt hätte, mittels gewisser Übereinstimmungen eine Karma- Reihe dieser Entelechie „zu beweisen“ oder dem Leser eben zu suggerieren. Die ganze dünne Essenz dieser verkrampften, uninspirierten Bemühungen ist die Erkenntnis, dass wir heute, wenn wir „über ihn denken wollen, (..) ihn noch viel größer zu sehen wagen (müssen), als er als Rudolf Steiner war. Denn er ist nicht mehr „Rudolf Steiner“, kein Mann, keine Frau. Er ist das Wesen, das die menschliche Intelligenz retten muss, sie für die Götter erhalten muss.“ (S. 163)

Es ist erstaunlich, dass ein Buch wie dieses, das die menschliche Intelligenz zu retten sich kämpferisch anhebt, das sich prallvoll von „reinem Denken“ als Prinzip und Methode gibt, derart konventionelles, völlig uninspirierendes Wortgestrüpp produziert, das allenfalls dazu taugt, Heiligenbildchen wie in Lourdes zu prägen und eine trunkene Anhängerschaft zu schaffen. In mancher Hinsicht hat die Frau ja recht. Es finden sich in manchen ihrer Diagnosen, auch in der (bei ihr lediglich behaupteten) Kraft des reinen Denkens, die ich ihr nicht absprechen möchte, interessante Ansätze. Aber ihre mangelnde Systematik, ihr Furor, ihre blossen Behauptungen und die Tatsache, dass sie vollkommen gängige, konventionelle Einstellungen zu Rudolf Steiner, die etwa die Hälfte aller Anthroposophen durchaus kennen und oft auch teilen, zu einmaligen, neu geschöpften Erkenntnissen aufbläst, schaffen ein seltsam irreales, altbackenes und devotes Büchlein, das keinen frischen Wind aufkommen lässt, sondern eine bleierne Müdigkeit hinterlässt.

Falls nun Herr Niederhausen und die anderen Anhänger von Frau Mosmuller mich als satanischen Kritiker einstufen sollten, auf einer Stufe mit den Herren Hau, Gronbach und Heisterkamp, muss ich das wohl hinnehmen. :-) Überflüssig ist das Buch trotzdem.
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Judith von Halle ist endlich angekommen

..nämlich heute Abend im Grossen Saal des Goetheanum, wie man dem Programm entnehmen kann. Vorbei der Rosenkrieg, das Gezicke, die Drohgebärden: Die Anthroposophische Gesellschaft schliesst eine der Ihren wieder in die Arme. Zu Pfingsten keine Kleinigkeit. Auch das Thema ist gewohnt von-Halleisch: „Von der Begegnung mit dem Christus-Wesen in gegenwärtiger Zeit“.
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Anthroposoph sein

Eine pathetische Verortung.
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Ein Anthroposoph- bei dem hängt etwas über, dringt über ihn/ sie hinaus. Er kann nicht ganz aufgehen in dem, was der Alltag von ihm verlangt- es ist immer noch etwas, was damit nicht ganz im Einklang steht, was darüber hinaus drängt. Das kann sich ins Skurrile, Eigenwillige, Künstlerische ausleben, vielleicht auch früh in eine bewusste Suchbewegung. Vielleicht gibt es signifikante Erlebnisse, die eigentlich auch als solche sofort erkannt werden. Wenn man etwas Steiner gelesen hat, versteht man das. Das ist vielleicht ein Unterschied zu anderen Menschen- die haben solche Erlebnisse auch, vergessen sie aber oder übersehen sie oder missdeuten sie. Meist werden sie gar nicht erkannt. 

Mit dem Älterwerden ergibt sich eine gewisse Diskrepanz zu sich selbst. Man wird sich selbst zum Wahrnehmungsobjekt und fasst allerlei seelische Konfigurationen scharf ins Auge. Ein Anthroposoph wächst aus sich hinaus- es gibt eine Zeugenschaft auch gegenüber sich selbst. Das muss man realisieren. Man kann sich heute als rein geistiges Wesen erleben. Das ist eben der Zeuge. Er ist nur sich selbst nicht bewusst, sondern ist gebannt vom Blick auf das Feste, Gewordene, Vergangene. Es gilt, dieses Selbsterlebnis zu festigen. Leider verstellen sich die Zugänge für den Adepten immer wieder aufs Neue. Man macht Anläufe über Anläufe, hängt aber auch fest wie an einem Gummiband. Dann bemerkt man, so geht es nicht, man muss es anders versuchen. Seinen Stil finden, seine Augenblicke. Das ist schwierig und frustrierend. Ich denke, Viele bleiben an dieser Stelle hängen. Man darf jetzt auch nicht mehr zu stark an Steiner hängen. Er hat seinen eigenen Sprachduktus, das weckt bestimmte Vorstellungen beim Adepten, die können aber den Blick verstellen.  

Es gibt einen Augenblick, an dem das Üben als solches nicht mehr existiert, sondern zum existentiellen Bedürfnis wird. Es ist dann aber kein Üben mehr und bedarf keiner spezifischen Umgebung oder Form. Der Alltag wird die Übung. Es beginnt eine gewisse Kontinuität in einem erweiterten Körpergefühl. Manche seelischen Eigenschaften wie Aufbrausen, Wütendwerden, In-bestimmten-Situationen-aus-dem-Gleichgewicht-geraten, Sich- Bemitleiden verlieren ihren zwingenden Charakter. Sie sind weiter da, aber man folgt ihnen nicht mehr blind. Das ist der Augenblick, wo eine gewisse Beruhigung der See stattfindet. Der Zeuge wird nicht mehr auf dem Boot von jedem Wind getrieben. Jetzt dringen tiefere Rhythmen aus dem Inneren des Leibes herauf. 

Nun ist es möglich - da das Wogende, Blick-Verstellende abgeklungen ist - ohne störende Wolken einen ersten Blick auf die Sterne zu erhaschen. Es hat etwas von einer Neugeburt. Man kann es jetzt auch sagen: Ja, ich bin Anthroposoph.

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Ita Wegmann und die Anthroposophische Gesellschaft

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Die niederländische Ärztin Ita Wegman hatte zusammen mit Rudolf Steiner die Anthroposophische Medizin begründet und war von Rudolf Steiner als Leiterin der Ersten Klasse der Freien Hochschule am Goetheanum vorgesehen, dazu kam es jedoch aufgrund seines Todes im März 1925 nicht mehr. - Am 14. April 1935 wurden Ita Wegman , Elisabeth Vreede und zweitausend weitere Mitgliedern vom Vorstand aus der Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen. Ein halbes Jahr später, am 1. 11. 1935, wurden die Anthroposophische Gesellschaft und ihr Schrifttum in Deutschland durch die Nationalsozialisten verboten – auch als innerer Folge der Zwietracht innerhalb der Gesellschaft?
Nach ihrem Ausschluss sagte Ita Wegman folgendes über die Anthroposophie und die Anthroposophische Gesellschaft:

Alle alten Formen, auch die allerletzte Form für die Anthroposophie, sind gründlich kaputt gemacht, und mir kommt es jetzt so vor, als ob man nicht mehr eine Form für das Leben der Anthroposophie zu suchen hat, sondern dass jeder Mensch selber die Form ist, mit der sich Anthroposophie vereinen will. Wo dieses geschehen ist, werden Menschen sich finden und sich vereinen, um ein Glied zu werden des wahren Geistvereins. Die Gesellschaft ist nicht mehr nötig, weil die Anthroposophie schon auf Erden ist. Auf den einzelnen Menschen kommt es jetzt an und die müssen dann zusammen bilden aus ihrer Entwicklung heraus einen höheren Verein, der seine Wurzeln hat in der geistigen Welt. Jede individualistische Entwicklung ist hiermit bewahrt, jede Freiheit des einzelnen Menschen und aus der Einsicht des einzelnen Menschen heraus fühlt er sich mit diesem Geistverein oder Michaelschule verbunden. So hat es mir in meinem Innern geklungen. Auf mein eigenes Darinnenstehen in diesem Impuls, darauf kommt es an. Das andere richtet sich von selbst.

Der Ausschluss Ita Wegmans wurde 1948, 5 Jahre nach ihrem Tod, als unberechtigt zurückgenommen. Ihr Zitat scheint mir heute wieder - oder noch immer aktuell zu sein?

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Zitat Wegman nach: Mieke Mosmuller: “Der lebendige Rudolf Steiner“, Seite 118, und Peter Selg: „Geistiger Widerstand und Überwindung“, Seite 201

Regina Reinsperger
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Raymond Zoller: Durchgangsstation 2

Bezieh mich auf deinen in den „Egoisten“ gelesenen Artikel „Durchgangsstation“:

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Bei dem Steinerschen Ansatz geht es ja insgesamt um eine Erkenntnishaltung bzw. laufende Entwicklung einer Erkenntnishaltung; die einzelnen Maßnahmen – darunter auch etwa: Lesen von Texten, Gründen einzelner Vereine und Initiativen usw… - sind tatsächlich nur Durchgangsstationen auf diesem Entwicklungsweg.

Nach Steiners Tod – und teilweise auch schon zu seinen Lebzeiten – vergaß man diesen ursprünglichen Ansatz und ging dazu über, sein Werk als Dogmensystem zu handhaben und mit sektenspezifischem Gehabe zu verwalten und zu vertreten. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. In dem Werk steckte genug entwicklungsfähige Substanz, die auch bei Vernachlässigung des eigentlichen Anliegens, i.e. der Entwicklung der Erkenntnishaltung, eine zeitlang fruchtbar werden konnte; aber irgendwann läuft das sich doch tot. Und inzwischen hat es sich, wie mir schon länger aufgefallen ist, tatsächlich totgelaufen.

Für mich persönlich hat Steiners Werk selbst sich nicht totgelaufen; das ist für mich nach wie vor aktuell; und wollte ich es verleugnen, so müßte ich meine jahrelange Entwicklung verleugnen, an der es untrennbar Anteil hatte. Getrennt habe ich mich von den anthroposophischen Zusammenhängen; doch auch als ich, rein äußerlich, noch stärker damit verbunden war, hatte meine innere Entwicklung nix damit zu tun; da hatte ich keine Chance, mich verständlich zu machen. Übrigens auch nicht mit den Witzenmann-Anhängern, die dem Lippenbekenntnis nach sich der ursprünglich gemeinten Entwicklung der Erkenntnishaltung widmen; bei denen wirkt zwar alles etwas intelligenter; aber im Durchschnitt sind die genau so dogmatisch verhärtet wie die übrigen auch.

Meinem Verständnis nach hätte nicht nur die anthroposophische Gesellschaft als solche, sondern jede Entwicklung von Initiative, jeder einzelne durchgeführte Schritt Durchgangsstation sein sollen zu freiem Erkennen; da aber dieser eigentliche Ansatz nicht zum Tragen kam, gingen die ganzen Zusammenhänge, nachdem die auch ohne übermäßige Erkenntnisentwicklung fruchtbaren Anregungen verblüht waren, in Fäulnis über.

Die – meinem Eindruck nach von starken persönlichen Ambitionen getragene – Info3-Akrobatik und sonstiger Hokuspokus sind nur die alleräußerlichsten Symptome dieses Verfalls.

Sinnvolle neue „tragfähige Konzepte“ kann es nicht geben; ihrem Ursprung nach ist die anthroposophische Gesellschaft konzipiert als „freie Gemeinschaft sich befreiender“ (wenn man det so sagen darf); das Konzept, wenn auch mißverstanden und vergessen, ist im Prinzip da; und da es so gründlich verdrängt wurde, halten „sich befreiende“ – besonders in der derzeitigen Verwesungsphase, wo ja wirklich überhaupt nix mehr zu holen ist – sich von diesen Zusammenhängen in der Regel fern und versuchen, die Sache mit sich alleine abzumachen.

Im Grunde eine fast schon kosmisch zu nennende Katastrophe; aber da kann man nun mal nix mehr machen.

Ich selbst bin inzwischen sogar bemüht, meine Sympathie für Steiner in meinem Umfeld nicht bekannt werden zu lassen; und ich vermute, daß ich nicht der einzige bin, der das notgedrungen so handhabt.
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Raymond Zoller, Odessa
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Goethe und die Rosenkreuzer

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Das wunderbare kleine Buch Frank Teichmanns ist posthum erschienen und besteht aus einer Abfolge von sechs Vorträgen. Zunächst knüpft Teichmann an die Anfang des 17. Jahrhunderts erschienen rosenkreuzerischen Grundschriften wie etwa „Die Chymische Hochzeit“ an. Die Wirkung dieser Schriften war im 17. Jahrhundert unglaublich gross; es entstanden als Sekundärliteratur um die 6000 Schriften in dieser Zeit. Als Autor wurde Johann Valentin Andreä vermutet, der sich erst später dazu bekannte. Ein grundlegendes Bild in den Schriften war der „Philosophische Berg“- den man aus verschiedenen Richtungen und unter unterschiedlichen Schwierigkeiten besteigt, auf dessen Gipfel, einmal angekommen, aber jedermann das gleiche Panorama vor sich hat.
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Die Einweihung des Christian Rosenkreutz im 14. Jahrhundert ist das eigentliche Thema der Chymischen Hochzeit. Diese grosse, letzte „klassische“ Einweihung des Altertums setzt Teichmann in einen Zusammenhang etwa mit den Mysterien von Eleusis und mit der Platonischen Schule. Die uralte Tradition dieser Art von innerer Schulung klingt eben dann, im 13. Jahrhundert, aus - zu einer Zeit, als sich Rosenkreutz aufmacht, die Tradition mit einer sehr kleinen Gruppe von Anhängern im Verborgenen aufzugreifen und zu verwandeln. Die Tübinger Gruppe um Andreä (1568-1614), dessen Biografie Teichmann ausführlich beleuchtet, machte diese Vorgänge später in ihren bildreichen Schriften publik. Der Spiritus rector dieser kleinen Bewegung hat auf diese Weise spirituelle Impulse in die europäische Kultur einfliessen lassen- Impulse im übrigen, die bis heute wirksam sind. Bekannt ist der Einfluss auf Lessing und Goethe. Letzterer kam in ersten, starken Kontakt mit diesen Ideen durch seinen Hausarzt, der ihn, als er als junger Mensch sterbenskrank wurde, gerettet hatte. Im Faust, an dem er sein Leben lang gearbeitet hat, ist dieser Einfluss deutlich, vor allem aber, ganz explizit, im Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie (hier der ganze Text).

Im Gegensatz zu allen möglichen mystischen Bewegungen richtete sich das Rosenkreuzertum immer auch auf die „Offenbarungen“ und die Erkenntnis der Natur. Das hat Goethe mit 28 Jahren in seiner Reise in den Harz und durch die Besteigung des Brockens umgesetzt. Dieser war, im Wortsinn und in symbolischer Hinsicht, Goethes Philosophischer Berg. Die Harzreise im Winter hat dann nicht nur Gedichte hervor gebracht, sondern vor allem bewirkt, dass Goethe bei dieser Gelegenheit bestimmte Gesteinsformationen vorfand, die in ihm das Interesse an Geologie, an der Farbenlehre weckten, an der Naturwissenschaft überhaupt. Das Ganze in einer Art innerem Aufruhr, weil es etwas war, was ihn zeitlebens nicht mehr loslassen sollte: „Es ist schon nicht möglich, mit der Lippe zu sagen, was mir widerfahren ist“.

Das „faustische Streben“ war in Goethe endgültig erwacht. Das „Märchen“ als die am deutlichsten rosenkreuzerisch inspirierte Schrift Goethes war dann auch das, was Inhalt der allerersten Vorträge Rudolf Steiners war. Nach Teichmann war das zu dieser Zeit Steiners „Detektor, mit dem er die Leute sucht, die sich für Geistiges interessieren“. Mit Steiner wurde die Tradition des Rosenkreuzertums somit neu aufgegriffen und fortgeführt. Die Besonderheiten dieser Bewegung heute und im Rahmen des anthroposophischen Schulungsweges stellen den Ausklang dieses Buches dar, das man auch als ein besonderes Vermächtnis Frank Teichmanns verstehen darf.
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Durchgangsstation

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Die Anthroposophie war ja nun immer in einer schwierigen Position. Unter Theosophen und aus theosophischen Weltbildern entwachsen, ohne deren Vokabular je ganz abzulegen, hatte es Anthroposophie schwer, im brodelnden, gewalttätigen, aber auch enorm verdichteten, evolutionären 20. Jahrhundert ernst genommen zu werden. Die alten Zöpfe hängen, ellenlang, immer noch über dem dünkelhaften alten Rock. Inmitten weltweiter gesellschaftlicher, technischer, wirtschaftlicher Umbrüche beschäftigt sich die Anthroposophische Gesellschaft nach wie vor am liebsten mit sich selbst. Selbst die grossen Redner und Autoren in dieser Nische sind in den 80er, 90er Jahren des letzten Jahrhunderts allmählich abhanden gekommen, die Tochtergesellschaften und -organisationen gewannen zwar eine gewisse gesellschaftliche Anerkennung, emanzipierten sich aber auch so weit von der spirituellen Mitte ihrer Mutter, dass mancherorts eher Widerwillen herrscht, wenn die örtlichen Zweige (wegen Geldmangels) in den Räumlichkeiten der Schulen, Kindergärten und Heime tagen möchten.

Ein tiefes Misstrauen herrschte nach der teilweise vollzogenen Emanzipation von den theosophischen Spökekiekern gegenüber allem, was Anthroposophen unter „atavistischen hellseherischen Fähigkeiten“ (Rudolf Steiner in „Wie erwirbt man sich Verständnis für die geistige Welt“, GA 154, S. 25) einzuordnen beliebten. Dies um so mehr, als Anthroposophie in vielen gesellschaftlichen Kreisen ihrerseits genau unter dieser Rubrik subsumiert und abgelehnt wurde. Diese Einordnung von außen und die Abgrenzungen nach innen haben die anthroposophische Bewegung nun schon hundert Jahre lang zermürbt. Vielleicht ist es das, was eine breitere kulturelle Akzeptanz verhindert hat: Die dauernde Verteidigungshaltung, die ständige Selbstreinigung und Abgrenzung.

Heute, 2009, steht die Bewegung, wie die „medienstelle anthroposophie“ berichtet, aufgrund des ständigen Mitgliederschwundes und der zunehmenden Überalterung, vor ernsthaften finanziellen Problemen: „Dem erheblichen Finanzbedarf steht dabei eine seit Jahren schwindende und stark überalterte Mitgliedschaft der Anthroposophischen Gesellschaft gegenüber. Mit knapp 46.000 Mitgliedern weltweit (davon ca. 16.000 in Deutschland) ist deren Zahl derzeit wieder auf den Stand von 1989 gesunken. Eine Einrichtung wie das Goetheanum brauche aber die doppelte Mitgliederzahl, um überleben zu können, war aus dem Vorstandsumfeld zu hören. Angesichts dieser Lage konfrontierte der Vorstand die Mitgliedschaft mit drastischen Einspar-Szenarien: Abschaffung der Bühne, Einstellung einzelner Institute oder starke Reduzierung des Veranstaltungsbetriebs seien einige der Optionen.“

Auch die Besucherzahlen auf der Mitgliederversammlung selbst erreichte dieses Jahr mit „nur 300 Mitgliedern ... einen historischen Tiefstand“. Als einen kleinen Teil solcher Auflösungs- oder zumindest Krisenerscheinungen sehe ich seit langem anbiedernde Versuche wie die von Info3 und deren Redakteur Sebastian Gronbach, sich spirituellen Walli-Walla-Strömungen anzunähern und damit den Salto mortale rückwärts in die theosophische Ära zu vollziehen. Aber tragfähige neue Konzepte sind zugegebenermaßen rar und von vielen der verbliebenen Anthroposophen ja auch gar nicht erwünscht. Man macht es sich lieber heimelig mit neo-katholizierenden spirituellen Randerscheinungen wie Judith von Halle.

Steiner selbst kam es darauf an, dass die „geisteswissenschaftliche Strömung“ (die anthroposophische Bewegung) bewirken solle, zumindest „einen gewissen Kreis von Menschen“ zu gewinnen, der davon überzeugt sei, dass „in der Gegenwart Geisteswissenschaft auftreten“ muss, „denn man muss durch die Geisteswissenschaft durchgehen, man muss durch das Verständnis der Geisteswissenschaft durchgehen, um weiterzukommen“ (Rudolf Steiner, dito). Diese Formulierung „Durchgehen“ mag - ich verstehe das jetzt mal so- auch als ein gewisser Trost angesehen werden. Die anthroposophische Bewegung, wie wir sie heute kennen, ist eben eine Durchgangsstation, eine singuläre Erscheinung, ein Transit. Die Dynamik von Steiners Werk wird die Krise der Erscheinungsform überstehen. Immerhin hat das Werk das schreckliche 20 Jahrhundert überlebt, ohne komplett von der Bildfläche zu verschwinden. Die Provinzialisierung ihrer Gesellschaft, der kommende weitere Rückbau von Institutionen ist vielleicht - hoffentlich- der Beginn von neuen Erscheinungsformen und auch einem neuen Selbstverständnis. Die ewige Abgrenzung, Selbstzerfleischung und Fragmentarisierung in sich selbst beglückende Kleinstgrüppchen wird so oder so ein Ende haben müssen.
Aber Anthroposophie neu zu denken, ohne ihren Kern zu verraten, wird in naher Zukunft in Ermangelung tragfähiger Konzepte sicherlich weiterhin eine Herausforderung sein.
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Jonas: "Erratischer Block"

„Schon vor einiger Zeit, im Dezember 2008, ist in der deutschen historischen Fachzeitschrift (Historische Zeitschrift, Bd. 287) eine Rezension von Karen Swassjan zu Helmut Zanders Buch "Anthroposophie in Deutschland" erschienen. In prägnanter Weise hat Swassjan dort auf knapp anderthalb Seiten einige Hauptpunkte aus seinem Buch "Aufgearbeitete Anthroposophie - Bilanz einer Geisterfahrt", welches als Antwort auf Zander erschienen ist, zusammengefasst.

Einen Punkt möchte ich gerne herausgreifen...“

zum Text von Jonas..
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Der Wind der Erzengel

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„Also die Archangeloi können Sie zum Beispiel nicht in irgendeiner Wassermasse daherbrausen fühlen ihrem physischen Leibe nach, sondern Sie können sie nur in Wind und Feuer wahrnehmen, und zu diesem dahinbrausenden Wind und zu diesem Feuer müssen Sie also hellseherisch in der geistigen Welt das geistige Gegenstück suchen. Das ist nicht mit seinem physischen Leib auch nicht einmal mit seinem Ätherleib vereint.“

Rudolf Steiner, GA 110
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Der kühle Wind

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Manche machen wirklich viel Wind, um voran zu kommen. Manche robben auf den Knien hundert Kilometer bis zum heiligen Berg Kailash, umrunden ihn dreimal, um ihr Karma zu reinigen und erfrieren im Schnee. Manche ziehen sich in eine verlassene Höhle im Himalaja zurück, lassen sich Haare und Fingernägel wachsen, rauchen eimerweise Haschisch und bemalen sich. Manche ziehen sich dornenbesetzte Unterwäsche an, schlagen sich den Rücken blutig, pilgern 800 Kilometer bis Santiago de Compostella und stellen fest, dass die Wirte die weitaus schlimmste Heimsuchung waren. Manche besuchen haufenweise blöde Seminare mit pickligen Jungmanagern, lassen sich mit Lügendetektoren piesacken und zahlen 20000 Euro, um ihren Theta- Menschen zu befreien. Manche gehen 35 Jahre lang in einen anthroposophischen Zweig und warten auf „Fortschritte“. Manche blähen ihr Ego so lange auf, bis es so groß ist, dass man es bei einiger Selbsthypnose für Gott halten könnte, wenn man wollte.

Manche aber sitzen in tiefer Flaute in ihrem Segelboot mitten auf dem See. Es gibt nichts zu tun, weil alles bereits getan ist. Die Kombüse ist eingerichtet, die Segel sind aufgezogen. Der Bug ist frisch gestrichen, die Planken sind geputzt. Alles, was zu tun ist, ist getan. Man kann über die Reling ins klare Wasser schauen und die grossen Fische unter dem Boot betrachten. Worauf es ankommt, ist eine Winzigkeit von Wind. Man kann ihn nicht erzeugen. Man muss ihn nur bemerken. Vielleicht kommt er heute nicht mehr auf. Er wird kommen. Jeder, der den kühlen Wind kennt, weiss, wie schnell und überraschend er auffrischen kann. Am Anfang ist er kaum wahrnehmbar. Man muss lediglich für ihn bereit sein. Es ist kaum zu glauben, wie weit einen diese Winzigkeit von Wind doch tragen kann.
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Die armen Seelen

Karen Swassjans viel gelobtes und wenig gelesenes „Weltmacht Rudolf Steiner“ ist nun als Download zugänglich (Danke, Jens!). Teil 2 und 3 sind ebenfalls als PDF zu bekommen. Im ersten Teil, benannt „DAS WELTERKENNEN ALS SELBSTERKENNEN EINES MENSCHEN. ZUM WELTBILD DES JUNGEN RUDOLF STEINER“ geht es, aufs schärfste verkürzt um die Frage, in welcher Beziehung und Relevanz Steiners Frühwerk, insbesondere „Die Philosophie der Freiheit“ zu dem späteren Werk steht: „Es könnte nämlich sein, daß das Verhältnis zwischen Früh- und Spätwerk etwa demjenigen zwischen einem unverdünnten Konzentrat und dessen allmählichen, jedesmal aufs genaueste dosierten homöopathischen Lösungen gleichkäme. Das ganze spätere Werk Rudolf Steiners erschiene dann gegenüber der Philosophie der Freiheit als gewollter und gekonnter Rückzug – der Bedürftigkeiten der sich «esoterisch» stellenden armen Seelen der Zuhörer halber.“

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Die Diagnose, dass in der „Philosophie der Freiheit“ die gesamte Anthroposophie wie in einem Keimzustand steckt, kann ich gut teilen. Es geht darin ja nun um eine Grundlegung der Frage nach dem Denken schlechthin- nach dem Instrumentarium des Erkennens und des Bewusstseins. Die Erfahrung des Denkens selbst, seiner Willens- und Gefühlsanteile, seiner Dynamik, die Steiner anregt, führt natürlich an die Grenze dessen, was man „spirituelle Erfahrung“ nennen kann. Insofern kann man das Buch als eine Art Sammlung, Konzentration, Sortieren der Instrumente betrachten, der eine Ausbreitung in der theosophisch- anthroposophischen Sprache folgte. Swssjan konstruiert dabei aber eine sarkastische Note hinein, indem er den Grund für das „Esoterisch-Werdens“ Steiners darin sieht, dass dieser damit lediglich einen Markt „armer Seelen“ bedienen wollte oder musste. Das ist de facto eine zynische Interpretation, der man folgen kann, wenn man unbedingt will.
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Schicksalsergebenheit

Schicksalsergebenheit ist eines der Dinge, die ich schlecht kann. Für Rudolf Steiner war das einer der Grundpfeiler geistiger Entwicklung. Er erwartete sogar Dankbarkeit gegenüber dem Leben im weitesten Sinne: „Und es ist viel für das Leben, wenn diese Dankbarkeit für das Erdendasein in die menschliche Seele einzieht. Diese Dankbarkeit tritt bei gewissen Seelenvertiefungen immer ein, wenn man nicht aus der Emotion heraus, sondern aus der reinen Seele heraus das Leben beurteilt.“ („Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. Band V“)

Ja, die reine Seele. An der wird es immer gemangelt haben. Ich bin einer von denen, bei denen die ganze Versammlung lacht, wenn ich dazu komme, zu gestehen, dass ich mich eigentlich für sehr schüchtern halte. Ich bin einer von denen, von denen man meint, dass sie nach Macht und Einfluss verlangen, aber es kommt nie dazu. Man kann willensstark, aber dennoch völlig unfähig zu jeglicher Karriere sein. Es reicht schon, wenn man Seilschaften nicht pflegen kann oder mag. Oder wenn man Intrigen nicht rechtzeitig zu wittern vermag. Bei mir reichte es eigentlich schon, dass ich solche Intriganten ekelhaft finde. Aber es ist sicherlich nicht förderlich, wenn man schon diese einfachen Mittel zur Karriereplanung lieber ausschlägt.

Ich habe Dinge aber nie einfach geschehen lassen, sondern wollte sie immer zumindest mit gestalten, wenn nicht beherrschen. Ich lernte aber wenigstens irgendwann, dass man nicht zu viel wollen darf, weil man sonst endlose Widerstände hervor ruft. Wenn man etwas erreichen will, muss man warten können.

Ich wollte oft, griff aber dabei auch oft daneben. In meiner Ausbildungszeit setzte ich alle Hebel in Bewegung, um nicht an die mir zugewiesene Schule, sondern an einen anderen Typ zu kommen. Das gelang dann auch. Die Ausbildung wurde aber ein Alptraum, weil ich dort ein völliger Fremdkörper blieb. Man setzte mir richtig zu- etwa, als man meine Waldorf- Sympathien entdeckte. Aber es gab viele Gründe, sich hier nicht wohl zu fühlen. Die mir ursprünglich zugewiesene Ausbildungsschule habe ich später einmal besucht. Natürlich fühlte ich mich dort sofort gut aufgehoben. Man merkt in Fachgesprächen schnell, ob es wenig oder viel Mühe macht, sich zu verständigen. Manchmal geht es auch fast gar nicht. Am Ende ging die Sache gut aus, aber ich hatte daran zu knabbern: Hätte ich nicht eingegriffen, wäre es deutlich leichter gegangen.

Ja, ich opponierte gerne. Nie über die Grenzen des Konstruktiven hinaus, aber prinzipiell schon viel. Wenn dann tatsächlich die üblichen Nackenschläge kommen ( etwa die Trias Pleite - Scheidung - Krankheit), kann diese Opposition-gegenüber-dem-Leben etwas Prinzipielles bekommen- etwas, das zum Problem werden kann. Ich denke, dass wir konstitutionelle Oppositionelle sind. Einfach deshalb, weil wir uns der Tatsache bewusst sind, sterbliche Wesen zu sein. Die Opposition gegenüber dieser Tatsache bildet uns erst als Individuen aus. Sie bringt erst die Blüte unserer Kulturschöpfungen und individuellen Leistungen hervor. Aber die Opposition ist etwas, an dem man letztlich natürlich scheitert. Der Abgott unseres Individualismus zerbricht nun einmal letztlich an der Tatsache, dass wir vergänglich sind.

Vielleicht ist es eine Form von Zermürbung- ich bin nicht sicher. Vielleicht ist es auch eine spirituelle Einsicht: Ich versuche mich etwas mit dem Leben, so wie es auf mich zu kommt, anzufreunden. Die Dinge wirklich anzunehmen, wie sie sind. Das Beste aus Situationen machen, aber aus dem heraus, was notwendig ist, nicht aus dem, was man sich vorher vorgenommen hat. Es gibt sogar soziale Techniken dazu, die in sozialen Arbeitsfeldern trainiert werden. Letztlich steht man aber immer wieder vor dem Improvisieren. Es ist dann eine Frage der inneren Haltung: „Starke Duldsamkeit“, „Willensfreie Aufmerksamkeit“ oder ähnliche absurde Bezeichnungen wären treffend. Manchmal geht das sogar in ausgesprochen schwierigen Situationen und vor wichtigen Entscheidungen gut. Hinterher, wenn man es ausbaden muss, wird es vielleicht wieder schwieriger mit der „Dankbarkeit für das Erdendasein“.

Ich arbeite daran.
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Das Hören einer Symphonie

„Und der Ton, der lebt eigentlich im ganzen Organismus. Der Ton lebt uns. Der Ton lebt nicht nur im Ohre, das Ohr ist nur ein Wahrnehmungsorgan für den Ton. Indem wir einen Ton erleben, erleben wir ihn mit dem ganzen Organismus. Eine Symphonie erleben wir immer mit dem ganzen Organismus.

Wenn wir einem Musikstück zuhören, so ist eigentlich der innere Vorgang der folgende: Wir versetzen unseren ganzen Atmungsprozess in eine ganz bestimmte Rhythmik, in ganz bestimmte musikalische Vorgänge, die eben durch die Komposition veranlasst werden. Diese Gestaltungen unseres luftförmigen Inneren schlagen an die Formen des Gehirns an; wie sie da zurück gestossen werden, das gibt uns den musikalischen Eindruck. Es ist eigentlich immer ein Abtasten des Lichtes durch den Ton.“

Rudolf Steiner, Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung, GA 246, Dornach, S. 98
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Religion & Folklore

„Nun leben wir aber (…) gegenwärtig in einem Entwickelungszyklus des menschlichen Werdens, in welchem die Menschen gleichsam mündig werden sollen so, dass nicht mehr in der alten Weise die Religionsstifter auftreten werden und an den Glauben der Menschen appellieren werden. Das sind vergangene Zeiten, obwohl selbstverständlich diese alten Zeiten in unsere Gegenwart hereinragen und gegenwärtig nur angefangen werden kann mit einer kleineren Anzahl von Menschen, sozusagen das neue Leben zu erleben, und die Menschen nur schwer nachkommen, sich sogar darnach sehnen, die überlieferten Vorstellungen aufzuschnappen, die noch von den alten Religionsstiftern herkommen.“

Rudolf Steiner „Wie erwirbt man sich Verständnis für die geistige Welt?“ GA 154, S. 18


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Das nach dem Religiösen Schnappen ist uns auch hundert Jahre nach diesen Worten Rudolf Steiners gut bekannt. Fundamentalisten beherrschen sogar mehr denn je in der Weltgeschichte diese angeblich so aufgeklärte Gegenwart. Islamische und -vor allem in den USA- radikal tele-visionierte christliche Massenkontingente bestimmen keinesfalls allein das Bild. Die im weitesten Sinn ausgefransten asiatischen Strömungen feiern im Westen in zahllosen Ausformungen eine Renaissance nach der anderen. Vor allem aber bestimmen Unsummen von kleinen und winzigen religiösen Gruppen, teilweise mit sektierischen Einschlägen, das Bild, das zu einem Flickenteppich wird.
Selbstverständlich befriedigen auch die grossen christlichen Kirchen religiöse Grundbedürfnisse. Aber auch hier pilgert man in ein tibetisches Retreat und hisst an gewissen Jahrestagen die Tibetfahne. Religion ist zum Cross-Over-Event geworden, passt sich der Globalisierung an, ist aber eben immer noch das, wonach Menschen in Bezug auf „die überlieferten Vorstellungen“ (Steiner) schnappen wie Fische, denen der Sauerstoff knapp wird.

Phänomene wie der Judith-von-Halle- Hype deuten an, dass auch innerhalb der - eigentlich an Rudolf Steiner orientierten - anthroposophischen Bewegung ähnliche Bedürfnisse vorliegen, die immer wieder ein Objekt der Verehrung bestimmen. Das von Steiner geforderte „mündig werden Sollen“ sieht sicherlich anders aus. Aber natürlich muss man die Frage auch an sich selbst stellen. An welcher Stelle sucht man Tröstung und Gewissheit? Das sind die Stellen, an denen die emanzipierte „Bewusstseinsseele“, die der Anthroposoph theoretisch sucht, ihren Glanz einbüßt. Durch die dünne Haut der Selbstkritik drängt sich das religiöse Gewissheitsbedürfnis hindurch. Eine gefährliche Stelle. Denn der Trostbedürftige ist in dieser Situation vielleicht auch anfällig für politische Einflussnahmen. Ist nicht auch der Obamaismus eine Form politischer Erweckungsbewegung? Sicherlich eine harmlose Form, aber zweifellos auch eine Massenbewegung. Natürlich können politische Bewegungen einen quasi-religiösen Impetus haben. Obama spielt damit, und er hat damit die Wahl gewonnen. Ist er ein Zyniker oder glaubt er, was er darstellt? Ich bin mir nicht sicher, was davon schlimmer wäre.

Aber kehren wir zum gemeinen Anthroposophen wie du und ich zurück. Wir sind manchmal traditionell (eher selten, denn wir lieben Festlegungen nicht sehr) in dem Verein Mitglied, schöpfen manchmal die religiöse Sahne ab und geniessen sie, lieben manchmal einfach den Lifestyle, bauen uns eine Privatidylle zwischen Drogeriemarkt dm, Lebensratgebern aus der Szene, etwas Literatur, einem Jahreszeitentisch und dem Weihnachtsbasar. Wir trinken, weil Rudolf Steiner vom Spiessergetränk Kakao gesprochen hat, lieber Kaffee. Religiös wird es, wenn bestimmte Axiome für das eigene Handeln aus angeblich tradierten Äußerungen Steiners bezogen werden, vielleicht ohne auch nur wirklich nach zu lesen, in welchem Kontext Steiner so etwas geäußert haben soll. Wenn aber aus dem Gelesenen Handlungsanweisungen heraus gelesen werden, wird ein quasi-religiöser Katechismus daraus. Man muss also, um nicht auf diesen Bodensatz herunter zu fallen, innere Distanz zu den anthroposophischen Inhalten pflegen, auch und gerade als Anthroposoph. Um nicht in private Mythologien oder idiotische Normen zu verfallen, muss die innere Freiheit stets geübt werden. Das religiöse Bedürfnis übt einen gewissen Sog aus.

Nebenbei bemerkt - gewise skeptische, areligiöse, materialistische Diskussionskreise strahlen dieselbe religiöse Inbrunst aus, mit der Standpunkte verteidigt und attckiert werden wie das von ihnen Kritisierte. Das ist keine Frage des Standpunkts, der Riss geht mitten durch uns selbst - selbst dann, wenn wir das Gegenteil behaupten.

Steiner hatte übrigens für sich auch eine bestimmte Übung, von der er immer wieder, aber wie nebenbei, berichtet hat. Das war sein Ehrgeiz, gerade materialistische Autoren wie Haeckel oder Nietzsche derart von innen her zu verstehen, dass er ihre Standpunkte vollkommen vertreten konnte. Das hat er auch in Büchern getan- und ist zu seiner Zeit auch deshalb schwer missverstanden worden. Den eigenen Horizont in der Weise zu erweitern, sich gerade in Personen, Bewegungen und Autoren, die einem fern zu stehen scheinen, herein zu arbeiten, bis deren Antriebe und Absichten einem vollkommen vor Augen stehen und zumindest situativ zu den meinen werden, scheint aber ein probates Mittel zu sein gegen die Sogkräfte der eigenen Folklorisierung. Ja, Anthroposophie kann auch Folklore sein. Jeder muss sie für sich selbst aus diesem Missverständnis befreien.
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An Karma denken

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An Karma denken bedeutet für mich nicht, irgend welche blöden Thesen über das frühere Leben von Leuten oder mir selbst anzustellen. Solche Vorstellungen würden bei mir heillos von Eitelkeiten und Animositäten verfremdet- es entstünden bizarre Freund- und Feindbilder, die nur das zementieren würden, was man sich an Vorstellungen eben so bildet.

An Karma denken, heisst genau das Gegenteil. Wenn man ein Kind diagnostizieren soll, läuft das oft geradlinig in eine Richtung. Die Tests, die Gespräche deuten zum Beispiel darauf hin, dass dieses etwas intelligenzschwache siebenjährige Mädchen mit den schönen dunklen Augen psychotische Züge hat. Sie träumt nachts von augenlosen Hexen, die sie bedrohen und sich ihr nähern. Sie schläft zu wenig, kotet manchmal ein, weint vor Erschöpfung. Sie ist in einem labilen emotionalen Zustand, lernschwach, wirr in ihren sprachlichen Äußerungen.

An Karma denken heißt, anzuhalten und den Blick zu weiten. Man muss das in jeder pädagogischen Diagnostik einmal machen. Ich versetze das Mädchen gedanklich in andere Kulturen, stelle mir ihre Ängste vor. Könnten die Hexen etwas anderes bedeuten, als sie mir -kulturell- erscheinen? Haben sie in anderen Kulturen andere Bedeutungen? Was bedeutet das Augenlose? Ich fliege gedanklich durch Augen. Ich sehe siegreiche Imperatoren vor mir, die als erste Amtshandlung die Augen in den Darstellungen und Statuen ihrer Vorgänger heraus schlagen ließen. Dieses Auslöschen, diese Nichtexistenz, was darf nicht gezeigt werden? Ich denke, das Mädchen kann nicht zulassen, dass es etwas sieht. Es anonymisiert.

Ich suche in andere Richtungen. Das Mädchen hat immer noch diese Alpträume, aber wann? Ich lege ein Tagebuch an und konfrontiere die allein erziehende Mutter damit. Es zeigt sich: Das, was es nicht sehen darf und was sich ihm nachts nähert, tritt immer dann auf, wenn das Mädchen bei seinem Vater nächtigt. Das Mädchen ist wahrscheinlich nicht psychotisch, es befindet sich in einer schizoiden Situation als Opfer, das nicht wahrhaben will, was ihm angetan wird. Erster Hinweis für einen Verdacht, der sich in der Folge verstärkt und auch zu einer völligen Neubewertung der Situation des Mädchens führt.

Es ist immer hilfreich, sich Andere in anderen Kulturen und Zusammenhängen vorzustellen. Manchmal gibt es gewisse Haltungen von Schülern, die sich schwer erklären lassen. Ein Schüler, stark übergewichtig und mit einem leichten Down- Syndrom, lehnte alle Lernangebote ab. Wenn man ihn berührte, fiel er um, wälzte sich auf dem Boden und schrie. Er liebte dramatische Inszenierungen, um damit den Schultag abzubrechen oder zumindest nachhaltig zu stören.

Endlich kam ich darauf, meinen Blickwinkel zu erweitern und an Karma zu denken. Passten irgend welche Vorstellungen? Ich fand eine: Ich sah den Schüler am Hofe eines chinesischen Kaisers. Er selbst war in diesem Gedankenspiel ein hoher Beamter. Was er sah, waren Untergebene. Es war ganz undenkbar, ihm irgend welche Anordnungen zu geben. Das hätte ihm jede Ehre genommen. Das Wahren seiner Rolle und seines Gesichts waren ihm wichtig.
Also näherte ich mich dem realen Schüler als der einfache Schreiber, der ich nun einmal war und bot ihm an, ihm frei eine Geschichte zu erzählen. Es war eine Abenteuergeschichte, er selbst war der siegreiche Held. Von nun an musste ich, ehrerbietig fragend, jedes Mal eine Geschichte erfinden. Ich näherte mich ihm unter Berücksichtigung der höfischen Etiquette. Ich fing aber bald an, die Geschichten auch an die Tafel zu schreiben. Er malte sie ab. Er malte wirklich, mit weichen, fast kalligrafischen Zeichen, feierlich, zeremoniell und langsam. Es stellte sich nicht nur heraus, dass er heimlich längst alle Buchstaben gelernt hatte, sondern auch, dass er sehr schnell - wenn auch in langsamer Art und Weise- lesen lernte. Es hatte ihn nur niemand richtig gefragt. Nach einem Jahr schrieb er immer noch, immer mehr, las fliessend, und ich hatte einige Not, immer weitere Abenteuer zu erfinden. Es war aber bald auch möglich, auf normale Lesebücher zurück zu greifen.

Es geht nicht darum, ob die Vorstellung „stimmt“ oder nicht. Sie hat meinen Blickwinkel, meine Haltung verändert. Sie hat mir einen ungewohnten Zugang verschafft. Selbst wenn die Theorie ein fake sein sollte: funktioniert hat sie. Karma ist kein Friedhof der Vorstellungen. Karma ist der Beginn eines Reichtums von denkbaren Ursachen und Konstellationen. Man fischt in einem Teich und sucht einen Fisch, der auf symbolischer Ebene passen könnte. Das erweist sich häufig als Schlüssel zumindest für eine veränderte Beziehung.
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"Das macht mir die Flügel frei"

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Endlich habe ich den Briefwechsel bei Amazon erschwinglich und gebraucht bekommen: „Rudolf Steiner, Marie Steiner- von Sivers: Briefwechsel und Dokumente 1901-1925“. Es ist eine Ausgabe aus dem Jahr 1967, die ehemalige Besitzerin hat es mit ihrem Namen markiert. Enthalten ist außer dem Briefwechsel auch die berühmte autobiografische Skizze Steiners für Edouard Schure, das Dokument von Barr. Ich kannte es nur in Auszügen. Steiner berichtet darin auch - ansatzweise- von seinen persönlichen Lehrern.

Die Briefe an und von Marie Steiner beleuchten den Werdegang einer Art Popstars seiner Zeit. Mit der Bekanntschaft mit Marie von Sivers beginnt Rudolf Steiner auf eine Art Tournee zu gehen, die bis zu seinem Lebensende andauert. Seine Briefe berichten von den Erfolgen, den Umständen und den Widrigkeiten. Er wird - spätestens ab 1907- ständig umlagert und von Menschen bedrängt, die seinen Rat suchen. Er hasst es, bei Leuten unterwegs privat nächtigen zu müssen, kann sich aber nicht recht dagegen wehren. Auch wenn er wesentlich lieber in Hotels absteigt, nötigen ihn seine Anhänger immer wieder zur Unterkunft in ihrem Haus. Immer wieder sorgt er sich um seine Stimme, die in einem ungeheizten Raum zu versagen droht. Immer wieder hat ein Zug Verspätung, fällt eine Fahrgelegenheit aus. Rudolf Steiner wünscht sich Gummistiefel für einsetzenden Schneefall unterwegs und erhält sie.

Während seiner Reisen begründet er Zweigniederlassungen („Logen“), wenn die nötige Mindestzahl von Interessenten vorhanden ist. Aber Intrigen, Machtkämpfe, Eitelkeiten der örtlichen Protagonisten lähmen die Fortschritte unentwegt. Rudolf Steiner beschreibt die personellen Widrigkeiten ausführlich und schimpft, waschecht, am liebsten und drastischsten über die Wiener. Zwischendurch hängt er Skizzen seiner neuen Erkenntnisse, in Text und in einer Art Mindmaps, an die Briefe an seine Frau daran. In diesen Dokumenten wird die Entstehungsgeschichte seiner Weltsicht Stück für Stück deutlich. Zuhause in Berlin managt Marie Steiner das Verlagsgeschäft, bei dem ebenfalls alles Denkbare schief geht. Häufig entpuppen sich die Verleger als Windhunde. Und schließlich wird das Verhältnis zu den Protagonisten der Theosophischen Gesellschaft ausführlich beleuchtet. Die Gründe für die Ablösung werden hier ganz persönlich und konkret deutlich. Man sollte den Kontext allerdings halbwegs kennen, um den Inhalt der Briefe in dieser Hinsicht zu verstehen.

Nicht zuletzt stellen diese Briefe auch eine Art „Szenen einer Ehe“ dar. 1903 geht Steiner plötzlich dazu über, Marie von Sivers zu duzen: „Es war mir oft, als ob ich Dich im Auditorium suchen müsste.“ Zwei Tage später schreibt er: „Du verstehst mich; und das gibt mir Kraft, das macht mir die Flügel frei.“ Marie nennt ihn, obgleich noch mehr als Vorbild und eine Art Lehrer, „Du Guter, Bester..“ Er hält sie auch tatsächlich zu Meditationen an, während sie ihre innere „Unordnung“ beklagt.

Ein Jahr später erkennt sie eines seiner persönlichen Probleme: „Lerne den Menschen etwas abschlagen.“ Er kann sich schlecht wehren und beklagt sich selbst dann nicht, wenn ihn jemand in einer verrauchten Kneipe sprechen lässt. Im August 1904 ist Marie für Steiner „meine Liebe“ und er schreibt von dem „schönen Bande, das uns bindet“. Oder er gesteht: „Ich werde mich mit Dir, meine Liebe, immer sicher fühlen. Du aber musst bei mir sein.“ Er beschwört Marie geradezu: „Aber wir dürfen auch nicht im geringsten gebrochen werden“- selbst wenn sich im Umkreis Missverständnisse häufen sollten.

Ab 1905 werden die Briefe und Berichte sachlicher, weniger zärtlich. Allmählich beginnt die Tournee Steiners sich zu entwickeln. Es stellt sich (auch) eine Art Arbeitsbeziehung zwischen ihm und Marie ein. Ihre Arbeitsüberlastung und Kränklichkeit machen ihn dauernd besorgt. Aber auch sie macht sich Sorgen um ihn. Über längere Zeit bleibt vor allem dies die Art, in der sich Beide ihrer Zuneigung versichern. Um 1914 werden seine Mitteilungen telegrammähnlich - „Gut angekommen herzliche Grüße. Steiner“. Ab 1920 werden sie wieder ausführlicher. Der letzte Brief Marie Steiners an Leopoldine Steiner erfolgt nach Rudolf Steiners Tod: „Aber die Welt ist tot, seitdem er gegangen ist.“
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Tom Mellett: Palmsonntag 2004 in LA

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Am nächsten Tage, Palmsonntag (ja, 4/4/04), taucht der echte Hollywood Tom mit dem hellen (oder etwa grellen?) Lächeln sowie seiner Sonntagskleidung auf. Ich stehe auf dem Foto da mit Mary Delle Le Beau, die eine Eurythmistin ist. 1977 habe ich sie in Austin, Texas getroffen, und ich habe auch sie an die Anthroposophie herangeführt. Sie spricht flüssig Russisch. Während der 1990er wohnte sie in Moskau und hat eigentlich das Moskau Eurythmie Ensemble begründet. Seit 1980 hatte ich sie nie mehr gesehen. 2003 bin ich nach LA angekommen, nur zu entdecken, dass Mary Delle hier auch in LA wohnt. Sie wird jetzt Professorin in der russischen Abteilung bei der USC (University of Southern California).

Zum ganzen Text...
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Verschämter Materialismus

„So mag es auch heute viele geben, die zwar nichts wissen wollen vom Materialismus, die aber gleichwohl den Geist ganz materiell auffassen. Auch viele Theosophen denken sich den Geist als feinverteilte Materie. Auch in der Theosophie verbirgt sich viel verschämter Materialismus.“

Rudolf Steiner, München, 3.12.1907 („Die Erkenntnis der Seele und des Geistes“)
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Ein immanentes Paradoxon jeglicher Esoterik, was Steiner da beklagt. Natürlich bildet man sich gegenüber nicht-sinnlichen („esoterischen“) Inhalten Vorstellungen, die man aus der sinnlichen Erfahrung überträgt. Woher denn sonst soll man diese Vorstellungen entlehnen? Aber wie befreit man sich davon, damit auch Erwartungen zu verknüpfen, die einen in der eigenen geistigen Arbeit auf absolut vertrocknete Wüstenpfade führen?

So mancher findet seine Erleuchtung in platter Verkennung jeder simplen esoterischen Grundvoraussetzungen- als sich selbst erfüllende Prophezeiung. So mancher redet sich seine Alltagsvorstellungen so lange schön, bis sie irgendwie in Engelglanz und Schalmeiengedudel verklärt vor seinem inneren Auge erscheinen. Schade um die verschwendete Zeit.

Auch in der Sprache werden sinnliche Vorstellungen transportiert. Formulierungen wie „feinstofflich“ finden sich daher bei Steiner selbst häufig. Er unterliegt also selbst dem, was er oben beklagt, was seine Sprachwahl betrifft. Man muss einfach immer bedenken, dass man sich in dieser sprachlichen Hinsicht in einem Umfeld von Hinweisen, Metaphern und Symbolik bewegt. Wenn man Steiner wörtlich nehmen möchte, bleibt man an diesen Vorstellungen kleben und verfehlt seine Intention.
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Peter Staudenmaier: Anschlag auf Rudolf Steiner?

-Steiners disrupted lecture in Munich, May 1922-

Here is some of the background to the 1922 incident. Anthroposophists today sometimes claim, in standard conspiracist fashion, that it was an assassination attempt, and they often add that Steiner ceased his public appearances in Germany after this event. Those claims are inaccurate. What actually happened at Steiner's well-attended lecture on May 15, 1922 at the Hotel Vier Jahreszeiten in Munich was much less dramatic. According to eyewitness accounts by anthroposophists present at the time, a small group in the audience who were hostile toward anthroposophy interrupted the lecture with noise, turning out the lights, and similar tactics. Not only was there was no attempt on Steiner's life, he was not physically attacked, and the major disruptions did not take place until after he had left the stage.

Anthroposophist descriptions of the incident provide conflicting accounts of the perpetrators, with some blaming unidentified nationalist ruffians, some blaming Nazi agitators, others the Thule Society, and still others the Ludendorffers. The latter possibility seems most likely. There is no indication in the historical sources that Nazis were involved. The hotel where Steiner gave his lecture was an important gathering place for the far-right milieu in Munich at the time.

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Schwierigkeiten des inneren Lebens

„In unserer gegenwärtigen Kultur ist es außerordentlich schwierig, sich den Forderungen eines Lebens zu unterwerfen, das die übersinnliche Welt erschliesst. Zwei Vorbedingungen fehlen in unserer Kultur ganz und gar.

Die erste Forderung ist die Isolation, das, was man in der Geheimwissenschaft die höhere menschliche Einsamkeit nennt, die zweite ist die Überwindung eines in unserer Zeit in bezug auf die innersten seelischen Eigenschaften aufs höchste gestiegenen, der Menschheit zum großen Teil unbewußten Egoismus. Der Mangel an diesen beiden Vorbedingungen macht den Entwickelungsgang des inneren Lebens geradezu zu einer Unmöglichkeit. Isolation oder geistige Einsamkeit ist heute deshalb so schwer möglich, weil das Leben immer mehr und mehr zerstreut, zersplittert, kurz, äußere Sinnlichkeit fordert.

In keiner Kultur haben die Menschen jemals so im Äußerlichen gelebt wie gerade in unserer.“

Rudolf Steiner, Gesamtausgabe 54, Seite 202ff („Die Welträtsel und die Anthroposophie“)

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Gilt diese Diagnose Steiners heute, 100 Jahre später, noch?
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Plastizität und Musikalität

„Alles Plastisch-Bildnerische arbeitet auf die Individualisierung der Menschen hin, alles Musikalisch-Dichterische dagegen auf die Förderung des sozialen Lebens. Die Menschen kommen in einer Einheit zusammen durch das Musikalisch- Dichterische; sie individualisieren sich durch das Plastisch-Bildnerische“ (GA 294, Seite 46), schreibt Rudolf Steiner.

Ich möchte dies auch auf die Erfahrungen in der geistigen Entwicklung beziehen. Denn die Erfahrung der plastizierenden, dynamischen Kräfte ist ein wesentlicher Teil in dieser Entwicklung. In meinen Augen hängt die Entdeckung dieser Dynamik - so seltsam das klingen mag- mit dem Kehlkopf zusammen, ist im Kern also eine Sprach- Gestaltungskraft. In der meditativen Erfahrung werden diese Kräfte zunächst als Dynamik an der Körpergrenze erlebt, vor allem in unteren Kopfbereich. Im asiatischen Raum finden sich viele Plastiken, die solche Erfahrungen wie Markierungspfähle festschreiben- etwa in dieser Darstellung, die ich auf der Insel Hombroich entdeckt habe.

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Man darf eben nicht den Fehler machen, solche Plastiken nur dekorativ oder als Joga- Übung zu verstehen. Sie entsprechen vielmehr tatsächlichen Erfahrungsebenen. Die Plastizität bedingt allerdings, dass diese (erweiterten) Körpererfahrungen dahin ziehen wie Wolken - sie entsprechen ja nur dem Freiwerden einer inneren Dynamik.

Natürlich bleibt es dabei nicht. Die von Rudolf Steiner angesprochene Individualisierung kann man auch in der Hinsicht verstehen, dass diese Dynamik individuell ergriffen werden will und eine Grundvoraussetzung für eine geistige „Organbildung“ darstellt. Die Plastizität ist ein Vehikel. Sie tritt zurück, indem man in sie eintritt. Eines der „Wahrspruchworte“ Steiners („Denkend empfinde ich mich eines mit dem Strom des Weltgeschehens“) spricht dieses „Eintreten in den Strom“ an. Unabhängig von Kultur und Schulungsweg ist dieses Flüssigwerden in reiner Dynamik eine oftmals beschriebene Konstante einfacher geistiger Erfahrung.

Das innere Musikalisch- Werden dagegen ist nicht nur, wie von Steiner beschrieben, ein Erlebnis der „Einheit“ in sozialer Hinsicht- darin ist auch das Klingend- Werden in höherer Hinsicht beschrieben. Dies ist erst möglich, wenn das Fliessende innehält, transparent wird und das zum Klingen zu bringen vermag, was es umgibt.
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Wolfgang Garvelmann: Brief zu Judith von Halle

„Zu Deinen Bedenken bezüglich Judith von Halles möchte ich auch etwas zu bedenken geben, nicht um die Inhalte - zu denen kann ich nicht viel beitragen, weil ich noch nicht "so weit" bin, sondern um den Umgang damit. Mit allen braveren und rechtgläubigeren Anthroposophen eint Dich offenbar die Überzeugung, dass Rudolf Steiners Darstellungen, soweit sie bis jetzt überliefert sind, des Wissens letzter Schluss seien. Dass er nicht alles gesagt haben könnte, was für eine spirituelle Tatsache ausserdem noch hätte gesagt werden können, wird weitgehend verdrängt.“

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An der Zeitmauer

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Download des Fotos (im Garten von Schloss Dyck, Kreis Neuss)

Als Neunjähriger ging ich im Traum auf der Zeitmauer spazieren und hatte grosse Angst, dass ich beim Balancieren im Dunkeln in ein Loch in der Mauer fallen könnte. Ich war sicher, ich würde in einen schwarzen Sack stürzen, den ein Jemand für mich bereit hielt. Das war wohl die Angst vor dem Sich-Verfestigen, Erwachsenwerden, Sich-in-die-Dunkelheit-des-Leibseins-Begeben, wie sie Neunjährige nun einmal haben können. Die Alpträume hielten eine Zeitlang an und verwandelten sich allmählich in eine Faszination gegenüber dem eigenen Spiegelbild. Nachdem die Alptraumphase vorüber war, ging die Angst in eine eigentümliche Mischung über zwischen der Faszination, ein körperliches Ich zu sein- und gleichzeitiger Scham davor. Am Ende verging auch der Rest von Abscheu vor meinem So-Sein. Das Abenteuer der Entfaltung dieser Biografie, das Bejahen, das Ausleben konnte beginnen.

Es gibt aber viele dieser Zeitmauern. Vor einer anderen steht man vielleicht in der Lebensmitte. An einem bestimmten, kaum fest zu machenden Punkt beginnt die Zeit schneller zu verlaufen. Vielleicht liegt das daran, dass die Tages-, Wochen-, Monatsrhythmen gefügter werden. Sie sind abhängig von Arbeit, Freizeit, Kindererziehung, wachsenden Gewohnheiten, sich verfestigenden Interessen und Unternehmungen. Aber es liegt wohl auch in einem Nachlassen der Intensität des Empfindens- das Wundern geht verloren. Und es liegt an einem Schwinden der Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses. Ab 35 (sagen wir mal) schnurren die Wochen, Monate und Jahre in sich zusammen, als würde ein Band sie zusammen fassen. Die Fülle von Details geht verloren. Es ist, als würde die Zeit immer weniger enthalten oder als würde es immer mehr Mühe kosten, diese Details tatsächlich lebendig zu halten. Im mittleren Alter wundert man sich, wie schnell der Frühling wieder da ist. War das nicht gerade erst? Die Endlichkeit rückt deutlich näher, indem die Zeit zusammen schnurrt. Die Zeitmauer beginnt vor der eigenen Zukunft in die Höhe zu wachsen. Bei sehr alten Menschen beobachtet man, dass sie vor ihr stehen geblieben sind und nur noch in Phasen ihres Lebens zurück blicken, ja in diesen umfassend zu leben beginnen. Möglich, dass sie sich regressiv einrichten in einer Phase ihres Kleinkindseins.

Diese Dinge verlaufen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Es ist - jedenfalls für mich- eine grosse Hilfe, vielleicht auch ein Trost, aus diesen Gebundenheiten zu gewissen Gelegenheiten auszusteigen. Die Methoden, die der Einzelne zu seiner Tröstung wählt, mögen unterschiedlich sein. Für mich zählt dazu auch die Pflege eines meditativen Lebens. Denn einer der Aspekte der dabei gemachten Erfahrungen ist ja eben das Überwinden der Zeitmauer, das Erleben einer nicht- räumlichen, nicht- zeitlichen individuellen Existenz. Es ist, als ob man von einem Felsen am Meer ins Wasser steigt und mit dem ersten Schwimmzug im Wasser das Erlebnis der eigenen Schwere überwindet, Teil des Wassers wird. In der Versenkung verliert man die Rückmeldung der körperlichen Präsenz im Gehirn- man existiert nicht mehr im Widerstand, sondern ganz aus einem sanften Willen heraus. Es ist keine Ekstase, kein Selbstverlust damit verbunden. Aber es ist ein Zustand ohne Raum und Zeit, und daher bleiben nur die Eckdaten davon im Gedächtnis. Der Trost besteht in der Erkenntnis, dass die Zeitmauern und die Ängste davor so illusionär sind wie die Alpträume, die ich als Neunjähriger hatte.

Rudolf Steiner sprach in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit, sich einen „inneren Zeitbegriff“ (Gesamtausgabe 145, Seite 85) anzueignen, der dann tatsächlich darin bestünde, die Lebenskräfte (das „Ätherische“) zu erfahren. Die Lebenskräfte haben eine individuelle Komponente, die durch die Zeitmauern abgesteckt ist, weisen aber auch darüber hinaus- nicht zuletzt in das, was wir „Natur“ zu nennen gewohnt sind. Es ist lediglich die menschliche Perspektive, die das Erleben der Zeit auf Leiblichkeit und ihre Begrenztheit und auf das Räumliche bezieht und daran festmacht: „Die besondere Schwierigkeit über die Dinge der Geisteswissenschaft zu sprechen, liegt darin, daß wir uns, sobald wir den Blick hinaufwenden in die geistigen Welten, wirklich die ganze Anschauung abgewöhnen müssen, die wir hier entwickeln für das Raumesdasein; daß wir uns ganz abgewöhnen müssen die Raumesanschauung und wissen müssen, daß es Raum da nicht gibt, daß alles in der Zeit verläuft (...)“ (Gesamtausgabe 161, Seite 259).

Jenseits der Zeitmauern beginnt das Erleben des Lebendigen, das sich in Formen fügt, aber sie auch wieder auflöst. Man wird ein Teil dieser Kräfte, die nicht zuletzt auch die eigenen Begrenztheiten schaffen, sie aber auch wieder entziehen. Die scheinbar finale Zeitmauer, der Tod, verliert einen Teil ihres Schreckens.
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Peter Staudenmaiers "Frankfurt Memorandum" in deutscher Übersetzung - korrigiert

Barbara Elers war so unglaublich freundlich, die schwierige Übersetzung von Peter Staudenmaiers Essay zum „Frankfurter Memorandum“ ins Deutsche vorzunehmen. Ich habe die Übersetzung ins PDF- Format umgewandelt und biete den Aufsatz hier zum Download an.

Inzwischen hat es umfangreiche Ergänzungen und Korrekturen durch Peter Staudenmaier gegeben, die ich aus Zeitgründen vorerst in einen Anhang ab Seite 10 des Aufsatzes stelle.
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Schönheit

„Die Fähigkeit, sich ganz mit allem, was im Innern ist, zu offenbaren und nichts in sich verborgen halten zu müssen, könnte als „schön“ in den höheren Welten bezeichnet werden. Und es fällt da dieser Begriff völlig zusammen mit dem von rückhaltloser Aufrichtigkeit, von ehrlichem Darleben dessen, was ein Wesen in sich trägt. „Hässlich“ könnte das genannt werden, was den innern Inhalt, den es hat, nicht in der äußern Erscheinung offenbaren will, was das eigne Erleben in sich zurückhält und für andre Wesen sich in Bezug auf gewisse Eigenschaften verbirgt.“

Rudolf Steiner, „Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen“, S. 58
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Neue Judith von Halle- Seite

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Bei den Egoisten ist eine neue Judith-von-Halle-Seite eingerichtet worden, auf der die hier erschienenen Artikel- seien sie Pro oder Contra- zentral verlinkt sind. Neben meinen kritischen Beiträgen finden sich ganz anders orientierte Artikel von Wolfgang Garvelmann und Michaela Brückner. Die Leser können sich ihr eigenes Bild machen.
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Peter Staudenmaier: The „Frankfurt Memorandum“

Peter Staudenmaier schreibt in seiner Analyse:

„As promised, here is my analysis of the recent 'Frankfurt Memorandum' on Steiner's racial teachings. I'd like to reiterate that the text is the product of a genuine effort by anthroposophists to come to terms with Steiner's race doctrines, and as I mentioned yesterday in introducing the memorandum, its authors are among the more progressive and historically interested anthroposophists in Germany today. My personal interactions with Info3 and with Jens Heisterkamp, one of the two authors of the memorandum, have been positive, respectful, and fruitful.

For reasons I explained last year, however, when we first discussed the memorandum in its original German version, I have many criticisms of the general approach that the memorandum takes toward Steiner's ideas about race. From a historical perspective, much of the memorandum remains constrained by a series of unexamined and unwarranted assumptions about Steiner and his teachings, as well as misperceptions about the historical and intellectual contexts of these teachings. These assumptions and perceptions, which are widespread among anthroposophists today, present a major obstacle to the otherwise admirable aims of the memorandum itself. I will do my best to summarize here my central concerns.“

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Meine Schwierigkeiten mit Judith von Halle

Meine Schwierigkeiten möchte ich an einem Beispiel erläutern. Seit einigen Monaten geht Judith von Halle in öffentlichen Auftritten auf Lazarus ein. In ihrer Darstellung handelte es sich bei dem Vorgang der Erweckung des Lazarus keineswegs um einen Einweihungsprozess im Sinne alter Mysterien, wie Rudolf Steiner es darstellte. Vielmehr äußert sie das bei ihr so häufige Konglomerat von kaum verständlichen „übersinnlichen“ Prozessen: Es handele sich um einen „Wesensgliederaustausch“, um eine „Opferung des ätherischen Leibes“ des Johannes, jedenfalls um einen tatsächlichen Tod, dem dann eine rätselhafte Auferstehung folgte, bei der die von Jesus auferweckte Person nicht identisch mit der verstorbenen war.

Rudolf Steiner selbst kommt in dieser Hinsicht ohne derartig komplizierte Prozesse aus. Bei ihm liest man: „Einweihungsgeschichten werden uns zu allen Zeiten unter Verhüllung erzählt. Das Lazarus-Wunder ist nichts anderes als die wunderbare und gewaltige Darstellung, wie der Christus den ersten Eingeweihten des Neuen Testamentes geschaffen hat, wie der Eingeweihte bei seinem Schüler, der dreieinhalb Tage in einem todähnlichen Zustande lag, die Seele wieder zurückrief in den Leib, nachdem sie die Wanderung durch die geistige Welt gemacht hatte, um nachher durch den Christus selbst erweckt zu werden.“ (GA 57, Seite 134)

Die rätselhafte „Auferweckung“ wird bei Steiner also („todähnlicher Zustand“) in ihrer Bildhaftigkeit enthüllt; es handelt sich nicht um ein Wunder, sondern um einen Prozess, der im Sinne der klassischen Mysterien gang und gäbe war und seine Besonderheit dadurch gewann, dass er noch einmal von Christus selbst durchgeführt wurde. Steiner löst die Wunderbilder, die im Neuen Testament „unter Verhüllung“ geschildert wurden, auf. Judith von Halle macht das gerade Gegenteil. Bei ihr kann es nicht wundersam genug sein. Sie besteht auf tatsächlichen Todesvorgängen und einer deplatzierten Auferweckung. Das ist genau das Element, das sie typischerweise herein bringt. Sie macht die Bildhaftigkeit der geschilderten Vorgänge nicht transparent, sondern bleibt in der irrationalen Bildhaftigkeit stecken und lädt diese weiter auf durch hinzu gedichtete Vorgänge, die sie angeblich „schaut“.

Es ist genau das, was ich bei verschiedenen Gelegenheiten als die Katholizisierung der Anthroposophie durch Judith von Halle und ihre wortgläubigen Anhänger bezeichnete. Jostein Saether macht mir das zum Vorwurf: „Das belächelnde Verharmlosen ihres Versuchs, aus der Anthroposophie mit den Stigmata zu leben, das abscheuende Nichterkennen Judith von Halles als eine anthroposophische Geistesforscherin und die arrogante Ablehnung ihrer Forschungsergebnisse führt nur zu einer weiteren Verschärfung der Fronte und zu einer Verharren im karmischen Cliquenwesen, von der die anthroposophische Bewegung trotz Steiners dezidierten Warnungen in dieser Richtung schon genug gelitten hat. U. a. das Pilatusartige des Hände-Waschens, das Lächerlich-Machen und das Verwerfen ins Katholische, das ich in den Beiträgen von Michael Eggert, Jens Heisterkamp und Holger Niederhausen lese, führen nicht weiter.“

In meinen Augen stellt aber die eigentümliche Reaktivierung der Wundergläubigkeit durch Judith von Halle eine reaktionäre, irrationale Positionierung dar, die weit hinter Rudolf Steiner, hinter das 20. Jahrhundert und jede Art der individuellen Spiritualisierung des Denkens zurück fällt und nichts als eine fantastische Gläubigkeit reaktivieren möchte. So etwas ist in meinen Augen ein Sammelbecken für frustrierte Anthroposophen, die sich vergeblich nach Spiritualität verzehren und nun in der Person Judith von Halles nach dem nächst liegenden Strohhalm greifen: Nur leider greifen sie zu kurz und geraten in ein Fahrwasser, mit dem man eine kirchliche Splittergruppe begründen könnte. Nicht nur die katholische Kirche hat offenbar Probleme mit reaktionären Tendenzen und Gruppierungen.

Nun soll die Interessengruppe um Judith von Halle, wenn man den kursierenden Gerüchten glaubt, nicht nur kurz vor der Vollendung einer eigenen Fortbildungsstätte in der Nähe des Goetheanums stehen, sondern längst auch Unterstützung durch prominente Anthroposophen und vor allem potente Geldgeber gefunden haben. Die Namen, die kursieren, gehen von Götz Werner (DM) über Götz Rehn (Alnatura) bis zu Wolfgang Gutberlet (tegut). Wenn sich das bewahrheiten sollte, steht die anthroposophische Bewegung vor ernsthaften Problemen. Es würde sich dann nicht nur um eine innere Zerreißprobe handeln, sondern um eine gewaltige Verschiebung des inneren Gewichts der Bewegung. Denn die genannten Personen sind tatsächlich in vieler Hinsicht bedeutsam- auch in der Öffentlichkeitswirkung.
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Offener Brief an Sergej Prokofieff

Nicht ohne einen gewissen Genuss berichtet Info3 diese Woche vom „Christus-Streit im „Goetheanum“. Es geht natürlich wieder einmal um die stigmatisierte Berliner Anthroposophin Judith von Halle und die unterschiedlichen, konträren Positionierungen in dieser Frage in Bezug auf ihre Person und ihr Wirken. Nun hat auch das anthroposophische Vorstandsmitglied Sergej Prokofieff in Bezug auf diese Frage Stellung bezogen, worauf es unterschiedliche Reaktionen gab. Für Außenstehende mag es genügen, darüber informiert zu sein, dass es durchaus möglich ist, dass in dieser vergleichsweise peripheren und abgelegenen Frage nicht nur inner- anthroposophischer Dissenz besteht- es ist sogar möglich, dass die anthroposophische Gesellschaft darüber zerbricht. Bereits jetzt wird kolportiert, dass es Bemühungen gäbe, in der Nähe des Dornacher Goetheanums eine von-Halle-freundliche Fortbildungsstätte aufzubauen. Dass man sich in der Frage des „wahren Christusverständnisses“ in der heutigen Zeit derartig in die Haare gerät, mag angesichts realer gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Probleme reichlich befremden, ist aber kaum zu leugnen.

Zur Kenntnisnahme drucken wir an dieser Stelle einen Offenen Brief von Wolfgang Garvelmann ab, der sich direkt an das Vorstandsmitglied Sergej Prokofieff wendet und den Streit vielleicht weiter ausleuchtet.

Die Egoisten nehmen die ganze Angelegenheit einfach staunend zur Kenntnis und enthalten sich weiterer Kommentare. Die ganze Sache entwickelt sich allerdings schon in eine Richtung, in der ich mich frage, wann und wo ich in den falschen Zug eingestiegen bin, ob es noch eine Haltestation gibt und ob es nicht dringend Zeit wird, auszusteigen, nach Lourdes zu trampen und ein Kerzlein aufzustellen. Hosianna!

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Der "verbotene" Vortrag

Tom Mellett hat - auch in der amerikanischen Waldorf-Critics-List - darauf aufmerksam gemacht, dass in der bereits vor 10 Jahren in der „Rudolf Steiner Press“ (London) erschienenen Ausgabe von Rudolf Steiners „From Limestone to Lucifer“ ein Vortrag Steiners fehlt. Es handelt sich um einen Zyklus der Vorträge Steiners für die Arbeiter am Goetheanum. In der deutschsprachigen Bibl.-Nr 349 „Vom Leben des Menschen und der Erde. Über das Wesen des Christentums“ finden sich 13 Vorträge. Der dritte vom 3. März 1923 „Farbe und Menschenrassen“ ist, wie man der Inhaltsangabe entnehmen kann, aus guten Gründen weggelassen:

„Hautfarbe und andere Eigentümlichkeiten der schwarzen, der weißen, der gelben, der braunen und der kupferroten Menschenrasse. Malaien, Indianer und Inder. Die weiße Bevölkerung Amerikas. Der Europäer beweist, der Amerikaner behauptet. Die Zukunft der amerikanischen Zivilisation. Anthroposophie muß aus dem Geiste heraus entwickelt werden. In Europa wird die Anthroposophie auf geistige Weise ausgebildet; der Amerikaner bildet sie auf naturhafte Weise aus. Der Spiritismus als amerikanisches Produkt. Über Wilsons Theorien. Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse. Über das erste Kapitel der «Kernpunkte».“

Offensichtlich wurden bereits damals die rassistischen Aspekte des Inhalts dieses Vortrags für die englischsprachige Welt als nicht mehr zumutbar betrachtet. Nun gibt es zu dem Auslassen dieses Textes keine nähere Erklärung bis auf eine kurze Erwähnung in einer Anmerkung auf der Titelseite (so Tom). Es findet also bereits eine stillschweigende „Bereinigung“ der Arbeiten Steiners statt. Bei allem Verständnis für solche Maßnahmen stellt sich doch die Frage, wie eine vernünftige Aufarbeitung schwer erträglicher Textpassagen in Zukunft aussehen kann. Denkbar wären klare Erläuterungen und Stellungnahmen zu Kürzungen. Ehrlicher aber wäre sicher eine kommentierte Ausgabe mit deutlicher Kennzeichnung solcher Aussagen. Ein stillschweigendes Auslassen oder Verfremden von Vorträgen Steiners kann im Sinne der Werktreue keine Lösung sein. Deutliche Stellungnahmen und Kommentierungen sind sicherlich der schmerzlichere Weg. Ob anthroposophische Publizisten auch im deutschsprachigen Raum dazu bereit sind, wird sich zeigen.
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Sex & Verstand. Eine goetheanistisch- phänomenologische Abhandlung

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Nicht selten stellen sich beim Studium der Vorträge Rudolf Steiners bohrende Fragen. Wie etwa ist das genaue Verhältnis von Sex und Verstand zu verstehen, wenn er über das Wirken der Venuskräfte artikuliert:

„Die Form des Geschlechtlichen rührt von den Geistern der Form her. (Das wollen wir so genau gar nicht wissen)
Aber damit ist nicht auch schon der Zug der beiden Geschlechter für einander, die Neigung derselben zu einander gegeben. Diese kommt davon, dass sich in dem Leben der beiden Geschlechter besondere Wesenheiten verkörpern, welche von einem fremden Schauplatze herabsteigen: von der Venus.
(Eine gute Erklärung für mancherlei überaus befremdliche menschliche Beziehungskisten)

Durch sie wird jetzt die Liebe in ihrer untergeordnetsten Form, als Neigung der Geschlechter, der Erde einverleibt. Diese Liebe ist dazu berufen, sich immer mehr zu veredeln, und später die höchsten Formen anzunehmen. (Aber das hat, Gottseidank, ja noch etwas Zeit)
So wie nun die Venuswesen das Element der getrennten Geschlechter abgeben, so bewirken sie andrerseits auch, daß der Verstand fruchtbar werden kann. Er erhält die Hälfte der an der Geschlechtskraft ersparten Produktionsfähigkeit.“ (Rudolf Steiner, Gesamtausgabe 262, Seite 83f)
(Nun stellt sich uns die bohrende Frage, wie sich das 50:50- Verhältnis von Sex und Verstand genau verteilt. Ist es möglich, dass es eine gewisse zeitliche Staffelung im dem Sinne gibt, dass am Anfang eher 100% auf Sex entfallen, und der Verstand quasi später nachrückt? Auch das würde uns manche spezifische Beziehungsprobleme phänomenologisch erklären.)

Ein Blick in den Sternenhimmel zeigt uns nun deutlich - dafür muss man nicht astrologisch geschult sein - dass die ohnehin verheerende Wirkung der Venuskräfte von stellaren Begleitern wie dem zunehmenden Mond noch verstärkt werden. Was genau ist die Aufgabe des Mondes dabei?

Rudolf Steiner erklärt uns:
„Das Phantasieleben des Menschen hat außerordentlich viel zu tun mit den Mondphasen. Und wer einen Kalender führen würde über das Auf- und Abfluten seines Phantasielebens, der würde eben bemerken, wieviel das zu tun hat mit dem Gang der Mondphasen. Das aber, daß auf gewisse untergeordnete Organe das Mondenleben, das lunarische Leben einen Einfluß hat, das muß eben an der Erscheinung des Nachtwandelns studiert werden.“ (Gesamtausgabe 323, Seite 51f)
(Bei einer himmlischen Konstellation von Mond und Venus könnte es also geschehen, dass man bei ausgesetztem Verstand, unter dem Einfluss hemmungsloser außerirdischer Kräfte, schlafwandlerisch, sich die ganze Angelegenheit fantasievoll schönredend, in die nächstbeste Venusfalle tappt, ohne dass man es genau bemerkt. Das soll schon öfter vorgekommen sein.

Gibt es etwas wie einen Schutz gegen solche biografischen Katastrophen? Nicht wirklich. Man kann vielleicht etwas vorbeugen, indem man täglich ein kostenloses Programm wie
Stellarium (Windows, Linux, Mac) konsultiert. Dadurch vorgewarnt, kann man sich drei oder vier Tage im Schlafzimmer einschliessen und den Schlüssel wegwerfen. Nur für den Fall natürlich, dass man den temporären Verlust des Verstandes tatsächlich vermeiden möchte!)

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(Screenshot aus dem Programm Stellarium, Ende Januar 2009)

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Die Kunst des Alterns und die blödesten Fehler dabei

„Heute ist das Alter zu jugendfrisch, man versteht nicht, richtig alt zu werden. Man versteht nicht, hinein zu wachsen mit seinem Seelisch-Geistigen in den im Laufe des Lebens veränderten Leib. Man trägt hinein dasjenige, was man schon als Kind oder wenigstens als junger Mensch getan hat, in den alten Leib. Da passt es nicht hinein, da passen die Leibeskleider nicht.

Und wenn dann die Jugend heran kommt, so ist es nicht deshalb, dass man sich mit ihr nicht versteht, weil man zu alt geworden ist, sondern im Gegenteil, man versteht sich mit der Jugend nicht, weil man nicht hinein gewachsen ist in das Alter und in dem Alter dadurch wertvoll geworden ist. Die Jugend will das ins Alter hinein gewachsene Alter haben, nicht ein kindsköpfiges Alter.

Man muss in der richtigen Weise für jedes Lebensalter die richtigen Lebenskräfte entfalten können; man muß verstehen, alt zu werden. Das Alter ist nämlich, wenn es richtig verstanden hat, alt zu werden, gerade als Alter recht frisch.“


Rudolf Steiner, Gesamtausgabe 304a, Seite 51
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Rache "und dergleichen"

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„Wenn wir die Menschheitsentwickelung betrachten, so sehen wir, wie viele Schmerzen der Mensch über das Tierreich ausgestreut hat und wieviele Tiere er getötet hat. Die okkulte Forschung lehrt uns, dass jeder Schmerz, jeder Tod, den der Mensch den Tieren zufügt, dass diese alle doch wiederkehren und auferstehen, nicht durch Reinkarnation. Die Tiere, denen Schmerz zugefügt wurde, werden zwar nicht in derselben Form wiedererstehen, aber das, was in ihnen Schmerz fühlt, das kommt wieder, so daß jedem Schmerze sein gegenteiliges Gefühl zugefügt wird in der Zukunft. Um ein konkretes Beispiel zu gebrauchen:

Wenn die Erde vom Jupiter ersetzt sein wird, dann werden die Tiere in ihrer heutigen Form zwar nicht erscheinen, aber ihre Schmerzen und Leiden werden auferwecken die Empfindungskräfte der Schmerzen. Sie werden leben in den Menschen und sich in den Menschen verkörpern als parasitäre Tiere. Der Mensch wird es einmal erleiden, und das Tier wird in einem bestimmten Wohlgefühl, in einer guten Empfindung den Ausgleich seiner Schmerzen haben.

Das geschieht auch langsam und allmählich schon im Laufe des gegenwärtigen Erdenlebens durch Bazillenarten und dergleichen.“

Rudolf Steiner, Gesamtausgabe 143, Seite 139ff
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Fragmentarisierung

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Gestern rief mich Wolfgang Garvelmann und berichtete, dass es Klagen darüber geben würde, weil ich hier in einem Artikel die blutenden Hände der stigmatisierten Judith von Halle gezeigt hätte. Ihm sei natürlich klar, dass ich nicht die Originale vorliegen habe, aber manche Anthroposophinnen seien eben entsetzt. Nebenbei erklärte er mir, er sei ein Anhänger dieser Dame - er ist organisiert in der „Freien Vereinigung für Anthroposophie Morgenstern“- und ich würde sie sicher ebenfalls zu schätzen wissen, sie sei so warmherzig und integer. Ich habe nun jedes Bild des genannten Artikels mit erläuternden Kommentaren versehen und hoffe, naive Anthroposophinnen nicht weiter zu brüskieren. Anhänger der Frau von Halle bin ich weiterhin nicht. Der Anruf war in dieser Sache nicht der erste. Aber es gibt auch die genau gegenteiligen Ansichten zu denen von Wolfgang Garvelmann. Es kommen sogar detaillierte Schilderungen und Protokolle von Auftritten Frau von Halles ins Haus, in denen sie als geltungssüchtige und autoritäre Matrone dargestellt wird, die bewusst einer Katholizisierung der Anthroposophischen Bewegung zuarbeitet. Von den Zeitzeugen und Stellungnehmenden möchte allerdings niemand genannt werden, daher habe ich auf Berichte verzichtet.

Auf Mieke Mosmullers kritisches Buch zu Judith von Halle habe ich allerdings schon hingewiesen. In dasselbe Horn bläst Holger Niederhausen auf seiner Website- nicht nur in diesem Aufsatz. Er beschäftigt sich auch mit der „Christusleere“ Sebastian Gronbachs, macht aber in einem Aufwasch auch die gesamte gegenwärtige Anthroposophie herunter: „Die Anthroposophie ist tot. Sie starb, weil niemand das reine Denken entwickelte, zu dessen Entwicklung Rudolf Steiner im Grunde immer wieder aufgerufen hatte. Wenn aber die Anthroposophie tot ist, kann sie auch die menschliche Kultur nicht mehr befruchten.“ Niederhausen lässt in seinem pessimistischen, engen Blick offenbar nur die Bücher Mieke Mosmullers gelten: „Man muss es so drastisch beschreiben, wie Mieke Mosmuller es in Ihrem erschütternden Buch „Der lebendige Rudolf Steiner“ tut. Die Anthroposophie liegt als Leichnam am Boden. Sie starb mit Rudolf Steiner – und wurde wie eine Mumie so gepflegt, dass nachfolgende Generationen von „Anthroposophen“ sie mit ihrem eigentlichen Wesen verwechselten – so wie man ihr Wesen schon zu Steiners Zeiten nicht erkannt hatte, sondern immer wieder ein zu äußerliches Verständnis hatte: von der Philosophie der Freiheit, von der sozialen Dreigliederung, von allem...“

Diese Beispiele ließen sich nahezu endlos fortsetzen. Auf staatlicher Ebene würde man von „separatistischen Bewegungen“ mit einem Alleinvertretungsanspruch sprechen, der mehr oder weniger drastisch vorgebracht wird. Fast alle Separatisten beklagen das Ende der Anthroposophischen Bewegung - ob die von Halle-Ecke, ob Niederhausen oder Gronbach - und präsentieren ihre jeweiligen allein selig machenden Lösungen. Man hat den Eindruck, dass die Fragmentarisierung der Bewegung voran schreitet, mit zunehmend schrilleren Tönen.

Wie angenehm ist es dagegen, die Statements von Wolfgang Held in einer ganz anderen Angelegenheit wahrzunehmen. In Themen der Zeit äußert er, der Gedanke, „dass die Anthroposophische Gesellschaft einen Alleinvertretungsanspruch auf Anthroposophie habe und haben wolle, ist sicherlich ein Irrtum. Einzelne Mitglieder mögen so fühlen, aber es liegt nicht in der Natur der Anthroposophischen Gesellschaft.“ Es existiere auch keine „Deutungshoheit“. Dieser Verzicht allerdings führt, wie wir an den oberen Beispielen sehen, zu immer mehr separatistischen Nischen, die eben diese Deutungshoheit mit der ihnen eigenen Autorität besetzen wollen und zu diesem Zweck ihre Anhängerschaft um sich scharen. In diesem Kontext erscheint es als einigermaßen optimistisch, wenn Held behauptet, die „Geisteswissenschaft“ sei „mittlerweile erwachsen geworden“. Held fordert ein „souveränes und freies Verhältnis“ zu Rudolf Steiner, aus einer „engagiert-erkennenden und lebensvollen Begegnung“ mit Anthroposophie heraus und inmitten einer interessierten und kritischen Öffentlichkeit. Als Voraussetzungen für eine solche Haltung sieht Held „die Weltlichkeit, das heißt die Befähigung für die Welt, die Bewährung in der Welt, und das weite Herz für die anthroposophische Gemeinschaft, die Treue zu Rudolf Steiner.“

An der „Treue“ fehlt es den zahlreichen Separatisten wohl nicht, sehr wohl aber am „weite(n) Herz“.
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Fantasie

Es ist mir immer völlig unvorstellbar gewesen, wie es sich anfühlen muss, ohne Fantasie durchs Leben zu gehen. Bei dieser Vorstellung umgibt mich die reine und unmittelbare Trostlosigkeit. Das hat weniger damit zu tun, sich in einer Art Fantastik Alltägliches und Banales schön lügen zu wollen, als eigentlich - ganz im Gegenteil- mittels dauernden inneren Tätigseins, mittels zahlreicher Entwürfe reiner Potentialität Annäherungen an die Wirklichkeit zu erproben. Das gilt gerade auch für das, was nicht unmittelbar verständlich erscheint. Die Entwürfe, die die Fantasie durch ihre Tätigkeit webt, bringen nicht nur einen Schuss Farbe in den Alltag und die Vorstellungen, sondern auch eine Melange von Wille und Gefühl. Es ist, als ob man in dieser Tätigkeit nicht nach-, sondern vordächte. Denn all zu Vieles, was wir erleben, betten wir lediglich in den Kontext unserer Erwartungen ein. Mit der Fantasie lassen wir Luft in die stickigen Räume unserer Weltsichten.

Als Zehn- oder Elfjähriger - noch unbeschattet von den quälenden Selbstzweifeln der Pubertät -, war die kindliche Fantasie auf einem gewissen Höhepunkt. Wir Schüler hatten einen weiten Weg zum Gymnasium in einer anderen Stadt. In der Bahn, besonders aber auf dem langen Fußweg, ließen wir unserer Fantasie freien Lauf. Wochenlang malten wir uns aus, was wäre, wenn Partikel einer kleinen Eruption, einer Explosion oder eines grossen Feuers einen ganzen Kosmos beheimateten. Wenn sich aus den glimmenden Partikeln eine innere Ordnung ergeben würde, die Sonnen und Planeten in Miniaturausgabe hervorbrächte, Leben und Intelligenz. Wir stellten uns vor, dass Zeit relativ wäre und in Relation zu der Winzigkeit dieses Kosmos eine kleine Ewigkeit darstellte. Umgekehrt - die Big-Bang-Theorie kannten wir noch nicht- war vielleicht unsere Zeit, unser Raum, unsere kosmische Ordnung nur eine Variante einer solchen Eruption, von der es gleichzeitig Unzählige gab.

Natürlich spielte neben dem Versuch, Entwürfe von denkbarer Wirklichkeit durchzuspielen, auch der Verlust der Gottesgewissheit eine Rolle. In dem Alter spielte ich auch viele denkbare Götter durch- probeweise gewissermaßen. Man konnte ja nicht sicher sein. War ein Gott vielleicht eifersüchtig, wenn man ihn mit dem falschen Namen anbetete? Gab es überhaupt falsche Namen? Gab es überhaupt einen Gott? Die Fantasie entsprang gerade an dem Punkt, an dem die kindlichen Gewissheiten zerstoben waren.

Aber auch heute noch können mich Weltentwürfe faszinieren. Nehmen wir z.B. eine Animation des Zusammenspiels von Erdinnerem und Erdkruste aus einer Dokumentation des ZDF:

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Die Dynamik der ungeheuerlichen Kräfte, der Kontrast zur Zerbrechlichkeit der eierschalendicken Kruste, auf der wir leben: Wir wissen das vielleicht, aber erst die Fantasie lässt das innerlich erleben. Und es wird ganz deutlich, dass diese Existenzform, als die wir unser Leben erfahren, nur temporär sein kann. Eine winzige Episode auf der Haut eines feurigen und dynamischen Planeten. Die Vorstellungen vom Leben, so wie wir es kennen, können in Bezug auf die Lebens- und Erscheinungsformen eines solchen Planeten nur winzige Ausschnitte darstellen. Es ist eigentlich nicht die Sendung gewesen, sondern lediglich dieses Bild, was mich tagelang innerlich bewegte: Unsere Realität ist so relativ.

Rudolf Steiner hat sich vielfältig und in aller Breite zur Fantasie geäußert. Natürlich gibt es die Abarten der Fantastik einerseits und materialistischer Entwürfe andererseits. Meine Kindheitsfantasien in der Verabschiedung des allmächtigen Gottes waren sicherlich und berechtigt materialistischer Natur. Es gibt auch, sagt er, eine „verschlagene Phantasie“, die sich etwa in „Lügenhaftigkeit“ artikuliert. Aber im Kern lebt in der Fantasie doch „eine höhere Geistigkeit“. Die Fantasie ist nicht nur in bildhaftem Sinn ein geflügelter Bote, ein anderer Bruder der Vernunft. Für Steiner lebt in der Fantasie eine tatsächliche Inspiration:
„Es ist dieselbe höhere Geistigkeit, die uns eigentlich von Leben zu Leben wie ein individueller Schutzgeist trägt: der Angelos. Und es ist durchaus eigentlich das Denken des Angelos, das in die geregelte menschliche Phantasie herein spielt.“ (Gesamtausgabe Nr 208, Seite 39) An anderer Stelle führt Steiner aus, dass im Gegensatz zur rationalen Vorstellung, die aus einer antipathischen Gebärde entspringt, die Fantasie gerade aus einem Übermaß an Sympathie entsteht.

Die Fantasie übersteigt unsere kleinen Weltentwürfe. Sie stellt unsere Sicherheiten, Doktrinen, Selbstbilder auf den Kopf, spielt mit ihnen und haucht ihnen neues Leben ein. Die Fantasie ist der kleine Bruder der Imagination.
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In die Schmollecke

Die diesjährige Neujahrsansprache stammt nicht von Bundespräsident Horst Köhler, sondern von Dr. Jens Heisterkamp, der sie im Info3 Blogland zum Besten gibt. Schon der erste Satz zeigt die innere Verwandtschaft der beiden Protagonisten: „Wir leben in einer Zeit des Wandels, der Krisen und Aufbrüche.“ Auch Alle- Welt- Aussagen wie „Alle Welt macht sich derzeit Gedanken über verantwortliches Wirtschaften, nachhaltiges Leben und neues Bewusstsein.“ könnten beinahe auch von Köhler stammen, bis auf das „neue“ Bewusstsein, das wenig zur präsidialen Würde zu passen scheint. Beide Redner werden auch vor allem bei medialer Präsenz aktiv: Köhler, wenn die Kameras auf ihn gerichtet sind. Heisterkamp erfreut sich der neuen medialen Aufmerksamkeit durch Google News., wodurch seine Ansprachen in vielen Newsreadern gepostet werden, zwischen FAZ, Focus und „Themen der Zeit“.

Eine weitere Gemeinsamkeit besteht auch in dem Hang zum Klagen. Köhler bläst gern und ausgiebig Trübsal zu Fragen der Moral, der Bildung und der Wirtschaftslage und reagiert beleidigt, wenn die parlamentarischen Gremien seine diesbezüglichen Aussagen nicht recht zu schätzen wissen. Heisterkamp dagegen beschränkt sich auf das Klagen über den Zustand der Anthroposophischen Gesellschaft: „Genau von diesen Herausforderungen der allgemeinen Kultur hat sich jedoch Anthroposophie als Entwicklungsweg menschlichen Bewusstseins weitgehend abgekoppelt. Die lebendige Auseinandersetzung mit den realen Bedürfnissen der Zeit, wie sie in Waldorfpädagogik oder Medizin unausweichlich (und sinnvoll!) ist, wurde auf spirituellem Gebiet in der Anthroposophie nie wirklich gesucht, sondern weitgehend auf den Stand der Bezüglichkeiten zu Steiners Zeiten eingefroren. Das starke spirituelle Interesse unserer Gegenwart geht weitgehend vorbei an der Anthroposophie – weil sie glaubt, sich damit nicht befassen zu müssen.“ Heisterkamps Diagnose, Anthroposophie heute betreffend, lautet also: Ein „Zustand zeitentrückter Profillosigkeit“. Das ist seltsamerweise ein Begriff, mit dem wir ohne Bedenken auch Horst Köhler bedacht hätten.

Die Köhlerschen Rezepte zur Lösung aller Probleme haben stets etwas von der legendären Hau-Ruck-Rede seines Vorgängers Roman Herzog. Solche Durchhalteparolen sind Heisterkamp fremd. Er empfiehlt- wie übrigens inzwischen mantraartig seit Jahren- den „Dialog“ „mit anderen spirituellen Richtungen“. Lang und breit klagt Heisterkamp über viele Anthroposophen, die ein solches Aufpfropfen vor allem US- geprägter Spiritualität a la Wilber und Cohen nicht gerade schätzen. Ihre Abwehr gegen ein solches Vorhaben denunziert Heisterkamp generell als „in bester fundamentalistischer Manier“.

Als jemand, der die von Heisterkamp geforderte „Weite des Geistes“ exemplarisch im Sinne von Info3 repräsentiert, darf wohl Sebastian Gronbach bezeichnet werden. Die „Mission“, die dieser auf seiner Website und in einem Buch präsentiert, zeichnet sich dadurch aus, dass von einem „Dialog“ keine Rede sein kann. Es handelt sich wohl eher um ein ekstatisches Gebrabbel post- nietzscheanischen Übermenschentums, bei dem humanitäre Grundsätze, die als Essentials von Anthroposophie gelten können - ein selbstverantwortliches Ich etwa, aber auch christliche Werte und der Gedanke der Reinkarnation - längst expressis verbis über Bord gegangen sind. Der vorgebliche Dialog mündet also offenbar in dieser Lesart in der Aufgabe der Kernaussagen von Anthroposophie. Heisterkamp bezeichnet die Zweifel an solchem posthumanistischem Geschwätz als „Dünkel“ und „Angst vor der Verwässerung“. Heisterkamps Adlatus Christian Grauer setzt noch einen drauf und beschreibt die Zweifler generell als das „bornierte spirituelle Spießbürgertum, das sich in den hier wie anderswo nicht enden wollenden Anfeindungen gegen info3 niederschlägt, weil sie unbequeme Fragen stellt, weil sie Ernst macht mit dem "eigenständigen Erarbeiten" und weil sie die Anthroposophie schon für so gereift und salonfähig hält, dass sie mit anderen spirituellen Bewegungen in einen Dialog treten kann, ohne sich dabei selbst zu verlieren.“

Das Spiessbürgertum mag es geben. Es generell auf die Kritiker einer als fremdartig empfundenen Überstülpung US-. dominierter zeitgeistiger Spiritualität anzuwenden, ist aber tatsächlich ein Totschlagargument. „Themen der Zeit“ moniert dies ebenfalls und verdient mit dem Resümee „So mag es wohl sein, dass diese Diskussion Staub aufwirbelt, wie Grauer richtig bemerkt, entscheidend aber wird es sein, wer ihn entfernt, wenn er sich wieder gesetzt hat. Ich komme nicht umhin, zugegeben, dass ich den "alten Anthroposophen" eher zutraue, einen Staubsauger zu bedienen. Sie sollten es dann aber auch tun.“ zweifellos den Staubsauger des Jahres, falls es diesen Preis einmal geben sollte.

Heisterkamp, Grauer, Gronbach u.a. aber eröffnen in meinen Augen keinen Dialog, sondern forcieren mit geballter medialer Präsenz eine weitere „ketzerische“ Totgeburt am Rande der anthroposophischen Bewegung. Es hat viele Abspaltungen, lustvolle Ketzerecken und Trotzburgen in dieser Bewegung gegeben. Hier katapultiert sich ein wichtiges Organ wie Info3, das einmal für kritische, zeitgemäße Anthroposophie stand, systematisch und aus freien Stücken in die Schmollecke.
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Fälschung oder nicht Fälschung?

In einem Anschreiben an mich macht Thomas Meyer vom anthroposophischen Perseus- Verlag auf einen Artikel („Zu den Fälschungsbehauptungen von Matile und Meister“) aufmerksam, in dem er wiederum auf einen Jahre alten Beitrag eingeht, der unter dem Titel „Zu den sog. «Aufschreibungen von Ludwig von Polzer-Hoditz nach Gesprächen mit Rudolf Steiner» sowohl auf der von Heinz Matile betriebenen Website der Albert- Steffen- Stiftung als auch hier bei den Egoisten erschienen ist. Bei den posthum erschienenen „Aufschreibungen“ von Ludwig Polzer- Hoditz (1869-1945) handelt es sich wieder einmal um angebliche Wiedergaben von Gesprächen mit Rudolf Steiner. In dem ganzen Streit geht es natürlich um die Frage nach der Authentizität dieser Äußerungen, die in diesem Fall allerdings als ziemlich bedeutsam einzuschätzen sind. Übrigens sind diese „Aufschreibungen“ erstmalig vollständig von Thomas Meyer publiziert worden (1994).

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Matile/ Meister bezweifeln nun die Echtheit, da die vorliegenden Texte „aus einzelnen Papierstücken zusammengeklebt und dann fotokopiert wurden (im bei Meyer abgedruckten Ausschnitt nicht sichtbar)“ und deutliche Differenzen in der Handschrift sichtbar seien, aber auch zeitliche Ungereimtheiten vorlägen. In den angeblichen Gesprächen selbst ging es um die „Einrichtung der drei Klassen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und ihre Mitgliederzahl, die vorgesehenen Leiter dieser Klassen und die Aufgaben einzelner Vorstandsmitglieder“, aber auch um die Person Kaspar Hausers und zahlreiche Details- etwa was bestimmte karmische Zuschreibungen betrifft. Das Problem liegt auch darin, dass diese angeblichen Äußerungen Rudolf Steiners schon lange vor der Publikation durch Thomas Meyer in der anthroposophischen Gesellschaft kursierten und z.B. durch den auch in der Angelegenheit Judith von Halle einschlägig bekannt gewordenen Peter Tradowsky in Büchern ausgiebig verwendet worden waren. Insofern war die Publikation durch Thomas Meyer in jedem Fall verdienstvoll. Matile/ Meister geht es aber auch um eine „Art karmische(n) Rufmord(s)“ gegenüber Albert Steffen in diesen Texten.

In seiner aktuellen Replik kontert Thomas Meyer nun zunächst mit Schriftproben von Polzer-Hoditz, um den Vorwurf graphologischer Ungereimtheiten auszuräumen: „Was Matile und Meister nicht bedenken, ist, dass eine Person eine Ziffer oft in verschiedener Weise schreibt. So auch Polzer.“ Weitere Ungereimtheiten muss zwar auch Meyer zugestehen (in Bezug auf Albert Steffen), interpretiert sie aber als „Verwechslungen“ und „ungenaue Erinnerung Polzers“. Eine „Gefälschtheit“ kann er nicht erkennen.
Stattdessen kehrt Meyer die Vorwürfe einfach um: Hatten Matile/ Meister die karmischen Denunziationen im Text beklagt, stimmt Meyer zunächst zu („Den tragischen Konflikten innerhalb der AAG lagen überhaupt auf tieferer Ebene nicht zuletzt ins Persönliche gezogene Karma-Erkenntnisse, unverarbeitete Karma-Mitteilungen oder ganz einfach Karma-Spekulationen zugrunde.“), bezichtigt aber andererseits Steffen selbst „eines zu Persönlich- Nehmens einer Karma-Erkenntnis“. Als wären die Konflikte in der Nachfolge Rudolf Steiners in den Zeiten bis 1945 noch aktuell, bezweifelt Meyer in diesem Zusammenhang auch die „esoterische“ Funktion Steffens im damaligen Vorstand.
So kommt Meyer zu dem Resümee: „Auch wenn die Entstehungsgeschichte und -art der Aufzeichnungen der Gespräche Polzers mit Rudolf Steiner bis heute nicht lückenlos nachgewiesen und geklärt werden kann, auch wenn einzelne ihrer Inhalte nicht leicht zu beantwortende Fragen aufwerfen – ihnen pauschal «Fälschungscharakter» zuzuschreiben und insbesondere Paul Michaelis, dem Erben des Polzerschen Nachlasses, «unlautere Absichten» und Schlimmeres zu unterstellen, ist nach wie vor wissenschaftlich und menschlich unseriös.“

Unser Resümee in dieser Angelegenheit kann nur in dem Erstaunen darüber liegen, dass offensichtlich selbst 70 Jahre alte Konflikte, die damals die Anthroposophische Gesellschaft tatsächlich beinahe zerrissen haben, bis heute nicht aufgearbeitet worden sind. Von Konfliktmanagement kann nicht nur keine Rede sein: Unvermittelt brechen unter der Oberfläche nach wie vor alte und älteste Wunden auf, von denen Zeitgenossen heute nur fassungslos Kenntnis nehmen können. Andererseits entstammen manche tradierte Aussagen Rudolf Steiners - etwa über die Person Kaspar Hausers-, die jahrzehntelang unkritisch und teilweise mit unklaren Absichten publiziert worden sind, solchen Quellen, deren Echtheit eben nicht als gesichert gelten kann.
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Neuausgabe der Polzer- Biografie

In Ergänzung zu meinem Beitrag „Fälschung oder nicht Fälschung“ möchte ich noch auf den Anknüpfungspunkt der jetzigen Diskussion hinweisen. Dieser besteht in der Neuausgabe von Thomas Meyers Polzer- Biografie.
Zu meinem Artikel liegt auch eine aktuelle Replik Thomas Meyers vor:
polzer


«Meines Erachtens ist die von Matile und Meister erhobene Behauptung einer pauschalen Fälschung der angeblichen Aufzeichnungen der Gespräche zwischen Polzer und Steiner mit ebensolchem Recht als Behauptung einer «angeblichen» Fälschung zu behandeln. Zu dieser nach Erscheinen der ersten Auflage meiner Biographie verbreiteten rufmörderischen Fälschungs-Behauptung – sie trifft in erster Linie Paul Michaelis, in zweiter Linie meine eigene Person – musste ich in der Neuauflage Stellung nehmen. Die Fälschungstheorie ist von Matile/Meister keineswegs stringent erwiesen worden, in gewissen Punkten sogar jetzt klar widerlegt (Zahlen; Kaspar-Hauser-Gentest etc.).
Dass in einzelnen Punkten Fragen bestehen, die auch ich nicht lösen kann, ist unbestritten.
Das habe ich im Anhang der Neuauflage meiner Polzer-Biographie auf S. 671ff. klar gelegt. Die dort dargestellten fraglichen Punkte rechtfertigen die Unterstellung, Michaelis und/oder Meyer hätten eine Fälschung in Umlauf gebracht, nicht.»


Aus der Ankündigung des Perseus- Verlages zu Polzer- Hoditz: „Ludwig Polzer-Hoditz (1868–1945) gehörte zu den wichtigsten und selbständigsten Schülern Rudolf Steiners. In Prag geboren, erlebte er den kulturellen Reichtum sowie den Niedergang der Donaumonarchie aus nächster Nähe mit. Durch Rudolf Steiner, dessen Schüler er 1908 wurde, und durch seinen Bruder Arthur, Kabinettschef von Kaiser Karl I., war er aber auch an der ersten Aussaat eines neuen sozialen Aufbauimpulses beteiligt: der Dreigliederung des sozialen Organismus. Zusammen mit seiner Frau Berta bewirtschaftete er das Gut Tannbach b. Linz. Schicksalsmäßig mit der Cäsarenzeit des zweiten Jahrhunderts verbunden, erkannte er das unberechtigte Fortwirken römischer Impulse in der katholischen Kirche. Ein von römischen Tendenzen und westlichen Logenintentionen freies Europa aufzubauen gehörte mehr und mehr zu seinen Herzimpulsen. Im «Testament Peters des Großen» sah er dagegen eine Quintessenz antieuropäischer Machtbestrebungen, die bis heute dominierend wirken. Nach Steiners Tod führte Polzer Gespräche mit Masaryk und Benes, verfasste Memoranden, wirkte als Vortragender und pflegte ungewöhnliche Freundschaften. Besonders verbunden war er Otto Lerchenfeld, Walter Johannes Stein, Ita Wegman, Sophie und Menny Lerchenfeld und Paul Michaelis. 1935 griff er mit einer bedeutenden Rede in den tragischen Gang der Ereignisse innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft ein. Vergeblich: Am Todestag von D.N. Dunlop trat er 1936 aus der AAG aus. Vermehrt arbeitete er nun am Brückenschlag zwischen Mittel- und Osteuropa sowie an einer geistgetragenen Verbindung mit dem Westen. Polzer veröffentlichte 1928 sein Werk Das Mysterium der europäischen Mitte und 1937 seine Erinnerungen an Rudolf Steiner. 1942 entstand ein noch unveröffentlichtes karmisches Drama um Kronprinz Rudolf. Ludwig Polzer-Hoditz starb am 13. Oktober 1945 in Wien.“


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Der Karrierist

karrierist

Wenn der Mensch stark seinen Egoismus hinunter drängt in das Unbewußte, wenn er nicht mit einer gewissen Ursprünglichkeit lebt, dann ergreift sein Egoismus auch sein unterbewußtes Bewußtsein, und er leitet ihn dann an, das Leben zu deichseln, sich einzurichten, sich vorher die Bedingungen zu schaffen für ein Späteres. Da sehen wir walten den Astralleib mit seiner Gescheitheit. Da liegen viele gefährliche Seiten für die Entwickelung der Menschenseele, und sehr wichtig ist es, daß man sich dessen bewusst ist, daß man in dem Augenblick, wo man herantritt an dasjenige, was in uns sonst unbewußt wirkt, versucht, nicht zu stark mit seinem Egoismus heranzutreten.

Deshalb muß auch immer wieder und wiederum dieses Absehen von dem Egoismus für die Entwickelung nach der geistigen Welt hin betont werden. Da, unter unserem gewöhnlichen Bewußtsein, waltet wirklich etwas, was durchsetzt sein kann vom Bewusstsein unseres schützenden Geistes aus der Hierarchie der Angeloi. Aber wenn er den Egoismus hinunterdrängt in seinen astralischen Leib, da kommt ihm etwas, jetzt nicht von den regulären Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, sondern etwas Luziferisches in das Wirken der Seele hinein, etwas, was den Menschen eine weitere Sphäre umkreisen läßt, als er eigentlich bewußt umkreisen würde nach seiner entsprechenden Entwickelungsstufe.


Rudolf Steiner, Gesamtausgabe 157a, Seite 90
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Die Substanz des Ich

„Und vor dieser Aufgabe steht der Mensch der Gegenwart, die moralische Welt wiederum als eine reale zu erkennen, zu erkennen, daß derselbe Stoff oder dieselbe Substanz, woraus sein astralischer Leib geformt ist, enthalten ist in den moralischen Ideen. Dieselbe Substanz, aus der unser Ich geformt ist, ist enthalten in den religiösen Ideen und in dem religiösen Ideal.“

Rudolf Steiner, Gesamtausgabe 205, Seite 46
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Soziale "Verschuldung" und Profit

„Wie viele Menschen sehen im Geiste, dass sie gar nicht anders da sein könnten in dieser physischen Welt, ohne dass sie der Arbeit der anderen Menschen das, was sie selbst beanspruchen für ihr Leben, verdanken? - Sich verschuldet fühlen der Gesellschaft, in der man drinnen lebt, das ist der Beginn jenes Interesses, das verlangt werden muss für eine gesunde soziale Gestaltung (...)

Es gibt heute etwas höchst Unnatürliches in der sozialen Ordnung, das besteht darin, dass das Geld sich vermehrt, wenn man es bloss hat. Man legt es auf eine Bank und bekommt Zinsen. Das ist das Unnatürlichste, was es geben kann.“

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Steiner, Die soziale Grundforderung unserer Zeit, GA186, S. 46 und 50
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Individualisierung

Der Mensch, der heute mit einem ganz andern Bewusstsein begabt ist, kann sich keine rechte Vorstellung mehr machen von der Zugehörigkeit zu einem Stamme, von dem Sich-Fühlen in dem Körper eines ganzen Stammes drinnen. Aber je mehr die Familie zum Stamme wurde, desto individualisierter wurde der Mensch.
Was wir hier als Prozeß des Sich-Vereinzelns kennenlernen, was wir als fortlaufenden Prozess des Individuellwerdens kennen, das müssen Sie sich vorstellen als an des Menschen Blut gebunden“, behauptet Rudolf Steiner in GA 96, Seite 283 ff.

Zu Steiners Zeiten war also die Familie der Ort, die Institution, die soziale Form, die am wesentlichsten auf die zunehmende Individualisierung vorbereitete. Denn sie war ein Fortschritt gegenüber solchen sozialen Gebilden, die Stammes- oder Clan- ähnliche Formen hatten, in strikt organisierten gesellschaftlichen Systemen, die meist durch die Geburt bereits determiniert erschienen.

Die Familie schrumpfte allmählich zur Kleinfamilie und geniesst heute den Status einer gefährdeten Tierart. Nicht zuletzt trägt dazu die (seit Steiners Zeiten) weiter fortschreitende Individualisierung bei, die privaten Glücksvorstellungen, die beruflichen Anforderungen, die Vorstellungen von Karriere, der soziale Absturz, die schlichte Entfremdung voneinander.

Je länger ich als Lehrer arbeite, desto jüngere Kinder finde ich als stark geprägte Individualitäten vor. Der Lehrer sollte heute gar nicht „erziehen“ wollen (das generelle Bild des idealen „Erwachsenen“ hat er sich auch nur selbst, individuell, gebildet), sondern der sich entwickeln- wollenden Individualität mit Respekt, Akzeptanz, Toleranz begegnen und dann die Hindernisse möglichst aus dem Weg räumen, die sie zu ihrer Reife braucht. Manchmal muss die Institution Schule dazu auch über ihren Schatten springen. Gute Pädagogen springen dauernd über Schatten.

Der Beruf des Pädagogen hat eben darin seinen Reiz. Oft stellen die individuellen Einseitigkeiten und Besonderheiten ein Problem dar- nicht zuletzt für die Kinder selbst. Das gilt sogar für die Begabungen. Ich schrieb in einem Kommentar zu einem Artikel Jelle van der Meulens dazu: „Ich denke gerade an ein hoch begabtes Mädchen, das ich (mit) unterrichte. Sie lässt sich nicht testen, aber ich vermute einen IQ um die 140. Ihr besonderes Trauma ist es, etwas Besonderes zu sein. Sie ist insgesamt emotional so fragil, dass sie ein Gespräch tagelang völlig aus der Bahn werfen kann. Ihre Beziehungen zu Freundinnen sind derartig intensiv, dass sie von Eifersucht vergiftet erscheinen. Ihr ganzes seelisches Leben ist "lose", und die Intelligenz (die sie verleugnet) eilt ihr viele Jahre voran. Ist das nun eine Begabung oder eine Behinderung? Die Grenzen sind fliessend. In diesem, wie in vielen anderen Fällen. Ich möchte die absurde Behauptung aufstellen, dass die "Norm" heute die Ausnahme darstellt. Wir haben alle Schattierungen und Varianten von Förderbedarf. Ich denke, dass die vielen "Spezialitäten" der Entwicklung heute ein Bild der generellen Individualisierung darstellen.“

Individualisierung wird also immer mehr und in immer grösserer Breite zu gewissen Problemen führen - etwa was die Lernfähigkeit, die Speicherkonstanz (Gedächtnis), die emotionale Stabilität, die Aufmerksamkeit, die soziale Kompatibilität betrifft. Die weiter führenden Schulen mühen sich nach Kräften, Kinder und Jugendliche mit ihren erstickenden Normen und engen kognitiven Anforderungen in ein Korsett zu zwängen. Aber es fallen auch immer mehr Kinder und Jugendliche als „ungeeignet“ aus diesem engen Korsett hinaus. Die Schulabbrecherquoten etwa sind weiterhin desaströs. Dabei stellt die Individualisierung natürlich auch eine Chance dar. Wir brauchen Querdenker. Wir brauchen keine geglätteten Mainstream- Banker, die wie Lemminge demselben Kalb hinter her laufen und die Weltgemeinschaft an den Rand des Ruins treiben. Wir brauchen diese individuellen Köpfe dringend, schätzen aber nur tradierte Normen und Vorstellungen aus früheren Jahrhunderten.

Die Kids jedenfalls tun sich - teilweise schon in sehr jungen Jahren- zu ihren eigenen Clans, Sippschaften und Stämmen zusammen. Vielen geben die fragmentarischen familiären Strukturen keinen Halt mehr. Ich habe immer mehr Sorge, dass wir die Chancen kommender Generationen verspielen und uns mit wirkungslosen bildungspolitischen Sonntagsreden zufrieden geben, die lediglich betäuben.
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Neue Ausgabe über Rudolf Steiners esoterische Schulung in niederländischer Sprache

Michel Gastkemper schreibt:

„Ein Jahr vor ihrem Tod im Jahr 1948 entschied Marie Steiner sich, einige wichtige Texte aus der Esoterische Schule, die Rudolf Steiner 1904-1914 leitete, erst im Rahmen der Theosophischen, später der Anthroposophischen Gesellschaft, zu veröffentlichen. Sie erschienen in drei Teilen in kleinen Publikationen 1947, 1948 und 1951. 1961, hundert Jahre nach der Geburt Rudolf Steiners, fing die Herausgabe der lange vorbereiteten Gesamtausgabe Rudolf Steiners an. Fünf Jahre später erschien als GA 245 „Anweisungen für eine esoterische Schulung. Aus den Inhalten der «Esoterische Schule»“. Dieses 175-seitige Buch erlebte fünf Neuauflagen, die letzte im Jahr 1979.

Inzwischen war viel mehr Material aus dieser esoterischen Schule, aus Nachlässen und so weiter, in die Welt gekommen, und in die Hände der Nachlassverwaltung Rudolf Steiners. So wurde eine völlige Neuausgabe vorbereitet. 1984 erschien „Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914“ (GA 264), 1987 gefolgt durch „Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914“ (GA 265). Damit war eine neue Situation geschaffen, mit neuen Fragen: War es wohl erlaubt, solche schwerwiegende und schwerverständliche Inhalte zu veröffentlichen?“

weiter..

Link zum besprochenen Text
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Gabrielkraft

„Man bekommt den Einblick auf eine geistige Wesenheit, die aus der übersinnlichen Welt heraus an dem menschlichen Organismus arbeitet. Wir sprechen also von einer Summe von Kräften, die aber dirigiert werden von einer Wesenheit aus der Hierarchie der Archangeloi, Gabriel. Wir sagen daher: an dem menschlichen Organismus hat gearbeitet vom 15. Jahrhundert bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Gabrielkraft. Und weil da eine spirituelle Kraft im besonderen am Physischen gearbeitet hat, so schlief das Verständnis für das Spirituelle dazumal, und dieses Schlafen des Verständnisses für das Spirituelle brachte die großen Triumphe der Naturwissenschaft hervor.

Jetzt aber ist diese Kraft erwacht – es beginnt das spirituelle Zeitalter.“

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Rudolf Steiner, GA 146, Seite 86
gabriel4


Dieses Zitat ist auf der einen Seite den belichteten Bandys, den Netzwärtern und den Ich-bin-gegen-Anthroposophie-weil-die-bei ADS-kein-Ritalin-Geben-Autoren gewidmet, den Anti-Waldörflern aus Prinzip und den evangelischen Jugendreferenten. Auf der anderen Seite ist so ein Text natürlich Wind auf den geblähten Segeln der Lichtkrieger. Da kann man ihnen Allen nur gute Reise wünschen.
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Georg Kühlewinds posthum erschienenes Buch

Nun ist es endlich erschienen- Georg Kühlewinds Buch „Aufbau. Vom Denken zur Wahrnehmung des Lebens“. Der ursprünglich angekündigte Erscheinungstermin war bereits im Oktober. Laszlo Böszörmenyi schildert im Vorwort die Entsetehungsgeschichte: „Dieses Buch ist Anfang der 80er Jahre entstanden, parallel zu der meditativen Arbeit, die Georg Kühlewind mit einer kleinen Gruppe in Budapest unternahm. Unter den damaligen politischen Verhältnissen konnte eine solche Arbeit nur im Verborgenen, im privaten Kreis bei jemandem zu Hause stattfinden.“ Man wusste zwar, dass Kühlewind sich Notizen machte- dass aber ein Manuskript entstand, blieb bis zu Kühlewinds Tod ein Geheimnis.

Zu der Zeit arbeitete Kühlewind noch unter dem Namen György Székely als Professor an der TU in Budapest. Das Pseudonym benutzte er für seine folgenden Publikationen im Westen, in denen er seine Schulung der Aufmerksamkeit entwickelte. Denn diese Arbeiten waren zwar vollkommen autonom, waren aber doch im Kontext der Anthroposophie angesiedelt. Offensichtlich stellen die nun vorliegenden Überlegungen eine Grundlage dessen dar, was Kühlewind in den folgenden Jahren schrittweise, in einer Systematik, die auch eine Schulung für den Leser darstellte, allmählich, von Publikation zu Publikation, entwickelte. Manches- vor allem die wie so oft bei Kühlewind eingestreuten „Besinnungen und Experimente“ - wirken fast fragmentarisch. Das Niveau ist erwartungsgemäß hoch.

Dass die Publikation trotz der Verspätung unter Zeitdruck entstanden ist, zeigen Fehler der Lektoren- etwa wenn ein Vortrag Rudolf Steiners im Vorwort (S. 10) auf den 7.10.1992 datiert wird.
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Unsere unbewussten Fühlorgane

Barbara ist mit ihren Betrachtungen über die „Nebenübungen“ Rudolf Steiners schon viel weiter auf ihrer Oleander- Website. Ich möchte aber noch einmal auf die 5. Nebenübung, „die Unbefangene Empfänglichkeit“ zurück kommen. Worum geht es? Wie Barbara erläutert, handelt es sich dabei darum, durch meditative Übung „offen für alles Neue, Unvorhergesehene zu sein“ und damit „ein immer Lernender“ zu werden. Das Problem sieht Barbara darin, „dass wir Neues normalerweise auf der Grundlage unserer bisherigen Erfahrung beurteilen, was dazu führen kann, dass wir eine neue Idee ablehnen“. Wir betten Erfahrungen eben gern in den uns bekannten Kontext ein. Das, was nicht passt in das vorhandene „Weltbild“, den Kontext unserer Erfahrungen, in unsere Erwartungen, lehnen wir gern ab, haben Angst davor oder nehmen sogar nur selektiv wahr: „Der andere Aspekt ist, dass es sein kann, das man gar nicht merkt, dass man die Welt nur so sehen kann, wie man das gewohnt worden ist. D. h. in dem Fall nimmt man etwas Neues überhaupt nicht wahr.“

Das betrachtet Barbara als einen Extremfall. Aber schauen wir bei der Gelegenheit doch wieder einmal in die Ergebnisse moderner Hirnforschung- in diesem Fall in Manfred Spitzers Buch „Selbstbestimmen“. Er behauptet im Kapitel „Sensationshunger“ (S. 182ff), dass die selektive Wahrnehmung keineswegs der Extrem- oder Ausnahmefall ist, sondern eben die Norm: „Wahrnehmen und das Bewerten von Ereignissen (lassen sich) nicht voneinander trennen.“ Das beweisen schon einfache Experimente mit Hunderten von Studenten, denen man Strichlisten von Foulspiel beim Betrachten eines Fußballmatches gab. Jeder Student war Anhänger einer jeweiligen Mannschaft. Tatsächlich wurden stets vor allem die Fouls der gegnerischen Mannschaft wahrgenommen: „Hierdurch konnte gezeigt werden, dass die Fans der beiden Lager keineswegs das gleiche Spiel sahen und die Dinge deshalb jeweils anders bewerteten. Es war im Grunde so, dass die Fans jeweils ein anderes Spiel sahen!“ Die ersten Experimente dieser Art stammen übrigens aus dem Jahr 1954. Dennoch glauben wir noch immer, dass man erst „objektiv“ wahrnehmen würde und erst danach interessengeleitet bewertet. Nein, unsere Einstellungen bestimmen vielmehr die Wahrnehmung selbst. Es macht demnach auch keinen Sinn, hinterher an die „Wahrheit“ zu appellieren.

Die Sache wird noch schlimmer, wenn unser archaisches Panik- und Emotionssystem, der Mandelkern, ins Spiel kommt. Hierbei handelt es sich um sehr alte, tief verankerte Mechanismen: „Negative Aspekte einströmender Information werden im Mandelkern entsprechend bewertet, bewirken die Emotionen der Furcht und Angst und werden sehr schnell mit Verhaltensstrategien assoziiert, die mit Kampf oder Flucht in Verbindung stehen.“ Es ist ein System wie ein Fühlorgan, das im Gehirn ununterbrochen die Umgebung auf potentiell gefährliche Aspekte abtastet: „Dies geschieht, noch bevor das visuelle System genau wahrgenommen hat.“ Die selektive Bewertung von Reizen geschieht also vor dem eigentlichen bewussten Sehen! Man kann sich vorstellen, dass es solche Art von Organen bereits vor der Ausbildung der Sehfähigkeit gegeben hat. Diese Zeit gab es nach Rudolf Steiner in der menschlichen Entwicklung durchaus. „Ursprünglich, als nur der physische und der ätherische Leib in der Anlage vorhanden waren, war hier, wo jetzt die Augen sind, nichts. Diese Stelle erwies sich aber besonders empfindlich für die der Erde zugesandten Sonnenstrahlen. Und das, was die Sonne zuerst als Eindruck bewirkte, das war Schmerz. An dieser Stelle waren zwei Leidenspunkte, Schmerzstellen, die dauernd verletzt wurden. So bildete sich an jenen empfindlichen Stellen Schorf, und aus diesem Schorf formte sich nach und nach der herrliche Wunderbau des Auges, allerdings nach langer Entwickelung.“ (GA 101, S.95)
Steiner weist auch auf eine vor- menschliche Zeit hin, in der die menschliche Gestalt molchartige Formen hatte und noch ganz und gar auf archaische Organe der beschriebenen Art angewiesen war. Ich berichte in meinem Artikel „Das dritte Auge“ darüber: „In dieser Zeit entwickelte sich für dieses Wahrnehmen, bei dem es noch keine Trennung zwischen Innen und Außen gab, eine Art Organ, das wohl mit einem lichtempfindlicher Fühler zu bezeichnen ist. Rudolf Steiner nennt es ein "heute nicht mehr vorhandenes Auge". In den Mythen der Frühzeit tauchte dieses Ur-Auge auf in der Gestalt des Zyklopen.
In der weiteren Entwicklung bis weit in die so genannte lemurische Zeit hinein wurde dieses Licht-Fühlorgan, das Seelisches unmittelbar mit den Wahrnehmungen verknüpft hatte, allmählich abgelöst durch die Entwicklung der Augen. Durch diese wurde das wahrzunehmen gelernt, was tatsächlich farbig um die Wesen herum vor sich ging.“

Ich möchte nun keinesfalls behaupten, dass Übungen zur Unbefangenheit eine völlige Illusion seien. Allerdings glaube ich, dass das Beherrschen derart archaischer Mechanismen und Reflexe nicht dauernd und kaum im gewöhnlichen Bewusstsein zu realisieren sein dürfte. Steiner formuliert in seinen harmlos erscheinenden „Nebenübungen“ sehr anspruchsvolle Übungsformate. Es ist tatsächlich das Erreichen einer inneren Zeugenschaft notwendig, die es möglich macht, nicht nur die Umgebung und die Fakten, sondern auch die eigenen Reaktionen, Reflexe und Mechanismen zu überblicken und zu beherrschen. Denkbar ist dies nur in der grössten Ruhe und Gelassenheit. Die Anteilnahme und Gegenwärtigkeit der Aufmerksamkeit wird in reinen Übungssituationen gleichsam wie im Labor erprobt. Die „Nebenübungen“ erheben darüber hinaus den Anspruch, eine solche innere Haltung in den gesamten Alltag hinein zu tragen und damit über unsere menschlichen und tierischen Erbschaften hinaus zu wachsen.
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Wie ich zur Anthroposophie gekommen bin

Vor etwa dreissig Jahren war ich im zweiten oder dritten Semester. Frisch dem kleinbürgerlichen Elternhaus entkommen, aber auch den Attitüden des Spät- Hippietums, war ich gerade mitten in den wunderbaren Wirren sexueller Eskapaden angekommen. In der Cafeteria mischten sich komplett verrückte, langhaarige Jim-Morrison-Fans mit sektiererischen Psychoanalytikern, mit versoffenen Burschenschaftern und liebeskranken Tanzschulenabsolventinnen. Eine herrliche Melange. Ich machte meine ersten wirren Schritte in ein selbstbestimmtes Leben, versuchte ein guter Freund zu sein und hatte einen unüberschaubaren Kreis von interessanten Leuten- etwas, was in dieser Form nie wieder zu haben sein würde. Alle Möglichkeiten waren noch offen, die Träume riesig, anmassend und unbestimmt. Alles flog mir zu, und ich flog auf alles Mögliche hin. Als ich ein Referat über Waldorfpädagogik halten sollte, sagte mir jemand, ich solle nach Lili fragen.

Lili war etwa 40, lesbisch, alternative Anthroposophin, offen, direkt und energisch. Eine Münchnerin, die es spät ans Seminar verschlagen hatte, weil sie als Lesbierin gern den anthroposophischen Strickstrumpfverhältnissen entkommen wollte. Sie hatte bereits lange mit ihrer Partnerin in der anthroposophischen Heilpädagogik gearbeitet und war es leid, in diesen spiessigen Verhältnissen mehr als nur schief angesehen zu werden. Daher machte sie die nötigen staatlichen Abschlüsse nun schnell nach, um danach als staatliche Lehramts- Ausbilderin zu arbeiten. Sie hatte immer einen Haufen junger Leute um sich. Das lag wohl an ihrer unorthodoxen Art, ihrer Neugier und Lebendigkeit.

Mich nahm Lili in einen persönlichen Schnellkurs und machte mich an einem einzigen Nachmittag mit dem gesamten „Heilpädagogischen Kurs“ Rudolf Steiners vertraut. Was heißt vertraut? Das war in jeder Hinsicht harter Stoff. Lili war mit einem Block und Bleistift bewaffnet und zeichnete, während sie sprach, ununterbrochen. Es war eindeutig eine Lektion in nicht- linearem Denken. Es ging nicht um Antworten, Sicherheiten, um Endgültiges oder in Form Gegossenes. Es ging um Punkt und Kreis, um Gewordenes und Werdendes, um träumerische und um zu früh erwachsen gewordene Kinder- es ging um Kontraste, Gegensätze, Gleichgewichte, Beziehungen. Es ging um intellektuelle Denkbewegungen im Lebendigen, jenseits aller Ideologien. Am Ende dieses Nachmittags, nach endlosen Kaffees aus einem Automaten und noch mehr gemeinsam gerauchten Zigaretten, hatte ich nicht wirklich irgend etwas in der Hand. Aber ich hatte etwas wie Morgenluft gewittert- einen ganz neuen Ansatz, etwas, was ich nie zuvor gehört, gelesen, gedacht hatte.

Das war ein neues Kapitel, und ich wusste, ich würde nicht so schnell fertig sein damit.

Lili und ich sind uns beruflich später oft begegnet. Trotz aller ihrer Stärke war sie bekennende Hypochondrerin. Mich nannte sie trotz meiner vordergründigen Sensitivität ein „verdammt starkes Ich“. So rasselten wir einige Male auch aneinander. Zwei Jahre lang machte sie in der Stadt ein alternativ anthroposophisches Seminar, von dem sie sich wohl viel versprach. Mit den örtlichen Zweigen hatte sie nichts zu tun. Sie hatte es mehr mit den Künstlern. Viel zu früh schlug ihre Hypochondrie aber wirklich in Krankheit um. Da hatten sich unsere Wege schon getrennt. Ich war mit Kindern, Familie und Beruf mehr als beschäftigt, unsere gemeinsamen Bekannten hatten sich verlaufen, wir waren nicht mehr in Sichtweite füreinander.
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Größenwahn

„Wenn man sich nun klar ist, daß es die Besonnenheit auf das eigene Selbst, auf das Ich ist, was die Sinneswahrnehmungen herauf hebt über die bloßen visionären und halluzinatorischen, traumhaften Erlebnisse, dann wird man auch verstehen, warum es von dem Geistesforscher als eine Notwendigkeit hingestellt wird, daß behufs der Erkenntnisimaginationen solche Übungen gemacht werden, die zunächst die innere Intensität des Ich-Gefühls nicht herabstimmen, sondern sie sogar erhöhen, steigern. Das Ich-Gefühl muß gesteigert werden, die Besonnenheit auf sich selbst muß kraftvoller werden.

Damit wird bei Menschen, welche nicht zugleich die von mir oftmals geschilderten Vorkehrungen treffen, um ein solches verstärktes Ich-Gefühl ohne moralische, ohne psychische Einbuße zu ertragen, schon etwas von seelischem – nicht pathologischem – Größenwahn erzeugt. Das ist überhaupt etwas, was man zunächst bei «Übern» zu übersinnlichen Erkenntnissen leicht bemerken kann, weil sie hinüberhuschen möchten über die nötigen Vorkehrungsmaßregeln, dass sie nicht bescheidener werden, sondern wirklich in eine Art Größenwahn verfallen. Ein solcher Größenwahn wütet vielfach unter denen, die sich nun aus diesen oder jenen Untergründen heraus zur Anthroposophie bekennen.“

Rudolf Steiner, GA 78, Seite 90f
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Verholzt

holz
Ein Ätherleib, welcher wenig stark verknüpft ist mit dem physischen Leib, kann immer mehr neue Begriffe aufnehmen, weil er elastisch ist. Ein Ätherleib der fest mit dem physischen Leib verbunden ist, lernt eine gewisse Summe von Begriffen, dann hat der physische Leib eine bestimmte Form erhalten, die zwingt er dem Ätherleib auf. Und so kommt es, daß viele Persönlichkeiten in unseren gebildeten und gelehrten Kreisen heute das, was sie eingeprägt haben dem Gehirn, in späteren Lebensaltern nicht mehr ändern können und steif und unelastisch sind mit Bezug auf ihre Begriffe. Der physische Leib des Menschen beginnt nach und nach zu verholzen, weil die Kräfte des Ätherleibes und Astralleibes verarmen. Ein Gehirn, welches also verholzt, kann nur wenig Begriffe aufnehmen, weil es bei seinen Begriffen bleiben will. Wir müssen uns unseren Astralleib und Ätherleib beleben durch Aufnahme von spirituellen Begriffen und Ideen.
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Quelle: Rudolf Steiner, GA 12, Seite.60f
Foto: Michael Eggert. Link
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Bremsspuren in der Wagenburg

wagenburg

Mit „Kulturfaktor mit Eintrittskarte?“ (Wieso eigentlich das Fragezeichen, wenn die Überschrift doch ein Synonym für den Zustand der Anthroposophischen Gesellschaft sein soll?) hat Ramon Brüll einen bemerkenswerten Beitrag abgeliefert- mit kleinen Bissigkeiten, höflichen Schlenkern und durchaus neuen Perspektiven garniert. Letztere fallen allerdings etwas knapp aus.

Machen wir es kurz: Die Formen, in denen wir die Anthroposophische Gesellschaft heute vorfinden - sozial, medial, kommunikativ - stammen nicht nur in Ramon Brülls Augen immer noch ab von der Theosophie, wie sie Steiner vor 100 Jahren vorgefunden hat. Er selbst hat 1923 in der berühmten Weihnachtstagung einen radikalen Neuanfang versucht, ist aber kurz danach verstorben. Die Anthroposophische Gesellschaft verschanzte sich in der Folge in rechthaberischen Grabenkämpfen, zersplitterte in Ketzerbewegungen und trotzigen Mini- Wagenburgen und endete schließlich in einem merkwürdig vagen Status Quo. Erstaunlicherweise war die Dynamik der Bewegung dennoch stark genug, dass nicht nur die Arbeit am Goetheanum stets voranschritt, sondern auch zahlreiche Tochterbewegungen ein durchaus respektables und respektiertes Wachstum vorweisen konnten- auch in schwierigen Zeiten und an schwierigen Orten: „Diese Arbeit soll hier keineswegs kritisiert werden. Dennoch stellt sich die eingangs erwähnte Frage nach Sinn und Zweck einer (Allgemeinen) Anthroposophischen Gesellschaft und inwiefern diese heute noch zeitgemäß ist, dringender denn je.

In der damaligen Situation, in der Rudolf Steiner sich befand, gab es diese gesellschaftliche Anerkennung und Bewährung noch nicht. Für ihn hatte die Anthroposophische Gesellschaft daher die Funktion einer „Schutzhülle“, in deren Mitte erst das Klima für eine gedeihliche Entwicklung der Anthroposophie entstehen konnte. Obwohl Steiner von Beginn an die Öffentlichkeit im Blick hatte, war die Inselposition zunächst unvermeidlich.“ Neben der seitdem statt gefundenen Expansion hat sich auch das Zeitklima verändert. Heute sind Themen wie „Reinkarnation und Karma, Spiritualität, Meditation .. in aller Munde.“

Die Hüllenfunktion einer Anthroposophischen Gesellschaft mit der von Brüll so genannten „Insellage“ erscheint ihm daher heute entbehrlich zu sein. Eine Institution, die Mitgliedsausweise verteilt und theosophische Umgangsformen in „Zweigarbeit“ pflegt scheint ihm sogar hinderlich auf dem Weg zu sein, Anthroposophie zu einem Kulturfaktor zu machen. Dabei kann man die „historische Rolle“ einer solchen Hülle durchaus anerkennen. Brüll sieht aber in dieser Hülle eine zunehmende Dekadenz, was sich auch in schwindenden Mitgliedszahlen und zunehmenden finanziellen Engpässen zeigt. Daher plädiert er für eine frohgemute Selbstauflösung der traditionellen Anthroposophischen Gesellschaft und einen Übergang zur „Selbstverwaltung unabhängiger Initiativen, Einrichtungen und Unternehmen“.

Es ist ja wahr. All zu viele Mitglieder und Interessenten empfinden die Selbstbezüglichkeit, die schwüle Esoterik, das Geheimbundgehabe, die Mysterienspiele, die eitlen Anthro- Karrieristen seit langem als reinen Mummenschanz. Das hatte alles Platz auf dem Monte Verita und ist heute Lichtjahre entfernt von kultureller und gesellschaftlicher Relevanz. Das Festhalten an diesen Formen hat sich zumindest zu weiten Teilen überlebt und hindert vielfach in seiner Skurrilität, dass die Akzeptanz der „Anthroposophie als öffentliches Gedankengut“ weiter gedeihen kann.

Wenn Anthroposophie heute tatsächlich Kulturfaktor geworden ist, wird diese Insellage und Schutzfunktion nicht länger benötigt. Anthroposophie ist heute wohl stark genug, sich immer wieder neu zu erfinden. Allerdings haben Institutionen - das weiss sicherlich auch Ramon Brüll- ihre Eigendynamiken. Wenn sie fast 100 Jahre alt sind, umso mehr. Eine Dampflok mit 100 Jahren Anlauf hat eine lange Bremsspur. Eine solche - mit bemerkenswert dünner Substanz - zeigt auch gleich Andreas Neider in „Anthroposophie weltweit“, indem er in „Visionen, Traditionen – oder gar Auflösung? Ein Kommentar“ gleich mit der Mephisto- Keule kommt- das Anliegen Brülls also dämonisiert und es vermengt mit der umstrittenen Positionierung Info3s als „integrale Anthroposophie“. Das, denke ich, ist schon ein ganz anderes Thema. Man sollte nicht anfangen, jedes Anliegen aus dem Hause Info3 nun bei Wilber und Cohen zu verorten. Solche Vermengungen haben einen propagandistischen Einschlag. Wenn Herr Neider dann mit Parolen kommt wie „Hier gilt es gerade in schwieriger Zeit, eben nicht der Logik Mephistos zu folgen“, dann ist man versucht, eben darin die Theorie Brülls von einer Anthroposophischen Gesellschaft in Insellage und Wagenburg bestätigt zu sehen.

Bildquelle
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Slapstick

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Dass nun ausgerechnet das Enfant terrible der Anthroszene Felix Hau (siehe Mermaid-Comic: „Shut up!“) zum Mittelpunkt einer absurden Kampagne wird, Waldorfschulen als Hort des Kindesmissbrauchs zu denunzieren, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Felix steht in dieser Situation als Repräsentant einer Bewegung da, zu deren kritischsten Kommentatoren er sich stets gezählt hat.

Bei uns hat die ganze Debatte im Zeichen des Schwans gestanden. Auch das hat etwas von Slapstick, denn es ging in dem zitierten Beitrag doch darum, „aus den Wesen ihre Eigenart sprechen“ zu hören und zu vernehmen. Das ist nun einigermaßen in die Hose gegangen. Ging es doch eher um anonyme Denunziation als um irgend eine Form von Dialogbereitschaft.

Leider führt der aufgewirbelte Schmutz nicht nur in eine unangenehme Richtung, sondern auch über eine Grenze, hinter der man die Anwälte gern Stellung beziehen sieht. Zu derlei Unternehmungen möchten sich die Egoisten nicht gerne als Spielwiese hergeben. Daher sind die Kommentare nun vorerst von mir geprüft, bevor sie erscheinen. Es gab Kommentare, die derartig unterirdisch waren, dass ich mich nach deutschem Recht auch als blosser Betreiber der Kommentarfunktion strafbar machen würde. Das wissen auch einige dieser anonymen Wortproduzenten. Man muss inzwischen als Betreiber eines anthroposophischen Blogs damit rechnen, dass Leute auf irgend eine mögliche Weise nichts als schaden wollen.

Der Flügelschlag des Schwans bewegt ein paar Wellen.
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Das Belohnungssystem

Das interne Belohnungssystem im Hirn wird seit etwa 2000 erfolgreich erforscht. Da der Erkenntnisstand in dieser Disziplin sich nach Manfred Spitzers Aussage alle 6 Wochen verändert bzw. entwickelt, darf man davon ausgehen, dass auch ein Buch Spitzers wie „Selbstbestimmen“ nicht gerade auf dem neuesten Stand ist. Dennoch- auch in ihren frühen Aussagen ist diese Wissenschaft aufregend und unglaublich inspirierend.
Genau genommen handelt es sich (wir sprechen vom Nucleus accumbans und dem Dopaminhaushalt) weniger um ein Belohnungs- als um ein Relevanzzentrum. Dafür spricht schon, dass das Frontalhirn, das unsere rationalen Entschlüsse ermöglicht, direkt über dem Belohnungszentrum sitzt und mit starken, kurzen „Bahnen“ mit diesem verbunden ist. Man kann daher mutmassen, dass unser Belohnungs-, Lust- und Relevanzsystem unsere vorgeblich rationalen Entschlüsse massiv unterstützt, oder auch hemmt und sie absterben lässt. Spass und Freude regen also auch unsere gedankliche Aktivität an. Umgekehrt hemmt eine innere Blockade wie etwa eine Depression die geistige Perspektive. Es lähmt sie, engt sie ein. Die Situation ist tatsächlich nicht so perspektivlos, wie sie der Depressive sieht.

Auf der anderen Seite werden unsere Sinne und „Organismen mit einer Vielzahl von Reizen geradezu bombardiert und müssen die wenigen wichtigen aus der Vielzahl der unwichtigen Stimuli herausfiltern. Das hier diskutierte System fügt einem Reiz ein Etikett bezüglich dessen Bedeutsamkeit hinzu und bewerkstelligt dadurch die Funktion des Aussortierens wichtiger von unwichtigen Reizen.“ (Spitzer, S 141) Das heisst aber doch, dass wir letztlich eben doch von Gefühlen geleitet werden. Die „Sinngebung“ erfolgt eben nicht auf der rationalen Ebene, sondern vorher, in dem durch Dopamin gesteuerten Lustzentrum, in dem sich im übrigen auch der Mechanismus für die Süchte befindet. Daher finden wir auch immer Argumente für unsere Süchte. Aber wenn es auch Süchte sein können, die unsere rationalen Hirnanteile anstossen, müssen wir uns nicht darüber wundern, wie korrumpierbar unser Denken ist.

Aber es gibt weitere Aspekte: „Opiatähnliche Ausschüttungen“ werden bei der Aktivierung unseres Lustzentrums ausgeschüttet, wenn sich Impulse regen. Initiative und der Anstoss neuer Ideen machen eben auch Spass. „Das System könnte daher auch als Optimismussystem bezeichnet werden, denn es führt beim Menschen dazu, dass man auf eine Situation bzw. auf einen Menschen zugeht, dass man sich vor Neuem nicht verschliesst, sondern es geradezu sucht.“ (Spitzer, S142) Das System kann auch „überhitzen“, so dass belanglose Ereignisse oder Dinge eine abnorme Bedeutung bekommen. Man kann sich in Gedanken, in Initiativen verrennen. Eine Ausschüttung von Dopamin kann zu manischen Zuständen voller überschäumender Energie (und rasender Assoziationen) führen.

Aber vor allem hat das Bedeutungs- und Glückssystem Auswirkungen auf die Formung unserer Persönlichkeit. Denn es hängt auch mit unserem Selbstbild zusammen. Bei Befragung einer Million Studenten hat sich gezeigt, dass sich fast jedermann für besser geeignet hält, mit seinen Mitmenschen zurecht zu kommen als alle anderen. 94% aller Professoren halten sich für begabter als der Durchschnitt ihrer Kollegen. Und fast jedermann hält seine eigenen Einschätzungen für objektiver als die seiner Mitmenschen, ganz generell. Das Belohnungssystem sorgt also auch für unsere Illusionen über uns selbst und konstituiert daher (auch) das, was man gemeinhin als „Ego“ bezeichnet. Spitzer bezeichnet das als „positiven Selbstbeurteilungs- Bias“- ein permanentes „Vorurteil“, das wir über uns pflegen. Der Nutzen von dieser Verzerrung ist, dass uns dadurch „das Leben einfacher“ erscheint. Wir halten uns (80%) sogar für glücklich, die Anderen eher (50%) für unglücklich. Wir halten, wie Steiner es einmal ausdrückte, unser Ich auf dem Arm und kosen es liebevoll.

Das Belohnungssystem macht es auch möglich, dass Menschen, die todkrank im Bett liegen, statistisch gesehen nicht unglücklicher sein müssen als kerngesunde Menschen. Man erfreut sich eben an dem, was einem noch verblieben ist. Das Glück ist eine relative Sache, wie wir Alle wissen. Aber es hängt eben auch von Substanzen wie Dopamin oder Serotonin ab. Nach Leuten wie Gronbach, die meditative Arbeit erklärtermaßen als eine Art Bodybuilding betreiben, hängen „Fortschritte“ auch von erfolgsorientiertem inneren Druck des Meditierenden ab- von erhofften und gesuchten Belohnungen z.B. in Form von geistigen Erfahrungen. Das ist für mich schwer vorstellbar. Der Drang nach Erfolg erscheint mir in diesem Kontext doch als kontraindiziert. Spiritueller Ehrgeiz ist etwas, was mich erheblich behindern würde und auch Jahre lang behindert hat. Für mich ist die Erwartung geistiger Wohltaten ein reiner Ausdruck des Egos, das seine Rosinen auch in geistiger Arbeit ernten möchte, weil es sich vorstellt, sie per se verdient zu haben.

Vielmehr muss in meiner Auffassung das Belohnungszentrum umgewidmet werden in ein reines Gefühl für Relevanz. Es bietet dann auch eine Orientierung im nicht- sinnlichen Feld. Es darf dabei nicht mehr verstrickt sein in die schlichten Mechanismen des Konsums, des Lustgewinns, der alltäglichen Selbstbetäubung, des Machismo. Das Lustzentrum kann auf höherer Ebene das Licht sein, das auch hier Orientierung gibt. Steiner nennt so etwas gern die Umwandlung des Astralleibes. Aber dabei geht nichts verloren und nichts wird lediglich „überwunden“. Das Gefühl für Relevanz wird lediglich umgewidmet. Es darf unserem alltäglichen System des permanenten Selbstbetrugs nicht mehr dienen, sondern sich in einen Strom eingliedern, der uns mit sich nimmt, aber auch über uns hinaus weist. Man geht mit, aber man geht darin nicht auf. Auch das ist ein Unterschied zu den ekstatischen Schilderungen mancher Erleuchteter. Ich denke, dass die Ekstase einen Exzess des nicht ver- objektivierten Belohnungszentrums darstellt, eine Form geistiger Manie. Das Ego erfährt sich in kosmischen Dimensionen. Aber es unterliegt dieser manischen Erleuchtung auch. Es hat jede innere Orientierung verloren. Dafür fehlt einfach das Rüstzeug, weil die Transformation des eigenen Bewertungssystem nicht stattfinden kann. Wenn es eine solche Kompetenz nicht erworben hat, dann bleibt natürlich nur der Not- Griff zu einem Guru, der Orientierung und Belehrung von außen gibt.

Darin liegt meiner Ansicht nach ein Unterschied zwischen Geistesforschung und „integralen“ anthroposophischen Strömungen dieser Tage.
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Tratsch & Klatsch

Mit der Esoterik in der Anthroposophischen Bewegung ist es gar nicht so weit her, wie die Behauptungen von Grandt & Co unterstellen. Was aber in Sachen Okkultismus tatsächlich in der Szene nach wie vor gedeiht, ist der ganz ordinäre Klatsch. „Okkult“ deshalb, weil diese Dinge nun einmal hinter vorgehaltener Hand grassieren und, da jede Gegendarstellung unmöglich ist, auch für lange Zeit. Betroffen sind Personen, die eine Funktion einnehmen, durch Publikationen bekannt geworden sind oder sich anderweitig aus dem Fenster lehnen. Das eine Vorstandsmitglied soll insgeheim Freimaurer sein, der andere sexuelle Beziehungen zu jungen Eurythmistinnen pflegen, ein Autor soll sexualmagische Praktiken verwenden, ein anderer eine sehr geheime anthroposophische Loge gegründet haben. Es geht auch andersherum- etwa indem Vorstandsmitglieder Bücher veröffentlichen, in denen ein verstorbener Autor angeblich von Jesuiten in „okkulter Gefangenschaft“ gehalten wurde oder indem „karmisch denunziert“ wird. Solche Dinge sind bei den Egoisten immer wieder offen angesprochen und zurück gewiesen worden.

Man sollte denken, dass dieser Quatsch inzwischen ausgestorben wäre- als ein Relikt des frühen vergangenen Jahrhunderts. Aber auch ein Blogbetreiber wie ich bekommt ab und zu nach wie vor Post, Emails oder Anrufe dieser Art. Ein Opfer solcher Behauptungen ist aktuell Gerüchten ausgeliefert, er habe ständig sexuelle Beziehungen mit Anthroposophinnen. Das ist nun zwischen Erwachsenen nichts ehrenrühriges, aber die Gerüchte unterstellen auch, es seien manipulative Techniken damit verbunden und seine geistige Arbeit sei dadurch korrumpiert. Das hat die üblichen Konsequenzen solcher üblen Nachrede, nämlich dass man sich ziert, eine solche Person zu Vorträgen einzuladen. Es wird dann auch immer schwieriger, einen Verlag für Publikationen zu finden. Da die Szene doch klein ist, existiert eine geheime „Black List“ von Personen, die man lieber ausgrenzt. Selbst wenn es eine Rezension seiner Arbeiten gibt, schwingen darin Wellenschläge des Tratsches mit. Es bleibt eben immer „etwas hängen“. Gegen diese „okkulten“ Waffen ist dann auch kaum etwas auszurichten. Im Stille-Post-Prinzip verstärken sie sich mit der Zeit eher als dass sie irgendwann einmal ausklingen würden.

Manches an Gerüchten und Denunziationen lässt sich nach verfolgen bis in die Zeit nach Rudolf Steiners Tod, als gesellschaftsinterne Auseinandersetzungen fast zu einer Spaltung der Anthroposophischen Gesellschaft geführt hätten. Seitdem lebt die Lust an der gepflegten Unterstellung, garniert mit einer Prise Verschwörungstheorie, munter weiter. Für mich sind das Symptome einer Gesellschaft, in der offene Auseinandersetzungen noch immer verpönt sind. Man spricht Konflikte ungern offen an. Leute, die Transparenz und Konfliktbereitschaft signalisieren, gelten schnell als „unspirituell“. Dass das Unspirituellste überhaupt die verheerenden Wirkungen untergründigen Tratsches ist, ist anscheinend noch nicht überall bewusst geworden.

Dass die bei den Egoisten offen geführten Auseinandersetzungen immer wieder Entsetzen hervor rufen, lässt sich in meinen Augen nur aus dem Klima des Unter-den-Teppich-Kehrens in dieser Subkultur erklären. Ich sehe übrigens auch die von Rudolf Steiner genannten „Nebenübungen“ wie Positivität (siehe Artikel bei Oleander und meine Kommentare dazu) keinesfalls so, als handele es sich dabei um Konfliktvermeidungsstrategien. Im Gegenteil. Ein offenes Wort zur rechten Zeit klärt die Luft und schafft Räume für neue Betrachtungsweisen.
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Wir erklären Gronbach Part I

Nicht jedem ist es gegeben („Du bist noch nicht so weit“), die atemberaubende Bilderwelt eines Sebastian Gronbach zu verstehen. Zumindest nicht auf Anhieb. Damit es für Sie, liebe Leser, zu diesem Zwecke nicht extra erforderlich wird, sich Ihres Iches zu entledigen, springen wir bei den Egoisten in die Bresche und erklären in einfachen Bildern das, was Herr Gronbach z.B. über Meerjungfrauen zu sagen hat:

seamaid
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Meine unschönen Assoziationen

Dass das, was einem unwillkürlich durch den Kopf geht, eben auch ein Gutteil in diesem Kopf entsteht, ist mir klar. Aber vermeiden kann ich es seit längerem nicht, wenn ich den Ton von Sebastian Gronbachs Blog vergegenwärtige. Ich kenne auch seine Erklärungsmuster für Anwürfe aller Art - so auch die meinigen. Ich nehme auch an, dass er ein netter Kerl ist. Aber wenn ich seinen letzten Blogeintrag lese und darunter so etwas wie:

Wer mit ihm kämpft sucht ihn und wer ihn sucht sucht am Ende nur eines: Die eigene, totale Niederlage. Nur so machen sich seine Feinde, durch IHN, selber zum Krieger des Lichts. Darum wirkt der Krieger des Lichts manchmal gnadenlos. Es ist eine gnadenlose Gnade. Seine Gnadenlosigkeit ist die letzte Hoffnung seiner Feinde.

Etwas in seinen Feinden ist aus Licht und dieses Licht treibt sie zu ihm. Er lässt sich nicht provozieren, er hat ein Schicksal, das es zu erfüllen gilt. Er gibt allen die Zeit die sie brauchen, um ihre Taten zu rechtfertigen.

Aber er ist unversöhnlich, wenn es um Verrat geht. Voller Stolz trägt er die Spuren und Narben der Kämpfe und des Krieges, es sind Zeugen dessen was er erlebt, und Belohnung für das was er errungen hat.
“ usw usw.

Dieses Pseudoheroische, Post- Nietzscherianische, Delirierende erweckt in mir sofort Bilder der Statuen Arno Brekers.
breker
Es ist nichts als eine Form von Schwulst. Aber eben für mich leider auch mit einer Prise Unerträglichkeit. Daran ändert auch nichts, dass am Ende bei Gronbach wieder das anthroposophische Eurythmiekittelchen darüber geworfen wird. In meinen Augen wird Rudolf Steiner damit in ein unpassendes Licht gerückt. Ich denke, dass man auch für die Bilder, Metaphern und Symbole verantwortlich ist, die man in die Welt setzt. Manchmal sind die Bilder einfach nur abgegrast, leer geredet, tot benutzt. An anderer Stelle sind sie aber auch vielleicht missbraucht und korrumpiert worden. Sich selbst wie Gronbach als „Lichtkrieger“ ein Denkmal nach dem anderen zu errichten, erscheint mir mindestens missverständlich zu sein. Daneben ist es natürlich peinlich. Im anglo- amerikanischen Sprachraum, aus dem Gronbach seine Metaphern bezieht, mögen sie deutlich weniger belastet sein. Das ist noch kein Freibrief dafür, die amerikanischen Vorstellungen ungefiltert ins Deutsche zu übertragen. Der Heroismus hat hier eine schlechte Vergangenheit.
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Der Storch bringt doch die Kinder!

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„Die Kinder werden nicht angelogen durch das Storchenmärchen. Es ist da nur ein Bild gebraucht, das wahrer ist als das, was die heutigen Menschen den Kindern beibringen wollen, daß nämlich das Kind nur von Vater und Mutter stammt.
Das Storchenbild – oder irgendein anderes – weist darauf hin, dass im Kinde etwas ist, was aus Wolkenhöhen herabkommt. Das Kind schaut da in Storchenmärchen der Kinder Regionen, die jenseits der Trivialität sind, und baut sich das auf, woraus künftig erst das herauswachsen soll, was spätere Wahrheit ist.

Das Storchenbild für etwas Unwahres zu halten, ist nur eine Phantasielosigkeit, eine Ohnmacht, für den Vorgang, der als Reinkarnation den Kindern nicht zu schildern ist, ein passendes Bild zu finden, diesen Vorgang in ein entsprechendes Bild zu kleiden.

Aber – wird eingewendet – die Kinder glauben heute nicht daran. – Das kommt daher, weil die Menschen, die den Kindern so etwas sagen, selbst nicht daran glauben. Ist es uns selber aber ein Bild für das Reale, Wahre, was dahintersteht, wenn wir Phantasie genug haben, die Wahrheit umzusetzen in ein Bild, so werden die Kinder es auch glauben. Und es ist eigentlich schön, dem Kinde zu sagen: Da wird gegeben ein Teil vom Vater und ein Teil von der Mutter, ein Drittes aber tragen aus Himmelshöhen andere Wesenheiten herunter, die in ihren Schwingen es tragen, es Vater und Mutter zutragend. Wenn wir das sagen, so ist das Bild sehr zutreffend, und wir reden von einer Wahrheit.“

Rudolf Steiner, GA 127, Seite 40f
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Herbstastern & Meditation

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Folgt man im Blick den frisch aufgeblühten Astern, beobachtet man, wie sich ihre Blätter in der Entwicklung zur Blüte hin verjüngen. Schmal und wenig ausladend sind sie ja an jeder Stelle der Pflanze, aber nach oben hin nimmt die Grazilität zu - von einer Drehbewegung um den Stängel herum zur nächsten. Es ist, als würde ihre Ausbreitung in den Raum gebremst, je näher sie dem Blütenboden kommen. Am Grund der Blüte sind sie an einem Nullpunkt der Ausdehnung angekommen. Genau an diesem Punkt des Nichts kann die Blüte entspringen, die wie eine Zusammenfassung der ganzen Pflanze ist, aber auf anderer Ebene. Das Nacheinander der Entfaltung ist in der Blüte wie in einer einzigen Erscheinung zusammen gefasst, aber in Farbe und Struktur überhöht.

Auch in der meditativen Arbeit gibt es Zäsuren, Sprünge und Metamorphosen. Georg Kühlewind schreibt in „Der sanfte Wille“ über die Stille (S.87):

„Die innere Stille kann aber auch noch über das vollkommene Schweigen hinauswachsen, in die „negative“ Stille, die stiller als Tonstärke Null ist, eine empfangende kelchartige Stille: je tiefer sie ist, umso höhere Inspiration kann vernommen werden. Die Stille, auf welcher Stufe auch immer, braucht in der Zeit nicht lange zu dauern, denn das Zeitlose, das in diese Stille hineinleuchtet, kann in einem Bruchteil der Sekunde unendlich vieles enthüllen. Der Mensch kann das dann jahrelang verarbeiten.“ (...)

So wie die Stille zu einem Kelch werden kann, findet die Pflanze in ihrem vegetativen Wachstum zur Stille, bevor sie ihren Kelch ausbreitet. Die meditative Erfahrung ist die Blütenbildung, die aus der Stille erfolgt.
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Regina Reinsperger: "Keeper of the Grail of the National Socialism" and Friend of the Anthroposophics?


„One is wondering what is about the moral reasoning of Antrophosophics who excuse mass murder and claim that humans can be so mired in an affair that they have no other choice but to commit a crime of this dimension.“

Die englische Übersetzung von Regina Reinspergers Arbeit über den Kriegsverbrecher und „Freund der Anthroposophen“ Otto Ohlendorf ist nun in der Übersetzung von Klaus Popa fertig. Dem Übersetzer gebührt besonderer Dank. Klaus Popa hat mit dem geschulten Blick des Historikers zusätzlich nochmals kritisch gegengelesen.

Download der druckfertigen PDF- Version ( 599 KB)
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Defizit der Christengemeinschaft

Wir sind bereits in einer früheren Meldung auf die finanziellen Probleme der Christengemeinschaft eingegangen. Es ist eine kleine Bewegung, mit heute „137 Gemeinden und Filialen in Deutschland“ und mit insgesamt „158 aktiven Pfarrer(n).“ Diesen tätigen Pfarrern stehen aber heute inzwischen in Deutschland „99 Menschenschicksale“ gegenüber, die „im Ruhestand sind oder aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können“. Die Christengemeinschaft krankt also auch an einer gewissen Überalterung, tut sich angesichts dieser Aufgabe durch ihren Verzicht auf staatliche Refinanzierung in Form von Kirchensteuern schwer, die damit verbundenen Probleme zu bewältigen. Aus einem Brief der „Deutschen Lenkerkonferenz“ der Christengemeinschaft - also aus der Führungsebene der Kirche -, aus dem auch unsere Zitate stammen, wird auch das genaue Manko deutlich: „Mit der Deckung eines Defizits in 2007 sind nun alle Reserven aufgebraucht. Die Notwendigkeiten der Altersversorgung und Nothilfe wollen wir auch in 2008 und darüber hinaus in der benötigten Höhe leisten. Zurzeit fehlen uns an dieser Stelle 160.000 €.“

Neben den im vorigen Artikel angedachten Gehaltseinbußen der Pfarrer werden nun die Gemeindemitglieder aufgerufen, ihre monatlichen Beiträge zu erhöhen. In diesem Zusammenhang wird im freundlichen Aufruf, die „Zukunft der Christengemeinschaft .. gemeinsam (zu) gestalten“ deutlich, dass es um diese Zukunft zur Zeit nicht allzu gut bestellt ist. Denn die finanziellen Probleme werden ja nicht geringer. Nicht überall hat man sich - wie etwa in der Filiale in Mönchengladbach- nur auf ein Gartenhäuschen in einem Privatgarten als Gemeindehaus beschränkt. Grosse Kirchengebäude, die einst durch großzügige Mäzene im Vorgriff auf ein vorgestelltes Gemeindewachstum gestiftet worden waren, werden jetzt im Unterhalt zur Belastung.

Die Diskussion darüber, wie sich die Christengemeinschaft in Zukunft positionieren und darstellen wird, hat noch nicht wirklich begonnen. Zumindest in Deutschland sind Transparenz, Diskussionsbereitschaft und Öffentlichkeitsarbeit nun auch Tugenden, die man im Rahmen der Christengemeinschaft kaum beobachten konnte. Auch der Umgang mit der hier geführten Diskussion um den Pfarrer Benesch und dessen nationalsozialistischer Vergangenheit war bislang von Seiten der Christengemeinschaft vor allem durch betretenes Schweigen geprägt. Man hat lediglich Pfarrer Hörtreiter als Kontaktperson zu dem Thema benannt. Dieser organisiert wohl Veranstaltungen in seiner Gemeinde wie „Schuld vergeben? Verantwortung tragen?“ in seiner Gemeinde. Eine tatsächliche öffentliche Aufarbeitung des schwierigen Themas haben wir bisher aber noch nicht wahrgenommen.
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Wir wissen nicht..

wissen

„Wir wissen nicht, wie wir denken. Dadurch ist unser gesamtes Wissen verstümmelt. Wir wissen aber auch nicht, wie wir sprechen, wie wir uns bewegen, wie wir wollen, was das Fühlen ist, wer wir sind... Wir erfahren unsere Aufmerksamkeit nicht, mit der wir alles andere erfahren. Wir kennen unsere eigene Biographie nicht - sonst hätten wir keine Probleme im Leben. Wir wissen nichts über das eigene Schicksal, kennen den Wert einzelner Erlebnisse nicht, wir wissen nichts über Leben und Tod, über den Kosmos, über seinen Anfang und sein Ende...
Was wir auch tun, nicht-tun, denken, nicht-denken, alles ist mit dem Willen getan: Was wissen wir über den Willen?“

Georg Kühlewind, „Der sanfte Wille“, S. 57

Dieses Buch ist eine der modernsten und tief greifenden Schilderungen des „Schulungsweges“. Nicht nur Schilderung, sondern auch eine umfassende Begleitung für den, den das interessiert. Fürs gemütliche Lesen auf dem Sofa eignet es sich weniger, da es anspruchsvoll und inhaltlich komprimiert verfasst ist. Hier noch eine Überlegung zum Buch bei Oleander.
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Die Reinkarnationen des Grafen von St. Germain

Der Graf von Saint Germain war wohl einer der großen Eingeweihten. Anthroposophisch gäbe es zu dem Thema eine Menge zu sagen. Der etwas obskure Schriftsteller Peter Krassa hat eine Mini- Biografie verfasst. Ich selbst- kritisch fußend auf einem Buch von Krassa, ebenfalls. Manche halten St. Germain ernsthaft für einen Zeitreisenden. Der „Alte Orden der Rosenkreuzer“ hält St. Germain für einen „Strahlleiter“: „Man sagt Saint Germain vieles nach, beispielsweise halten ihn Esoteriker für einen aufgestiegenen Meister des Shambala, der den siebenten Strahl leitet, welcher als der violette Strahl bezeichnet wird. Dieser Strahl wird als der Leitstrahl für initiatorische Ritualorden und Politik angesehen.“, wendet sich gegen die heute zahlreichen vertretenen Channeler, die somnambul einiges von St. Germain verkündet haben wollen. Wir haben St Germain exklusiv in Berlin getroffen, und er ist mit uns durch die Nacht gezogen.

germain
Technisch gesehen haben wir das Gesicht St. Germains aus einer zeitgenössischen Zeichnung ausgeschnitten und auf die Körper zeitgenössischer Nachtschwärmer geklebt. Viel Spass!
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Cahnheim

duesseldorf

Vor 30 Jahren schon habe ich in anthroposophischen Kreisen spezifische - geradezu provokante- Äußerungen über den Düsseldorfer Raum gehört. Um es einmal neutral auszudrücken, ging es darum, Steiner habe sich dahin gehend geäußert, in Düsseldorf herrsche ein ausgesprochen negatives Energiefeld und werde sich in Zukunft quasi institutionalisieren. Ja, man sprach von einem „schwarzen Loch“ in spiritueller Hinsicht. Nun habe ich erst vor einigen Jahren gehört, diese Äußerungen beruhten nicht nur auf Tratsch und einer Art übler Nachrede gegenüber einer Region, sondern solche Äußerungen Rudolf Steiners fänden sich in den Briefen an Eliza von Moltke.

Nun sind diese Briefe („Helmuth von Moltke 1848-1916. Dokumente zu seinem Leben und Wirken. Band 2“. Basel 1993) auch eine Besonderheit von einer durchaus befremdlichen Art. Die von Thomas Meyer verantwortete Herausgabe zeigt Rudolf Steiner nämlich nicht als spirituellen Methodenlehrer wie in seinem sonst publizierten Werk, sondern als reinen Spiritualisten, der auch nach dem Tod Moltkes Mitteilungen aus dessen Mund in brieflicher Form an Moltkes Frau weiter gibt. Steiner lernte den deutschen Generalstabschef bereits 1904 kennen. Er begleitete das Ehepaar Moltke durch Jahre hindurch, auch in der chaotischen Zeit des Kriegsausbruchs 1914. Moltke war durch die Umstände, den deutschen Dilettantismus, durch die Illusionen und chaotischen Entscheidungen des Kaisers zutiefst beunruhigt: „Ich habe die Eindrücke dieses Erlebnisses nicht überwinden können, es war etwas in mir zerstört, das nicht wieder aufzubauen war...“

Moltke, geprägt durch das Kulturerbe der Klassiker und Idealisten, kam auch mit dem primitiven Machtstreben des wilhelminischen Reichs nicht zurecht. Für ihn war der Krieg ein reines Unglück und von Anfang an der moralische Niedergang, als der er sich dann erwies.

Zugleich schwankte Moltkes Einfluss in der Heeresführung. Er traf Rudolf Steiner im November 1914 und konnte sich über die ihn quälenden Umstände ihm gegenüber ausführlich äußern. Steiner begleitete Moltke von nun an brieflich und auch persönlich bis zu dessen Tod 1916. Auch Steiner hat vermutlich intime Einblicke in das politische Entscheidungsklima dieser Zeit durch Moltke erhalten. Somit sah er recht deutlich die totale Insuffizienz der politischen Führung und die möglichen katastrophalen Folgen.

Ein Brief Steiners an Moltke endet mit den Worten „Diese Zeilen schreibe ich an Sie, Excellenz (…), nachdem meine Seele viel bei Ihnen geweilt hat.“ Ein halbes Jahr später, im Juni 1916, starb Moltke, schwer gezeichnet durch weitere interne politische Intrigen, an einem Herzanfall. Steiner sprach an der Bahre des Verstorbenen und „weilte“ auch weiterhin bei ihm.

Die folgenden Botschaften des Verstorbenen - intime Zeugnisse für dessen Ehefrau- beinhalteten Betrachtungen über Beziehungen Moltkes zu Lebzeiten, auch zum Kaiser und auch in karmischer Hinsicht. Sie reflektierten immer wieder die tragischen Umstände dieser Zeit.
Aber es finden sich auch kryptische Aussagen darin, die nicht einmal mit wohlwollender Interpretation als eindeutig in ihrem Sinn zu verstehen sein können. So auch die Bemerkung (16.2.1921) über Düsseldorf: „Was euch jetzt verwirrt: darin lebt ein Wesen, das von dem finstern Erden- Innern ist. Der Doktor wollte es 1908 nach Düsseldorf tragen. Doch es heftete sich zu stark an Cahnheim. Der Doktor trug dahin nur die leeren Steine. Seit jener Zeit wollte sich der in Cahnheim sitzende Geist rächen. Doch dessen Bewußtsein wußte nichts davon. Das handelte unter Zwang. Aber dieser Geist ist auf Erden zurückgeblieben. Er ist erdenverwandt.
Da waltet ein verwirrungsstiftendes Wesen. Befreiung ist notwendig.“

Vermutlich haben diese kryptischen Bemerkungen mit Düsseldorf nur indirekt zu tun. Steiner hatte im April 1909 seinen bedeutenden Vortragszyklus „Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physichen Welt“ in Düsseldorf gehalten. Zum unerklärlichen Begriff „Cahnheim“ kann man daran denken, dass Düsseldorf ursprünglich ein kleines Fischerdorf am Rhein gewesen ist. Vermutlich deutet Steiner geistige Widerstände gegen seine Intentionen in Bezug auf den Vortragszyklus an. Die Gerüchte über Düsseldorf, die ich oben angesprochen habe, sind anscheinend durch eine Art Stille-Post-Tratsch entstanden.

In dieser Hinsicht kann man die Publikation dieser merkwürdigen Briefe vielleicht begrüssen. Ansonsten haben sie meist rein privaten, familiären Charakter. Daher ist die Publikation im Perseus - Verlag durchgeführt worden, nicht im Rahmen der Gesamtausgabe.
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Esoterikforschung

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Endlich komme ich dazu, das mir von Michel Gastkemper auf unserer gemeinsamen Egocomm- Seite ans Herz gelegte Büchlein von Johannes Kiersch „Vom Land aufs Meer- Steiners Esoterik in verändertem Umfeld“ in Ruhe zu lesen. Ausschnitte aus dem Vorwort sind auf Egocomm zu lesen. Darüber hinaus hat Michel zusammen mit der Redaktion der Zeitschrift Die Drei eine Reihe von Adressen - von der Sorbonne bis hin zur Päpstlichen Universität Angelicum in Rom - gesammelt, die sich zur Zeit mit Esoterikforschung beschäftigen. Es scheint seit Jahren ein diesbezüglicher Trend beobachtbar zu sein, sich mit nichtkonventionellen „Religionen und Spiritualitätsformen“ zu beschäftigen, auch in ihren Auswirkungen auf Gesellschaft, Philosophie und Wissenschaft.

Am Anfang des Buches resümiert Kiersch - anlehnend an Antoine Faivres- gewisse „gemeinsame Eigenheiten“, die die spezifischen Denkformen von Esoterik - gleichgültig welcher Herkunft - zu bestimmen scheinen. Zunächst findet man Entsprechungen (wie etwa Mikrokosmos- Makrokosmos), die dem ganzen Kosmos eine sinnvolle Struktur geben. Erde und Welt werden als Lebewesen verstanden. Bilder oder Imaginationen helfen in der Vermittlung esoterischer Erfahrung. Transmutation bezeichnet den typischen Wegcharakter in der Beschäftigung des Einzelnen mit Esoterik- es findet eine Verwandlung des Erkenntnissuchers statt.

Kiersch ist der Ansicht, dass Anthroposophie aber doch eine gewisse Sonderstellung einnimmt. Denn Anthroposophie überzeugt vor allem in den praktischen Tochtergesellschaften, die sich aus ihr entwickelt haben. Die ureigene Esoterik dagegen, die ihren Kern ausmacht, wird höchst unterschiedlich aufgefasst, manchmal als dogmatischer Katechismus, manchmal als blosser Traditionsstrom, als Glaubensinhalt oder aber auch als Steinbruch, aus dem sich jeder nach Belieben nach seinen Bedürfnissen bedient. So ist es vor allem die Esoterik gewisser Berufe - Priester, Lehrer, Landwirte, Heilpädagogen, Mediziner-, die am präzisesten formuliert worden ist- meist noch von Rudolf Steiner selbst. Ansonsten kann man in Bezug auf die anthroposophische Esoterik von einer gewissen Unschärfe sprechen.

Dies konstatiert Kiersch auch in Bezug auf Rudolf Steiner selbst. Er fragt sogar, ob Steiners Anspruch, eine „Wissenschaft vom Geist“ zu begründen, „angesichts der neueren wissenschaftstheoretischen Diskussion nicht inzwischen überholt sei“: „Haben wir nicht vielleicht inzwischen Anlass, seine bewundernswerte Lehre als Wissenschaft von Möglichkeiten aufzufassen?“ Möglichkeiten sind dabei gemeint, die sich als „zeitgemäße Esoterik“ eben inmitten der notwendigen und begrüssenswerten „Entzauberung der Welt“ durch die Wissenschaften anbieten.

Konstituierendes Element der Steinerschen Esoterik ist - trotz seiner ursprünglichen Anknüpfung an esoterische Traditionen- vor allem seine transparente „Methodenlehre des übersinnlichen Erkennens“. Steiner hat sich in seiner Biografie und in seinem Werk erst allmählich und - wie Kiersch ausführt- in dramatischen Wendungen in diese moderne Richtung entwickelt: „Steiner behauptete nicht apodiktisch, dass seine Aussagen über die „geistige Welt“ wahr seien. Er beschreibt, auf welche Weise die zugrundeliegenden „übersinnlichen“ Wahrnehmungen erreicht werden können, begründet also nicht ihre Faktizität, sondern ihre Möglichkeit.“ Steiners Bedeutung liegt also auch nicht in seinen persönlichen Fähigkeiten, sondern „in der Präzision seiner erkenntnis- psychologischen Argumente“.

Der Kern der Aussagen von Kierschs Buch aber beginnt erst an dieser Stelle, denn er unterscheidet auch in Bezug auf Anthroposophie selbst zwischen „gewordener“ und „werdender“ Esoterik, und zwar vor dem Hintergrund einer sich rasant wandelnden Gesellschaft. Die Forderung des späten Steiners, „nicht ein starres, totes Begriffssystem“ zu entwickeln, sondern ein „lebendiges Meer, in welchem der Geist des Menschen lebt“, ist nach seinem Tod sicherlich bis heute nur in Ansätzen verwirklicht worden. In Wirklichkeit gibt es heute in Bezug auf die Beschäftigung mit anthroposophischer Esoterik nichts mehr, „auf das wir uns stützen könnten“. Aber dazu vielleicht demnächst mehr.
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Steiner über China

Nachdem die Olympische Farce glücklich zum Ende gebracht worden ist, bleibt auf Seiten der Gäste vor allem Verblüffung. Verblüffung darüber, wie perfekt die Choreographie der Massen, wie dreist die Inszenierung der Macht ungeachtet aller inneren Widersprüche dieses Systems gelungen ist. Nichteinhaltung journalistischer Unabhängigkeit, brutale Umsiedlung von Anwohnern, Ausnutzen der Ärmsten, Unterdrückung ganzer Völker- die Hochglanzoberfläche überdeckte die chinesischen Realitäten nicht einmal im Ansatz. Doch Folgen hatte das nicht. In der Wahrnehmung der Medien galt die Inszenierung in ihrer ganzen Künstlichkeit im Nachhinein als „gelungen“. Vielleicht bleibt im Westen Verblüffung darüber, wie mächtig eine „gelenkte Demokratie“ (eines dieser Unworte der Gegenwart) sich doch präsentieren konnte, voller Brüche, doch bislang ungebrochen.
Schauen wir angesichts dieser Verblüffung einmal auf bald 100 Jahre alte Anmerkungen Rudolf Steiners zu dieser spezifischen chinesischen Dynamik:

Da „haben wir das erste Erstaunen des Abendlandes gegenüber dem, was wie eine gebundene Spiritualität in diesen älteren Kulturen erhalten ist. Wir stehen jetzt einer anderen Epoche gegenüber, der Epoche, in welcher noch eine ganz andere gebundene Spiritualität das Abendland wird in Verwunderung setzen können, nämlich derjenigen Spiritualität, die zwar durchaus nicht der Mission der nachatlantischen Zeit angehört, die ihr aber wie ein Erbgut von früher geblieben ist, die verhüllt war bis in unsere Epoche herein innerhalb des dem Abendlande recht unbekannten chinesischen Geisteslebens. Und es wird nur eines Umstandes bedürfen, um sozusagen das, was da geschehen wird, geradezu zum Überwältiger zu machen der europäisch abendländischen Geisteskultur, so dass diese etwa ihre eigentliche Mission, ihre eigentliche Bedeutung und Aufgabe würde vergessen können. Es wird der Mensch, der immer mehr und mehr in die Zukunft hineinlebt, sich klar machen müssen, daß auf unserem Erdenrund gebundenes Geistesgut, spirituelle Erkenntnis, die aus der alten atlantischen Zeit zurückgeblieben ist, in einem viel höheren Maße noch vorhanden ist, (...), wenn einmal das Chinesentum frei werden wird in seiner geistigen Kultur. Man wird erkennen, daß da ein Strom spirituellen Lebens herausfließen muss, der in einer wunderlichen Weise die Menschen auch äußerlich unterrichten wird von dem, wovon sie sich ja allerdings unterrichten können, wenn sie in das spirituelle Leben eindringen wollten auf dem Wege, den die Geisteswissenschaft eröffnet.

Wenn aber der weitaus größte Teil der Menschheit gegenüber dem, was die Geisteswissenschaft der Menschheit bieten kann in «Schlafhaubigkeit» verbleiben wird, so wird einmal, wenn sich, in einer allerdings nicht für das europäisch abendländische Bewußtsein geeigneten Weise, spirituelles Geistesgut aus dem Chinesentum heraus ergießen wird, dieser Teil der Menschheit dadurch verblüfft sein und sehen wird, dass sich eine solche Kultur nicht begreifen läßt mit dem philiströsen pedantischen Stile des Abendlandes, sondern nur, wenn man sich hineinvertieft in das, was aufgebaut ist auf der alten Chinesenkultur, was als alte Taokultur vorhanden war. (...)

Aber was da frei wird, das wird noch auf andere Weise wirken: es wird
durch seine Macht, durch seine Selbstverständlichkeit, durch seine Größe wirken, es wird verblüffen, es wird schockieren. Es wird sich über das, was sich die Menschheit in der christlichen Kultur erobert hat, so ergießen, daß man gegenüber dem, was da kommen wird an eingerosteter, an «einchinesisierter» Kultur, die richtige Perspektive, den richtigen Standpunkt wird haben wollen. Das wird so sein, dass man sich sagt: Diese Spiritualität war da, sie bedeutete einstmals die geistige Kultur unserer Erde. Aber eine jede Zeit hat ihre eigene Mission, und die europäisch abendländische Kultur hat die Aufgabe, aus dem Umkreise des Weltendaseins alles dasjenige herauszusaugen, was herausgesaugt werden kann aus dem Geistigen, so dass dieses Geistige sich zeigt trotz und hinter der sinnlichen Welt, hinter dem, was Augen sehen und Hände greifen können und was sich uns darstellt als Offenbarung aus den geistigen Welten. Man wird verstehen müssen, daß eine andere Mission aus der anderen Zeit da ist, und dass wir feststehen müssen auf dem Boden, den das Christentum gezimmert hat. Das ist das, was den anderen Standpunkt geben wird. So wird man freudig aufnehmen, was aus den alten Zeiten herüberlebt, aber man wird es durchglänzen, durchleben mit dem, was aus der neueren Zeit, aus der nachatlantischen christlichen Kultur in den Seelen sich allmählich erhoben hat. Die Schwachen aber werden sagen: Wir nehmen die Spiritualität da, wo sie uns gebracht wird, denn wir wollen nur den sensationellen Einblick haben in die geistigen Welten.“

Das Archaische dieser Spiritualität und Kultur entlädt sich heute offenbar vor allem in wirtschaftlicher Macht und einer medialen Grossmachtinszenierung. Zu der spezifischen Kraft und Zähigkeit kommt eine über Jahrzehnte währende Geduld- so etwa im Verhältnis zu Taiwan, das ähnlich wie Hongkong zweifellos irgendwann wieder einverleibt werden wird. Aber das chinesische Wachstum geht in vieler Hinsicht voran auf Kosten von Volk und Land. Das Bildungsniveau und das Einkommen stagnieren auf dem Lande, Korruption und Umweltverschmutzung werden sich auf lange Sicht gegen das System wenden. Im Grunde handelt es sich ja um feudale Strukturen. Die wirkliche Zerreissprobe steht noch bevor. Gut möglich, dass sich nach dieser zu erwartenden Krise erst das zeigt, was von Steiner als Dynamik des spezifischen „chinesischen Geisteslebens“ beschrieben wurde. In wirtschaftlicher Hinsicht haben wir diese Dynamik bereits kennen gelernt.

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Zitat: Rudolf Steiner GA 133 Seite 37 ff
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Existentielle Krise der "Christengemeinschaft"?

In dem öffentlichen Gemeindebrief einer Münchner Gemeinde der Christengemeinschaft wird auf die finanzielle Situation der Bewegung in Deutschland eingegangen. Diese ist in der Breite neuerdings derart „schwierig“, dass die Gehälter der in Norddeutschland arbeitenden Pfarrer gekürzt werden müssen und die Altersversorgung in Frage gestellt ist. Zwar sollen die finanziellen Lücken durch Solidarbeiträge der süddeutschen Gemeinden in diesem Jahr abgedeckt werden („durch die Brüderlichkeit aller Regionen und Gemeinden“). Das führt aber nur dazu, dass die Gehaltseinbußen auf alle Pfarrer ausgeweitet werden müssen. Außerdem kann auch durch diese Notmaßnahme keine Lösung herbei geführt und keine „Entwarnung“ gegeben werden, da alle Rücklagen aufgebraucht sind. Die Krise ist also kein lokales Problem mehr, sondern trifft die Bewegung in der Breite.
Weitere Ursachen wie die Überalterung der Gemeinden werden zwar nicht angesprochen- es wird aber durch einen Fragenkatalog deutlich, was offenbar in der Christengemeinschaft seit Jahrzehnten schief gelaufen ist. Denn es werden nun wirklich existentielle Fragen aufgeworfen, die das Selbstverständnis, die Isolation, die Ignoranz gegenüber Öffentlichkeit und Medien betreffen, aber eben auch die Frage nach der Attraktivität für die Zeitgenossen überhaupt. Offenbar sind seit Jahrzehnten die wesentlichen Fragen nach der Positionierung der Christengemeinschaft in der Gesellschaft schlicht ausgeblendet worden. Man muss davon ausgehen, dass sich die Christengemeinschaft auf geradezu sträfliche Weise vor allem mit sich selbst beschäftigt hat.

Hier nun der Fragenkatalog:
„Sind wir noch eine Gemeinschaft für religiöse Erneuerung? Oder fühlen wir uns als eine etablierte Kirche? Oder anders gesagt: Haben wir immer noch Projektcharakter?
Was zeichnet uns als Christengemeinschaft aus und können wir dies ausstrahlen?
Treten wir selbstbewusst in Kontakt mit anderen Menschen und stellen uns ihren Fragen zur Christengemeinschaft?
Wie werden wir von anderen Menschen wahrgenommen? Werden wir überhaupt wahrgenommen oder bewegen wir uns versteckt "im Hinterhof"?
Wie steht es in diesem Zusammenhang mit unserer Medienpräsenz?
Wo liegen die Bedürfnisse des modernen Menschen und was haben wir anzubieten, um diese Bedürfnisse fragend aufzugreifen?
Wie sieht es mit unserer Gemeinschaft aus? Sind wir überhaupt eine solche, nehmen wir uns als Gemeinschaft wahr? Worin besteht die Qualität dieser Gemeinschaft?“

Ehrliche, aber auch ernüchternde Fragen. Vor allem kommen sie vielleicht Jahrzehnte zu spät. Die „Bewegung für religiöse Erneuerung“ hat ihre eigene Erneuerung offenbar verschlafen.

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Rudolf Steiner: Irrtümer der Geistesforscher

„Wenn der Geistesforscher seine Erlebnisse zum Ausdruck bringen will, so ist er genötigt, das in einer übersinnlichen Sphäre Erlebte durch die Mittel des sinnlichen Vorstellens darzustellen. Sein Erleben ist dann nicht aufzufassen, wie wenn es gleich wäre seinen Ausdrucksmitteln, sondern so, daß er sich dieser Ausdrucksmittel nur bedient wie der Worte einer ihm notwendigen Sprache.

Man muß den Inhalt seines Erlebens nicht in den Ausdrucksmitteln, das heißt, in den versinnlichenden Vorstellungen suchen, sondern in der Art, wie er sich dieser Ausdrucksmittel bedient. Der Unterschied seiner Darstellung von einem phantastischen Kombinieren sinnlicher Vorstellungen liegt in der Tat nur darin, daß phantastisches Kombinieren der subjektiven Willkür entspringt, die Darstellung des Geistesforschers aber auf dem durch Übung erlangten Einleben in die übersinnliche Gesetzmäßigkeit beruht. Hier aber ist auch der Grund zu suchen, warum die Darstellung des Geistesforschers so leicht mißverstanden werden können.

Es kommt nämlich bei ihm wirklich weniger darauf an, was er sagt, sondern wie er spricht. In dem «Wie» liegt der Abglanz seiner übersinnlichen Erlebnisse. Die unbefangene Logik wird im Prinzip immer entscheiden können: wenn das wahr ist, was der Geistesforscher sagt, dann ist der Welt- und Lebensverlauf, so wie diese sich sinnenfällig abspielen, verständlich. Man kann in diesen Aussagen Hypothesen, regulative Prinzipien (im Sinne der Kantschen Philosophie) sehen. Man wende sie nur an auf die sinnenfällige Welt, und man wird schon sehen, wie diese in ihrem Verlaufe alles bestätigt, was vom Geistesforscher behauptet wird. –Dies gilt natürlich nicht anders als im Prinzip; im einzelnen können natürlich die Behauptungen der sogenannten Geistesforscher die größten Irrtümer enthalten.“

Rudolf Steiner, GA 35 Seite 127f
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Michaela Brückner: Judith von Halle – Versuch der Annäherung an einen außergewöhnlichen Menschen

Michaela Brückner schreibt: „Man könnte die „Provokation“, die ein Mensch wie Frau von Halle für alle gängigen Denk- und Gefühlsmuster darstellt, doch auch einmal ganz innovativ und kreativ dafür nutzen, die Nebenübung der Unvoreingenommenheit so richtig intensiv und ausgiebig zu praktizieren, und sich während dessen mit einem vorschnellen Urteil zurück zu halten. Vielleicht käme dabei ja etwas ganz Neues, Überraschendes und Spannendes heraus?

Zum Text..

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Mantren & Blogs

Im aktuellen Programmheft des Goetheanums, herausgegeben von der Anthroposophischen Gesellschaft, findet sich auch ein Interview mit Heinz Zimmermann, einem ehemaligen Vorstandsmitglied, der sich insbesondere mit „Meditation, Gesprächskultur und geisteswissenschaftlichem Studium“ beschäftigt. Das Bedürfnis nach meditativer Vertiefung des Lebens kommt - so Zimmermann - insbesondere an „Wendestellen der Biographie“ auf, also in Krisen, in denen man nach Neuorientierung sucht. Allerdings gilt heute seiner Meinung nach, dass diese „Wendestellen“ häufig nicht mehr wirklich erlebt, sondern „durch Entertainment, die Einflüsterungen der Konsumwelt“ zugedeckt werden.

Da ist er wieder, der alte anthroposophische Reflex. Das Zurückzucken vor Technik und Zeitgeist, die Schuldzuschreibungen. Seitdem Rudolf Steiner in der Schallplatte den Untergang des Abendlandes zu entdecken glaubte, wird dieser Reflex in jeder zweiten anthroposophischen Ansprache neu zelebriert.
Man solle - so Zimmermann- die „Wirkung nicht unterschätzen“- nicht nur in Bezug auf die „Bilderflut durch TV, Printmedien und Kino“, sondern auch in Bezug auf die „Unverbindlichkeit des Wortes in e-mails und Blogs“. Eigentlich glaube heute „fast jeder Mensch an die Existenz einer übersinnlichen Welt“ - dieses Gefühl aber „durch ein geschultes Denken auf eine solide Basis zu stellen“, daran mangele es. Die mediale Überflutung mache es so schwierig, „in der Meditation Bilder durch eigene Anstrengung“ aufzubauen. Das Arbeiten an Meditationsmantren ist für Zimmermann ein konkreter Gegenpol zu den Zerstreuungen der Gegenwart.

Nun sind Mantren - wenn man sie in Gegensatz zum Bloggen stellt- keinesfalls in sich verbindlich. „Denkend empfinde ich mich eins mit dem Strom des Weltgeschehens“ ist ein Mantram, das geradezu typisch zeigt, dass es auf der gegenständlichen Ebene nicht nur unverbindlich, sondern sogar widersinnig erscheint: Man „empfindet“ nicht, wenn man denkt, und schon gar nicht einen „Strom“ jedweder Art. Auf der Alltagsebene ist ein Mantram weniger als nichts- es enthält keine impliziten Informationen. Ein Mantram ist ein Hinweisschild, nicht mehr. Auf der Ebene, auf die es hinweist dagegen beginnt es sich zu enthüllen. Es ist insoweit „wahr“, wie man es wahr macht.

Vergleicht man die Informationsflut, die Zimmermann beschwört, mit dem Charakter eines Mantrams, würde ich Zimmermanns Beurteilungen also ganz anders sehen: Die Medien füttern uns mit Informationen und haben daher einen hohen Grad von Verbindlichkeit. Sie binden uns. Das Mantram sticht gerade durch seine Unverbindlichkeit hervor. Daran ist nichts fertig. Es ruft uns allenfalls auf, seinen Sinn nicht nur zu entschlüsseln, sondern im Sinne einer Dynamik zu realisieren.

In dieser Hinsicht folgt diese Tätigkeit den Worten des Neuen Testaments (1. Kor. 4, 20) „Gottes Reich steht nicht in Worten, sondern in Kraft“. Georg Kühlewind* macht darauf aufmerksam, dass diese „Kraft“ (dynamis) auch noch eine andere Bedeutung hat, denn dynamis hat auch den Sinn von Bedeutung.
Wenn man sich auf der Bedeutungsebene bewegt, hat man die Unverbindlichkeit der Zeichen zeitweise überwunden. Man ist selbst ein Teil der Aletheia, der Unverborgenheit geworden. Aber das Mantram selbst - in dieser Hinsicht möchte ich Zimmermann widersprechen- enthält diese Bedeutung nur dann, wenn man sie realisiert. Die „geistige Erfahrung“ entspringt diesen Zeichen durchaus nicht von selbst.

* Georg Kühlewind, Das Reich Gottes
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Aletheia und das Innere Königtum

„Das ganze Neue Testament steht ja im Zeichen der Aletheia, der Unverborgenheit…“, schreibt Georg Kühlewind in „Das Reich Gottes“ (S. 65). Aber schon im Leben Christi bestand ja das Problem seiner Zeitgenossenschaft darin, dass das sich enthüllende Wesen missverstanden und nicht (oder kaum) erkannt wurde. Die Erwartung an den Messias gestaltete sich „ganz äußerlich“: „Man erwartete und hoffte auf ein äusseres Reich, eine äussere Veränderung der Welt, der Umstände, des Lebens.“ Nicht nur Judas, der zu Unrecht Vielgescholtene, erhoffte ja in Jesus einen Sozialrevolutionär. Eingepfercht zwischen Besatzern und einer allmächtigen religiösen Kaste erwartete nicht nur Judas einen politischen Ruck: Am ersten Sonntag der Karwoche wünschte das ganze Volk eine politische und soziale Kehrtwendung von Christus, als dieser umjubelt und frenetisch empfangen in Jerusalem einritt. Das „innere Königtum“ Christi wurde nicht gesehen.

Wem wollte man das verübeln? Wie können wir die verborgene Intentionalität erfassen?
Wir müssten uns erinnern. Denn die Fähigkeit, Intentionalität rein geistig zu erfassen, hatten wir als Kleinkinder. Anders als durch Symbiose, durch Aufnehmen im Sinne der Aletheia kann kein Kind Sprache erlernen. Die Begriffe sind anders gar nicht zu erlernen als eben dadurch, denn das Kind kann weder Definitionen noch sprachliche Herleitungen verstehen. Es erfasst die Bedeutung von Begriffen einzig durch Aufnahme der Intention des Sprechenden.

Diese „empfangende Aufmerksamkeit“ (Kühlewind) steht dem Erwachsenen nicht mehr von selbst zur Verfügung. Aletheia kann nur durch „Wandlung der menschlichen Fähigkeiten“ realisiert werden. Das verborgene „innere Königtum“ bezieht sich nun allerdings auch auf uns selbst. Wir sind uns selbst zum Rätsel geworden.

Nun war in Bezug auf Christus die Stunde seines grössten Triumpfes - der Einritt in Jerusalem- gleichzeitig auch die Stunde des tiefsten Missverständnisses. Vielleicht ist das auch so in unseren persönlichen Biografien. Vielleicht stehen wir uns gerade dann am fernsten, wenn die Erfolge am grössten sind. Nicht umsonst gilt das Bonmot, dass die grössten persönlichen Katastrophen entweder im Scheitern unserer Intentionen oder aber eben in deren Realisation liegen. Umjubelt, anerkannt, gefeiert stehen wir uns fremd gegenüber.

Die Unverborgenheit lebt in der Stille, auch wenn man in ihr ganz öffentlich wirkt. Sie ist allerdings auch nicht - ein weiteres Missverständnis - abhängig von einer „Überwindung des Ich“ im Sinne alter Mysterien und fernöstlicher Praktiken: Man verliert das „Ich-bin-Prinzip“ nicht, „im Gegenteil: Das Königtum bedeutet, dass die erneuerte (sic!) Fähigkeit des Empfangens der oberen Botschaften gerade durch die Individualisierung der bisher überbewussten Logoskräfte, durch die entstehende höhere Ichhaftigkeit vor sich geht.“ (Kühlewind, dito)
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Die Katholizierung der anthroposophischen Bewegung- Judith von Halle

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Die In Amsterdam geborene Ex- Anthroposophin Mieke Mosmuller, deren Gralsbuch wir hier vor kurzem besprochen haben, nimmt sich in „Stigmata und Geisterkenntnis“ die stigmatisierte Berlinerin Judith von Halle vor. Mosmullers Methode ist die eines Textvergleichs zwischen Fragmenten von von Halles erstem Buch und allerlei Textstellen Rudolf Steiners. Mosmuller bezeichnet sich selbst als „unbefangen“, stolpert aber schon am Anfang des Buchs über die Beschreibung der - wie soll man es nennen?- Visionen von Halles wie „Christus, ein scharfes Messer in der Hand, fügt dem Opfertier eine tödliche Wunde am Hals zu“. Derlei, empfindet Mosmuller, ist für sie bei Christus ebenso unvorstellbar wie bei Gautama Buddha. Sie findet derlei Bilder „der Wirklichkeit unangemessen“ und geht in ihrem Buch vielen der Bilder von Halles kritisch nach.

Trotz der Stigmata entdeckt sie dabei in den Schilderungen von Halles eine „Verworrenheit im Denken“, da sich in deren Buch spirituelle Erfahrungen heillos mit „eigenen subjektiven Erkenntnisse(n)“ vermischen. So verwechselt von Halle nach Mosmuller immer wieder metaphorische Aussagen Rudolf Steiners, nimmt sie wortwörtlich und meint sie dann als reales, konkretes Bild „zu schauen“, verwendet aber auch manches aus katholischen Brevieren für Kinder, was sie dann unbewusst in ihre Schauungen hineinwebt. Die unglaubliche Menge von Details, die von Halle dabei wie in einem Film hervorbringt, erstickt allerdings nahezu jede Kritik, da das Meiste ja absolut nicht widerlegbar ist.

zum ganzen Aufsatz..
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Aletheia


Aletheia ist einer der zentralen Begriffe des Neuen Testaments, wie Georg Kühlewind in „Das Reich Gottes“ heraus gearbeitet hat. Übersetzt wird er - ungenau- meist mit „Wahrheit“, die korrekte Bedeutung aber ist „Nicht- Verborgenheit, Nicht- Vergessenheit, Nicht- Verlorenheit.“
Es ist das Ich selbst, das sich in seiner Beschäftigung mit Wahrnehmen, Denken, Reflexion, Aktion ständig selbst „vergisst“. Dies selbst in der heute angemessenen Form der Bewusstseinsseele, in der das Ich auch über seine eigenen seelischen Besonderheiten, über das von den Eltern „Erhaltene“, ja selbst über den Konstruktcharakter seiner selbst reflektieren kann. Alle Reflexion kann die „Verborgenheit“ dennoch nicht überwinden.

Kühlewind beschreibt das Eintreten in die „Aletheia“ reichlich kryptisch so: „Mit dem In-die-Welt-Treten des wahren menschlichen Ich durch das Tor der Bewusstseinsseele verändert sich die Welt und das Verhältnis des bisher Verborgenen zum Licht der Welt.“ Gemeint ist in meinen Augen -technisch gesehen- ein Gewahrwerden der eigenen schöpferischen Ich- Kräfte- ein Zustand, den Rudolf Steiner auch als „Reines Denken“ bezeichnet. Dieses Denken unterscheidet sich allerdings gravierend von dem, was das reflektierte Denken ausmacht, denn es bleibt auch dann bewusst, wenn es keine Inhalte hat - es besteht in der „Leere“. Faktisch erlebt man damit auch ein sich veränderndes Körpergefühl, denn die Unverborgenheit rührt an die oberen Chakren, wodurch das Körpergefühl dynamischer in diesen Regionen wird und über die Körpergrenzen hinaus geht.

Aber auch das seelische Gefüge ändert sich in manchen Bereichen- der ununterbrochene verteidigende Gestus schwächt sich ab. Man will nicht bestehen - schon gar nicht auf „Standpunkten“. Es gibt nichts zu verteidigen. Es ist ganz deutlich, dass man in einen Bereich eingetreten ist, der einen gewissen Ewigkeitscharakter hat. Damit ändert sich das bisherige Konzept des Ich-bin radikal.

Nun sollte man sich nichts vormachen. Es mögen ja gewisse Veränderungen vor sich gegangen sein. Aber in den tieferen Regionen spürt man sehr wohl die alten Reflexe, Ängste, Konfigurationen, mit denen man sich seit jeher herum geschlagen hat. In den Tiefen, in den „unteren“ seelischen Zonen, in denen das Gefüge an die Lebenskräfte heran rührt, existiert und regiert der Lebenskampf ganz ungebrochen. Existentielle Ängste rühren tief.

Aber immerhin. Mit dem Eintritt in die anfänglichste Aletheia ist doch eines geschehen: Die bisher fast ungebrochene, scheinbar unauslöschliche Einheit des Selbstkonzepts ist ein Stück weit aufgebrochen und man darf die Energie des „Flow“ spüren: „Denkend empfinde ich eines mit dem Strom des Weltgeschehens.“ In diesem Moment enthüllt sich auch erst der Sinn von Rudolf Steiners so genannten „Nebenübungen“, die vor allem soziale Prozesse betreffen. Denn „Gleichmut“ und „Unbefangenheit“ sind Dinge, die man im Alltagsbewusstsein nur mit Verkrampfungen „üben“ kann. Menschen, die penetrant „Gleichmut“, Gedankenkontrolle und Gelassenheit üben, verbreiten den Charme einer Ziegelsteinmauer. Anders ist das in der Aletheia. Hier sind die Nebenübungen das geeignete, ja das einzig angemessene Element. Sie ergeben sich faktisch von selbst, ohne Krampf und ohne eitle Selbstbespiegelung.

Im Fluss der Unverborgenheit bauen sich keine Mauern auf, denn man steht tief im Dialogischen und in sozialen Prozessen. Der weich gewordene Wille ist durchaus nicht schwach und passiv, aber er ist frei genug, um empathisch in Prozessen stehen zu können. Die soziale Wahrnehmung, aber auch die Fantasie, um verkorkste Verhältnisse situationsangemessen lösen zu können, erweitert sich erheblich. Man steht wirklich in der existentiellen Bejahung des Anderen, die Carl Rogers und Martin Buber (Ich- Es und Ich-Du- Beziehungen) in ihren Arbeiten gefordert haben. Man ist in der Lage, Anderen den Raum geben zu können, den sie für ihre Entfaltung benötigen.

Vor einigen Tagen hat Jelle van der Meulen in seinem Blog den „Saturn-“ oder Willensweg in der Schulung angesprochen, der in scharfem Gegensatz zu den klassischen Erleuchtungsprozessen steht. Auch in der anthroposophischen Schulung werden diese Willenswege ja meist missverständlich allenfalls als „Nebenübungen“ kategorisiert. Aber es passt eben nicht alles für Alle. Es sei nur angemerkt, dass in der Zen- Tradition die Unverborgenheit im Sinne einer Aufmerksamkeit-für-das Andere (das dann kein „Anderes“ mehr ist) weit verbreitet ist. Allerdings enthält auch die anthroposophische Schulung, wenn man sie etwas anders gewichtet, ebenfalls diese Elemente.
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Imaginative Hochpotenz

Es ist ein Rätsel, warum Jostein Saethers neuestes Buch „Einstimmen aufs Karma- Ein Wegbegleiter durch dynamische Meditation zu karmischem Hellsehen“ nicht in einem der grossen anthroposophischen Verlage erschienen ist und unter intensiver öffentlicher Teilnahme diskutiert wird. Vielleicht trägt der Titel dazu bei, der möglicherweise ein sehr spezielles esoterisches Nischenwerk erwarten lässt. Dabei handelt es sich in erster Linie um eine unglaubliche Breite meditativer Anregungungen, die ganz locker und freilassend dargelegt werden. Da ist etwas dabei für Einsteiger und für Fortgeschrittene. Und offensichtlich ist es aus einer intensiven inneren Forschungsarbeit heraus geschrieben, leichthändig, gut lesbar, inspirierend. Es ist schlichtweg unmöglich, dieses Buch auch nur in Ansätzen zu referieren, da diese dichte, knappe Darstellung von Zugängen kaum zu beschreiben ist. Ob da eine v