Gesellschaft
Auf den Busch des Zeitgeists geklopft
30.Nov.2011 22:39 Uhr
Klopfen wir doch einmal auf den Busch, legen wir das Ohr auf den breiten gurgelnden Bauch des Zeitgeistes und lauschen wir. Wir nutzen dazu „ngrams“ , eine sehr spezielle Suchmaschine des Google- Konzerns. Google ist ja vor einigen Jahren dazu übergegangen, weltweit und in der vollen Breite, die die Bibliotheken bieten können, Bücher zu digitalisieren. Der Scan- Vorgang ist bereits weit voran geschritten- so weit, dass diese Bücher in ihrer Masse im Internet verfügbar sind oder aber doch zumindest analysiert werden können. Es liegt daher nahe, diese Büchermengen aus inzwischen mehreren Jahrhunderten dahin gehend zu untersuchen, in wie weit bestimmte Begriffe in ihnen vorkommen. Man kann daraus schließen, welche Relevanz ein Begriff zu welchen Zeiten hat oder hatte. Denn eines ist ganz klar, wenn man damit anfängt: Auch Begriffe haben ihre Blüte- und Untergangszeiten. Manche stellen lediglich ein Hype dar, verschwinden also nach einigen Jahren wieder nahezu vollständig aus der öffentlichen Wahrnehmung- nicht selten nach kurzer, aber heftiger Karriere.

Ein Beispiel für einen solchen Begriff mit kurzer, aber heftiger Halbwertzeit ist „Authentizität“ . Nach einer kurzen kleinen Blüte zu Rudolf Steiners Lebzeiten ist das Bedürfnis nach „Lebendigkeit“ und personeller „Echtheit“ eines vorgetragenen Sachverhalts 1970 geradezu explodiert, stürzte aber zwanzig Jahre später auch genauso drastisch wieder ab.

Dagegen befinden sich andere Begriffe in einer sich über viele Jahrzehnte stetig steigenden Agonie; sie werden quasi vom Zeitgeist allmählich ausgeschieden. Es wird nicht verwundern, dass man solche Begriffe im Umfeld des Religiösen findet. Nehmen wir als Beispiel für einen solchen sterbenden Begriff den des „Glaubens “.

Es wird uns nach den bisherigen Ausführungen nicht wundern, dass der Begriff, mit dem wir unsere Ausführungen im Beitrag „Der autonome Zeitgenosse im Spannungsfeld von Initialive, Konflikt und Ausgebranntsein“ begannen - nämlich der der „Depression“ dagegen einen gegenüber dem „Glauben“ gegensätzlichen, weil scheinbar unaufhaltsam Trend markiert, die „Depression“ ist ein Begriff, der Karriere macht, aber nicht im Sinne eines kurzen Frühlings, sondern kontinuierlich.

“Sozial“ bei Ngrams
Ein ähnliches Bild zeigt sich auch - somit unsere Thesen von der Zeitgeistigkeit bestätigend- beim Begriff des „Sozialen“ , der seinen Aufstieg mit einer Unterbrechung während des 2. Weltkrieges seit 1880 feiert, mit absoluten Höhepunkten um die Jahrtausendwende.

“Flexibilität“, das Zauberwort der letzten 20 Jahre
Natürlich ist bei diesen Betrachtungen die Mehrdeutigkeit von Begriffen ebenso wenig berücksichtigt wie die Quantität; zudem betrachten wir sie nur im deutschen Sprachraum. Was wir daher sehen, sind lediglich Trends. Aber auch bei weiteren Untersuchungen mit ähnlichen Begriffen bestätigen sich unsere Grundannahmen: Die Individualisierung - auch im Sinne des Authentischseins- ist heute eine selbstverständliche Konstante, die nicht mehr besonders hinterfragt wird. Das individualisierte Selbst befindet sich konfrontiert mit den Anforderungen eines sich dauernd wandelnden sozialen Umfeldes, in dem es sich zu bewähren hat. Fragen der Schuld belasten kaum, wohl die der Erfüllung inmitten eines gesellschaftlichen Kontextes, das keine moralischen und religiösen Normen mehr kennt. Anstelle dieser Normierung entstehen aber neue Anforderungen beruflicher, familiärer und sozialer Art, die eine Stabilität inmitten einer stetig wachsenden Flexibilisierung erfordern.

Ein Beispiel für einen solchen Begriff mit kurzer, aber heftiger Halbwertzeit ist „Authentizität“ . Nach einer kurzen kleinen Blüte zu Rudolf Steiners Lebzeiten ist das Bedürfnis nach „Lebendigkeit“ und personeller „Echtheit“ eines vorgetragenen Sachverhalts 1970 geradezu explodiert, stürzte aber zwanzig Jahre später auch genauso drastisch wieder ab.

Dagegen befinden sich andere Begriffe in einer sich über viele Jahrzehnte stetig steigenden Agonie; sie werden quasi vom Zeitgeist allmählich ausgeschieden. Es wird nicht verwundern, dass man solche Begriffe im Umfeld des Religiösen findet. Nehmen wir als Beispiel für einen solchen sterbenden Begriff den des „Glaubens “.

Es wird uns nach den bisherigen Ausführungen nicht wundern, dass der Begriff, mit dem wir unsere Ausführungen im Beitrag „Der autonome Zeitgenosse im Spannungsfeld von Initialive, Konflikt und Ausgebranntsein“ begannen - nämlich der der „Depression“ dagegen einen gegenüber dem „Glauben“ gegensätzlichen, weil scheinbar unaufhaltsam Trend markiert, die „Depression“ ist ein Begriff, der Karriere macht, aber nicht im Sinne eines kurzen Frühlings, sondern kontinuierlich.

“Sozial“ bei Ngrams
Ein ähnliches Bild zeigt sich auch - somit unsere Thesen von der Zeitgeistigkeit bestätigend- beim Begriff des „Sozialen“ , der seinen Aufstieg mit einer Unterbrechung während des 2. Weltkrieges seit 1880 feiert, mit absoluten Höhepunkten um die Jahrtausendwende.

“Flexibilität“, das Zauberwort der letzten 20 Jahre
Natürlich ist bei diesen Betrachtungen die Mehrdeutigkeit von Begriffen ebenso wenig berücksichtigt wie die Quantität; zudem betrachten wir sie nur im deutschen Sprachraum. Was wir daher sehen, sind lediglich Trends. Aber auch bei weiteren Untersuchungen mit ähnlichen Begriffen bestätigen sich unsere Grundannahmen: Die Individualisierung - auch im Sinne des Authentischseins- ist heute eine selbstverständliche Konstante, die nicht mehr besonders hinterfragt wird. Das individualisierte Selbst befindet sich konfrontiert mit den Anforderungen eines sich dauernd wandelnden sozialen Umfeldes, in dem es sich zu bewähren hat. Fragen der Schuld belasten kaum, wohl die der Erfüllung inmitten eines gesellschaftlichen Kontextes, das keine moralischen und religiösen Normen mehr kennt. Anstelle dieser Normierung entstehen aber neue Anforderungen beruflicher, familiärer und sozialer Art, die eine Stabilität inmitten einer stetig wachsenden Flexibilisierung erfordern.
Comments
Ludwig Wittgenstein: "Gut sterben"
25.Nov.2011 21:52 Uhr
„Lass mich dieses gestehen: Nach einem für mich schweren Tag kniete ich heute beim Abendessen & betete & sagte plötzlich kniend & in die Höhe blickend: „Es ist niemand hier.“ Dabei wurde mir wohl zu Mute als wäre ich in etwas Wichtigem aufgeklärt worden.
Was es aber eigentlich bedeutet, das weiss ich noch nicht. Ich fühle mich leichter. Aber das heisst nicht etwa: ich sei früher in einem Irrtum gewesen. (…)
Denn ich sagte ja auch dieses Wort nicht als ich gerade wollte, sondern es kam. Und wie es kam so kann etwas anderes kommen. - „Lebe so, dass du gut sterben kannst!“
_____
Ludwig Wittgenstein, Denkbewegungen Tagebücher 1930-1932 1936-1937, Frankfurt 1999, S. 84
Was es aber eigentlich bedeutet, das weiss ich noch nicht. Ich fühle mich leichter. Aber das heisst nicht etwa: ich sei früher in einem Irrtum gewesen. (…)
Denn ich sagte ja auch dieses Wort nicht als ich gerade wollte, sondern es kam. Und wie es kam so kann etwas anderes kommen. - „Lebe so, dass du gut sterben kannst!“
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Ludwig Wittgenstein, Denkbewegungen Tagebücher 1930-1932 1936-1937, Frankfurt 1999, S. 84
Der autonome Zeitgenosse im Spannungsfeld von Initiative, Konflikt und Ausgebranntsein
18.Nov.2011 22:13 Uhr
Die grassierende Diagnose von Burnout und Depressionen wirft die Frage auf, ob die westlichen Kulturen viele ihrer Bürger in einer permanenten Überforderungssituation an innere Grenzen treibt oder welche Umstände sich eventuell grundlegend geändert haben könnten. Alain Ehrenberg, ein französischer Soziologe, ruft in seinem Buch „Das erschöpfte Selbst “(1) u.a. auch diese Frage auf: „Die Depression ist eine Krankheit, die sich außerordentlich für das Verständnis der zeitgenössischen Individualität eignet, das heißt der neuen Dilemmata, in denen sie steckt. In der Psychiatrie hat die Depression die Rolle eines vagen Sammelbegriffs, und das aus gutem Grund: Die Psychiater können sie nach wie vor nicht definieren. Daher kann der Begriff sehr flexibel verwendet werden.“ (2)
Die Krankheit erweist sich zu weiten Teilen daher auch als so schwer greifbar, weil sie die Schattenseite spezifischer neuer Anforderungen an das Individuum darstellt - eines Individuums, dessen gelungene Individuation heute in allen möglichen Rollen - beruflich, medial, privat- vorausgesetzt wird und dessen neue Norm vor allem darin besteht, sich flexibel an sich ständig und schnell wandelnde Umstände anzupassen. Diese Anpassung wird nicht nur in passivem Sinne verstanden, sondern so, dass diese einer persönlichen Initiative entspringen soll; neue Rollen, Aufgaben, Definitionen müssen erkannt und ausgefüllt werden, nicht nur erfüllt: „Die Karriere der Depression beginnt in dem Augenblick, in dem das disziplinarische Modell der Verhaltenssteuerung, das autoritär und verbietend den sozialen Klassen und den beiden Geschlechtern ihre Rolle zuwies, zugunsten einer Norm aufgegeben wird, die jeden zu persönlicher Initiative auffordert: ihn dazu verpflichtet, er selbst zu werden. Die Konsequenz dieser neuen Norm ist, dass die Verantwortung für unser Leben nicht nur in uns selbst liegt, sondern auch im kollektiven Zwischenmenschlichen.“ Die Depression wird so zu einer „Krankheit der Verantwortlichkeit“. (3) Der Depressive kann mit dem Tempo und dem Druck ständiger Wandelbarkeit, Verantwortlichkeit und Initiative nicht mehr mithalten, „er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen.“ (4)
Dieses „Selbst-Sein“ hat aber wenig mit dem zu tun, was man noch im letzten Jahrhundert als „Persönlichkeit“ verstanden hat- eine in sich „gefestigte“ seelisch- geistige Formation. Aus der Sicht des den alten autoritären Normen folgenden Individuums ergibt sich heute ein nicht unerheblicher möglicher „Orientierungsverlust“, eine galoppierende „Privatisierung der Existenz“, ein „Niedergang des öffentlichen Lebens“ und nicht selten auch berufliche und soziale Isolation. In den Zeiten des „Massenindividualismus“ (sic!), in der Grenzen der persönlichen und nationalen Identität zerbrechen (oder überwunden werden), setzt auch, frei geworden aus dem „disziplinierenden Kerker der alten Gesellschaftsordnung“, eine neue Suchbewegung des Individuums ein, ein allgemeiner Hunger nach Sinnstiftung, der weniger religiös- normativ, sondern mehr aktiv- spirituell erfüllt werden soll- passend zu den allgemein geltenden neuen Normen, die in einer Individuation durch permanente Initiative bestehen: „Das Recht, sich sein Leben zu wählen, und der Auftrag, man selbst zu werden, verorten das Individuum in einer ständigen Bewegung. Damit stellt sich das Problem der regulierenden Grenzen zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung anders: Die Grenze zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen schwindet zugunsten der Spannung zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen.“ (5)
Der starre Kanon dessen, was man als „moralisch“, als integer und „reif“ ansieht, hat sich zugunsten der Entscheidungsfreude und Anpassungsfähigkeit in sozialen Kontexten gewandelt: „Die Person wird nicht länger durch eine äußere Ordnung (..) bewegt, sie muss sich auf ihre inneren Antriebe stützen, auf ihre geistigen Fähigkeiten zurückgreifen. (..) Das ideale Individuum wird nicht mehr an seiner Gefügigkeit gemessen, sondern an seiner Initiative.“ (6)
Depression oder - als eine Sonderform- Burnout sind in diesem Sinne nicht mehr „schuldhaft“ im Sinne der Verletzung von Konformismen im Denken und Handeln, sondern sie sind eher eine „Krankheit der Unzulänglichkeit“: Die Person ist in ihren eigenen Konformismen gefangen. Sie kann sich in dem Spannungsfeld zwischen den Anforderungen einer globalisierten Massengesellschaft und der Zumutung, auch im Älterwerden permanent initiativer Souverän zu sein, nicht mehr flexibel und anpassungsfähig zeigen; sie verholzt in einer abgegrenzten Selbstbezüglichkeit. In diesem Spannungsfeld zwischen Individualismus und Gesellschaftswesen gibt es keinen gegebenen Sinn mehr - diesen muss der moderne Souverän inmitten der Widersprüche selbst erschaffen-; wir „werden weder von einer Religion geführt, noch unterstehen wir einem Souverän, der für alle entscheidet.“ Es bleibt nicht aus, dass die Widersprüche, in denen wir uns bewegen, dass die Vielzahl von Rollen, die wir übernehmen müssen und die Selbstinszenierungen, die von uns abverlangt werden, nicht nur nicht ohne Konflikte, sondern eben gerade durch die Bewältigung von Konflikten erst aufgelöst werden können. Auf ein wie auch immer geartetes „Inneres“ im Sinne einer Seelenlandschaft kommt es weniger an, sondern auf die Konfliktfähigkeit, die Belastbarkeit und Lernfähigkeit, um jeweils „akzeptable Kompromisse“ (S. 21) aushandeln zu können. In diesem Sinne ist der „psychische Konflikt“ nicht mehr ein Tabu, sondern im Gegenteil „die Bedingung der Selbstbegründung, die die moderne Individualität auszeichnet“ (ebenda).
Der „Verstandessseelenmensch“, der sich durch Lebensklugheit, Persönlichkeit und gesunden rationalen Egoismus auszeichnet, hat schon im 20. Jahrhundert ein Waterloo nach dem anderen erlebt- die tatsächlichen politischen, wirtschaftlichen und moralischen Exzesse haben ihm den Boden unter den Füßen entzogen. Die Vernunft bestand zuletzt zumindest auch in einem Gleichgewicht des Schreckens, in einer atomaren erstarrten Dauerbedrohung, in Systemen der Massenvernichtung und in einer Krise der Ideologien, die sich selbst durch Extreme des Inhumanismus jede Legitimation entzogen. Die großen traditionellen Religionen konnten durch moralisierende Normen die Krise des Individuums, das sein eigener Souverän sein muss, nicht mehr erreichen- außer als Rückzugsort. Die „innere Unsicherheit“ dieses von eben diesen Normen befreiten Individuums erfordert neue Antworten, denn starre Normen behindern eher ein Individuum, bei dem „die persönliche Initiative zum Maß der Person“ (S. 24) geworden ist.
________
1 Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt 2008
2 Ehrenberg, S. 14
3 Ehrenberg, S. 14 ff
4 Ehrenberg, S. 15
5 Ehrenberg, S. 19
6 Ehrenberg, S. 19
Die Krankheit erweist sich zu weiten Teilen daher auch als so schwer greifbar, weil sie die Schattenseite spezifischer neuer Anforderungen an das Individuum darstellt - eines Individuums, dessen gelungene Individuation heute in allen möglichen Rollen - beruflich, medial, privat- vorausgesetzt wird und dessen neue Norm vor allem darin besteht, sich flexibel an sich ständig und schnell wandelnde Umstände anzupassen. Diese Anpassung wird nicht nur in passivem Sinne verstanden, sondern so, dass diese einer persönlichen Initiative entspringen soll; neue Rollen, Aufgaben, Definitionen müssen erkannt und ausgefüllt werden, nicht nur erfüllt: „Die Karriere der Depression beginnt in dem Augenblick, in dem das disziplinarische Modell der Verhaltenssteuerung, das autoritär und verbietend den sozialen Klassen und den beiden Geschlechtern ihre Rolle zuwies, zugunsten einer Norm aufgegeben wird, die jeden zu persönlicher Initiative auffordert: ihn dazu verpflichtet, er selbst zu werden. Die Konsequenz dieser neuen Norm ist, dass die Verantwortung für unser Leben nicht nur in uns selbst liegt, sondern auch im kollektiven Zwischenmenschlichen.“ Die Depression wird so zu einer „Krankheit der Verantwortlichkeit“. (3) Der Depressive kann mit dem Tempo und dem Druck ständiger Wandelbarkeit, Verantwortlichkeit und Initiative nicht mehr mithalten, „er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen.“ (4)
Dieses „Selbst-Sein“ hat aber wenig mit dem zu tun, was man noch im letzten Jahrhundert als „Persönlichkeit“ verstanden hat- eine in sich „gefestigte“ seelisch- geistige Formation. Aus der Sicht des den alten autoritären Normen folgenden Individuums ergibt sich heute ein nicht unerheblicher möglicher „Orientierungsverlust“, eine galoppierende „Privatisierung der Existenz“, ein „Niedergang des öffentlichen Lebens“ und nicht selten auch berufliche und soziale Isolation. In den Zeiten des „Massenindividualismus“ (sic!), in der Grenzen der persönlichen und nationalen Identität zerbrechen (oder überwunden werden), setzt auch, frei geworden aus dem „disziplinierenden Kerker der alten Gesellschaftsordnung“, eine neue Suchbewegung des Individuums ein, ein allgemeiner Hunger nach Sinnstiftung, der weniger religiös- normativ, sondern mehr aktiv- spirituell erfüllt werden soll- passend zu den allgemein geltenden neuen Normen, die in einer Individuation durch permanente Initiative bestehen: „Das Recht, sich sein Leben zu wählen, und der Auftrag, man selbst zu werden, verorten das Individuum in einer ständigen Bewegung. Damit stellt sich das Problem der regulierenden Grenzen zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung anders: Die Grenze zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen schwindet zugunsten der Spannung zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen.“ (5)
Der starre Kanon dessen, was man als „moralisch“, als integer und „reif“ ansieht, hat sich zugunsten der Entscheidungsfreude und Anpassungsfähigkeit in sozialen Kontexten gewandelt: „Die Person wird nicht länger durch eine äußere Ordnung (..) bewegt, sie muss sich auf ihre inneren Antriebe stützen, auf ihre geistigen Fähigkeiten zurückgreifen. (..) Das ideale Individuum wird nicht mehr an seiner Gefügigkeit gemessen, sondern an seiner Initiative.“ (6)
Depression oder - als eine Sonderform- Burnout sind in diesem Sinne nicht mehr „schuldhaft“ im Sinne der Verletzung von Konformismen im Denken und Handeln, sondern sie sind eher eine „Krankheit der Unzulänglichkeit“: Die Person ist in ihren eigenen Konformismen gefangen. Sie kann sich in dem Spannungsfeld zwischen den Anforderungen einer globalisierten Massengesellschaft und der Zumutung, auch im Älterwerden permanent initiativer Souverän zu sein, nicht mehr flexibel und anpassungsfähig zeigen; sie verholzt in einer abgegrenzten Selbstbezüglichkeit. In diesem Spannungsfeld zwischen Individualismus und Gesellschaftswesen gibt es keinen gegebenen Sinn mehr - diesen muss der moderne Souverän inmitten der Widersprüche selbst erschaffen-; wir „werden weder von einer Religion geführt, noch unterstehen wir einem Souverän, der für alle entscheidet.“ Es bleibt nicht aus, dass die Widersprüche, in denen wir uns bewegen, dass die Vielzahl von Rollen, die wir übernehmen müssen und die Selbstinszenierungen, die von uns abverlangt werden, nicht nur nicht ohne Konflikte, sondern eben gerade durch die Bewältigung von Konflikten erst aufgelöst werden können. Auf ein wie auch immer geartetes „Inneres“ im Sinne einer Seelenlandschaft kommt es weniger an, sondern auf die Konfliktfähigkeit, die Belastbarkeit und Lernfähigkeit, um jeweils „akzeptable Kompromisse“ (S. 21) aushandeln zu können. In diesem Sinne ist der „psychische Konflikt“ nicht mehr ein Tabu, sondern im Gegenteil „die Bedingung der Selbstbegründung, die die moderne Individualität auszeichnet“ (ebenda).
Der „Verstandessseelenmensch“, der sich durch Lebensklugheit, Persönlichkeit und gesunden rationalen Egoismus auszeichnet, hat schon im 20. Jahrhundert ein Waterloo nach dem anderen erlebt- die tatsächlichen politischen, wirtschaftlichen und moralischen Exzesse haben ihm den Boden unter den Füßen entzogen. Die Vernunft bestand zuletzt zumindest auch in einem Gleichgewicht des Schreckens, in einer atomaren erstarrten Dauerbedrohung, in Systemen der Massenvernichtung und in einer Krise der Ideologien, die sich selbst durch Extreme des Inhumanismus jede Legitimation entzogen. Die großen traditionellen Religionen konnten durch moralisierende Normen die Krise des Individuums, das sein eigener Souverän sein muss, nicht mehr erreichen- außer als Rückzugsort. Die „innere Unsicherheit“ dieses von eben diesen Normen befreiten Individuums erfordert neue Antworten, denn starre Normen behindern eher ein Individuum, bei dem „die persönliche Initiative zum Maß der Person“ (S. 24) geworden ist.
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1 Alain Ehrenberg, Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt 2008
2 Ehrenberg, S. 14
3 Ehrenberg, S. 14 ff
4 Ehrenberg, S. 15
5 Ehrenberg, S. 19
6 Ehrenberg, S. 19
Jonathan Ive: Abschied von Steve Jobs
27.Okt.2011 21:11 Uhr
Jonathan Ive ist Chefdesigner bei Apple und arbeitete fünfzehn Jahre mit Steve Jobs zusmmen. Sie waren sehr enge Freunde. Eine bewegende Rede.
Nachtmeerfahrten- Der neue Film von Rüdiger Sünner zum Thema C.G. Jung
26.Okt.2011 20:39 Uhr

„Avatar, Herr der Ringe, Harry Potter – im Kino begegnen wir allerorts mythischen Gestalten. Und immer gehen die Helden auf eine Reise, die nicht selten in die eigenen Ab-Gründe führt. Rüdiger Sünners „Nachtmeerfahrten“ widmet sich der Psychologie C. G. Jungs und zeigt eindrücklich, wie die Welt der Mythen, Träume und Symbole, die Jung so faszinierte, auch heute unser Unbewusstes bewegt. Der Psychologe Carl Gustav Jung (1875-1961) ging selbst auf eine solche Entdeckungsreise und befragte die Welt der Symbole und Archetypen auf ihre Bedeutung für unser Leben. Wie sehen heutige Nachtmeerfahrten aus? Welche Gefährdungen liegen auf ihrem Weg und welche Potentiale? Was erzählen uns unsere "Anima" und unser "Schatten" dabei? Enthalten die Bilder des Unbewussten auch spirituelle Botschaften?“ - so der Inhalt nach der Ankündigung auf der Website zum Film. Auch eine Bilder- Galerie, ausgewählte Kinos und ein filmischer Trailer finden sich dort- letzterer funktioniert aber leider nicht auf dem Mac. Weiteres zu Rüdiger Sünner - zu seinen Filmen, Zeitungsprojekten, Büchern und Texten natürlich auf seiner altbekannten persönlichen Website.
Michael Eggert: Die falschen Gottheiten
16.Okt.2011 19:33 Uhr
Nein, hier geht es nicht um Religion, um Rechthaberei oder ideologische Abgrenzungen, es geht mir nur um mich selbst. Und um mich selbst auch nur in dem Maß, in dem dies in gewisser Weise „typisch“ ist, in dem Maß, wie Andere sich eventuell darin wieder finden könnten. Die falschen Gottheiten sind die Ziele, denen wir folgen, die nicht infrage zu stellen sind, die wir als unsere persönlichen Maximen verstehen. Sie sind damit unmittelbar mit unserem Selbstkonzept verbunden. Sie in Frage zu stellen, hieße, uns selbst zur Disposition zu stellen. Was bliebe dann von uns übrig? Mein Traum vom Leben, meine Ideale haben sich etwa mit acht Jahren heraus gebildet, ganz unter der Glocke des Elternhauses. Ich glaube, es kostete mich Mühe, meine Eltern zu verstehen, ihnen emotional zu folgen, und ich habe daher die Antennen weiter und weiter ausgebaut, Andere generell „zu verstehen“.
Alice Miller schrieb von diesen frühen Selbstkonzepten in „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“: Das Kind, das sich „gebraucht“ fühlt von seinen emotional unsicheren Eltern und damit unter einer „narzisstischen Besetzung“ durch die Eltern leidet, bildet dieses emotionale Sensorium weiter und weiter aus: „Diese Fähigkeit wird ausgebaut und perfektioniert, und diese Kinder werden nicht nur zu Müttern (Vertrauten, Tröstern, Ratgebern, Stützen) ihrer Mütter, sondern übernehmen auch Verantwortung für ihre Geschwister und bilden schließlich ein ganz besonderes Sensorium für unbewusste Signale der Bedürfnisse des Anderen aus. Kein Wunder, wenn sie später oft den Beruf des Psychoanalytikers wählen.“ Nun, Analytiker muss es nicht sein, es gibt ja im familiären Rahmen oder in den zahlreichen sozialen Berufen genügend andere Positionierungen ähnlicher Art. Man kann diese Art von erworbenem Narzissmus auch in Erfolgsstrategien jeglicher Art ummünzen. Man kann es - um zu unserem Thema zu kommen- auch in spiritueller Entwicklung zu verwirklichen suchen. Man muss nur bedenken, dass alle diese emotional- narzisstischen Antriebe absolut sakrosankt sind; es gibt eine ausgebaute Phalanx von Verteidigungsstrategien, die dieses Eine, diese unseren inneren Antriebe, unantastbar machen. Der Spiritualist wird z.B. bestimmte innere Erfahrungen machen, die diese Grundtendenz immer nur bestätigen und weiter überhöhen; womöglich wird sich die ersehnte Bestätigung in Christus- Erfahrungen oder Erleuchtungen einstellen - Erlebnisse, die sich jeder Kritik entziehen und das Sakrosankte auf die Ebene der Unendlichkeit verschieben, gestützt von Evidenz- Erfahrungen.
All das, was auf der körperlichen Ebene, den Emotionen oder in den sozialen Begegnungen dieser Grundlinie, dieser privaten Teleologie widerspricht, wird damit relativiert, dass wir selbst oder (meistens) Andere und „die Verhältnisse“ eben "noch nicht so weit" sind. Womöglich hetzen wir die, denen wir angeblich hilfreich sein wollen, in eine Abhängigkeit von uns hinein, womöglich muten wir uns selbst und Anderen viel zu viel zu, womöglich leben wir an unseren eigenen Bedürfnissen vorbei, womöglich landen wir in Isolation oder massiven inneren Widersprüchen. Es kann zum Drama kommen, wenn wir aufgrund der inneren traumatischen Zwangslage, die wir idealisieren, auf einem dauernden Crash- Kurs gegen uns selbst fahren, der unweigerlich irgendwann zum Zusammenbruch führen muss.
Das „innere Drama“, das uns fast alle in der einen oder anderen Form beherrscht, inszeniert die Persona, die unter der striktesten Selbstkontrolle steht und deren Infragestellung das ganze Kartenhaus des Ego ins Wanken bringt:
„In der Tat können wir die spirituelle Psychologie als Psychologie der Selbsttäuschung bezeichnen, weil das, was wir oft als Funktionen unserer Psyche bezeichnen, in Wirklichkeit eine Lüge ist. Die Frage ist, welche Geschichten wir uns erzählen und aus welchen Lügen wir leben.“ Es sind natürlich weniger aktive „Lügen“, sondern meist selektive Erinnerungen: Die Dinge, die nicht in unser Selbstkonzept passen, werden nicht wahrgenommen oder sofort „vergessen“. Was nicht passt, wird passend gemacht. Die Illusion, die trotz allem, was schief gehen mag, was an uns unangenehm ist und was letztendlich auch karmisch Last auf Last anhäuft, ist die, dass „wir immer noch das Steuer in der Hand haben“ (Ezry Bayda, Zen Herz, S. 44).
Der Praktizierende kommt an den Punkt der Selbstbegegnung. Unser intimster „Hüter der Schwelle“ ist nun einmal das illusorische, zwanghafte Gefühlsleben mitsamt dem, was wir als heilig und unantastbar ansehen. Dabei hilft es keinesfalls, sich einzubilden, dass wir aus der Lage heraus kämen, „wenn wir mit großer Anstrengung praktizieren“ (Bayda). Je größer die Anstrengungen, je verbissener das Streben, je triumphaler die Erkenntnisse, desto mehr entfernen wir uns möglicherweise von der Stille. Die Dinge, die zählen und bestehen, benötigen keine Anstrengung. Im Gegenteil: Jenseits aller Anstrengung kann erst das entspringen, was lebendig ist und nicht aus uns heraus gepresst. Der „Abgrund“ sind unsere neurotischen Verkrampfungen, unsere Verteidigungs- und Angriffsmechanismen. Das „Nichts“, das wir lernen müssen auszuhalten, liegt jenseits unserer emotionalen und intellektuellen Reflexe. Es beginnt dort, wo unser aufgeregtes Hantieren und Geschnatter schweigt. Dort, wo unsere Selbstgewissheiten und Selbstbeschwichtigungen, ja auch die dauernden Selbstvorwürfe an ein erstes Ende kommen.
Bis dahin wird aber einiges an Munition aufgefahren: Erzengel, Christus, Erleuchtung, sagenhafte Erfolge, weltweite Konspirationen- alles, was wir projizieren können, um uns nur nicht dort zu rühren, wo es wirklich weh tut. Auf unseren Illusionen bauen wir ganze Welten auf und scheuen keine Anstrengung. So lange halten uns die falschen Gottheiten fest in ihrem Griff.
Alice Miller schrieb von diesen frühen Selbstkonzepten in „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“: Das Kind, das sich „gebraucht“ fühlt von seinen emotional unsicheren Eltern und damit unter einer „narzisstischen Besetzung“ durch die Eltern leidet, bildet dieses emotionale Sensorium weiter und weiter aus: „Diese Fähigkeit wird ausgebaut und perfektioniert, und diese Kinder werden nicht nur zu Müttern (Vertrauten, Tröstern, Ratgebern, Stützen) ihrer Mütter, sondern übernehmen auch Verantwortung für ihre Geschwister und bilden schließlich ein ganz besonderes Sensorium für unbewusste Signale der Bedürfnisse des Anderen aus. Kein Wunder, wenn sie später oft den Beruf des Psychoanalytikers wählen.“ Nun, Analytiker muss es nicht sein, es gibt ja im familiären Rahmen oder in den zahlreichen sozialen Berufen genügend andere Positionierungen ähnlicher Art. Man kann diese Art von erworbenem Narzissmus auch in Erfolgsstrategien jeglicher Art ummünzen. Man kann es - um zu unserem Thema zu kommen- auch in spiritueller Entwicklung zu verwirklichen suchen. Man muss nur bedenken, dass alle diese emotional- narzisstischen Antriebe absolut sakrosankt sind; es gibt eine ausgebaute Phalanx von Verteidigungsstrategien, die dieses Eine, diese unseren inneren Antriebe, unantastbar machen. Der Spiritualist wird z.B. bestimmte innere Erfahrungen machen, die diese Grundtendenz immer nur bestätigen und weiter überhöhen; womöglich wird sich die ersehnte Bestätigung in Christus- Erfahrungen oder Erleuchtungen einstellen - Erlebnisse, die sich jeder Kritik entziehen und das Sakrosankte auf die Ebene der Unendlichkeit verschieben, gestützt von Evidenz- Erfahrungen.
All das, was auf der körperlichen Ebene, den Emotionen oder in den sozialen Begegnungen dieser Grundlinie, dieser privaten Teleologie widerspricht, wird damit relativiert, dass wir selbst oder (meistens) Andere und „die Verhältnisse“ eben "noch nicht so weit" sind. Womöglich hetzen wir die, denen wir angeblich hilfreich sein wollen, in eine Abhängigkeit von uns hinein, womöglich muten wir uns selbst und Anderen viel zu viel zu, womöglich leben wir an unseren eigenen Bedürfnissen vorbei, womöglich landen wir in Isolation oder massiven inneren Widersprüchen. Es kann zum Drama kommen, wenn wir aufgrund der inneren traumatischen Zwangslage, die wir idealisieren, auf einem dauernden Crash- Kurs gegen uns selbst fahren, der unweigerlich irgendwann zum Zusammenbruch führen muss.
Das „innere Drama“, das uns fast alle in der einen oder anderen Form beherrscht, inszeniert die Persona, die unter der striktesten Selbstkontrolle steht und deren Infragestellung das ganze Kartenhaus des Ego ins Wanken bringt:
„In der Tat können wir die spirituelle Psychologie als Psychologie der Selbsttäuschung bezeichnen, weil das, was wir oft als Funktionen unserer Psyche bezeichnen, in Wirklichkeit eine Lüge ist. Die Frage ist, welche Geschichten wir uns erzählen und aus welchen Lügen wir leben.“ Es sind natürlich weniger aktive „Lügen“, sondern meist selektive Erinnerungen: Die Dinge, die nicht in unser Selbstkonzept passen, werden nicht wahrgenommen oder sofort „vergessen“. Was nicht passt, wird passend gemacht. Die Illusion, die trotz allem, was schief gehen mag, was an uns unangenehm ist und was letztendlich auch karmisch Last auf Last anhäuft, ist die, dass „wir immer noch das Steuer in der Hand haben“ (Ezry Bayda, Zen Herz, S. 44).
Der Praktizierende kommt an den Punkt der Selbstbegegnung. Unser intimster „Hüter der Schwelle“ ist nun einmal das illusorische, zwanghafte Gefühlsleben mitsamt dem, was wir als heilig und unantastbar ansehen. Dabei hilft es keinesfalls, sich einzubilden, dass wir aus der Lage heraus kämen, „wenn wir mit großer Anstrengung praktizieren“ (Bayda). Je größer die Anstrengungen, je verbissener das Streben, je triumphaler die Erkenntnisse, desto mehr entfernen wir uns möglicherweise von der Stille. Die Dinge, die zählen und bestehen, benötigen keine Anstrengung. Im Gegenteil: Jenseits aller Anstrengung kann erst das entspringen, was lebendig ist und nicht aus uns heraus gepresst. Der „Abgrund“ sind unsere neurotischen Verkrampfungen, unsere Verteidigungs- und Angriffsmechanismen. Das „Nichts“, das wir lernen müssen auszuhalten, liegt jenseits unserer emotionalen und intellektuellen Reflexe. Es beginnt dort, wo unser aufgeregtes Hantieren und Geschnatter schweigt. Dort, wo unsere Selbstgewissheiten und Selbstbeschwichtigungen, ja auch die dauernden Selbstvorwürfe an ein erstes Ende kommen.
Bis dahin wird aber einiges an Munition aufgefahren: Erzengel, Christus, Erleuchtung, sagenhafte Erfolge, weltweite Konspirationen- alles, was wir projizieren können, um uns nur nicht dort zu rühren, wo es wirklich weh tut. Auf unseren Illusionen bauen wir ganze Welten auf und scheuen keine Anstrengung. So lange halten uns die falschen Gottheiten fest in ihrem Griff.
Christoph Heine: Einmal Konstantinopel und zurück
09.Okt.2011 17:27 Uhr
Neulich war der Papst in Erfurt. Nun ist er wieder weg, in Rom. Wo er ja auch hingehört. Wo ich hingehöre, weiß ich nicht. Aber nach dem Papst war ich auch in Erfurt. In dieser ehrwürdigen Stadt, in der es zwar kaum Anthroposophen gibt, aber dafür eine große Tradition der Freiheitlichkeit (wer bietet mehr? - Sagt hier jemand 'Dornach'? Hmm...). 'Diaspora' nennt das der Papst. Und ich finde, auch ohne dass alle zwanzig Meter ein Ordnungshüter steht, ist alles wieder in Ordnung - wenn da nicht dieses riesige Transparent wäre, das mir vom Dom herab ins Auge sticht (nach dem Papstbesuch wohl einfach mal hängen lassen): KEINER SOLL ALLEINE GLAUBEN. Ach wirklich? Ähm, wie denn dann? Soll ich vielleicht erst meinen Nachbarn in der Kirchenbank fragen: "Können wir mal eben zusammen etwas glauben?" Oder...?
Und wenn er sich nicht auch noch mit Dr. Helmut Kohl getroffen hätte. Ja, die Zeit hat er sich genommen, ganz privat also für sich, auf seinen eigenen Wunsch. Kohl, das war der, der, als die Westdeutschen unmittelbar nach dem Mauerfall vor Freude spontan einen Teil ihrer Gehälter geben wollten, weil sie sich verantwortlich fühlten für das Ganze und sie wollten, dass die Vereinigung gelingt, gesagt hat: Nein, lasst mal, braucht ihr nicht machen. Ihr müsst nur uns wählen, dann wird auch so alles super! Ham wa denn ja auch. Aber super ist es nich geworden. Der Soli kam aber dennoch, (für ein oder zwei Jahre - oder doch zwanzig? Wie die Zeit vergeht...), nur jetzt eben nicht mehr von Herzen, sondern verordnet und widerwillig. Wer glaubt, das hilft genauso, irrt gewaltig.
Und wenn ich jetzt mal für einen Moment lang karmisch denke, ist zwar nichts mehr in Ordnung, aber alles klar: Bei euch besteht der Mensch ja aus Leib und Seele, die Welt aus Gut und Böse, Himmel und Hölle, Gott und Teufel, Kirche und Welt, einer richtigen (C!) und den falschen Parteien... wie schön. Ich muss nichts denken! Ich bin nicht verantwortlich! Ich muss mich nur für die richtige Seite entscheiden! "Wählt mich, und alles wird gut! Glaubt mit uns was wir euch sagen! Das versteht ihr zwar nicht alles, aber ihr seid auf der richtigen Seite! Und für das richtige Verständnis sind wir ja da." Die Konzilien von Nicäa und Konstantinopel, die katholische Kirche, Helmut Kohl: alles eine Mischpoke. "Komm, ich glaube ein bisschen mit dir, dann musst du dir auch nicht mehr solche Gedanken machen, was du eigentlich glauben sollst. Wir machen das dann schon!" Ja, das sehe ich: Mit Macht. Sehr simpel. Nichts mit Dreigliederung oder noch komplizierteren Sachen, oder gar mit der Freiheit des Menschenwesens.
Lieber Papst in Rom, mein lieber priesterlicher Kollege (nur in einem ganz anderen Kollegium - doch bis ich dir das alles erklärt habe...), und liebe Römische Kirche, falls ihr irgendwann doch feststellen solltet, dass das auch bei Euch so nicht mehr funktioniert, solltet ihr in Betracht ziehen, dass das daran liegt, dass die Welt doch tatsächlich vielfältiger und schöner und herausfordernder ist, als ihr glaubt. Und wir mindestens aus Leib, Seele und Geist bestehen. Und Ihr in Konstantinopel (leider nicht das letzte Mal) gelogen habt. Und wir eben selbst verantwortlich für unser Tun sind. Das kann ich nicht 'den Richtigen' überlassen, weil es die nämlich nicht gibt. Und glauben, dass kann auch nur ich ganz alleine. Genau wie du übrigens. Gib's zu. Ich weiß, ganz schön anstrengend manchmal.
Es grüßt herzlich Euer Kollege
Christoph Johannes von Ephesus
Und wenn er sich nicht auch noch mit Dr. Helmut Kohl getroffen hätte. Ja, die Zeit hat er sich genommen, ganz privat also für sich, auf seinen eigenen Wunsch. Kohl, das war der, der, als die Westdeutschen unmittelbar nach dem Mauerfall vor Freude spontan einen Teil ihrer Gehälter geben wollten, weil sie sich verantwortlich fühlten für das Ganze und sie wollten, dass die Vereinigung gelingt, gesagt hat: Nein, lasst mal, braucht ihr nicht machen. Ihr müsst nur uns wählen, dann wird auch so alles super! Ham wa denn ja auch. Aber super ist es nich geworden. Der Soli kam aber dennoch, (für ein oder zwei Jahre - oder doch zwanzig? Wie die Zeit vergeht...), nur jetzt eben nicht mehr von Herzen, sondern verordnet und widerwillig. Wer glaubt, das hilft genauso, irrt gewaltig.
Und wenn ich jetzt mal für einen Moment lang karmisch denke, ist zwar nichts mehr in Ordnung, aber alles klar: Bei euch besteht der Mensch ja aus Leib und Seele, die Welt aus Gut und Böse, Himmel und Hölle, Gott und Teufel, Kirche und Welt, einer richtigen (C!) und den falschen Parteien... wie schön. Ich muss nichts denken! Ich bin nicht verantwortlich! Ich muss mich nur für die richtige Seite entscheiden! "Wählt mich, und alles wird gut! Glaubt mit uns was wir euch sagen! Das versteht ihr zwar nicht alles, aber ihr seid auf der richtigen Seite! Und für das richtige Verständnis sind wir ja da." Die Konzilien von Nicäa und Konstantinopel, die katholische Kirche, Helmut Kohl: alles eine Mischpoke. "Komm, ich glaube ein bisschen mit dir, dann musst du dir auch nicht mehr solche Gedanken machen, was du eigentlich glauben sollst. Wir machen das dann schon!" Ja, das sehe ich: Mit Macht. Sehr simpel. Nichts mit Dreigliederung oder noch komplizierteren Sachen, oder gar mit der Freiheit des Menschenwesens.
Lieber Papst in Rom, mein lieber priesterlicher Kollege (nur in einem ganz anderen Kollegium - doch bis ich dir das alles erklärt habe...), und liebe Römische Kirche, falls ihr irgendwann doch feststellen solltet, dass das auch bei Euch so nicht mehr funktioniert, solltet ihr in Betracht ziehen, dass das daran liegt, dass die Welt doch tatsächlich vielfältiger und schöner und herausfordernder ist, als ihr glaubt. Und wir mindestens aus Leib, Seele und Geist bestehen. Und Ihr in Konstantinopel (leider nicht das letzte Mal) gelogen habt. Und wir eben selbst verantwortlich für unser Tun sind. Das kann ich nicht 'den Richtigen' überlassen, weil es die nämlich nicht gibt. Und glauben, dass kann auch nur ich ganz alleine. Genau wie du übrigens. Gib's zu. Ich weiß, ganz schön anstrengend manchmal.
Es grüßt herzlich Euer Kollege
Christoph Johannes von Ephesus
Michael Eggert: Neunzig
30.Sep.2011 20:05 Uhr
Was macht man in so einem Fall den ganzen Tag? Dass er auf die Neunzig zuging, tat nichts zur Sache, erleichterte es vielleicht sogar, da selbst die einfachen Handreichungen einiger Vor- und Nachbereitung bedurften, wohl überlegt sein mussten, schon allein wegen der Sturzgefahr.
Es gab Zeiten, in denen er einen Beruf ausgeübt hatte, verheiratet gewesen war und täglich betrunken gewesen war. Das hatte ihn, von außen betrachtet, alles gleichermaßen in Beschlag genommen. Aber die berufliche Arbeit war seit dreissig Jahren beendet, er war seit zwanzig Jahren Witwer und hatte, das Alter im Auge, vor zwölf Jahren abrupt mit dem Alkohol aufgehört. Er kochte nicht, las keine Bücher und Zeitschriften, arbeitete nie in seinem großen Garten und hatte keinerlei erkennbare Interessen. Früher hatte er gern und laut politisch räsoniert und dabei vor allem im Auge gehabt, Recht zu behalten oder zumindest das letzte Wort, aber die Politiker, deren Gesichter ihm vertraut, deren Gesichter, Tonfall, Gestik und Erscheinung die seiner Generation waren, lebten nicht mehr oder befanden sich längst im Ruhestand: Es interessierte ihn nicht mehr, was die heute diskutierten. Die Probleme, die diese Leute anhäuften, beschäftigten ihn auch nicht mehr, denn er würde das nicht mehr bezahlen müssen, das überließ er gern den Kommenden.
In Gesprächen kam er stets nach wenigen höflichen Worten auf seine Gesundheit zu sprechen. Dass das Alter ein Massaker war, wusste er nur zu gut, und er berichtete gern davon. Die Kurzatmigkeit, die Pigmentflecken auf der Haut, das Haar wie Stroh und der nächtliche Harndrang. Er sprach davon, als sei das alles eine Zumutung, die ihm persönlich angetan wurde, ein Unrecht, gegen das er ständig opponierte.
Lange Tage, endlose Nächte: Was macht einer wie er die ganze Zeit? Bewegte er sein Leben hin und her wie einen Klumpen Ton und versuchte, eine Form darin zu entdecken? War er als Archäologe seiner Tage, Monate und Jahre beschäftigt? Suchte er geheime Spuren im Fels, die vielleicht erklärten, wie es verlaufen war? Spürte er seinen Irrtümern nach? Nein, dazu hatte er kaum die Mittel. Seine Erinnerungen, so weit er sie aussprach, erschienen stets wie ein glatt geschliffener Stein: Ohne jeden Riss, aus einem Guss. Er war sich an keinem erkennbaren Punkt fremd. An Widrigkeiten oder gar Widersprüchlichkeiten konnte er sich nicht erinnern, so wie er überhaupt Widerspruch oder Zweifel nicht duldete. Um sich in seiner Zeit anschauen zu können, muss man sich ein kleines Stück aus seinem biografischen Kontext heraus lösen können, um einen Blick auf diese Landschaft zu haben, die man selbst ist.
Außerdem hatte er keine Zeit. Obwohl sie ihm im Überfluss zur Verfügung zu stehen schien, war Zeit für ihn wie für viele alte Menschen ein knappes Gut. Er führte einen strikten Terminkalender und war inzwischen froh um Tage, an denen keine Termine lauerten wie boshafte Allesfresser. Er mochte keine Löcher im gut abgewogenen, eisernen Rhythmus seiner Tage. Je hinfälliger er körperlich wurde, desto mehr versteifte er sich auf diese Strukturen. Die Zeit hatte Bestand und Verlass, der Rhythmus hatte das Regiment übernommen, Stäbe, Stützen, Rituale. Ihr vertraute er, ihr vertraute er sich an, denn sie allein versprach ihm nicht nur eine Art von persönlicher Signatur, sie war die Spur, die er jetzt zog, sie war die Grundlage seiner verbliebenen Autonomie.
Was macht man in einem solchen Fall den ganzen Tag? Man macht es so wie gestern und - vielleicht- wie morgen.
Es gab Zeiten, in denen er einen Beruf ausgeübt hatte, verheiratet gewesen war und täglich betrunken gewesen war. Das hatte ihn, von außen betrachtet, alles gleichermaßen in Beschlag genommen. Aber die berufliche Arbeit war seit dreissig Jahren beendet, er war seit zwanzig Jahren Witwer und hatte, das Alter im Auge, vor zwölf Jahren abrupt mit dem Alkohol aufgehört. Er kochte nicht, las keine Bücher und Zeitschriften, arbeitete nie in seinem großen Garten und hatte keinerlei erkennbare Interessen. Früher hatte er gern und laut politisch räsoniert und dabei vor allem im Auge gehabt, Recht zu behalten oder zumindest das letzte Wort, aber die Politiker, deren Gesichter ihm vertraut, deren Gesichter, Tonfall, Gestik und Erscheinung die seiner Generation waren, lebten nicht mehr oder befanden sich längst im Ruhestand: Es interessierte ihn nicht mehr, was die heute diskutierten. Die Probleme, die diese Leute anhäuften, beschäftigten ihn auch nicht mehr, denn er würde das nicht mehr bezahlen müssen, das überließ er gern den Kommenden.
In Gesprächen kam er stets nach wenigen höflichen Worten auf seine Gesundheit zu sprechen. Dass das Alter ein Massaker war, wusste er nur zu gut, und er berichtete gern davon. Die Kurzatmigkeit, die Pigmentflecken auf der Haut, das Haar wie Stroh und der nächtliche Harndrang. Er sprach davon, als sei das alles eine Zumutung, die ihm persönlich angetan wurde, ein Unrecht, gegen das er ständig opponierte.
Lange Tage, endlose Nächte: Was macht einer wie er die ganze Zeit? Bewegte er sein Leben hin und her wie einen Klumpen Ton und versuchte, eine Form darin zu entdecken? War er als Archäologe seiner Tage, Monate und Jahre beschäftigt? Suchte er geheime Spuren im Fels, die vielleicht erklärten, wie es verlaufen war? Spürte er seinen Irrtümern nach? Nein, dazu hatte er kaum die Mittel. Seine Erinnerungen, so weit er sie aussprach, erschienen stets wie ein glatt geschliffener Stein: Ohne jeden Riss, aus einem Guss. Er war sich an keinem erkennbaren Punkt fremd. An Widrigkeiten oder gar Widersprüchlichkeiten konnte er sich nicht erinnern, so wie er überhaupt Widerspruch oder Zweifel nicht duldete. Um sich in seiner Zeit anschauen zu können, muss man sich ein kleines Stück aus seinem biografischen Kontext heraus lösen können, um einen Blick auf diese Landschaft zu haben, die man selbst ist.
Außerdem hatte er keine Zeit. Obwohl sie ihm im Überfluss zur Verfügung zu stehen schien, war Zeit für ihn wie für viele alte Menschen ein knappes Gut. Er führte einen strikten Terminkalender und war inzwischen froh um Tage, an denen keine Termine lauerten wie boshafte Allesfresser. Er mochte keine Löcher im gut abgewogenen, eisernen Rhythmus seiner Tage. Je hinfälliger er körperlich wurde, desto mehr versteifte er sich auf diese Strukturen. Die Zeit hatte Bestand und Verlass, der Rhythmus hatte das Regiment übernommen, Stäbe, Stützen, Rituale. Ihr vertraute er, ihr vertraute er sich an, denn sie allein versprach ihm nicht nur eine Art von persönlicher Signatur, sie war die Spur, die er jetzt zog, sie war die Grundlage seiner verbliebenen Autonomie.
Was macht man in einem solchen Fall den ganzen Tag? Man macht es so wie gestern und - vielleicht- wie morgen.
Ruth Bamberg: Blackbox & kaltes Licht
19.Aug.2011 21:14 Uhr
„Der rasante technische Fortschritt seit etwa 100 Jahren ist schlussendlich Ausdruck menschlichen Vermögens. Nimmt man eine geisteswissenschaftliche Perspektive ein, kann man eine Metamorphose dieser Erscheinung und der ihr innewohnenden Idee ausmachen. Was an dieser Stelle auszuführen zu viel Raum einnähme. Nur soviel: die heute 20 jährigen blicken anders als „die Alten“ auf einen Globus der sehr klein geworden ist, auf dem es auf jeden einzelnen ankommt und nur gemeinsam etwas zu bewirken ist. Diese neue innere Gewissheit ist den Erfahrungen mit den neuen Medien geschuldet. Das Bild der Welt ist auf eine überschaubare Größe zusammen geschrumpft. E-mails rund um den Globus werden in beinahe Lichtgeschwindigkeit verschickt, Kommunikation über vormals unüberwindlich scheinende Strecken täglich geführt, die virtuelle Community vermag Diktatoren zu stürzen - Libyen, Ägypten, innere Angelegenheiten von Konzernen und Regierungen werden öffentlich - wikileaks.“
Zum ganzen Artikel von Ruth Bamberg als PDF- Download
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Ariel
17.Aug.2011 22:07 Uhr
Manche sind luftiger gebaut als andere- leichter, ohne etwas leicht zu nehmen. Die Begüterten, die Gesetzten, die Stumpfen: Das war seine Sache nicht. Er hat ein Leben lang Kunst geschaffen, gerne aus Fundstücken, gerne Gefundenes ausdehnend, auswälzend, aber stets mit leichtem Federstrich. War es ein Glück oder Unglück, dass er stets im Haus der Mutter wohnte, auch nach deren Tod, stets in den Zimmern, in denen wir schon als Jugendliche rauchten, tranken, redeten? Ein Zimmer war für seine Kunst reserviert, die sich über Tische, Schränke und ein Bett ergoss, ein Leben lang ansammelte, wenn es nicht verkauft oder verschenkt war.
Mancher Ariel orientiert sich am umtriebigen Schützen, er aber war ein Luftgeist im Sternbild des Krebses: Mager, empfindlich, zart, aber im Kern verschlossen. Man kam an ihn und seine wunde Empfindsamkeit nicht heran, auch nicht über Jahrzehnte. Er hatte, wie jeder Luftgänger, leichte und schnelle Beine. Er schien immer auf dem Sprung zu sein, vielleicht jetzt auf die schnellst mögliche Art zu entkommen. Aber dazu kam es ja nie. Es ist aber das und die schlaksige Art seiner Bewegungen, an der ich ihn stets und überall erkennen würde. Vielleicht züchtete er seinen Dämon, der Alkohol hieß, auch deshalb, um dieses Wundsein wie ein Balsam zu füllen und zu durchdringen. Es ging damit viel leichter unter Leuten und leichter auch in der Kunst. Aber mit der Zeit wiederholten sich seine Arbeiten. Man könnte sagen, er habe seine Handschrift gefunden. Man könnte auch sagen, dass er sich nicht mehr erfand. Die Ausstellungen der letzten Jahre bestanden mehr und mehr aus Fundstücken, aber aus solchen, die sich in alten und uralten eigenen Arbeiten fanden. Er erfand sich nicht mehr, er grub sich aus. Man sah ihm an, dass er den Alltag mit Mühe bestand. Jetzt ist er gestorben.
Mancher Ariel orientiert sich am umtriebigen Schützen, er aber war ein Luftgeist im Sternbild des Krebses: Mager, empfindlich, zart, aber im Kern verschlossen. Man kam an ihn und seine wunde Empfindsamkeit nicht heran, auch nicht über Jahrzehnte. Er hatte, wie jeder Luftgänger, leichte und schnelle Beine. Er schien immer auf dem Sprung zu sein, vielleicht jetzt auf die schnellst mögliche Art zu entkommen. Aber dazu kam es ja nie. Es ist aber das und die schlaksige Art seiner Bewegungen, an der ich ihn stets und überall erkennen würde. Vielleicht züchtete er seinen Dämon, der Alkohol hieß, auch deshalb, um dieses Wundsein wie ein Balsam zu füllen und zu durchdringen. Es ging damit viel leichter unter Leuten und leichter auch in der Kunst. Aber mit der Zeit wiederholten sich seine Arbeiten. Man könnte sagen, er habe seine Handschrift gefunden. Man könnte auch sagen, dass er sich nicht mehr erfand. Die Ausstellungen der letzten Jahre bestanden mehr und mehr aus Fundstücken, aber aus solchen, die sich in alten und uralten eigenen Arbeiten fanden. Er erfand sich nicht mehr, er grub sich aus. Man sah ihm an, dass er den Alltag mit Mühe bestand. Jetzt ist er gestorben.
Michael Eggert: Generationen
16.Aug.2011 20:47 Uhr
Jede Generation hat das Recht, sich den Träumen der vorigen zu verweigern.
Deren Alpträumen allerdings kann sie sich nicht entziehen.
(Ups. Wohl zu viel Elias Canetti gelesen.)
Deren Alpträumen allerdings kann sie sich nicht entziehen.
(Ups. Wohl zu viel Elias Canetti gelesen.)
Radiologische Mysterien
26.Jul.2011 18:45 Uhr
Die weißhaarige Frau war nicht sehr groß, aber flink. Alleine von diesem einen Wartezimmer gingen zwei Flure und elf Türen ab, wovon neun mit den Ziffern 1 bis 9 beschriftet waren. Sie ging, obwohl sie immer wieder sanft von dem Personal aus den Räumen entfernt wurde, durch jede einzelne dieser Türen, aber auch auf die Toiletten und in die als „Privat“ gekennzeichneten Zimmer. „Ich suche doch nur meine Tasche,“ seufzte sie. „Du hattest doch gar keine Tasche dabei“, entgegnete ihr Mann, der ebenso alt schien wie sie, aber sich geradezu grotesk verkrümmt hielt- seine Wirbelsäule sollte offenbar, sicherlich nicht zum ersten Mal, untersucht werden. „Sie hat Alzheimer, wissen Sie,“ sagte er in den Raum. „Ich suche doch nur meine Tasche.“
Hinter den Wänden knackte und knatterte es, ein wummernder Gesang von mechanischen Walen, die auf Namen wie CT oder MRT hörten. Der alte Mann wurde in eine dieser nummerierten Türen gerufen, während seine Frau weiter unruhig suchte. Man hörte seine Gürtelschnalle auf den Boden fallen und seinen erschreckten Ausruf, „Früher wäre mir das nicht passiert!“ In der Kakophonie der Geräusche blieb sein Ausruf ungehört.
Im Wartezimmer wischten fast alle Anwesenden, wenn sie denn unter 50 Jahren alt waren, auf ihren Smartphones herum. Vor zwei Jahrzehnten hat man von PCs als „Wunschmaschinen“ und „Projektionsapparaten“ des Selbst gesprochen. Heute trägt man die Projektoren und Kommunikatoren mit sich herum und sie sind auf Handflächenformat geschrumpft. Man wischt von oben nach unten oder von links nach rechts. Die ganz Jungen haben dazu Innenohr- Earphones dabei und schotten sich fast völlig ab. Die Alten wissen nicht einmal, was die Jungen da machen. Wenn das Smartphone ein Geräusch machte, fragte der Alte: „Was hat er jetzt?“ - „Das war eine Email.“ „Das war eine Twitternachricht.“ „Das war mein Facebook- Account.“
Der Alte nickte mit leeren Augen. Er hatte keine Ahnung, wovon ich sprach. Dann wandte er sich mit einer kindlichen Stimme zu mir und fragte, „Wenn man mal Pipi muss, wohin muss man da gehen?“
Offenbar fürchtete er, auch die Toiletten könnten inzwischen zu Mysterien ausgewachsen sein und man müsste ihnen, womöglich, etwas zutwittern. Vielleicht fragte er deshalb auf dem Gang und an der Rezeption noch mehrmals nach, um ganz sicher zu gehen.
Am Ende fuhr ich die Beiden nach Hause. Es war nicht weit. Der Alte saß neben mir und erschrak, als eine Stimme aus dem Navigationsgerät ertönte. „Das ist eine Computerstimme“, sagte ich. „Das Gerät ist mit sechs Satelliten verbunden.“ „Ach,“ sagte der Alte, „mit sechs. Zuhause habe ich noch einen Stadtplan liegen.“
„Den braucht man jetzt nicht mehr,“ sagte ich, „und überhaupt, die Stadt wird doch gerade völlig umgebaut.“
„Ja,“ seufzte er, „ es wird alles völlig umgebaut.“
Hinter den Wänden knackte und knatterte es, ein wummernder Gesang von mechanischen Walen, die auf Namen wie CT oder MRT hörten. Der alte Mann wurde in eine dieser nummerierten Türen gerufen, während seine Frau weiter unruhig suchte. Man hörte seine Gürtelschnalle auf den Boden fallen und seinen erschreckten Ausruf, „Früher wäre mir das nicht passiert!“ In der Kakophonie der Geräusche blieb sein Ausruf ungehört.
Im Wartezimmer wischten fast alle Anwesenden, wenn sie denn unter 50 Jahren alt waren, auf ihren Smartphones herum. Vor zwei Jahrzehnten hat man von PCs als „Wunschmaschinen“ und „Projektionsapparaten“ des Selbst gesprochen. Heute trägt man die Projektoren und Kommunikatoren mit sich herum und sie sind auf Handflächenformat geschrumpft. Man wischt von oben nach unten oder von links nach rechts. Die ganz Jungen haben dazu Innenohr- Earphones dabei und schotten sich fast völlig ab. Die Alten wissen nicht einmal, was die Jungen da machen. Wenn das Smartphone ein Geräusch machte, fragte der Alte: „Was hat er jetzt?“ - „Das war eine Email.“ „Das war eine Twitternachricht.“ „Das war mein Facebook- Account.“
Der Alte nickte mit leeren Augen. Er hatte keine Ahnung, wovon ich sprach. Dann wandte er sich mit einer kindlichen Stimme zu mir und fragte, „Wenn man mal Pipi muss, wohin muss man da gehen?“
Offenbar fürchtete er, auch die Toiletten könnten inzwischen zu Mysterien ausgewachsen sein und man müsste ihnen, womöglich, etwas zutwittern. Vielleicht fragte er deshalb auf dem Gang und an der Rezeption noch mehrmals nach, um ganz sicher zu gehen.
Am Ende fuhr ich die Beiden nach Hause. Es war nicht weit. Der Alte saß neben mir und erschrak, als eine Stimme aus dem Navigationsgerät ertönte. „Das ist eine Computerstimme“, sagte ich. „Das Gerät ist mit sechs Satelliten verbunden.“ „Ach,“ sagte der Alte, „mit sechs. Zuhause habe ich noch einen Stadtplan liegen.“
„Den braucht man jetzt nicht mehr,“ sagte ich, „und überhaupt, die Stadt wird doch gerade völlig umgebaut.“
„Ja,“ seufzte er, „ es wird alles völlig umgebaut.“
Blor: Youngster setzt BND weiter unter Druck
20.Jun.2011 00:10 Uhr
Es ist Sonntag – der letzte Konferenztag der „International Intelligence History Association“.
Seit Freitag setzte sich die Konferenz mit der „German Intelligence from Bismarck to Present“ auseinander.
Wolfgang Krieger, führender Kopf der Unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des BND und zugleich Vorstandvorsitzender des „Arbeitskreises Geschichte der Nachrichtendienste“ hatte bereits vor Monaten das Who-is-Who der internationalen Geheimdienst-Elite ins oberhessische Marburg geladen: Spezialisten aus Israel, Slowenien, Deutschland und den USA sind seinem Ruf gefolgt – darunter unter anderem Michael Herman (Oxford), Shpiro Shlomo (Bar Ilan University), Kristie Macrakis (Atlanta) oder Matitiahu Mayzel (Cummings Center for Russian and Eurasian Studies, Tel Aviv University)
Unter den heutigen Referenten ist auch der erst 24 jährige Mainzer Student Peter Hammerschmidt, der im vergangenen Jahr im Rahmen seinen Recherchen erstmals im Archiv des Bundesnachrichtendienstes Akten zu Klaus Barbie, dem „Schlächter von Lyon“, einsehen durfte.
Seine exklusiven Recherchen belegten: Barbie war Agent des BND von Mai bis Dezember 1966. Für seine Arbeit erhielt der Kriegsverbrecher insgesamt 5300 DM aus dem Topf bundesdeutscher Steuergelder.
Und Hammerschmidt? Der Youngster, der in wenigen Wochen sein erstes Staatsexamen ablegen wird, rückte innerhalb weniger Wochen ins mediale und fachwissenschaftliche Rampenlicht, trieb mit seinen Forschungen gar die Bundesregierung vor sich her (Internationale Medien berichteten).
Es verwundert daher nicht, dass sein Vortrag mit dem Thema „The Butcher of Lyon on BND and CIC/CIA Payroll“ mit Spannung erwartet wurde.
Nach Hammerschmidts Recherchen steht nunmehr fest: Die Waffenhandelsfirma „MEREX“ vertrieb 1966 überschüssiges Bundeswehrmaterial an lateinamerikanische Staaten. Unterstützt wurde das Unternehmen direkt vom BND, der dabei half, die Waffendeals an südamerikanische Militärdiktaturen mit dem Verteidigungsministerium abzuwickeln. Brisant ist, dass die MEREX – mit Unterstützung des BND - in Lateinamerika auf ein etabliertes Netzwerk ehemaliger SS-Kameraden zurückgriff: Bereits zu Beginn der 1960er Jahre hatten Barbie, Friedrich Schwend (während des Krieges: Unternehmen Bernhard) und das Flieger-Ass Hans-Ulrich Rudel „La Estrella“ (Der Stern“ gegründet – ein Netzwerk, mit Hilfe dessen sich ehemalige NS-Verbrecher unterstützten. Die Merex trat an Rudel heran, wurde daraufhin an Schwend und von diesem dann an Barbie vermittelt. Auf der Merex-Tour durch Lateinamerika, wo die Firma nach verlässlichen Repräsentanten des Unternehmens suchte, kam man auch mit anderen Mitgliedern von La Estrella in Kontakt: Willem Sassen und Otto Skorzeny. Beide wurden als Repräsentanten für die MEREX geworben und fanden anschließend, so Hammerschmidts These, ebenso wie Barbie, Schwend und Rudel, den Weg auf die Soldliste des westdeutschen Geheimdienstes. (vgl. Taz)
Die Analysen, die Hammerschmidt auf einer Power-Point beeindruckend zusammenfasst, scheinen in Konkurrenz zu dem offiziellen Forschungsvorhaben der UHK zu stehen – enthüllt der Junghistoriker mit seinen mühevoll aus US-amerikanischen Archiven doch Ergebnisse, mit denen er den Forschungen der Kommission vorausgreift.
Dabei scheint klar: Sollte die Kommission einen der Forschungsschwerpunkte auf das Beziehungsgeflecht des BND mit den in Südamerika untergetauchten NS-Eliten legen, wird sie ohne Hammerschmidts Vorarbeit nicht auskommen. Längst ist der Mainzer in diesem Sujet zum Experten avanciert.
Bleibt abzuwarten, inwiefern sich die Kommission auch der Kollaboration des BND mit NS-Eliten in Südamerika widmen – dass dieser Schwerpunkt ein besonders düsteres Kapitel der BND-Geschichte offenbart ist nunmehr von Hammerschmidt deutlich belegt worden.
Blor
Hinweis: Weiterer Beitrag zum Thema bei der TAZ
Seit Freitag setzte sich die Konferenz mit der „German Intelligence from Bismarck to Present“ auseinander.
Wolfgang Krieger, führender Kopf der Unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des BND und zugleich Vorstandvorsitzender des „Arbeitskreises Geschichte der Nachrichtendienste“ hatte bereits vor Monaten das Who-is-Who der internationalen Geheimdienst-Elite ins oberhessische Marburg geladen: Spezialisten aus Israel, Slowenien, Deutschland und den USA sind seinem Ruf gefolgt – darunter unter anderem Michael Herman (Oxford), Shpiro Shlomo (Bar Ilan University), Kristie Macrakis (Atlanta) oder Matitiahu Mayzel (Cummings Center for Russian and Eurasian Studies, Tel Aviv University)
Unter den heutigen Referenten ist auch der erst 24 jährige Mainzer Student Peter Hammerschmidt, der im vergangenen Jahr im Rahmen seinen Recherchen erstmals im Archiv des Bundesnachrichtendienstes Akten zu Klaus Barbie, dem „Schlächter von Lyon“, einsehen durfte.
Seine exklusiven Recherchen belegten: Barbie war Agent des BND von Mai bis Dezember 1966. Für seine Arbeit erhielt der Kriegsverbrecher insgesamt 5300 DM aus dem Topf bundesdeutscher Steuergelder.
Und Hammerschmidt? Der Youngster, der in wenigen Wochen sein erstes Staatsexamen ablegen wird, rückte innerhalb weniger Wochen ins mediale und fachwissenschaftliche Rampenlicht, trieb mit seinen Forschungen gar die Bundesregierung vor sich her (Internationale Medien berichteten).
Es verwundert daher nicht, dass sein Vortrag mit dem Thema „The Butcher of Lyon on BND and CIC/CIA Payroll“ mit Spannung erwartet wurde.
Nach Hammerschmidts Recherchen steht nunmehr fest: Die Waffenhandelsfirma „MEREX“ vertrieb 1966 überschüssiges Bundeswehrmaterial an lateinamerikanische Staaten. Unterstützt wurde das Unternehmen direkt vom BND, der dabei half, die Waffendeals an südamerikanische Militärdiktaturen mit dem Verteidigungsministerium abzuwickeln. Brisant ist, dass die MEREX – mit Unterstützung des BND - in Lateinamerika auf ein etabliertes Netzwerk ehemaliger SS-Kameraden zurückgriff: Bereits zu Beginn der 1960er Jahre hatten Barbie, Friedrich Schwend (während des Krieges: Unternehmen Bernhard) und das Flieger-Ass Hans-Ulrich Rudel „La Estrella“ (Der Stern“ gegründet – ein Netzwerk, mit Hilfe dessen sich ehemalige NS-Verbrecher unterstützten. Die Merex trat an Rudel heran, wurde daraufhin an Schwend und von diesem dann an Barbie vermittelt. Auf der Merex-Tour durch Lateinamerika, wo die Firma nach verlässlichen Repräsentanten des Unternehmens suchte, kam man auch mit anderen Mitgliedern von La Estrella in Kontakt: Willem Sassen und Otto Skorzeny. Beide wurden als Repräsentanten für die MEREX geworben und fanden anschließend, so Hammerschmidts These, ebenso wie Barbie, Schwend und Rudel, den Weg auf die Soldliste des westdeutschen Geheimdienstes. (vgl. Taz)
Die Analysen, die Hammerschmidt auf einer Power-Point beeindruckend zusammenfasst, scheinen in Konkurrenz zu dem offiziellen Forschungsvorhaben der UHK zu stehen – enthüllt der Junghistoriker mit seinen mühevoll aus US-amerikanischen Archiven doch Ergebnisse, mit denen er den Forschungen der Kommission vorausgreift.
Dabei scheint klar: Sollte die Kommission einen der Forschungsschwerpunkte auf das Beziehungsgeflecht des BND mit den in Südamerika untergetauchten NS-Eliten legen, wird sie ohne Hammerschmidts Vorarbeit nicht auskommen. Längst ist der Mainzer in diesem Sujet zum Experten avanciert.
Bleibt abzuwarten, inwiefern sich die Kommission auch der Kollaboration des BND mit NS-Eliten in Südamerika widmen – dass dieser Schwerpunkt ein besonders düsteres Kapitel der BND-Geschichte offenbart ist nunmehr von Hammerschmidt deutlich belegt worden.
Blor
Hinweis: Weiterer Beitrag zum Thema bei der TAZ
German Angst
15.Mai.2011 22:41 Uhr

Der Deutsche, denkt man vor allem in den USA, neigt kollektiv einerseits zur ängstlichen Zögerlichkeit, andererseits zur Überheblichkeit: „Mit den komplementären Begriffen German Angst (englisch, etwa: „typisch deutsche Zögerlichkeit“) und German assertiveness (etwa: „typisch deutsche Überheblichkeit“) werden im angelsächsischen Sprachraum als charakteristisch empfundene, gesellschaftliche und politische, kollektive Verhaltensweisen der Deutschen bezeichnet. Die Begriffe werden im Deutschen verwendet, um derartige – reale oder vermeintliche – Einschätzungen aus dem Ausland zu kolportieren.“ (Wikipedia) In letzter Zeit - nach Fukushima- hat man den Begriff wieder einmal strapaziert, um die als überzogen empfundene Sorge der Deutschen vor der Atomkraft zu charakterisieren: „Verstrahlt in Fukushima ein Atomkraftwerk die Umgebung, setzt im neuntausend Kilometer entfernten Deutschland ein Run auf Geigerzähler ein, verbunden mit dem Rat, japanischen Grüntee zu meiden, riecht das verdächtig nach Überreaktion.“ (NZZ) Die Sorge vor dem Tee mag so übertrieben sein wie die Befürchtung, einem Forellenteich im Bergischen Land könne ein Tsunami entspringen (das obere Foto ist keine Fotomontage). Dennoch empfinde ich die Besorgnis angesichts der Risiken der Atomkraft nicht als archaischen Fluchtreflex, sondern als rationale Distanzierung gegenüber einer Technologie, die Risiken für viele folgende Generationen in sich birgt. Irrational erscheinen mir die Wahrscheinlichkeitsrechnungen, die eine Havarie in den Bereich eines Lottogewinns mit umgekehrten Vorzeichen verbannen- die Realität sieht nun einmal anders aus. Angst ist angesichts der realen und möglichen Folgen dieser Technologie kein schlechter Ratgeber.
Angst ist sowohl eine Überlebenshilfe als auch - in der irrlichternden Variante- ein Mittel zur Realitätsflucht: „Angst verleiht Flügel. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Angst ist für die Seele ebenso gesund wie ein Bad für den Körper. Blinder als blind ist der Ängstliche. Wer keine Angst hat, hat keine Phantasie. Und so weiter und so fort, Spruchweisheit reiht sich an Spruchweisheit, zu jedem Lob findet sich ein Verdikt. Das Reden über Angst steckt voller Ambivalenz. Angst ist eine evolutionäre Mitgift, unentbehrlich als Überlebenshilfe. Aber sie kann selbstreferenziell und phantasmagorisch werden, «grundlos» im doppelten Sinn von «unbegründet» und «bodenlos». (NZZ)
Angst ist aber auch ein Aspekt des Ego, das sich nicht von ungefähr fürchtet, angegriffen, in Frage gestellt, überrumpelt zu werden. Das Ego befindet sich in einem dauernden Abwehrgefecht gegen die eigene In-Frage-Stellung- nicht zuletzt deshalb, weil es spätestens mit dem Tod tatsächlich seine Existenz beenden wird. Die drohende existentielle Nicht- Existenz mobilisiert einen Großteil der Kräfte, die bewirken, dass wir tätig sind, dass wir uns bewahren, dass wir etwas schaffen, was vielleicht Bestand hat. In diesem Sinne ist Angst ein Konstitutivum unseres Daseins. Aber die Angst vor dem nächsten Tag, vor einer kommenden Aufgabe, vor Überraschungen, die Angst vor der In-Frage-Stellung kann uns auch zugleich lähmen. Daher gilt es -nicht nur in der Anthroposophie- als ein wesentliches Merkmal in der spirituellen Entwicklung, eine existentielle Gelassenheit zu entwickeln. In dem Augenblick, in dem eine tiefere Seinsebene zur Erfahrung wird, löst sich die dauernde Sorge vor dem Nicht- Bestehen als irrelevant auf.
Aber Angst hat, so Rudolf Steiner, noch eine Ebene, die noch tiefer gründet und bis in den physischen Leib hinein reicht: „Wir Menschen haben auch die Angst in uns. In unserer Zehe, in den Beinen, in dem Bauche, überall steckt die Angst. Nur über das Zwerchfell traut sie sich nicht herauf, kommt nur herauf, wenn wir Angstträume haben. Aber in uns steckt die Angst. Doch die Angst hat ihren guten Zweck; sie hält unseren Organismus zusammen. Und in den Knochen, da steckt die allermeiste Angst. Die Knochen sind so fest, weil da eine furchtbare Angst drinnen steckt. Die Angst ist es, die die Knochen fest hält.“ (R. Steiner, GA 350, Seite 192)
In diesem Sinne ist die Angst die Grundlage unserer leiblichen Existenz überhaupt- die Kraft, die uns im Kern zusammen hält und zu körperlichen Geschöpfen macht. Wir spüren sie in dieser Dimension nur, wenn es tatsächlich ums Ganze geht, wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Das ist die Ebene, die nicht zu lösen und zu lindern ist, sondern nur zu ertragen, wenn es so weit ist. Es ist das „Kreuz“ im tiefsten und im weitesten Sinne- dasselbe Kreuz, derselbe Weg, der von Christus so weit erfahren werden musste, dass selbst er sich von Gott verlassen fühlte..
Underworld
15.Apr.2011 23:57 Uhr
Ich mochte diesen Arzt. Er war kompetent, gut vernetzt und dachte unkonventionell. Er war hoch spezialisiert, dachte aber mehrere Fachgebiete mit. Er war eine Art Generalist in seinem Spezialistentum geworden, einer, der die eng gesteckten Grenzen seiner Profession überschritt. Am Ende bat ich ihn, mich einmal zu röntgen, die Lunge, eine Routinesache, für alle Fälle. Nun saßen wir zusammen, vor seinem Monitor. Er hatte ihn halb zu mir hinüber gedreht, damit ich die Bilder selbst sehen konnte, wenn sie digital aus dem Labor geschickt würden.
Wir warteten und schauten auf die schwarze, leere Fläche. Einen Augenblick lang sagten wir nichts. Einen Wimpernschlag lang tat sich unter mir der Boden auf, und ich dachte, was wäre wenn. Infusionen, Bestrahlung, das Leben mit dem Wissen, dass. Ein Leben der Behandlungen, ein Leben mit einem nicht frei gewählten Thema, sondern mit einem Schatten, der auf den Tagen liegen würde. Ein Leben von Termin zu Termin. Der Monitor flackerte auf, und der Arzt sprach, auch er offensichtlich erleichtert. Es war nichts, kein Schatten, kein Thema, keine Kette von Terminen. Ich war in den Tag entlassen und sagte, dann kann ich ja noch eine Weile weiter machen wie bisher.
Wir warteten und schauten auf die schwarze, leere Fläche. Einen Augenblick lang sagten wir nichts. Einen Wimpernschlag lang tat sich unter mir der Boden auf, und ich dachte, was wäre wenn. Infusionen, Bestrahlung, das Leben mit dem Wissen, dass. Ein Leben der Behandlungen, ein Leben mit einem nicht frei gewählten Thema, sondern mit einem Schatten, der auf den Tagen liegen würde. Ein Leben von Termin zu Termin. Der Monitor flackerte auf, und der Arzt sprach, auch er offensichtlich erleichtert. Es war nichts, kein Schatten, kein Thema, keine Kette von Terminen. Ich war in den Tag entlassen und sagte, dann kann ich ja noch eine Weile weiter machen wie bisher.
Klaus Barbie wird Thema in Deutschland
19.Jan.2011 20:42 Uhr
Aufgeschreckt durch die Recherchen des jungen Historikers Peter Hammerschmidt, der hier im Blog in einem Interview vom 8. Januar dieses Jahres davon berichtet hat, sind dem SPIEGEL offenbar durch den BND Information über dessen Zusammenarbeit mit Klaus Barbie („Nazi- Verbrecher Barbie war BND- Agent“) zugespielt worden. Der SPIEGEL brachte die Nachricht am 15. Januar- ohne die Arbeit von Hammerschmidt zu erwähnen. Inzwischen berichten - die Arbeit des Historikers anerkennend- die Berliner Zeitung darüber, Portal Amerika, Prensa Latina, Telepolis und The Telegraph: „Der Spiegel berichtet, Barbie sei im Frühjahr 1966 vom BND angeworben worden. Der Kriegsverbrecher, der damals unter dem Namen Klaus Altmann in der bolivianischen Hauptstadt La Paz lebte, werde in der BND-Akte als ein Mann „kerndeutscher Gesinnung“ und „entschiedener Kommunistengegner“ beschrieben. Barbie alias Altmann soll als Agent „Adler“ mit der Registriernummer V-43118 Berichte über politische Entwicklungen in Südamerika geliefert haben.
Auf die Akte Barbies war der Historiker Peter Hammerschmidt von der Uni Mainz im September gestoßen. Sein Antrag auf Akteneinsicht hatte der BND zunächst abgelehnt, nach einer Beschwerde beim Kanzleramt jedoch bewilligt. Laut Hammerschmidt lege die Akte den Verdacht nahe, dass dem Dienst zumindest bei der Anwerbung des Exildeutschen im Jahre 1966 gar nicht bewusst gewesen sei, in Wirklichkeit Barbie vor sich zu haben. Erst im Dezember 1966, als man den Agenten zu Schulungszwecken nach Deutschland holen wollte, seien die Geheimdienstler stutzig geworden: Altmann habe gesagt, dass seit Kriegsende in Ludwigsburg Ermittlungen gegen ihn laufen würden und er daher nicht einreisen könne. Wegen „erheblicher Sicherheitsgefährdung für den BND“ wurde die Quelle umgehend abgeschaltet – als Abfindung erhielt Barbie 1.000 DM in bar.“ (Berliner Zeitung)
Die Arbeit von Peter Hammerschmidt - "Der Schlächter von Lyon" im Sold der USA - Über die Beziehungen zwischen Klaus Barbie und dem amerikanischen Geheimdienst- wird im Laufe des Jahres erscheinen.
Offenbar möchte sich der BND ein transparenteres Image geben- weitere Akten- Offenlegungen sind angekündigt. Vielleicht wollte auch nur der Recherche von Hammerschmidt zuvor kommen. Eigentlich sind Hammerschmidt und ich nur deshalb bekannt geworden, weil ich öffentlich fragte, warum in Deutschland eigentlich so wenig über Barbie publiziert und geforscht worden sei. Die Frage ist nun so weit beantwortet- der BND hatte offenbar den Daumen darauf. Nun also kommen die Karten aber auf den Tisch.
Auf die Akte Barbies war der Historiker Peter Hammerschmidt von der Uni Mainz im September gestoßen. Sein Antrag auf Akteneinsicht hatte der BND zunächst abgelehnt, nach einer Beschwerde beim Kanzleramt jedoch bewilligt. Laut Hammerschmidt lege die Akte den Verdacht nahe, dass dem Dienst zumindest bei der Anwerbung des Exildeutschen im Jahre 1966 gar nicht bewusst gewesen sei, in Wirklichkeit Barbie vor sich zu haben. Erst im Dezember 1966, als man den Agenten zu Schulungszwecken nach Deutschland holen wollte, seien die Geheimdienstler stutzig geworden: Altmann habe gesagt, dass seit Kriegsende in Ludwigsburg Ermittlungen gegen ihn laufen würden und er daher nicht einreisen könne. Wegen „erheblicher Sicherheitsgefährdung für den BND“ wurde die Quelle umgehend abgeschaltet – als Abfindung erhielt Barbie 1.000 DM in bar.“ (Berliner Zeitung)
Die Arbeit von Peter Hammerschmidt - "Der Schlächter von Lyon" im Sold der USA - Über die Beziehungen zwischen Klaus Barbie und dem amerikanischen Geheimdienst- wird im Laufe des Jahres erscheinen.
Offenbar möchte sich der BND ein transparenteres Image geben- weitere Akten- Offenlegungen sind angekündigt. Vielleicht wollte auch nur der Recherche von Hammerschmidt zuvor kommen. Eigentlich sind Hammerschmidt und ich nur deshalb bekannt geworden, weil ich öffentlich fragte, warum in Deutschland eigentlich so wenig über Barbie publiziert und geforscht worden sei. Die Frage ist nun so weit beantwortet- der BND hatte offenbar den Daumen darauf. Nun also kommen die Karten aber auf den Tisch.
Michael Eggert: Ein Lob der Zeitverschwendung
18.Jan.2011 23:38 Uhr
In letzter Zeit habe ich mich gern auf den satanischen Facebook (auch satanisch!) -Seiten der Marx- Brothers der Anthroposophischen Bewegung (Felix, Ansgar, Christoph, Christian) herum getrieben und auch ungefragt Tipps zur anstehenden Publikation von deren Buch „Endstation Dornach“ gegeben; Motto: Wenn schon satanisch, dann richtig - denn zu revolutionären Inhalten gehört ein revolutionäres Layout. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch den Cartoon „Kamaloka“ hoch geladen und wurde darob von dritter Seite schwer gerügt. Denn erstens gehöre sich Sarkasmus nicht und zweitens sei das „Zeitverschwendung“. Ich antwortete, ich fände Zeitverschwendung geil, worauf sich der (offensichtlich anthroposophische) Kritiker mit verächtlichem Schulterzucken von mir abwandte.
Luxus und Zeitverschwendung- geht das nicht Hand in Hand? Der wahre Luxus ist natürlich ein meditatives Leben, ein kontemplativer Lebensstil. Man fällt dadurch nicht nur aus nahezu allen Ideologien der Gegenwart hinaus, die stets das Mehr und Besser propagieren. Man frönt eben auch dem Luxus Zeit schlechthin. Wie viele Menschen unter den Milliarden Erdbewohnern können sich einen solchen Luxus leisten, sind sie doch gebeutelt von prekären Geld- und Arbeitsverhältnissen? Diese Website heisst auch deshalb „Egoisten“, weil hier der Luxus der Zeitverschwendung propagiert wird- sofern man es sich leisten kann und will.
In die Fluten des reinen Denkens einzutauchen, ist ja immer auch eine Übung in Absichtslosigkeit. Zwar lässt man sich - hoch konzentriert- ganz und gar nicht treiben, taucht aber so tief, dass man in der Situation zwar jederzeit voll bewusst und wach ist. Aber im Strom der Absichtslosigkeit und reinen Gegenwärtigkeit zu stehen bedeutet auch, dass man sich auf einer Ebene bewegt, die dem Tiefschlaf ähnelt- man kann sich hinterher kaum an etwas Konkretes erinnern. Man fühlt sich zwar erfrischt, als hätte man einen Jungbrunnen aufgesucht, weiss aber nicht genau, was man da gemacht hat. Allerdings kommt man an den Rändern der meditativen Versenkung in einen Zwischenbereich, der dem Träumen ähnelt. Wie im Traum kommen auch die konkreten Alltagsprobleme auf einen zu. Man umkreist sie, schaut sie von allen Seiten an. Anders als im Traum ist man Herr des Geschehens- es entwickeln sich keine unwillkürlichen Bilderfolgen. Vielmehr wird einem in dieser imaginativen Situation klar, wie man dem Problem begegnen kann. Es ist ein Missverständnis, zu glauben, Imaginationen müssten bildhafter Natur im engeren Sinne sein. Die Konzentration der gedanklichen Lösungsansätze ist aber ganz anders; man hat Gedanken nicht nacheinander, sondern „in einem“, als wäre es ein Paket, das man erst später aufschnüren kann.
Hinterher, im diskursiven Alltagsbewusstsein, entfaltet man das „Paket“ in eine logische und zeitliche Folge. Oft sieht man, dass das, was eben noch so kompakt erschien, sich in eine Fülle von Ideen entblättert. In dieser Hinsicht ist Imagination ein Denken in dreidimensionaler Art und Weise, nicht in linearer. Am besten schreibt man das alles auf. Es erweist sich meist als relevant und fruchtbar.
Die „Zeitverschwendung“, die praktizierte Absichtslosigkeit kürzt in Wirklichkeit die Wege ab. Vielleicht wäre man auch anders auf die Lösungswege gekommen, aber es hätte viel Zeit gekostet. In der Zeitlosigkeit dagegen wachsen die Ideen wie eine Wiese voller Blumen. Man kommt mit einer leeren Vase zu Besuch, und kehrt mit einem überreichen Strauß zurück.
Luxus und Zeitverschwendung- geht das nicht Hand in Hand? Der wahre Luxus ist natürlich ein meditatives Leben, ein kontemplativer Lebensstil. Man fällt dadurch nicht nur aus nahezu allen Ideologien der Gegenwart hinaus, die stets das Mehr und Besser propagieren. Man frönt eben auch dem Luxus Zeit schlechthin. Wie viele Menschen unter den Milliarden Erdbewohnern können sich einen solchen Luxus leisten, sind sie doch gebeutelt von prekären Geld- und Arbeitsverhältnissen? Diese Website heisst auch deshalb „Egoisten“, weil hier der Luxus der Zeitverschwendung propagiert wird- sofern man es sich leisten kann und will.
In die Fluten des reinen Denkens einzutauchen, ist ja immer auch eine Übung in Absichtslosigkeit. Zwar lässt man sich - hoch konzentriert- ganz und gar nicht treiben, taucht aber so tief, dass man in der Situation zwar jederzeit voll bewusst und wach ist. Aber im Strom der Absichtslosigkeit und reinen Gegenwärtigkeit zu stehen bedeutet auch, dass man sich auf einer Ebene bewegt, die dem Tiefschlaf ähnelt- man kann sich hinterher kaum an etwas Konkretes erinnern. Man fühlt sich zwar erfrischt, als hätte man einen Jungbrunnen aufgesucht, weiss aber nicht genau, was man da gemacht hat. Allerdings kommt man an den Rändern der meditativen Versenkung in einen Zwischenbereich, der dem Träumen ähnelt. Wie im Traum kommen auch die konkreten Alltagsprobleme auf einen zu. Man umkreist sie, schaut sie von allen Seiten an. Anders als im Traum ist man Herr des Geschehens- es entwickeln sich keine unwillkürlichen Bilderfolgen. Vielmehr wird einem in dieser imaginativen Situation klar, wie man dem Problem begegnen kann. Es ist ein Missverständnis, zu glauben, Imaginationen müssten bildhafter Natur im engeren Sinne sein. Die Konzentration der gedanklichen Lösungsansätze ist aber ganz anders; man hat Gedanken nicht nacheinander, sondern „in einem“, als wäre es ein Paket, das man erst später aufschnüren kann.
Hinterher, im diskursiven Alltagsbewusstsein, entfaltet man das „Paket“ in eine logische und zeitliche Folge. Oft sieht man, dass das, was eben noch so kompakt erschien, sich in eine Fülle von Ideen entblättert. In dieser Hinsicht ist Imagination ein Denken in dreidimensionaler Art und Weise, nicht in linearer. Am besten schreibt man das alles auf. Es erweist sich meist als relevant und fruchtbar.
Die „Zeitverschwendung“, die praktizierte Absichtslosigkeit kürzt in Wirklichkeit die Wege ab. Vielleicht wäre man auch anders auf die Lösungswege gekommen, aber es hätte viel Zeit gekostet. In der Zeitlosigkeit dagegen wachsen die Ideen wie eine Wiese voller Blumen. Man kommt mit einer leeren Vase zu Besuch, und kehrt mit einem überreichen Strauß zurück.
Echsen
16.Jan.2011 23:15 Uhr
Am Ende lässt man es vielleicht nur deshalb sein, dieser Eine zu sein, zu dem man neigte, weil es so anstrengend ist. Es ist eine Mischung zwischen Schwäche und Begabung, dann treibt einen etwas, so wie bei dem, den ich jetzt meine- ein Genuss an sich, eine tiefe Selbstzufriedenheit, es so weit gebracht zu haben. Natürlich zieht man ab und zu Bilanz, und das sind selten die angenehmsten Momente.
Bei diesem, den ich meine, aber schon. Er war jetzt ein angesehner Heilpraktiker mit einem einzigen Präparat, das er erfolgreich gegen alles Mögliche einsetzte. Er half manchen gebeutelten Patienten wirklich und war beinahe überlaufen. Ich glaube, er war auch ein wenig überrascht über sich selbst. Gediegene Praxis in bester Villenlage, eine jüngere Frau, die eindeutige Signale sendete, sich zur örtlichen Schickeria hinzuzählen zu dürfen. Ich denke, früher, am Anfang, hat nicht einmal er selbst sich etwas zugetraut. Aber er wuchs quasi mit den Jahren und durch glückliche Fügung (Beziehungen, väterliches Erbe) in sein selbst zufriedenes Lächeln hinein, das irgendwann mal unangebracht war, jetzt aber in Ordnung. Er ließ es sich gut gehen und drehte immer geschickter an den Schrauben und Rädchen, die es brauchte, um so eine Position auszubauen. Er war immer auf dem Sprung. Er war nicht dumm.
Aber auch nicht ganz frei in seinem Blick auf die Klienten. Natürlich lag es in seinem Interesse, Anzeichen in Krankheitsbildern zu entdecken, die zum langfristigen Gebrauch seines Präparates geradezu verpflichteten. Er fand ununterbrochen dafür gute Gründe. Er war auch so teuer und ausgebucht, dass eine Verbesserung der Symptome der Klienten sich schon allein deshalb einstellte. Er war, mit einem Wort, sehr erfolgreich.
Wie kommt es, dass man manchmal mitten im Lauf, wenn sich Eins ans Andere reiht, dennoch und gegen jede Vernunft, die Lust verspürt, daraus auszubrechen? Es hängt so vieles daran, nicht nur die eigene Existenz, auch Ehe und Familie und der ganze soziale Kontext. Manchen greift es kalt ans Herz, wenn alles so läuft, wie es läuft. Man greift wenigstens zu Fantasien. Ein anderes Leben. Man romantisiert die Zeit, als die Bindungen noch nicht so zwingend waren, als die Wahl noch offen stand. Man ist nicht identisch mit dem, was man lebt. In sich bewegt man andere mögliche Existenzformen. Es ist nicht immer leicht, sich in das zu fügen, was man hat, und darin das zu entdecken, was sich entwickeln kann. Es ist schwierig, die Entdeckungslust lebendig zu halten, wenn man einmal eine Form gefunden hat.
Manche wirft es auch einfach aus der Bahn. Unversehens, und ohne bemerkbare Vorzeichen. Man war gewissermaßen geblendet von der scheinbaren Sicherheit des eingeschlagenen Weges. Es war nicht damit zu rechnen, und es war auch nicht besonders fair, dass etwas einem plötzlich einfach den Teppich unter den Füßen wegzog. Natürlich ist es blöd, zu hadern, aber es ist auch schwierig, es nicht zu tun. Auch das Hadern kann zu einer festen Persona werden, in die man erst hinein wächst, und die sich dann um einen verschliesst wie eine Dornenhecke aus dem Märchen. Am Ende sitzt man fest wie dieser, den ich vorhin meinte. Vielleicht nicht selbstzufrieden, sondern das Gegenteil davon. Vielleicht auch, heimlich, zufrieden in der Unzufriedenheit.
Es ist schwer, zwischen den Formen die innere Freiheit - wenigstens in Momenten - zu wahren und zu pflegen. Man wächst immer in die Formen hinein. Wir sind wie Echsen, denen stets ein Panzer wächst.
Bei diesem, den ich meine, aber schon. Er war jetzt ein angesehner Heilpraktiker mit einem einzigen Präparat, das er erfolgreich gegen alles Mögliche einsetzte. Er half manchen gebeutelten Patienten wirklich und war beinahe überlaufen. Ich glaube, er war auch ein wenig überrascht über sich selbst. Gediegene Praxis in bester Villenlage, eine jüngere Frau, die eindeutige Signale sendete, sich zur örtlichen Schickeria hinzuzählen zu dürfen. Ich denke, früher, am Anfang, hat nicht einmal er selbst sich etwas zugetraut. Aber er wuchs quasi mit den Jahren und durch glückliche Fügung (Beziehungen, väterliches Erbe) in sein selbst zufriedenes Lächeln hinein, das irgendwann mal unangebracht war, jetzt aber in Ordnung. Er ließ es sich gut gehen und drehte immer geschickter an den Schrauben und Rädchen, die es brauchte, um so eine Position auszubauen. Er war immer auf dem Sprung. Er war nicht dumm.
Aber auch nicht ganz frei in seinem Blick auf die Klienten. Natürlich lag es in seinem Interesse, Anzeichen in Krankheitsbildern zu entdecken, die zum langfristigen Gebrauch seines Präparates geradezu verpflichteten. Er fand ununterbrochen dafür gute Gründe. Er war auch so teuer und ausgebucht, dass eine Verbesserung der Symptome der Klienten sich schon allein deshalb einstellte. Er war, mit einem Wort, sehr erfolgreich.
Wie kommt es, dass man manchmal mitten im Lauf, wenn sich Eins ans Andere reiht, dennoch und gegen jede Vernunft, die Lust verspürt, daraus auszubrechen? Es hängt so vieles daran, nicht nur die eigene Existenz, auch Ehe und Familie und der ganze soziale Kontext. Manchen greift es kalt ans Herz, wenn alles so läuft, wie es läuft. Man greift wenigstens zu Fantasien. Ein anderes Leben. Man romantisiert die Zeit, als die Bindungen noch nicht so zwingend waren, als die Wahl noch offen stand. Man ist nicht identisch mit dem, was man lebt. In sich bewegt man andere mögliche Existenzformen. Es ist nicht immer leicht, sich in das zu fügen, was man hat, und darin das zu entdecken, was sich entwickeln kann. Es ist schwierig, die Entdeckungslust lebendig zu halten, wenn man einmal eine Form gefunden hat.
Manche wirft es auch einfach aus der Bahn. Unversehens, und ohne bemerkbare Vorzeichen. Man war gewissermaßen geblendet von der scheinbaren Sicherheit des eingeschlagenen Weges. Es war nicht damit zu rechnen, und es war auch nicht besonders fair, dass etwas einem plötzlich einfach den Teppich unter den Füßen wegzog. Natürlich ist es blöd, zu hadern, aber es ist auch schwierig, es nicht zu tun. Auch das Hadern kann zu einer festen Persona werden, in die man erst hinein wächst, und die sich dann um einen verschliesst wie eine Dornenhecke aus dem Märchen. Am Ende sitzt man fest wie dieser, den ich vorhin meinte. Vielleicht nicht selbstzufrieden, sondern das Gegenteil davon. Vielleicht auch, heimlich, zufrieden in der Unzufriedenheit.
Es ist schwer, zwischen den Formen die innere Freiheit - wenigstens in Momenten - zu wahren und zu pflegen. Man wächst immer in die Formen hinein. Wir sind wie Echsen, denen stets ein Panzer wächst.
Es wikileakt an allen Ecken und Enden
14.Dez.2010 20:22 Uhr
Falls Sie zufällig ein abgehalfteter Topspion, pensionierter Bundeswehrstratege oder frustrierter CDU- Pressesprecher sein sollten, gibt es nun endlich im Bann von WikiLeaks Gelegenheit, sich an Ihrem Arbeitgeber zu rächen. Nein, Sie müssen nicht Kontakt mit Herrn Assange aufnehmen, denn auch die ganz normale Presse möchte ein Stück vom geheimen Kuchen abbekommen. Daher hat die WAZ- Gruppe ein Portal eröffnet, auf dem Sie Ihre Informationen anonym loswerden können:
"Die Essener WAZ-Mediengruppe hat ein Portal eingerichtet, über das anonym Informationen hochgeladen werden können. "Wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die Zeugen zweifelhafter Vorgänge sind", steht auf der Seite zu lesen. "Wir wissen genauso, dass es viele Menschen gibt, die über Dokumente, Filme oder Verträge verfügen, die sie veröffentlicht sehen wollen, um Missstände zu offenbaren und Diskussionen anzuregen."
Das Hochladen und Versenden von Material sowie das Schreiben einer E-Mail erfolgt dabei SSL-verschlüsselt von Ende zu Ende. Die Sitzungsdaten werden zudem automatisch anonymisiert."
Sie empfinden ein solches Angebot als Armutszeichen für den klassischen Journalismus? Sind die "investigativen" Journalisten seit den legendären Zeiten der Washington Post ausgestorben und haben ihren Platz 400-Euro-Jobbern überlassen? Diese Vermutung hat etwas für sich. Das Zuspielen von Datenlöchern gewinnt gegenüber der umfassenden Recherche immer mehr Raum: "Die eingereichten Unterlagen sollen als Quellen für Geschichten dienen, die journalistisch aufgearbeitet werden." Aufgearbeitet, ach so. Neudeutsch bedeutet das: Verwurstet.
Natürlich gibt es den seriösen Journalismus, aber er ist in einer verzweifelten Defensive. So darf man jedenfalls die in Niggemeiers Blog dargestellten Zustände bei GEO verstehen. In dieser einst erfolgreichen Zeitschrift werden Artikel der eigenen Autoren massentauglich frisiert und derartig entstellt, dass zumindest ein Autor dagegen klagte - und gewann" "Der 67-jährige Jungblut schreibt seit Jahrzehnten als freier Autor für „Geo” und andere Magazine. Einige seiner Reportagen, zum Beispiel undercover als Steuermann auf einem Supertanker, sind als Bücher erschienen. Früher, sagt er, sei „Geo” ein ausgesprochenes Autorenblatt gewesen, in dem die Schreiber und ihre spezielle Schreibe weit mehr respektiert wurden als bei anderen Zeitschriften. Heute seien extensive Textänderungen die Regel. Dadurch seien sogar so renommierte Autoren wie Horst Stern und die spätere Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller vergrault worden."
Die Hintergründe für diese hektische Betriebsamkeit dieser Zeitschrift kann man im selben Ursprung sehen wie das genannte Angebot der WAZ: Es muss Quote gemacht werden, da der Umsatz kontinuierlich sinkt. Man kann das bei MEEDIA überprüfen. GEO z.B. hat in den letzten Jahren etwa 30% seiner Leser verloren, und der Trend hält an.
_______
Kommentare ggf im Egoistenblog hinterlassen
"Die Essener WAZ-Mediengruppe hat ein Portal eingerichtet, über das anonym Informationen hochgeladen werden können. "Wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die Zeugen zweifelhafter Vorgänge sind", steht auf der Seite zu lesen. "Wir wissen genauso, dass es viele Menschen gibt, die über Dokumente, Filme oder Verträge verfügen, die sie veröffentlicht sehen wollen, um Missstände zu offenbaren und Diskussionen anzuregen."
Das Hochladen und Versenden von Material sowie das Schreiben einer E-Mail erfolgt dabei SSL-verschlüsselt von Ende zu Ende. Die Sitzungsdaten werden zudem automatisch anonymisiert."
Sie empfinden ein solches Angebot als Armutszeichen für den klassischen Journalismus? Sind die "investigativen" Journalisten seit den legendären Zeiten der Washington Post ausgestorben und haben ihren Platz 400-Euro-Jobbern überlassen? Diese Vermutung hat etwas für sich. Das Zuspielen von Datenlöchern gewinnt gegenüber der umfassenden Recherche immer mehr Raum: "Die eingereichten Unterlagen sollen als Quellen für Geschichten dienen, die journalistisch aufgearbeitet werden." Aufgearbeitet, ach so. Neudeutsch bedeutet das: Verwurstet.
Natürlich gibt es den seriösen Journalismus, aber er ist in einer verzweifelten Defensive. So darf man jedenfalls die in Niggemeiers Blog dargestellten Zustände bei GEO verstehen. In dieser einst erfolgreichen Zeitschrift werden Artikel der eigenen Autoren massentauglich frisiert und derartig entstellt, dass zumindest ein Autor dagegen klagte - und gewann" "Der 67-jährige Jungblut schreibt seit Jahrzehnten als freier Autor für „Geo” und andere Magazine. Einige seiner Reportagen, zum Beispiel undercover als Steuermann auf einem Supertanker, sind als Bücher erschienen. Früher, sagt er, sei „Geo” ein ausgesprochenes Autorenblatt gewesen, in dem die Schreiber und ihre spezielle Schreibe weit mehr respektiert wurden als bei anderen Zeitschriften. Heute seien extensive Textänderungen die Regel. Dadurch seien sogar so renommierte Autoren wie Horst Stern und die spätere Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller vergrault worden."
Die Hintergründe für diese hektische Betriebsamkeit dieser Zeitschrift kann man im selben Ursprung sehen wie das genannte Angebot der WAZ: Es muss Quote gemacht werden, da der Umsatz kontinuierlich sinkt. Man kann das bei MEEDIA überprüfen. GEO z.B. hat in den letzten Jahren etwa 30% seiner Leser verloren, und der Trend hält an.
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Wikirebels
10.Dez.2010 21:08 Uhr
Eine umfangreiche (englischsprachige) Dokumentation. Inmitten dieser beispiellosen Ereignisse, in denen die westlichen Nationen in Sachen Pressefreiheit nicht gerade eine gute Figur machen, sondern primitive Attacken gegen Assange starten und damit eine Art Cyberwar auslösen, muss man auch den Preis beachten, der für diese Transparanz zu zahlen ist. Denn die Arbeit der Diplomaten - beispielsweise in Ost-Timor- ist akut bedroht, weil ihre Informanten durch solche Indiskretionen um ihr Leben fürchten müssen. Hier ein Artikel zu diesem Thema, der die Schattenseite von Wikileaks beleuchtet: „Allow me to illustrate with an example. Every few months, I would visit a little whitewashed school in the hills of Indonesian-occupied East Timor. The young teacher who ran the school would cheerfully bring me into her office, and we would chat about small things while her uniformed students would serve us homemade buns and strong coffee in chipped porcelain. Once the students left and the office door closed, the teacher would open her desk drawer and with a shaking hand give me horrifying photos of disinterred bodies. The Timorese resistance would dig up the fresh graves of torture victims, take photos for evidence, and pass them through their underground networks to this teacher, who would then get them out of the country through me and other diplomats. With that information we knew what the Indonesian military was doing in secret. We could better confront Jakarta, and we could assert more pressure on them to stop.“
Assange ist der Robin Hood unserer Tage. Er verteilt nicht Geld, sondern Informationen. Die Folgen des politischen Vertrauensverlusts, der durch diese Diebstähle angerichtet wird, zeigen sich in der Provinz, in Jakarta und anderswo- eben dort, wo wir es kaum wahrnehmen.
"Eine Frage noch.."
08.Dez.2010 20:07 Uhr
„Entschuldigung“ sagt man meistens, wenn man unvermittelt einen Passanten anspricht, um nach dem weg oder der Uhrzeit zu fragen. Man entschuldigt sich - so Jürgen Kaube in der kleinen Reflektion „Sich melden“ (FAZ, Nr. 286, Seite N3)- für die Kontaktaufnahme. Im Gegensatz dazu steht die Interruption des „Eine Frage noch..“ („Eine Frage noch, wie lange geht das denn noch heute Abend?“). In diesem Fall entschuldigt man sich nicht unbedingt, überschreitet aber dennoch Grenzen, weil man aus dem zu erwartenden Ablauf oder Kontext ausschert. Es geht keine Entschuldigung voraus, aber man kündigt vorsichtshalber die eventuell ungebührliche, persönliche Frage an. Man fordert damit quasi einen Freiraum ein, etwas Unerwartetes zu fragen, und in diesem Zusammenhang eine gewisse „außerplanmäßige Zuwendung“ zu verlangen. Es gibt Leute, die haben dieses Außerplanmäßige gewissermaßen zum Prinzip erhoben und nerven auf der Studienreise damit geradezu planmäßig.
Jürgen Kaube will nun auf etwas Bestimmtes hinaus, nämlich auf den Einsatz solcher „außerplanmäßigen Zuwendung“ auf Schüler in ihrem Unterricht. Er bezieht sich auf eine neue Studie des Erziehungswissenschaftlers Thomas Wenzl („Sich melden“). Darin wird festgestellt, dass die Schulneulinge zunächst lernen, Melderegeln zu beachten, indem sie möglichst nicht in die Klasse rufen und möglichst mit ihren Beiträgen im Thema bleiben. In der vierten Klasse halten Schüler diese Regeln meist einigermaßen ein, schnipsen aber, rudern mit den Armen und machen Geräusche, um drangenommen zu werden, wenn sie sich melden. In der fünften Klasse kommt dann das „situative Brechen der Melderegel“ durch das „Ich hab da mal eine Frage“. Dies ist zwar das Einfordern von Zuwendung und Redezeit, weicht auch vom zu erwartenden Ablauf ab, tut dies nach der Studie nicht mit privaten Anliegen. Ihr Anliegen nimmt einen anderen Standpunkt ein, bleibt aber im thematischen Kontext und bereichert diesen mit einem unkonventionellen Blickwinkel. Die Schüler haben dies zu unterscheiden gelernt; ihr Fragestandpunkt beleuchtet das Thema von außen, bereichert es aber. Dieser besondere Sichtwinkel erfordert eine gewisse Ankündigung.
Die Pointe dieser Studie liegt darin, dass in der Studie gerade das Fragen im sozialen Kontext betrachtet wird. Das lange verbreitete Ideal möglichst individuellen Unterrichts wird hier nicht vertreten, sondern eine Haltung, die aus der individuellen Fragehaltung heraus dennoch orientiert ist an der Bedeutung für alle. Das ist eine Grundkompetenz, die sonst in den pädagogischen Zielsetzungen nicht beachtet wird. Es ist auch dies eine Zielsetzung, die originär in den schulischen Kontext hinein gehört- in der Familie, in der Peergroup geht es selten darum, sich an einem thematischen Kontext zu orientieren. Die Fokussierung darauf ist gerade Sache von Schule. Unsachliche und allzu persönliche Anliegen wirken im Fluss der Beiträge, Diskussionen und Arbeiten eher störend. Es wird also gerade gelehrt, durch den individuellen Beitrag im Kontext zu verbleiben und das Ganze zu bereichern- in dieser Hinsicht also von der Individualität abzusehen und darüber hinaus zu gehen. Den „Fluss“ des Gesprächs zu beachten, ist eine grundlegende soziale Variante des Abstraktionsvermögens. Es handelt sich um die Fähigkeit, konstruktiv zu handeln. Individualität im sozialen Kontext und im gedanklichen Zusammenhang- wer das vermag, wird für jeden Zusammenhang eine Bereicherung sein. „Eine Frage noch“ ist dann kein nervendes Vortragen persönlicher Anliegen, sondern ein planmäßiger Anstoss zur Klärung des Zusammenhangs.
____________________
Beitrag und eventuelle Diskussion auch im neuen Egoistenblog
Jürgen Kaube will nun auf etwas Bestimmtes hinaus, nämlich auf den Einsatz solcher „außerplanmäßigen Zuwendung“ auf Schüler in ihrem Unterricht. Er bezieht sich auf eine neue Studie des Erziehungswissenschaftlers Thomas Wenzl („Sich melden“). Darin wird festgestellt, dass die Schulneulinge zunächst lernen, Melderegeln zu beachten, indem sie möglichst nicht in die Klasse rufen und möglichst mit ihren Beiträgen im Thema bleiben. In der vierten Klasse halten Schüler diese Regeln meist einigermaßen ein, schnipsen aber, rudern mit den Armen und machen Geräusche, um drangenommen zu werden, wenn sie sich melden. In der fünften Klasse kommt dann das „situative Brechen der Melderegel“ durch das „Ich hab da mal eine Frage“. Dies ist zwar das Einfordern von Zuwendung und Redezeit, weicht auch vom zu erwartenden Ablauf ab, tut dies nach der Studie nicht mit privaten Anliegen. Ihr Anliegen nimmt einen anderen Standpunkt ein, bleibt aber im thematischen Kontext und bereichert diesen mit einem unkonventionellen Blickwinkel. Die Schüler haben dies zu unterscheiden gelernt; ihr Fragestandpunkt beleuchtet das Thema von außen, bereichert es aber. Dieser besondere Sichtwinkel erfordert eine gewisse Ankündigung.
Die Pointe dieser Studie liegt darin, dass in der Studie gerade das Fragen im sozialen Kontext betrachtet wird. Das lange verbreitete Ideal möglichst individuellen Unterrichts wird hier nicht vertreten, sondern eine Haltung, die aus der individuellen Fragehaltung heraus dennoch orientiert ist an der Bedeutung für alle. Das ist eine Grundkompetenz, die sonst in den pädagogischen Zielsetzungen nicht beachtet wird. Es ist auch dies eine Zielsetzung, die originär in den schulischen Kontext hinein gehört- in der Familie, in der Peergroup geht es selten darum, sich an einem thematischen Kontext zu orientieren. Die Fokussierung darauf ist gerade Sache von Schule. Unsachliche und allzu persönliche Anliegen wirken im Fluss der Beiträge, Diskussionen und Arbeiten eher störend. Es wird also gerade gelehrt, durch den individuellen Beitrag im Kontext zu verbleiben und das Ganze zu bereichern- in dieser Hinsicht also von der Individualität abzusehen und darüber hinaus zu gehen. Den „Fluss“ des Gesprächs zu beachten, ist eine grundlegende soziale Variante des Abstraktionsvermögens. Es handelt sich um die Fähigkeit, konstruktiv zu handeln. Individualität im sozialen Kontext und im gedanklichen Zusammenhang- wer das vermag, wird für jeden Zusammenhang eine Bereicherung sein. „Eine Frage noch“ ist dann kein nervendes Vortragen persönlicher Anliegen, sondern ein planmäßiger Anstoss zur Klärung des Zusammenhangs.
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Eine Facebook- Biografie
11.Nov.2010 22:30 Uhr
Spuren des Lebens bei Facebook- oder ein Leben in Facebook? Dieses visuelle Essay wurde wieder einmal bei den Netzpiloten präsentiert.
Picnic with Sergey
10.Nov.2010 22:49 Uhr
Die wunderbaren, aber manchmal verstörenden Foto- Essays von Magnum werden durch dieses bizarre Picnic ergänzt.


Fischer im virtuellen Raum
04.Nov.2010 19:27 Uhr

Nein, diesmal sind nicht die Phisher gemeint, die kriminellen Fänger im Roggen, die auf Kennwörter und Zugangsdaten Anderer aus sind. Gemeint sind wir alle, die wir im virtuellen Raum unsere Angelschnüre und Reusen auslegen. Manche haben die scharfe duale Unterscheidung zwischen realer Umgebung (Familie, Beruf, Freunde) und Virtualität offenbar verloren und sind unterwegs im Sinne einer Ersatzhandlung für all das, was man gemeinhin „soziales Leben“ nennt. Das mag an den persönlichen Umständen liegen oder auch daran, dass im Privaten einiges schief gegangen ist. Andere haben nie eine Umwelt ohne technologische Kontaktmöglichkeiten kennen gelernt. Für sie ist Technik zu einem normalen Teil ihrer kommunikativen Strukturen geworden. Es ist dann schwer oder sogar unerträglich, im Urlaub auf einem Zeltplatz oder im Hochgebirge „keinen Empfang“ zu haben.
Viele Untersuchungen in den letzten Jahren haben gezeigt, dass der Idealismus der Cyberpioniere, die von einer globalen Informations- und Kommunikationsstruktur träumten, inzwischen weitgehend begraben ist. Dies vor allem deshalb, weil die technischen Möglichkeiten zu offenen kommunikativen Strukturen zwar vorhanden sind, aber nicht das Bedürfnis danach besteht. Was vor allem gesucht wird, sind verlässliche und bestätigende Rückmeldungen Anderer. Man bewegt sich in Interessenverbänden, man sucht die Selbstvergewisserung, die Peergroup, die virtuelle Clique.
Es gibt ein Buch über das Gesicht, das ich in den nächsten Tagen einmal heraus suchen möchte. Darin wird z.B. die Auswirkung einer Gesichtslähmung nach Schlaganfällen betrachtet. Häufig geraten die Betroffenen und Erkrankten nicht wegen der direkten Auswirkungen der Krankheit in völlige soziale Isolation, sondern wegen der fehlenden Aktivität ihrer Gesichtsmuskeln. Sie geben ihren Gesprächspartnern nicht mehr die unbewusste, aber essentielle Bestätigung, die unwillkürlich im Gespräch durch unser Gesicht huscht: ein Lächeln, ein Ausdruck einer Emotion. Die Erkrankten werden als gestört, emotionslos oder abweisend erlebt, obwohl ihnen das von ihrem Erleben her ferne liegt; doch die kommunikativen Bestätigungsmuster im Gesicht fehlen ihnen. Ihre Empfindungen sind unsichtbar geworden. Für ihre Kommunikationspartner ist das schwer erträglich oder wird gänzlich falsch interpretiert. Offensichtlich benötigen wir dieses Feld von Selbstbestätigung denn am Du erleben wir uns als Ich- es konstituiert uns. Wer uns das nicht geben kann oder will, wird im Allgemeinen gemieden.
Ähnlich scheinen viele Gesprächskreise - etwa bei Facebook- zu funktionieren. Es ist ja bezeichnend, dass es *dort* zwar einen „Gefällt mir“-Button unter den Beiträgen Anderer gibt, nicht aber einen Button, der Neutralität oder Diskussionsbedarf meldet. Bestätige mich oder lass mich in Ruhe, ist die Devise.
Bei Facebook ist die Selbstdarstellung und der damit verbundene Versuch, Bestätigungen zu suchen, Geschäftsprinzip. Wer seine virtuelle Clique nicht findet, macht *hier* etwas verkehrt. Die gleiche Tendenz findet man aber genauso in Mailgroups oder in den den Kommentarfunktionen von Blogs. Ausnahmen sind die „Trolle“, die unentwegt Aufmerksamkeit durch gegenläufige oder provozierende Comments suchen. Auch das kann aber eine Form von Selbstbestätigung sein.
Die sozialen Netzwerke sind die neue Clique. Sie bieten den Fischern im virtuellen Raum ein reich gefülltes Becken an- einen virtuellen Projektionsraum für unsere Sehnsucht, angeschaut zu werden.
Deutsches "Age of Anxiety"
25.Okt.2010 21:49 Uhr
Ein bitterböser, erhellender, aber auch einseitiger Blick auf die (teilweise) misslungene deutsche Integrationspolitik von „Foreign Policy“, also aus sehr amerikanischer Sicht.
Aber es ist schon scharfsinnig, wie umfassend der neuerliche populistische Schwenk Angela Merkels betrachtet wird. Einmal nahe bei Özil, dem Vorzeigetürken, der gar keiner ist, in einer Umkleidekabine, und das war es schon mit aktueller „Integrationspolitik“?

Aber es ist schon scharfsinnig, wie umfassend der neuerliche populistische Schwenk Angela Merkels betrachtet wird. Einmal nahe bei Özil, dem Vorzeigetürken, der gar keiner ist, in einer Umkleidekabine, und das war es schon mit aktueller „Integrationspolitik“?

Die Grosse Amerikanische Infanterie
20.Okt.2010 20:54 Uhr
Ich bin dem Herrn begegnet, aber, wenn man so will, als einer seiner Dienstleister. Obwohl er vielleicht knapp über 35 Jahre alt war, hatte er davon eine ganze Menge. Wenn er einen Raum betrat, mit seiner Statur von über zwei Metern, seinem gewaltigen Händedruck, den intelligenten, bereits bebrillten wachen Augen, mutierte fast jeder der Anwesenden zu einem seiner Dienstleister.
Trotz seiner nach Außen vorweg getragenen Lässigkeit fragte er stets scharf und genau nach, erwartete exakte zeitliche Angaben und forderte implizit Verlässlichkeit. Er hätte gut als amerikanisches Klischee durchgehen können, war aber ein waschechter Deutscher. Behörden, mit denen er es zu tun hatte, knickten gleich ein. Die üblichen systemimmanenten Widerstände blieben ihm gegenüber aus. Man machte ihm auch sofort Zusagen, die er noch gar nicht eingefordert hatte. Es war nicht nur sein Geld oder etwas Abstraktes wie seine „Position“. Mit ihm, fühlte man selbst dann, wenn er in Turnschuhen herein kam, hatte man das Gefühl, die Grosse Amerikanische Infanterie rücke gerade an. Man gestand ihm zu, was er fordern könnte. Man erkannte sofort seinen Verstand und seine Durchsetzungskraft. Auch der verträumteste Beamte erkannte das bei ihm intuitiv und ließ jede Abwehr fahren.
Der Herr war ein wunderbarer Einklang von Selbstbild und biologischer Integrität. Er glaubte selbst daran, die Wucht zu sein, die er darstellte. Da war nichts gespielt. Die Selbstdarsteller und die Popanze erkennt jeder sofort. Woran eigentlich erkennen wir so selbstverständlich, dass jemand sich selbst und/oder Anderen etwas vormacht?
Trotz seiner nach Außen vorweg getragenen Lässigkeit fragte er stets scharf und genau nach, erwartete exakte zeitliche Angaben und forderte implizit Verlässlichkeit. Er hätte gut als amerikanisches Klischee durchgehen können, war aber ein waschechter Deutscher. Behörden, mit denen er es zu tun hatte, knickten gleich ein. Die üblichen systemimmanenten Widerstände blieben ihm gegenüber aus. Man machte ihm auch sofort Zusagen, die er noch gar nicht eingefordert hatte. Es war nicht nur sein Geld oder etwas Abstraktes wie seine „Position“. Mit ihm, fühlte man selbst dann, wenn er in Turnschuhen herein kam, hatte man das Gefühl, die Grosse Amerikanische Infanterie rücke gerade an. Man gestand ihm zu, was er fordern könnte. Man erkannte sofort seinen Verstand und seine Durchsetzungskraft. Auch der verträumteste Beamte erkannte das bei ihm intuitiv und ließ jede Abwehr fahren.
Der Herr war ein wunderbarer Einklang von Selbstbild und biologischer Integrität. Er glaubte selbst daran, die Wucht zu sein, die er darstellte. Da war nichts gespielt. Die Selbstdarsteller und die Popanze erkennt jeder sofort. Woran eigentlich erkennen wir so selbstverständlich, dass jemand sich selbst und/oder Anderen etwas vormacht?
Das Ebenmaß
05.Sep.2010 21:37 Uhr

An der Wasserseite zeigen die Städte - ob Sydney, Bilbao, London, Düsseldorf oder eben hier Köln- gern ihre besonders spektakuläre Seite, eine Bühne über die Weite des Wassers hin. Eine Visitenkarte für den Ankömmling und ein weiter Blick für die begüterten Bewohner. An seiner neuen städtischen Rheinseite präsentiert sich Köln nun auch in einer gewissen modernistischen Uniformität, die gerade durch die Exzentrik ihrer Einzelbauten entsteht. Die urbane Globalisierung hinterlässt eben ihre Spuren.
Die realen Stadtbewohner, die bisher gern am Wochenende hier saßen, redeten und grillten, werden vertrieben. Sie dürfen jetzt zwischen Stahl, Glas und glattem Stein einen Latte Macciato bestellen. War- sagen wir einmal- die griechische Architektur von der Suche nach dem Ebenmaß der Dinge bestimmt, vom Einklang zwischen Innenraum und Weite, zwischen Höhe und Ort, zwischen Landschaft und Dinglichkeit, zwischen Mensch und Tempel, so sehen wir heute in diesen Bauten den Ausdruck eines Individualismus, der sich selbst genug ist. Der allenfalls dem Effekt verbunden ist, aber weder der Örtlichkeit noch dem Bedürfnis des Menschen. Diese Architektur sagt: der Auftritt ist alles. Der in Form gefundene Individualismus führt sich allerdings selbst absurdum, weil er überall um den Globus auftritt. Er trägt die Insignien des globalen Yuppietums.
Virtualität & Schicksalsschlag
01.Sep.2010 19:37 Uhr
Auf dem Blog „Netzwertig“ wird angesichts des Neuen Lebens in den Netzen, das wir seit etwa einem Jahrzehnt erleben, gefragt, wie man mit realen Schicksalsschlägen, denen man durch Kontakte im Social Web begegnet, fertig werden kann: „Mit den Möglichkeiten des Social Web wächst unser Netzwerk. Je mehr lose Verbindungen wir besitzen, desto häufiger werden wir “Zeuge” von individuellen Schicksalsschlägen.“ Die vielen - manchmal losen - Kontakte im Internet führen zunehmend dazu, dass man unvermittelt mit dem Unglück von virtuellen Gesprächspartnern konfrontiert wird. Im ersten Augenblick wirkt das eventuell wie eine Grenzüberschreitung. Denn die meisten derartigen Beziehungen haben einen eher ausschnitthaften Charakter. Man teilt meist bestimmte Interessen und Themen.
Dennoch sind die Netzkontakte weniger anonym als man im ersten Augenblick denken mag. Sprachliche Wendungen, Sichtweisen, Reaktionsmuster und dadurch übermittelte emotionale Befindlichkeiten führen auch bei Email-, Social-Netzwork- und Forenpartnern nicht selten zu einem recht deutlichen Bild vom Anderen und zu einer Art von Beziehung, die über Jahre halten kann. Abgehoben von Mimik, Gestik und Gestalt konzentrieren sich die Kontakte manchmal in gewisser Hinsicht sogar gegenüber realen Freundschaften- dies um so mehr, da das Verdecktsein durch das Medium zu einer grösseren Öffnung führt als dies im Alltag für Manchen üblich sein mag. Die Durchmischung von Abstraktion, Anonymität und dadurch bedingter übermäßiger Direktheit führt dann, wie im Blog berichtet wird, gelegentlich zu seltsamen Effekten: „Ein Twitter-Nutzer kündigte bei dem Microbloggingdienst an, sich das Leben nehmen zu wollen. In einem Tweet veröffentlichte er seine Handynummer mit dem Aufruf, man solle ihn überreden, seine Entscheidung zu ändern. Und tatsächlich gelang es einem Follower, ihn von dem Suizidversuch abzuhalten und rechtzeitig Alarm zu schlagen.“ Das führt zu der Erfahrung, plötzlich „Teil eines menschlichen Schicksals (zu sein), ohne zu dieser Person vorher irgendeine Bindung gehabt zu haben.“
An der Nahtstelle von virtuellen und höchst realen Kontakten müssen wir unsere Verbindlichkeit und Verantwortung neu verorten.
Dennoch sind die Netzkontakte weniger anonym als man im ersten Augenblick denken mag. Sprachliche Wendungen, Sichtweisen, Reaktionsmuster und dadurch übermittelte emotionale Befindlichkeiten führen auch bei Email-, Social-Netzwork- und Forenpartnern nicht selten zu einem recht deutlichen Bild vom Anderen und zu einer Art von Beziehung, die über Jahre halten kann. Abgehoben von Mimik, Gestik und Gestalt konzentrieren sich die Kontakte manchmal in gewisser Hinsicht sogar gegenüber realen Freundschaften- dies um so mehr, da das Verdecktsein durch das Medium zu einer grösseren Öffnung führt als dies im Alltag für Manchen üblich sein mag. Die Durchmischung von Abstraktion, Anonymität und dadurch bedingter übermäßiger Direktheit führt dann, wie im Blog berichtet wird, gelegentlich zu seltsamen Effekten: „Ein Twitter-Nutzer kündigte bei dem Microbloggingdienst an, sich das Leben nehmen zu wollen. In einem Tweet veröffentlichte er seine Handynummer mit dem Aufruf, man solle ihn überreden, seine Entscheidung zu ändern. Und tatsächlich gelang es einem Follower, ihn von dem Suizidversuch abzuhalten und rechtzeitig Alarm zu schlagen.“ Das führt zu der Erfahrung, plötzlich „Teil eines menschlichen Schicksals (zu sein), ohne zu dieser Person vorher irgendeine Bindung gehabt zu haben.“
An der Nahtstelle von virtuellen und höchst realen Kontakten müssen wir unsere Verbindlichkeit und Verantwortung neu verorten.
Wie man einen Krieg verliert
22.Aug.2010 19:51 Uhr
Visualisation of Activity in Afghanistan using the Wikileaks data from Mike Dewar on Vimeo.
Das Video von Mike Dewar basiert auf den strategischen Daten, die bei Wikileaks publiziert worden sind und zeigt die kriegerischen Aktivitäten in Afghanistan. Man ahnt auch, warum Wikileaks derartig angefeindet wird. Durch die Visualisierung von Daten, die über Jahre hinweg reichen, wird deutlich, dass dieser Krieg verloren ist:
„The intensity of the heatmap represents the number of events logged. The colour range is from 0 to 60+ events over a one month window. We cap the colour range at 60 events so that low intensity activity involving just a handful of events can be seen - in lots of cases there are many more than 60 events in one particular region. The heatmap is constructed for every day in the period from 2004-2009, and the movie runs at 10 days per second. The orange lines represent the major roads in Afghanistan, and the black outlines are the individual administrative regions.“ (Quelle)
Die ungedeckten Worte
19.Aug.2010 20:49 Uhr
Die wunderbare schöne neue Welt kommt heute im Reiseblatt der FAZ (Nr 191, Seite R1) daher als ein Bericht über Abu Dhabi. Auch hier werden virtuelle, aber dennoch real zu bereisende Urlaubsfantasien wahr, und zwar in einem riesigen Freizeitpark von 200000 Quadratmetern- alles unter einer roten Zeltplane und klimatisiert. Momentan wird gerade gebaut: „Wir besehen uns die Menschen, die über, unter, links und rechts von uns an der Arbeit sind. Sie bilden lange Ketten und reichen sich Materialien an. Sie entstauben und streichen. Sie sitzen auf künstlichen Ahornbäumen und montieren Zweige.“
Aber montierte Ahornzweige gibt es natürlich nicht nur in Golfstaaten mit bizarrem Reichtum, nicht nur in Hollywood- Blockbustern und Spielhallen. So etwas bringen in übertragenem Sinne auch Anthroposophen zustande, die sich pseudo- okkultistisch mit ungedeckten Worten umgeben. So formulierte Georg Kühlewind jedenfalls in seinem kaum verklausulierten Zorn:
„Über die Erfahrungen eines Geistesforschers zu sprechen, wenn man sie nicht selbst vollziehen kann, ist nur in dem Sinne berechtigt, dass man sie als den Bericht eines Geistesforschers auffasst, nicht aber sich so auf sie beruft, als wären sie für mich Wirklichkeit. Die ungedeckten Worte, das Reden über Nicht- Erfahrenes, die Verstandeskombinationen von Erfahrungselementen, die keine eigenen Erfahrungen sind, all dies bildet eine isolierende Schicht von unrichtigen Vorstellungen, denen die Wahrnehmungsseite fehlt, die durch Vorstellungselemente aus der Sinnes- oder Vergangenheitswelt ersetzt wird, eine isolierende Schicht, die den so Sprechenden und meistens seine Zuhörer immer mehr von der Realität trennt: von der Realität der Gegenwärtigkeit, des Geistes, von der äußeren und inneren Realität.
Der Missbrauch des Wortes führt zu einem Illusionismus, der das hervorstechende Merkmal hat, das, was nur als Illusion gegeben ist, zu behaupten, wodurch wiederum die Illusion verdeckt und ihre Verwirklichung verhindert wird. Das gilt für die Beteuerung des „esoterischen“ Charakters, der „Wichtigkeit“, der „Weltbedeutung“ usw. Gäbe es das alles, würde man es nicht beteuern müssen. Die Beteuerung ist gerade das Zeichen für die Irrealität der Behauptung.“ (Kühlewind, Die Diener des Logos, 1981, S. 92)
Derlei Illusionismus begegnet einem in der Szene auch heute noch auf Schritt und Tritt- in den Sonntagsansprachen der diversen Breviere, aber auch in Büchern anerkannter Repräsentanten. Die neuen Medien tragen ihren Anteil dazu bei, dass die frohe Kunde des ungedeckten Worts sich quer durchs Internet verbreitet und durchaus wesentlich mehr Anhänger findet als nüchterne Recherchen. So schart eine Enddreissigerin bei Facebook 360 Anhänger um sich, die an ihren Lippen hängen, weil oder obwohl sie behauptet, die Reinkarnation Rudolf Steiners zu sein. Von den blutenden Wundmalen einer Judith von Halle und ihren visionären Eingebungen ganz zu schweigen. Wir sind heute -technologisch, medial, aber auch spirituell - noch einen Schritt tiefer gesunken als zu Kühlewinds Zeiten vor vielleicht dreissig Jahren. Heute werden vielfach nicht nur Bände mit geraunten „Geheimnissen“, Verschwörungen und geheimen Logen gefüllt, heute bekommt die Ungedecktheit eine eigene Dynamik und nimmt visionären Charakter an. Dort wo das auftritt, taumelt stets eine Gemeinschaft von Gläubigen hinterher. Offensichtlich folgt der illusionären Ungedecktheit eine Art Gärung, der immer fantastischere Erfahrungen und Behauptungen entspringen.
Abu Dhabi ist überall.
Aber montierte Ahornzweige gibt es natürlich nicht nur in Golfstaaten mit bizarrem Reichtum, nicht nur in Hollywood- Blockbustern und Spielhallen. So etwas bringen in übertragenem Sinne auch Anthroposophen zustande, die sich pseudo- okkultistisch mit ungedeckten Worten umgeben. So formulierte Georg Kühlewind jedenfalls in seinem kaum verklausulierten Zorn:
„Über die Erfahrungen eines Geistesforschers zu sprechen, wenn man sie nicht selbst vollziehen kann, ist nur in dem Sinne berechtigt, dass man sie als den Bericht eines Geistesforschers auffasst, nicht aber sich so auf sie beruft, als wären sie für mich Wirklichkeit. Die ungedeckten Worte, das Reden über Nicht- Erfahrenes, die Verstandeskombinationen von Erfahrungselementen, die keine eigenen Erfahrungen sind, all dies bildet eine isolierende Schicht von unrichtigen Vorstellungen, denen die Wahrnehmungsseite fehlt, die durch Vorstellungselemente aus der Sinnes- oder Vergangenheitswelt ersetzt wird, eine isolierende Schicht, die den so Sprechenden und meistens seine Zuhörer immer mehr von der Realität trennt: von der Realität der Gegenwärtigkeit, des Geistes, von der äußeren und inneren Realität.
Der Missbrauch des Wortes führt zu einem Illusionismus, der das hervorstechende Merkmal hat, das, was nur als Illusion gegeben ist, zu behaupten, wodurch wiederum die Illusion verdeckt und ihre Verwirklichung verhindert wird. Das gilt für die Beteuerung des „esoterischen“ Charakters, der „Wichtigkeit“, der „Weltbedeutung“ usw. Gäbe es das alles, würde man es nicht beteuern müssen. Die Beteuerung ist gerade das Zeichen für die Irrealität der Behauptung.“ (Kühlewind, Die Diener des Logos, 1981, S. 92)
Derlei Illusionismus begegnet einem in der Szene auch heute noch auf Schritt und Tritt- in den Sonntagsansprachen der diversen Breviere, aber auch in Büchern anerkannter Repräsentanten. Die neuen Medien tragen ihren Anteil dazu bei, dass die frohe Kunde des ungedeckten Worts sich quer durchs Internet verbreitet und durchaus wesentlich mehr Anhänger findet als nüchterne Recherchen. So schart eine Enddreissigerin bei Facebook 360 Anhänger um sich, die an ihren Lippen hängen, weil oder obwohl sie behauptet, die Reinkarnation Rudolf Steiners zu sein. Von den blutenden Wundmalen einer Judith von Halle und ihren visionären Eingebungen ganz zu schweigen. Wir sind heute -technologisch, medial, aber auch spirituell - noch einen Schritt tiefer gesunken als zu Kühlewinds Zeiten vor vielleicht dreissig Jahren. Heute werden vielfach nicht nur Bände mit geraunten „Geheimnissen“, Verschwörungen und geheimen Logen gefüllt, heute bekommt die Ungedecktheit eine eigene Dynamik und nimmt visionären Charakter an. Dort wo das auftritt, taumelt stets eine Gemeinschaft von Gläubigen hinterher. Offensichtlich folgt der illusionären Ungedecktheit eine Art Gärung, der immer fantastischere Erfahrungen und Behauptungen entspringen.
Abu Dhabi ist überall.
Kreuz net hat wieder Schaum vor dem Mund
17.Aug.2010 00:00 Uhr

Die ziemlich fundamentalistische Katholiken- Website kreuz.net erregt sich unter dem Titel „Sie hassen die Familie“ wieder einmal über Schwule, die in diesem Bericht offenbar gefährlich mittels „Regenschirmen und Luftballons“ gegen eine Veranstaltung demonstriert hatten:
„Die Zusammenkunft war Teil der Kampagne „Summer for Marriage Tour“ – Sommerrundfahrt für die Ehe. Sie fand beim Capitol-Gebäude im Zentrum der Stadt Albany statt. Während einer Ansprache marschierten plötzlich mehrere militante Homo-Aktivisten mit farbigen Regenschirmen und Luftballons zum Rednerpult.
Sie wiesen sich als Apologeten des unmoralischen Homo-Konkubinats aus. Die Polizei wies sie darauf hin, daß die Veranstaltung eine reguläre Erlaubnis besaß. Doch die Homo-Fanatiker weigerten sich, das Feld zu räumen. Zugleich versuchten sie, die Anwesenden mit ihren Homo-Symbolen zu provozieren.“
Furchtbar!
Klaus Barbie, neue historische Forschungen
04.Aug.2010 15:29 Uhr

Nun arbeitet Peter Hammerschmidt in seiner Examensarbeit am Thema „„Der Schlächter von Lyon“ im Sold der USA – Über die Beziehungen zwischen Klaus Barbie und dem amerikanischen Geheimdienst“ und schreibt in einem Expose:
„Klaus Barbie, der sich ab November 1942 in seiner Rolle als Gestapo-Chef im besetzten Frankreich und als Leiter der IV. Sektion der Sicherheitspolizei und des SD einen Namen als „Schlächter von Lyon“ machte, wurde nach Kriegsende, 1952, von der französischen Regierung in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Bereits 5 Jahre zuvor, als der „Eiserne Vorhang“ über Europa niederging, war Barbie zum Agenten des US-amerikanischen Geheimdienst (CIC) geworden. Im Sold der USA und unter dem Schutzmantel des CIC gelang es Barbie schließlich, ausgestattet mit gefälschten Papieren des Internationalen Komitee des Roten Kreuzes, 1951 nach Bolivien zu emigrieren, ehe er zu Beginn der 1970er Jahre von den Eheleuten Klarsfeld aufgespürt, am 11.Mai 1987 angeklagt und schließlich am 4. Juli 1987 wegen der ihm angelasteten Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. 1991 starb Barbie im Alter von 77 Jahren in Haft.“
Hammerschmidt bemüht sich in seiner Arbeit darum, „eine Antwort auf die Frage zu liefern, welche Motive den amerikanischen Geheimdienst dazu trieben, den ab 1945 auf der Central Registry of War Crimes and Security Suspects (CROWCASS) stehenden Kriegsverbrecher in den Sold der USA zu nehmen und diesen in seiner Rolle als Agent vor der Auslieferung an die französischen Behörden zu schützen. In einem weiteren Schritt sollen schließlich die Mechanismen dargestellt werden, die der CIC bemühte, um den Agenten Barbie 1951, mit einer falschen Identität ausgestattet, unerkannt auf der so genannten „Rattenlinie“ nach Südamerika zu schleusen.
Die Forschungslage zu diesem komplexen Thema ist dabei sehr überschaulisch. Abgesehen von einer 1984 erschienen Barbie-Biographie von Tom Bower1 und dem von der amerikanischen Regierung in Auftrag gegebenen und 1983 veröffentlichten sog. „Ryan-Report“2, der die Beziehungen zwischen Barbie und den USA erstmals zu analysieren versuchte, ist keine wissenschaftliche Aufarbeitung verfügbar. Die geplante Examensarbeit erhebt demnach den Anspruch, einen ersten umfassenden Forschungsbeitrag zum „Fall Barbie“ zu leisten.“
Zurzeit ist Hammerschmidt dabei, „die entsprechenden CIC-,CIA-, DOJ- und FBI-Akten zu sichten. Die seit 2000 zugänglichen Bestände können im National Archive Washington eingesehen werden.“
Ich hoffe, dass wir zu gegebener Zeit von den Ergebnissen dieser Arbeit weiter berichten können.
Nebukadnezar
13.Jul.2010 14:18 Uhr
Octavio Paz beschreibt den inneren Zustand Mexikos vor der Revolution von 1910:
„Mexiko blieb, was es gewesen war, aber ohne jeden Glauben mehr an sich selbst. Die alten Werte waren nichtig geworden, nicht aber die alten Wirklichkeiten. Schnell haben neue progressistische und liberale Werte sie überlagert.
Die maskierte Wirklichkeit war der Anfang der Unechtheit und der Lüge- endemische Übel der lateinamerikanischen Länder. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren wir höchst pseudomodern. Wir hatten Eisenbahnen, aber auch Großgrundbesitz, eine demokratische Verfassung, aber auch einen Caudillo aus bester hispano- arabischer Tradition, positivistische Philosophen, aber auch präkolumbianische Kaziken, eine symbolistische Dichtung, aber auch den Analphabetismus.
Die Übernahme des nordamerikanischen Vorbildes trug zur Auflösung der traditionellen Werte zwar bei, aber die politischen und wirtschaftlichen Aktionen des nordamerikanischen Imperialismus stärkten zugleich die archaischen sozialen und politischen Strukturen. Dieser Widerspruch zeigt deutlich, dass die Ambivalenz dieses Giganten nicht imaginärer, sondern realer Natur war. Die Heimat Thoreaus war auch die Heimat Roosevelt- Nebukadnezars.“ (O.P., „Der menschenfreundliche Menschenfresser. Geschichte und Politik 1971-1980, S. 57, Frankfurt 1981)
Die zerfallenen „alten Werte“ kann man schwer beurteilen, die Analyse einer moralisch- geistigen Ambivalenz und Indifferenz zu Beginn des 20. Jahrhunderts dagegen schon. Sie trifft sicherlich nicht nur auf Mexiko zu. Wie aber sieht die Lage heute aus, 100 Jahre später und 12 Jahre nach Octavio Pazs Tod?
Politik, Kultur und Gesellschaft werden von der krankhaften Überspitzung der kapitalistischen Geschäftsidee, den Drogenkartellen, determiniert. Die „alten Werte“, die Paz beschreibt, sind nicht nur nicht mehr existent- selbst die „liberalen Werte“ sind gleichsam implodiert. Das ist eine politische und gesellschaftliche Degeneration, die anscheinend ständig wechselnde Länder befällt und von innen her zerstört: „Mehrere Drogenkartelle liefern sich in Mexiko eine blutige Auseinandersetzung um die lukrativen Schmuggelrouten in die USA. Seit 2006 fielen dem Drogenkrieg fast 23'000 Menschen zum Opfer. Die mexikanische Regierung setzt mehr als 50'000 Polizisten und Soldaten im Kampf gegen die Drogenbanden ein. Der Urnengang galt auch als inoffizielle Abstimmung über die Politik von Präsident Calderón im Kampf gegen den Drogenkrieg.“ (Quelle)
So werden Wahlen zur lebensgefährlichen Angelegenheit; Politik wird zum Spielball zersetzender Machtkämpfe von Kartellen. Natürlich schwingen im geschichtlichen Hintergrund religiöse Motive mit- nicht zuletzt das Ringen um politisch- geistigen Einfluss zwischen Franziskanern und Jesuiten. Letztere wurden getreu ihrer damaligen Strategie zum „Sprachrohr der Beschwerden, Hoffnungen und Bestrebungen der Kreolen, aus Neuspanien das andere Spanien zu machen“ (Paz, S. 26) und postulierten zu diesem Zweck die „Identität Quetzalcoatls mit dem Apostel Thomas“. Gleichzeitig erodierte jeder Zusammenhalt der Bevölkerungsgruppen. Die religiöse „Identität“ lag ohnehin mehr im „Hass gegen die Spanier“, denen man mit schwarzmagischen Ritualen Zu Leibe rücken wollte: „Bei der Reinigung eines Kanals von Mexiko- Stadt.. (fand man) eine riesige Anzahl von kleinen Zaubergegenständen..., Figürchen und Lehmpuppen..., die Spanier darstellten, die alle von Messern und Lanzen aus demselben Material durchstochen...“ gewesen seien (Paz, S. 33).
Auch Carlos Castaneda, zwielichtiger und umstrittener Fürsprecher neo- magischer Rituale, berichtete verschiedentlich in seinen Büchern, die aztekische Religion hätte in der Form überlebt, dass sich deren Hohepriester vornehmlich durch das Gewand des katholischen Priesters getarnt hätten („Und die geschichtliche Wirklichkeit kennt viele Arten, sich zu verbergen. Eine der wirksamsten ist die, sich dem Blick aller auszusetzen.“ -Paz, S. 22).
Heute ist das Opfern von Menschen anscheinend profanisiert- es dient nicht mehr quasi- religiösen und magischen Machtstrukturen, sondern der Gewinnmaximierung der Kartelle.
„Mexiko blieb, was es gewesen war, aber ohne jeden Glauben mehr an sich selbst. Die alten Werte waren nichtig geworden, nicht aber die alten Wirklichkeiten. Schnell haben neue progressistische und liberale Werte sie überlagert.
Die maskierte Wirklichkeit war der Anfang der Unechtheit und der Lüge- endemische Übel der lateinamerikanischen Länder. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren wir höchst pseudomodern. Wir hatten Eisenbahnen, aber auch Großgrundbesitz, eine demokratische Verfassung, aber auch einen Caudillo aus bester hispano- arabischer Tradition, positivistische Philosophen, aber auch präkolumbianische Kaziken, eine symbolistische Dichtung, aber auch den Analphabetismus.
Die Übernahme des nordamerikanischen Vorbildes trug zur Auflösung der traditionellen Werte zwar bei, aber die politischen und wirtschaftlichen Aktionen des nordamerikanischen Imperialismus stärkten zugleich die archaischen sozialen und politischen Strukturen. Dieser Widerspruch zeigt deutlich, dass die Ambivalenz dieses Giganten nicht imaginärer, sondern realer Natur war. Die Heimat Thoreaus war auch die Heimat Roosevelt- Nebukadnezars.“ (O.P., „Der menschenfreundliche Menschenfresser. Geschichte und Politik 1971-1980, S. 57, Frankfurt 1981)
Die zerfallenen „alten Werte“ kann man schwer beurteilen, die Analyse einer moralisch- geistigen Ambivalenz und Indifferenz zu Beginn des 20. Jahrhunderts dagegen schon. Sie trifft sicherlich nicht nur auf Mexiko zu. Wie aber sieht die Lage heute aus, 100 Jahre später und 12 Jahre nach Octavio Pazs Tod?
Politik, Kultur und Gesellschaft werden von der krankhaften Überspitzung der kapitalistischen Geschäftsidee, den Drogenkartellen, determiniert. Die „alten Werte“, die Paz beschreibt, sind nicht nur nicht mehr existent- selbst die „liberalen Werte“ sind gleichsam implodiert. Das ist eine politische und gesellschaftliche Degeneration, die anscheinend ständig wechselnde Länder befällt und von innen her zerstört: „Mehrere Drogenkartelle liefern sich in Mexiko eine blutige Auseinandersetzung um die lukrativen Schmuggelrouten in die USA. Seit 2006 fielen dem Drogenkrieg fast 23'000 Menschen zum Opfer. Die mexikanische Regierung setzt mehr als 50'000 Polizisten und Soldaten im Kampf gegen die Drogenbanden ein. Der Urnengang galt auch als inoffizielle Abstimmung über die Politik von Präsident Calderón im Kampf gegen den Drogenkrieg.“ (Quelle)
So werden Wahlen zur lebensgefährlichen Angelegenheit; Politik wird zum Spielball zersetzender Machtkämpfe von Kartellen. Natürlich schwingen im geschichtlichen Hintergrund religiöse Motive mit- nicht zuletzt das Ringen um politisch- geistigen Einfluss zwischen Franziskanern und Jesuiten. Letztere wurden getreu ihrer damaligen Strategie zum „Sprachrohr der Beschwerden, Hoffnungen und Bestrebungen der Kreolen, aus Neuspanien das andere Spanien zu machen“ (Paz, S. 26) und postulierten zu diesem Zweck die „Identität Quetzalcoatls mit dem Apostel Thomas“. Gleichzeitig erodierte jeder Zusammenhalt der Bevölkerungsgruppen. Die religiöse „Identität“ lag ohnehin mehr im „Hass gegen die Spanier“, denen man mit schwarzmagischen Ritualen Zu Leibe rücken wollte: „Bei der Reinigung eines Kanals von Mexiko- Stadt.. (fand man) eine riesige Anzahl von kleinen Zaubergegenständen..., Figürchen und Lehmpuppen..., die Spanier darstellten, die alle von Messern und Lanzen aus demselben Material durchstochen...“ gewesen seien (Paz, S. 33).
Auch Carlos Castaneda, zwielichtiger und umstrittener Fürsprecher neo- magischer Rituale, berichtete verschiedentlich in seinen Büchern, die aztekische Religion hätte in der Form überlebt, dass sich deren Hohepriester vornehmlich durch das Gewand des katholischen Priesters getarnt hätten („Und die geschichtliche Wirklichkeit kennt viele Arten, sich zu verbergen. Eine der wirksamsten ist die, sich dem Blick aller auszusetzen.“ -Paz, S. 22).
Heute ist das Opfern von Menschen anscheinend profanisiert- es dient nicht mehr quasi- religiösen und magischen Machtstrukturen, sondern der Gewinnmaximierung der Kartelle.
Thomas Reinsperger: Inclusion International 2010
10.Jul.2010 14:45 Uhr
In Berlin fand vom 16. - 19. Juni der 15. Weltkongress von Inclusion International statt, über den u.a. auch die „Lebenshilfe“ auf ihren Seiten berichtet. (1) Der Bundesvorsitzende der Lebenshilfe übersetzte den in Deutschland noch unbekannten Begriff „Inclusion“ mit der prägnanten Formel: „behindertengerecht ist menschengerecht“. Dieser Kongress hatte ca. 3000 Teilnehmer, darunter waren ca. 1000 Menschen mit geistiger Behinderung, sogenannte „Selbstvertreter“. Einer dieser „Selbstvertreter“ war Michaela, eine von mir betreute, junge, behinderte Frau. Ihr kurzer Bericht mir gegenüber und die von ihr mitgebrachten Unterlagen nehme ich zum Anlass einer kurzen Schilderung, wobei ihr persönliches Schicksal mit dem Tagungsthema korrespondiert, weshalb ich Michaelas Schicksal hier ebenfalls kurz darstelle.
weiter zum Text..
weiter zum Text..
Brücken bauen
03.Jul.2010 00:45 Uhr

Quelle des Bildes: Spiegel
In Bezug auf Technik gibt es ja das Bonmot, sie verspräche die Probleme zu lösen, die die Tatsache ihrer Nutzung erst hervor gerufen hat. Ähnliches liesse sich auf Politiker übertragen. Wulff versprach jedenfalls in seiner Antrittsrede, „Brücken bauen“ zu wollen zwischen den Menschen und den Parteien. In dieser Hinsicht ist er Teil des Problems, das er zu lösen verspricht. Denn durch Parteimanöver ist er zum Amt gekommen, die „Menschen“ wollten eigentlich einen Anderen- einen, der sich vor ihnen nicht als Blendamed- Lächel- Professioneller, einer PR- Fachfrau in ehelichen Banden zugewandt, aufbaut, um ihnen zu erklären, dass und wie sie das bei ihnen verlorenen gegangene Vertrauen zu dieser Form von Politik wieder zu entfalten hätten. Ich hatte eigentlich vor, seine komplette Antrittsrede hier in Extra- Kurzform wieder zu geben, aber, lieber Himmel, wir halten jetzt besser alle die Klappe und lassen ihm seine Zeit.
Facebook/BP- Boykott
01.Jul.2010 00:10 Uhr
CNN meldet, dass Facebook, das „soziale“ (aber nicht neutrale oder gar „offene“) Netzwerk, eine gewaltige Gruppe von weltweit 800000 Mitgliedern, kommentarlos löscht. Der Grund ist, dass diese Gruppe wegen der aktuellen Ölpest, den Gründen und den Folgen, zum Boykott gegen BP, den Verursacher der Katastrophe, aufrief. Da geht ein Hauch von China-and-Google-Story durchs Netz und wird in nächster Zeit sicherlich zu Diskussionen führen.
CNN: „This group was created with the intent of sending a clear and strong message to BP and to Washington that what has happened in the Gulf has to stop everywhere. People from all over the world shared video clips, pictures, and frustration over what has been seen incredibly slow process to an ever growing economic and environmental disaster.“
Allerdings hat schon wieder eine ähnliche Gruppe neu gestartet, womit nun ein Rennen zwischen Facebook und seinen Nutzern wie zwischen Hase und Igel beginnen kann.
CNN: „This group was created with the intent of sending a clear and strong message to BP and to Washington that what has happened in the Gulf has to stop everywhere. People from all over the world shared video clips, pictures, and frustration over what has been seen incredibly slow process to an ever growing economic and environmental disaster.“
Allerdings hat schon wieder eine ähnliche Gruppe neu gestartet, womit nun ein Rennen zwischen Facebook und seinen Nutzern wie zwischen Hase und Igel beginnen kann.
Der Lümmel aus Merkelhausen
01.Jul.2010 00:09 Uhr
Wüstenkind
17.Jun.2010 00:10 Uhr
Sie war eine junge Berberin und sprach nicht viel. Einmal habe ich im Fernsehen gesehen, wie die armen jungen Frauen um Tanger sich ihren Lebensunterhalt verdienen: Mit dem Knacken von Nüssen, was sie bei der endlosen und monotonen Arbeit mit Gesängen begleiten, als wären sie die Baumwollarbeiter von Mississippi, die den Blues entstehen liessen.
Nun aber sass sie hier, und sie sass hier schon vier Jahre, einmal hatte sie wiederholt, aber sie war selbst in Arabisch schlecht. Wie so oft, hatte sie alles mögliche an Kulturschock verkraftet, aber das phonologische Vermögen hatte sich nicht recht angepasst. Sie lebte noch in ihren Sprachklängen, in einem luftigen Sprachgeist, der den Atem der Wüste antrieb; die formalisierten unmelodiösen Sprachcontainer der deutschen Sprachen waren von dieser Luft noch durchdrungen, und daher schrieb sie sehr schlecht. Der Zusammenhang von Graphem und Phonem war bei ihr mit Luftsprüngen begleitet, und das ist im Deutschen nicht vorgesehen.
Schriftsprache überzieht bei uns alle Lerninhalte wie ein Pelz, man muss damit zurecht kommen. Sie aber hatte sich zur unsichtbaren jungen Frau gemacht, zu einem Wüstenkind mitten in einer mitteleuropäischen Schulbaustelle, einer so genannten pädagogischen Kompetenzzentrale. Sie aber spielte die Nichtabwesende, gar nicht Präsente. Sie lächelte gelegentlich.
Ich aber setzte sie in die erste Reihe zu den chaotischen Schülern, den Brüllern und Schreiern, denen, die ihr Ego in den Fäusten haben. Sie war alarmiert. Sie wusste, ich hatte sie jetzt genau im Blick. Sie kam oft dran. Sie konnte nicht mehr von ihrer Kleinmädchenzeit, zwischen kalkigen Wänden, Nussgeruch, Ölgewinnung, blanken Füßen und Ziegenmilch träumen. Düfte überall, Staub und Frauen, die keinen echten einzigen Job kennen.
Manchmal reicht eben auch das: Die Nichtwahrnehmung beachten. Es ist keine Ermahnung nötig, nicht einmal ein Wort. Es reicht der Blick, der sagt: Ich war unsichtbar, und du hast mich gesehen. Ich mag es nicht besonders, dass Du mich fordern wirst, aber es wird sich etwas verändern. Ich habe das nicht alleine gemacht oder gewollt, aber Du hast mich durch einen einzigen Blick anders ins Leben gestellt. Um dieses Blickes willen werde ich lernen.
Nun aber sass sie hier, und sie sass hier schon vier Jahre, einmal hatte sie wiederholt, aber sie war selbst in Arabisch schlecht. Wie so oft, hatte sie alles mögliche an Kulturschock verkraftet, aber das phonologische Vermögen hatte sich nicht recht angepasst. Sie lebte noch in ihren Sprachklängen, in einem luftigen Sprachgeist, der den Atem der Wüste antrieb; die formalisierten unmelodiösen Sprachcontainer der deutschen Sprachen waren von dieser Luft noch durchdrungen, und daher schrieb sie sehr schlecht. Der Zusammenhang von Graphem und Phonem war bei ihr mit Luftsprüngen begleitet, und das ist im Deutschen nicht vorgesehen.
Schriftsprache überzieht bei uns alle Lerninhalte wie ein Pelz, man muss damit zurecht kommen. Sie aber hatte sich zur unsichtbaren jungen Frau gemacht, zu einem Wüstenkind mitten in einer mitteleuropäischen Schulbaustelle, einer so genannten pädagogischen Kompetenzzentrale. Sie aber spielte die Nichtabwesende, gar nicht Präsente. Sie lächelte gelegentlich.
Ich aber setzte sie in die erste Reihe zu den chaotischen Schülern, den Brüllern und Schreiern, denen, die ihr Ego in den Fäusten haben. Sie war alarmiert. Sie wusste, ich hatte sie jetzt genau im Blick. Sie kam oft dran. Sie konnte nicht mehr von ihrer Kleinmädchenzeit, zwischen kalkigen Wänden, Nussgeruch, Ölgewinnung, blanken Füßen und Ziegenmilch träumen. Düfte überall, Staub und Frauen, die keinen echten einzigen Job kennen.
Manchmal reicht eben auch das: Die Nichtwahrnehmung beachten. Es ist keine Ermahnung nötig, nicht einmal ein Wort. Es reicht der Blick, der sagt: Ich war unsichtbar, und du hast mich gesehen. Ich mag es nicht besonders, dass Du mich fordern wirst, aber es wird sich etwas verändern. Ich habe das nicht alleine gemacht oder gewollt, aber Du hast mich durch einen einzigen Blick anders ins Leben gestellt. Um dieses Blickes willen werde ich lernen.
Abgänge
01.Jun.2010 14:30 Uhr
Man kommt ja gar nicht mehr mit, in diesem Tempo, in dem die politische Mitte zerbröselt. Zwischen den Kochs und Köhlers hat mich allerdings nur ein Rücktritt betroffen gemacht, das ist der von Georg Schramm, der „Neues aus der Anstalt“ im Juni verlassen wird. Und um Kabarett handelt es sich ja wohl insgesamt. Die „politische Bühne“ tritt schneller ab als die Kabarettisten kommentieren können, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Koch aus klugem Kalkül, Köhler als beleidigte, aber finanziell gut abgesicherte Leberwurst.
Wie man hört, hat seine Rede in Afghanistan, in der er den Eindruck erweckte, die militärische Präsenz der Bundeswehr dort folge wirtschaftlichen Interessen, einen ganz anderen Hintergrund- nämlich den, dass Köhlers unsäglicher Umgang mit seinen Mitarbeitern, Redenschreibern und Beratern dazu geführt hat, dass diese in Scharen ihre Ämter verlassen hätten- auf der Flucht vor Launen und Tiraden. Dies nicht zum ersten Mal in Köhlers Karriere, diesmal aber mit fatalen Folgen: Er habe quasi nun aus eigener Kraft sprechen müssen, und das habe zu den bekannten Folgen geführt. Ulrich Deppendorf entfuhren darüber direkt nach Köhlers Rücktritt im ARD die Worte, Köhler habe wohl selbst nicht gewusst, was er sagte. Die Kritik danach aber, aber auch das Gelächter, was das für wirtschaftliche Interessen sein könnten (Opiumernte?), hat der Bundespräsident nicht verkraftet. Schade für ihn.
Angela Merkel, die um sich herum alle politischen Schwergewichte aus dem Rennen gehauen hat, machte ein reichlich ratloses Gesicht. Wer wird Nachfolger Horst Köhlers? Wer sucht gerade gerade eine Stelle und ist zu Sonntagsreden in Dauerfolge bereit? Frau Käßmann würde man sich vielleicht wünschen, aber wird sie gradlinig zur Arbeitsstelle finden? Wahrscheinlicher ist wohl ein Jürgen Rüttgers, den man irgendwie unterbringen muss, damit die Koalition in Nordrhein- Westfalen Form annehmen kann. Wenn, dann werden wir es vorab im Blog „Wir in Nordrhein-Westfalen“ erfahren, der seit langem mit Interna aus der CDU- Zentrale gefüttert wird.
Wie man hört, hat seine Rede in Afghanistan, in der er den Eindruck erweckte, die militärische Präsenz der Bundeswehr dort folge wirtschaftlichen Interessen, einen ganz anderen Hintergrund- nämlich den, dass Köhlers unsäglicher Umgang mit seinen Mitarbeitern, Redenschreibern und Beratern dazu geführt hat, dass diese in Scharen ihre Ämter verlassen hätten- auf der Flucht vor Launen und Tiraden. Dies nicht zum ersten Mal in Köhlers Karriere, diesmal aber mit fatalen Folgen: Er habe quasi nun aus eigener Kraft sprechen müssen, und das habe zu den bekannten Folgen geführt. Ulrich Deppendorf entfuhren darüber direkt nach Köhlers Rücktritt im ARD die Worte, Köhler habe wohl selbst nicht gewusst, was er sagte. Die Kritik danach aber, aber auch das Gelächter, was das für wirtschaftliche Interessen sein könnten (Opiumernte?), hat der Bundespräsident nicht verkraftet. Schade für ihn.
Angela Merkel, die um sich herum alle politischen Schwergewichte aus dem Rennen gehauen hat, machte ein reichlich ratloses Gesicht. Wer wird Nachfolger Horst Köhlers? Wer sucht gerade gerade eine Stelle und ist zu Sonntagsreden in Dauerfolge bereit? Frau Käßmann würde man sich vielleicht wünschen, aber wird sie gradlinig zur Arbeitsstelle finden? Wahrscheinlicher ist wohl ein Jürgen Rüttgers, den man irgendwie unterbringen muss, damit die Koalition in Nordrhein- Westfalen Form annehmen kann. Wenn, dann werden wir es vorab im Blog „Wir in Nordrhein-Westfalen“ erfahren, der seit langem mit Interna aus der CDU- Zentrale gefüttert wird.
Prosterle
01.Jun.2010 14:30 Uhr

Gerade hatte er einen denkwürdigen Auftritt bei Anne Will, bei dem es ihm gelang, nicht eine einzige Frage zu beantworten und in seinem ununterbrochenen Drucksen und Ausweichen immer wieder zu betonen, aus welchen Gründe Politik - und speziell er- handlungsunfähig sei. Die Globalisierung als trostloser Argumentationsrückzug, als Dachsbau, als Mäntelchen für fehlende Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeit. Es soll nur auf keinen Fall eine Finanz- Transaktionssteuer sein, da ist man sich verdächtig einig. Deutschland wird auch im EU- Parlament wieder mauern. Da muss man sich nicht sorgen, dass die Lobbyisten zu viel Einfluss auf Politiker hätten- offenbar haben wir sie in Personalunion mit der Interessenlage der Finanzwirtschaft gewählt. Das ist der Grund, warum sich die Wähler bei den Wahlen in Bezug auf die FDP halbiert haben.
Das andere ist natürlich der Auftritt. Der pennälerhaft zickige Westerwelle würde sicher bei der Frisörinnung eine gute Figur machen. Und Brüderle in seiner sonnigen Ahnungslosigkeit, aber ausgeprägten Schwatzhaftigkeit, kann man sich im Breisgau mit einem Viertele Wein in der Hand sehr gut vorstellen, aber um Himmelswillen doch nicht in der Öffentlichkeit. Er nähert sich aber stilsicher Heinrich Lübke an, das ist immerhin ein Trost.
Eine Regierung bewährt sich nun einmal in der Krise. Ansonsten treibt die Krise politisches Handeln vor sich her, das in immer geringeren Spielräumen tätig werden kann. In den letzten Monaten hätte die Koalition doch vielleicht ein wenig Einarbeitungszeit gehabt, sollte man denken. Im übrigen rumort die Finanzkrise in heftigen Zuckungen seit 2001. Politisch Handelnde, die die Möglichkeit zum Handeln ausschliessen, sind das allerletzte, was man in einer wirklichen Krise gebrauchen kann.
Medea als Angela Merkel
22.Mai.2010 00:06 Uhr

Medea & Volker. Medea zu Volker REGIE: Ein offensichtlich lange eingespieltes Ritual:
Kniee nicht! Du sollst nicht knien!
REGIE: Aus dem Hintergrund tritt Ackermann und lächelt wie üblich wie ein junger Hund. Er trägt ein schwarzes, bauchnabellanges T- Shirt mit dem Aufdruck „25 % Rendite!“ und sonst nichts. Seine Blösse bedeckt er mit einer winzigen Schweizer Flagge:
Hörst du? In deine Seele schäm' ich mich.
REGIE: Hessen- Koch tritt unter SPOT von links auf die Bühne. Er trägt in seiner Linken einen langen Sparstrumpf und in der Rechten eine Einladung zur Jahresversammlung der RWE. Außerdem eine tibetische Mönchsrobe.
Hessen- Koch:
REGIE: Hinter der Krankenkassenbrille ein stechender Blick
So feig, so zahm! -
Mich schmerzt nicht dein Verlust,
REGIE: Hier zuckt Ackermann zusammen, wie getroffen, so dass die „25“ auf seinem T- Shirt zu einem Strich verschmilzt- während im Bühnenbild des Hintergrunds die Akropolis sich allmählich golden färbt
Mich schmerzt, dass ich dich jetzt verachten muss
REGIE: Jubel des CDU- Parteitages einblenden
REGIE: Altkanzler Kohl wird aus dem dunklen Hintergrund im Rollstuhl 80jährig auf die Bühne gerollt, mit glänzenden, tränenden Augen vor Rührung, von einem Rüttgers mit wie üblich verkniffenem Mund, aber in Livree:
Und hab' dich einst geliebt!“
REGIE: Chor der Hartz--4- Empfänger in ironischen Ballonhosen stimmt den Abgesang der Medea an. Vorhang.
Quelle: Franz Grillparzer, Das goldene Vließ
Die Rheintöchter & das Gold
21.Mai.2010 22:39 Uhr

„In US-Dollar gerechnet legte der Goldpreis am Morgen ebenfalls deutlich zu. In der Spitze sprang der Preis für die Feinunze auf 1.242,10 Dollar und damit nur knapp unter das Rekordhoch bei 1.248,45 Dollar vom vergangenen Freitag. Zuletzt verteuerte sich die Feinunze um 6,15 Dollar auf 1,236,05 Dollar. Händler sprechen nach wie vor von einer starken Nachfrage und erwarten vor dem Hintergrund der Schuldenkrise in der Eurozone vorerst kein Ende des Höhenflugs beim Goldpreis. Mittlerweile werde ein schneller Anstieg bis 1.300 Dollar oder gar 1.400 Dollar die Feinunze als realistisch angesehen, hieß es weiter.“ (Quelle)
„Das Gold ist tief bedeutsam, bedeutungsvoll in der Mystik. Das Gold ist das Licht; das Licht, das ausströmt, wird zur Weisheit. Das Gold, die verhärtete Weisheit, holt Alberich aus dem Rheinstrom. Die Wasser sind immer das Seelische, das Astrale. Aus dem Seelischen wird das Ego, das Gold, die Weisheit des Ich geboren. Der Rheinstrom ist die Seele des neuen Zeitalters, in dem der Verstand, das Ich-Bewusstsein aufgeht. Alberich bemächtigt sich des Goldes, er entreißt es den Rheintöchtern, dem weiblichen Element, die den ursprünglichen Bewusstseinszustand charakterisieren.“
__________
Steiner, Richard Wagner im Lichte der Geisteswissenschaft – 1. Vortrag
Muttertag
08.Mai.2010 01:07 Uhr

Meine Mutter ging ganz auf im Erhard- Deutschland, vielleicht ging sie auch unter zwischen Doris Day, Mambo und Ragout Fin. Denn sie begleitete diese Vergnügungen gern mit zivilisierten Portionen von Alkohol. Der machte es leichter, sich etwas vorzumachen, mit einer gewissen Verbissenheit den bürgerlichen Traum aufrecht zu erhalten und die ihr zugewiesene Rolle als Mutter. Sie tat sich daher nachdrücklich und lebenslänglich leid, was sie auch in ihrem Gesichtsausdruck nach außen trug. Sie war recht beliebt, mit diesem zarten Auftritt. Sie unternahm mal einen Selbstmordversuch zwischendurch, aber auch eher nicht entschlossen. Der Alkohol usurpierte allmählich ihre kleinen Vergnügungen und nahm mehr und mehr Platz ein. Sie wurde antriebsloser, schwächer, immer weniger belastbar. Sie hatte Phasen von bissiger Gemeinheit, mit teilweise brutaler Offenheit und auch Peinlichkeit, weil ihr so etwas so fern lag. Es kam dann mit schrillem, vielleicht etwas trunkenen Ton herüber.. Aber dies fand nur in der Familie statt- nach außen hin stand die Fassade bis zum Ende. Erst an ihrem letzten Tag stellte sich heraus, dass hinter einer Zirrhose ein schwerer Tumor lag. Auch in den letzten Stunden fand sie sich ungerecht behandelt. Sie hätte das Recht auf Mehr gehabt, fand sie, Mehr in jeder Hinsicht. Als sie starb, wollte sie niemanden sehen.
Auf ihrer Beerdigung war ich einen Augenblick ganz entrückt und mit den Gedanken ganz bei ihr. Da hörte ich mit einem gewissen Befremden eine stampfende indianische Melodie, getragen von dem Gesang eines Stamms, feierlich, lang andauernd. Es erfüllte den ganzen inneren Raum. Ich dachte:. Sie kommt zu Hause an.
Zombieconomy
10.Apr.2010 17:44 Uhr
Martin Lindner schreibt bei den Blogpiloten:
„Es gibt permanente globale Konkurrenz, alles verändert sich schneller als man sich anpassen kann und plötzlich merkt man, dass es keine tragende Säule unserer Wirtschaft und Gesellschaft mehr gibt, die bei prüfendem Klopfen nicht entsetzlich hohl klingt. Da ist nirgends mehr vorwärtstreibende Energie und kaum noch Mehrwert, auf dem man ein Geschäft aufbauen könnte. Man spürt es auf der Cebit genauso wie bei der Autoindustrie, an den Universitäten und bei den Banken, bei den Telcos und beim Maschinenbau, in der Medienindustrie und in den Kaufhäusern.
Zombieconomy nennt das der Web-Ökonom und Harvard-Blogger Umair Haque. Überall zerfallen die Riesenfirmen, die im 20. Jahrhundert ein sicheres Leben für Zehntausende Angestellte und ein Vielfaches an Zulieferern garantierten. Die digitale Ökonomie ersetzt das nicht: Microsoft hat noch 93.000 Mitarbeiter weltweit, Google hat 20.000, die Weltmacht Facebook hat 1000. Auf der Plus-Seite der Job-Bilanz stehen nicht viel mehr als ein paar versprengte WissensarbeiterInnen vor ihrem Bildschirm im Home Office. Unser Unbehagen hat gute Gründe.“
Vielleicht ist der Aufsatz Lindners ja auch eine geeignete Diskussionsgrundlage für den Kongress der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland „Zukunft der Arbeit – Karma des Berufs.
Über den Mut zu neuer Erkenntnis und neuer Verantwortung“. In der Vorankündigung wird auch festgestellt: „Es ist längst kein Geheimnis mehr: Uns geht die Arbeit aus. Es gibt also viel zu tun!
Was wir benötigen, ist ein neues Verständnis von Arbeit und Einkommen, von Beruf und Berufung.“ (Do, 24.06. bis So, 27.06.2010, Rudolf-Steiner-Schule, Bochum/Langendreer)
„Es gibt permanente globale Konkurrenz, alles verändert sich schneller als man sich anpassen kann und plötzlich merkt man, dass es keine tragende Säule unserer Wirtschaft und Gesellschaft mehr gibt, die bei prüfendem Klopfen nicht entsetzlich hohl klingt. Da ist nirgends mehr vorwärtstreibende Energie und kaum noch Mehrwert, auf dem man ein Geschäft aufbauen könnte. Man spürt es auf der Cebit genauso wie bei der Autoindustrie, an den Universitäten und bei den Banken, bei den Telcos und beim Maschinenbau, in der Medienindustrie und in den Kaufhäusern.
Zombieconomy nennt das der Web-Ökonom und Harvard-Blogger Umair Haque. Überall zerfallen die Riesenfirmen, die im 20. Jahrhundert ein sicheres Leben für Zehntausende Angestellte und ein Vielfaches an Zulieferern garantierten. Die digitale Ökonomie ersetzt das nicht: Microsoft hat noch 93.000 Mitarbeiter weltweit, Google hat 20.000, die Weltmacht Facebook hat 1000. Auf der Plus-Seite der Job-Bilanz stehen nicht viel mehr als ein paar versprengte WissensarbeiterInnen vor ihrem Bildschirm im Home Office. Unser Unbehagen hat gute Gründe.“
Vielleicht ist der Aufsatz Lindners ja auch eine geeignete Diskussionsgrundlage für den Kongress der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland „Zukunft der Arbeit – Karma des Berufs.
Über den Mut zu neuer Erkenntnis und neuer Verantwortung“. In der Vorankündigung wird auch festgestellt: „Es ist längst kein Geheimnis mehr: Uns geht die Arbeit aus. Es gibt also viel zu tun!
Was wir benötigen, ist ein neues Verständnis von Arbeit und Einkommen, von Beruf und Berufung.“ (Do, 24.06. bis So, 27.06.2010, Rudolf-Steiner-Schule, Bochum/Langendreer)
Von Schafen und Hirten
22.Mär.2010 21:49 Uhr
„Müsste man nicht fragen, wie es zu dieser Hybris des Religiösen gegenüber dem Kulturellen kommen konnte, statt die Kultur unter Verdacht zu stellen, wenn es im Haus der Kirche brennt? Man fragt sich, ob es nicht neben der Sache liegt, wenn der Papst bei der Erörterung des Missbrauchsthemas die „rasche Transformation und Säkularisierung der Gesellschaft“, den „schnelllebigen sozialen Wandel“ beklagt. Ist es nicht umgekehrt die Struktur der säkularen Öffentlichkeit, die zu einer Ächtung der Pädophilie geführt hat, bis auch die Kirche nicht anders konnte, als sich dem lange tabuisierten Thema zu stellen?“
Christian Geyer, „Falsches Pfingsten“, FAZ 22. März 2010, Seite 27
Ja, die säkulare, „materialistische“ Öffentlichkeit und Kultur der Gegenwart ist es, die auch in diesem Fall die moralischen Massstäbe setzt und diese ausgerechnet von der Kirche einfordert. Die einfältige Strategie des Papstes, genau diese Gegenwart zum Sündenbock machen und so denunzieren zu wollen, wird nicht nur nicht aufgehen: Sie zeigt auch, dass diese Kirche sich nicht bewegen will oder kann.
Christian Geyer, „Falsches Pfingsten“, FAZ 22. März 2010, Seite 27
Ja, die säkulare, „materialistische“ Öffentlichkeit und Kultur der Gegenwart ist es, die auch in diesem Fall die moralischen Massstäbe setzt und diese ausgerechnet von der Kirche einfordert. Die einfältige Strategie des Papstes, genau diese Gegenwart zum Sündenbock machen und so denunzieren zu wollen, wird nicht nur nicht aufgehen: Sie zeigt auch, dass diese Kirche sich nicht bewegen will oder kann.
Foxconn
07.Mär.2010 00:21 Uhr
Natürlich erwarten wir Correctness allerorten. Wir wünschen uns eine ethisch verantwortlich geführte Welt um uns herum - politisch, ökologisch, genderspezifisch, sexuell, wirtschaftlich, finanziell. Wenn wir investieren können, wünschen wir ein Finanzprodukt, das statt atemberaubendere Rendite lieber ökologisch engagiert arbeitet. Das Essen soll -wenn es denn möglich ist- aus biologisch korrektem Anbau stammen. Auf Facebook startet eine korrekte Initiative nach der anderen, die Druck auf Erzeuger, Politiker und Journalisten wie Anne Will aufbauen soll. NIKE- Schuhe, in Kinderarbeit hergestellt, sind ein absolutes No-Go. Viele Firmen wie McDonald haben sich umgestellt und starten Gegenkampagnen, um gegenüber eventuellen medialen Angriffen gewappnet zu sein. Natürlich sind die Burger genau so fett und zuckrig wie zuvor, aber vegetarisch. So was macht zwar auch dick, aber zufrieden.
Andere halten sich an diese neue Correctness - Ethik nicht besonders. Nehmen wir zum Beispiel mal Apple, diesen Hort der Exklusivität, Ästhetik und Usability. In den letzten Jahren sind diese Produkte auch durch ihr Image massentauglich geworden. Sie repräsentieren ein Stück Zeitgeist. Produzieren lässt Apple allerdings ganz gewöhnlich beim chinesischen Hersteller Foxconn und anderen, und die haben einen doch sehr schlechten Ruf: „Now here’s something you don’t here much about when it comes to Apple’s products: their assembly. According to an article published by Macworld UK, the workers who assemble iPods are mainly female (because females are “more honest than male workers”) and earn as little as $50 per month, although they work 15 hours a day. The dormitories of one plant, located in Longhua, Shanghai, each house 100 people and do not permit visitors from the outside.“ Kasernenartige Einpferchungen von Apple- Arbeitern wurden schon vor drei Jahren gemeldet.
Immerhin reagierte Apple und strengte eine Untersuchung an: „Apple has begun a thorough audit of the manufacturing plant operated by Foxconn in Longhua, China, including employee working and living conditions, interviews of employees and managers, compliance with overtime and wage regulations, and other areas as necessary to insure adherence to Apple's supplier code of conduct, Apple said in a statement provided to Macworld .“ Apple startete eine Initiative, um die Umweltverträglichkeit seiner Produkte zu dokumentieren, zeigte hübsche chinesische Arbeiterinnen auf Fotos und formulierte gewisse ethische Grundsätze bei der Produktion. Foxconn kann sehr hübsch sein.
Journalisten werden aber, wenn sie sich dem Foxconn- Gelände nähern wollen, nach wie vor rüde abgehalten: „Reuters reported on Wednesday that one of its reporters had been roughed up by security guards outside the factory of Apple component supplier Foxconn in Longhua, China. It was yet another outrageous display of the extremism Apple has promulgated in its obsessive demand for secrecy.“ (Macworld) So wünscht sich die Macintosh- Gemeinde im gerade genannten Artikel doch nichts mehr, als dass Apple, statt Journalisten zu jagen, vielleicht doch lieber etwas Druck auf Foxconn ausüben möge, um die von Apple so schön aufgeführten ethischen Grundsätze wenigstens ein bisschen umzusetzen: „Could Apple do more to pressure Foxconn to be a kinder and gentler hardware manufacturer in a highly repressive country? Maybe. At least it does try, though not to hear Tennant tell it. Maybe Dell and all the other companies that use Foxconn could pressure it more, too.“
Ein frommer Wunsch. Billige Massenproduktion unter unwürdigen Umständen und ein gleichzeitiges High- Class- Image beim westlichen Konsumenten versprechen immer noch die beste Rendite. Vielleicht hilft ja eine Facebook- Kampagne.
Andere halten sich an diese neue Correctness - Ethik nicht besonders. Nehmen wir zum Beispiel mal Apple, diesen Hort der Exklusivität, Ästhetik und Usability. In den letzten Jahren sind diese Produkte auch durch ihr Image massentauglich geworden. Sie repräsentieren ein Stück Zeitgeist. Produzieren lässt Apple allerdings ganz gewöhnlich beim chinesischen Hersteller Foxconn und anderen, und die haben einen doch sehr schlechten Ruf: „Now here’s something you don’t here much about when it comes to Apple’s products: their assembly. According to an article published by Macworld UK, the workers who assemble iPods are mainly female (because females are “more honest than male workers”) and earn as little as $50 per month, although they work 15 hours a day. The dormitories of one plant, located in Longhua, Shanghai, each house 100 people and do not permit visitors from the outside.“ Kasernenartige Einpferchungen von Apple- Arbeitern wurden schon vor drei Jahren gemeldet.
Immerhin reagierte Apple und strengte eine Untersuchung an: „Apple has begun a thorough audit of the manufacturing plant operated by Foxconn in Longhua, China, including employee working and living conditions, interviews of employees and managers, compliance with overtime and wage regulations, and other areas as necessary to insure adherence to Apple's supplier code of conduct, Apple said in a statement provided to Macworld .“ Apple startete eine Initiative, um die Umweltverträglichkeit seiner Produkte zu dokumentieren, zeigte hübsche chinesische Arbeiterinnen auf Fotos und formulierte gewisse ethische Grundsätze bei der Produktion. Foxconn kann sehr hübsch sein.
Journalisten werden aber, wenn sie sich dem Foxconn- Gelände nähern wollen, nach wie vor rüde abgehalten: „Reuters reported on Wednesday that one of its reporters had been roughed up by security guards outside the factory of Apple component supplier Foxconn in Longhua, China. It was yet another outrageous display of the extremism Apple has promulgated in its obsessive demand for secrecy.“ (Macworld) So wünscht sich die Macintosh- Gemeinde im gerade genannten Artikel doch nichts mehr, als dass Apple, statt Journalisten zu jagen, vielleicht doch lieber etwas Druck auf Foxconn ausüben möge, um die von Apple so schön aufgeführten ethischen Grundsätze wenigstens ein bisschen umzusetzen: „Could Apple do more to pressure Foxconn to be a kinder and gentler hardware manufacturer in a highly repressive country? Maybe. At least it does try, though not to hear Tennant tell it. Maybe Dell and all the other companies that use Foxconn could pressure it more, too.“
Ein frommer Wunsch. Billige Massenproduktion unter unwürdigen Umständen und ein gleichzeitiges High- Class- Image beim westlichen Konsumenten versprechen immer noch die beste Rendite. Vielleicht hilft ja eine Facebook- Kampagne.
Klaus Barbie, der "Schlächter von Lyon"
03.Mär.2010 00:06 Uhr
In L.I.S.A., dem „Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung“ erscheint gerade eine Serie von Daniel Stahl (Universität Jena) zu Klaus Barbie, seinem Untertauchen in Bolivien und seiner Enttarnung und Auslieferung: Der „Fall Klaus Barbie“: „Schon lange hatte er Schwends Geschäftsfreund Altmann verdächtigt, ein untergetauchter NS-Verbrecher zu sein. Nun begann er dem Fall nachzugehen. 1969 besuchte er mit einem Fernsehteam des saarländischen Rundfunks Bolivien, um Informationen über Altmann zu sammeln. Über die Ergebnisse informierte er die ermittelnden Behörden der Bundesrepublik. Die Recherchen Johns veranlassten außerdem die Botschaft in La Paz, dem Fall Altmann erneut nachzugehen. Nun gelang es ihr, die Geburtsdaten der Tochter Altmanns zu ermitteln. Die bundesdeutschen Ermittler stellten fest, dass sie mit denen der Tochter Klaus Barbies übereinstimmten, der während des Krieges Chef der Gestapo in Lyon gewesen war. Diese Informationen deckten sich mit Hinweisen aus dem Jahr 1961, die besagten, dass Barbie sich vermutlich in Bolivien aufhalte. Doch statt einen Auslieferungsantrag zu stellen, wurde das Verfahren eingestellt..“
Neuigkeiten sind im ersten Teil nicht zu entdecken, nichts, was annähernd über die SPIEGEL-Dossiers hinaus gehen würde, in denen Jörg Diehl Barbie als „grinsenden Automaten“ schilderte. Marcel Ophüls drehte über Barbie die glänzende und furchtbare Dokumentation „Hotel Terminus“. Hoffen wir, dass das ambitionierte neue Wissenschaftsportal bei diesem Thema noch etwas an Fahrt gewinnt.
Neuigkeiten sind im ersten Teil nicht zu entdecken, nichts, was annähernd über die SPIEGEL-Dossiers hinaus gehen würde, in denen Jörg Diehl Barbie als „grinsenden Automaten“ schilderte. Marcel Ophüls drehte über Barbie die glänzende und furchtbare Dokumentation „Hotel Terminus“. Hoffen wir, dass das ambitionierte neue Wissenschaftsportal bei diesem Thema noch etwas an Fahrt gewinnt.
Dekade der Stagnation
22.Feb.2010 19:15 Uhr
Im Rahmen der Transmediale gab der frühere Science- Fiction- Autor und Medientheoretiker Bruce Sterling der Zeitschrift de:bug ein interessantes Interview. Er spricht darin von gesellschaftlichen Sieben- Jahres- Rhythmen, in denen sich die westliche Welt -keineswegs kongruent - entwickele:
„Es wird in absehbarer Zukunft nicht weniger Kapitalismus geben. Kapitalistische Systeme durchlaufen aber immer verschiedenartige Phasen, die etwa sieben Jahre lang sind. Wir hatten den DotCom-Boom in den 1990ern, darauf folgte der “war on terror” der Bush-Administration. Wie wir die nächste Phase nennen werden, ist mir noch unklar, aber da sie noch bis in die Mitte des nächsten Jahrzehnts reichen wird, ist noch viel Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen. Vielleicht “Stagnation” oder “Depression”, denn die Historiker werden die jetzige Dekade wohl eher mit “Terrorismus” verbinden. Die Finanzkrise beendet diese Phase, wird aber ihre Auswirkungen erst in den nächsten Jahren zeigen.“
Wohin geht es also bis 2015? Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die westliche Welt offensichtlich orientierungslos in eine Fülle von illusionären Blasen getappt. Das so lange determinierende Ost-West- Feind- Schema wurde durch einen dämonisierten Terrorismus ersetzt, der durch schwere strategische, wirtschaftliche und politische Fehler des Westens erst zu der Bedeutung aufgeblasen worden ist, die er in und nach der Bush- Ära erlangte. Die völlig überzogenen Erwartungen an die Technik des Internet - die „DotCom-Blase“ führte zu schweren wirtschaftlichen Verwerfungen, die nahtlos durch obskure Finanzmanipulationen ergänzt wurde. Als Konsequenz aus diesen globalen Illusionen, die nacheinander zerplatzten, ohne dass sich etwas wie Lerneffekte gezeigt hätten, hat sich eine globale Wirtschaftskrise entwickelt, die zumindest die USA und Europa in erheblichem Maß durch extreme Schulden in ihrem politischen Spielraum lähmt. Gesellschaftliche Verwerfungen im Sinne einer zugespitzten Spaltung sind die Folge und werden weiter zunehmen. Der Gestaltungsspielraum ist gering, ohne dass Rezepte zum Gegensteuern sichtbar wären. Im Gegenteil. Heute schlägt eher die Stunde der Populisten, die in der schwelenden Krise ihr eigenes Süppchen kochen.
Aber selbst in simplen technologischen Fragen wie der Überwindung des klimatisch bedenklichen Verbrennungsmotors zeigen sich nicht einmal ansatzweise produktive Ideen. Statt tatsächlich bahnbrechender Neuerungen baut man weiter auf eine mehr als hundert Jahre alte Technik und laviert damit vor sich hin- wohl wissend, dass die Klima- Bedingungen sich stetig verschlechtern. Das Lavieren ist,wenn man der Wikipedia- Definition vertraut („das taktische, berechnende Abwägen von Vor- und Nachteilen zwischen u.U. widerstreitenden Interessen bzw. das Ausweichen vor Entscheidungen gegenüber potentiellen Verbündeten und/oder Gegnern“) geradezu generell das Herzstück etwa Merkelscher Politik.
An diesen Beispielen zwischen Geistlosigkeit und Illusion lässt sich meines Erachtens erkennen, dass Sterling mit seiner Diagnose einer „Dekade der Stagnation“ völlig richtig liegt. Rezepte hat auch er nicht.
„Es wird in absehbarer Zukunft nicht weniger Kapitalismus geben. Kapitalistische Systeme durchlaufen aber immer verschiedenartige Phasen, die etwa sieben Jahre lang sind. Wir hatten den DotCom-Boom in den 1990ern, darauf folgte der “war on terror” der Bush-Administration. Wie wir die nächste Phase nennen werden, ist mir noch unklar, aber da sie noch bis in die Mitte des nächsten Jahrzehnts reichen wird, ist noch viel Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen. Vielleicht “Stagnation” oder “Depression”, denn die Historiker werden die jetzige Dekade wohl eher mit “Terrorismus” verbinden. Die Finanzkrise beendet diese Phase, wird aber ihre Auswirkungen erst in den nächsten Jahren zeigen.“
Wohin geht es also bis 2015? Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die westliche Welt offensichtlich orientierungslos in eine Fülle von illusionären Blasen getappt. Das so lange determinierende Ost-West- Feind- Schema wurde durch einen dämonisierten Terrorismus ersetzt, der durch schwere strategische, wirtschaftliche und politische Fehler des Westens erst zu der Bedeutung aufgeblasen worden ist, die er in und nach der Bush- Ära erlangte. Die völlig überzogenen Erwartungen an die Technik des Internet - die „DotCom-Blase“ führte zu schweren wirtschaftlichen Verwerfungen, die nahtlos durch obskure Finanzmanipulationen ergänzt wurde. Als Konsequenz aus diesen globalen Illusionen, die nacheinander zerplatzten, ohne dass sich etwas wie Lerneffekte gezeigt hätten, hat sich eine globale Wirtschaftskrise entwickelt, die zumindest die USA und Europa in erheblichem Maß durch extreme Schulden in ihrem politischen Spielraum lähmt. Gesellschaftliche Verwerfungen im Sinne einer zugespitzten Spaltung sind die Folge und werden weiter zunehmen. Der Gestaltungsspielraum ist gering, ohne dass Rezepte zum Gegensteuern sichtbar wären. Im Gegenteil. Heute schlägt eher die Stunde der Populisten, die in der schwelenden Krise ihr eigenes Süppchen kochen.
Aber selbst in simplen technologischen Fragen wie der Überwindung des klimatisch bedenklichen Verbrennungsmotors zeigen sich nicht einmal ansatzweise produktive Ideen. Statt tatsächlich bahnbrechender Neuerungen baut man weiter auf eine mehr als hundert Jahre alte Technik und laviert damit vor sich hin- wohl wissend, dass die Klima- Bedingungen sich stetig verschlechtern. Das Lavieren ist,wenn man der Wikipedia- Definition vertraut („das taktische, berechnende Abwägen von Vor- und Nachteilen zwischen u.U. widerstreitenden Interessen bzw. das Ausweichen vor Entscheidungen gegenüber potentiellen Verbündeten und/oder Gegnern“) geradezu generell das Herzstück etwa Merkelscher Politik.
An diesen Beispielen zwischen Geistlosigkeit und Illusion lässt sich meines Erachtens erkennen, dass Sterling mit seiner Diagnose einer „Dekade der Stagnation“ völlig richtig liegt. Rezepte hat auch er nicht.
"Geistige Dekadenz"
11.Feb.2010 20:48 Uhr
„Wenn man sich also der berühmt-berüchtigten Anfänge erwehren will, wenn es also in Deutschland tatsächlich eine Dekadenz geben sollte, über die man jetzt dringend reden müsste, dann ist es die des Geistes, die in Guido Westerwelles Worten ihren schamlosen Ausdruck gefunden hat.“
Es hat wohl selten eine derart vernichtende Kritik an einem Aussenminister nach gerade 100 Tagen im Amt gegeben. Der politische Suppenkasper wird abgewatscht.
Es hat wohl selten eine derart vernichtende Kritik an einem Aussenminister nach gerade 100 Tagen im Amt gegeben. Der politische Suppenkasper wird abgewatscht.
Wenn das Kerzlein brennt
01.Feb.2010 22:56 Uhr
Im Spreeblick berichtet als Blogger ein ehemaliger Schüler des jesuitischen Canisius- Kollegs:
„Erinnern kann ich mich jedoch sehr gut an das Erwachen unserer Sexualität. Wir waren vielleicht 13, 14 Jahre alt und gerade dabei, unsere eigenen Körper zu entdecken. Zu dieser Zeit gab es merkwürdige Berichte einiger Mitschüler, die Stammbesucher des Nachmittagsklubs an der Schule waren. Sie hatten eine Kerze als Geschenk von einem Pater erhalten, welche die Schüler jedesmal dann anzünden sollten, wenn sie onanierten. Die benutzte Kerze sollten sie später wieder mit den Club bringen, der Pater würde im persönlichen Gespräch klären, ob sie sich zu oft angefasst hätten.“
„Erinnern kann ich mich jedoch sehr gut an das Erwachen unserer Sexualität. Wir waren vielleicht 13, 14 Jahre alt und gerade dabei, unsere eigenen Körper zu entdecken. Zu dieser Zeit gab es merkwürdige Berichte einiger Mitschüler, die Stammbesucher des Nachmittagsklubs an der Schule waren. Sie hatten eine Kerze als Geschenk von einem Pater erhalten, welche die Schüler jedesmal dann anzünden sollten, wenn sie onanierten. Die benutzte Kerze sollten sie später wieder mit den Club bringen, der Pater würde im persönlichen Gespräch klären, ob sie sich zu oft angefasst hätten.“
Das Wabern im globalen Dorf
01.Feb.2010 22:55 Uhr

Quelle des Bildes
Vielleicht ist es Zeit, sich einmal wieder mit dem frühen Theoretiker Marshall McLuhan zu beschäftigen, der klug, aber etwas drastisch angesichts der neuen elektronischen Medien über deren Einfluss auf den Menschen gedacht hat. Für ihn fand die elektronische Revolution schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts statt, eine Revolution („For the past 3500 years of the Western world, the effects of media — whether it’s speech, writing, printing, photography, radio or television — have been systematically overlooked by social observers.“), die eine schockartige, unkontrollierte und unmittelbare Erweiterung der menschlichen Sinne und Kommunikation mit sich bringen würde, aber auch die Gefahr einer kollektiven und globalen Gleichschaltung.
Das Ganze ist inzwischen - 50 Jahre später- zwar tatsächlich eingetreten- einschließlich der Gleichschaltung via globaler kultureller Events, TV- Shows und Internet- Medien, hat aber doch nicht zu dem kollektiven Identitätsverlust geführt, den McLuhan befürchtet hatte: „In the past, the effects of media were experienced more gradually, allowing the individual and society to absorb and cushion their impact to some degree. Today, in the electronic age of instantaneous communication, I believe that our survival, and at the very least our comfort and happiness, is predicated on understanding the nature of our new environment, because unlike previous environmental changes, the electric media constitute a total and near-instantaneous transformation of culture, values and attitudes. This upheaval generates great pain and identity loss, which can be ameliorated only through a conscious awareness of its dynamics. If we understand the revolutionary transformations caused by new media, we can anticipate and control them; but if we continue in our self-induced subliminal trance, we will be their slaves.“
Aber die Abhängigkeit des Menschen von diesem Medium ist- auch in wirtschaftlicher Hinsicht- heute mehr und mehr eine Tatsache. Die Grundgedanken McLuhans sind hier in einem Interview mit dem Playboy nachzulesen- eine Vision aus dem Jahr 1969.
Natürlich ist die Erweiterung der Sinne und des Leibes durch diese Medien heute festzustellen, die McLuhan so beschrieb: „Alle Medien sind Ausdehnung menschlicher Fähigkeiten – seien sie psychisch oder physisch. – Das Rad ist eine Ausdehnung des Fußes. Das Buch ist eine Ausdehnung des Auges, Kleider sind eine Ausdehnung der Haut, die Medien unserer Zeit sind eine Ausdehnung des Zentralnervensystems. Indem Medien die Umwelt verändern, schaffen sie in uns eine ganz bestimmte Konstellation sinnlicher Wahrnehmung. Die Ausdehnung nur eines Sinnes verändert die Art, wie wir denken und handeln, die Art, wie wir unsere Körper wahrnehmen. Wenn diese Verhältnisse sich wandeln, wandelt sich der Mensch.“ (Quelle Blogpiloten) Aber der Mensch wandelt sich nicht nur, er integriert auch die neuen Fähigkeiten. Vor allem ändert sich auch die Verantwortlichkeit des Einzelnen. Die aktuelle Katastrophe in Haiti mobilisiert durch die Medien ein globales Gefühl dafür, verantwortlich zu sein. Das gilt aber nicht unbedingt für den Obdachlosen, der Tag für Tag vor dem Bäcker sitzt, bei dem ich meine Brötchen hole. Der ist halt noch nicht medial präsentiert und vermarktet.
Es sind nicht nur die integren Berichte über Katastrophen in aller Welt, nicht nur die musikalischen Mega- Events, nicht nur die grassierenden Gerüchte und albernen Verschwörungstheorien, die durchs Internet wabern, was in diesem Zusammenhang auch einen Bezug zu Rudolf Steiner herstellt. Ich finde dieses seltsame - von Regierungen uniform gepuschte - Angstsyndrom so auffällig, sei es nun vor Klimakatastrophen oder vor Hühner-, Schweine- und Ziegengrippe- Epidemien. Gerne und breit werden Untergangsszenarien aller Art verbreitet. Vielleicht illustriert so etwas Rudolf Steiners mehrfach und drastisch geäußerte Bedenken vor der von ihm so genannten „Öffentlichen Meinung“: „Die öffentliche Meinung ist weniger wert, als was sich der einzelne als Meinung, wenn er fortschreitet, erringen kann. Sie ist untermenschlich.“ (GA 141, Seite 134).
Hier, meint Steiner, sind die Dämonen der heutigen und künftigen Zeit wirksam. Das „globale Dorf“ (ein Begriff von McLuhan) wird heute von Szenarien durchwabert, deren negative Energien er „luziferische“ nennt: „Und sie wirken in einer verschwommenen, durcheinanderflutenden Gedankenmacht der öffentlichen Meinung. Man versteht auch die Funktion der öffentlichen Meinung nur, wenn man weiß, dass sie in dieser Art in die Menschheit hineinkommt.“ (GA 141, Seite 128). So weit muss man natürlich nicht gehen. Man kann es durchaus dabei belassen, die drohende Uniformität im globalen Dorf, die durch weltweite, manchmal gut gemeinte Kampagnen angestossen wird, mit Interesse und einiger Verwunderung als die Schattenseite des heute technisch möglichen globalen Dialogs zu betrachten.
Vergoogelt
21.Jan.2010 20:57 Uhr
Wie das Blog von Google Mail heute berichtet, ändert Google seine Technik in Bezug auf Einblenden von Werbung beim Erhalt von Emails. Auch vorher waren die Werbeeinblendungen „Zielpersonen- orientiert“, da sich der Inhalt der Werbung an dem der Mail orientierte. Viele im Internet verschickte Emails enthielten aber offensichtlich keinerlei für Werbung relevante Informationen. Wir sind eben viel exotischer als Werbeleute glauben.
Jetzt wird diese Funktion erweitert auf schon archivierte Emails: „When you open a message in Gmail, you often see ads related to that email. Let's say you're looking at a confirmation email from a hotel in Chicago. Next to your email, you might see ads about flights to Chicago. But sometimes, there aren't any good ads to match to a particular message. From now on, you'll sometimes see ads matched to another recent email instead.“
Bei diesem Prozedere ist vielen Nutzern unwohl. Denn immerhin werden Inhalte von ihren privaten und geschäftlichen Korrespondenzen dabei analysiert. ,Im Google- Blog wird daher auch eilig versichert, dass da nichts wirklich gelesen wird, sondern „nur“ digital gefiltert: „The process is entirely automated: no humans are involved in selecting ads, and no email or personal information is shared with advertisers.“
So weit, so gut. Ich glaube ohne weiteres, dass da tatsächlich keine Armee von heimlichen Mit-Lesern sitzt, die sich durch Milliarden Emails arbeitet. Das Problem ist ein ganz anderes: Die technische Kommunikation vergoogelt zunehmend. Seit langem verfolgt man die Neigungen Googles zum digitalen Monopol. Ob in Sachen Suchmaschine, Nachrichten, Fotografie, Blogs, Office, Datenspeicherung, Landkarten oder Email: Die Krake wächst, und zwar auf innovationsfreudige Art und Weise. Google wächst eben vor allem deshalb, weil es so gut ist und weil es etablierten analogen Medien das Wasser abgräbt. Nachdem sich Google in einem Geschäftszweig etabliert hat, zieht dann - wie das aktuelle Beispiel von Googlemail zeigt- die Werbemaschine erst richtig los.
Es gibt aber noch ein anderes Problem. Das ist in meinen Augen die Neigung von Google zu Gadgets und Plugins. Manche Anwendungen sind trotz der simplen optischen Anmutung mit Funktionen überfrachtet. Ich will auch gar nicht die All-in-One-Informationsportale wie iGoogle nutzen, die mir Mails, Fotos, News, YouTube- Filme, Börse und Wetterbericht auf einen Blick liefern. Wahrscheinlich überfordert mich das. Mein Gehirn blockiert eher in einem Blitzlicht gleichzeitiger Informationen. Zugleich werden die Funktionen - auch die von Googlemail - den für mich nicht transparenten Filtern von Google gegenüber geöffnet, die vielleicht nur den Werbeeinblendungen dienen sollen, aber womöglich auch zu kapern sind*. Macworld berichtete jedenfalls, dass auch Googlemail- Konten ausländischer Journalisten in China umgelenkt und kopiert worden sind- aller Voraussicht nach von regierungseigenen Hackern: „The hijacked Gmail accounts used by the journalists in Beijing had been set to forward all e-mails to a stranger’s address, the Foreign Correspondents’ Club of China said in an e-mail to members. The group did not name the news organizations hit by the attack or say when the hijacking occurred. “We remind all members that journalists in China have been particular targets of hacker attacks in the last 2 years,” the group’s e-mail said.“
Vielleicht sind es Googles offene Tore, die zur Spionage geradezu einladen.
* Ich bin da etwas vorsichtig, weil gerade selbst meine Kreditkarte gehackt worden ist, mit Abbuchungen von interessanten Vereinen wie der „Katzennothilfe Grossbritannien“.
Jetzt wird diese Funktion erweitert auf schon archivierte Emails: „When you open a message in Gmail, you often see ads related to that email. Let's say you're looking at a confirmation email from a hotel in Chicago. Next to your email, you might see ads about flights to Chicago. But sometimes, there aren't any good ads to match to a particular message. From now on, you'll sometimes see ads matched to another recent email instead.“
Bei diesem Prozedere ist vielen Nutzern unwohl. Denn immerhin werden Inhalte von ihren privaten und geschäftlichen Korrespondenzen dabei analysiert. ,Im Google- Blog wird daher auch eilig versichert, dass da nichts wirklich gelesen wird, sondern „nur“ digital gefiltert: „The process is entirely automated: no humans are involved in selecting ads, and no email or personal information is shared with advertisers.“
So weit, so gut. Ich glaube ohne weiteres, dass da tatsächlich keine Armee von heimlichen Mit-Lesern sitzt, die sich durch Milliarden Emails arbeitet. Das Problem ist ein ganz anderes: Die technische Kommunikation vergoogelt zunehmend. Seit langem verfolgt man die Neigungen Googles zum digitalen Monopol. Ob in Sachen Suchmaschine, Nachrichten, Fotografie, Blogs, Office, Datenspeicherung, Landkarten oder Email: Die Krake wächst, und zwar auf innovationsfreudige Art und Weise. Google wächst eben vor allem deshalb, weil es so gut ist und weil es etablierten analogen Medien das Wasser abgräbt. Nachdem sich Google in einem Geschäftszweig etabliert hat, zieht dann - wie das aktuelle Beispiel von Googlemail zeigt- die Werbemaschine erst richtig los.
Es gibt aber noch ein anderes Problem. Das ist in meinen Augen die Neigung von Google zu Gadgets und Plugins. Manche Anwendungen sind trotz der simplen optischen Anmutung mit Funktionen überfrachtet. Ich will auch gar nicht die All-in-One-Informationsportale wie iGoogle nutzen, die mir Mails, Fotos, News, YouTube- Filme, Börse und Wetterbericht auf einen Blick liefern. Wahrscheinlich überfordert mich das. Mein Gehirn blockiert eher in einem Blitzlicht gleichzeitiger Informationen. Zugleich werden die Funktionen - auch die von Googlemail - den für mich nicht transparenten Filtern von Google gegenüber geöffnet, die vielleicht nur den Werbeeinblendungen dienen sollen, aber womöglich auch zu kapern sind*. Macworld berichtete jedenfalls, dass auch Googlemail- Konten ausländischer Journalisten in China umgelenkt und kopiert worden sind- aller Voraussicht nach von regierungseigenen Hackern: „The hijacked Gmail accounts used by the journalists in Beijing had been set to forward all e-mails to a stranger’s address, the Foreign Correspondents’ Club of China said in an e-mail to members. The group did not name the news organizations hit by the attack or say when the hijacking occurred. “We remind all members that journalists in China have been particular targets of hacker attacks in the last 2 years,” the group’s e-mail said.“
Vielleicht sind es Googles offene Tore, die zur Spionage geradezu einladen.
* Ich bin da etwas vorsichtig, weil gerade selbst meine Kreditkarte gehackt worden ist, mit Abbuchungen von interessanten Vereinen wie der „Katzennothilfe Grossbritannien“.
Erklärung von Google
15.Jan.2010 22:00 Uhr
Die Erklärung von Google (in deutscher Sprache, im Google- Produkt- Blog) zu den Attacken auf Mail- Accounts in China und der darauf folgenden schwer wiegenden Entscheidung von Google, die Firmenpolitik in China zu ändern, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:
„Die Angriffe und die groß angelegten Überwachungsaktivitäten, die wir bei unserer Untersuchung aufgedeckt haben, in Verbindung mit den Versuchen, die Meinungs- und Redefreiheit im Internet im Laufe des vergangenen Jahres weiter zu beschränken, haben uns zu der Entscheidung veranlasst, unser Engagement in China neu zu bewerten. Wir haben beschlossen, dass wir nicht länger bereit sind, unsere Suchergebnisse auf Google.cn zu zensieren.“
Das nennt man eine Flucht nach vorne im ganz grossen Stil.
„Die Angriffe und die groß angelegten Überwachungsaktivitäten, die wir bei unserer Untersuchung aufgedeckt haben, in Verbindung mit den Versuchen, die Meinungs- und Redefreiheit im Internet im Laufe des vergangenen Jahres weiter zu beschränken, haben uns zu der Entscheidung veranlasst, unser Engagement in China neu zu bewerten. Wir haben beschlossen, dass wir nicht länger bereit sind, unsere Suchergebnisse auf Google.cn zu zensieren.“
Das nennt man eine Flucht nach vorne im ganz grossen Stil.
Steuergeschenke und andere Unverschämtheiten
20.Dez.2009 19:56 Uhr
Die FAZ berichtete am 19.12. in ihrem Wirtschaftsteil von allerlei deutschen Seltsamkeiten- vorneweg von der Zustimmung des Bundesrats zum „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“- ein Begriff, der dieser Regierung ewig anhängen wird. Von „vergifteten Geschenken zu Weihnachten“ spricht die SPD, von reiner Klientelpolitik Andere. Wolfgang Schäuble dagegen schwärmt davon, dass die Steuervergünstigungen für Hoteliers „Wachstumsimpulse“ in der Krise brächten, Arbeitsplätze erhielten, usw. Holger Stetzner dagegen schreibt auf der gleichen Seite von der Seltsamkeit, dass der Gesetzgeber wohl „zu scherzen“ beliebe, „wenn er auf dem Deckblatt eines Gesetzes das Gegenteil vom Inhalt schreibt“. In diesem Fall handle es sich um ein Gesetz zur Beschleunigung der Verschuldung. Aber das kennen wir schon. Denn auch das „Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung“ sorge für „weniger Wettbewerb im Gesundheitswesen“. Insgesamt arbeite man emsig an der „Kreditblase Teil II“.
Immerhin hat sich ein Staat -Großbritannien- durch eine einmalige steuerliche Abgabe auf hohe Boni von Bankern bereit gemacht, neuen spekulativen Blasen in der Folge der Krise entgegen zu wirken. In einem Interview mit der „Financial Times“ hat sich nun Josef Ackermann höchst persönlich dazu geäußert, nämlich in dem Sinne, die Deutsche Bank werde dieses Gesetz unterlaufen: Die „zusätzlichen Kosten aus der Sondersteuer“ würden auf die Gesamtbank umgelegt; „Wir werden das ganz klar globalisieren.“
Man schätzt, dass es sich bei den vom britischen Staat einbehaltenen Summen um bis zu 100 Millionen Pfund handelt. Nun ist das gerade mal eine einmalige Erhebung, nicht eine grundsätzliche Maßnahme gegen kurzfristige spekulative Geschäfte. Daher erstaunt die massive Intervention Ackermanns, die immerhin dem Unterlaufen einer staatlichen Steuerungsmaßnahme gleich kommt. Nicht nur die Mitarbeiter der Deutschen Bank sollen global nach Ackermann für die Boni ihrer Vorgesetzten bluten- „auch die Aktionäre“ sollen „in Form einer geringeren Dividende dafür einstehen müssen“. Ackermann bestätigt mit seiner unverschämten Ankündigung aufs schönste, was der Boulevard über diese anarchische Art der Blasenwirtschaft denkt. Selbst halbherzige Versuche der staatlichen Steuerung prallen hier auf die gleiche Mentalität, die schon in der letzten Krise Anleger und Arbeitnehmer auf der ganzen Welt geschröpft hat. Die staatlichen Instrumente scheinen komplett zu versagen. (FAZ Nr. 295, Seite 11. „Deutsche Bank will Last der Boni-Steuer mindern“)
Immerhin hat sich ein Staat -Großbritannien- durch eine einmalige steuerliche Abgabe auf hohe Boni von Bankern bereit gemacht, neuen spekulativen Blasen in der Folge der Krise entgegen zu wirken. In einem Interview mit der „Financial Times“ hat sich nun Josef Ackermann höchst persönlich dazu geäußert, nämlich in dem Sinne, die Deutsche Bank werde dieses Gesetz unterlaufen: Die „zusätzlichen Kosten aus der Sondersteuer“ würden auf die Gesamtbank umgelegt; „Wir werden das ganz klar globalisieren.“
Man schätzt, dass es sich bei den vom britischen Staat einbehaltenen Summen um bis zu 100 Millionen Pfund handelt. Nun ist das gerade mal eine einmalige Erhebung, nicht eine grundsätzliche Maßnahme gegen kurzfristige spekulative Geschäfte. Daher erstaunt die massive Intervention Ackermanns, die immerhin dem Unterlaufen einer staatlichen Steuerungsmaßnahme gleich kommt. Nicht nur die Mitarbeiter der Deutschen Bank sollen global nach Ackermann für die Boni ihrer Vorgesetzten bluten- „auch die Aktionäre“ sollen „in Form einer geringeren Dividende dafür einstehen müssen“. Ackermann bestätigt mit seiner unverschämten Ankündigung aufs schönste, was der Boulevard über diese anarchische Art der Blasenwirtschaft denkt. Selbst halbherzige Versuche der staatlichen Steuerung prallen hier auf die gleiche Mentalität, die schon in der letzten Krise Anleger und Arbeitnehmer auf der ganzen Welt geschröpft hat. Die staatlichen Instrumente scheinen komplett zu versagen. (FAZ Nr. 295, Seite 11. „Deutsche Bank will Last der Boni-Steuer mindern“)
Schöne Weinnachten
13.Dez.2009 18:56 Uhr

Sehen wir den Tatsachen gelassen ins Auge. Der spirituelle Höhepunkt des Jahres steht vor der Tür, und das nicht erst seit 2000 Jahren, und erst recht nicht erst seit Steiner. Nein, die Menschheit treibt das seit der letzten Eiszeit, mindestens. Aber es gibt natürlich unterschiedliche Schwerpunkte. Während die Spiritualisten sich auf zwölf Heilige Nächte einstellen, konzentrieren sich Andere auf Unwägbarkeiten beim Apres Ski in den Alpen. Manche gehen einem Purgatorium entgegen, wieder einmal die gesamte Familie auf engem Raum konzentriert ertragen und gute Miene zu scheußlichen Geschenken machen zu müssen. Angehörige der Christengemeinschaft werden in der Heiligen Nacht drei Menschenweihehandlungen schwitzend, von Weihrauch umnebelt, im zwickenden Sakko ertragen müssen. Menschen mit Patchwork- Familie werden sich wieder fragen, wie sie zu dieser Verwandtschaft gekommen sind. Einsame fühlen sich in diesen Tagen einsam wie sonst nie. Viele, die es sich leisten können, fahren an die holländische Küste, nach Thailand oder auf die Malediven, um möglichst wenig vom Weihnachtsgeist berührt zu werden. Für die, die unter 25 sind, steht nach der Bescherung eine lange Partynacht in der Altstadt vor der Tür. Und vor der letzten Bude auf dem Weihnachtsmarkt, die noch offen hat, kann man sich mit Glühwein und fetter Wurst einen üblen Rausch antrinken, freundlich beobachtet von der bizarren Gestalt eines dicken Weihnachtsmanns. Oder man muss den Abend schweigend auf dem Sofa sitzend ertragen, weil Papa seinen neuen 40-Zoll-HDTV- TFT- Bildschirm mit „Ice Age 3““ vorführen möchte.
Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Weihnachten kann ziemlich furchtbar sein.
Wuff
01.Dez.2009 21:07 Uhr

Im aktuellen Prospekt der Tiernahrungskette „Fressnapf“ wird zurecht für das Recht unserer Vierbeiner auf „Tierisches Weihnachtsglück“ plädiert. Auf dem Titelbild wird bereits mit einer Katze geworben, die sich sichtbar darüber freut, dass dieses Jahr Plätzchen in Mäuseform gebacken werden (wahrscheinlich mit Fischmehlgeschmack). Aber auch der Hund, der - falls ich richtig sehe- zum Fest eine Smokingfliege trägt (aber keinen Smoking dazu), schaut recht erwartungsfroh. Was gibts denn? Na, zum Beispiel links einen „Loungesessel“ für den gepflegten Hund, im Sonderangebot. Oder „Interaktives Hunde- Spielzeug“, das fatal an die quäkenden Geräte erinnert, mit denen eher schlicht gestrickte Eltern vor ein paar Jahren ihre Kleinkinder malträtierten. Falls der Hund noch nicht in dem gleichen Maß verstört sein sollte wie die Kleinen, kann man das hiermit nachholen.
Für den Weihnachtsbaum (rechts) empfiehlt sich das „Weihnachtskugel- Set, 4-teilig“, auf denen in Gold lauter Gesichter von Hunden prangen. Solange der Vorrat reicht! Tatsächlich findet sich weiter unten die vermutete „Festtagsfliege“ „aus hochwertigem Samtstoff (100% Polyester).“ Als Geschenk ist zu empfehlen das „Hundespielzeug“, das in Kükenform, als dicke Kuh oder Stern daher kommt- je nach individuellem Geschmacks Ihres Hundes. Für einen gelungenen Weihnachtsabend wäre jedenfalls gesorgt.
Ich finde ja, so viel Anteilnahme und Grosszügigkeit den Hunden gegenüber setzt diese auch einem gewissen Stress aus. Was könnte ein gepflegter Hund zurück schenken? Vielleicht Skat spielen oder Mundharmonika blasen. Im anthroposophischen Herrchenhaus könnte der Hund vielleicht die Bhagawadgita studieren. Eine schöne Adventszeit für alle Hunde, die hier mitlesen..
Slumdogs
07.Nov.2009 20:54 Uhr
"Gesetze erlassen ist für Politiker das gleiche wie Wasser lassen", erwiderte Narayan. "Beides geht den Gully runter."
Am Wahltag stellten sich die Wahlberechtigten vor dem Wahllokal auf. Wie üblich kontrollierte Thakur Dharamsi die Stimmenabgabe. Sein System, unterstützt von den anderen Grundbesitzern, hatte schon seit Jahren reibungslos funktioniert. Der Wahlbeamte wurde beschenkt und fortgeführt, um den restlichen Tag mit Speisen und Getränken bewirtet zu werden. Die Türen öffneten sich, und die Wahlberechtigten marschierten durch. "Streckt eure Finger aus", sagte der Aufseher, der die Warteschlange beaufsichtigte.
Die Wähler gehorchten. der Sekretär am Schreibtisch schraubte eine kleine Flasche auf und markierte jeden ausgestreckten Finger mit wasserunlöslicher schwarzer Tinte, um Betrug zu verhindern.
"Und jetzt macht eure Daumenabdrücke hier drauf", sagte der Sekretär.
Sie drückten ihre Daumen auf das Register, um zu bestätigen, daß sie gewählt hatten, und gingen dann wieder heim.
Anschließend wurden die leeren Stimmzettel von den Männern des Grundbesitzers ausgefüllt. Nach Schließung kehrte der Wahlbeamte zurück, um den Transport der Wahlurnen zur Abzählunsstelle zu überwachen und zu bezeugen, daß die Wahl auf faire und demokratische Weise verlaufen war."
Wer Slumdog Millionär geliebt hat, wird auch dieses Buch lieben. Es ist allerdings wesentlich detaillierter und breiter angelegt, und es wird natürlich auch nicht von Gewinnshows und musikalischen Tanzeinlagen unterbrochen. Auf etwa 850 Seiten wird das Schicksal zweieri Unberührbarer - beide Schneider- geschildert, die aus den Dörfern um Mumbai herum in die Stadt fliehen müssen, um sich in der gigantischen Metropole durch zu schlagen. Sie leben in einem dieser wuchernden Slums, aber das ist die einzige ihnen verbliebene Chance. "Charme und die Tragödie eines ganzen Kontinents" (Klappentext) werden auf wunderbar lebendige Weise aufgerollt. Etwas für lange Winterabende.
Rohinton Mistry: Das Gleichgewicht der Welt
Am Wahltag stellten sich die Wahlberechtigten vor dem Wahllokal auf. Wie üblich kontrollierte Thakur Dharamsi die Stimmenabgabe. Sein System, unterstützt von den anderen Grundbesitzern, hatte schon seit Jahren reibungslos funktioniert. Der Wahlbeamte wurde beschenkt und fortgeführt, um den restlichen Tag mit Speisen und Getränken bewirtet zu werden. Die Türen öffneten sich, und die Wahlberechtigten marschierten durch. "Streckt eure Finger aus", sagte der Aufseher, der die Warteschlange beaufsichtigte.
Die Wähler gehorchten. der Sekretär am Schreibtisch schraubte eine kleine Flasche auf und markierte jeden ausgestreckten Finger mit wasserunlöslicher schwarzer Tinte, um Betrug zu verhindern.
"Und jetzt macht eure Daumenabdrücke hier drauf", sagte der Sekretär.
Sie drückten ihre Daumen auf das Register, um zu bestätigen, daß sie gewählt hatten, und gingen dann wieder heim.
Anschließend wurden die leeren Stimmzettel von den Männern des Grundbesitzers ausgefüllt. Nach Schließung kehrte der Wahlbeamte zurück, um den Transport der Wahlurnen zur Abzählunsstelle zu überwachen und zu bezeugen, daß die Wahl auf faire und demokratische Weise verlaufen war."
Wer Slumdog Millionär geliebt hat, wird auch dieses Buch lieben. Es ist allerdings wesentlich detaillierter und breiter angelegt, und es wird natürlich auch nicht von Gewinnshows und musikalischen Tanzeinlagen unterbrochen. Auf etwa 850 Seiten wird das Schicksal zweieri Unberührbarer - beide Schneider- geschildert, die aus den Dörfern um Mumbai herum in die Stadt fliehen müssen, um sich in der gigantischen Metropole durch zu schlagen. Sie leben in einem dieser wuchernden Slums, aber das ist die einzige ihnen verbliebene Chance. "Charme und die Tragödie eines ganzen Kontinents" (Klappentext) werden auf wunderbar lebendige Weise aufgerollt. Etwas für lange Winterabende.
Rohinton Mistry: Das Gleichgewicht der Welt
Impfguerilla
02.Nov.2009 22:50 Uhr
Dabei bestreitet niemand, dass Grippeviren gefährlich wären. Die saisonale Epidemie kostet jedes Jahr Tausenden das Leben. Die Schweinegrippe 1918 hatte Grössenordnungen von Millionen Opfern. Aber die Situation 1918 war auch eine besondere. Zum Ende des ersten Weltkrieges waren weite Kreise der europäischen Bevölkerung physisch, seelisch und moralisch zutiefst erschöpft. Moralisch erschöpft nicht nur wegen der Dimensionen der Gewalt, wegen der gewaltigen Opferzahlen, sondern auch wegen des erstmaligen breiten Einsatzes von Massenvernichtungswaffen wie Gas und einer technologischen Bedrohung durch neue Waffen. Die Spanische Grippe, wie sie genannt wurde, brach wohl ursprünglich in den USA aus und verbreitete sich in mehreren Wellen um die ganze Welt- aufgrund der kriegsbedingt desolaten Lage in Europa wurden die Ausmasse der Grippe hier kaum erfasst. Man schätzt aber, dass zwei Drittel der gesamten Bevölkerung erkrankt waren. Übrigens erkrankten Tausende auch an dieser schrecklichen Parkinson- artigen schweren Lähmung ("sleeping- sickness"), die von Oliver Sacks in "Awakenings" so eindringlich dargestellt wurde.

Rudolf Steiner sprach - in allerdings krasser Ausdrucksweise - von dem Auftreten des mittelalterlichen "Aussatzes" epidemischen Ausmasses als des "Resultats des Schreckens, der durch die Einfälle der Hunnen und der asiatischen Horden in der europäischen Bevölkerung ausgelöst wurde". Ihr Auftreten muss in der europäischen Bevölkerung eine schockartige "Furcht im menschlichen Astralleib" bewirkt haben- ein kultureller Clash, eine Art "moralischen Defekt(s)", bei dem sich die innere seelische Substanz regelrecht zersetzte: "Und dieses Feld der seelischen Zersetzung wurde eine Art Nährboden, auf dem sich die Bakterien entwickelten, die auf der Erde Krankheiten wie den Aussatz hervorriefen." (Rudolf Steiner, GA 314, Seite 242)
Es bedarf also - so darf ich Steiner verstehen- eines massenhaften seelischen Schockzustands, damit Epidemien in geschwächten Menschen umfassende Verbreitung finden können. Ähnliche Situationen sollen auch im Anschluss an den Dreissigjährigen Krieg aufgetreten sein- da war es die Pest. Trotz aller medialen Bemühungen: In einem derartigen Schockzustand befinden wir uns heute nicht. Ich werde mich freiwillig nicht impfen lassen.
Die Zeit, die bleibt
01.Nov.2009 16:32 Uhr
Ich klingelte an der Tür mit Gitterglas, die nur von innen geöffnet werden konnte. Man muss die Hände desinfizieren, dann geht man durch den kurzen Gang. Hier gibt es keine Intimitäten mehr, in jedem Bett liegt einer, ganz offen, die Wenigsten bei Bewusstsein. Er aber, inmitten der Beobachtungsmonitore und Infusionsschläuche, lag in seinem Bett, lebendig wie ein Flämmchen, das unerwartet vor der letzten Hürde zurück gezuckt ist. Körperlich war nicht viel von ihm übrig, eine Handvoll Mensch. Aber das Flämmchen redete und redete, von allem, aber wenig von dem, was passiert war. Vielleicht wollte er darüber hinweg züngeln. Er hängt mit einer Hand über dem Abgrund, aber er wird nicht loslassen.
(Es ist ja so, dass wir von vornherein nicht damit einverstanden sind, dass es diesen unleugbaren Fakt gibt, dass wir den Abgrund immer vor uns hatten, ihn aber wahrzunehmen uns weigerten. Die Spiritualisten, die behaupten, es gäbe diesen Abgrund gar nicht, widerlegt die Angst, die uns durchzieht wie ein Gewebe. Sie lässt uns tanzen und wie mit feurigen Zungen sprechen, vielleicht um den Tod schwindlig zu reden.)
Er hat sein ganzes Leben irgend etwas verkauft, er hat sein ganzes Leben gestrampelt, er hat manchmal Würde bewiesen, vor allem aber Stehvermögen. Er ist niemand, der den Kopf gern lange unter dem Wasser lässt, er ist immer obenauf gewesen, manchmal den Wirklichkeiten zum Trotz. So auch jetzt. Nicht unterkriegen lassen. Er ist in New York gewesen und hat seinen Bankrott überlebt und einen Krieg, über den man nicht spricht. Er hatte einen Riecher für die richtigen Leute. Als er das erste Mal das unerbittliche Glöckchen gehört hatte, hörte er auf, Alkohol zu trinken und stellte sein Essen um. Er tat, was er konnte. Es war nicht leicht, das Klingeln des Glöckchens ohne Alkohol zu überhören, aber manchmal gelang ihm das.
Die Zeit, die bleibt. Die Maßeinheit ist uns verloren gegangen. Handelt es sich um Minuten, Stunden, Tage? Die Zeit dehnt und staucht sich wie in einem surrealistischen Gemälde. Man kann nicht wissen, was da bleibt. Der Körper hat seine Zeit, der Geist hat eine andere. Manchmal piepte die Infusionsmaschine, wie um daran zu erinnern, dass es vielleicht noch dieses Mal gibt und vielleicht noch ein anderes Mal.
Fazit
30.Okt.2009 20:32 Uhr
"Das Fazit aus alledem lautet: Wir leben in einem Universum, dessen Alter wir nicht berechnen können, umgeben von Sternen, deren Entfernung wir nicht kennen, zwischen Materie, die wir nicht identifizieren können, und alles funktioniert nach physikalischen Gesetzen, deren Eigenschaften wir eigentlich nicht verstehen."
Bill Bryson, "Eine kurze Geschichte von fast allem", München 2004, S. 223
Bill Bryson, "Eine kurze Geschichte von fast allem", München 2004, S. 223
Mehr Netto vom Brutto
24.Okt.2009 22:45 Uhr
Nein, das überlässt sie lieber dem Streber. Nach einem Artikel im Wirtschaftsteil der FAZ (Nr 246, Seite 11, "Müllabfuhr mit Mehrwertsteuer und eine Entlastung für die Gastwirte") plant die FDP nun eine "Mehrwertsteuer auf die Hausmüllentsorgung und die Abwasserentsorgung". Nicht um die Bürger im Stillen zu schröpfen, sondern nur aus Gründen der Gerechtigkeit: Um nämlich "die Wettbewerbsbedingungen auszugleichen". Für Mieter und Häuslebauer steigen die kommunalen Abgaben also weiter. Aus ähnlichen Gründen soll die Mehrwertsteuer für Briefe und andere Postdienste eingeführt werden.
Was oben verteilt wird, soll unten beim Müll also wieder herein geholt werden. Das nennt man pragmatische Politik. Niemand will visionäre Politik, davon hatten wir im 20. Jahrhundert genug. Aber eine kleine Perspektive wäre doch angenehm. Die schwarz-gelben "Reformen" sehen bislang so aus, als wollte jemand einen Quark einmal umrühren.
Phänomenologie: Das Steakhaus
15.Okt.2009 21:29 Uhr
Heute war die Zeit noch knapper, zwei Krankenwagen standen mit Blaulicht vor dem Steakhaus und behinderten den Verkehr. In einem der Schaufenster lag ein Mensch theatralisch mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken, während sich die Sanitäter an ihm zu schaffen machten. Kurz danach fuhren sie dezent, ohne Blaulicht, davon. In den anderen Schaufenstern blickten die Kunden irritiert nach draussen. Es gab nicht direkt eine Etiquette, wie man sich neben einer Leiche zu benehmen hat. Die Unsicherheit in den Augen währte aber nicht lang. Das Leben ist kurz, die Zeit ist knapp. Man einigte sich ohne Worte darauf, wie immer weiter zu machen wie bisher: Ob halbdurch oder blutig, die Speisenden nahmen sich ihr Steak wieder vor.
Regina Reinsperger: Ein Plädoyer für die gute, alte Tages-Zeitung
11.Okt.2009 20:08 Uhr
Das Ende der Zeitung? Ich hoffe, dass das zu meinen Lebzeiten noch nicht passiert: ich liebe es, meine Zeitung am Frühstückstisch zu lesen. Da ich zu dieser Tageszeit grundsätzlich noch nicht wach bin, stört das auch meinen Partner nicht, ohne Zeitung würde ich auch nichts sagen, also kann ich mich ruhig hinter meiner Zeitung verstecken. Die erste soziale Übung des Tages ist dann aber, dem Partner einen Teil abzutreten, damit er auch lesen kann. Der Duft des Kaffee ´s, frische Brötchen, schweigendes Kauen nur vom Knistern des Papiers unterbrochen, welch kleines Paradies bevor der alltägliche Tagesstress erneut zupackt….
weiter zum Artikel..
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Schon wieder das Ende der Zeitung?
04.Okt.2009 20:55 Uhr
"We think that over a long enough period of time, most people will have personalized news-reading experiences on mobile-type devices that will largely replace their traditional reading of newspapers. Over a decade or something. And that that kind of news consumption will be very personal, very targeted", wird der Google-Chef Schmidt in dem bemerkenswerten Blogbeitrag von "Indiskretion Ehrensache" zitiert. Es geht dabei um die Frage, wie der Kampf zwischen Internet- News und den traditionellen Zeitschriften ausgehen wird. Schmidt setzt natürlich auf personalisierte digitale Newspapers- ein Beispiel dafür mag in den Augen Schmidts iGoogle sein, bei dem man beliebige Quellen wie Nachrichten, Mails, RSS-News, Flickr- Lieblingsfotografen und Youtube-Videos auf einer einzigen Startseite stimmig kombinieren kann. Angeheizt wird die Debatte durch die Erwartung an ein bald erscheinendes digitales Tablett der Firma Apple. Die Tastatur ist in den berührungsempfindlichen Bildschirm integriert, das Gerät wird aber auch durch vielfältige Fingerbewegungen gesteuert. Wie das (gut) funktionieren kann, haben wir bereits am iPhone schätzen gelernt. Nun also soll Apple, Gerüchten zufolge, vor dem Erscheinen des Geräts mit Verlagen verhandeln, um ein professionelles digitales Newspaper auf dem Tablett präsentieren zu können. Wird das das oft prophezeite Ende der klassischen Zeitung sein?

Eine andere Frage ist, wie ein anthroposophisches Internet- Medium aussehen könnte, das den Potentialen der kommenden Technik entspricht. Ich stelle mir ein vernetztes News- Blog vor, mit angeschlossenem Diskussions- Forum. In dem Blog werden zeitnah News aus dem anthroposophischen Umfeld präsentiert, unter auswählbaren Kategorien. Vorträge kann man sich ansehen und im Forum diskutieren. Persönlichkeiten werden interviewt, Initiativen vorgestellt. Entscheidend wäre eine Mischung aus Redaktion, freien vor Ort tätigen Mitarbeitern und einem lebendigen Forum. Bei all dem kommt es auf eine ansprechende und User- freundliche Technik der Präsentation an. Zumindest die grossen Verlage werden in diesen Tagen darüber grübeln, wie die digitale Plattform der Zukunft aussehen kann. Das für alle Seiten Fragliche an der Sache ist und bleibt ja, wie sich so etwas im Internet finanzieren lässt.
Dazu hier ein weiterer Beitrag von netzpolitik.org.

Eine andere Frage ist, wie ein anthroposophisches Internet- Medium aussehen könnte, das den Potentialen der kommenden Technik entspricht. Ich stelle mir ein vernetztes News- Blog vor, mit angeschlossenem Diskussions- Forum. In dem Blog werden zeitnah News aus dem anthroposophischen Umfeld präsentiert, unter auswählbaren Kategorien. Vorträge kann man sich ansehen und im Forum diskutieren. Persönlichkeiten werden interviewt, Initiativen vorgestellt. Entscheidend wäre eine Mischung aus Redaktion, freien vor Ort tätigen Mitarbeitern und einem lebendigen Forum. Bei all dem kommt es auf eine ansprechende und User- freundliche Technik der Präsentation an. Zumindest die grossen Verlage werden in diesen Tagen darüber grübeln, wie die digitale Plattform der Zukunft aussehen kann. Das für alle Seiten Fragliche an der Sache ist und bleibt ja, wie sich so etwas im Internet finanzieren lässt.
Dazu hier ein weiterer Beitrag von netzpolitik.org.
Sind wir nicht alle etwas Ansgar?
03.Okt.2009 18:24 Uhr

Nun denn, der Wahlkampf nähert sich seinem Ende, und auch die Bauern legen sich nochmal ins Zeug, um ihrem Hinterbänkler seinen Platz in Berlin zu sichern. Der lächelt darob wie ein Honigkuchenpferd und lässt sich in seinem Wahlbezirk bizarre Denkmäler errichten, die an Stelle einer Krone ein umgestülpter Jaucheeimer ziert. Ja, wir sind alle ein wenig Ansgar. Im Osten erklang vor beinahe 20 Jahren lautstark, das Ende der DDR einläutend, der Slogan "Wir sind das Volk". Der Westen antwortet heute: "Und das Volk ist Ansgar."
Sozialer Brennpunkt
22.Sep.2009 20:36 Uhr
Der Stadtteil strahlt vielleicht nicht so sehr, aber ich mag ihn. Ich mag auch den Jungen, um den es gerade geht, der - wie man früher sagte- "verhaltensauffällig" ist, indem er in der Schule schreit, schlägt, auf beliebige verbale Äußerungen Anderer mit unmässiger Wut reagieren kann, dick ist, launisch und dazu neigt, distanzlos fremde Erwachsene zu duzen. Ist das die Klientel, die der Doktor meinte (oder meint er vielmehr die, die nicht privat versichert sind)? Es scheint so.
Ich testete den Jungen, und er versagte schon beim ersten Item, bei einfachen Zuordnungsaufgaben, bei denen man nur sein Gedächtnis etwas bemühen muss. Ich wusste aber, er würde mich überraschen, und das tat er dann auch. Sobald die Aufgabenarten abstrakter wurden, schlussfolgerndes Denken, gedankliches Jonglieren mit mehreren Variablen und mehr ansprachen, wurde er sichtlich warm und arbeitete das in Rekordzeit so ab, dass der Test an sein äußerstes Limit kam. So lange sein (Kurzzeit-) Gedächtnis nicht gefordert wird, er also frei losdenken kann, kommt der Junge an IQ- Werte um die 150- gehört also zu den wirklich privilegierten Hochbegabten.
Seine Mutter hatte wieder eine der üblichen Katastrophen erwartet, da bisher noch von keiner Institution Positives über ihren Sohn geäußert wurde. Ja, sie nahm die Nachricht zuerst wie einen weiteren Schicksalsschlag auf- als wäre eine Art Behinderung aufgetaucht oder etwas, was ihnen nicht zustände. Neben der Agressivität, der Reizbarkeit, der sensorischen Übersensibilität spricht vor allem das kümmerliche Kurzzeitgedächtnis dafür, dass der Junge unter ADS leidet. Sein Potential ist unter seiner Reizbarkeit wie verschüttet. Es wäre schön, es zum Vorschein zu bringen, auch um alle Prognosen und sozialen Zuschreibungen Lüge zu strafen. Andernfalls droht eine Karriere in einer Schule für Schüler mit "sozialem und emotionalem Förderbedarf". Das ist jedenfalls in dieser Gegend, von der ich spreche, von den Chancen her eine Dead End Street.
Aber wird der Kinderarzt ihn überhaupt behandeln? Wird die nachgewiesene Intelligenz dem Diktum, sozial gebranntmarkt zu sein, ein Gegengewicht sein können? Wir werden sehen.
Merkmeier
17.Sep.2009 22:08 Uhr

Immer wenn ich Angela Merkels Slogan "Wir haben die Kraft", lese - auch bei Facebook- frage ich mich unwillkürlich "Mag sein. Aber auf wessen Kosten?"
Halali
12.Aug.2009 13:55 Uhr

Nun sollte man sagen: Das sind doch deutliche Fortschritte. Früher haben die Jagd auf Gulag-Insassen gemacht. Was soll das Gequengel? Aber so einfach ist es nun auch wieder nicht, denn im weiten Rock des russischen Mütterchens ist die Jagd auch auf andere bedrohte Arten weiter eröffnet- etwa auf Menschenrechtler. Gerade erst sind auch die Tschetschenin Sarema Sajdulajewa und ihr Mann Alik Dschabrailow - die Organisatoren der Hilfsorganisation „Rettet die Generationen“- umgebracht worden. Immerhin nicht aus dem Hubschrauber heraus, sondern zivilisiert im Strassengraben. Und doch auch insofern human, als man die Leichen derer, die sich um Kinder, die durch Landminen verstümmelt wurden, kümmern, nun offen im Strassengraben liegen lässt, damit sich die Angehörigen und Freunde keinen Kopf machen müssen. Auch der Vorgänger von Frau Sajdulajewa wie vier weitere Mitglieder der Hilfsorganisation sind auf dieselbe Weise gejagt und beseitigt worden. Man darf daher schon davon ausgehen, dass Mitglieder jeder Hilfsorganisation in dieser Region wissen müssen, dass sie sich zu einer ausgesprochen „seltenen Art“ zählen dürften.
Na, wir halten lieber den Mund, denn wir kriegen eine schicke Gaspipeline. Herr Steinmeier soll am Dienstag vor sich hingemurmelt haben, „er sei entsetzt“. Das muss man nicht so ernst nehmen. Die Jagd ist eröffnet, die Gäste sind eingeladen, der demokratische Spass im Putin- Reich kann weiter gehen.
Ani Choying Drolma
06.Aug.2009 18:58 Uhr

Ani Choying Drolma ist eine vielseitig begabte und engagierte tibetische Nonne, zur Zeit auf Tournee in Deutschland. Bekannt ist sie vor allem durch ihre wunderbaren Gesänge. Gestern habe ich ihr Konzert im Mönchengladbacher Münster besucht- eine spirituelle Veranstaltung, die trotz geringer Werbung in der zentralen Kirche dieser Stadt zu einem ungewohnten Andrang führte: Das Münster war bis auf den letzten Platz belegt. Dabei trägt Ani Choying tibetische Mantren vor, mit einer zum Teil minimalistischen musikalischen Begleitung- etwa einer Art Trommel. Ihre Stimme hat eine unglaubliche Bandbreite, von tiefstem Brummen bis hin zu glockenhellen Schlenkern und Modulationen. Um es für die europäischen Ohren nicht ganz so schwer zu machen, begleitet sich Ani Choying ab und zu mit dem Band. Dann bekommen die Lieder fast etwas Pop- Ähnliches. Ansonsten wird der mantrisch- meditative Charakter durch uns monoton erscheinende, fast endlose Schleifen betont.
Das breit gefächerte Publikum hat es so aufgenommen, dass es mir wie ein Wunder vorkam: Es herrschte trotz der heiteren sommerlichen Abendstimmung in der Altstadt nach wenigen Minuten eine Stille, die sprechenden Charakter hatte. Es gibt eine Ruhe in der Menge, die aufnehmenden Charakter hat. Ob alt oder jung, ob Freak oder Kirchengemeindenmitglied: Die meditative Gestimmtheit war mit Händen zu greifen, fast zwei Stunden lang. Für mich hatten diese mantrischen Gesänge persönlich auch etwas Berückendes und Beglückendes: Für mich waren es Lieder zum Wandern. Vor meinem inneren Auge war es mir, als hätte ich die Hochgebirgslandschaften des Himalaya vor mir- atemberaubende Aussichten vor den schneebedeckten Bergen. Diesen Liedern lauschend, war es mir, als sei ich selbst dort hin versetzt und durchwanderte die Lieder wie Landschaften.
In Ani Choyings Händen wird seit Jahren alles, was sie beginnt, zur Initiative. Vor zwei Jahren ist ihre über alles geliebte Mutter gestorben. Um mit dem Verlust zurecht zu kommen, gründete Ani ein Altersheim für allein gelassene alte Frauen in Nepal. Sie unterstützt ein Hospital für Nierenkranke und gründete eine Schule für unterprivilegierte Kinder in Nepal. Selbst das „Kathmandu Animal Treatment Center“ wird finanziell von ihr unterstützt. Die Spenden, die auf ihrer diesjährigen Tournee zusammen kommen, sind aber für die Schule bestimmt. Ansonsten gibt es Wasser- und Biogasprojekte, eine Thangka Malschule, Laptops für Schüler, usw. Selbst ihre Biographie wird bereits in elf Sprachen übersetzt.
Wer sie dieses Jahr noch erleben oder etwas über ihre Projekte erfahren möchte, sollte die Website besuchen.
Musik im Inneren
04.Aug.2009 21:26 Uhr
Seine Bücher waren seitdem weniger spektakulär, aber immer erhellend, da sein Thema die Beschreibung neurologischer Sonderfälle blieb, wodurch immer wieder Licht auf Funktionsweisen des Gehirns, aber auch auf die Besonderheiten bestimmter Behinderungen fiel. Momentan lese ich „Der einarmige Pianist- Über Musik und das Gehirn“. Wie kommt es, dass bestimmte Melodien und Rhythmen verknüpft sind mit bestimmten Erlebnissen und Lebensphasen, dass sie uns als Ohrwürmer verfolgen, dass bestimmte Musikstücke bei bestimmten Dispositionen epileptische Anfälle auslösen können?
Sacks beginnt mit Klienten, die im Rahmen von Nahtoderfahrungen - etwa durch einen Blitzschlag -, Erfahrungen wie „reines Denken, reine Ekstase“ hatten, und von nun an, in fortgeschrittenem Alter und ohne musikalische Erfahrung, „dieses unersättliche Verlangen“ verspürten, Klaviermusik zu hören, zu erlernen und zu komponieren. Es sind Klienten, die durch einen Schock plötzlich in einen Zustand geraten, in ihrem Inneren permanent Musik zu hören. Die „beseelten“ Personen waren überzeugt, diese „Musik vom Himmel“ zu empfangen.
Aber es gibt auch das gegenteilige Phänomen, die „Furcht vor Musik“, nämlich bei Personen, die unter „musikogenen Anfällen“ leiden, wobei meist eine ganz bestimmte musikalische Richtung epileptische Anfälle auslöst (z.B. eine Verdi- Arie auf dem Handy). Die Wirkmechanismen sind bis heute weitgehend ungeklärt.
„Musik im Kopf“ haben wir alle, aber bei professionellen Musikern liegt die Sache noch anders. Viele Musiker betreiben vor Konzerten Neuro- Imaging-Techniken, was besagt, dass das gesamte „Programm von sich aus und mühelos in mein inneres Ohr tritt“. Dieses mentale „Üben“ der Musik ohne jeden tatsächlichen Ton hat nachweisbare Leistungsverbesserungen zur Folge. Es sind auch dieselben Hirnareale aktiv wie beim tatsächlichen Musikhören. Falls - bei einer Person im Hirnscan - bekannte und unbekannte Musik so abgespielt wird, dass zwischendurch künstlich Pausen und Unterbrechungen eingeplant werden, betreiben die Personen „perzeptuelles Ergänzen“- die Musik wird im Kopf unwillkürlich fortgeführt.
Aber es gibt auch zahllose musikalische „Hirn- (statt Ohr-) Würmer, die uns mehr oder weniger quälen können. Ich bin persönlich auch ein Typ, der eine bestimmte Art von Musik tage- und wochenlang hört, mich quasi in dieses Klangbett hinein lege, bis dieses Bedürfnis mit der Zeit abebbt und sich eventuell sogar Verdruss und Widerwille einstellen. Dieses „Einbetten“ führt dazu, dass ich schon morgens mit der Musik im Kopf aufwache, dass sie unwillkürlich ohne äußeren Anlass tagsüber in mir anklingt. Aber es gibt eben auch quälende „Hirnwürmer“ - etwa Werbejingles, die man tagelang nicht los wird. Der quälende Charakter scheint bei vorhandenen Behinderungen wie Autismus, Tourette-Syndrom oder Zwangsstörungen häufig zu einer grässlichen Verfolgung zu werden, zu einer Art Dauerschleife. Auch Psychopharmaka scheinen dies als unangenehme Nebenwirkung haben zu können- bis hin zu regelrechten musikalischen Halluzinationen. Robert Schumann hat am Ende seines Lebens unentwegt nichts als das hohe A in sich gehört: „Am 10. Februar 1854 begann zwar nicht Schumanns Leidenszeit, sein – wie man heute weiß – durch die Syphilis bzw. manisch-depressive Krankheit verursachtes Leiden verstärkte sich jedoch sprunghaft: Er klagte über „Gehöraffektionen“. Töne, Akkorde, ganze musikalische Stücke tobten in seinem Kopf, und raubten ihm den Schlaf.“ (Quelle)
Auch einige der L-Dopa- Patienten aus Awakenings hatten nach ihrem „Aufwachen“ sofort das Verlangen, ein Tonband zu bekommen, um die Musik in ihrem Inneren - die Musik ihrer Jahrzehnte zurück liegenden Jugend- singend aufzuzeichnen. Andere waren all diese Jahre durch bestimmte Liedabfolgen, die sich ununterbrochen wiederholten, in ihrem Inneren gequält worden.
Dies nur als einige Hinweise auf dieses aufregende Buch, das darstellt, dass wir - unabhängig vom Gehör und von spezifischen Fähigkeiten- als Menschen in der Musik leben.
Trouble in paradise und andere Erektionen
28.Jul.2009 11:32 Uhr
Was heisst hier auch mal? Die Bemühungen der Grandts waren schon immer pekuniärer Natur. Die Kuh der Waldorfkritiker gibt anscheinend nicht genug Milch. Daher wechselt Herr Grandt das Sujet. Vielleicht wird die Kritik an den Waldorfschulen und Anthroposophen von jetzt an aus der Sicht von Außerirdischen betrieben, wer weiss? Auf jeden Fall schlägt sich Grandt nun auf die Seite der UFO-Gläubigen:
„1. UFOs sind ein physikalisch reales Phänomen.
2. Die wahrscheinlichste Erklärung des Phänomens ist eine extraterrestrische Intelligenz.
3. Weitere, staatlich geleitete Forschung ist notwendig.
4. Bei weiterer Erhärtung der extraterrestrischen These sollten geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um auf diese Situation zu reagieren.“
Grandt betreibt diese eiskalten Recherchen, obwohl das Material meistens der „höchsten Geheimhaltungsstufe“ unterliegt. Wie im Falle der Waldorf- und Anthroposophenschelte arbeitet er also streng investigativ. Dennoch erlaubt er sich auf der Website „Brights-Die Natur des Zweifels“ eine windelweiche Gegendarstellung in den Kommentaren: „ich bin nicht UFO-gläubig“, setzt sich zum Ärger seiner Anhänger aber in seinem kommenden Buch für Naturheilmittel ein. Seine Fans in den Kommentaren hat es zwar nicht die Sprache verschlagen, aber sie empfehlen Grandt dafür um so nachhaltigeres Schweigen: „Grandt dilettiert auf einem Gebiet, bei dem man als Laie besser die Klappe hält.“ Nun, das galt schon für die Waldorf- Und Anthroposophie- Kritik.
Ansonsten empfiehlt es sich, Grandts Aussagen mit weiter Sicht zu betrachten. Nehmen wir zum Beispiel den Fall eines zehnjährigen Jungen, der nachts ihm bisher unbekannte Gefühle entdeckt. Er sollte sich Kernaussagen Grandts zu Herzen nehmen und schlussfolgern:
1. Erektionen sind ein physikalisch reales Phänomen.
2. Die wahrscheinlichste Erklärung des Phänomens ist eine extraterrestrische Intelligenz.
3. Weitere, staatlich geleitete Forschung ist notwendig.
4. Bei weiterer Erhärtung der extraterrestrischen These sollten geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um auf diese Situation zu reagieren.
Schleunigst entschleunigt
13.Jul.2009 19:55 Uhr
Die Lehramtsanwärterin, von der ich die Phrase auch schon gehört habe, gehört zur letzten Gruppe. Sie schafft es, beliebigen Personen, die ihren Weg kreuzen, in 6 Minuten ihr Leben zu schildern. Man darf sie nur nicht unterbrechen. Gespräche, in denen der Partner nichts erwidert, empfindet sie prinzipiell als angenehm. Ansonsten übernimmt sie ungefragt jede anfallende Aufgabe (jeder weiss, dass daraus nichts werden kann), erklärt, dass sie als Kind (fälschlich, ihrer Meinung nach) als ADHS (Aufmerksamkeits- Defizit-Syndrom)- Kandidatin galt, dass sie Gottseidank nie eine Medikamentation erhielt und früh aus der Waldorf- Schule ausschied, in gegenseitigem Einvernehmen, wie es scheint. Bei diesem Thema (Waldorfpädagogik) wird sie allerdings ungehalten und scharf. Insgeheim hält sie sich nicht für hyperaktiv, sondern für hochbegabt. Aber das ist heute ja der Standard.
In intime Gespräche mit Eltern, die gerade beraten werden, platzt sie gern hinein und reisst das Gespräch in Sekunden an sich. Sie unterläuft dabei jede Absicht, die vonseiten der Lehrer und Teams vor dem Gespräch bestanden haben mag und ergeht sich in Solidaritätsbekundungen und Selbstbezichtigungen („Ich war auch so, aber sie sehen ja, aus mir ist etwas geworden“). Man kann sie nicht wirklich bremsen, auch wenn sie nichts als Chaos hinterlässt.
Mit der Zeit türmen sich ihre Versäumnisse auf. Ihre leicht manische, ungezügelte Fröhlichkeit verdeckt mit der Zeit nicht mehr, was sie nicht zu Ende bringt. Selbst ihre wohlmeinenden Mentoren führen inzwischen in ihrer Abwesenheit auf dem Flur ernste Gespräche. Auch ihr Privatleben, hört man, tanzt im Wohnzimmer Polonaise. Aber das geht uns nichts an. Ihren Kritikern rät sie zu Reflexion und allgemeiner Entschleunigung. Sie kündigt neue Projekte an. Eines Tages wird sie inmitten zahlloser Projekte, die angerissen, aber nie fertig gebracht worden sind, vor dem Nichts stehen. Dann wird der Schaum, den sie schlägt, in sich zusammen fallen.
Es muss aber nicht unbedingt das Tempo, das Verhaspeln sein, das zum Problem wird. Ich denke an einen Jungen von 12 Jahren, den ich nach der schwierigen Grundschulzeit übernahm, um ihn in eine weiter führende Schulform zu integrieren. Er galt als verhaltensauffällig. Er war einer von denen, die - trotz ihrer hohen Intelligenz- nicht nur unter einer zeitlich beschränkten Aufmerksamkeitsspanne leiden, sondern auch aggressiv auftreten. Körperliche Nähe zu Mitschülern endete stets in Schlägereien. Lehrern gegenüber trat er - scheinbar ohne Anlass- ständig provozierend auf. Er konnte eine Unterrichtsstunde so lange wie ein Quälgeist kommentieren, bis sie in einem allgemeinen Desaster endete.
Ein halbes Jahr lang führten wir mehrmals wöchentlich Einzelgespräche. An Lerninhalte im eigentlichen Sinne war kaum zu denken. Eigentlich spiegelte ich sein Verhalten und versuchte dabei zu ergründen, was ihn antrieb. Auch ich wurde unentwegt verbal von ihm attackiert. Seine hektisch vorgebrachten Fragen, Anwürfe und Beschimpfungen hatten - so merkte ich mit der Zeit- den Charakter eines Tribunals, einer Prüfung. Ich antwortete in der mir möglichen Offenheit, in der denkbar grössten persönlichen Zuwendung, ohne Beschönigungen und Attitüden. Was ein alter Mann ihm schon sagen könnte, fragte er, und wie ich mit meinem Helfersyndrom sonst im Leben zurecht käme. Aber mit der Zeit wurde deutlich, dass ihn weniger die Beschleunigung umtrieb, sondern die Frage nach persönlicher Integrität. Er könne sich, sagte er, nicht von Lehrern unterrichten lassen, die unwahrhaftig seien. Und das waren sie praktisch alle- lediglich in graduellen Unterschieden.
Er rannte - schon als Kind- gegen die verlogenen Fassaden, das Heuchlertum, das Verschanzen hinter Rollen an, um einen Zipfel der anderen Person zu erhaschen. Wir unterhielten uns über Selbstreflexion auf einem Niveau, das man tatsächlich selbst (oder gerade?) unter Erwachsenen selten erlebt. Die Verfrühung bei ihm bestand darin, dass die Gebärde der Bewusstseinsseele bei ihm als Kind dominant war - ein aggressiver Ich- Sinn, der das Innere der erwachsenen Personen um ihn herum fühlte und tastete und an der bürgerlichen Verspießerung verzweifelte. Gleichzeitig wünschte seine kindliche Seele Glück, Erfolg und Anerkennung. Dass er mich akzeptierte, war nicht genug. Die Lehrer provozierten mit der Zeit ihrerseits seine Ausbrüche, protokollierten sie, jagten ihn, mahnten ihn ab. Niemand wollte sich die Mühe mit diesem brillanten Kopf machen. Nach einem halben Jahr, in dem auch ich ständig auf der Anklagebank sass, flogen wir beide von der Schule. Ich erkannte mehr und mehr, dass er ja recht hatte- die meisten dieser Lehrer und Kollegen waren so weit in ihren eigenen Netzen verfangen, dass sie als Mensch kaum zu erreichen waren. Ich als Anwalt dieses Jungen galt als enfant terrible wie er, auch wenn ich im Auftrag der Schulbehörden handelte.
Seitdem besucht er eine spezielle Förderschule, in der ihm die ihm angemessenen Abschlüsse aber verwehrt sein werden. In diesem wie in vielen anderen Fällen wissen auch die sehr wohlwollenden Schulbehörden keinen Rat. Wie kann man einen kindlichen Wahrheitssucher davon abbringen, Fassaden nieder zu reissen? Wo kann man eine Institution finden, in der reife Lehrer unterrichten? Wo ist der Platz für die, die sich nicht den Verhaltens- und Lernvorstellungen beugen wollen und können? Wo können Individualisten Raum für Entfaltung finden?
King of Pop
02.Jul.2009 21:52 Uhr
Es ist schlimm genug, wenn Männer nicht erwachsen werden können und ihr Leben in einer Rummelplatzattrappe wie der Neverland- Ranch, zwischen Sauerstoffgeräten, Affen und kleinen Jungen verbringen. Eigentlich nicht einmal nicht erwachsen, sondern vollkommen infantil.
Aber wenn sie auch noch mit der Rolle, die sie auf der Bühne darstellen, rettungslos verwachsen, und im Bemühen, sich durch zahllose Schönheitsoperationen dem Fake ihrer selbst immer weiter anzunähern, allmählich zur Maske erstarren, deren sämtliche Gesichtsmuskeln wie mit Beton ausgegossen wirken, sind sie schließlich wie nicht von diesem Planeten. Michael Jackson, dessen „Herzinfarkt“ sich am Ende wahrscheinlich als euphemistische Bezeichnung für ein toxisches Bewusstseinsexperiment heraus stellen wird, war am Ende - wenn auch auf in der Erscheinung andere Art- so grotesk wie Elvis Presley. Gerade die völlige Verzeichnung macht Beide zu ewigen Pop- Ikonen. Denn von grotesken Verzeichnungen im Stil einer Comic- Welt lebt eben dieses Business.
Vermutlich wird in den nächsten Monaten jeder, der eine Klampfe tragen kann, Michael Jackson- Lieder klimpern. Keine Gartenparty ohne Peter Pans Oldies. Er wird auf ewig König seiner Seifenblase bleiben.
A dog´s Life
08.Jun.2009 23:57 Uhr

Nun kam das interessante Angebot von der Initiative Cockerrettung an ein reizendes Tier zu kommen: Ein schon abrasierter Deckrüde aus einer dieser südfranzösischen Hundefabriken, aus deren Welpenproduktion sicherlich viele angebliche private Züchter ihre Handelsware beziehen. Beaglehilfe dagegen ist eine Organisation, die die Tiere nach deren trauriger Karriere als Laborhund vermittelt.
Wir hatten uns jedenfalls in diesen deprimiert dreinschauenden, schweren, bockigen Cocker verguckt, der sich immer verzog, aber in Distanz doch wachsam blieb, um nichts zu verpassen. Wunderbar, dachte ich, passt doch. Nun, wir haben ihn nicht bekommen. Er brauchte besser ein Rudel, und ein solches fand er auch.
Also warten wir auf den Nächsten, den jemand rettet. Aber natürlich nicht auf irgendeinen. Es muss schon ein sturer Rüde sein.
Aber nicht jedem Besitzer sind die Astralfigurationen seines Hundes recht. Eine neue Industrie macht sich nach einem Artikel der Zeitschrift dogs breit (3/ 2009 S. 76). Demnach werden heute immer mehr Hunde mit Psychopharmaka behandelt. Die USA sind wieder Vorreiter in Sachen Unsinn (ich meine jetzt eher GM, nicht Apple) und haben 2007 das berüchtigte Prozac für Hunde im Markt freigegeben (als „Reconcile“). Auch Ritalin wird wärmstens empfohlen, um Aggressionen bei Hunden zu „behandeln“. Man spricht jetzt auch von „Angststörungen“ bei Hunden. An manchen Punkt geht die schleichende Vermenschlichung des Hundes dann doch etwas weit. .
50+
09.Mai.2009 20:26 Uhr
Peinliche wiederkehrende Situation eines in die Jahre gekommenen Nach- Achtundsechzigers: Man kommt in neue Gesellschaft, einen neuen Job, eine neue Arbeitsgruppe, man wird gefragt, wie es so war, man antwortet: „Furchtbar. Lauter alte Leute dort.“
Erst in diesem Augenblick realisiert man, dass diese „Alten“ - wenn überhaupt- wenige Jahre älter waren als man selbst. Natürlich weiss man, dass man altert. Die Spuren sind ja nun wirklich nicht zu übersehen: Das Gedächtnis nicht mehr so toll, zwei oder drei Stunden früher im Beruf erschöpft als früher, es wird schwieriger, sich zu regenerieren, die Faltigkeit & die Erschlaffung, wer wollte das leugnen. Aber das Selbstgefühl geht nicht mit dem Körper mit, es ist, als spräche es eine andere Sprache.
Die Jüngeren sehen das ganz anders. Die sehen den gewissen Zerfall sehr genau. Sie spüren im Team, wenn bei dem Älteren am frühen Nachmittag die Unterzuckerung beginnt und reagieren mit einer schonungslosen Milde und einem unnachgiebigen Verständnis: „Das ist bei meinem Papa genauso.“
Man selbst bemerkt den Riss zum Alter hin vielleicht nicht, die Umgebung aber sehr wohl. Eine Bekannte erklärte mir den Augenblick ihrer Erkenntnis so, dass Männer in ihrer Gegenwart plötzlich typische Machismo- Bemerkungen über andere Frauen machten, da sie nicht mehr realisierten, dass auch sie eine Frau ist. Derlei schonungslose Despektierlichkeiten waren ihr noch nie unterlaufen. Jetzt, auf einmal, passierte ihr das dauernd: In der Wahrnehmung ihrer Umgebung war sie plötzlich zum geschlechtlichen Neutrum geworden.
Aber, schreibt die FAZ (30.4.2009, Nr. 100, Seite 35), so schlimm ist das nicht. Die 50+ler kommen zwar in die Jahre, aber andererseits auch „in Mode“. Zwar hat man einiges Üble von dieser Generation erwartet, die früher „Protestgeneration“, die in „Frauen-, Öko-, Anti- Atomkraft- und Friedensbewegung aktiv“ gewesen ist. Wie eine Untersuchung der Universität Osnabrück zeigt, ist diese Generation heute weder verbittert noch resigniert, sondern deutlich aktiver als frühere Generationen. Profitierend von medizinischen Fortschritten, gesundheitsbewusst und in weiten Teilen mobil und in relativem, nicht übermäßigem Wohlstand lebend, gehen diese Menschen heute weiter aus, nutzen die Informationsquellen, die durch das Internet zur Verfügung stehen, pflegen ihre Freundeskreise. Lediglich 40% fühlen sich konfessionell gebunden. Der grössere Rest „ist entweder atheistisch oder esoterisch orientiert“. Ob so oder so, man ist sich weitgehend einig in „ethischen Standards und Moralvorstellungen“. Es ist eine demokratisch geprägte, engagierte, gebildete Generation, die sich „intellektuell auf der Höhe der Zeit“ fühlt. Daher kommt - kollektiv - das Gefühl auf: „Die Generation, um die es hier geht, fühlt sich gar nicht alt.“
Die Wirrungen der sexuellen Revolution der 70er Jahre haben keinesfalls zum biografischen Chaos geführt. Statistisch gesehen leben heute 80% verheiratet, zusätzlich 10% in einer festen Beziehung. Die Forscher um den Soziologen Dieter Otten sprechen daher romantisch von einem „Philemon & Baukis- Syndrom“. Es besteht doch einige Hoffnung, dass eine Generation, die sich nicht alt fühlt, das Alter neu definieren wird.
_________________________
Literatur: Dieter Otten: „Die 50+ Studie“. Wie die jungen Alten die Gesellschaft revolutionieren. Rowohlt 2008
Erst in diesem Augenblick realisiert man, dass diese „Alten“ - wenn überhaupt- wenige Jahre älter waren als man selbst. Natürlich weiss man, dass man altert. Die Spuren sind ja nun wirklich nicht zu übersehen: Das Gedächtnis nicht mehr so toll, zwei oder drei Stunden früher im Beruf erschöpft als früher, es wird schwieriger, sich zu regenerieren, die Faltigkeit & die Erschlaffung, wer wollte das leugnen. Aber das Selbstgefühl geht nicht mit dem Körper mit, es ist, als spräche es eine andere Sprache.
Die Jüngeren sehen das ganz anders. Die sehen den gewissen Zerfall sehr genau. Sie spüren im Team, wenn bei dem Älteren am frühen Nachmittag die Unterzuckerung beginnt und reagieren mit einer schonungslosen Milde und einem unnachgiebigen Verständnis: „Das ist bei meinem Papa genauso.“
Man selbst bemerkt den Riss zum Alter hin vielleicht nicht, die Umgebung aber sehr wohl. Eine Bekannte erklärte mir den Augenblick ihrer Erkenntnis so, dass Männer in ihrer Gegenwart plötzlich typische Machismo- Bemerkungen über andere Frauen machten, da sie nicht mehr realisierten, dass auch sie eine Frau ist. Derlei schonungslose Despektierlichkeiten waren ihr noch nie unterlaufen. Jetzt, auf einmal, passierte ihr das dauernd: In der Wahrnehmung ihrer Umgebung war sie plötzlich zum geschlechtlichen Neutrum geworden.
Aber, schreibt die FAZ (30.4.2009, Nr. 100, Seite 35), so schlimm ist das nicht. Die 50+ler kommen zwar in die Jahre, aber andererseits auch „in Mode“. Zwar hat man einiges Üble von dieser Generation erwartet, die früher „Protestgeneration“, die in „Frauen-, Öko-, Anti- Atomkraft- und Friedensbewegung aktiv“ gewesen ist. Wie eine Untersuchung der Universität Osnabrück zeigt, ist diese Generation heute weder verbittert noch resigniert, sondern deutlich aktiver als frühere Generationen. Profitierend von medizinischen Fortschritten, gesundheitsbewusst und in weiten Teilen mobil und in relativem, nicht übermäßigem Wohlstand lebend, gehen diese Menschen heute weiter aus, nutzen die Informationsquellen, die durch das Internet zur Verfügung stehen, pflegen ihre Freundeskreise. Lediglich 40% fühlen sich konfessionell gebunden. Der grössere Rest „ist entweder atheistisch oder esoterisch orientiert“. Ob so oder so, man ist sich weitgehend einig in „ethischen Standards und Moralvorstellungen“. Es ist eine demokratisch geprägte, engagierte, gebildete Generation, die sich „intellektuell auf der Höhe der Zeit“ fühlt. Daher kommt - kollektiv - das Gefühl auf: „Die Generation, um die es hier geht, fühlt sich gar nicht alt.“
Die Wirrungen der sexuellen Revolution der 70er Jahre haben keinesfalls zum biografischen Chaos geführt. Statistisch gesehen leben heute 80% verheiratet, zusätzlich 10% in einer festen Beziehung. Die Forscher um den Soziologen Dieter Otten sprechen daher romantisch von einem „Philemon & Baukis- Syndrom“. Es besteht doch einige Hoffnung, dass eine Generation, die sich nicht alt fühlt, das Alter neu definieren wird.
_________________________
Literatur: Dieter Otten: „Die 50+ Studie“. Wie die jungen Alten die Gesellschaft revolutionieren. Rowohlt 2008
Dämonen
02.Mai.2009 22:21 Uhr
Heute heißen die Dämonen H1N1.

Für die absoluten Paranoiker springt Google liebenswert in die Bresche. Per GoogleMaps kann man haargenau die Spur verfolgen, die das Virus - durch gemeldete Erkrankungsfälle markiert- nun nimmt. Man kann es praktisch auf einen zukommen sehen. Das gibt die Möglichkeit, sich rechtzeitig in den luftgereinigten unterirdischen Bunker zu verziehen, den man in weiser Voraussicht bereits gebaut hat.
(Nachts fiel der Strom zufällig aus, seine Luftturbine sprang nicht wieder an, und er erstickte im Schlaf. Man musste ihn dort unten lassen, da niemand die Sicherheitstür mit Luftschleuse aufbekam. Man könnte das als seinen Sarkophag bezeichnen, wenn man Metaphern mag. Von der Grippe hat man nichts mehr gehört.)

Für die absoluten Paranoiker springt Google liebenswert in die Bresche. Per GoogleMaps kann man haargenau die Spur verfolgen, die das Virus - durch gemeldete Erkrankungsfälle markiert- nun nimmt. Man kann es praktisch auf einen zukommen sehen. Das gibt die Möglichkeit, sich rechtzeitig in den luftgereinigten unterirdischen Bunker zu verziehen, den man in weiser Voraussicht bereits gebaut hat.
(Nachts fiel der Strom zufällig aus, seine Luftturbine sprang nicht wieder an, und er erstickte im Schlaf. Man musste ihn dort unten lassen, da niemand die Sicherheitstür mit Luftschleuse aufbekam. Man könnte das als seinen Sarkophag bezeichnen, wenn man Metaphern mag. Von der Grippe hat man nichts mehr gehört.)
Die deutsche Vergesslichkeit
15.Apr.2009 23:40 Uhr
Es ist Tilman Jens verschiedentlich vorgeworfen worden, er habe in seinem Buch „Demenz. Abschied von meinem Vater“ die Alzheimer- Erkrankung von Walter Jens auf unanständige Weise mit der Tatsache, dass dieser, wie erst zu dessen 80. Geburtstag publik wurde, seine Mitgliedschaft in der NSDAP verschwiegen hatte, vermengt und in einen kausalen Zusammenhang gebracht. Es mag sein, dass dieser Zusammenhang etwas konstruiert und zufällig ist. Schließlich hatte Jens, wie sein Sohn berichtet, bereits erheblich früher unter schweren Schüben von Depressionen und einer zumindest zeitweiligen Persönlichkeitsveränderung gelitten, die man durchaus als Vorboten oder Teil der Alzheimer- Erkrankung sehen kann. Jens hatte auch, wie so viele Prominente, massiv und suchtartig erhebliche Mengen von Barbituraten konsumiert. Aber solche Anwürfe werden dem Buch in seiner Vielschichtigkeit in keiner Weise gerecht.

Die Tragik und Rätselhaftigkeit eines Mannes wie Walter Jens, der die politische Korrektheit nicht nur in Reden beschwor, sondern tatkräftig und tatsächlich lebte, der der Inbegriff des deutschen Gewissens zu sein schien, ein unbestechlicher Chronist in vorderster Front, wurde ebenso wie andere Vertreter seiner Generation (Siegfried Lenz, Günter Grass) nicht nur eines gewissen Mitläufertums („die braune Verirrung eines nicht einmal 20jährigen“) in jungen Jahren überführt, sondern flüchtete sich mit 80 Jahren, statt sich den Tatsachen zu stellen, in eine merkwürdige Vergesslichkeit und Vagheit: „Und warum muss er jetzt, da eine sechzig Jahre alte Karteikarte aufgetaucht ist, so erbärmlich eiern?“ (Tilman Jens, S. 81). Und Tilman Jens bohrt nach. Aber er bohrt, wie beim Lesen des Buches zu erkennen ist, in einer Art und Weise, in der seine eigene Betroffenheit vollkommen deutlich wird. Denn in einer zweiten Schicht sieht der Leser die tiefe Zuneigung und Bewunderung des Sohnes gegenüber seinem Vater. Jens schreibt aus dieser Bewegtheit heraus, ja auch aus einer gewissen Nachfolge seines Vaters, aus derselben Korrektheit, derselben inneren Aufrichtigkeit. Er wird mit dem Riss im Bild des Vaters nur schwer fertig. Die deutsche Vergesslichkeit, das Unter-den-Teppich-Kehren hätte der Sohn bei Jedem, nur nicht bei seinem verehrten Vater erwartet.
Die dann einsetzende Demenz ist die dritte Schicht des Buches. Die allmählich fortschreitenden Wesensveränderungen bis hin zur fast völligen Regression werden Schritt für Schritt geschildert. Ein anschaulicher, bitterer Bericht. Und es gibt zum „Abschied von meinem Vater“ Weiteres zu berichten: Wie Walter, der nicht mehr selbst schreiben kann, am Anfang seiner Alzheimer- Erkrankung wütend, ablehnend, eifersüchtig auf seine Frau reagiert, die weiter schreibt und publiziert. Wie ausgerechnet der friedliebende Walter die Hand gegen sie erhebt, unberechenbar wird. Wie frühe Arbeiten Walters entdeckt werden, in durchgängig nationalsozialistischem Duktus. Wie sich der alte Nachbar, der sich liebevoll wie ein Grossvater um Tilman gekümmert hatte, im Nachhinein als nationalsozialistischer Verbrecher entpuppt. Wie die politisch korrekten Jensens ihren Sohn in die für ihn unerträgliche Waldorfschule stecken, der er erst nach einem Eklat entkommt.
„Demenz“ kann man lesen als eine Fallstudie an den Abgründen der politischen und moralischen Korrektheit. Das Buch ist so widersprüchlich wie seine Protagonisten. Es ist so schwierig wie die meisten Vater-Sohn- Beziehungen. Es ist sehr deutsch.
Pinkelprobleme
26.Mär.2009 22:38 Uhr
Liebes Lehrertagebuch! Weiterhin Probleme mit dem Pinkeln in der ersten Klasse. Heute wieder den Hund durch genommen. Nach Vorträgen der Schüler, einem Hundequiz, Erkennen und Bezeichnen von Körperteilen des Hundes ging es am Ende darum, wie Hunde ihr Revier markieren. Wie sie dabei wieder und wieder ihr Bein heben. Die lebendige Vorstellung bewirkte, dass zwei Schüler dringend aufs Klo mussten. Dann sieben weitere. Dann vierzehn. Abruptes Ende der Stunde und Abgang in die Pinkelpause. Ich überlege noch, ob man die Stunde gelungen nennen kann.
(Beschliesse, das angedachte Thema Wasser (Schmelzwasser, Regen, Wasserfälle!) vorerst auszusetzen.)
(Beschliesse, das angedachte Thema Wasser (Schmelzwasser, Regen, Wasserfälle!) vorerst auszusetzen.)
In zwei Minuten Lesen gelernt
23.Mär.2009 23:04 Uhr
Der Junge hatte eine selten eindeutige Aufmerksamkeitsstörung, verbunden nicht nur mit einer überspringenden Ungesteuertheit, in der er manchmal einen Stein durch die Klasse warf oder -ebenso ohne Anlass- einem Mitschüler mit der Faust ins Gesicht schlug, er durchlitt in seinem Bewegungsdrang und seiner Manie- ähnlichen exaltierten Gemütsart die typischen Phänomene des ADHS. Neben dem geringen Speicher für das, was er in seinem Gegenwartsbewusstsein gleichzeitig halten konnte, war er durch sensorische Überschwemmung von allem, was ihn umgab, in seinem Lernen und Auffassen behindert. Schließlich hatte er auch das typische Problem, dass Vieles- vor allem Lerninhalte auf symbolischer Ebene wie Ziffern und Grapheme - nicht ins abrufbare Gedächtnis übernommen wurde. Bis heute hat er kein Rhythmus- und Zeitgefühl. Er wäre mit dieser Konstellation fast unweigerlich zum Legastheniker geworden, da er sich ein Alphabet absolut nicht verinnerlichen konnte.
Am Ende des ersten Schuljahrs wurde er medikamentös eingestellt. Die Verhaltensprobleme bauten sich innerhalb von 4 Wochen weitgehend ab. Er hatte richtige Arbeitsphasen, durfte aber auch ausgiebig spielen. Er war nicht mehr ganz der Outlaw der Klasse. Vor allem lernte er innerhalb von drei Monaten alle Buchstaben, Ziffern bis 20 und die mathematischen Operationszeichen obendrein. Aber er verstand nicht, wie man liest. Er blickte bemüht, aber hoffnungslos, wenn zahlreiche Bezugspersonen versuchten, ihm das Synthetisieren von Buchstaben zu vermitteln.
Es ist wie bei den Schwimm- Anfängern, die mit den Beinen in die eine Richtung, mit den Armen mit aller Kraft fast gegenläufig rudern. Wer Arme und Beine nicht koordinieren kann, wird beim Schwimmen viel Wasser schlucken. Er aber kannte die Buchstaben, aber er konnte sie nicht verflüssigen, nicht ineinander übergehen lassen. Die Eltern waren verzweifelt.
Heute morgen griff ich zu einem Buch voller Trolle, die - seltsam genug - Uli und Ada heissen. Sie wurden alle namentlich vorgestellt, erlebten allerlei Abenteuer in einer wild-kreatürlichen Umgebung. Es ist ein ganz modernes Schulbuch, Niemand sonst hier hat es. Der Junge wollte es unbedingt. Und so setzte er sich hin und las: Uli, Ada. Alle Trollnamen und das erste Abenteuer. Noch am Nachmittag rannte er durch die Schule und zeigte sein Buch: Soll ich dir etwas vorlesen? Da gab es kein Entkommen. Er war überdreht, aber nicht manisch. Er war ernsthaft und maßlos überrascht über sich selbst.
Am Ende des ersten Schuljahrs wurde er medikamentös eingestellt. Die Verhaltensprobleme bauten sich innerhalb von 4 Wochen weitgehend ab. Er hatte richtige Arbeitsphasen, durfte aber auch ausgiebig spielen. Er war nicht mehr ganz der Outlaw der Klasse. Vor allem lernte er innerhalb von drei Monaten alle Buchstaben, Ziffern bis 20 und die mathematischen Operationszeichen obendrein. Aber er verstand nicht, wie man liest. Er blickte bemüht, aber hoffnungslos, wenn zahlreiche Bezugspersonen versuchten, ihm das Synthetisieren von Buchstaben zu vermitteln.
Es ist wie bei den Schwimm- Anfängern, die mit den Beinen in die eine Richtung, mit den Armen mit aller Kraft fast gegenläufig rudern. Wer Arme und Beine nicht koordinieren kann, wird beim Schwimmen viel Wasser schlucken. Er aber kannte die Buchstaben, aber er konnte sie nicht verflüssigen, nicht ineinander übergehen lassen. Die Eltern waren verzweifelt.
Heute morgen griff ich zu einem Buch voller Trolle, die - seltsam genug - Uli und Ada heissen. Sie wurden alle namentlich vorgestellt, erlebten allerlei Abenteuer in einer wild-kreatürlichen Umgebung. Es ist ein ganz modernes Schulbuch, Niemand sonst hier hat es. Der Junge wollte es unbedingt. Und so setzte er sich hin und las: Uli, Ada. Alle Trollnamen und das erste Abenteuer. Noch am Nachmittag rannte er durch die Schule und zeigte sein Buch: Soll ich dir etwas vorlesen? Da gab es kein Entkommen. Er war überdreht, aber nicht manisch. Er war ernsthaft und maßlos überrascht über sich selbst.
Anregungsarme Kindheit
22.Mär.2009 22:56 Uhr
Das ist seit Jahren ein Thema, das mich aus beruflichen Gründen interessiert. Ich meine diese Schüler, die die Schule betreten und rudimentäre Sprachfähigkeiten, einen leicht erstaunten, erschreckten oder auch wütenden Gesichtsausdruck zeigen und eben daraus Verhaltensmuster und Vermeidungsstrategien entwickeln- Schüler, die so angespannt sind, weil sie Vieles, was gesagt wird, nicht verstehen und in ihrer Verunsicherung lieber andere Schüler nachahmen. Schüler, die die emotionalen Kommunikationsangebote ihrer Mitschüler nicht oder falsch verstehen- und daher schneller einmal zuschlagen, weil sie sich so unsicher fühlen. Sie haben einfach ein kognitives Problem. Die Gewaltspirale beginnt oft bei dieser Wut, nicht ganz zu verstehen, was Andere von einem wollen.
Als Gutachter und Lehrer erkennt man oft den geringen Wortschatz- sei es bei Migranten oder rein Deutschsprachigen. Ein Schüler war zu einer Pars-pro-Toto-Strategie übergegangen. Er nannte einfach alles Obst- und Gemüse- Artige „Apfel“, und jedes Tier, das ein Fell hatte und kleiner als ein Hund war, nannte er „Maus“. In der Not macht man sich so verständlich, aber eben nur rudimentär. Aber auch die Wahrnehmung war verkümmert- er nahm nicht differenziert wahr; ein Kaninchen und ein Biber waren für ihn nur „Maus“.
Das Hauptproblem aber waren fehlende kategoriale und logische Strukturen wie Oberbegriffe. Den meisten Schülern sind sie weitgehend geläufig. Sie können meist ganz gut Obst von Gemüse unterscheiden. Viele der anregungsarm aufgewachsenen Schüler aber haben in ihrem Leben noch nicht einen Supermarkt betreten. Wenn man mit ihnen ans Meer fährt, geraten sie außer sich und gruseln sich vor dem Schlick im Meer unter ihren Füßen. Sie konnten es sich nicht vorstellen, so viel Matsch. Ein Mädchen, das ich interessiert testete, hatte einen sehr hohen IQ. Sie war auffällig geworden wegen ihrer regelrechten Begriffsstutzigkeit. Sie brauchte extrem lange, um Arbeitsanweisungen sprachlich zu dekodieren- das heraus zu filtern, was an Information oder Aufforderung darin relevant war. Sie hatte eben nie sprachlich komplexe - womöglich mehrdeutige oder ironische-, Bemerkungen zu hören bekommen. Sie hatte ihr Leben lang kein Spielzeug außer einer Puppe besessen und hatte das Haus selten verlassen. So blieb ihre hohe Begabung, abstrakte Schlussfolgerungen zu ziehen, ihre Fähigkeit, Sachverhalte in Beziehung zu setzen, vorerst ungenutzt, da ihr die Voraussetzungen fehlten, sie einzusetzen. Sie galt als dumm. Um diesen Schatz zu heben, werde ich hoffentlich ein paar Jahre Zeit erhalten, man weiss nicht, ob die Bürokratie es ermöglichen oder verhindern wird, es ist immer auch Glückssache. Gut situierte Kids aus den Mittelstandsfamilien der Vorstädte haben solche Probleme nicht.
Wenn solche sprachlich- intellektuellen Kaspar Hausers älter werden, bemerkt man, dass auch die Begriffe in ihrer Tiefe nicht erfasst werden. Unterhält man sich über Erdöl, wissen sie sehr wohl, dass man es zum Heizen und zur Benzinherstellung benutzt. Aber weiter haben sie keine Vorstellungen. Wie man es gewinnt, woraus es besteht? Keine Ahnung, sie vermuten mal, dass es sich irgendwie in den Tankschiffen bildet. Die Aktivität, die Suche nach Verzahnung und Kontexterweiterung in Bezug auf Begriffe, bleibt manchmal aus.
Wie lebt es sich mit so einer partiellen Blendung des Intellekts? Einer Verkümmerung des Muskelapparats des Verstandes? Da stehen Ding für Ding nebeneinander, Erlebnis an Erlebnis; Lerninhalt an Lerninhalt, aber man kann sie weder verbinden noch aus ihnen Schlussfolgerungen für weitere ähnliche Aufgaben ziehen. Die Generalisierung des Gelernten fehlt. Es bleibt im Konkreten, im Rudimentären verhaftet. Komplexe Abläufe wie z.B. eine Kochanleitung können nur Schritt für Schritt abgearbeitet werden, nicht aus dem Überblick heraus. Abkürzungen werden nie verstanden, da keine Vorstellung entwickelt wird - aus dem Kontext heraus-, was damit gemeint sein könnte. Arbeitsanweisungen und mathematische Textaufgaben bleiben unerklärliche Wortungetüme.
Natürlich kann man einiges aufholen. Aber je mehr die persönlichen Auffassungsschwierigkeiten ihm bewusst werden, desto mehr schämt sich der Schüler, wird wütend, abweisend oder „auffällig“. Es ist leichter und nahe liegender, sich negative Aufmerksamkeit zu verschaffen, als dieses Dickicht von fehlender Anregung zu durchqueren. Als Alternative bleibt die frühe Resignation.
Den Pädagogen bleibt nur die Aufgabe, Interesse und Neugier zu wecken, womöglich mit frühen praktischen Experimenten im Unterricht, vielleicht im Lernen mit handgreiflichen Elementen wie Schreinern und Kochen, vor allem in kooperativen Lernmethoden, die Teamarbeit und individuelles Zeitmanagement erfordern. Da lassen sich vorhandene Begabungen am besten entdecken, man kann aber auch schwierige Aufgaben vorerst Teammitgliedern überlassen. Dann muss, neben den sowieso vorhandenen Lernstoffen, die wunderbare Fülle unserer Welt vor den Schülern ausgebreitet werden. Was für eine Fülle von Details und Beziehungen sich in der Natur auftun! Man muss diese Begeisterung als Lehrer schon haben, um diese zögernden, willenserlahmten Schüler mit zu ziehen. Die Welt ist wunderbar. Diesen Schülern muss man das beweisen.
Als Gutachter und Lehrer erkennt man oft den geringen Wortschatz- sei es bei Migranten oder rein Deutschsprachigen. Ein Schüler war zu einer Pars-pro-Toto-Strategie übergegangen. Er nannte einfach alles Obst- und Gemüse- Artige „Apfel“, und jedes Tier, das ein Fell hatte und kleiner als ein Hund war, nannte er „Maus“. In der Not macht man sich so verständlich, aber eben nur rudimentär. Aber auch die Wahrnehmung war verkümmert- er nahm nicht differenziert wahr; ein Kaninchen und ein Biber waren für ihn nur „Maus“.
Das Hauptproblem aber waren fehlende kategoriale und logische Strukturen wie Oberbegriffe. Den meisten Schülern sind sie weitgehend geläufig. Sie können meist ganz gut Obst von Gemüse unterscheiden. Viele der anregungsarm aufgewachsenen Schüler aber haben in ihrem Leben noch nicht einen Supermarkt betreten. Wenn man mit ihnen ans Meer fährt, geraten sie außer sich und gruseln sich vor dem Schlick im Meer unter ihren Füßen. Sie konnten es sich nicht vorstellen, so viel Matsch. Ein Mädchen, das ich interessiert testete, hatte einen sehr hohen IQ. Sie war auffällig geworden wegen ihrer regelrechten Begriffsstutzigkeit. Sie brauchte extrem lange, um Arbeitsanweisungen sprachlich zu dekodieren- das heraus zu filtern, was an Information oder Aufforderung darin relevant war. Sie hatte eben nie sprachlich komplexe - womöglich mehrdeutige oder ironische-, Bemerkungen zu hören bekommen. Sie hatte ihr Leben lang kein Spielzeug außer einer Puppe besessen und hatte das Haus selten verlassen. So blieb ihre hohe Begabung, abstrakte Schlussfolgerungen zu ziehen, ihre Fähigkeit, Sachverhalte in Beziehung zu setzen, vorerst ungenutzt, da ihr die Voraussetzungen fehlten, sie einzusetzen. Sie galt als dumm. Um diesen Schatz zu heben, werde ich hoffentlich ein paar Jahre Zeit erhalten, man weiss nicht, ob die Bürokratie es ermöglichen oder verhindern wird, es ist immer auch Glückssache. Gut situierte Kids aus den Mittelstandsfamilien der Vorstädte haben solche Probleme nicht.
Wenn solche sprachlich- intellektuellen Kaspar Hausers älter werden, bemerkt man, dass auch die Begriffe in ihrer Tiefe nicht erfasst werden. Unterhält man sich über Erdöl, wissen sie sehr wohl, dass man es zum Heizen und zur Benzinherstellung benutzt. Aber weiter haben sie keine Vorstellungen. Wie man es gewinnt, woraus es besteht? Keine Ahnung, sie vermuten mal, dass es sich irgendwie in den Tankschiffen bildet. Die Aktivität, die Suche nach Verzahnung und Kontexterweiterung in Bezug auf Begriffe, bleibt manchmal aus.
Wie lebt es sich mit so einer partiellen Blendung des Intellekts? Einer Verkümmerung des Muskelapparats des Verstandes? Da stehen Ding für Ding nebeneinander, Erlebnis an Erlebnis; Lerninhalt an Lerninhalt, aber man kann sie weder verbinden noch aus ihnen Schlussfolgerungen für weitere ähnliche Aufgaben ziehen. Die Generalisierung des Gelernten fehlt. Es bleibt im Konkreten, im Rudimentären verhaftet. Komplexe Abläufe wie z.B. eine Kochanleitung können nur Schritt für Schritt abgearbeitet werden, nicht aus dem Überblick heraus. Abkürzungen werden nie verstanden, da keine Vorstellung entwickelt wird - aus dem Kontext heraus-, was damit gemeint sein könnte. Arbeitsanweisungen und mathematische Textaufgaben bleiben unerklärliche Wortungetüme.
Natürlich kann man einiges aufholen. Aber je mehr die persönlichen Auffassungsschwierigkeiten ihm bewusst werden, desto mehr schämt sich der Schüler, wird wütend, abweisend oder „auffällig“. Es ist leichter und nahe liegender, sich negative Aufmerksamkeit zu verschaffen, als dieses Dickicht von fehlender Anregung zu durchqueren. Als Alternative bleibt die frühe Resignation.
Den Pädagogen bleibt nur die Aufgabe, Interesse und Neugier zu wecken, womöglich mit frühen praktischen Experimenten im Unterricht, vielleicht im Lernen mit handgreiflichen Elementen wie Schreinern und Kochen, vor allem in kooperativen Lernmethoden, die Teamarbeit und individuelles Zeitmanagement erfordern. Da lassen sich vorhandene Begabungen am besten entdecken, man kann aber auch schwierige Aufgaben vorerst Teammitgliedern überlassen. Dann muss, neben den sowieso vorhandenen Lernstoffen, die wunderbare Fülle unserer Welt vor den Schülern ausgebreitet werden. Was für eine Fülle von Details und Beziehungen sich in der Natur auftun! Man muss diese Begeisterung als Lehrer schon haben, um diese zögernden, willenserlahmten Schüler mit zu ziehen. Die Welt ist wunderbar. Diesen Schülern muss man das beweisen.
Das Mädchen im Pappkarton
17.Mär.2009 22:29 Uhr
Als sie im Kindergarten war, verbrachte sie fast die ganze Zeit in einem Pappkarton. Er war geschlossen und wurde nur geöffnet, um ihr Essen hinein zu reichen. Die Wahl des Ortes lag nur an ihr. Ganze Scharen von Therapeuten waren bemüht, sie aus ihrem Gefängnis zu befreien. Ab und zu verließ sie es auch, um im Raum alles und jedes mit Kordeln und Wollfäden einzuspinnen. Sie umwickelte selbst Menschen, die sich nicht schnell genug entfernten. Ihre Art, in die Welt zu treten, bestand darin, sie einzuspinnen.
Aber es gab doch Momente, in denen sie weder spinnen noch sich in dem Pappkarton bedecken konnte. Dann fuhr sie wie ein Derwisch aus der Haut, tobte beinahe ohne Möglichkeit, sie zu beruhigen. In der Schulzeit, die sie in einer ganz normalen Grundschule in einem wohlhabenden Vorort verbrachte, verbarg sie sich nicht in einem Pappkarton, sondern hinter einem Pult. Sie hatte gewaltige Locken, einen Catcher- Körper (Randy Newman beschrieb das einmal mit: „She didn´t grow up, she grew out“), wunderschöne arabische Augen und schrie die meiste Zeit vor Wut. Sie konnte es nicht leiden, wenn man ihr zu nahe kam und warf an schlechten Tagen auch schon einmal Pult und Stuhl.
Aber ein schöner blonder schwuler Zivildienstleistender hatte den Weg zu ihr geebnet. Er war der Sohn eines Werbeagentur- Fuzzis, ein Engel mit herb- weiblichem Charme, der chronisch zu spät kam. Ihn ließ das Mädchen an sich heran. Manchmal schrieb sie sogar ein wenig, bevor sie den Stift durch die Klasse warf. Wenn andere Schüler Geburtstag hatten, aß sie meist den ganzen Kuchen alleine auf. Manchmal auch eine Tüte Kekse oder zwei Torten. Dabei konnte sie zur Erreichung ihres Zieles auch Intelligenz erkennen lassen. Und überhaupt. Sie sprach selten, traf dann aber wirklich den Punkt. Acht Monate lang verbrachte sie die meiste Zeit - auch während des Unterrichts- auf einem Baum auf dem Schulhof. Ich stand dann zu ihren Füßen, manchmal lernten wir ein wenig. Sie dachte oft, sie sei eine Art Vogel, und das schmückten wir dann aus. Sie war zweifellos ein schwerer Vogel.
Zwischendurch, in manchmal eigenartigen Räumen und zu eigenartigen Gelegenheiten, rechnete und schrieb sie wie die Anderen. Es muss eine periphere Art der Wahrnehmung und des Lernens geben, die wir nicht kennen. Vielleicht speicherte sie alle Informationen ungefiltert und verdaute sie in der Nacht. Es gab jedenfalls nichts, was sie zeitgleich mit den anderen Schülern machte.
Eines Tages knackte sie der blonde Zivildienstleistende (der vermutlich weder vorher noch nachher etwas so Vernünftiges getan hat), indem er mit ihr einen Comic zeichnete. Dieser zeigte sie und ihn, und beide Figuren hatten leere Sprechblasen. In seine schrieb er hinein „HALLO“, und in der anderen antwortete sie. Sie schrieben sich eine Weile. Dann begann die Zeichnerei für das Mädchen obsessiv zu werden. Sie entwarf von nun an ganze Dynastien einer Fantasiewesenwelt, Bücher davon. Sie alle waren beschriftet, trugen Untertitel, viele hatten Sprechblasen. Sie entwickelte damit eine Art fantastisches Tagebuch. Indirekt drückte sie ihr Innenerleben damit aus. Sie hatte ein Medium gefunden.
Am Ende der vierten Klasse rief ich, als sie königlich - von gewaltigem Körperumfang und mit beeindruckender Mähne- in die Klasse rauschte: Oh, Cleopatra tritt ein. Sie antwortete zweifelnd, als habe sie gerade begonnen, eine Fremdsprache zu erlernen: Das war ein „Witz“, oder?
Aber es gab doch Momente, in denen sie weder spinnen noch sich in dem Pappkarton bedecken konnte. Dann fuhr sie wie ein Derwisch aus der Haut, tobte beinahe ohne Möglichkeit, sie zu beruhigen. In der Schulzeit, die sie in einer ganz normalen Grundschule in einem wohlhabenden Vorort verbrachte, verbarg sie sich nicht in einem Pappkarton, sondern hinter einem Pult. Sie hatte gewaltige Locken, einen Catcher- Körper (Randy Newman beschrieb das einmal mit: „She didn´t grow up, she grew out“), wunderschöne arabische Augen und schrie die meiste Zeit vor Wut. Sie konnte es nicht leiden, wenn man ihr zu nahe kam und warf an schlechten Tagen auch schon einmal Pult und Stuhl.
Aber ein schöner blonder schwuler Zivildienstleistender hatte den Weg zu ihr geebnet. Er war der Sohn eines Werbeagentur- Fuzzis, ein Engel mit herb- weiblichem Charme, der chronisch zu spät kam. Ihn ließ das Mädchen an sich heran. Manchmal schrieb sie sogar ein wenig, bevor sie den Stift durch die Klasse warf. Wenn andere Schüler Geburtstag hatten, aß sie meist den ganzen Kuchen alleine auf. Manchmal auch eine Tüte Kekse oder zwei Torten. Dabei konnte sie zur Erreichung ihres Zieles auch Intelligenz erkennen lassen. Und überhaupt. Sie sprach selten, traf dann aber wirklich den Punkt. Acht Monate lang verbrachte sie die meiste Zeit - auch während des Unterrichts- auf einem Baum auf dem Schulhof. Ich stand dann zu ihren Füßen, manchmal lernten wir ein wenig. Sie dachte oft, sie sei eine Art Vogel, und das schmückten wir dann aus. Sie war zweifellos ein schwerer Vogel.
Zwischendurch, in manchmal eigenartigen Räumen und zu eigenartigen Gelegenheiten, rechnete und schrieb sie wie die Anderen. Es muss eine periphere Art der Wahrnehmung und des Lernens geben, die wir nicht kennen. Vielleicht speicherte sie alle Informationen ungefiltert und verdaute sie in der Nacht. Es gab jedenfalls nichts, was sie zeitgleich mit den anderen Schülern machte.
Eines Tages knackte sie der blonde Zivildienstleistende (der vermutlich weder vorher noch nachher etwas so Vernünftiges getan hat), indem er mit ihr einen Comic zeichnete. Dieser zeigte sie und ihn, und beide Figuren hatten leere Sprechblasen. In seine schrieb er hinein „HALLO“, und in der anderen antwortete sie. Sie schrieben sich eine Weile. Dann begann die Zeichnerei für das Mädchen obsessiv zu werden. Sie entwarf von nun an ganze Dynastien einer Fantasiewesenwelt, Bücher davon. Sie alle waren beschriftet, trugen Untertitel, viele hatten Sprechblasen. Sie entwickelte damit eine Art fantastisches Tagebuch. Indirekt drückte sie ihr Innenerleben damit aus. Sie hatte ein Medium gefunden.
Am Ende der vierten Klasse rief ich, als sie königlich - von gewaltigem Körperumfang und mit beeindruckender Mähne- in die Klasse rauschte: Oh, Cleopatra tritt ein. Sie antwortete zweifelnd, als habe sie gerade begonnen, eine Fremdsprache zu erlernen: Das war ein „Witz“, oder?
Der Knoten in ihm
14.Mär.2009 00:25 Uhr
Man hat viel zu tun in den ersten Wochen, nachdem die Schüler zum ersten Mal eine Schule besuchen. Manchmal reagieren sie wie ein Vogelschwarm. Wenn einer pinkeln muss, drängt es auf einmal zehn von ihnen, und wenn einer losrennt, rennen alle. Einmal, in meiner ersten Schwimmstunde mit einer Gruppe kleiner kräftiger russischer Jungen, fragte ich, wer schwimmen könnte. Einer sprang sofort ins Wasser, alle sprangen hinterher, und keiner konnte auch nur im Ansatz schwimmen. Ich zog sie schnell alle wieder raus, sie spuckten Wasser, und dann begannen wir von vorn, ohne Schwarmverhalten und ohne diesen spezifischen Machismo.
Er fiel mir zum ersten Mal auf dem Schulhof auf. Es war regnerisch und kalt, aber dieser türkische Junge mit den klugen Augen sah so aus, als ob nichts ihn wärmen könnte und zog seinen Parka eng um den Körper. Er wurde von verschiedenen Frauen mit Kopftuch gebracht und abgeholt. Seine eigene Mutter, emanzipiert und allein erziehend, hatte ihren traditionalistischen Mann zum Teufel geschickt und lag jetzt im Sterben. Ihre sechs Schwestern kümmerten sich um den Jungen.
Der machte einige Schwierigkeiten. Leserechtschreibschwäche, Antriebslosigkeit, stundenlange Kämpfe darum, auch nur ein Minimum schulischer Aufgaben zu erfüllen. Er war in Schwierigkeiten, und sie verstärkten sich, als seine Mutter bald darauf starb. Der Schwesternrat tagte und der Junge wurde vorerst der Jüngsten zugesprochen. Diese hatte einen Freund, immerhin.
Ich lud sie, vielleicht ein halbes Jahr nach dem Tod der Mutter, zum Gespräch ein. Die Schwester erschien schmal, abgezehrt und nervös wirkend, mit großen unruhigen Augen und dem unvermeidlichen dunklen Kopftuch. Ich versuchte, ihr vorsichtig zu erklären, was „Legasthenie“ ist, aber sie unterbrach mich knapp und bestimmt, ja, ja, das habe sie im bereits im zweiten Semester gewusst, das könne ich mir sparen. Sie sprach im Dialekt des Niederrheins, aber umsichtig, direkt und ohne Umschweife. Ihren Intellekt hatte ich nicht erwartet und fühlte mich in ihrer Schuld. Erst später hat sie mir erzählt, dass sie sich aus der Hauptschule herauf gekämpft hatte. Den Slang aber hatte sie nicht ablegen können. Sie und ihr späterer Mann - sie bildeten zunächst auch eine Familie, um diesem Jungen ein Zuhause zu geben - waren beide fromm, aber nicht nur liberal, sondern in einer ganz seltenen Art und Weise präsent, aufmerksam und offen. So haben wir fast vier Jahre um diesen klugen Jungen gekämpft.
Mit ihm kam es immer wieder zu den „großen“ Gesprächen auch im Unterricht, weil er die „großen“ Fragen hatte. Die Entstehung und Zukunft der Welt, Geschichte, Religion, der Kosmos, die Tierwelt, die Grenze und der Sinn der Religionen. Einmal überlegte er, islamischer Gelehrter oder Forscher werden zu wollen. Aber die Leistungen in der Schule waren schwach, die häusliche Prozedur der Hausaufgabenbewältigung eine Katastrophe. Kinderneurologen arbeiteten Monate an dem Fall. Es kam nach all den Tests nur heraus, dass es sich um ein Aufmerksamkeitsdefizit nicht handeln konnte.
Nein, es war das Trauma des Todes der Mutter, dieser unbewältigte Knoten in ihm. Aber in dem Maß, wie die Ersatzfamilie sich etablierte, verblassten die Wunden - in winzigen Schritten- wenigstens so weit, dass der Junge neue Rolle ausprobierte, zum Klassenclown avancierte, Streiche spielte und unendlich langsam und verträumt durch die Flure strich, die Hose auf Grundeis und mit riesigen schweren ausgelatschten Stiefeln.
Seine Abschiedsfeier verbrachte er mit mir auf der Schwelle der Kirche, in der unpassenderweise die Abgänger verabschiedet wurden. Er hatte daran aus religiösen Gründen nicht teilnehmen wollen. Aber ich hatte ihm geraten, doch von der Schwelle aus teilzunehmen und es auch als religiöse Studie aufzufassen. So standen wir eine Stunde lang nebeneinander. Es war ja auch unser Abschied. Ich hatte lange Zeit nicht erkannt, wie traumatisiert er eigentlich war. Aber wir hatten doch, einer wie der andere, die großen Fragen geteilt, und etwas, was mehr verbinden könnte, kann es eigentlich gar nicht geben. Ich weiss, er sieht das genauso.
Er fiel mir zum ersten Mal auf dem Schulhof auf. Es war regnerisch und kalt, aber dieser türkische Junge mit den klugen Augen sah so aus, als ob nichts ihn wärmen könnte und zog seinen Parka eng um den Körper. Er wurde von verschiedenen Frauen mit Kopftuch gebracht und abgeholt. Seine eigene Mutter, emanzipiert und allein erziehend, hatte ihren traditionalistischen Mann zum Teufel geschickt und lag jetzt im Sterben. Ihre sechs Schwestern kümmerten sich um den Jungen.
Der machte einige Schwierigkeiten. Leserechtschreibschwäche, Antriebslosigkeit, stundenlange Kämpfe darum, auch nur ein Minimum schulischer Aufgaben zu erfüllen. Er war in Schwierigkeiten, und sie verstärkten sich, als seine Mutter bald darauf starb. Der Schwesternrat tagte und der Junge wurde vorerst der Jüngsten zugesprochen. Diese hatte einen Freund, immerhin.
Ich lud sie, vielleicht ein halbes Jahr nach dem Tod der Mutter, zum Gespräch ein. Die Schwester erschien schmal, abgezehrt und nervös wirkend, mit großen unruhigen Augen und dem unvermeidlichen dunklen Kopftuch. Ich versuchte, ihr vorsichtig zu erklären, was „Legasthenie“ ist, aber sie unterbrach mich knapp und bestimmt, ja, ja, das habe sie im bereits im zweiten Semester gewusst, das könne ich mir sparen. Sie sprach im Dialekt des Niederrheins, aber umsichtig, direkt und ohne Umschweife. Ihren Intellekt hatte ich nicht erwartet und fühlte mich in ihrer Schuld. Erst später hat sie mir erzählt, dass sie sich aus der Hauptschule herauf gekämpft hatte. Den Slang aber hatte sie nicht ablegen können. Sie und ihr späterer Mann - sie bildeten zunächst auch eine Familie, um diesem Jungen ein Zuhause zu geben - waren beide fromm, aber nicht nur liberal, sondern in einer ganz seltenen Art und Weise präsent, aufmerksam und offen. So haben wir fast vier Jahre um diesen klugen Jungen gekämpft.
Mit ihm kam es immer wieder zu den „großen“ Gesprächen auch im Unterricht, weil er die „großen“ Fragen hatte. Die Entstehung und Zukunft der Welt, Geschichte, Religion, der Kosmos, die Tierwelt, die Grenze und der Sinn der Religionen. Einmal überlegte er, islamischer Gelehrter oder Forscher werden zu wollen. Aber die Leistungen in der Schule waren schwach, die häusliche Prozedur der Hausaufgabenbewältigung eine Katastrophe. Kinderneurologen arbeiteten Monate an dem Fall. Es kam nach all den Tests nur heraus, dass es sich um ein Aufmerksamkeitsdefizit nicht handeln konnte.
Nein, es war das Trauma des Todes der Mutter, dieser unbewältigte Knoten in ihm. Aber in dem Maß, wie die Ersatzfamilie sich etablierte, verblassten die Wunden - in winzigen Schritten- wenigstens so weit, dass der Junge neue Rolle ausprobierte, zum Klassenclown avancierte, Streiche spielte und unendlich langsam und verträumt durch die Flure strich, die Hose auf Grundeis und mit riesigen schweren ausgelatschten Stiefeln.
Seine Abschiedsfeier verbrachte er mit mir auf der Schwelle der Kirche, in der unpassenderweise die Abgänger verabschiedet wurden. Er hatte daran aus religiösen Gründen nicht teilnehmen wollen. Aber ich hatte ihm geraten, doch von der Schwelle aus teilzunehmen und es auch als religiöse Studie aufzufassen. So standen wir eine Stunde lang nebeneinander. Es war ja auch unser Abschied. Ich hatte lange Zeit nicht erkannt, wie traumatisiert er eigentlich war. Aber wir hatten doch, einer wie der andere, die großen Fragen geteilt, und etwas, was mehr verbinden könnte, kann es eigentlich gar nicht geben. Ich weiss, er sieht das genauso.
Tanz der Generationen
12.Mär.2009 19:14 Uhr
Bei mir im Beruf gibt es immer wieder Überraschungen- manchmal täglich, manchmal stündlich. Aber durchaus auch angenehme. Von einer Schule in die andere, von einem Stadtteil in den anderen, Klassen, Teams, Probleme wechseln täglich mehrfach. In einer Schule in einem Stadtteil angekommen, dessen überwiegenden Bevölkerungsanteil man „bildungsfern“ zu nennen gewohnt ist, erfuhr ich überraschend, dass ich aus organisatorischen Gründen mit einer grossen Gruppe Erstklässler in eine Bibliothek gehen sollte. Ich kannte die Schüler, von denen eine ganze Reihe erheblichen „Förderbedarf“ haben und sich aus allen möglichen Nationalitäten zusammen setzen, aber den Weg zur Bibliothek kannte ich nicht. Die Schüler führten mich hin. Dort angekommen stöberten wir herum, lasen etwas vor und blätterten. Ich war durchaus wegen einer gewissen Unvorhersehbarkeit im Verhalten einiger Schüler etwas angespannt. Eine Schülerin fragte mich, ob die alten Menschen heute wieder tanzten. Die Bibliothekarin hörte das und erklärte mir, die Kinder hätten letzte Woche eine Seniorinnengruppe belauscht. Vielleicht könnten die Schüler sie heute ja mal kurz besuchen.
Dann kam eine alte Dame und lud uns alle ein, ihr in einen Raum zu folgen. Etwa sechzehn alte Damen standen dort in einem Kreis und fragten die Schüler, ob diese vielleicht mittanzen wollten. Und so fing eine der schönsten Unterrichtsstunden an, die man sich vorstellen kann. Denn nun begannen ganz alte und ganz junge Menschen miteinander Volkstanz mit schmetterndem russischem Liedgut zu üben, in grossen, sich drehenden und ineinander greifenden Kreisen, mit kurzen Übungen und langen Wege durch den Raum, Hand in Hand, jeweils Pärchen aus Alt und Jung. Hatte ich anfangs noch Zweifel, was alles schief gehen könnte, überzeugten mich die leuchtenden Augen der ganz Alten und ganz Jungen. Es hatte etwas wunderbar Harmonisches und Symbolisches. Am meisten strahlten natürlich die jungen Russischstämmigen. „So was hören wir immer“, flüsterte einer. Ich dachte, wie sehr unsere alltäglichen Unternehmungen doch von der gerade erwachsenen Generation dominiert werden und wie wenig sich die Kommenden und die Gehenden heute begegnen. Wie leicht das Verständnis doch ist, wenn man diese mittlere Generation einfach einmal überspringt.
Ob man das institutionalisieren könnte? Ich fürchte, nein. Die dominanten Zeitgeistigen werden Gegenargumente finden, konkrete Ziele vermissen, Unterrichtsziele verfehlt sehen. Die Sache ist von den Richtlinien her nicht abgesichert. In den Vorstellungen von Integration ist die zwischen Alt und Jung nicht vorgesehen. Das Glück liegt manchmal am Wegesrand, manchmal in einer verstaubten Bibliothek im sozialen Brennpunkt. Es dauert nur eine Stunde lang.
Dann kam eine alte Dame und lud uns alle ein, ihr in einen Raum zu folgen. Etwa sechzehn alte Damen standen dort in einem Kreis und fragten die Schüler, ob diese vielleicht mittanzen wollten. Und so fing eine der schönsten Unterrichtsstunden an, die man sich vorstellen kann. Denn nun begannen ganz alte und ganz junge Menschen miteinander Volkstanz mit schmetterndem russischem Liedgut zu üben, in grossen, sich drehenden und ineinander greifenden Kreisen, mit kurzen Übungen und langen Wege durch den Raum, Hand in Hand, jeweils Pärchen aus Alt und Jung. Hatte ich anfangs noch Zweifel, was alles schief gehen könnte, überzeugten mich die leuchtenden Augen der ganz Alten und ganz Jungen. Es hatte etwas wunderbar Harmonisches und Symbolisches. Am meisten strahlten natürlich die jungen Russischstämmigen. „So was hören wir immer“, flüsterte einer. Ich dachte, wie sehr unsere alltäglichen Unternehmungen doch von der gerade erwachsenen Generation dominiert werden und wie wenig sich die Kommenden und die Gehenden heute begegnen. Wie leicht das Verständnis doch ist, wenn man diese mittlere Generation einfach einmal überspringt.
Ob man das institutionalisieren könnte? Ich fürchte, nein. Die dominanten Zeitgeistigen werden Gegenargumente finden, konkrete Ziele vermissen, Unterrichtsziele verfehlt sehen. Die Sache ist von den Richtlinien her nicht abgesichert. In den Vorstellungen von Integration ist die zwischen Alt und Jung nicht vorgesehen. Das Glück liegt manchmal am Wegesrand, manchmal in einer verstaubten Bibliothek im sozialen Brennpunkt. Es dauert nur eine Stunde lang.
Zeit des Skeptizismus
10.Feb.2009 11:36 Uhr
„Brauche ich den Leser daran zu erinnern, daß diese Zeit des verfeinerten Skeptizismus und eingebildeter Weisheit auch die Zeit der größten Leichtgläubigkeit und des mystischen Aberglaubens war, – in der Magnetismus und Magie Neubekehrte unter den Schülern Diderots fanden, und Prophezeiungen in aller Munde waren, in der der Salon eines philosophischen Dichters in ein Heraklea umgewandelt wurde, und die Nekromantie sich rühmte, die Schatten der Toten heraufbeschwören zu können, in der Bischofsstab und Heilige Schrift verspottet wurden und man an Cagliostro und Mesmer glaubte?
Während dieser Dämmerung, welche die neue Sonne verkündete, vor welcher alle Dünste verschwinden sollten, kamen all die Phantome aus ihren Gräbern hervor, welche den Augen eines Paracelsus und Agrippa vorgeschwebt waren.“
EDWARD GEORGE EARL BULWER-LYTTON, Zanoni, 1842
Während dieser Dämmerung, welche die neue Sonne verkündete, vor welcher alle Dünste verschwinden sollten, kamen all die Phantome aus ihren Gräbern hervor, welche den Augen eines Paracelsus und Agrippa vorgeschwebt waren.“
EDWARD GEORGE EARL BULWER-LYTTON, Zanoni, 1842
Manson- der letzte Hippie?
06.Feb.2009 22:54 Uhr

Anlässlich der Ausstellung „MAN SON 1969. Vom Schrecken der Situation“ in der Hamburger Kunsthalle bis 26.4 stellt die Süddeutsche die Behauptung auf, dieser sei der „letzte Hippie“ gewesen. Das war er sicherlich nicht. Er war ein durch Drogen außer jede Kontrolle geratener Soziopath, der sich für Gott hielt (da gibt es noch andere) und erstaunlich grenzenlosen Einfluss auf eine Gruppe - vor allem junger bürgerlicher Frauen - nehmen konnte- sie am Ende zum Morden aussandte. Ich habe schon oft darüber gearbeitet, wie solche Außenseitergruppen mit einer autoritären Guru-Schüler- Struktur um ihres eigenen Erhalts willen an den Rand einer kollektiven Paranoia geraten können. Manson war vielleicht - vor allem weil die Opfer damals so prominent waren- einer der Totengräber des Hippietums in der medialen Welt - eine Ikone für das Irrsinnige, das der Bürger in den grenzüberschreitenden psychischen und sozialen Experimenten der Hippies immer schon gesehen hatte. Mit ihm konnte man das Kapitel - q.e.d.- endgültig als abgeurteilt abheften und vergessen.
Die Ausstellung rekapituliert die Ära Manson auch keinesfalls nur, sondern sammelt Interpretation verschiedener Künstler aus unterschiedlichen Genres. Eine Videoarbeit erklärt z.B. disqualifizierend diese Ära als „killer powered by pop“.
Bei den Egoisten findet sich zu dem Thema auch ein Kapitel aus Ed Sanders berühmter Reportage “The Family. Die Geschichte von Charles Manson und seiner Strand-Buggy Streitmacht“. Reinbek 1972“, und zwar unter dem Titel „Satanisten, Drogen, Scientologen und ein Häuflein durchgeknallter Kojoten“
Dazu muss man wissen, dass Manson in der Wüste eine ganze Reihe Erleuchtungen hatte, wie z.B. folgende: „Manson entwickelte im Death Valley eine starke Vorliebe für den Kojoten, den Räuber aller Räuber. Kein Tier ist bei seiner Nahrungssuche heimtückischer und arroganter als der Kojote.
Von da an pries er einen Geisteszustand, den er «Kojotenoia“ nannte. Die grundlegende Äußerung Mansons zur Kojotenoia lautete folgendermaßen: „Christus am Kreuz, der Kojote in der Wüste - das ist ein und dasselbe. Der Kojote ist schön. Er bewegt sich graziös durch die Wüste, er ist kaum wahrnehmbar, er ist sich aller Dinge bewusst, schaut um sich. Er hört jedes Geräusch, wittert jeden Geruch, sieht alles, was sich bewegt. Er befindet sich immer in einem Zustand völliger Paranoia, völlige Paranoia aber ist totale Bewusstheit. Du kannst vom Kojoten lernen, genauso wie du von einem Kind lernst. Ein Baby kommt zur Welt in einem Zustand der Angst. Völlige Paranoia und totale Bewusstheit. . .“
Trotz des durch Drogen- und Erleuchtungszustände erreichten geistigen Ausnahmezustandes gab es durchaus rationale Kontakte zu anderen Gruppen wie Satanisten. Die zu Scientologen waren irrelevant. Aber es bildeten sich auch eigene Unterorganisationen zum Anwerben neuer Mitglieder aus, die sich eine völlig andere Fassade gaben: „Wenn Organisationen mit solchen abscheulichen Zielen neue Opfer rekrutieren wollen, müssen sie sich mit einer Fassade ausstatten, die ihre wahren Ziele verheimlicht und neue Anhänger nicht abschreckt. So lässt sich beispielsweise denken, dass eine geheime Teufelssekte eine Strohmanngruppe gründet und ihr den Namen - Humaninstitut für okkultes Gruppenblödeln- verleiht und für sie in der Overground- und Underground-Presse Anzeigen für esoterische Kurse in psychologischer Therapie aufgibt. Nun braucht sie nur noch die Angeschmierten einzuweihen. Mansons Rock-Gruppe The Milky Way scheint im Hauptquartier einer solchen Strohmannorganisation in Los Angeles aufgetreten zu sein.“
Im Kern der Sekte herrschten Hitlerverehrung, Rassismus und eine Verachtung rationalen Denkens.
Zum ganzen Text Ed Sanders
Eine weitere kurze Betrachtung zum Thema von mir
Der Papst, der sich selbst nicht aus dem Hut zauberte
02.Feb.2009 23:17 Uhr
Nein, Benedikt XVI. hat sicherlich nicht die Aura seines Vorgängers Johannes Paul II. Woityla war ein Medienzar, ein Zauberer. Er war - auch als erster Slawe in dem Amt - ein Gänger zwischen den Welten: er hat seiner Kirche eine neue Stellung in der Welt gegeben. Er hat in Yad Vashem gebetet und ein öffentliches Mea culpa für die Verfehlungen der Kirche in Glaubenskriegen, Judenverfolgungen und der Inquisition ausgesprochen. Im Kern verfolgte er - etwa in Bezug auf die Sexualmoral - dennoch eine konservative Politik. Seine Aura wirkte über seinen Tod hinaus und bedeckte eine Weile gnädig seinen Nachfolger.
Was hat man nur von Benedikt erwartet? Er hat sich sein erwachsenes Leben lang mit Dogmatik und Dogmengeschichte befasst und war seit 1981 Präfekt der Glaubenskongregation. Seine Aufgaben sah er darin, für das Zölibat einzutreten, gegen die Befreiungstheologie und die Anerkennung homosexueller Beziehungen, gegen jede Regung von Dezentralisation der Kirche, gegen ökumenischen Dialog und Pluralismus in der Kirche.
Diese seine Haltungen hat er seit Antritt seines Pontifikats 2005 konsequent eingehalten: „So war es auch schon nach seiner Rede in Auschwitz im Frühjahr 2006 (damals war von einem deutschen Volk die Rede, das von Hitler und einer Gruppe Verbrecher gleichsam als Geisel genommen worden war), und so war es im Mai 2007 nach seiner Rede im brasilianischen Aparecida („Tatsächlich hat die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums zu keiner Zeit eine Entfremdung der präkolumbianischen Kulturen mit sich gebracht und war auch nicht die Auferlegung einer fremden Kultur“). (Daniel Deckers in „Kommunikationsstörungen“, FAZ 2.2.2009). Da war die Reaktivierung der „Karfreitagsfürbitte“ für das Seelenheil der Juden wohl keine Panne oder ein Zufall. Das Vorrücken der Pius- Brüderschaft, die Leugnung des Holocaust durch den rehabilitierten Williamson, die Installation eines ultrakonservativen Weihbischofs in Linz sind konsequente und folgerichtige Schritte dieses Papstes.
Aber noch immer wirkt Johannes Pauls Schirm ein wenig. Man sieht das daran, wie sehr auch anspruchsvolle Zeitschriften um eine milde Interpretation von Benedikts Verhalten bemüht sind. Die Süddeutsche tippt auf Dilettantismus: „Dass der Papst zum selben Zeitpunkt einen Hetzer wie Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof von Linz ernennt, gehört zu einem vom Vatikan bemerkenswert dilettantisch verfolgten Drehbuch im Genre "ostentative Unabhängigkeit vom Meinungsklima".“ Die FAZ (s.o.) sieht Schwierigkeiten in der „Kommunikation“: „Dass nicht nur in der Kommunikation zwischen dem Vatikan und den Bischofskonferenzen, sondern auch in der Kommunikation innerhalb der Kurie manches im Argen liegt, ist mittlerweile für viele Mitglieder und Mitarbeiter der römischen Kurie nicht mehr der Rede wert.“ (FAZ, 2.2.2009, Seite 10).
Nun entstehen solche „Kommunikationsstörungen“ des Papstes etwa mit der Bischofskonferenz auch nicht irgendwie zufällig, sondern sind als Teil der Kirchenpolitik Benedikts anzusehen. Er entscheidet offensichtlich nicht gern im Dialog, sondern dogmatisch, im engsten Kreis oder sogar alleine. Er handelt eben so, wie von einem Vorsitzenden der Glaubenskongregation zu erwarten ist. Er hat sich nicht aus dem Hut gezaubert. Nur hat er offensichtlich nicht das Format, über seine gelernte Rolle hinaus zu wachsen in die eines Papstes, der die Menschen anzusprechen vermag, verbindend wirkt, Dialoge jenseits der vatikanischen Mauern anzustossen vermag. Benedikt ist mehr Inquisitor und Dogmatiker als weltmännisch. Er ist ein reaktionärer Intellektueller ohne politische Begabung. Daher wird er der Kirche nach außen wie nach innen schaden und die Stellung, die sie unter Johannes Paul II. hatte, demontieren.
Was hat man nur von Benedikt erwartet? Er hat sich sein erwachsenes Leben lang mit Dogmatik und Dogmengeschichte befasst und war seit 1981 Präfekt der Glaubenskongregation. Seine Aufgaben sah er darin, für das Zölibat einzutreten, gegen die Befreiungstheologie und die Anerkennung homosexueller Beziehungen, gegen jede Regung von Dezentralisation der Kirche, gegen ökumenischen Dialog und Pluralismus in der Kirche.
Diese seine Haltungen hat er seit Antritt seines Pontifikats 2005 konsequent eingehalten: „So war es auch schon nach seiner Rede in Auschwitz im Frühjahr 2006 (damals war von einem deutschen Volk die Rede, das von Hitler und einer Gruppe Verbrecher gleichsam als Geisel genommen worden war), und so war es im Mai 2007 nach seiner Rede im brasilianischen Aparecida („Tatsächlich hat die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums zu keiner Zeit eine Entfremdung der präkolumbianischen Kulturen mit sich gebracht und war auch nicht die Auferlegung einer fremden Kultur“). (Daniel Deckers in „Kommunikationsstörungen“, FAZ 2.2.2009). Da war die Reaktivierung der „Karfreitagsfürbitte“ für das Seelenheil der Juden wohl keine Panne oder ein Zufall. Das Vorrücken der Pius- Brüderschaft, die Leugnung des Holocaust durch den rehabilitierten Williamson, die Installation eines ultrakonservativen Weihbischofs in Linz sind konsequente und folgerichtige Schritte dieses Papstes.
Aber noch immer wirkt Johannes Pauls Schirm ein wenig. Man sieht das daran, wie sehr auch anspruchsvolle Zeitschriften um eine milde Interpretation von Benedikts Verhalten bemüht sind. Die Süddeutsche tippt auf Dilettantismus: „Dass der Papst zum selben Zeitpunkt einen Hetzer wie Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof von Linz ernennt, gehört zu einem vom Vatikan bemerkenswert dilettantisch verfolgten Drehbuch im Genre "ostentative Unabhängigkeit vom Meinungsklima".“ Die FAZ (s.o.) sieht Schwierigkeiten in der „Kommunikation“: „Dass nicht nur in der Kommunikation zwischen dem Vatikan und den Bischofskonferenzen, sondern auch in der Kommunikation innerhalb der Kurie manches im Argen liegt, ist mittlerweile für viele Mitglieder und Mitarbeiter der römischen Kurie nicht mehr der Rede wert.“ (FAZ, 2.2.2009, Seite 10).
Nun entstehen solche „Kommunikationsstörungen“ des Papstes etwa mit der Bischofskonferenz auch nicht irgendwie zufällig, sondern sind als Teil der Kirchenpolitik Benedikts anzusehen. Er entscheidet offensichtlich nicht gern im Dialog, sondern dogmatisch, im engsten Kreis oder sogar alleine. Er handelt eben so, wie von einem Vorsitzenden der Glaubenskongregation zu erwarten ist. Er hat sich nicht aus dem Hut gezaubert. Nur hat er offensichtlich nicht das Format, über seine gelernte Rolle hinaus zu wachsen in die eines Papstes, der die Menschen anzusprechen vermag, verbindend wirkt, Dialoge jenseits der vatikanischen Mauern anzustossen vermag. Benedikt ist mehr Inquisitor und Dogmatiker als weltmännisch. Er ist ein reaktionärer Intellektueller ohne politische Begabung. Daher wird er der Kirche nach außen wie nach innen schaden und die Stellung, die sie unter Johannes Paul II. hatte, demontieren.
Meine Schmerzen, deine Schmerzen
02.Feb.2009 15:33 Uhr
Heute brachte die Frankfurter Allgemeine, versteckt in einer Ecke der „Forschung und Lehre“- Rubrik (Nr.. 23, Seite N5) , eine interessante Untersuchung: „Selbstgefühl. Kopfschmerzexperten haben mehr Kopfschmerzen“. Tatsächlich ist bei Neurologen, insbesondere aber bei Migränespezialisten, genau diese Erkrankung erheblich weiter verbreitet als in der Normalbevölkerung. 15% von Allen erkrankt daran im Laufe ihres Lebens. Bei Neurologen sind es 30%, bei Kopfschmerzspezialisten ist es sogar fast die Hälfte. Das verwundert nicht besonders, denn Viele kommen eben zu diesem Beruf, weil sie selbst an solchen Beschwerden leiden und diese deshalb zum Rätsel, zum Mittelpunkt des Interesses geworden sind.
Wie aber gehen die Schmerzspezialisten in Bezug auf Schmerzen mit ihren Patienten um? Während praktisch alle Ärzte bei sich selbst rein körperliche Ursachen sehen, bewerten sie die Beschwerden ihrer Patienten sehr häufig als psychosomatisch bedingt. Das hat nicht selten eine diskriminierende Saite, die dabei mitschwingt. Und ihren Patienten gegenüber verschreiben Neurologen und Schmerzspezialisten auch häufig die nicht gerade ungefährlichen und teuren Triptane, die sie sich selbst eher selten zumuten.
Dass auch bei selbst betroffenen Neurologen gegenüber der Patientenseite nicht der Maßstab angelegt wird, den die Ärzte bei sich selbst anlegen, wäre ein Spezialproblem, wenn es nicht selber ein Symptom wäre: Auch im Extremfall trennen wir unser eigenes Erleben sehr deutlich von dem der Anderen. Unsere Wahrnehmung ist in dieser Hinsicht korrumpiert. Die konkrete soziale Fantasie im Sinne eines Erfassens der Innenseite des Anderen bleibt ein noch immer fernes Ziel.
Rudolf Steiner charakterisiert dieses nüchtern- empathische Ziel folgendermaßen: „Indem ich denkend vor der andern Persönlichkeit stehe, kennzeichnet sich mir die Wahrnehmung gewissermaßen als seelisch durchsichtig. Ich bin genötigt, im denkenden Ergreifen der Wahrnehmung mir zu sagen, daß sie dasjenige gar nicht ist, als was sie den äußeren Sinnen erscheint. Die Sinneserscheinung offenbart in dem, was sie unmittelbar ist, ein anderes, was sie mittelbar ist. Ihr Sich-vor-mich-Hinstellen ist zugleich ihr Auslöschen als bloße Sinneserscheinung. Aber was sie in diesem Auslöschen zur Erscheinung bringt, das zwingt mich als denkendes Wesen, mein Denken für die Zeit ihres Wirkens auszulöschen und an dessen Stelle ihr Denken zu setzen.
Dieses ihr Denken aber ergreife ich in meinem Denken als Erlebnis wie mein eigenes. Denn die als Sinneserscheinung sich auslöschende unmittelbare Wahrnehmung wird von meinem Denken ergriffen, und es ist ein vollkommen in meinem Bewusstsein liegender Vorgang, der darin besteht, daß sich an die Stelle meines Denkens das andere Denken setzt. Durch das Sich-Auslöschen der Sinneserscheinung wird die Trennung zwischen den beiden Bewußtseinssphären tatsächlich aufgehoben.“ (Rudolf Steiner, GA 4, Seite 260 f) Diese Spiegelung-des-Anderen-in-uns findet unbewusst in jedem Dialog, in jedem kommunikativen Akt statt, bleibt uns aber unbewusst und wird durch die schnell einsetzenden Urteile verfälscht. Der intuitive Schatz ist also schon da, man müsste ihn nur heben.
Wie aber gehen die Schmerzspezialisten in Bezug auf Schmerzen mit ihren Patienten um? Während praktisch alle Ärzte bei sich selbst rein körperliche Ursachen sehen, bewerten sie die Beschwerden ihrer Patienten sehr häufig als psychosomatisch bedingt. Das hat nicht selten eine diskriminierende Saite, die dabei mitschwingt. Und ihren Patienten gegenüber verschreiben Neurologen und Schmerzspezialisten auch häufig die nicht gerade ungefährlichen und teuren Triptane, die sie sich selbst eher selten zumuten.
Dass auch bei selbst betroffenen Neurologen gegenüber der Patientenseite nicht der Maßstab angelegt wird, den die Ärzte bei sich selbst anlegen, wäre ein Spezialproblem, wenn es nicht selber ein Symptom wäre: Auch im Extremfall trennen wir unser eigenes Erleben sehr deutlich von dem der Anderen. Unsere Wahrnehmung ist in dieser Hinsicht korrumpiert. Die konkrete soziale Fantasie im Sinne eines Erfassens der Innenseite des Anderen bleibt ein noch immer fernes Ziel.
Rudolf Steiner charakterisiert dieses nüchtern- empathische Ziel folgendermaßen: „Indem ich denkend vor der andern Persönlichkeit stehe, kennzeichnet sich mir die Wahrnehmung gewissermaßen als seelisch durchsichtig. Ich bin genötigt, im denkenden Ergreifen der Wahrnehmung mir zu sagen, daß sie dasjenige gar nicht ist, als was sie den äußeren Sinnen erscheint. Die Sinneserscheinung offenbart in dem, was sie unmittelbar ist, ein anderes, was sie mittelbar ist. Ihr Sich-vor-mich-Hinstellen ist zugleich ihr Auslöschen als bloße Sinneserscheinung. Aber was sie in diesem Auslöschen zur Erscheinung bringt, das zwingt mich als denkendes Wesen, mein Denken für die Zeit ihres Wirkens auszulöschen und an dessen Stelle ihr Denken zu setzen.
Dieses ihr Denken aber ergreife ich in meinem Denken als Erlebnis wie mein eigenes. Denn die als Sinneserscheinung sich auslöschende unmittelbare Wahrnehmung wird von meinem Denken ergriffen, und es ist ein vollkommen in meinem Bewusstsein liegender Vorgang, der darin besteht, daß sich an die Stelle meines Denkens das andere Denken setzt. Durch das Sich-Auslöschen der Sinneserscheinung wird die Trennung zwischen den beiden Bewußtseinssphären tatsächlich aufgehoben.“ (Rudolf Steiner, GA 4, Seite 260 f) Diese Spiegelung-des-Anderen-in-uns findet unbewusst in jedem Dialog, in jedem kommunikativen Akt statt, bleibt uns aber unbewusst und wird durch die schnell einsetzenden Urteile verfälscht. Der intuitive Schatz ist also schon da, man müsste ihn nur heben.
Wenn man alles verliert
25.Jan.2009 23:32 Uhr

Mit 30 spürte sie den ersten Knoten. Sie war seit wenigen Jahren verheiratet, hatte glücklich ihren Lehrerberuf angetreten und den Gedanken an eigene Kinder noch nicht aufgegeben. In dieser Zeit steht noch fast alles offen, man könnte zusammen weggehen. Sie könnte ihre Leidenschaft, das Chorsingen, vielleicht doch noch zu mehr machen, als es anfangs ausgesehen hatte. Bald würde es erste Tourneen geben.
Aber da war der Knoten. Als sie hinging, erfuhr sie, dass es ein bösartiges Sarkom war, das aber die Eigenschaften hatte, nicht zu streuen.
In der Folge war sie furchtbar krank, wegen der Operationsfolgen, wegen der Chemo, aber vor allem, weil sie so fertig war. Sie war jetzt eine Kranke. Sie hatte dieses Misstrauen bekommen, das auch geschürt wurde durch regelmäßige, engmaschige Checks im Krankenhaus. Sie beschloss, dass sie niemals Kinder haben wollte. Sie verlor eine Brust und den Menschen, der sich ihr Mann nannte, dazu.
Ihre Kinder waren jetzt die Schüler. Sie entschied sich, intensiver integrativ zu arbeiten und gründete die erste integrative Klasse - auch mit geistig behinderten Kindern- in ihrer Stadt.
Nach vier Jahren waren die Metastasen da, die niemals hätten entstehen sollen, ja können. Sie waren gewissermaßen illegitim, hielten sich nicht an die Spielregeln. Die Rippen mussten ihr aufgesägt werden, um an die Krebszellhaufen heran zu kommen. Sie war völlig am Ende und ließ sich von ihren alten Eltern nach Hause bringen, um wieder leben zu lernen. Sie hatte einmal kurz den Glauben verloren, der einen am Leben hält. Es gibt diesen ganz fundamentalen Glauben ans Leben. Wenn man den aufgibt, hält einen nichts mehr. Bald danach lernte sie ihren zweiten Mann kennen, Musiker und Lehrer wie sie.
Nach der übernächsten Chemoreihe reichte die Luft nicht mehr fürs Singen. Es blieb die Möglichkeit, wieder solch eine besonders anspruchsvolle integrative Klasse mit autistischen, geistig behinderten, verwahrlosten und missbrauchten Kindern zu machen, und sie tat es. Aber in der Zwischenzeit lag sie auch einmal fast ein Jahr im Krankenhaus und in der Reha. Sie schaffte die vier Jahre nur mit Hilfe einiger sehr junger Kolleginnen, die für sie einsprangen.
Nun aber, im dritten Durchgang, begannen ihr die eigenen Kräfte zu schwinden. Sie lehrte mehr Kleingruppen als ganze Klassen, gab noch etwas Fachunterricht, verband sich mit einigen behinderten Kindern. Aber die verhaltensauffälligen, dreisten, offenherzigen, hektischen Schüler nahmen sie nicht mehr ernst. „Ist das hier dein Hobby, oder was?“ lästerten sie. Nein, es war nicht ihr Hobby, es war eigentlich ihr Lebensinhalt. Sie wurde wütend auf einige Kollegen. Sie empfand alles als falsch, was die machten. Nun galt sie als etwas schwierig.
Dann kam der kalte Wintereinbruch dieses Januars. Die Chemo hatte die Abwehrkräfte ordnungsgemäß auf Null gebracht, aber jetzt griff der Winter nach ihr. Immunschwäche ist etwas furchtbares, weil die Schwäche wie in den Raum verteilt wird. Was immer da draußen ist, kann in dein Inneres greifen und dich nehmen und kränken. Das tat der Winter.
Aber er griff zu kurz, sie wird sich dem Zugriff entziehen. Und wenn es nur noch einen einzigen Schüler gäbe, der ihre Zuwendung und Intuition benötigen könnte: Sie würde ihn finden.
Downlad der Collage
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Die Geschichte der Autobombe
17.Jan.2009 22:05 Uhr

Auch der Krieg globalisiert und individualisiert sich- vor allem aber wendet er sich gegen die Zivilisten, deren Tod als eine Art Fanal benutzt werden soll. Je ziviler die Opfer und je mehr es sind. desto besser. Auch wenn der erklärte Krieg zwischen Staaten oder staatlichen Enklaven ständig geführt wird, wird der zum Terror miniaturisierte Krieg zum global gegenwärtigen Phänomen. Mike Davis, über dessen großartiges Buch „Planet der Slums“ hier bereits berichtet wurde, geht in „Eine Geschichte der Autobombe“ auf eben diesen Terror, der sich im 20. Jahrhundert entwickelte, ein.
Davis, der häufig aus einer gewissen politischen und gesellschaftlichen Emphase heraus schreibt, hält sich bei diesem Thema persönlich weitgehend zurück und entwickelt einfach eine gewisse Chronologie des schrecklichen Phänomens. Das Entsetzliche dieser Attentate benötigt nicht nur nichts neben seiner reinen Faktizität- jede einseitige Kommentierung, Instrumentalisierung, Kontextualisierung wäre geradezu obszön.
In Sri Lanka - so Davis- hielt man die dort bombenden „Tamil Tigers“ „für übermenschlich grausam und gerissen - für allgegenwärtig wie böse Geister.“ Diese Allgegenwärtigkeit erinnert an ein globales Phänomen, das Rudolf Steiner den „Krieg aller gegen alle“ nannte. Rudolf Steiner schrieb: „Man weiss, daß auf dem Grunde der menschlichen Seele durch Verkehrung der edelsten Opferwilligkeit der Wunsch entstehen kann, den Mitmenschen zu töten.“ (Gesamtausgabe 145, Seite 144 f). Das weist auf die Doppelbödigkeit des Terrorismus hin: Denn im Sinne ihrer Angelegenheiten sind die Terroristen natürlich ganz und gar idealistisch. Diesem schrecklichen Idealismus unterliegen wir prinzipiell alle. In Steiners Ansicht liegt nur eine Art Schleier, eine „Betäubung“ über dem „Wunsch (..), den anderen zu töten“, über „Wünsche(n), die auf Vernichtung, auf Zerstörung des menschlichen und sonstigen auf dem physischen Plan wirkenden Zusammenseins hingehen.“ (dito)
Die Gründe für die Verirrungen des Idealismus in den Terror sieht Steiner vor allem in einer wachsenden Individualisierung im Sinne einer inneren Verhärtung: „Wenn die Menschen immer mehr und mehr voneinander isoliert werden, ein jeder sich immer mehr in seinem eigenen Ich verhärtet, wenn die Trennungslinien, die Seele von Seele scheiden, immer stärker werden, so dass sich Seele und Seele immer weniger verstehen kann, dann werden die Menschen in der äußeren Welt immer mehr zu Streit und Hader kommen, der Streit aller gegen alle auf der Erde wird an die Stelle der Liebe treten.“ (Gesamtausgabe 112, S. 206). Vom zeitlichen Rahmen sagt Rudolf Steiner auch ganz konkret: „Wenn man die Dinge so weiter laufen läßt, so werden wir am Ende des 20. Jahrhunderts stehen vor dem Krieg aller gegen alle! Da mögen die Menschen noch so schöne Reden halten, noch so viele wissenschaftliche Fortschritte gemacht werden, wir würden stehen vor diesem Krieg aller gegen alle. Wir würden eine Menschheit heran rücken sehen, welche keine sozialen Instinkte mehr hat, um so mehr aber reden würde von sozialen Dingen.“ (Gesamtausgabe 206, Seite 92)
Der Beginn des hier angesprochenen Terrors lag bereits zu Lebzeiten Steiners. Der erste Anschlag ereignete sich - als Rache für die Verhaftung der Anarchisten Sacco und Vanzetti - im September 1920 in der Wall Street in New York, direkt gegenüber von J.P. Morgan & Company. Es handelte sich um einen mit Sprengstoff beladenen Pferdewagen. Die Explosion tötete und verletzte zahlreiche Menschen. Auch damals strömten entsetzte New Yorker aus den Hochhäusern und flohen. Auch damals wurde der nationale Notstand erklärt. Es war bis dahin undenkbar gewesen, dass ein einzelner Mensch mit wenigen möglichen Mittätern einen derartig verheerenden Anschlag ins Zentrum einer Stadt und eines Staates würde tragen können. Auch die Absicht, nationale Symbole zu treffen, klang bereits in diesem ersten Anschlag dieser Art an.
Die eigentliche Geschichte der Autobombe aber setzte nach diesem Fanal erst 1947 ein, und zwar bereits in Palästina. Der Anschlag wurde von einer „rechtszionistische(n) Guerilla“ mit de Namen „Stern Gang“ gegen eine britische Polizeistation in Haifa verübt. Neben den Briten war die palästinensische Bevölkerung Ziel der Terroristen. Palästinensische Extremisten nahmen die Technik in der Folge auf und nutzten sie ihrerseits. Vietnam und Algerien waren die nächsten Haupteinsatzorte. Von da an wanderte diese Variante des Terrors praktisch dauernd um den Planeten. Die Stationen werden von Davis akribisch aufgeführt. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer „unumkehrbare(n) Globalisierung“, von einem Phänomen „wie ein hartnäckiger Virus“, das dazu neigt, „sich unendlich zu vermehren.“ So gab es alleine zwischen 1992 und 1999 bereits 25 grosse Anschläge in 22 verschiedenen Städten. Weit über 1000 Menschen wurden getötet, weit über 10000 verletzt. Vielleicht erscheint die Formel Rudolf Steiners vom „Krieg aller gegen alle“ als übertrieben. Er ist aber ohne Zweifel ein ganzes Stück näher gerückt.
Palm Beach Country Club
13.Dez.2008 20:34 Uhr
Nein, nicht die Sonne bringt es an den Tag, sondern die so genannte Finanzkrise, die einem Tsunami gleich die virtuellen Grundmauern eines globalen kapitalistischen Traumschlosses bloß legt. Darunter werden die eigentlichen Akteure im Zockerspiel sichtbar. In Deutschland ist es der scheinbare Biedermann Merckle, der sich beim milliardenschweren Jonglieren im eigenen Steuersparmodell verfangen hat und nun den Banken und dem Staat unverfroren droht, „die mit geschätzten drei bis fünf Milliarden Euro verschuldete Beteiligungsgesellschaft VEM Vermögensverwaltung in die Insolvenz gehen (zu) lassen“ und damit Zehntausende von Arbeitsplätzen aufs Spiel zu setzen. Der „schwäbische Milliardär Adolf Merckle (Ratiopharm, Phoenix)“ hat sich mit Krediten, die durch Aktien gesichert waren, nun aber kaum noch etwas wert sind, verzockt, aber auch durch wüste Spekulationen auf den VW- Kurs, mit denen er „einen dreistelligen Millionenbetrag verloren hat.“ (dito) Nun geht es ihm anscheinend vor allem darum, bei den zur Zeit nicht gerade liquiden Banken Überbrückungskredite in Milliardenhöhe heraus zu quetschen, um nicht an sein Privatvermögen heran zu müssen.
In den USA ist das Rad, an dem gedreht wird, natürlich etwas grösser. Wie die FAZ heute (13.12.2008, Nr. 292, Seite 21, „Der 50-Milliarden-Dollar-Schwindel“) berichtet, ist der „prominente Wertpapierhändler und ehemalige Verwaltungsratsvorsitzende der elektronischen Börse Nasdaq, Bernhard Madoff“ gerade vom FBI verhaftet worden. Er soll Kunden in einem „atemberaubenden Betrug“ um 50 Milliarden Dollar betrogen haben. Sein Betrugsmodell auf höchstem Niveau war eine Art Schneeballsystem, in dem es lediglich darum ging, mit dem Geld immer neuer Investoren die nicht existierenden Investitionsgewinne vorzutäuschen. Sein Unternehmen zählte bis jetzt „zu den größten Maklern an der elektronischen Börse Nasdaq und beschäftigte Hunderte von Wertpapierhändlern“, und zwar bereits seit 1960. Neue Kunden akquirierte Madoff gerne im exklusiven Palm Beach Country Club beim Golfen. Einer dieser Kunden benötigte in der Folge der Finanzkrise 7 Milliarden Dollar, worauf das Traumschloss Madoffs zusammen brach.
Man fragt sich wieder, ob die Grundlagen der Wertschöpfung der kapitalistischen Systeme eigentlich von dieser Welt sind, wenn einer der grössten und angesehensten Strippenzieher zu seinen Geschäften der letzten 50 Jahre lediglich zu sagen hat: „Es ist alles eine große Lüge.“ (FAZ)
In Bezug auf das, was wir vielleicht einmal euphemistisch als „Altersvorsorge“ bezeichnet haben oder auch als „Wertanlage“, lässt sich dieser Tage vielleicht auch mit Rilke sagen:
„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
(Link)
In den USA ist das Rad, an dem gedreht wird, natürlich etwas grösser. Wie die FAZ heute (13.12.2008, Nr. 292, Seite 21, „Der 50-Milliarden-Dollar-Schwindel“) berichtet, ist der „prominente Wertpapierhändler und ehemalige Verwaltungsratsvorsitzende der elektronischen Börse Nasdaq, Bernhard Madoff“ gerade vom FBI verhaftet worden. Er soll Kunden in einem „atemberaubenden Betrug“ um 50 Milliarden Dollar betrogen haben. Sein Betrugsmodell auf höchstem Niveau war eine Art Schneeballsystem, in dem es lediglich darum ging, mit dem Geld immer neuer Investoren die nicht existierenden Investitionsgewinne vorzutäuschen. Sein Unternehmen zählte bis jetzt „zu den größten Maklern an der elektronischen Börse Nasdaq und beschäftigte Hunderte von Wertpapierhändlern“, und zwar bereits seit 1960. Neue Kunden akquirierte Madoff gerne im exklusiven Palm Beach Country Club beim Golfen. Einer dieser Kunden benötigte in der Folge der Finanzkrise 7 Milliarden Dollar, worauf das Traumschloss Madoffs zusammen brach.
Man fragt sich wieder, ob die Grundlagen der Wertschöpfung der kapitalistischen Systeme eigentlich von dieser Welt sind, wenn einer der grössten und angesehensten Strippenzieher zu seinen Geschäften der letzten 50 Jahre lediglich zu sagen hat: „Es ist alles eine große Lüge.“ (FAZ)
In Bezug auf das, was wir vielleicht einmal euphemistisch als „Altersvorsorge“ bezeichnet haben oder auch als „Wertanlage“, lässt sich dieser Tage vielleicht auch mit Rilke sagen:
„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
(Link)
Regina Reinsperger: Geschichten vom Sterben 3
02.Dez.2008 20:44 Uhr

„Nachfolgend wieder drei Begebenheiten, die mir die Menschen erzählt haben. Es sind, wie auch bei den vorigen Begebenheiten, ganz „normale Durchschnittsmenschen“ die dieses erlebt und behalten haben und für wichtig hielten, davon zu berichten: da ist die alte Lehrerin, die ihrem gefallenen Verlobten die Treue hält und ein langes Leben mit ihm lebt; da ist die Tote, von der das befreundete Ehepaar in derselben Nacht das Gleiche träumt und der Bruder, der im Gastzimmer erlebt, was sich dort abgespielt hat und wovon die Beteiligten zunächst nichts wissen.“
zum Text..
zum ersten Teil..
zum zweiten Teil..
If the fires don't get you, the earthquake will!
18.Nov.2008 00:33 Uhr
Tom Mellett schreibt:
„Danke für dein Interesse! Es geht mir hier in LA OK. Man muss verstehen dass es zwei Arten Leute in Los Angeles gibt: die Hügelbewohner (hill-dwellers) und die Flachländer (Flatlanders) (auch Tieflaender?) Nur leiden die Hilldwellers an den Grossbrand; während die Flatlanders nur den Rauch riechen und die sehr feinen Ascheteilchen atmen.
Unser Tal heisst "the San Fernando Valley." Ich wohne in Van Nuys; deswegen bin ich ein Flachländer. Bitte klicke auf Google Maps und stelle diesen Satz ein.
Hier ist die grosse Strassenkreuzung neben meinem Haus: "..., Van Nuys, CA"

8 miles (13 km) nördlich fing das erste Feuer an. Dann am nächsten Tage beginnt das Feuer im Gegend Disneyland - Anaheim --50 miles (80 km ) südöstlich.
Man muss sich immer erinnern dass Los Angles eine reklamierte Wüste ist. Es ist Mitte November und die Temperatur heisst 34 C, die Feuchtigkeitsgrad ein sehr trockenes 5%. Auch sitzen wir auf der Pacifischen tektonischen Platte (das heisst Lemuria die durch Feuer zerstört worden ist) die die North American Platte trifft. (das heisst Atlantis, die durch Wasser zerstört war). Den Bruch nennen wir "the San Andreas Fault."
Ich nehme an dass es eine karmische Reprise von Lemuria ist.
"If the fires don't get you, the earthquake will!"
Tom“
Link LA Times
„Danke für dein Interesse! Es geht mir hier in LA OK. Man muss verstehen dass es zwei Arten Leute in Los Angeles gibt: die Hügelbewohner (hill-dwellers) und die Flachländer (Flatlanders) (auch Tieflaender?) Nur leiden die Hilldwellers an den Grossbrand; während die Flatlanders nur den Rauch riechen und die sehr feinen Ascheteilchen atmen.
Unser Tal heisst "the San Fernando Valley." Ich wohne in Van Nuys; deswegen bin ich ein Flachländer. Bitte klicke auf Google Maps und stelle diesen Satz ein.
Hier ist die grosse Strassenkreuzung neben meinem Haus: "..., Van Nuys, CA"

8 miles (13 km) nördlich fing das erste Feuer an. Dann am nächsten Tage beginnt das Feuer im Gegend Disneyland - Anaheim --50 miles (80 km ) südöstlich.
Man muss sich immer erinnern dass Los Angles eine reklamierte Wüste ist. Es ist Mitte November und die Temperatur heisst 34 C, die Feuchtigkeitsgrad ein sehr trockenes 5%. Auch sitzen wir auf der Pacifischen tektonischen Platte (das heisst Lemuria die durch Feuer zerstört worden ist) die die North American Platte trifft. (das heisst Atlantis, die durch Wasser zerstört war). Den Bruch nennen wir "the San Andreas Fault."
Ich nehme an dass es eine karmische Reprise von Lemuria ist.
"If the fires don't get you, the earthquake will!"
Tom“
Link LA Times
Days with my father
13.Nov.2008 14:09 Uhr

Der Vater ist 98 Jahre alt und Witwer. An vielen Tagen wirkt er verwirrt und vergesslich. An manchen Tagen ist er bei ganz klarem Verstand, an anderen wirkt er skurril. Manchmal trauert er um all das, was er vielleicht verloren hat, aber nicht mehr genau erinnert. Manchmal posiert er eitel vor dem Spiegel. Philip Toledano hat auf seiner Website Days with my father diese letzte gemeinsame Zeit mit seinem Vater fotografisch dokumentiert- eine Zeit, die er nicht missen möchte. Seine Bilder sind voller Wärme und Anmut, ohne den körperlichen und geistigen Abbau des Vaters zu verbergen oder zu beschönigen.
Übrigens: zur Navigation links oder unter die Fotos klicken!
Obamas nicht privates Privatleben
08.Nov.2008 00:28 Uhr

Nun hat also auch Barack Obama ein Flickr- Album, das öffentlich zugänglich ist. Die Fotos aus der Wahlnacht wirken auf mich vollkommen surreal. Dieses Sofa, diese Füße auf dem Tisch, dieses ganze Interieur! Zudem zeigt sich der Mann vollkommen fertig- sehr unpräsidial. Ob es sich um eine spezielle PR- Aktion oder um eine Orgie von Photoshop- Montagen handelt, ist mir noch nicht ganz klar. Ersteres wäre eine ganz neue Aufstellung als privater Mensch- der Gegenentwurf zu Bush Junior auf seiner Ranch. SPIEGEL online hält die Seite für echt.
"Rettungspaket"
12.Okt.2008 19:17 Uhr
Vielleicht das Unwort des Jahres. Denn gerettet werden möchte der Kapitalismus höchstselbst, und zwar aus einem Sumpf, in den er sich nicht nur hinein manövriert, sondern den er selbst produziert und so verbreitet hat, dass ganze staatliche Systeme daran zu ersticken drohen. Wer oder was nun zu retten sei, ist vor allem darum schwer auszumachen, da das System sich - getreu seinen neoliberalen Maximen- offenbar selbst in seinen Sumpf gestossen hat. Es hat keinen einmaligen Webfehler, sondern erstickt konsequent an der Verwirklichung seiner eigenen Maximen: Profitmaximierung.
Die Entgleisung ist nach Ansicht einiger Historiker zurück zu führen auf die Kapitulation des kommunistischen Blocks vor 20 Jahren. In Ermangelung tauglicher Feindbilder habe sich der Kapitalismus in der Folge derart aufgebläht, dass die darauf entstandenen irrealen Blasen am Finanzmarkt nun auch den kapitalistischen Block implodieren lassen.
Ob ein „Rettungspaket“ dort helfen kann, wo Systeme an sich selbst zugrunde gehen? Wenn der Patient im komatösen Zustand auf dem Tisch liegt, werden die Vitamintabletten im Paket nicht wirklich helfen. Politik und Wirtschaft stehen in den nächsten Jahren vor enormen Herausforderungen. Es geht an die Substanz.
Die Entgleisung ist nach Ansicht einiger Historiker zurück zu führen auf die Kapitulation des kommunistischen Blocks vor 20 Jahren. In Ermangelung tauglicher Feindbilder habe sich der Kapitalismus in der Folge derart aufgebläht, dass die darauf entstandenen irrealen Blasen am Finanzmarkt nun auch den kapitalistischen Block implodieren lassen.
Ob ein „Rettungspaket“ dort helfen kann, wo Systeme an sich selbst zugrunde gehen? Wenn der Patient im komatösen Zustand auf dem Tisch liegt, werden die Vitamintabletten im Paket nicht wirklich helfen. Politik und Wirtschaft stehen in den nächsten Jahren vor enormen Herausforderungen. Es geht an die Substanz.
Moor lässt Grandt fallen
07.Okt.2008 17:37 Uhr

Mit grosser Erwartung blickten Waldorf- Gegner - auch in den Kommentaren in diesem Blog- der Titel-Thesen-Temperamente- Sendung vom 5.10 entgegen, zusätzlich angeheizt durch intensive Bewerbung des Themas in der ARD. Obwohl noch ein letzter Werbeblock unmittelbar vor der Talkrunde von Anne Will am Sonntag lief, warteten die Zuschauer vergeblich auf den angekündigten Beitrag in der Sendung. Den Grund für diese überraschende Wendung hat Anthro- Blog- Altmeister Jens Prochnow durch ein Schreiben an die ttt- Redaktion heraus gefunden, denn diese schrieb ihm:
„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Zuschauer,
bezüglich ihrer Anfrage zu unseren gestrigen Sendung ttt, möchten wir Ihnen folgendes mitteilen: Der Autor des "Schwarzbuch Waldorf" erhebt in seinem Buch schwere Vorwürfe gegen Waldorfschulen. Unsere Recherchen und Gespräche ergaben, dass der Autor wesentliche Thesen seines Buches nicht belegen kann , weshalb wir eine weiterführende Recherche für notwendig hielten. Der Beitrag in seiner gegenwärtigen Form erwies sich nach Einschätzung unserer Redaktion als nicht relevant genug für die Sendung ttt am Sonntagabend. Interessierte Zuschauer können ihn jedoch in einer überarbeiteten Fassung am 09.10.2008 im Kulturmagazin "artour" um 22.05 im MDR sehen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre ttt- Redaktion“
Offensichtlich hat die Redaktion in letzter Minute die Endversion der Reportage gesichtet und daraufhin festgestellt, worum es sich bei dem Grandtbuch handelt: Um heisse Luft. Man muss den Hut davor ziehen, dass in der ARD trotz der Werbung so viel journalistische Sorgfalt besteht, die Konsequenzen aus einem Flop zu ziehen und einen Beitrag in letzter Minute zu kippen. Herr Grandt und seine Freunde haben jetzt erst einmal schlechte Karten.
Was weg ist, ist weg
06.Okt.2008 17:49 Uhr
Die Filiale der Deutschen Bank war heute morgen- Woche Zwei des Bankencrashs und der rollenden Weltwirtschaftskrise - telefonisch nicht zu erreichen. Das wunderte mich nicht übermäßig, hatte mir - und sicherlich nicht nur mir - doch erst vor wenigen Wochen der Investmentberater dort für meine Altersvorsorge Papiere ans Herz gelegt, die jetzt vermutlich auf den Wert Zero gefallen sind. Mit den stattdessen auf eigene Faust gekauften Papieren habe ich nur etwas mehr als ein Drittel des Werts verloren. Bis jetzt.
Ich reihte mich also in die Schlange der geschorenen Schafe ein. Das Telefon war ständig besetzt, die Filialleiterin hatte eine Hand wie zum Schutz um den Telefonhörer gelegt. Das gab ihr etwas von einem Telefonseelsorger.
Nein, ich wollte nicht verkaufen. Aufgrund vieler schlechter Erfahrungen hatte ich stattdessen die Bank gewechselt, ohne besondere Hoffnung, dass die Beratung und der Service bei der neuen besser sein würden. Aber wenigstens werden dort für nicht vorhandene Leistungen nicht auch noch Gebühren verlangt. Leider wurden von der Deutschen Bank trotz des Umzugs immer noch längst stornierte Daueraufträge überwiesen- das wenigstens wollte ich rückgängig machen. Storniert wurde nochmals, aber zurück bekommen würde ich das Geld keinesfalls: „Überwiesen ist überwiesen. Wenden Sie sich doch an die Empfänger, wenn Sie das Geld zurück haben wollen!“
Von Irrtum oder gar Entschuldigung war natürlich keine Rede. Ich verstand. Für Kundengelder fühlt sich die Bank stets nur verantwortlich, solange das Geld auf den Konten ruht und damit gearbeitet werden kann. Im Großen und im Kleinen, ob Hunderter oder Tausender, ob Kunden- oder Bankverschulden: Was weg ist, ist eben weg. In solchen Fällen bleibt es Sache des Kunden, damit zurecht zu kommen. Wenn die verdufteten Gelder sehr gross werden, ruft Herr Ackermann - aller neoliberalen Ideologie zum Trotz - gern auch mal lauthals nach dem Staat. Die Verantwortung haben in jedem Fall stets die Anderen- also letzten Endes Kunden und Steuerzahler. So betrachtet, ist das Bankwesen ein perfektes, selbstbezügliches System, ein Perpetuum mobile des Geldes. Zumindest im Prinzip. Wenn man den Bogen überspannt, brechen selbst in einem perfekten System die Achsen weg.
Anthroposophisch gesehen, kann man die Geschehnisse in den letzten zehn Jahren in Beziehung setzen zu der Vernichtung des Templerordens im 14. Jahrhundert. Die Templer hatten das erste globalisierte Banksystem in der Weltgeschichte geschaffen. Basis war ein solides Vermögen in der zentralen Bank in Paris. Sinn war die Finanzierung von Unternehmungen der Kirche, aber vor allem auch die Schaffung sicherer Handelswege und Garantien für den globalen Handel. Für sich selbst - im eigenen Interesse - handelten die später übel verleumdeten Templer nicht. Zerschlagen wurde dieses frühe Banksystem weniger aus egoistischen Motiven Philipp des Schönen, sondern aus nationalistischen: Der geplünderte Schatz der Templer diente als Grundlage des entstehenden autarken französischen Staates.
Das entfesselte Investmentbanking der Gegenwart, das die Weltwirtschaft nun in seine tiefste Krise seit 1930 wirft, erscheint wie ein Gegenbild zu den idealistischen Motiven der Templer.
Ich reihte mich also in die Schlange der geschorenen Schafe ein. Das Telefon war ständig besetzt, die Filialleiterin hatte eine Hand wie zum Schutz um den Telefonhörer gelegt. Das gab ihr etwas von einem Telefonseelsorger.
Nein, ich wollte nicht verkaufen. Aufgrund vieler schlechter Erfahrungen hatte ich stattdessen die Bank gewechselt, ohne besondere Hoffnung, dass die Beratung und der Service bei der neuen besser sein würden. Aber wenigstens werden dort für nicht vorhandene Leistungen nicht auch noch Gebühren verlangt. Leider wurden von der Deutschen Bank trotz des Umzugs immer noch längst stornierte Daueraufträge überwiesen- das wenigstens wollte ich rückgängig machen. Storniert wurde nochmals, aber zurück bekommen würde ich das Geld keinesfalls: „Überwiesen ist überwiesen. Wenden Sie sich doch an die Empfänger, wenn Sie das Geld zurück haben wollen!“
Von Irrtum oder gar Entschuldigung war natürlich keine Rede. Ich verstand. Für Kundengelder fühlt sich die Bank stets nur verantwortlich, solange das Geld auf den Konten ruht und damit gearbeitet werden kann. Im Großen und im Kleinen, ob Hunderter oder Tausender, ob Kunden- oder Bankverschulden: Was weg ist, ist eben weg. In solchen Fällen bleibt es Sache des Kunden, damit zurecht zu kommen. Wenn die verdufteten Gelder sehr gross werden, ruft Herr Ackermann - aller neoliberalen Ideologie zum Trotz - gern auch mal lauthals nach dem Staat. Die Verantwortung haben in jedem Fall stets die Anderen- also letzten Endes Kunden und Steuerzahler. So betrachtet, ist das Bankwesen ein perfektes, selbstbezügliches System, ein Perpetuum mobile des Geldes. Zumindest im Prinzip. Wenn man den Bogen überspannt, brechen selbst in einem perfekten System die Achsen weg.
Anthroposophisch gesehen, kann man die Geschehnisse in den letzten zehn Jahren in Beziehung setzen zu der Vernichtung des Templerordens im 14. Jahrhundert. Die Templer hatten das erste globalisierte Banksystem in der Weltgeschichte geschaffen. Basis war ein solides Vermögen in der zentralen Bank in Paris. Sinn war die Finanzierung von Unternehmungen der Kirche, aber vor allem auch die Schaffung sicherer Handelswege und Garantien für den globalen Handel. Für sich selbst - im eigenen Interesse - handelten die später übel verleumdeten Templer nicht. Zerschlagen wurde dieses frühe Banksystem weniger aus egoistischen Motiven Philipp des Schönen, sondern aus nationalistischen: Der geplünderte Schatz der Templer diente als Grundlage des entstehenden autarken französischen Staates.
Das entfesselte Investmentbanking der Gegenwart, das die Weltwirtschaft nun in seine tiefste Krise seit 1930 wirft, erscheint wie ein Gegenbild zu den idealistischen Motiven der Templer.
Die Pappschachtel
21.Sep.2008 18:47 Uhr
Nun sieht man sie täglich in den Tageszeitungen: Junge Investmentbanker, die ihre Siebensachen in einer Pappschachtel aus dem berühmten, über 150 Jahren alten Bankinstitut tragen. Vorbei die rauschenden Feste, die unfassbaren Spekulationsgewinne, die unglaublichen möglichen Bonizahlungen für die Zocker. Ganze Finanzinstitute werden nun abgewickelt und die dubiosen Instrumente, mit denen die Spekulationsblasen betrieben wurden, werden von den westlichen Staaten beschnitten werden. Londoner Wohnungspreise jenseits aller Vernunft werden fallen, die Koksdealer werden ebenso Trübsal blasen wie Champagner- Importeure. Wenn Blasen platzen - die letzte des „Neuen Marktes“ ist nur ein paar wenige Jahre alt - passen die übrig gebliebenen Illusionen gerade in eine Pappschachtel hinein.
Nun kommt die Zeit der Sonntagsreden. Man erinnert sich an „Moral“. Da war doch etwas. Richtig, man soll nicht zu gierig sein. Dass ganze Staatshaushalte, Wirtschaften und globale Investmentunternehmen dadurch beflügelt wurden, dass Anlegern faule Kredite als lohnende, sichere Anlage verkauft worden waren, mag niemand so gerne zugeben. Ist das nun ein Betriebsunfall oder war das ein kompletter Systemfehler, der den Betrug zum globalen Geschäftsprinzip erhob?
Den heutigen Finanzteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung habe ich jedenfalls mit Belustigung zur Kenntnis genommen. Man beginnt mit dem „Schock an der Wall Street“ und resümiert die übelsten Prognosen der Investmentbanker. Andernorts sind ja schon die Prognosen von Josef Ackermann als „Kontraindikator“ wahrgenommen worden. Immer wenn der Chef der Deutschen Bank verbal beruhigt, sieht man jetzt eine Katastrophe heran rollen. Nach dem „Schock“ der FAS kommt die Schuldzuweisung: „Der amerikanische Staat ist schuld“ (Geld und mehr, S. 45). Dann kommt eine Werbung der Commerzbank parallel zu den aktuellen Börsendaten. Auf der folgenden Seite klärt man die Anleger darüber auf, was sie „jetzt wissen müssen“ (S. 49), damit sie ihr - falls vorhanden - Vermögen nicht in einer Pappschachtel begraben wollen. Zielsicher geht es über zu Seite 51, wo es beruhigend heisst: „Trotz allem: Mit Aktien fürs Alter vorsorgen“. Selbst Norbert Blüm als Sonntagsredner darf noch mal auftreten: „Ich habe es immer gesagt“. Und zum Schluss kommt die Rache an den verirrten Schäflein: „Jetzt geht es den Spekulanten an den Kragen“.
„Als das Wünschen noch geholfen hat“, heisst die märchenhafte Devise. Und die Parole lautet: Alles wird gut. Die Guten kriegen ihre Rente, und die Bösen schleichen mit ihrer Pappschachtel nach Hause. Man gibt den Bösen jetzt auch einen Namen: „Leerverkäufer“ heisst die unliebsame Tätigkeit. Der erste Leerverkäufer war übrigens ein gewisser Isaac Le Maire: „Der Amsterdamer Schiffseigner verkaufte schon 1609 Aktien, die er sich nur geliehen hatte. schon damals allerdings reagierten die Behörden verschnupft.“ (FAS, S. 52)
Mit unzähligen Milliarden wird der „verschnupfte“ amerikanische Staat nun für die faulen Kredite bürgen- mit Geld übrigens, das er - hoch verschuldet - gar nicht hat. Um das zu finanzieren, müsste man die Steuern anheben. Aber das wird wirtschaftlich und politisch kaum zu machen sein. Was bleibt? Eine neue Spekulationsblase muss her, ganz einfach.
Nun kommt die Zeit der Sonntagsreden. Man erinnert sich an „Moral“. Da war doch etwas. Richtig, man soll nicht zu gierig sein. Dass ganze Staatshaushalte, Wirtschaften und globale Investmentunternehmen dadurch beflügelt wurden, dass Anlegern faule Kredite als lohnende, sichere Anlage verkauft worden waren, mag niemand so gerne zugeben. Ist das nun ein Betriebsunfall oder war das ein kompletter Systemfehler, der den Betrug zum globalen Geschäftsprinzip erhob?
Den heutigen Finanzteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung habe ich jedenfalls mit Belustigung zur Kenntnis genommen. Man beginnt mit dem „Schock an der Wall Street“ und resümiert die übelsten Prognosen der Investmentbanker. Andernorts sind ja schon die Prognosen von Josef Ackermann als „Kontraindikator“ wahrgenommen worden. Immer wenn der Chef der Deutschen Bank verbal beruhigt, sieht man jetzt eine Katastrophe heran rollen. Nach dem „Schock“ der FAS kommt die Schuldzuweisung: „Der amerikanische Staat ist schuld“ (Geld und mehr, S. 45). Dann kommt eine Werbung der Commerzbank parallel zu den aktuellen Börsendaten. Auf der folgenden Seite klärt man die Anleger darüber auf, was sie „jetzt wissen müssen“ (S. 49), damit sie ihr - falls vorhanden - Vermögen nicht in einer Pappschachtel begraben wollen. Zielsicher geht es über zu Seite 51, wo es beruhigend heisst: „Trotz allem: Mit Aktien fürs Alter vorsorgen“. Selbst Norbert Blüm als Sonntagsredner darf noch mal auftreten: „Ich habe es immer gesagt“. Und zum Schluss kommt die Rache an den verirrten Schäflein: „Jetzt geht es den Spekulanten an den Kragen“.
„Als das Wünschen noch geholfen hat“, heisst die märchenhafte Devise. Und die Parole lautet: Alles wird gut. Die Guten kriegen ihre Rente, und die Bösen schleichen mit ihrer Pappschachtel nach Hause. Man gibt den Bösen jetzt auch einen Namen: „Leerverkäufer“ heisst die unliebsame Tätigkeit. Der erste Leerverkäufer war übrigens ein gewisser Isaac Le Maire: „Der Amsterdamer Schiffseigner verkaufte schon 1609 Aktien, die er sich nur geliehen hatte. schon damals allerdings reagierten die Behörden verschnupft.“ (FAS, S. 52)
Mit unzähligen Milliarden wird der „verschnupfte“ amerikanische Staat nun für die faulen Kredite bürgen- mit Geld übrigens, das er - hoch verschuldet - gar nicht hat. Um das zu finanzieren, müsste man die Steuern anheben. Aber das wird wirtschaftlich und politisch kaum zu machen sein. Was bleibt? Eine neue Spekulationsblase muss her, ganz einfach.
Planet der Slums
02.Okt.2007 22:24 Uhr
In einer erschütternden, umfangreichen Reportage berichtet der Städteforscher Mike Davis in "Planet der Slums" über Gegenwart und Zukunft der Urbanisierung. Wir nähern uns - so sein Fazit- Zuständen an, die an die frühe mittelalterliche Stadt erinnern- nur in einem gigantisch vergrösserten Massstab. Nehmen wir nur das Thema Hygiene in Bezug auf die heutigen, rasant wachsenden Megacities. In vielen dieser Städte gibt es keinerlei Kanalisation und für den grössten Teil der Bevölkerung auch keine Toiletten. In Bombay z.B. hat die Hälfte der augenblicklichen Bevölkerung keine - also "scheißen sie im Freien. Das sind fünf Millionen Menschen. Wenn jeder davon ein halbes Kilo scheißt, sind das zweieinhalb Millionen Kilo Scheiße jeden Morgen". (S. 147). In Peking kommt heute eine Toilette auf 6000 Bewohner. In Bangladore oder Bombay leiden insbesondere Frauen unter diesen Zuständen, da eine öffentliche Entblössung bei der herrschenden Doppelmoral völlig undenkbar ist. Sie können sich nur zwischen zwei und fünf Uhr früh erleichtern. In Kabul produzieren zwei Millionen Menschen täglich Hunderte Kubikmeter Müll, von denen nur ein Bruchteil abtransportiert wird. Das ist der Normalzustand in den verslumten Grossstädten. In Accra gibt es sich in weitem Umkreis ausbreitende Müllhalden voller "Plastiksäcke, die abgetriebene Föten der Kayayee (Lastenträgerinnen) und Teenagerinnen der Stadt" (S. 142) enthalten. Die Menge dieses öffentlich verstreuten Alptraums ist gewaltig.
Nun mag man dergleichen Berichte für geschmacklose Skurrilitäten halten, weitab von der Vorstädterwelt der westlichen Zivilisationen. Die Zuwanderungsraten all dieser Städte aber sind erschreckend. Dhaka, Kinshasa und Lagos sind heute 40mal grösser als 1950. Allein in Asien erwartet man bis 2025 mehr als zehn Städte mit Einwohnerzahlen über 20 Millionen. Shanghai wächst bis dahin zu einer städtischen Krake von 27, Bombay von 33 Millionen Einwohnern. Dabei ziehen die Menschen weniger in die Stadt- durch Bodenspekulanten und skrupellose Vermieter angeheizt, wachsen die Städte weltweit in ihr eigenes Umfeld und gemeinden alles in den Slum ein. Im Raum Sao Paulo spricht man daher gar nicht mehr von einer Stadt mit einem eigenem spezifischen Charakter und einer gewissen Grenze, sondern von einer explodierenden "Extended Metropolitan Region". In Mexiko-Stadt erwartet man Mitte des Jahrhunderts eine städtische Region mit 50 Millionen Einwohnern- "nahezu 40 Prozent der mexikanischen Gesamtbevölkerung" (S. 11).
Sieht so also unsere Zukunft aus? Wuchernde städtische Gebilde, die selbst die Grundbedingungen dessen, was wir unter zivilisatorischen und humanen Grundbedingungen verstehen, schon wegen der puren Menge der Bewohner nicht mehr erfüllen können? Der Sog einer alles verschlingenden, kaum kontrollierten Urbanisierung ist heute jedenfalls mehr als deutlich. Gerade in Afrika liegt die Hauptschuld nach Ansicht von Davis im Westen, da die massive Landflucht den "durch IWF und Weltbank aufgezwungenen Maßnahmen zur landwirtschaftlichen Deregulierung und Sparpolitik" entspringt. Für arme Bauern kann in einem verarmten Land ohne Infrastruktur und elementare medizinische Versorgung ein notwendiger Arztbesuch den Verkauf ihres Landes erzwingen. Warlords, Spekulanten und Bürgerkriege tun ihr Übriges. In Peking kommen Jahr für Jahr 200000 illegale Wanderarbeiter in die Stadt. Der Trend geht in Asien und Afrika in die Richtung, dass wir "nur noch Slums und keine Städte mehr haben". (S. 22)
Davis scheut sich nicht, neben zahllosen Daten und Statistiken von einer neuen "Sintflut" zu sprechen.
Es gibt auch einen perversen Gegentrend. Nach dem Modell von Südkalifornien wachsen inmitten der Megacities weltweit lauter "Beverly Hills". Darunter verstehen die reichen Enklavenbewohner keine amerikanische Stadt, sondern eine Art Marke. Diese "exklusiven Ensembles im Farmhausstil und Apartementblocks mit eigenen Swimmingpools und Wellnessclubs" (S. 123) sind natürlich streng bewacht und abgeschirmt. Der Stil der Clubanlagen entspringt den TV- Serien, die auf der ganzen Welt gesehen werden. Trotz aller Exklusivität mit griechischen Säulen vor den Eingängen ist dieser Festungs- Lifestyle nichts anderes als eine "Architektur der Angst" (S. 123). So hat man in Somerset West, einer virtuellen TV-like-Vorstadt von Kapstadt bereits für alle Fälle 10000-Volt-Zäune installiert, die jeden ungebetenen Gast buchstäblich lähmen.
Cyber-Kalifornien inmitten der ungehemmten Verslumung. Eine einzige dieser 20-Millionen-Metropolen hat so viele Einwohner, wie der gesamte Planet wohl zur Zeit der Französischen Revolution beherbergt hat.
Nun mag man dergleichen Berichte für geschmacklose Skurrilitäten halten, weitab von der Vorstädterwelt der westlichen Zivilisationen. Die Zuwanderungsraten all dieser Städte aber sind erschreckend. Dhaka, Kinshasa und Lagos sind heute 40mal grösser als 1950. Allein in Asien erwartet man bis 2025 mehr als zehn Städte mit Einwohnerzahlen über 20 Millionen. Shanghai wächst bis dahin zu einer städtischen Krake von 27, Bombay von 33 Millionen Einwohnern. Dabei ziehen die Menschen weniger in die Stadt- durch Bodenspekulanten und skrupellose Vermieter angeheizt, wachsen die Städte weltweit in ihr eigenes Umfeld und gemeinden alles in den Slum ein. Im Raum Sao Paulo spricht man daher gar nicht mehr von einer Stadt mit einem eigenem spezifischen Charakter und einer gewissen Grenze, sondern von einer explodierenden "Extended Metropolitan Region". In Mexiko-Stadt erwartet man Mitte des Jahrhunderts eine städtische Region mit 50 Millionen Einwohnern- "nahezu 40 Prozent der mexikanischen Gesamtbevölkerung" (S. 11).
Sieht so also unsere Zukunft aus? Wuchernde städtische Gebilde, die selbst die Grundbedingungen dessen, was wir unter zivilisatorischen und humanen Grundbedingungen verstehen, schon wegen der puren Menge der Bewohner nicht mehr erfüllen können? Der Sog einer alles verschlingenden, kaum kontrollierten Urbanisierung ist heute jedenfalls mehr als deutlich. Gerade in Afrika liegt die Hauptschuld nach Ansicht von Davis im Westen, da die massive Landflucht den "durch IWF und Weltbank aufgezwungenen Maßnahmen zur landwirtschaftlichen Deregulierung und Sparpolitik" entspringt. Für arme Bauern kann in einem verarmten Land ohne Infrastruktur und elementare medizinische Versorgung ein notwendiger Arztbesuch den Verkauf ihres Landes erzwingen. Warlords, Spekulanten und Bürgerkriege tun ihr Übriges. In Peking kommen Jahr für Jahr 200000 illegale Wanderarbeiter in die Stadt. Der Trend geht in Asien und Afrika in die Richtung, dass wir "nur noch Slums und keine Städte mehr haben". (S. 22)
Davis scheut sich nicht, neben zahllosen Daten und Statistiken von einer neuen "Sintflut" zu sprechen.
Es gibt auch einen perversen Gegentrend. Nach dem Modell von Südkalifornien wachsen inmitten der Megacities weltweit lauter "Beverly Hills". Darunter verstehen die reichen Enklavenbewohner keine amerikanische Stadt, sondern eine Art Marke. Diese "exklusiven Ensembles im Farmhausstil und Apartementblocks mit eigenen Swimmingpools und Wellnessclubs" (S. 123) sind natürlich streng bewacht und abgeschirmt. Der Stil der Clubanlagen entspringt den TV- Serien, die auf der ganzen Welt gesehen werden. Trotz aller Exklusivität mit griechischen Säulen vor den Eingängen ist dieser Festungs- Lifestyle nichts anderes als eine "Architektur der Angst" (S. 123). So hat man in Somerset West, einer virtuellen TV-like-Vorstadt von Kapstadt bereits für alle Fälle 10000-Volt-Zäune installiert, die jeden ungebetenen Gast buchstäblich lähmen.
Cyber-Kalifornien inmitten der ungehemmten Verslumung. Eine einzige dieser 20-Millionen-Metropolen hat so viele Einwohner, wie der gesamte Planet wohl zur Zeit der Französischen Revolution beherbergt hat.




