Gesellschaft
Foxconn
07.Mrz.2010 00:21 Uhr
Natürlich erwarten wir Correctness allerorten.
Wir wünschen uns eine ethisch verantwortlich
geführte Welt um uns herum - politisch,
ökologisch, genderspezifisch,
sexuell, wirtschaftlich, finanziell. Wenn
wir investieren können, wünschen wir ein
Finanzprodukt, das statt atemberaubendere
Rendite lieber ökologisch
engagiert arbeitet. Das Essen soll -wenn
es denn möglich ist- aus biologisch
korrektem Anbau stammen. Auf Facebook
startet eine korrekte Initiative nach der
anderen, die Druck auf Erzeuger, Politiker
und Journalisten wie Anne Will aufbauen
soll. NIKE- Schuhe, in Kinderarbeit
hergestellt, sind ein absolutes No-Go. Viele
Firmen wie McDonald haben sich
umgestellt und starten Gegenkampagnen, um
gegenüber eventuellen medialen Angriffen
gewappnet zu sein. Natürlich sind die Burger
genau so fett und zuckrig wie zuvor, aber
vegetarisch. So was macht zwar auch dick,
aber zufrieden.
Andere halten sich an diese neue Correctness - Ethik nicht besonders. Nehmen wir zum Beispiel mal Apple, diesen Hort der Exklusivität, Ästhetik und Usability. In den letzten Jahren sind diese Produkte auch durch ihr Image massentauglich geworden. Sie repräsentieren ein Stück Zeitgeist. Produzieren lässt Apple allerdings ganz gewöhnlich beim chinesischen Hersteller Foxconn und anderen, und die haben einen doch sehr schlechten Ruf: „Now here’s something you don’t here much about when it comes to Apple’s products: their assembly. According to an article published by Macworld UK, the workers who assemble iPods are mainly female (because females are “more honest than male workers”) and earn as little as $50 per month, although they work 15 hours a day. The dormitories of one plant, located in Longhua, Shanghai, each house 100 people and do not permit visitors from the outside.“ Kasernenartige Einpferchungen von Apple- Arbeitern wurden schon vor drei Jahren gemeldet.
Immerhin reagierte Apple und strengte eine Untersuchung an: „Apple has begun a thorough audit of the manufacturing plant operated by Foxconn in Longhua, China, including employee working and living conditions, interviews of employees and managers, compliance with overtime and wage regulations, and other areas as necessary to insure adherence to Apple's supplier code of conduct, Apple said in a statement provided to Macworld .“ Apple startete eine Initiative, um die Umweltverträglichkeit seiner Produkte zu dokumentieren, zeigte hübsche chinesische Arbeiterinnen auf Fotos und formulierte gewisse ethische Grundsätze bei der Produktion. Foxconn kann sehr hübsch sein.
Journalisten werden aber, wenn sie sich dem Foxconn- Gelände nähern wollen, nach wie vor rüde abgehalten: „Reuters reported on Wednesday that one of its reporters had been roughed up by security guards outside the factory of Apple component supplier Foxconn in Longhua, China. It was yet another outrageous display of the extremism Apple has promulgated in its obsessive demand for secrecy.“ (Macworld) So wünscht sich die Macintosh- Gemeinde im gerade genannten Artikel doch nichts mehr, als dass Apple, statt Journalisten zu jagen, vielleicht doch lieber etwas Druck auf Foxconn ausüben möge, um die von Apple so schön aufgeführten ethischen Grundsätze wenigstens ein bisschen umzusetzen: „Could Apple do more to pressure Foxconn to be a kinder and gentler hardware manufacturer in a highly repressive country? Maybe. At least it does try, though not to hear Tennant tell it. Maybe Dell and all the other companies that use Foxconn could pressure it more, too.“
Ein frommer Wunsch. Billige Massenproduktion unter unwürdigen Umständen und ein gleichzeitiges High- Class- Image beim westlichen Konsumenten versprechen immer noch die beste Rendite. Vielleicht hilft ja eine Facebook- Kampagne.
Andere halten sich an diese neue Correctness - Ethik nicht besonders. Nehmen wir zum Beispiel mal Apple, diesen Hort der Exklusivität, Ästhetik und Usability. In den letzten Jahren sind diese Produkte auch durch ihr Image massentauglich geworden. Sie repräsentieren ein Stück Zeitgeist. Produzieren lässt Apple allerdings ganz gewöhnlich beim chinesischen Hersteller Foxconn und anderen, und die haben einen doch sehr schlechten Ruf: „Now here’s something you don’t here much about when it comes to Apple’s products: their assembly. According to an article published by Macworld UK, the workers who assemble iPods are mainly female (because females are “more honest than male workers”) and earn as little as $50 per month, although they work 15 hours a day. The dormitories of one plant, located in Longhua, Shanghai, each house 100 people and do not permit visitors from the outside.“ Kasernenartige Einpferchungen von Apple- Arbeitern wurden schon vor drei Jahren gemeldet.
Immerhin reagierte Apple und strengte eine Untersuchung an: „Apple has begun a thorough audit of the manufacturing plant operated by Foxconn in Longhua, China, including employee working and living conditions, interviews of employees and managers, compliance with overtime and wage regulations, and other areas as necessary to insure adherence to Apple's supplier code of conduct, Apple said in a statement provided to Macworld .“ Apple startete eine Initiative, um die Umweltverträglichkeit seiner Produkte zu dokumentieren, zeigte hübsche chinesische Arbeiterinnen auf Fotos und formulierte gewisse ethische Grundsätze bei der Produktion. Foxconn kann sehr hübsch sein.
Journalisten werden aber, wenn sie sich dem Foxconn- Gelände nähern wollen, nach wie vor rüde abgehalten: „Reuters reported on Wednesday that one of its reporters had been roughed up by security guards outside the factory of Apple component supplier Foxconn in Longhua, China. It was yet another outrageous display of the extremism Apple has promulgated in its obsessive demand for secrecy.“ (Macworld) So wünscht sich die Macintosh- Gemeinde im gerade genannten Artikel doch nichts mehr, als dass Apple, statt Journalisten zu jagen, vielleicht doch lieber etwas Druck auf Foxconn ausüben möge, um die von Apple so schön aufgeführten ethischen Grundsätze wenigstens ein bisschen umzusetzen: „Could Apple do more to pressure Foxconn to be a kinder and gentler hardware manufacturer in a highly repressive country? Maybe. At least it does try, though not to hear Tennant tell it. Maybe Dell and all the other companies that use Foxconn could pressure it more, too.“
Ein frommer Wunsch. Billige Massenproduktion unter unwürdigen Umständen und ein gleichzeitiges High- Class- Image beim westlichen Konsumenten versprechen immer noch die beste Rendite. Vielleicht hilft ja eine Facebook- Kampagne.
Klaus Barbie, der "Schlächter von Lyon"
03.Mrz.2010 00:06 Uhr
In L.I.S.A., dem „Wissenschaftsportal der Gerda
Henkel Stiftung“ erscheint gerade eine Serie von Daniel Stahl
(Universität Jena) zu Klaus Barbie,
seinem Untertauchen in Bolivien und seiner
Enttarnung und Auslieferung: Der „Fall Klaus
Barbie“: „Schon lange hatte er Schwends
Geschäftsfreund Altmann verdächtigt, ein
untergetauchter NS-Verbrecher zu sein. Nun
begann er dem Fall nachzugehen. 1969
besuchte er mit einem Fernsehteam des
saarländischen Rundfunks Bolivien, um
Informationen über Altmann zu sammeln. Über
die Ergebnisse informierte er die
ermittelnden Behörden der Bundesrepublik.
Die Recherchen Johns veranlassten außerdem
die Botschaft in La Paz, dem Fall Altmann
erneut nachzugehen. Nun gelang es ihr, die
Geburtsdaten der Tochter Altmanns zu
ermitteln. Die bundesdeutschen Ermittler
stellten fest, dass sie mit denen der
Tochter Klaus Barbies übereinstimmten, der
während des Krieges Chef der Gestapo in Lyon
gewesen war. Diese Informationen deckten
sich mit Hinweisen aus dem Jahr 1961, die
besagten, dass Barbie sich vermutlich in
Bolivien aufhalte. Doch statt einen
Auslieferungsantrag zu stellen, wurde das
Verfahren eingestellt..“
Neuigkeiten sind im ersten Teil nicht zu entdecken, nichts, was annähernd über die SPIEGEL-Dossiers hinaus gehen würde, in denen Jörg Diehl Barbie als „grinsenden Automaten“ schilderte. Marcel Ophüls drehte über Barbie die glänzende und furchtbare Dokumentation „Hotel Terminus“. Hoffen wir, dass das ambitionierte neue Wissenschaftsportal bei diesem Thema noch etwas an Fahrt gewinnt.
Neuigkeiten sind im ersten Teil nicht zu entdecken, nichts, was annähernd über die SPIEGEL-Dossiers hinaus gehen würde, in denen Jörg Diehl Barbie als „grinsenden Automaten“ schilderte. Marcel Ophüls drehte über Barbie die glänzende und furchtbare Dokumentation „Hotel Terminus“. Hoffen wir, dass das ambitionierte neue Wissenschaftsportal bei diesem Thema noch etwas an Fahrt gewinnt.
Dekade der Stagnation
22.Feb.2010 19:15 Uhr
Im Rahmen der Transmediale gab der
frühere Science- Fiction- Autor und
Medientheoretiker Bruce Sterling der Zeitschrift de:bug ein
interessantes Interview. Er spricht darin
von gesellschaftlichen Sieben- Jahres-
Rhythmen, in denen sich die westliche Welt
-keineswegs kongruent - entwickele:
„Es wird in absehbarer Zukunft nicht weniger Kapitalismus geben. Kapitalistische Systeme durchlaufen aber immer verschiedenartige Phasen, die etwa sieben Jahre lang sind. Wir hatten den DotCom-Boom in den 1990ern, darauf folgte der “war on terror” der Bush-Administration. Wie wir die nächste Phase nennen werden, ist mir noch unklar, aber da sie noch bis in die Mitte des nächsten Jahrzehnts reichen wird, ist noch viel Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen. Vielleicht “Stagnation” oder “Depression”, denn die Historiker werden die jetzige Dekade wohl eher mit “Terrorismus” verbinden. Die Finanzkrise beendet diese Phase, wird aber ihre Auswirkungen erst in den nächsten Jahren zeigen.“
Wohin geht es also bis 2015? Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die westliche Welt offensichtlich orientierungslos in eine Fülle von illusionären Blasen getappt. Das so lange determinierende Ost-West- Feind- Schema wurde durch einen dämonisierten Terrorismus ersetzt, der durch schwere strategische, wirtschaftliche und politische Fehler des Westens erst zu der Bedeutung aufgeblasen worden ist, die er in und nach der Bush- Ära erlangte. Die völlig überzogenen Erwartungen an die Technik des Internet - die „DotCom-Blase“ führte zu schweren wirtschaftlichen Verwerfungen, die nahtlos durch obskure Finanzmanipulationen ergänzt wurde. Als Konsequenz aus diesen globalen Illusionen, die nacheinander zerplatzten, ohne dass sich etwas wie Lerneffekte gezeigt hätten, hat sich eine globale Wirtschaftskrise entwickelt, die zumindest die USA und Europa in erheblichem Maß durch extreme Schulden in ihrem politischen Spielraum lähmt. Gesellschaftliche Verwerfungen im Sinne einer zugespitzten Spaltung sind die Folge und werden weiter zunehmen. Der Gestaltungsspielraum ist gering, ohne dass Rezepte zum Gegensteuern sichtbar wären. Im Gegenteil. Heute schlägt eher die Stunde der Populisten, die in der schwelenden Krise ihr eigenes Süppchen kochen.
Aber selbst in simplen technologischen Fragen wie der Überwindung des klimatisch bedenklichen Verbrennungsmotors zeigen sich nicht einmal ansatzweise produktive Ideen. Statt tatsächlich bahnbrechender Neuerungen baut man weiter auf eine mehr als hundert Jahre alte Technik und laviert damit vor sich hin- wohl wissend, dass die Klima- Bedingungen sich stetig verschlechtern. Das Lavieren ist,wenn man der Wikipedia- Definition vertraut („das taktische, berechnende Abwägen von Vor- und Nachteilen zwischen u.U. widerstreitenden Interessen bzw. das Ausweichen vor Entscheidungen gegenüber potentiellen Verbündeten und/oder Gegnern“) geradezu generell das Herzstück etwa Merkelscher Politik.
An diesen Beispielen zwischen Geistlosigkeit und Illusion lässt sich meines Erachtens erkennen, dass Sterling mit seiner Diagnose einer „Dekade der Stagnation“ völlig richtig liegt. Rezepte hat auch er nicht.
„Es wird in absehbarer Zukunft nicht weniger Kapitalismus geben. Kapitalistische Systeme durchlaufen aber immer verschiedenartige Phasen, die etwa sieben Jahre lang sind. Wir hatten den DotCom-Boom in den 1990ern, darauf folgte der “war on terror” der Bush-Administration. Wie wir die nächste Phase nennen werden, ist mir noch unklar, aber da sie noch bis in die Mitte des nächsten Jahrzehnts reichen wird, ist noch viel Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen. Vielleicht “Stagnation” oder “Depression”, denn die Historiker werden die jetzige Dekade wohl eher mit “Terrorismus” verbinden. Die Finanzkrise beendet diese Phase, wird aber ihre Auswirkungen erst in den nächsten Jahren zeigen.“
Wohin geht es also bis 2015? Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die westliche Welt offensichtlich orientierungslos in eine Fülle von illusionären Blasen getappt. Das so lange determinierende Ost-West- Feind- Schema wurde durch einen dämonisierten Terrorismus ersetzt, der durch schwere strategische, wirtschaftliche und politische Fehler des Westens erst zu der Bedeutung aufgeblasen worden ist, die er in und nach der Bush- Ära erlangte. Die völlig überzogenen Erwartungen an die Technik des Internet - die „DotCom-Blase“ führte zu schweren wirtschaftlichen Verwerfungen, die nahtlos durch obskure Finanzmanipulationen ergänzt wurde. Als Konsequenz aus diesen globalen Illusionen, die nacheinander zerplatzten, ohne dass sich etwas wie Lerneffekte gezeigt hätten, hat sich eine globale Wirtschaftskrise entwickelt, die zumindest die USA und Europa in erheblichem Maß durch extreme Schulden in ihrem politischen Spielraum lähmt. Gesellschaftliche Verwerfungen im Sinne einer zugespitzten Spaltung sind die Folge und werden weiter zunehmen. Der Gestaltungsspielraum ist gering, ohne dass Rezepte zum Gegensteuern sichtbar wären. Im Gegenteil. Heute schlägt eher die Stunde der Populisten, die in der schwelenden Krise ihr eigenes Süppchen kochen.
Aber selbst in simplen technologischen Fragen wie der Überwindung des klimatisch bedenklichen Verbrennungsmotors zeigen sich nicht einmal ansatzweise produktive Ideen. Statt tatsächlich bahnbrechender Neuerungen baut man weiter auf eine mehr als hundert Jahre alte Technik und laviert damit vor sich hin- wohl wissend, dass die Klima- Bedingungen sich stetig verschlechtern. Das Lavieren ist,wenn man der Wikipedia- Definition vertraut („das taktische, berechnende Abwägen von Vor- und Nachteilen zwischen u.U. widerstreitenden Interessen bzw. das Ausweichen vor Entscheidungen gegenüber potentiellen Verbündeten und/oder Gegnern“) geradezu generell das Herzstück etwa Merkelscher Politik.
An diesen Beispielen zwischen Geistlosigkeit und Illusion lässt sich meines Erachtens erkennen, dass Sterling mit seiner Diagnose einer „Dekade der Stagnation“ völlig richtig liegt. Rezepte hat auch er nicht.
"Geistige Dekadenz"
11.Feb.2010 20:48 Uhr
„Wenn man sich also der berühmt-berüchtigten
Anfänge erwehren will, wenn es also in
Deutschland tatsächlich eine Dekadenz geben
sollte, über die man jetzt dringend reden müsste,
dann ist es die des Geistes, die in Guido
Westerwelles Worten ihren schamlosen Ausdruck
gefunden hat.“
Es hat wohl selten eine derart vernichtende Kritik an einem Aussenminister nach gerade 100 Tagen im Amt gegeben. Der politische Suppenkasper wird abgewatscht.
Es hat wohl selten eine derart vernichtende Kritik an einem Aussenminister nach gerade 100 Tagen im Amt gegeben. Der politische Suppenkasper wird abgewatscht.
Wenn das Kerzlein brennt
01.Feb.2010 22:56 Uhr
Im Spreeblick berichtet als
Blogger ein ehemaliger Schüler des
jesuitischen Canisius- Kollegs:
„Erinnern kann ich mich jedoch sehr gut an das Erwachen unserer Sexualität. Wir waren vielleicht 13, 14 Jahre alt und gerade dabei, unsere eigenen Körper zu entdecken. Zu dieser Zeit gab es merkwürdige Berichte einiger Mitschüler, die Stammbesucher des Nachmittagsklubs an der Schule waren. Sie hatten eine Kerze als Geschenk von einem Pater erhalten, welche die Schüler jedesmal dann anzünden sollten, wenn sie onanierten. Die benutzte Kerze sollten sie später wieder mit den Club bringen, der Pater würde im persönlichen Gespräch klären, ob sie sich zu oft angefasst hätten.“
„Erinnern kann ich mich jedoch sehr gut an das Erwachen unserer Sexualität. Wir waren vielleicht 13, 14 Jahre alt und gerade dabei, unsere eigenen Körper zu entdecken. Zu dieser Zeit gab es merkwürdige Berichte einiger Mitschüler, die Stammbesucher des Nachmittagsklubs an der Schule waren. Sie hatten eine Kerze als Geschenk von einem Pater erhalten, welche die Schüler jedesmal dann anzünden sollten, wenn sie onanierten. Die benutzte Kerze sollten sie später wieder mit den Club bringen, der Pater würde im persönlichen Gespräch klären, ob sie sich zu oft angefasst hätten.“
Das Wabern im globalen Dorf
01.Feb.2010 22:55 Uhr
Quelle des Bildes
Vielleicht ist es Zeit, sich einmal wieder mit dem frühen Theoretiker Marshall McLuhan zu beschäftigen, der klug, aber etwas drastisch angesichts der neuen elektronischen Medien über deren Einfluss auf den Menschen gedacht hat. Für ihn fand die elektronische Revolution schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts statt, eine Revolution („For the past 3500 years of the Western world, the effects of media — whether it’s speech, writing, printing, photography, radio or television — have been systematically overlooked by social observers.“), die eine schockartige, unkontrollierte und unmittelbare Erweiterung der menschlichen Sinne und Kommunikation mit sich bringen würde, aber auch die Gefahr einer kollektiven und globalen Gleichschaltung.
Das Ganze ist inzwischen - 50 Jahre später- zwar tatsächlich eingetreten- einschließlich der Gleichschaltung via globaler kultureller Events, TV- Shows und Internet- Medien, hat aber doch nicht zu dem kollektiven Identitätsverlust geführt, den McLuhan befürchtet hatte: „In the past, the effects of media were experienced more gradually, allowing the individual and society to absorb and cushion their impact to some degree. Today, in the electronic age of instantaneous communication, I believe that our survival, and at the very least our comfort and happiness, is predicated on understanding the nature of our new environment, because unlike previous environmental changes, the electric media constitute a total and near-instantaneous transformation of culture, values and attitudes. This upheaval generates great pain and identity loss, which can be ameliorated only through a conscious awareness of its dynamics. If we understand the revolutionary transformations caused by new media, we can anticipate and control them; but if we continue in our self-induced subliminal trance, we will be their slaves.“
Aber die Abhängigkeit des Menschen von diesem Medium ist- auch in wirtschaftlicher Hinsicht- heute mehr und mehr eine Tatsache. Die Grundgedanken McLuhans sind hier in einem Interview mit dem Playboy nachzulesen- eine Vision aus dem Jahr 1969.
Natürlich ist die Erweiterung der Sinne und des Leibes durch diese Medien heute festzustellen, die McLuhan so beschrieb: „Alle Medien sind Ausdehnung menschlicher Fähigkeiten – seien sie psychisch oder physisch. – Das Rad ist eine Ausdehnung des Fußes. Das Buch ist eine Ausdehnung des Auges, Kleider sind eine Ausdehnung der Haut, die Medien unserer Zeit sind eine Ausdehnung des Zentralnervensystems. Indem Medien die Umwelt verändern, schaffen sie in uns eine ganz bestimmte Konstellation sinnlicher Wahrnehmung. Die Ausdehnung nur eines Sinnes verändert die Art, wie wir denken und handeln, die Art, wie wir unsere Körper wahrnehmen. Wenn diese Verhältnisse sich wandeln, wandelt sich der Mensch.“ (Quelle Blogpiloten) Aber der Mensch wandelt sich nicht nur, er integriert auch die neuen Fähigkeiten. Vor allem ändert sich auch die Verantwortlichkeit des Einzelnen. Die aktuelle Katastrophe in Haiti mobilisiert durch die Medien ein globales Gefühl dafür, verantwortlich zu sein. Das gilt aber nicht unbedingt für den Obdachlosen, der Tag für Tag vor dem Bäcker sitzt, bei dem ich meine Brötchen hole. Der ist halt noch nicht medial präsentiert und vermarktet.
Es sind nicht nur die integren Berichte über Katastrophen in aller Welt, nicht nur die musikalischen Mega- Events, nicht nur die grassierenden Gerüchte und albernen Verschwörungstheorien, die durchs Internet wabern, was in diesem Zusammenhang auch einen Bezug zu Rudolf Steiner herstellt. Ich finde dieses seltsame - von Regierungen uniform gepuschte - Angstsyndrom so auffällig, sei es nun vor Klimakatastrophen oder vor Hühner-, Schweine- und Ziegengrippe- Epidemien. Gerne und breit werden Untergangsszenarien aller Art verbreitet. Vielleicht illustriert so etwas Rudolf Steiners mehrfach und drastisch geäußerte Bedenken vor der von ihm so genannten „Öffentlichen Meinung“: „Die öffentliche Meinung ist weniger wert, als was sich der einzelne als Meinung, wenn er fortschreitet, erringen kann. Sie ist untermenschlich.“ (GA 141, Seite 134).
Hier, meint Steiner, sind die Dämonen der heutigen und künftigen Zeit wirksam. Das „globale Dorf“ (ein Begriff von McLuhan) wird heute von Szenarien durchwabert, deren negative Energien er „luziferische“ nennt: „Und sie wirken in einer verschwommenen, durcheinanderflutenden Gedankenmacht der öffentlichen Meinung. Man versteht auch die Funktion der öffentlichen Meinung nur, wenn man weiß, dass sie in dieser Art in die Menschheit hineinkommt.“ (GA 141, Seite 128). So weit muss man natürlich nicht gehen. Man kann es durchaus dabei belassen, die drohende Uniformität im globalen Dorf, die durch weltweite, manchmal gut gemeinte Kampagnen angestossen wird, mit Interesse und einiger Verwunderung als die Schattenseite des heute technisch möglichen globalen Dialogs zu betrachten.
Vergoogelt
21.Jan.2010 20:57 Uhr
Wie das Blog von Google Mail heute berichtet, ändert
Google seine Technik in Bezug auf Einblenden
von Werbung beim Erhalt von Emails. Auch
vorher waren die Werbeeinblendungen
„Zielpersonen- orientiert“, da sich der
Inhalt der Werbung an dem der Mail
orientierte. Viele im Internet verschickte
Emails enthielten aber offensichtlich
keinerlei für Werbung relevante
Informationen. Wir sind eben viel exotischer
als Werbeleute glauben.
Jetzt wird diese Funktion erweitert auf schon archivierte Emails: „When you open a message in Gmail, you often see ads related to that email. Let's say you're looking at a confirmation email from a hotel in Chicago. Next to your email, you might see ads about flights to Chicago. But sometimes, there aren't any good ads to match to a particular message. From now on, you'll sometimes see ads matched to another recent email instead.“
Bei diesem Prozedere ist vielen Nutzern unwohl. Denn immerhin werden Inhalte von ihren privaten und geschäftlichen Korrespondenzen dabei analysiert. ,Im Google- Blog wird daher auch eilig versichert, dass da nichts wirklich gelesen wird, sondern „nur“ digital gefiltert: „The process is entirely automated: no humans are involved in selecting ads, and no email or personal information is shared with advertisers.“
So weit, so gut. Ich glaube ohne weiteres, dass da tatsächlich keine Armee von heimlichen Mit-Lesern sitzt, die sich durch Milliarden Emails arbeitet. Das Problem ist ein ganz anderes: Die technische Kommunikation vergoogelt zunehmend. Seit langem verfolgt man die Neigungen Googles zum digitalen Monopol. Ob in Sachen Suchmaschine, Nachrichten, Fotografie, Blogs, Office, Datenspeicherung, Landkarten oder Email: Die Krake wächst, und zwar auf innovationsfreudige Art und Weise. Google wächst eben vor allem deshalb, weil es so gut ist und weil es etablierten analogen Medien das Wasser abgräbt. Nachdem sich Google in einem Geschäftszweig etabliert hat, zieht dann - wie das aktuelle Beispiel von Googlemail zeigt- die Werbemaschine erst richtig los.
Es gibt aber noch ein anderes Problem. Das ist in meinen Augen die Neigung von Google zu Gadgets und Plugins. Manche Anwendungen sind trotz der simplen optischen Anmutung mit Funktionen überfrachtet. Ich will auch gar nicht die All-in-One-Informationsportale wie iGoogle nutzen, die mir Mails, Fotos, News, YouTube- Filme, Börse und Wetterbericht auf einen Blick liefern. Wahrscheinlich überfordert mich das. Mein Gehirn blockiert eher in einem Blitzlicht gleichzeitiger Informationen. Zugleich werden die Funktionen - auch die von Googlemail - den für mich nicht transparenten Filtern von Google gegenüber geöffnet, die vielleicht nur den Werbeeinblendungen dienen sollen, aber womöglich auch zu kapern sind*. Macworld berichtete jedenfalls, dass auch Googlemail- Konten ausländischer Journalisten in China umgelenkt und kopiert worden sind- aller Voraussicht nach von regierungseigenen Hackern: „The hijacked Gmail accounts used by the journalists in Beijing had been set to forward all e-mails to a stranger’s address, the Foreign Correspondents’ Club of China said in an e-mail to members. The group did not name the news organizations hit by the attack or say when the hijacking occurred. “We remind all members that journalists in China have been particular targets of hacker attacks in the last 2 years,” the group’s e-mail said.“
Vielleicht sind es Googles offene Tore, die zur Spionage geradezu einladen.
* Ich bin da etwas vorsichtig, weil gerade selbst meine Kreditkarte gehackt worden ist, mit Abbuchungen von interessanten Vereinen wie der „Katzennothilfe Grossbritannien“.
Jetzt wird diese Funktion erweitert auf schon archivierte Emails: „When you open a message in Gmail, you often see ads related to that email. Let's say you're looking at a confirmation email from a hotel in Chicago. Next to your email, you might see ads about flights to Chicago. But sometimes, there aren't any good ads to match to a particular message. From now on, you'll sometimes see ads matched to another recent email instead.“
Bei diesem Prozedere ist vielen Nutzern unwohl. Denn immerhin werden Inhalte von ihren privaten und geschäftlichen Korrespondenzen dabei analysiert. ,Im Google- Blog wird daher auch eilig versichert, dass da nichts wirklich gelesen wird, sondern „nur“ digital gefiltert: „The process is entirely automated: no humans are involved in selecting ads, and no email or personal information is shared with advertisers.“
So weit, so gut. Ich glaube ohne weiteres, dass da tatsächlich keine Armee von heimlichen Mit-Lesern sitzt, die sich durch Milliarden Emails arbeitet. Das Problem ist ein ganz anderes: Die technische Kommunikation vergoogelt zunehmend. Seit langem verfolgt man die Neigungen Googles zum digitalen Monopol. Ob in Sachen Suchmaschine, Nachrichten, Fotografie, Blogs, Office, Datenspeicherung, Landkarten oder Email: Die Krake wächst, und zwar auf innovationsfreudige Art und Weise. Google wächst eben vor allem deshalb, weil es so gut ist und weil es etablierten analogen Medien das Wasser abgräbt. Nachdem sich Google in einem Geschäftszweig etabliert hat, zieht dann - wie das aktuelle Beispiel von Googlemail zeigt- die Werbemaschine erst richtig los.
Es gibt aber noch ein anderes Problem. Das ist in meinen Augen die Neigung von Google zu Gadgets und Plugins. Manche Anwendungen sind trotz der simplen optischen Anmutung mit Funktionen überfrachtet. Ich will auch gar nicht die All-in-One-Informationsportale wie iGoogle nutzen, die mir Mails, Fotos, News, YouTube- Filme, Börse und Wetterbericht auf einen Blick liefern. Wahrscheinlich überfordert mich das. Mein Gehirn blockiert eher in einem Blitzlicht gleichzeitiger Informationen. Zugleich werden die Funktionen - auch die von Googlemail - den für mich nicht transparenten Filtern von Google gegenüber geöffnet, die vielleicht nur den Werbeeinblendungen dienen sollen, aber womöglich auch zu kapern sind*. Macworld berichtete jedenfalls, dass auch Googlemail- Konten ausländischer Journalisten in China umgelenkt und kopiert worden sind- aller Voraussicht nach von regierungseigenen Hackern: „The hijacked Gmail accounts used by the journalists in Beijing had been set to forward all e-mails to a stranger’s address, the Foreign Correspondents’ Club of China said in an e-mail to members. The group did not name the news organizations hit by the attack or say when the hijacking occurred. “We remind all members that journalists in China have been particular targets of hacker attacks in the last 2 years,” the group’s e-mail said.“
Vielleicht sind es Googles offene Tore, die zur Spionage geradezu einladen.
* Ich bin da etwas vorsichtig, weil gerade selbst meine Kreditkarte gehackt worden ist, mit Abbuchungen von interessanten Vereinen wie der „Katzennothilfe Grossbritannien“.
Erklärung von Google
15.Jan.2010 22:00 Uhr
Die Erklärung von Google (in deutscher Sprache,
im Google- Produkt- Blog) zu
den Attacken auf Mail- Accounts in China und
der darauf folgenden schwer wiegenden
Entscheidung von Google, die Firmenpolitik
in China zu ändern, lässt an Deutlichkeit
nichts zu wünschen übrig:
„Die Angriffe und die groß angelegten Überwachungsaktivitäten, die wir bei unserer Untersuchung aufgedeckt haben, in Verbindung mit den Versuchen, die Meinungs- und Redefreiheit im Internet im Laufe des vergangenen Jahres weiter zu beschränken, haben uns zu der Entscheidung veranlasst, unser Engagement in China neu zu bewerten. Wir haben beschlossen, dass wir nicht länger bereit sind, unsere Suchergebnisse auf Google.cn zu zensieren.“
Das nennt man eine Flucht nach vorne im ganz grossen Stil.
„Die Angriffe und die groß angelegten Überwachungsaktivitäten, die wir bei unserer Untersuchung aufgedeckt haben, in Verbindung mit den Versuchen, die Meinungs- und Redefreiheit im Internet im Laufe des vergangenen Jahres weiter zu beschränken, haben uns zu der Entscheidung veranlasst, unser Engagement in China neu zu bewerten. Wir haben beschlossen, dass wir nicht länger bereit sind, unsere Suchergebnisse auf Google.cn zu zensieren.“
Das nennt man eine Flucht nach vorne im ganz grossen Stil.
Steuergeschenke und andere Unverschämtheiten
20.Dez.2009 19:56 Uhr
Die FAZ berichtete am 19.12. in ihrem
Wirtschaftsteil von allerlei deutschen
Seltsamkeiten- vorneweg von der Zustimmung des
Bundesrats zum „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“-
ein Begriff, der dieser Regierung ewig anhängen
wird. Von „vergifteten Geschenken zu Weihnachten“
spricht die SPD, von reiner Klientelpolitik
Andere. Wolfgang Schäuble dagegen schwärmt davon,
dass die Steuervergünstigungen für Hoteliers
„Wachstumsimpulse“ in der Krise brächten,
Arbeitsplätze erhielten, usw. Holger Stetzner
dagegen schreibt auf der gleichen Seite von der
Seltsamkeit, dass der Gesetzgeber wohl „zu
scherzen“ beliebe, „wenn er auf dem Deckblatt
eines Gesetzes das Gegenteil vom Inhalt
schreibt“. In diesem Fall handle es sich um ein
Gesetz zur Beschleunigung der Verschuldung. Aber
das kennen wir schon. Denn auch das „Gesetz zur
Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen
Krankenversicherung“ sorge für „weniger
Wettbewerb im Gesundheitswesen“. Insgesamt
arbeite man emsig an der „Kreditblase Teil II“.
Immerhin hat sich ein Staat -Großbritannien- durch eine einmalige steuerliche Abgabe auf hohe Boni von Bankern bereit gemacht, neuen spekulativen Blasen in der Folge der Krise entgegen zu wirken. In einem Interview mit der „Financial Times“ hat sich nun Josef Ackermann höchst persönlich dazu geäußert, nämlich in dem Sinne, die Deutsche Bank werde dieses Gesetz unterlaufen: Die „zusätzlichen Kosten aus der Sondersteuer“ würden auf die Gesamtbank umgelegt; „Wir werden das ganz klar globalisieren.“
Man schätzt, dass es sich bei den vom britischen Staat einbehaltenen Summen um bis zu 100 Millionen Pfund handelt. Nun ist das gerade mal eine einmalige Erhebung, nicht eine grundsätzliche Maßnahme gegen kurzfristige spekulative Geschäfte. Daher erstaunt die massive Intervention Ackermanns, die immerhin dem Unterlaufen einer staatlichen Steuerungsmaßnahme gleich kommt. Nicht nur die Mitarbeiter der Deutschen Bank sollen global nach Ackermann für die Boni ihrer Vorgesetzten bluten- „auch die Aktionäre“ sollen „in Form einer geringeren Dividende dafür einstehen müssen“. Ackermann bestätigt mit seiner unverschämten Ankündigung aufs schönste, was der Boulevard über diese anarchische Art der Blasenwirtschaft denkt. Selbst halbherzige Versuche der staatlichen Steuerung prallen hier auf die gleiche Mentalität, die schon in der letzten Krise Anleger und Arbeitnehmer auf der ganzen Welt geschröpft hat. Die staatlichen Instrumente scheinen komplett zu versagen. (FAZ Nr. 295, Seite 11. „Deutsche Bank will Last der Boni-Steuer mindern“)
Immerhin hat sich ein Staat -Großbritannien- durch eine einmalige steuerliche Abgabe auf hohe Boni von Bankern bereit gemacht, neuen spekulativen Blasen in der Folge der Krise entgegen zu wirken. In einem Interview mit der „Financial Times“ hat sich nun Josef Ackermann höchst persönlich dazu geäußert, nämlich in dem Sinne, die Deutsche Bank werde dieses Gesetz unterlaufen: Die „zusätzlichen Kosten aus der Sondersteuer“ würden auf die Gesamtbank umgelegt; „Wir werden das ganz klar globalisieren.“
Man schätzt, dass es sich bei den vom britischen Staat einbehaltenen Summen um bis zu 100 Millionen Pfund handelt. Nun ist das gerade mal eine einmalige Erhebung, nicht eine grundsätzliche Maßnahme gegen kurzfristige spekulative Geschäfte. Daher erstaunt die massive Intervention Ackermanns, die immerhin dem Unterlaufen einer staatlichen Steuerungsmaßnahme gleich kommt. Nicht nur die Mitarbeiter der Deutschen Bank sollen global nach Ackermann für die Boni ihrer Vorgesetzten bluten- „auch die Aktionäre“ sollen „in Form einer geringeren Dividende dafür einstehen müssen“. Ackermann bestätigt mit seiner unverschämten Ankündigung aufs schönste, was der Boulevard über diese anarchische Art der Blasenwirtschaft denkt. Selbst halbherzige Versuche der staatlichen Steuerung prallen hier auf die gleiche Mentalität, die schon in der letzten Krise Anleger und Arbeitnehmer auf der ganzen Welt geschröpft hat. Die staatlichen Instrumente scheinen komplett zu versagen. (FAZ Nr. 295, Seite 11. „Deutsche Bank will Last der Boni-Steuer mindern“)
Schöne Weinnachten
13.Dez.2009 18:56 Uhr
Sehen wir den Tatsachen gelassen ins Auge. Der spirituelle Höhepunkt des Jahres steht vor der Tür, und das nicht erst seit 2000 Jahren, und erst recht nicht erst seit Steiner. Nein, die Menschheit treibt das seit der letzten Eiszeit, mindestens. Aber es gibt natürlich unterschiedliche Schwerpunkte. Während die Spiritualisten sich auf zwölf Heilige Nächte einstellen, konzentrieren sich Andere auf Unwägbarkeiten beim Apres Ski in den Alpen. Manche gehen einem Purgatorium entgegen, wieder einmal die gesamte Familie auf engem Raum konzentriert ertragen und gute Miene zu scheußlichen Geschenken machen zu müssen. Angehörige der Christengemeinschaft werden in der Heiligen Nacht drei Menschenweihehandlungen schwitzend, von Weihrauch umnebelt, im zwickenden Sakko ertragen müssen. Menschen mit Patchwork- Familie werden sich wieder fragen, wie sie zu dieser Verwandtschaft gekommen sind. Einsame fühlen sich in diesen Tagen einsam wie sonst nie. Viele, die es sich leisten können, fahren an die holländische Küste, nach Thailand oder auf die Malediven, um möglichst wenig vom Weihnachtsgeist berührt zu werden. Für die, die unter 25 sind, steht nach der Bescherung eine lange Partynacht in der Altstadt vor der Tür. Und vor der letzten Bude auf dem Weihnachtsmarkt, die noch offen hat, kann man sich mit Glühwein und fetter Wurst einen üblen Rausch antrinken, freundlich beobachtet von der bizarren Gestalt eines dicken Weihnachtsmanns. Oder man muss den Abend schweigend auf dem Sofa sitzend ertragen, weil Papa seinen neuen 40-Zoll-HDTV- TFT- Bildschirm mit „Ice Age 3““ vorführen möchte.
Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Weihnachten kann ziemlich furchtbar sein.
Wuff
01.Dez.2009 21:07 Uhr
Im aktuellen Prospekt der Tiernahrungskette „Fressnapf“ wird zurecht für das Recht unserer Vierbeiner auf „Tierisches Weihnachtsglück“ plädiert. Auf dem Titelbild wird bereits mit einer Katze geworben, die sich sichtbar darüber freut, dass dieses Jahr Plätzchen in Mäuseform gebacken werden (wahrscheinlich mit Fischmehlgeschmack). Aber auch der Hund, der - falls ich richtig sehe- zum Fest eine Smokingfliege trägt (aber keinen Smoking dazu), schaut recht erwartungsfroh. Was gibts denn? Na, zum Beispiel links einen „Loungesessel“ für den gepflegten Hund, im Sonderangebot. Oder „Interaktives Hunde- Spielzeug“, das fatal an die quäkenden Geräte erinnert, mit denen eher schlicht gestrickte Eltern vor ein paar Jahren ihre Kleinkinder malträtierten. Falls der Hund noch nicht in dem gleichen Maß verstört sein sollte wie die Kleinen, kann man das hiermit nachholen.
Für den Weihnachtsbaum (rechts) empfiehlt sich das „Weihnachtskugel- Set, 4-teilig“, auf denen in Gold lauter Gesichter von Hunden prangen. Solange der Vorrat reicht! Tatsächlich findet sich weiter unten die vermutete „Festtagsfliege“ „aus hochwertigem Samtstoff (100% Polyester).“ Als Geschenk ist zu empfehlen das „Hundespielzeug“, das in Kükenform, als dicke Kuh oder Stern daher kommt- je nach individuellem Geschmacks Ihres Hundes. Für einen gelungenen Weihnachtsabend wäre jedenfalls gesorgt.
Ich finde ja, so viel Anteilnahme und Grosszügigkeit den Hunden gegenüber setzt diese auch einem gewissen Stress aus. Was könnte ein gepflegter Hund zurück schenken? Vielleicht Skat spielen oder Mundharmonika blasen. Im anthroposophischen Herrchenhaus könnte der Hund vielleicht die Bhagawadgita studieren. Eine schöne Adventszeit für alle Hunde, die hier mitlesen..
Slumdogs
07.Nov.2009 20:54 Uhr
"Gesetze erlassen ist für Politiker das gleiche
wie Wasser lassen", erwiderte Narayan. "Beides
geht den Gully runter."
Am Wahltag stellten sich die Wahlberechtigten vor dem Wahllokal auf. Wie üblich kontrollierte Thakur Dharamsi die Stimmenabgabe. Sein System, unterstützt von den anderen Grundbesitzern, hatte schon seit Jahren reibungslos funktioniert. Der Wahlbeamte wurde beschenkt und fortgeführt, um den restlichen Tag mit Speisen und Getränken bewirtet zu werden. Die Türen öffneten sich, und die Wahlberechtigten marschierten durch. "Streckt eure Finger aus", sagte der Aufseher, der die Warteschlange beaufsichtigte.
Die Wähler gehorchten. der Sekretär am Schreibtisch schraubte eine kleine Flasche auf und markierte jeden ausgestreckten Finger mit wasserunlöslicher schwarzer Tinte, um Betrug zu verhindern.
"Und jetzt macht eure Daumenabdrücke hier drauf", sagte der Sekretär.
Sie drückten ihre Daumen auf das Register, um zu bestätigen, daß sie gewählt hatten, und gingen dann wieder heim.
Anschließend wurden die leeren Stimmzettel von den Männern des Grundbesitzers ausgefüllt. Nach Schließung kehrte der Wahlbeamte zurück, um den Transport der Wahlurnen zur Abzählunsstelle zu überwachen und zu bezeugen, daß die Wahl auf faire und demokratische Weise verlaufen war."
Wer Slumdog Millionär geliebt hat, wird auch dieses Buch lieben. Es ist allerdings wesentlich detaillierter und breiter angelegt, und es wird natürlich auch nicht von Gewinnshows und musikalischen Tanzeinlagen unterbrochen. Auf etwa 850 Seiten wird das Schicksal zweieri Unberührbarer - beide Schneider- geschildert, die aus den Dörfern um Mumbai herum in die Stadt fliehen müssen, um sich in der gigantischen Metropole durch zu schlagen. Sie leben in einem dieser wuchernden Slums, aber das ist die einzige ihnen verbliebene Chance. "Charme und die Tragödie eines ganzen Kontinents" (Klappentext) werden auf wunderbar lebendige Weise aufgerollt. Etwas für lange Winterabende.
Rohinton Mistry: Das Gleichgewicht der Welt
Am Wahltag stellten sich die Wahlberechtigten vor dem Wahllokal auf. Wie üblich kontrollierte Thakur Dharamsi die Stimmenabgabe. Sein System, unterstützt von den anderen Grundbesitzern, hatte schon seit Jahren reibungslos funktioniert. Der Wahlbeamte wurde beschenkt und fortgeführt, um den restlichen Tag mit Speisen und Getränken bewirtet zu werden. Die Türen öffneten sich, und die Wahlberechtigten marschierten durch. "Streckt eure Finger aus", sagte der Aufseher, der die Warteschlange beaufsichtigte.
Die Wähler gehorchten. der Sekretär am Schreibtisch schraubte eine kleine Flasche auf und markierte jeden ausgestreckten Finger mit wasserunlöslicher schwarzer Tinte, um Betrug zu verhindern.
"Und jetzt macht eure Daumenabdrücke hier drauf", sagte der Sekretär.
Sie drückten ihre Daumen auf das Register, um zu bestätigen, daß sie gewählt hatten, und gingen dann wieder heim.
Anschließend wurden die leeren Stimmzettel von den Männern des Grundbesitzers ausgefüllt. Nach Schließung kehrte der Wahlbeamte zurück, um den Transport der Wahlurnen zur Abzählunsstelle zu überwachen und zu bezeugen, daß die Wahl auf faire und demokratische Weise verlaufen war."
Wer Slumdog Millionär geliebt hat, wird auch dieses Buch lieben. Es ist allerdings wesentlich detaillierter und breiter angelegt, und es wird natürlich auch nicht von Gewinnshows und musikalischen Tanzeinlagen unterbrochen. Auf etwa 850 Seiten wird das Schicksal zweieri Unberührbarer - beide Schneider- geschildert, die aus den Dörfern um Mumbai herum in die Stadt fliehen müssen, um sich in der gigantischen Metropole durch zu schlagen. Sie leben in einem dieser wuchernden Slums, aber das ist die einzige ihnen verbliebene Chance. "Charme und die Tragödie eines ganzen Kontinents" (Klappentext) werden auf wunderbar lebendige Weise aufgerollt. Etwas für lange Winterabende.
Rohinton Mistry: Das Gleichgewicht der Welt
Impfguerilla
02.Nov.2009 22:50 Uhr
Dabei bestreitet niemand, dass Grippeviren gefährlich wären. Die saisonale Epidemie kostet jedes Jahr Tausenden das Leben. Die Schweinegrippe 1918 hatte Grössenordnungen von Millionen Opfern. Aber die Situation 1918 war auch eine besondere. Zum Ende des ersten Weltkrieges waren weite Kreise der europäischen Bevölkerung physisch, seelisch und moralisch zutiefst erschöpft. Moralisch erschöpft nicht nur wegen der Dimensionen der Gewalt, wegen der gewaltigen Opferzahlen, sondern auch wegen des erstmaligen breiten Einsatzes von Massenvernichtungswaffen wie Gas und einer technologischen Bedrohung durch neue Waffen. Die Spanische Grippe, wie sie genannt wurde, brach wohl ursprünglich in den USA aus und verbreitete sich in mehreren Wellen um die ganze Welt- aufgrund der kriegsbedingt desolaten Lage in Europa wurden die Ausmasse der Grippe hier kaum erfasst. Man schätzt aber, dass zwei Drittel der gesamten Bevölkerung erkrankt waren. Übrigens erkrankten Tausende auch an dieser schrecklichen Parkinson- artigen schweren Lähmung ("sleeping- sickness"), die von Oliver Sacks in "Awakenings" so eindringlich dargestellt wurde.
Rudolf Steiner sprach - in allerdings krasser Ausdrucksweise - von dem Auftreten des mittelalterlichen "Aussatzes" epidemischen Ausmasses als des "Resultats des Schreckens, der durch die Einfälle der Hunnen und der asiatischen Horden in der europäischen Bevölkerung ausgelöst wurde". Ihr Auftreten muss in der europäischen Bevölkerung eine schockartige "Furcht im menschlichen Astralleib" bewirkt haben- ein kultureller Clash, eine Art "moralischen Defekt(s)", bei dem sich die innere seelische Substanz regelrecht zersetzte: "Und dieses Feld der seelischen Zersetzung wurde eine Art Nährboden, auf dem sich die Bakterien entwickelten, die auf der Erde Krankheiten wie den Aussatz hervorriefen." (Rudolf Steiner, GA 314, Seite 242)
Es bedarf also - so darf ich Steiner verstehen- eines massenhaften seelischen Schockzustands, damit Epidemien in geschwächten Menschen umfassende Verbreitung finden können. Ähnliche Situationen sollen auch im Anschluss an den Dreissigjährigen Krieg aufgetreten sein- da war es die Pest. Trotz aller medialen Bemühungen: In einem derartigen Schockzustand befinden wir uns heute nicht. Ich werde mich freiwillig nicht impfen lassen.
Die Zeit, die bleibt
01.Nov.2009 16:32 Uhr
Ich klingelte an der Tür mit Gitterglas, die nur von innen geöffnet werden konnte. Man muss die Hände desinfizieren, dann geht man durch den kurzen Gang. Hier gibt es keine Intimitäten mehr, in jedem Bett liegt einer, ganz offen, die Wenigsten bei Bewusstsein. Er aber, inmitten der Beobachtungsmonitore und Infusionsschläuche, lag in seinem Bett, lebendig wie ein Flämmchen, das unerwartet vor der letzten Hürde zurück gezuckt ist. Körperlich war nicht viel von ihm übrig, eine Handvoll Mensch. Aber das Flämmchen redete und redete, von allem, aber wenig von dem, was passiert war. Vielleicht wollte er darüber hinweg züngeln. Er hängt mit einer Hand über dem Abgrund, aber er wird nicht loslassen.
(Es ist ja so, dass wir von vornherein nicht damit einverstanden sind, dass es diesen unleugbaren Fakt gibt, dass wir den Abgrund immer vor uns hatten, ihn aber wahrzunehmen uns weigerten. Die Spiritualisten, die behaupten, es gäbe diesen Abgrund gar nicht, widerlegt die Angst, die uns durchzieht wie ein Gewebe. Sie lässt uns tanzen und wie mit feurigen Zungen sprechen, vielleicht um den Tod schwindlig zu reden.)
Er hat sein ganzes Leben irgend etwas verkauft, er hat sein ganzes Leben gestrampelt, er hat manchmal Würde bewiesen, vor allem aber Stehvermögen. Er ist niemand, der den Kopf gern lange unter dem Wasser lässt, er ist immer obenauf gewesen, manchmal den Wirklichkeiten zum Trotz. So auch jetzt. Nicht unterkriegen lassen. Er ist in New York gewesen und hat seinen Bankrott überlebt und einen Krieg, über den man nicht spricht. Er hatte einen Riecher für die richtigen Leute. Als er das erste Mal das unerbittliche Glöckchen gehört hatte, hörte er auf, Alkohol zu trinken und stellte sein Essen um. Er tat, was er konnte. Es war nicht leicht, das Klingeln des Glöckchens ohne Alkohol zu überhören, aber manchmal gelang ihm das.
Die Zeit, die bleibt. Die Maßeinheit ist uns verloren gegangen. Handelt es sich um Minuten, Stunden, Tage? Die Zeit dehnt und staucht sich wie in einem surrealistischen Gemälde. Man kann nicht wissen, was da bleibt. Der Körper hat seine Zeit, der Geist hat eine andere. Manchmal piepte die Infusionsmaschine, wie um daran zu erinnern, dass es vielleicht noch dieses Mal gibt und vielleicht noch ein anderes Mal.
Fazit
30.Okt.2009 20:32 Uhr
"Das Fazit aus alledem lautet: Wir leben in einem
Universum, dessen Alter wir nicht berechnen
können, umgeben von Sternen, deren Entfernung wir
nicht kennen, zwischen Materie, die wir nicht
identifizieren können, und alles funktioniert
nach physikalischen Gesetzen, deren Eigenschaften
wir eigentlich nicht verstehen."
Bill Bryson, "Eine kurze Geschichte von fast allem", München 2004, S. 223
Bill Bryson, "Eine kurze Geschichte von fast allem", München 2004, S. 223
Mehr Netto vom Brutto
24.Okt.2009 22:45 Uhr
Nein, das überlässt sie lieber dem Streber. Nach einem Artikel im Wirtschaftsteil der FAZ (Nr 246, Seite 11, "Müllabfuhr mit Mehrwertsteuer und eine Entlastung für die Gastwirte") plant die FDP nun eine "Mehrwertsteuer auf die Hausmüllentsorgung und die Abwasserentsorgung". Nicht um die Bürger im Stillen zu schröpfen, sondern nur aus Gründen der Gerechtigkeit: Um nämlich "die Wettbewerbsbedingungen auszugleichen". Für Mieter und Häuslebauer steigen die kommunalen Abgaben also weiter. Aus ähnlichen Gründen soll die Mehrwertsteuer für Briefe und andere Postdienste eingeführt werden.
Was oben verteilt wird, soll unten beim Müll also wieder herein geholt werden. Das nennt man pragmatische Politik. Niemand will visionäre Politik, davon hatten wir im 20. Jahrhundert genug. Aber eine kleine Perspektive wäre doch angenehm. Die schwarz-gelben "Reformen" sehen bislang so aus, als wollte jemand einen Quark einmal umrühren.
Phänomenologie: Das Steakhaus
15.Okt.2009 21:29 Uhr
Heute war die Zeit noch knapper, zwei Krankenwagen standen mit Blaulicht vor dem Steakhaus und behinderten den Verkehr. In einem der Schaufenster lag ein Mensch theatralisch mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken, während sich die Sanitäter an ihm zu schaffen machten. Kurz danach fuhren sie dezent, ohne Blaulicht, davon. In den anderen Schaufenstern blickten die Kunden irritiert nach draussen. Es gab nicht direkt eine Etiquette, wie man sich neben einer Leiche zu benehmen hat. Die Unsicherheit in den Augen währte aber nicht lang. Das Leben ist kurz, die Zeit ist knapp. Man einigte sich ohne Worte darauf, wie immer weiter zu machen wie bisher: Ob halbdurch oder blutig, die Speisenden nahmen sich ihr Steak wieder vor.
Regina Reinsperger: Ein Plädoyer für die gute, alte Tages-Zeitung
11.Okt.2009 20:08 Uhr
Das Ende
der Zeitung? Ich hoffe, dass das zu
meinen Lebzeiten noch nicht passiert: ich
liebe es, meine Zeitung am Frühstückstisch
zu lesen. Da ich zu dieser Tageszeit
grundsätzlich noch nicht wach bin, stört das
auch meinen Partner nicht, ohne Zeitung
würde ich auch nichts sagen, also kann ich
mich ruhig hinter meiner Zeitung verstecken.
Die erste soziale Übung des Tages ist dann
aber, dem Partner einen Teil abzutreten,
damit er auch lesen kann. Der Duft des
Kaffee ´s, frische Brötchen, schweigendes
Kauen nur vom Knistern des Papiers
unterbrochen, welch kleines Paradies bevor
der alltägliche Tagesstress erneut zupackt….
weiter zum Artikel..
weiter zum Artikel..
Schon wieder das Ende der Zeitung?
04.Okt.2009 20:55 Uhr
"We think that over a long enough period of time,
most people will have personalized news-reading
experiences on mobile-type devices that will
largely replace their traditional reading of
newspapers. Over a decade or something. And that
that kind of news consumption will be very
personal, very targeted", wird der Google-Chef
Schmidt in dem bemerkenswerten Blogbeitrag von
"Indiskretion Ehrensache"
zitiert. Es geht dabei um die Frage, wie der
Kampf zwischen Internet- News und den
traditionellen Zeitschriften ausgehen wird.
Schmidt setzt natürlich auf personalisierte
digitale Newspapers- ein Beispiel dafür mag
in den Augen Schmidts iGoogle sein, bei dem man
beliebige Quellen wie Nachrichten, Mails,
RSS-News, Flickr- Lieblingsfotografen und
Youtube-Videos auf einer einzigen Startseite
stimmig kombinieren kann. Angeheizt wird die
Debatte durch die Erwartung an ein bald
erscheinendes digitales Tablett der Firma
Apple. Die Tastatur ist in den
berührungsempfindlichen Bildschirm
integriert, das Gerät wird aber auch durch
vielfältige Fingerbewegungen gesteuert. Wie
das (gut) funktionieren kann, haben wir
bereits am iPhone schätzen gelernt. Nun also
soll Apple, Gerüchten zufolge, vor
dem Erscheinen des Geräts mit Verlagen
verhandeln, um ein professionelles digitales
Newspaper auf dem Tablett präsentieren zu
können. Wird das das oft prophezeite Ende
der klassischen Zeitung sein?
Eine andere Frage ist, wie ein anthroposophisches Internet- Medium aussehen könnte, das den Potentialen der kommenden Technik entspricht. Ich stelle mir ein vernetztes News- Blog vor, mit angeschlossenem Diskussions- Forum. In dem Blog werden zeitnah News aus dem anthroposophischen Umfeld präsentiert, unter auswählbaren Kategorien. Vorträge kann man sich ansehen und im Forum diskutieren. Persönlichkeiten werden interviewt, Initiativen vorgestellt. Entscheidend wäre eine Mischung aus Redaktion, freien vor Ort tätigen Mitarbeitern und einem lebendigen Forum. Bei all dem kommt es auf eine ansprechende und User- freundliche Technik der Präsentation an. Zumindest die grossen Verlage werden in diesen Tagen darüber grübeln, wie die digitale Plattform der Zukunft aussehen kann. Das für alle Seiten Fragliche an der Sache ist und bleibt ja, wie sich so etwas im Internet finanzieren lässt.
Dazu hier ein weiterer Beitrag von netzpolitik.org.
Eine andere Frage ist, wie ein anthroposophisches Internet- Medium aussehen könnte, das den Potentialen der kommenden Technik entspricht. Ich stelle mir ein vernetztes News- Blog vor, mit angeschlossenem Diskussions- Forum. In dem Blog werden zeitnah News aus dem anthroposophischen Umfeld präsentiert, unter auswählbaren Kategorien. Vorträge kann man sich ansehen und im Forum diskutieren. Persönlichkeiten werden interviewt, Initiativen vorgestellt. Entscheidend wäre eine Mischung aus Redaktion, freien vor Ort tätigen Mitarbeitern und einem lebendigen Forum. Bei all dem kommt es auf eine ansprechende und User- freundliche Technik der Präsentation an. Zumindest die grossen Verlage werden in diesen Tagen darüber grübeln, wie die digitale Plattform der Zukunft aussehen kann. Das für alle Seiten Fragliche an der Sache ist und bleibt ja, wie sich so etwas im Internet finanzieren lässt.
Dazu hier ein weiterer Beitrag von netzpolitik.org.
Sind wir nicht alle etwas Ansgar?
03.Okt.2009 18:24 Uhr
Nun denn, der Wahlkampf nähert sich seinem Ende, und auch die Bauern legen sich nochmal ins Zeug, um ihrem Hinterbänkler seinen Platz in Berlin zu sichern. Der lächelt darob wie ein Honigkuchenpferd und lässt sich in seinem Wahlbezirk bizarre Denkmäler errichten, die an Stelle einer Krone ein umgestülpter Jaucheeimer ziert. Ja, wir sind alle ein wenig Ansgar. Im Osten erklang vor beinahe 20 Jahren lautstark, das Ende der DDR einläutend, der Slogan "Wir sind das Volk". Der Westen antwortet heute: "Und das Volk ist Ansgar."
Sozialer Brennpunkt
22.Sep.2009 20:36 Uhr
Der Stadtteil strahlt vielleicht nicht so sehr, aber ich mag ihn. Ich mag auch den Jungen, um den es gerade geht, der - wie man früher sagte- "verhaltensauffällig" ist, indem er in der Schule schreit, schlägt, auf beliebige verbale Äußerungen Anderer mit unmässiger Wut reagieren kann, dick ist, launisch und dazu neigt, distanzlos fremde Erwachsene zu duzen. Ist das die Klientel, die der Doktor meinte (oder meint er vielmehr die, die nicht privat versichert sind)? Es scheint so.
Ich testete den Jungen, und er versagte schon beim ersten Item, bei einfachen Zuordnungsaufgaben, bei denen man nur sein Gedächtnis etwas bemühen muss. Ich wusste aber, er würde mich überraschen, und das tat er dann auch. Sobald die Aufgabenarten abstrakter wurden, schlussfolgerndes Denken, gedankliches Jonglieren mit mehreren Variablen und mehr ansprachen, wurde er sichtlich warm und arbeitete das in Rekordzeit so ab, dass der Test an sein äußerstes Limit kam. So lange sein (Kurzzeit-) Gedächtnis nicht gefordert wird, er also frei losdenken kann, kommt der Junge an IQ- Werte um die 150- gehört also zu den wirklich privilegierten Hochbegabten.
Seine Mutter hatte wieder eine der üblichen Katastrophen erwartet, da bisher noch von keiner Institution Positives über ihren Sohn geäußert wurde. Ja, sie nahm die Nachricht zuerst wie einen weiteren Schicksalsschlag auf- als wäre eine Art Behinderung aufgetaucht oder etwas, was ihnen nicht zustände. Neben der Agressivität, der Reizbarkeit, der sensorischen Übersensibilität spricht vor allem das kümmerliche Kurzzeitgedächtnis dafür, dass der Junge unter ADS leidet. Sein Potential ist unter seiner Reizbarkeit wie verschüttet. Es wäre schön, es zum Vorschein zu bringen, auch um alle Prognosen und sozialen Zuschreibungen Lüge zu strafen. Andernfalls droht eine Karriere in einer Schule für Schüler mit "sozialem und emotionalem Förderbedarf". Das ist jedenfalls in dieser Gegend, von der ich spreche, von den Chancen her eine Dead End Street.
Aber wird der Kinderarzt ihn überhaupt behandeln? Wird die nachgewiesene Intelligenz dem Diktum, sozial gebranntmarkt zu sein, ein Gegengewicht sein können? Wir werden sehen.
Merkmeier
17.Sep.2009 22:08 Uhr
Immer wenn ich Angela Merkels Slogan "Wir haben die Kraft", lese - auch bei Facebook- frage ich mich unwillkürlich "Mag sein. Aber auf wessen Kosten?"
Halali
12.Aug.2009 13:55 Uhr
Nun sollte man sagen: Das sind doch deutliche Fortschritte. Früher haben die Jagd auf Gulag-Insassen gemacht. Was soll das Gequengel? Aber so einfach ist es nun auch wieder nicht, denn im weiten Rock des russischen Mütterchens ist die Jagd auch auf andere bedrohte Arten weiter eröffnet- etwa auf Menschenrechtler. Gerade erst sind auch die Tschetschenin Sarema Sajdulajewa und ihr Mann Alik Dschabrailow - die Organisatoren der Hilfsorganisation „Rettet die Generationen“- umgebracht worden. Immerhin nicht aus dem Hubschrauber heraus, sondern zivilisiert im Strassengraben. Und doch auch insofern human, als man die Leichen derer, die sich um Kinder, die durch Landminen verstümmelt wurden, kümmern, nun offen im Strassengraben liegen lässt, damit sich die Angehörigen und Freunde keinen Kopf machen müssen. Auch der Vorgänger von Frau Sajdulajewa wie vier weitere Mitglieder der Hilfsorganisation sind auf dieselbe Weise gejagt und beseitigt worden. Man darf daher schon davon ausgehen, dass Mitglieder jeder Hilfsorganisation in dieser Region wissen müssen, dass sie sich zu einer ausgesprochen „seltenen Art“ zählen dürften.
Na, wir halten lieber den Mund, denn wir kriegen eine schicke Gaspipeline. Herr Steinmeier soll am Dienstag vor sich hingemurmelt haben, „er sei entsetzt“. Das muss man nicht so ernst nehmen. Die Jagd ist eröffnet, die Gäste sind eingeladen, der demokratische Spass im Putin- Reich kann weiter gehen.
Ani Choying Drolma
06.Aug.2009 18:58 Uhr
Ani Choying Drolma ist eine vielseitig begabte und engagierte tibetische Nonne, zur Zeit auf Tournee in Deutschland. Bekannt ist sie vor allem durch ihre wunderbaren Gesänge. Gestern habe ich ihr Konzert im Mönchengladbacher Münster besucht- eine spirituelle Veranstaltung, die trotz geringer Werbung in der zentralen Kirche dieser Stadt zu einem ungewohnten Andrang führte: Das Münster war bis auf den letzten Platz belegt. Dabei trägt Ani Choying tibetische Mantren vor, mit einer zum Teil minimalistischen musikalischen Begleitung- etwa einer Art Trommel. Ihre Stimme hat eine unglaubliche Bandbreite, von tiefstem Brummen bis hin zu glockenhellen Schlenkern und Modulationen. Um es für die europäischen Ohren nicht ganz so schwer zu machen, begleitet sich Ani Choying ab und zu mit dem Band. Dann bekommen die Lieder fast etwas Pop- Ähnliches. Ansonsten wird der mantrisch- meditative Charakter durch uns monoton erscheinende, fast endlose Schleifen betont.
Das breit gefächerte Publikum hat es so aufgenommen, dass es mir wie ein Wunder vorkam: Es herrschte trotz der heiteren sommerlichen Abendstimmung in der Altstadt nach wenigen Minuten eine Stille, die sprechenden Charakter hatte. Es gibt eine Ruhe in der Menge, die aufnehmenden Charakter hat. Ob alt oder jung, ob Freak oder Kirchengemeindenmitglied: Die meditative Gestimmtheit war mit Händen zu greifen, fast zwei Stunden lang. Für mich hatten diese mantrischen Gesänge persönlich auch etwas Berückendes und Beglückendes: Für mich waren es Lieder zum Wandern. Vor meinem inneren Auge war es mir, als hätte ich die Hochgebirgslandschaften des Himalaya vor mir- atemberaubende Aussichten vor den schneebedeckten Bergen. Diesen Liedern lauschend, war es mir, als sei ich selbst dort hin versetzt und durchwanderte die Lieder wie Landschaften.
In Ani Choyings Händen wird seit Jahren alles, was sie beginnt, zur Initiative. Vor zwei Jahren ist ihre über alles geliebte Mutter gestorben. Um mit dem Verlust zurecht zu kommen, gründete Ani ein Altersheim für allein gelassene alte Frauen in Nepal. Sie unterstützt ein Hospital für Nierenkranke und gründete eine Schule für unterprivilegierte Kinder in Nepal. Selbst das „Kathmandu Animal Treatment Center“ wird finanziell von ihr unterstützt. Die Spenden, die auf ihrer diesjährigen Tournee zusammen kommen, sind aber für die Schule bestimmt. Ansonsten gibt es Wasser- und Biogasprojekte, eine Thangka Malschule, Laptops für Schüler, usw. Selbst ihre Biographie wird bereits in elf Sprachen übersetzt.
Wer sie dieses Jahr noch erleben oder etwas über ihre Projekte erfahren möchte, sollte die Website besuchen.
Musik im Inneren
04.Aug.2009 21:26 Uhr
Seine Bücher waren seitdem weniger spektakulär, aber immer erhellend, da sein Thema die Beschreibung neurologischer Sonderfälle blieb, wodurch immer wieder Licht auf Funktionsweisen des Gehirns, aber auch auf die Besonderheiten bestimmter Behinderungen fiel. Momentan lese ich „Der einarmige Pianist- Über Musik und das Gehirn“. Wie kommt es, dass bestimmte Melodien und Rhythmen verknüpft sind mit bestimmten Erlebnissen und Lebensphasen, dass sie uns als Ohrwürmer verfolgen, dass bestimmte Musikstücke bei bestimmten Dispositionen epileptische Anfälle auslösen können?
Sacks beginnt mit Klienten, die im Rahmen von Nahtoderfahrungen - etwa durch einen Blitzschlag -, Erfahrungen wie „reines Denken, reine Ekstase“ hatten, und von nun an, in fortgeschrittenem Alter und ohne musikalische Erfahrung, „dieses unersättliche Verlangen“ verspürten, Klaviermusik zu hören, zu erlernen und zu komponieren. Es sind Klienten, die durch einen Schock plötzlich in einen Zustand geraten, in ihrem Inneren permanent Musik zu hören. Die „beseelten“ Personen waren überzeugt, diese „Musik vom Himmel“ zu empfangen.
Aber es gibt auch das gegenteilige Phänomen, die „Furcht vor Musik“, nämlich bei Personen, die unter „musikogenen Anfällen“ leiden, wobei meist eine ganz bestimmte musikalische Richtung epileptische Anfälle auslöst (z.B. eine Verdi- Arie auf dem Handy). Die Wirkmechanismen sind bis heute weitgehend ungeklärt.
„Musik im Kopf“ haben wir alle, aber bei professionellen Musikern liegt die Sache noch anders. Viele Musiker betreiben vor Konzerten Neuro- Imaging-Techniken, was besagt, dass das gesamte „Programm von sich aus und mühelos in mein inneres Ohr tritt“. Dieses mentale „Üben“ der Musik ohne jeden tatsächlichen Ton hat nachweisbare Leistungsverbesserungen zur Folge. Es sind auch dieselben Hirnareale aktiv wie beim tatsächlichen Musikhören. Falls - bei einer Person im Hirnscan - bekannte und unbekannte Musik so abgespielt wird, dass zwischendurch künstlich Pausen und Unterbrechungen eingeplant werden, betreiben die Personen „perzeptuelles Ergänzen“- die Musik wird im Kopf unwillkürlich fortgeführt.
Aber es gibt auch zahllose musikalische „Hirn- (statt Ohr-) Würmer, die uns mehr oder weniger quälen können. Ich bin persönlich auch ein Typ, der eine bestimmte Art von Musik tage- und wochenlang hört, mich quasi in dieses Klangbett hinein lege, bis dieses Bedürfnis mit der Zeit abebbt und sich eventuell sogar Verdruss und Widerwille einstellen. Dieses „Einbetten“ führt dazu, dass ich schon morgens mit der Musik im Kopf aufwache, dass sie unwillkürlich ohne äußeren Anlass tagsüber in mir anklingt. Aber es gibt eben auch quälende „Hirnwürmer“ - etwa Werbejingles, die man tagelang nicht los wird. Der quälende Charakter scheint bei vorhandenen Behinderungen wie Autismus, Tourette-Syndrom oder Zwangsstörungen häufig zu einer grässlichen Verfolgung zu werden, zu einer Art Dauerschleife. Auch Psychopharmaka scheinen dies als unangenehme Nebenwirkung haben zu können- bis hin zu regelrechten musikalischen Halluzinationen. Robert Schumann hat am Ende seines Lebens unentwegt nichts als das hohe A in sich gehört: „Am 10. Februar 1854 begann zwar nicht Schumanns Leidenszeit, sein – wie man heute weiß – durch die Syphilis bzw. manisch-depressive Krankheit verursachtes Leiden verstärkte sich jedoch sprunghaft: Er klagte über „Gehöraffektionen“. Töne, Akkorde, ganze musikalische Stücke tobten in seinem Kopf, und raubten ihm den Schlaf.“ (Quelle)
Auch einige der L-Dopa- Patienten aus Awakenings hatten nach ihrem „Aufwachen“ sofort das Verlangen, ein Tonband zu bekommen, um die Musik in ihrem Inneren - die Musik ihrer Jahrzehnte zurück liegenden Jugend- singend aufzuzeichnen. Andere waren all diese Jahre durch bestimmte Liedabfolgen, die sich ununterbrochen wiederholten, in ihrem Inneren gequält worden.
Dies nur als einige Hinweise auf dieses aufregende Buch, das darstellt, dass wir - unabhängig vom Gehör und von spezifischen Fähigkeiten- als Menschen in der Musik leben.
Trouble in paradise und andere Erektionen
28.Jul.2009 11:32 Uhr
Was heisst hier auch mal? Die Bemühungen der Grandts waren schon immer pekuniärer Natur. Die Kuh der Waldorfkritiker gibt anscheinend nicht genug Milch. Daher wechselt Herr Grandt das Sujet. Vielleicht wird die Kritik an den Waldorfschulen und Anthroposophen von jetzt an aus der Sicht von Außerirdischen betrieben, wer weiss? Auf jeden Fall schlägt sich Grandt nun auf die Seite der UFO-Gläubigen:
„1. UFOs sind ein physikalisch reales Phänomen.
2. Die wahrscheinlichste Erklärung des Phänomens ist eine extraterrestrische Intelligenz.
3. Weitere, staatlich geleitete Forschung ist notwendig.
4. Bei weiterer Erhärtung der extraterrestrischen These sollten geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um auf diese Situation zu reagieren.“
Grandt betreibt diese eiskalten Recherchen, obwohl das Material meistens der „höchsten Geheimhaltungsstufe“ unterliegt. Wie im Falle der Waldorf- und Anthroposophenschelte arbeitet er also streng investigativ. Dennoch erlaubt er sich auf der Website „Brights-Die Natur des Zweifels“ eine windelweiche Gegendarstellung in den Kommentaren: „ich bin nicht UFO-gläubig“, setzt sich zum Ärger seiner Anhänger aber in seinem kommenden Buch für Naturheilmittel ein. Seine Fans in den Kommentaren hat es zwar nicht die Sprache verschlagen, aber sie empfehlen Grandt dafür um so nachhaltigeres Schweigen: „Grandt dilettiert auf einem Gebiet, bei dem man als Laie besser die Klappe hält.“ Nun, das galt schon für die Waldorf- Und Anthroposophie- Kritik.
Ansonsten empfiehlt es sich, Grandts Aussagen mit weiter Sicht zu betrachten. Nehmen wir zum Beispiel den Fall eines zehnjährigen Jungen, der nachts ihm bisher unbekannte Gefühle entdeckt. Er sollte sich Kernaussagen Grandts zu Herzen nehmen und schlussfolgern:
1. Erektionen sind ein physikalisch reales Phänomen.
2. Die wahrscheinlichste Erklärung des Phänomens ist eine extraterrestrische Intelligenz.
3. Weitere, staatlich geleitete Forschung ist notwendig.
4. Bei weiterer Erhärtung der extraterrestrischen These sollten geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um auf diese Situation zu reagieren.
Schleunigst entschleunigt
13.Jul.2009 19:55 Uhr
Die Lehramtsanwärterin, von der ich die Phrase auch schon gehört habe, gehört zur letzten Gruppe. Sie schafft es, beliebigen Personen, die ihren Weg kreuzen, in 6 Minuten ihr Leben zu schildern. Man darf sie nur nicht unterbrechen. Gespräche, in denen der Partner nichts erwidert, empfindet sie prinzipiell als angenehm. Ansonsten übernimmt sie ungefragt jede anfallende Aufgabe (jeder weiss, dass daraus nichts werden kann), erklärt, dass sie als Kind (fälschlich, ihrer Meinung nach) als ADHS (Aufmerksamkeits- Defizit-Syndrom)- Kandidatin galt, dass sie Gottseidank nie eine Medikamentation erhielt und früh aus der Waldorf- Schule ausschied, in gegenseitigem Einvernehmen, wie es scheint. Bei diesem Thema (Waldorfpädagogik) wird sie allerdings ungehalten und scharf. Insgeheim hält sie sich nicht für hyperaktiv, sondern für hochbegabt. Aber das ist heute ja der Standard.
In intime Gespräche mit Eltern, die gerade beraten werden, platzt sie gern hinein und reisst das Gespräch in Sekunden an sich. Sie unterläuft dabei jede Absicht, die vonseiten der Lehrer und Teams vor dem Gespräch bestanden haben mag und ergeht sich in Solidaritätsbekundungen und Selbstbezichtigungen („Ich war auch so, aber sie sehen ja, aus mir ist etwas geworden“). Man kann sie nicht wirklich bremsen, auch wenn sie nichts als Chaos hinterlässt.
Mit der Zeit türmen sich ihre Versäumnisse auf. Ihre leicht manische, ungezügelte Fröhlichkeit verdeckt mit der Zeit nicht mehr, was sie nicht zu Ende bringt. Selbst ihre wohlmeinenden Mentoren führen inzwischen in ihrer Abwesenheit auf dem Flur ernste Gespräche. Auch ihr Privatleben, hört man, tanzt im Wohnzimmer Polonaise. Aber das geht uns nichts an. Ihren Kritikern rät sie zu Reflexion und allgemeiner Entschleunigung. Sie kündigt neue Projekte an. Eines Tages wird sie inmitten zahlloser Projekte, die angerissen, aber nie fertig gebracht worden sind, vor dem Nichts stehen. Dann wird der Schaum, den sie schlägt, in sich zusammen fallen.
Es muss aber nicht unbedingt das Tempo, das Verhaspeln sein, das zum Problem wird. Ich denke an einen Jungen von 12 Jahren, den ich nach der schwierigen Grundschulzeit übernahm, um ihn in eine weiter führende Schulform zu integrieren. Er galt als verhaltensauffällig. Er war einer von denen, die - trotz ihrer hohen Intelligenz- nicht nur unter einer zeitlich beschränkten Aufmerksamkeitsspanne leiden, sondern auch aggressiv auftreten. Körperliche Nähe zu Mitschülern endete stets in Schlägereien. Lehrern gegenüber trat er - scheinbar ohne Anlass- ständig provozierend auf. Er konnte eine Unterrichtsstunde so lange wie ein Quälgeist kommentieren, bis sie in einem allgemeinen Desaster endete.
Ein halbes Jahr lang führten wir mehrmals wöchentlich Einzelgespräche. An Lerninhalte im eigentlichen Sinne war kaum zu denken. Eigentlich spiegelte ich sein Verhalten und versuchte dabei zu ergründen, was ihn antrieb. Auch ich wurde unentwegt verbal von ihm attackiert. Seine hektisch vorgebrachten Fragen, Anwürfe und Beschimpfungen hatten - so merkte ich mit der Zeit- den Charakter eines Tribunals, einer Prüfung. Ich antwortete in der mir möglichen Offenheit, in der denkbar grössten persönlichen Zuwendung, ohne Beschönigungen und Attitüden. Was ein alter Mann ihm schon sagen könnte, fragte er, und wie ich mit meinem Helfersyndrom sonst im Leben zurecht käme. Aber mit der Zeit wurde deutlich, dass ihn weniger die Beschleunigung umtrieb, sondern die Frage nach persönlicher Integrität. Er könne sich, sagte er, nicht von Lehrern unterrichten lassen, die unwahrhaftig seien. Und das waren sie praktisch alle- lediglich in graduellen Unterschieden.
Er rannte - schon als Kind- gegen die verlogenen Fassaden, das Heuchlertum, das Verschanzen hinter Rollen an, um einen Zipfel der anderen Person zu erhaschen. Wir unterhielten uns über Selbstreflexion auf einem Niveau, das man tatsächlich selbst (oder gerade?) unter Erwachsenen selten erlebt. Die Verfrühung bei ihm bestand darin, dass die Gebärde der Bewusstseinsseele bei ihm als Kind dominant war - ein aggressiver Ich- Sinn, der das Innere der erwachsenen Personen um ihn herum fühlte und tastete und an der bürgerlichen Verspießerung verzweifelte. Gleichzeitig wünschte seine kindliche Seele Glück, Erfolg und Anerkennung. Dass er mich akzeptierte, war nicht genug. Die Lehrer provozierten mit der Zeit ihrerseits seine Ausbrüche, protokollierten sie, jagten ihn, mahnten ihn ab. Niemand wollte sich die Mühe mit diesem brillanten Kopf machen. Nach einem halben Jahr, in dem auch ich ständig auf der Anklagebank sass, flogen wir beide von der Schule. Ich erkannte mehr und mehr, dass er ja recht hatte- die meisten dieser Lehrer und Kollegen waren so weit in ihren eigenen Netzen verfangen, dass sie als Mensch kaum zu erreichen waren. Ich als Anwalt dieses Jungen galt als enfant terrible wie er, auch wenn ich im Auftrag der Schulbehörden handelte.
Seitdem besucht er eine spezielle Förderschule, in der ihm die ihm angemessenen Abschlüsse aber verwehrt sein werden. In diesem wie in vielen anderen Fällen wissen auch die sehr wohlwollenden Schulbehörden keinen Rat. Wie kann man einen kindlichen Wahrheitssucher davon abbringen, Fassaden nieder zu reissen? Wo kann man eine Institution finden, in der reife Lehrer unterrichten? Wo ist der Platz für die, die sich nicht den Verhaltens- und Lernvorstellungen beugen wollen und können? Wo können Individualisten Raum für Entfaltung finden?
King of Pop
02.Jul.2009 21:52 Uhr
Es ist schlimm genug, wenn Männer nicht erwachsen werden können und ihr Leben in einer Rummelplatzattrappe wie der Neverland- Ranch, zwischen Sauerstoffgeräten, Affen und kleinen Jungen verbringen. Eigentlich nicht einmal nicht erwachsen, sondern vollkommen infantil.
Aber wenn sie auch noch mit der Rolle, die sie auf der Bühne darstellen, rettungslos verwachsen, und im Bemühen, sich durch zahllose Schönheitsoperationen dem Fake ihrer selbst immer weiter anzunähern, allmählich zur Maske erstarren, deren sämtliche Gesichtsmuskeln wie mit Beton ausgegossen wirken, sind sie schließlich wie nicht von diesem Planeten. Michael Jackson, dessen „Herzinfarkt“ sich am Ende wahrscheinlich als euphemistische Bezeichnung für ein toxisches Bewusstseinsexperiment heraus stellen wird, war am Ende - wenn auch auf in der Erscheinung andere Art- so grotesk wie Elvis Presley. Gerade die völlige Verzeichnung macht Beide zu ewigen Pop- Ikonen. Denn von grotesken Verzeichnungen im Stil einer Comic- Welt lebt eben dieses Business.
Vermutlich wird in den nächsten Monaten jeder, der eine Klampfe tragen kann, Michael Jackson- Lieder klimpern. Keine Gartenparty ohne Peter Pans Oldies. Er wird auf ewig König seiner Seifenblase bleiben.
A dog´s Life
08.Jun.2009 23:57 Uhr
Nun kam das interessante Angebot von der Initiative Cockerrettung an ein reizendes Tier zu kommen: Ein schon abrasierter Deckrüde aus einer dieser südfranzösischen Hundefabriken, aus deren Welpenproduktion sicherlich viele angebliche private Züchter ihre Handelsware beziehen. Beaglehilfe dagegen ist eine Organisation, die die Tiere nach deren trauriger Karriere als Laborhund vermittelt.
Wir hatten uns jedenfalls in diesen deprimiert dreinschauenden, schweren, bockigen Cocker verguckt, der sich immer verzog, aber in Distanz doch wachsam blieb, um nichts zu verpassen. Wunderbar, dachte ich, passt doch. Nun, wir haben ihn nicht bekommen. Er brauchte besser ein Rudel, und ein solches fand er auch.
Also warten wir auf den Nächsten, den jemand rettet. Aber natürlich nicht auf irgendeinen. Es muss schon ein sturer Rüde sein.
Aber nicht jedem Besitzer sind die Astralfigurationen seines Hundes recht. Eine neue Industrie macht sich nach einem Artikel der Zeitschrift dogs breit (3/ 2009 S. 76). Demnach werden heute immer mehr Hunde mit Psychopharmaka behandelt. Die USA sind wieder Vorreiter in Sachen Unsinn (ich meine jetzt eher GM, nicht Apple) und haben 2007 das berüchtigte Prozac für Hunde im Markt freigegeben (als „Reconcile“). Auch Ritalin wird wärmstens empfohlen, um Aggressionen bei Hunden zu „behandeln“. Man spricht jetzt auch von „Angststörungen“ bei Hunden. An manchen Punkt geht die schleichende Vermenschlichung des Hundes dann doch etwas weit. .
50+
09.Mai.2009 20:26 Uhr
Peinliche wiederkehrende Situation eines in die
Jahre gekommenen Nach- Achtundsechzigers: Man
kommt in neue Gesellschaft, einen neuen Job, eine
neue Arbeitsgruppe, man wird gefragt, wie es so
war, man antwortet: „Furchtbar. Lauter alte Leute
dort.“
Erst in diesem Augenblick realisiert man, dass diese „Alten“ - wenn überhaupt- wenige Jahre älter waren als man selbst. Natürlich weiss man, dass man altert. Die Spuren sind ja nun wirklich nicht zu übersehen: Das Gedächtnis nicht mehr so toll, zwei oder drei Stunden früher im Beruf erschöpft als früher, es wird schwieriger, sich zu regenerieren, die Faltigkeit & die Erschlaffung, wer wollte das leugnen. Aber das Selbstgefühl geht nicht mit dem Körper mit, es ist, als spräche es eine andere Sprache.
Die Jüngeren sehen das ganz anders. Die sehen den gewissen Zerfall sehr genau. Sie spüren im Team, wenn bei dem Älteren am frühen Nachmittag die Unterzuckerung beginnt und reagieren mit einer schonungslosen Milde und einem unnachgiebigen Verständnis: „Das ist bei meinem Papa genauso.“
Man selbst bemerkt den Riss zum Alter hin vielleicht nicht, die Umgebung aber sehr wohl. Eine Bekannte erklärte mir den Augenblick ihrer Erkenntnis so, dass Männer in ihrer Gegenwart plötzlich typische Machismo- Bemerkungen über andere Frauen machten, da sie nicht mehr realisierten, dass auch sie eine Frau ist. Derlei schonungslose Despektierlichkeiten waren ihr noch nie unterlaufen. Jetzt, auf einmal, passierte ihr das dauernd: In der Wahrnehmung ihrer Umgebung war sie plötzlich zum geschlechtlichen Neutrum geworden.
Aber, schreibt die FAZ (30.4.2009, Nr. 100, Seite 35), so schlimm ist das nicht. Die 50+ler kommen zwar in die Jahre, aber andererseits auch „in Mode“. Zwar hat man einiges Üble von dieser Generation erwartet, die früher „Protestgeneration“, die in „Frauen-, Öko-, Anti- Atomkraft- und Friedensbewegung aktiv“ gewesen ist. Wie eine Untersuchung der Universität Osnabrück zeigt, ist diese Generation heute weder verbittert noch resigniert, sondern deutlich aktiver als frühere Generationen. Profitierend von medizinischen Fortschritten, gesundheitsbewusst und in weiten Teilen mobil und in relativem, nicht übermäßigem Wohlstand lebend, gehen diese Menschen heute weiter aus, nutzen die Informationsquellen, die durch das Internet zur Verfügung stehen, pflegen ihre Freundeskreise. Lediglich 40% fühlen sich konfessionell gebunden. Der grössere Rest „ist entweder atheistisch oder esoterisch orientiert“. Ob so oder so, man ist sich weitgehend einig in „ethischen Standards und Moralvorstellungen“. Es ist eine demokratisch geprägte, engagierte, gebildete Generation, die sich „intellektuell auf der Höhe der Zeit“ fühlt. Daher kommt - kollektiv - das Gefühl auf: „Die Generation, um die es hier geht, fühlt sich gar nicht alt.“
Die Wirrungen der sexuellen Revolution der 70er Jahre haben keinesfalls zum biografischen Chaos geführt. Statistisch gesehen leben heute 80% verheiratet, zusätzlich 10% in einer festen Beziehung. Die Forscher um den Soziologen Dieter Otten sprechen daher romantisch von einem „Philemon & Baukis- Syndrom“. Es besteht doch einige Hoffnung, dass eine Generation, die sich nicht alt fühlt, das Alter neu definieren wird.
_________________________
Literatur: Dieter Otten: „Die 50+ Studie“. Wie die jungen Alten die Gesellschaft revolutionieren. Rowohlt 2008
Erst in diesem Augenblick realisiert man, dass diese „Alten“ - wenn überhaupt- wenige Jahre älter waren als man selbst. Natürlich weiss man, dass man altert. Die Spuren sind ja nun wirklich nicht zu übersehen: Das Gedächtnis nicht mehr so toll, zwei oder drei Stunden früher im Beruf erschöpft als früher, es wird schwieriger, sich zu regenerieren, die Faltigkeit & die Erschlaffung, wer wollte das leugnen. Aber das Selbstgefühl geht nicht mit dem Körper mit, es ist, als spräche es eine andere Sprache.
Die Jüngeren sehen das ganz anders. Die sehen den gewissen Zerfall sehr genau. Sie spüren im Team, wenn bei dem Älteren am frühen Nachmittag die Unterzuckerung beginnt und reagieren mit einer schonungslosen Milde und einem unnachgiebigen Verständnis: „Das ist bei meinem Papa genauso.“
Man selbst bemerkt den Riss zum Alter hin vielleicht nicht, die Umgebung aber sehr wohl. Eine Bekannte erklärte mir den Augenblick ihrer Erkenntnis so, dass Männer in ihrer Gegenwart plötzlich typische Machismo- Bemerkungen über andere Frauen machten, da sie nicht mehr realisierten, dass auch sie eine Frau ist. Derlei schonungslose Despektierlichkeiten waren ihr noch nie unterlaufen. Jetzt, auf einmal, passierte ihr das dauernd: In der Wahrnehmung ihrer Umgebung war sie plötzlich zum geschlechtlichen Neutrum geworden.
Aber, schreibt die FAZ (30.4.2009, Nr. 100, Seite 35), so schlimm ist das nicht. Die 50+ler kommen zwar in die Jahre, aber andererseits auch „in Mode“. Zwar hat man einiges Üble von dieser Generation erwartet, die früher „Protestgeneration“, die in „Frauen-, Öko-, Anti- Atomkraft- und Friedensbewegung aktiv“ gewesen ist. Wie eine Untersuchung der Universität Osnabrück zeigt, ist diese Generation heute weder verbittert noch resigniert, sondern deutlich aktiver als frühere Generationen. Profitierend von medizinischen Fortschritten, gesundheitsbewusst und in weiten Teilen mobil und in relativem, nicht übermäßigem Wohlstand lebend, gehen diese Menschen heute weiter aus, nutzen die Informationsquellen, die durch das Internet zur Verfügung stehen, pflegen ihre Freundeskreise. Lediglich 40% fühlen sich konfessionell gebunden. Der grössere Rest „ist entweder atheistisch oder esoterisch orientiert“. Ob so oder so, man ist sich weitgehend einig in „ethischen Standards und Moralvorstellungen“. Es ist eine demokratisch geprägte, engagierte, gebildete Generation, die sich „intellektuell auf der Höhe der Zeit“ fühlt. Daher kommt - kollektiv - das Gefühl auf: „Die Generation, um die es hier geht, fühlt sich gar nicht alt.“
Die Wirrungen der sexuellen Revolution der 70er Jahre haben keinesfalls zum biografischen Chaos geführt. Statistisch gesehen leben heute 80% verheiratet, zusätzlich 10% in einer festen Beziehung. Die Forscher um den Soziologen Dieter Otten sprechen daher romantisch von einem „Philemon & Baukis- Syndrom“. Es besteht doch einige Hoffnung, dass eine Generation, die sich nicht alt fühlt, das Alter neu definieren wird.
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Literatur: Dieter Otten: „Die 50+ Studie“. Wie die jungen Alten die Gesellschaft revolutionieren. Rowohlt 2008
Dämonen
02.Mai.2009 22:21 Uhr
Heute heißen die Dämonen H1N1.
Für die absoluten Paranoiker springt Google liebenswert in die Bresche. Per GoogleMaps kann man haargenau die Spur verfolgen, die das Virus - durch gemeldete Erkrankungsfälle markiert- nun nimmt. Man kann es praktisch auf einen zukommen sehen. Das gibt die Möglichkeit, sich rechtzeitig in den luftgereinigten unterirdischen Bunker zu verziehen, den man in weiser Voraussicht bereits gebaut hat.
(Nachts fiel der Strom zufällig aus, seine Luftturbine sprang nicht wieder an, und er erstickte im Schlaf. Man musste ihn dort unten lassen, da niemand die Sicherheitstür mit Luftschleuse aufbekam. Man könnte das als seinen Sarkophag bezeichnen, wenn man Metaphern mag. Von der Grippe hat man nichts mehr gehört.)
Für die absoluten Paranoiker springt Google liebenswert in die Bresche. Per GoogleMaps kann man haargenau die Spur verfolgen, die das Virus - durch gemeldete Erkrankungsfälle markiert- nun nimmt. Man kann es praktisch auf einen zukommen sehen. Das gibt die Möglichkeit, sich rechtzeitig in den luftgereinigten unterirdischen Bunker zu verziehen, den man in weiser Voraussicht bereits gebaut hat.
(Nachts fiel der Strom zufällig aus, seine Luftturbine sprang nicht wieder an, und er erstickte im Schlaf. Man musste ihn dort unten lassen, da niemand die Sicherheitstür mit Luftschleuse aufbekam. Man könnte das als seinen Sarkophag bezeichnen, wenn man Metaphern mag. Von der Grippe hat man nichts mehr gehört.)
Die deutsche Vergesslichkeit
15.Apr.2009 23:40 Uhr
Es ist Tilman Jens verschiedentlich vorgeworfen worden, er habe in seinem Buch „Demenz. Abschied von meinem Vater“ die Alzheimer- Erkrankung von Walter Jens auf unanständige Weise mit der Tatsache, dass dieser, wie erst zu dessen 80. Geburtstag publik wurde, seine Mitgliedschaft in der NSDAP verschwiegen hatte, vermengt und in einen kausalen Zusammenhang gebracht. Es mag sein, dass dieser Zusammenhang etwas konstruiert und zufällig ist. Schließlich hatte Jens, wie sein Sohn berichtet, bereits erheblich früher unter schweren Schüben von Depressionen und einer zumindest zeitweiligen Persönlichkeitsveränderung gelitten, die man durchaus als Vorboten oder Teil der Alzheimer- Erkrankung sehen kann. Jens hatte auch, wie so viele Prominente, massiv und suchtartig erhebliche Mengen von Barbituraten konsumiert. Aber solche Anwürfe werden dem Buch in seiner Vielschichtigkeit in keiner Weise gerecht.
Die Tragik und Rätselhaftigkeit eines Mannes wie Walter Jens, der die politische Korrektheit nicht nur in Reden beschwor, sondern tatkräftig und tatsächlich lebte, der der Inbegriff des deutschen Gewissens zu sein schien, ein unbestechlicher Chronist in vorderster Front, wurde ebenso wie andere Vertreter seiner Generation (Siegfried Lenz, Günter Grass) nicht nur eines gewissen Mitläufertums („die braune Verirrung eines nicht einmal 20jährigen“) in jungen Jahren überführt, sondern flüchtete sich mit 80 Jahren, statt sich den Tatsachen zu stellen, in eine merkwürdige Vergesslichkeit und Vagheit: „Und warum muss er jetzt, da eine sechzig Jahre alte Karteikarte aufgetaucht ist, so erbärmlich eiern?“ (Tilman Jens, S. 81). Und Tilman Jens bohrt nach. Aber er bohrt, wie beim Lesen des Buches zu erkennen ist, in einer Art und Weise, in der seine eigene Betroffenheit vollkommen deutlich wird. Denn in einer zweiten Schicht sieht der Leser die tiefe Zuneigung und Bewunderung des Sohnes gegenüber seinem Vater. Jens schreibt aus dieser Bewegtheit heraus, ja auch aus einer gewissen Nachfolge seines Vaters, aus derselben Korrektheit, derselben inneren Aufrichtigkeit. Er wird mit dem Riss im Bild des Vaters nur schwer fertig. Die deutsche Vergesslichkeit, das Unter-den-Teppich-Kehren hätte der Sohn bei Jedem, nur nicht bei seinem verehrten Vater erwartet.
Die dann einsetzende Demenz ist die dritte Schicht des Buches. Die allmählich fortschreitenden Wesensveränderungen bis hin zur fast völligen Regression werden Schritt für Schritt geschildert. Ein anschaulicher, bitterer Bericht. Und es gibt zum „Abschied von meinem Vater“ Weiteres zu berichten: Wie Walter, der nicht mehr selbst schreiben kann, am Anfang seiner Alzheimer- Erkrankung wütend, ablehnend, eifersüchtig auf seine Frau reagiert, die weiter schreibt und publiziert. Wie ausgerechnet der friedliebende Walter die Hand gegen sie erhebt, unberechenbar wird. Wie frühe Arbeiten Walters entdeckt werden, in durchgängig nationalsozialistischem Duktus. Wie sich der alte Nachbar, der sich liebevoll wie ein Grossvater um Tilman gekümmert hatte, im Nachhinein als nationalsozialistischer Verbrecher entpuppt. Wie die politisch korrekten Jensens ihren Sohn in die für ihn unerträgliche Waldorfschule stecken, der er erst nach einem Eklat entkommt.
„Demenz“ kann man lesen als eine Fallstudie an den Abgründen der politischen und moralischen Korrektheit. Das Buch ist so widersprüchlich wie seine Protagonisten. Es ist so schwierig wie die meisten Vater-Sohn- Beziehungen. Es ist sehr deutsch.
Pinkelprobleme
26.Mrz.2009 22:38 Uhr
Liebes Lehrertagebuch! Weiterhin Probleme mit dem
Pinkeln in der ersten Klasse. Heute wieder den
Hund durch genommen. Nach Vorträgen der Schüler,
einem Hundequiz, Erkennen und Bezeichnen von
Körperteilen des Hundes ging es am Ende darum,
wie Hunde ihr Revier markieren. Wie sie dabei
wieder und wieder ihr Bein heben. Die lebendige
Vorstellung bewirkte, dass zwei Schüler dringend
aufs Klo mussten. Dann sieben weitere. Dann
vierzehn. Abruptes Ende der Stunde und Abgang in
die Pinkelpause. Ich überlege noch, ob man die
Stunde gelungen nennen kann.
(Beschliesse, das angedachte Thema Wasser (Schmelzwasser, Regen, Wasserfälle!) vorerst auszusetzen.)
(Beschliesse, das angedachte Thema Wasser (Schmelzwasser, Regen, Wasserfälle!) vorerst auszusetzen.)
In zwei Minuten Lesen gelernt
23.Mrz.2009 23:04 Uhr
Der Junge hatte eine selten eindeutige
Aufmerksamkeitsstörung, verbunden nicht nur mit
einer überspringenden Ungesteuertheit, in der er
manchmal einen Stein durch die Klasse warf oder
-ebenso ohne Anlass- einem Mitschüler mit der
Faust ins Gesicht schlug, er durchlitt in seinem
Bewegungsdrang und seiner Manie- ähnlichen
exaltierten Gemütsart die typischen Phänomene des
ADHS. Neben dem geringen Speicher für das, was er
in seinem Gegenwartsbewusstsein gleichzeitig
halten konnte, war er durch sensorische
Überschwemmung von allem, was ihn umgab, in
seinem Lernen und Auffassen behindert.
Schließlich hatte er auch das typische Problem,
dass Vieles- vor allem Lerninhalte auf
symbolischer Ebene wie Ziffern und Grapheme -
nicht ins abrufbare Gedächtnis übernommen wurde.
Bis heute hat er kein Rhythmus- und Zeitgefühl.
Er wäre mit dieser Konstellation fast
unweigerlich zum Legastheniker geworden, da er
sich ein Alphabet absolut nicht verinnerlichen
konnte.
Am Ende des ersten Schuljahrs wurde er medikamentös eingestellt. Die Verhaltensprobleme bauten sich innerhalb von 4 Wochen weitgehend ab. Er hatte richtige Arbeitsphasen, durfte aber auch ausgiebig spielen. Er war nicht mehr ganz der Outlaw der Klasse. Vor allem lernte er innerhalb von drei Monaten alle Buchstaben, Ziffern bis 20 und die mathematischen Operationszeichen obendrein. Aber er verstand nicht, wie man liest. Er blickte bemüht, aber hoffnungslos, wenn zahlreiche Bezugspersonen versuchten, ihm das Synthetisieren von Buchstaben zu vermitteln.
Es ist wie bei den Schwimm- Anfängern, die mit den Beinen in die eine Richtung, mit den Armen mit aller Kraft fast gegenläufig rudern. Wer Arme und Beine nicht koordinieren kann, wird beim Schwimmen viel Wasser schlucken. Er aber kannte die Buchstaben, aber er konnte sie nicht verflüssigen, nicht ineinander übergehen lassen. Die Eltern waren verzweifelt.
Heute morgen griff ich zu einem Buch voller Trolle, die - seltsam genug - Uli und Ada heissen. Sie wurden alle namentlich vorgestellt, erlebten allerlei Abenteuer in einer wild-kreatürlichen Umgebung. Es ist ein ganz modernes Schulbuch, Niemand sonst hier hat es. Der Junge wollte es unbedingt. Und so setzte er sich hin und las: Uli, Ada. Alle Trollnamen und das erste Abenteuer. Noch am Nachmittag rannte er durch die Schule und zeigte sein Buch: Soll ich dir etwas vorlesen? Da gab es kein Entkommen. Er war überdreht, aber nicht manisch. Er war ernsthaft und maßlos überrascht über sich selbst.
Am Ende des ersten Schuljahrs wurde er medikamentös eingestellt. Die Verhaltensprobleme bauten sich innerhalb von 4 Wochen weitgehend ab. Er hatte richtige Arbeitsphasen, durfte aber auch ausgiebig spielen. Er war nicht mehr ganz der Outlaw der Klasse. Vor allem lernte er innerhalb von drei Monaten alle Buchstaben, Ziffern bis 20 und die mathematischen Operationszeichen obendrein. Aber er verstand nicht, wie man liest. Er blickte bemüht, aber hoffnungslos, wenn zahlreiche Bezugspersonen versuchten, ihm das Synthetisieren von Buchstaben zu vermitteln.
Es ist wie bei den Schwimm- Anfängern, die mit den Beinen in die eine Richtung, mit den Armen mit aller Kraft fast gegenläufig rudern. Wer Arme und Beine nicht koordinieren kann, wird beim Schwimmen viel Wasser schlucken. Er aber kannte die Buchstaben, aber er konnte sie nicht verflüssigen, nicht ineinander übergehen lassen. Die Eltern waren verzweifelt.
Heute morgen griff ich zu einem Buch voller Trolle, die - seltsam genug - Uli und Ada heissen. Sie wurden alle namentlich vorgestellt, erlebten allerlei Abenteuer in einer wild-kreatürlichen Umgebung. Es ist ein ganz modernes Schulbuch, Niemand sonst hier hat es. Der Junge wollte es unbedingt. Und so setzte er sich hin und las: Uli, Ada. Alle Trollnamen und das erste Abenteuer. Noch am Nachmittag rannte er durch die Schule und zeigte sein Buch: Soll ich dir etwas vorlesen? Da gab es kein Entkommen. Er war überdreht, aber nicht manisch. Er war ernsthaft und maßlos überrascht über sich selbst.
Anregungsarme Kindheit
22.Mrz.2009 22:56 Uhr
Das ist seit Jahren ein Thema, das mich aus
beruflichen Gründen interessiert. Ich meine diese
Schüler, die die Schule betreten und rudimentäre
Sprachfähigkeiten, einen leicht erstaunten,
erschreckten oder auch wütenden Gesichtsausdruck
zeigen und eben daraus Verhaltensmuster und
Vermeidungsstrategien entwickeln- Schüler, die so
angespannt sind, weil sie Vieles, was gesagt
wird, nicht verstehen und in ihrer Verunsicherung
lieber andere Schüler nachahmen. Schüler, die die
emotionalen Kommunikationsangebote ihrer
Mitschüler nicht oder falsch verstehen- und daher
schneller einmal zuschlagen, weil sie sich so
unsicher fühlen. Sie haben einfach ein kognitives
Problem. Die Gewaltspirale beginnt oft bei dieser
Wut, nicht ganz zu verstehen, was Andere von
einem wollen.
Als Gutachter und Lehrer erkennt man oft den geringen Wortschatz- sei es bei Migranten oder rein Deutschsprachigen. Ein Schüler war zu einer Pars-pro-Toto-Strategie übergegangen. Er nannte einfach alles Obst- und Gemüse- Artige „Apfel“, und jedes Tier, das ein Fell hatte und kleiner als ein Hund war, nannte er „Maus“. In der Not macht man sich so verständlich, aber eben nur rudimentär. Aber auch die Wahrnehmung war verkümmert- er nahm nicht differenziert wahr; ein Kaninchen und ein Biber waren für ihn nur „Maus“.
Das Hauptproblem aber waren fehlende kategoriale und logische Strukturen wie Oberbegriffe. Den meisten Schülern sind sie weitgehend geläufig. Sie können meist ganz gut Obst von Gemüse unterscheiden. Viele der anregungsarm aufgewachsenen Schüler aber haben in ihrem Leben noch nicht einen Supermarkt betreten. Wenn man mit ihnen ans Meer fährt, geraten sie außer sich und gruseln sich vor dem Schlick im Meer unter ihren Füßen. Sie konnten es sich nicht vorstellen, so viel Matsch. Ein Mädchen, das ich interessiert testete, hatte einen sehr hohen IQ. Sie war auffällig geworden wegen ihrer regelrechten Begriffsstutzigkeit. Sie brauchte extrem lange, um Arbeitsanweisungen sprachlich zu dekodieren- das heraus zu filtern, was an Information oder Aufforderung darin relevant war. Sie hatte eben nie sprachlich komplexe - womöglich mehrdeutige oder ironische-, Bemerkungen zu hören bekommen. Sie hatte ihr Leben lang kein Spielzeug außer einer Puppe besessen und hatte das Haus selten verlassen. So blieb ihre hohe Begabung, abstrakte Schlussfolgerungen zu ziehen, ihre Fähigkeit, Sachverhalte in Beziehung zu setzen, vorerst ungenutzt, da ihr die Voraussetzungen fehlten, sie einzusetzen. Sie galt als dumm. Um diesen Schatz zu heben, werde ich hoffentlich ein paar Jahre Zeit erhalten, man weiss nicht, ob die Bürokratie es ermöglichen oder verhindern wird, es ist immer auch Glückssache. Gut situierte Kids aus den Mittelstandsfamilien der Vorstädte haben solche Probleme nicht.
Wenn solche sprachlich- intellektuellen Kaspar Hausers älter werden, bemerkt man, dass auch die Begriffe in ihrer Tiefe nicht erfasst werden. Unterhält man sich über Erdöl, wissen sie sehr wohl, dass man es zum Heizen und zur Benzinherstellung benutzt. Aber weiter haben sie keine Vorstellungen. Wie man es gewinnt, woraus es besteht? Keine Ahnung, sie vermuten mal, dass es sich irgendwie in den Tankschiffen bildet. Die Aktivität, die Suche nach Verzahnung und Kontexterweiterung in Bezug auf Begriffe, bleibt manchmal aus.
Wie lebt es sich mit so einer partiellen Blendung des Intellekts? Einer Verkümmerung des Muskelapparats des Verstandes? Da stehen Ding für Ding nebeneinander, Erlebnis an Erlebnis; Lerninhalt an Lerninhalt, aber man kann sie weder verbinden noch aus ihnen Schlussfolgerungen für weitere ähnliche Aufgaben ziehen. Die Generalisierung des Gelernten fehlt. Es bleibt im Konkreten, im Rudimentären verhaftet. Komplexe Abläufe wie z.B. eine Kochanleitung können nur Schritt für Schritt abgearbeitet werden, nicht aus dem Überblick heraus. Abkürzungen werden nie verstanden, da keine Vorstellung entwickelt wird - aus dem Kontext heraus-, was damit gemeint sein könnte. Arbeitsanweisungen und mathematische Textaufgaben bleiben unerklärliche Wortungetüme.
Natürlich kann man einiges aufholen. Aber je mehr die persönlichen Auffassungsschwierigkeiten ihm bewusst werden, desto mehr schämt sich der Schüler, wird wütend, abweisend oder „auffällig“. Es ist leichter und nahe liegender, sich negative Aufmerksamkeit zu verschaffen, als dieses Dickicht von fehlender Anregung zu durchqueren. Als Alternative bleibt die frühe Resignation.
Den Pädagogen bleibt nur die Aufgabe, Interesse und Neugier zu wecken, womöglich mit frühen praktischen Experimenten im Unterricht, vielleicht im Lernen mit handgreiflichen Elementen wie Schreinern und Kochen, vor allem in kooperativen Lernmethoden, die Teamarbeit und individuelles Zeitmanagement erfordern. Da lassen sich vorhandene Begabungen am besten entdecken, man kann aber auch schwierige Aufgaben vorerst Teammitgliedern überlassen. Dann muss, neben den sowieso vorhandenen Lernstoffen, die wunderbare Fülle unserer Welt vor den Schülern ausgebreitet werden. Was für eine Fülle von Details und Beziehungen sich in der Natur auftun! Man muss diese Begeisterung als Lehrer schon haben, um diese zögernden, willenserlahmten Schüler mit zu ziehen. Die Welt ist wunderbar. Diesen Schülern muss man das beweisen.
Als Gutachter und Lehrer erkennt man oft den geringen Wortschatz- sei es bei Migranten oder rein Deutschsprachigen. Ein Schüler war zu einer Pars-pro-Toto-Strategie übergegangen. Er nannte einfach alles Obst- und Gemüse- Artige „Apfel“, und jedes Tier, das ein Fell hatte und kleiner als ein Hund war, nannte er „Maus“. In der Not macht man sich so verständlich, aber eben nur rudimentär. Aber auch die Wahrnehmung war verkümmert- er nahm nicht differenziert wahr; ein Kaninchen und ein Biber waren für ihn nur „Maus“.
Das Hauptproblem aber waren fehlende kategoriale und logische Strukturen wie Oberbegriffe. Den meisten Schülern sind sie weitgehend geläufig. Sie können meist ganz gut Obst von Gemüse unterscheiden. Viele der anregungsarm aufgewachsenen Schüler aber haben in ihrem Leben noch nicht einen Supermarkt betreten. Wenn man mit ihnen ans Meer fährt, geraten sie außer sich und gruseln sich vor dem Schlick im Meer unter ihren Füßen. Sie konnten es sich nicht vorstellen, so viel Matsch. Ein Mädchen, das ich interessiert testete, hatte einen sehr hohen IQ. Sie war auffällig geworden wegen ihrer regelrechten Begriffsstutzigkeit. Sie brauchte extrem lange, um Arbeitsanweisungen sprachlich zu dekodieren- das heraus zu filtern, was an Information oder Aufforderung darin relevant war. Sie hatte eben nie sprachlich komplexe - womöglich mehrdeutige oder ironische-, Bemerkungen zu hören bekommen. Sie hatte ihr Leben lang kein Spielzeug außer einer Puppe besessen und hatte das Haus selten verlassen. So blieb ihre hohe Begabung, abstrakte Schlussfolgerungen zu ziehen, ihre Fähigkeit, Sachverhalte in Beziehung zu setzen, vorerst ungenutzt, da ihr die Voraussetzungen fehlten, sie einzusetzen. Sie galt als dumm. Um diesen Schatz zu heben, werde ich hoffentlich ein paar Jahre Zeit erhalten, man weiss nicht, ob die Bürokratie es ermöglichen oder verhindern wird, es ist immer auch Glückssache. Gut situierte Kids aus den Mittelstandsfamilien der Vorstädte haben solche Probleme nicht.
Wenn solche sprachlich- intellektuellen Kaspar Hausers älter werden, bemerkt man, dass auch die Begriffe in ihrer Tiefe nicht erfasst werden. Unterhält man sich über Erdöl, wissen sie sehr wohl, dass man es zum Heizen und zur Benzinherstellung benutzt. Aber weiter haben sie keine Vorstellungen. Wie man es gewinnt, woraus es besteht? Keine Ahnung, sie vermuten mal, dass es sich irgendwie in den Tankschiffen bildet. Die Aktivität, die Suche nach Verzahnung und Kontexterweiterung in Bezug auf Begriffe, bleibt manchmal aus.
Wie lebt es sich mit so einer partiellen Blendung des Intellekts? Einer Verkümmerung des Muskelapparats des Verstandes? Da stehen Ding für Ding nebeneinander, Erlebnis an Erlebnis; Lerninhalt an Lerninhalt, aber man kann sie weder verbinden noch aus ihnen Schlussfolgerungen für weitere ähnliche Aufgaben ziehen. Die Generalisierung des Gelernten fehlt. Es bleibt im Konkreten, im Rudimentären verhaftet. Komplexe Abläufe wie z.B. eine Kochanleitung können nur Schritt für Schritt abgearbeitet werden, nicht aus dem Überblick heraus. Abkürzungen werden nie verstanden, da keine Vorstellung entwickelt wird - aus dem Kontext heraus-, was damit gemeint sein könnte. Arbeitsanweisungen und mathematische Textaufgaben bleiben unerklärliche Wortungetüme.
Natürlich kann man einiges aufholen. Aber je mehr die persönlichen Auffassungsschwierigkeiten ihm bewusst werden, desto mehr schämt sich der Schüler, wird wütend, abweisend oder „auffällig“. Es ist leichter und nahe liegender, sich negative Aufmerksamkeit zu verschaffen, als dieses Dickicht von fehlender Anregung zu durchqueren. Als Alternative bleibt die frühe Resignation.
Den Pädagogen bleibt nur die Aufgabe, Interesse und Neugier zu wecken, womöglich mit frühen praktischen Experimenten im Unterricht, vielleicht im Lernen mit handgreiflichen Elementen wie Schreinern und Kochen, vor allem in kooperativen Lernmethoden, die Teamarbeit und individuelles Zeitmanagement erfordern. Da lassen sich vorhandene Begabungen am besten entdecken, man kann aber auch schwierige Aufgaben vorerst Teammitgliedern überlassen. Dann muss, neben den sowieso vorhandenen Lernstoffen, die wunderbare Fülle unserer Welt vor den Schülern ausgebreitet werden. Was für eine Fülle von Details und Beziehungen sich in der Natur auftun! Man muss diese Begeisterung als Lehrer schon haben, um diese zögernden, willenserlahmten Schüler mit zu ziehen. Die Welt ist wunderbar. Diesen Schülern muss man das beweisen.
Das Mädchen im Pappkarton
17.Mrz.2009 22:29 Uhr
Als sie im Kindergarten war, verbrachte sie fast
die ganze Zeit in einem Pappkarton. Er war
geschlossen und wurde nur geöffnet, um ihr Essen
hinein zu reichen. Die Wahl des Ortes lag nur an
ihr. Ganze Scharen von Therapeuten waren bemüht,
sie aus ihrem Gefängnis zu befreien. Ab und zu
verließ sie es auch, um im Raum alles und jedes
mit Kordeln und Wollfäden einzuspinnen. Sie
umwickelte selbst Menschen, die sich nicht
schnell genug entfernten. Ihre Art, in die Welt
zu treten, bestand darin, sie einzuspinnen.
Aber es gab doch Momente, in denen sie weder spinnen noch sich in dem Pappkarton bedecken konnte. Dann fuhr sie wie ein Derwisch aus der Haut, tobte beinahe ohne Möglichkeit, sie zu beruhigen. In der Schulzeit, die sie in einer ganz normalen Grundschule in einem wohlhabenden Vorort verbrachte, verbarg sie sich nicht in einem Pappkarton, sondern hinter einem Pult. Sie hatte gewaltige Locken, einen Catcher- Körper (Randy Newman beschrieb das einmal mit: „She didn´t grow up, she grew out“), wunderschöne arabische Augen und schrie die meiste Zeit vor Wut. Sie konnte es nicht leiden, wenn man ihr zu nahe kam und warf an schlechten Tagen auch schon einmal Pult und Stuhl.
Aber ein schöner blonder schwuler Zivildienstleistender hatte den Weg zu ihr geebnet. Er war der Sohn eines Werbeagentur- Fuzzis, ein Engel mit herb- weiblichem Charme, der chronisch zu spät kam. Ihn ließ das Mädchen an sich heran. Manchmal schrieb sie sogar ein wenig, bevor sie den Stift durch die Klasse warf. Wenn andere Schüler Geburtstag hatten, aß sie meist den ganzen Kuchen alleine auf. Manchmal auch eine Tüte Kekse oder zwei Torten. Dabei konnte sie zur Erreichung ihres Zieles auch Intelligenz erkennen lassen. Und überhaupt. Sie sprach selten, traf dann aber wirklich den Punkt. Acht Monate lang verbrachte sie die meiste Zeit - auch während des Unterrichts- auf einem Baum auf dem Schulhof. Ich stand dann zu ihren Füßen, manchmal lernten wir ein wenig. Sie dachte oft, sie sei eine Art Vogel, und das schmückten wir dann aus. Sie war zweifellos ein schwerer Vogel.
Zwischendurch, in manchmal eigenartigen Räumen und zu eigenartigen Gelegenheiten, rechnete und schrieb sie wie die Anderen. Es muss eine periphere Art der Wahrnehmung und des Lernens geben, die wir nicht kennen. Vielleicht speicherte sie alle Informationen ungefiltert und verdaute sie in der Nacht. Es gab jedenfalls nichts, was sie zeitgleich mit den anderen Schülern machte.
Eines Tages knackte sie der blonde Zivildienstleistende (der vermutlich weder vorher noch nachher etwas so Vernünftiges getan hat), indem er mit ihr einen Comic zeichnete. Dieser zeigte sie und ihn, und beide Figuren hatten leere Sprechblasen. In seine schrieb er hinein „HALLO“, und in der anderen antwortete sie. Sie schrieben sich eine Weile. Dann begann die Zeichnerei für das Mädchen obsessiv zu werden. Sie entwarf von nun an ganze Dynastien einer Fantasiewesenwelt, Bücher davon. Sie alle waren beschriftet, trugen Untertitel, viele hatten Sprechblasen. Sie entwickelte damit eine Art fantastisches Tagebuch. Indirekt drückte sie ihr Innenerleben damit aus. Sie hatte ein Medium gefunden.
Am Ende der vierten Klasse rief ich, als sie königlich - von gewaltigem Körperumfang und mit beeindruckender Mähne- in die Klasse rauschte: Oh, Cleopatra tritt ein. Sie antwortete zweifelnd, als habe sie gerade begonnen, eine Fremdsprache zu erlernen: Das war ein „Witz“, oder?
Aber es gab doch Momente, in denen sie weder spinnen noch sich in dem Pappkarton bedecken konnte. Dann fuhr sie wie ein Derwisch aus der Haut, tobte beinahe ohne Möglichkeit, sie zu beruhigen. In der Schulzeit, die sie in einer ganz normalen Grundschule in einem wohlhabenden Vorort verbrachte, verbarg sie sich nicht in einem Pappkarton, sondern hinter einem Pult. Sie hatte gewaltige Locken, einen Catcher- Körper (Randy Newman beschrieb das einmal mit: „She didn´t grow up, she grew out“), wunderschöne arabische Augen und schrie die meiste Zeit vor Wut. Sie konnte es nicht leiden, wenn man ihr zu nahe kam und warf an schlechten Tagen auch schon einmal Pult und Stuhl.
Aber ein schöner blonder schwuler Zivildienstleistender hatte den Weg zu ihr geebnet. Er war der Sohn eines Werbeagentur- Fuzzis, ein Engel mit herb- weiblichem Charme, der chronisch zu spät kam. Ihn ließ das Mädchen an sich heran. Manchmal schrieb sie sogar ein wenig, bevor sie den Stift durch die Klasse warf. Wenn andere Schüler Geburtstag hatten, aß sie meist den ganzen Kuchen alleine auf. Manchmal auch eine Tüte Kekse oder zwei Torten. Dabei konnte sie zur Erreichung ihres Zieles auch Intelligenz erkennen lassen. Und überhaupt. Sie sprach selten, traf dann aber wirklich den Punkt. Acht Monate lang verbrachte sie die meiste Zeit - auch während des Unterrichts- auf einem Baum auf dem Schulhof. Ich stand dann zu ihren Füßen, manchmal lernten wir ein wenig. Sie dachte oft, sie sei eine Art Vogel, und das schmückten wir dann aus. Sie war zweifellos ein schwerer Vogel.
Zwischendurch, in manchmal eigenartigen Räumen und zu eigenartigen Gelegenheiten, rechnete und schrieb sie wie die Anderen. Es muss eine periphere Art der Wahrnehmung und des Lernens geben, die wir nicht kennen. Vielleicht speicherte sie alle Informationen ungefiltert und verdaute sie in der Nacht. Es gab jedenfalls nichts, was sie zeitgleich mit den anderen Schülern machte.
Eines Tages knackte sie der blonde Zivildienstleistende (der vermutlich weder vorher noch nachher etwas so Vernünftiges getan hat), indem er mit ihr einen Comic zeichnete. Dieser zeigte sie und ihn, und beide Figuren hatten leere Sprechblasen. In seine schrieb er hinein „HALLO“, und in der anderen antwortete sie. Sie schrieben sich eine Weile. Dann begann die Zeichnerei für das Mädchen obsessiv zu werden. Sie entwarf von nun an ganze Dynastien einer Fantasiewesenwelt, Bücher davon. Sie alle waren beschriftet, trugen Untertitel, viele hatten Sprechblasen. Sie entwickelte damit eine Art fantastisches Tagebuch. Indirekt drückte sie ihr Innenerleben damit aus. Sie hatte ein Medium gefunden.
Am Ende der vierten Klasse rief ich, als sie königlich - von gewaltigem Körperumfang und mit beeindruckender Mähne- in die Klasse rauschte: Oh, Cleopatra tritt ein. Sie antwortete zweifelnd, als habe sie gerade begonnen, eine Fremdsprache zu erlernen: Das war ein „Witz“, oder?
Der Knoten in ihm
14.Mrz.2009 00:25 Uhr
Man hat viel zu tun in den ersten Wochen, nachdem
die Schüler zum ersten Mal eine Schule besuchen.
Manchmal reagieren sie wie ein Vogelschwarm. Wenn
einer pinkeln muss, drängt es auf einmal zehn von
ihnen, und wenn einer losrennt, rennen alle.
Einmal, in meiner ersten Schwimmstunde mit einer
Gruppe kleiner kräftiger russischer Jungen,
fragte ich, wer schwimmen könnte. Einer sprang
sofort ins Wasser, alle sprangen hinterher, und
keiner konnte auch nur im Ansatz schwimmen. Ich
zog sie schnell alle wieder raus, sie spuckten
Wasser, und dann begannen wir von vorn, ohne
Schwarmverhalten und ohne diesen spezifischen
Machismo.
Er fiel mir zum ersten Mal auf dem Schulhof auf. Es war regnerisch und kalt, aber dieser türkische Junge mit den klugen Augen sah so aus, als ob nichts ihn wärmen könnte und zog seinen Parka eng um den Körper. Er wurde von verschiedenen Frauen mit Kopftuch gebracht und abgeholt. Seine eigene Mutter, emanzipiert und allein erziehend, hatte ihren traditionalistischen Mann zum Teufel geschickt und lag jetzt im Sterben. Ihre sechs Schwestern kümmerten sich um den Jungen.
Der machte einige Schwierigkeiten. Leserechtschreibschwäche, Antriebslosigkeit, stundenlange Kämpfe darum, auch nur ein Minimum schulischer Aufgaben zu erfüllen. Er war in Schwierigkeiten, und sie verstärkten sich, als seine Mutter bald darauf starb. Der Schwesternrat tagte und der Junge wurde vorerst der Jüngsten zugesprochen. Diese hatte einen Freund, immerhin.
Ich lud sie, vielleicht ein halbes Jahr nach dem Tod der Mutter, zum Gespräch ein. Die Schwester erschien schmal, abgezehrt und nervös wirkend, mit großen unruhigen Augen und dem unvermeidlichen dunklen Kopftuch. Ich versuchte, ihr vorsichtig zu erklären, was „Legasthenie“ ist, aber sie unterbrach mich knapp und bestimmt, ja, ja, das habe sie im bereits im zweiten Semester gewusst, das könne ich mir sparen. Sie sprach im Dialekt des Niederrheins, aber umsichtig, direkt und ohne Umschweife. Ihren Intellekt hatte ich nicht erwartet und fühlte mich in ihrer Schuld. Erst später hat sie mir erzählt, dass sie sich aus der Hauptschule herauf gekämpft hatte. Den Slang aber hatte sie nicht ablegen können. Sie und ihr späterer Mann - sie bildeten zunächst auch eine Familie, um diesem Jungen ein Zuhause zu geben - waren beide fromm, aber nicht nur liberal, sondern in einer ganz seltenen Art und Weise präsent, aufmerksam und offen. So haben wir fast vier Jahre um diesen klugen Jungen gekämpft.
Mit ihm kam es immer wieder zu den „großen“ Gesprächen auch im Unterricht, weil er die „großen“ Fragen hatte. Die Entstehung und Zukunft der Welt, Geschichte, Religion, der Kosmos, die Tierwelt, die Grenze und der Sinn der Religionen. Einmal überlegte er, islamischer Gelehrter oder Forscher werden zu wollen. Aber die Leistungen in der Schule waren schwach, die häusliche Prozedur der Hausaufgabenbewältigung eine Katastrophe. Kinderneurologen arbeiteten Monate an dem Fall. Es kam nach all den Tests nur heraus, dass es sich um ein Aufmerksamkeitsdefizit nicht handeln konnte.
Nein, es war das Trauma des Todes der Mutter, dieser unbewältigte Knoten in ihm. Aber in dem Maß, wie die Ersatzfamilie sich etablierte, verblassten die Wunden - in winzigen Schritten- wenigstens so weit, dass der Junge neue Rolle ausprobierte, zum Klassenclown avancierte, Streiche spielte und unendlich langsam und verträumt durch die Flure strich, die Hose auf Grundeis und mit riesigen schweren ausgelatschten Stiefeln.
Seine Abschiedsfeier verbrachte er mit mir auf der Schwelle der Kirche, in der unpassenderweise die Abgänger verabschiedet wurden. Er hatte daran aus religiösen Gründen nicht teilnehmen wollen. Aber ich hatte ihm geraten, doch von der Schwelle aus teilzunehmen und es auch als religiöse Studie aufzufassen. So standen wir eine Stunde lang nebeneinander. Es war ja auch unser Abschied. Ich hatte lange Zeit nicht erkannt, wie traumatisiert er eigentlich war. Aber wir hatten doch, einer wie der andere, die großen Fragen geteilt, und etwas, was mehr verbinden könnte, kann es eigentlich gar nicht geben. Ich weiss, er sieht das genauso.
Er fiel mir zum ersten Mal auf dem Schulhof auf. Es war regnerisch und kalt, aber dieser türkische Junge mit den klugen Augen sah so aus, als ob nichts ihn wärmen könnte und zog seinen Parka eng um den Körper. Er wurde von verschiedenen Frauen mit Kopftuch gebracht und abgeholt. Seine eigene Mutter, emanzipiert und allein erziehend, hatte ihren traditionalistischen Mann zum Teufel geschickt und lag jetzt im Sterben. Ihre sechs Schwestern kümmerten sich um den Jungen.
Der machte einige Schwierigkeiten. Leserechtschreibschwäche, Antriebslosigkeit, stundenlange Kämpfe darum, auch nur ein Minimum schulischer Aufgaben zu erfüllen. Er war in Schwierigkeiten, und sie verstärkten sich, als seine Mutter bald darauf starb. Der Schwesternrat tagte und der Junge wurde vorerst der Jüngsten zugesprochen. Diese hatte einen Freund, immerhin.
Ich lud sie, vielleicht ein halbes Jahr nach dem Tod der Mutter, zum Gespräch ein. Die Schwester erschien schmal, abgezehrt und nervös wirkend, mit großen unruhigen Augen und dem unvermeidlichen dunklen Kopftuch. Ich versuchte, ihr vorsichtig zu erklären, was „Legasthenie“ ist, aber sie unterbrach mich knapp und bestimmt, ja, ja, das habe sie im bereits im zweiten Semester gewusst, das könne ich mir sparen. Sie sprach im Dialekt des Niederrheins, aber umsichtig, direkt und ohne Umschweife. Ihren Intellekt hatte ich nicht erwartet und fühlte mich in ihrer Schuld. Erst später hat sie mir erzählt, dass sie sich aus der Hauptschule herauf gekämpft hatte. Den Slang aber hatte sie nicht ablegen können. Sie und ihr späterer Mann - sie bildeten zunächst auch eine Familie, um diesem Jungen ein Zuhause zu geben - waren beide fromm, aber nicht nur liberal, sondern in einer ganz seltenen Art und Weise präsent, aufmerksam und offen. So haben wir fast vier Jahre um diesen klugen Jungen gekämpft.
Mit ihm kam es immer wieder zu den „großen“ Gesprächen auch im Unterricht, weil er die „großen“ Fragen hatte. Die Entstehung und Zukunft der Welt, Geschichte, Religion, der Kosmos, die Tierwelt, die Grenze und der Sinn der Religionen. Einmal überlegte er, islamischer Gelehrter oder Forscher werden zu wollen. Aber die Leistungen in der Schule waren schwach, die häusliche Prozedur der Hausaufgabenbewältigung eine Katastrophe. Kinderneurologen arbeiteten Monate an dem Fall. Es kam nach all den Tests nur heraus, dass es sich um ein Aufmerksamkeitsdefizit nicht handeln konnte.
Nein, es war das Trauma des Todes der Mutter, dieser unbewältigte Knoten in ihm. Aber in dem Maß, wie die Ersatzfamilie sich etablierte, verblassten die Wunden - in winzigen Schritten- wenigstens so weit, dass der Junge neue Rolle ausprobierte, zum Klassenclown avancierte, Streiche spielte und unendlich langsam und verträumt durch die Flure strich, die Hose auf Grundeis und mit riesigen schweren ausgelatschten Stiefeln.
Seine Abschiedsfeier verbrachte er mit mir auf der Schwelle der Kirche, in der unpassenderweise die Abgänger verabschiedet wurden. Er hatte daran aus religiösen Gründen nicht teilnehmen wollen. Aber ich hatte ihm geraten, doch von der Schwelle aus teilzunehmen und es auch als religiöse Studie aufzufassen. So standen wir eine Stunde lang nebeneinander. Es war ja auch unser Abschied. Ich hatte lange Zeit nicht erkannt, wie traumatisiert er eigentlich war. Aber wir hatten doch, einer wie der andere, die großen Fragen geteilt, und etwas, was mehr verbinden könnte, kann es eigentlich gar nicht geben. Ich weiss, er sieht das genauso.
Tanz der Generationen
12.Mrz.2009 19:14 Uhr
Bei mir im Beruf gibt es immer wieder
Überraschungen- manchmal täglich, manchmal
stündlich. Aber durchaus auch angenehme. Von
einer Schule in die andere, von einem Stadtteil
in den anderen, Klassen, Teams, Probleme wechseln
täglich mehrfach. In einer Schule in einem
Stadtteil angekommen, dessen überwiegenden
Bevölkerungsanteil man „bildungsfern“ zu nennen
gewohnt ist, erfuhr ich überraschend, dass ich
aus organisatorischen Gründen mit einer grossen
Gruppe Erstklässler in eine Bibliothek gehen
sollte. Ich kannte die Schüler, von denen eine
ganze Reihe erheblichen „Förderbedarf“ haben und
sich aus allen möglichen Nationalitäten zusammen
setzen, aber den Weg zur Bibliothek kannte ich
nicht. Die Schüler führten mich hin. Dort
angekommen stöberten wir herum, lasen etwas vor
und blätterten. Ich war durchaus wegen einer
gewissen Unvorhersehbarkeit im Verhalten einiger
Schüler etwas angespannt. Eine Schülerin fragte
mich, ob die alten Menschen heute wieder tanzten.
Die Bibliothekarin hörte das und erklärte mir,
die Kinder hätten letzte Woche eine
Seniorinnengruppe belauscht. Vielleicht könnten
die Schüler sie heute ja mal kurz besuchen.
Dann kam eine alte Dame und lud uns alle ein, ihr in einen Raum zu folgen. Etwa sechzehn alte Damen standen dort in einem Kreis und fragten die Schüler, ob diese vielleicht mittanzen wollten. Und so fing eine der schönsten Unterrichtsstunden an, die man sich vorstellen kann. Denn nun begannen ganz alte und ganz junge Menschen miteinander Volkstanz mit schmetterndem russischem Liedgut zu üben, in grossen, sich drehenden und ineinander greifenden Kreisen, mit kurzen Übungen und langen Wege durch den Raum, Hand in Hand, jeweils Pärchen aus Alt und Jung. Hatte ich anfangs noch Zweifel, was alles schief gehen könnte, überzeugten mich die leuchtenden Augen der ganz Alten und ganz Jungen. Es hatte etwas wunderbar Harmonisches und Symbolisches. Am meisten strahlten natürlich die jungen Russischstämmigen. „So was hören wir immer“, flüsterte einer. Ich dachte, wie sehr unsere alltäglichen Unternehmungen doch von der gerade erwachsenen Generation dominiert werden und wie wenig sich die Kommenden und die Gehenden heute begegnen. Wie leicht das Verständnis doch ist, wenn man diese mittlere Generation einfach einmal überspringt.
Ob man das institutionalisieren könnte? Ich fürchte, nein. Die dominanten Zeitgeistigen werden Gegenargumente finden, konkrete Ziele vermissen, Unterrichtsziele verfehlt sehen. Die Sache ist von den Richtlinien her nicht abgesichert. In den Vorstellungen von Integration ist die zwischen Alt und Jung nicht vorgesehen. Das Glück liegt manchmal am Wegesrand, manchmal in einer verstaubten Bibliothek im sozialen Brennpunkt. Es dauert nur eine Stunde lang.
Dann kam eine alte Dame und lud uns alle ein, ihr in einen Raum zu folgen. Etwa sechzehn alte Damen standen dort in einem Kreis und fragten die Schüler, ob diese vielleicht mittanzen wollten. Und so fing eine der schönsten Unterrichtsstunden an, die man sich vorstellen kann. Denn nun begannen ganz alte und ganz junge Menschen miteinander Volkstanz mit schmetterndem russischem Liedgut zu üben, in grossen, sich drehenden und ineinander greifenden Kreisen, mit kurzen Übungen und langen Wege durch den Raum, Hand in Hand, jeweils Pärchen aus Alt und Jung. Hatte ich anfangs noch Zweifel, was alles schief gehen könnte, überzeugten mich die leuchtenden Augen der ganz Alten und ganz Jungen. Es hatte etwas wunderbar Harmonisches und Symbolisches. Am meisten strahlten natürlich die jungen Russischstämmigen. „So was hören wir immer“, flüsterte einer. Ich dachte, wie sehr unsere alltäglichen Unternehmungen doch von der gerade erwachsenen Generation dominiert werden und wie wenig sich die Kommenden und die Gehenden heute begegnen. Wie leicht das Verständnis doch ist, wenn man diese mittlere Generation einfach einmal überspringt.
Ob man das institutionalisieren könnte? Ich fürchte, nein. Die dominanten Zeitgeistigen werden Gegenargumente finden, konkrete Ziele vermissen, Unterrichtsziele verfehlt sehen. Die Sache ist von den Richtlinien her nicht abgesichert. In den Vorstellungen von Integration ist die zwischen Alt und Jung nicht vorgesehen. Das Glück liegt manchmal am Wegesrand, manchmal in einer verstaubten Bibliothek im sozialen Brennpunkt. Es dauert nur eine Stunde lang.
Zeit des Skeptizismus
10.Feb.2009 11:36 Uhr
„Brauche ich den Leser daran zu erinnern, daß
diese Zeit des verfeinerten Skeptizismus und
eingebildeter Weisheit auch die Zeit der größten
Leichtgläubigkeit und des mystischen Aberglaubens
war, – in der Magnetismus und Magie Neubekehrte
unter den Schülern Diderots fanden, und
Prophezeiungen in aller Munde waren, in der der
Salon eines philosophischen Dichters in ein
Heraklea umgewandelt wurde, und die Nekromantie
sich rühmte, die Schatten der Toten
heraufbeschwören zu können, in der Bischofsstab
und Heilige Schrift verspottet wurden und man an
Cagliostro und Mesmer glaubte?
Während dieser Dämmerung, welche die neue Sonne verkündete, vor welcher alle Dünste verschwinden sollten, kamen all die Phantome aus ihren Gräbern hervor, welche den Augen eines Paracelsus und Agrippa vorgeschwebt waren.“
EDWARD GEORGE EARL BULWER-LYTTON, Zanoni, 1842
Während dieser Dämmerung, welche die neue Sonne verkündete, vor welcher alle Dünste verschwinden sollten, kamen all die Phantome aus ihren Gräbern hervor, welche den Augen eines Paracelsus und Agrippa vorgeschwebt waren.“
EDWARD GEORGE EARL BULWER-LYTTON, Zanoni, 1842
Manson- der letzte Hippie?
06.Feb.2009 22:54 Uhr
Anlässlich der Ausstellung „MAN SON 1969. Vom Schrecken der Situation“ in der Hamburger Kunsthalle bis 26.4 stellt die Süddeutsche die Behauptung auf, dieser sei der „letzte Hippie“ gewesen. Das war er sicherlich nicht. Er war ein durch Drogen außer jede Kontrolle geratener Soziopath, der sich für Gott hielt (da gibt es noch andere) und erstaunlich grenzenlosen Einfluss auf eine Gruppe - vor allem junger bürgerlicher Frauen - nehmen konnte- sie am Ende zum Morden aussandte. Ich habe schon oft darüber gearbeitet, wie solche Außenseitergruppen mit einer autoritären Guru-Schüler- Struktur um ihres eigenen Erhalts willen an den Rand einer kollektiven Paranoia geraten können. Manson war vielleicht - vor allem weil die Opfer damals so prominent waren- einer der Totengräber des Hippietums in der medialen Welt - eine Ikone für das Irrsinnige, das der Bürger in den grenzüberschreitenden psychischen und sozialen Experimenten der Hippies immer schon gesehen hatte. Mit ihm konnte man das Kapitel - q.e.d.- endgültig als abgeurteilt abheften und vergessen.
Die Ausstellung rekapituliert die Ära Manson auch keinesfalls nur, sondern sammelt Interpretation verschiedener Künstler aus unterschiedlichen Genres. Eine Videoarbeit erklärt z.B. disqualifizierend diese Ära als „killer powered by pop“.
Bei den Egoisten findet sich zu dem Thema auch ein Kapitel aus Ed Sanders berühmter Reportage “The Family. Die Geschichte von Charles Manson und seiner Strand-Buggy Streitmacht“. Reinbek 1972“, und zwar unter dem Titel „Satanisten, Drogen, Scientologen und ein Häuflein durchgeknallter Kojoten“
Dazu muss man wissen, dass Manson in der Wüste eine ganze Reihe Erleuchtungen hatte, wie z.B. folgende: „Manson entwickelte im Death Valley eine starke Vorliebe für den Kojoten, den Räuber aller Räuber. Kein Tier ist bei seiner Nahrungssuche heimtückischer und arroganter als der Kojote.
Von da an pries er einen Geisteszustand, den er «Kojotenoia“ nannte. Die grundlegende Äußerung Mansons zur Kojotenoia lautete folgendermaßen: „Christus am Kreuz, der Kojote in der Wüste - das ist ein und dasselbe. Der Kojote ist schön. Er bewegt sich graziös durch die Wüste, er ist kaum wahrnehmbar, er ist sich aller Dinge bewusst, schaut um sich. Er hört jedes Geräusch, wittert jeden Geruch, sieht alles, was sich bewegt. Er befindet sich immer in einem Zustand völliger Paranoia, völlige Paranoia aber ist totale Bewusstheit. Du kannst vom Kojoten lernen, genauso wie du von einem Kind lernst. Ein Baby kommt zur Welt in einem Zustand der Angst. Völlige Paranoia und totale Bewusstheit. . .“
Trotz des durch Drogen- und Erleuchtungszustände erreichten geistigen Ausnahmezustandes gab es durchaus rationale Kontakte zu anderen Gruppen wie Satanisten. Die zu Scientologen waren irrelevant. Aber es bildeten sich auch eigene Unterorganisationen zum Anwerben neuer Mitglieder aus, die sich eine völlig andere Fassade gaben: „Wenn Organisationen mit solchen abscheulichen Zielen neue Opfer rekrutieren wollen, müssen sie sich mit einer Fassade ausstatten, die ihre wahren Ziele verheimlicht und neue Anhänger nicht abschreckt. So lässt sich beispielsweise denken, dass eine geheime Teufelssekte eine Strohmanngruppe gründet und ihr den Namen - Humaninstitut für okkultes Gruppenblödeln- verleiht und für sie in der Overground- und Underground-Presse Anzeigen für esoterische Kurse in psychologischer Therapie aufgibt. Nun braucht sie nur noch die Angeschmierten einzuweihen. Mansons Rock-Gruppe The Milky Way scheint im Hauptquartier einer solchen Strohmannorganisation in Los Angeles aufgetreten zu sein.“
Im Kern der Sekte herrschten Hitlerverehrung, Rassismus und eine Verachtung rationalen Denkens.
Zum ganzen Text Ed Sanders
Eine weitere kurze Betrachtung zum Thema von mir
Der Papst, der sich selbst nicht aus dem Hut zauberte
02.Feb.2009 23:17 Uhr
Nein, Benedikt XVI. hat sicherlich nicht die Aura
seines Vorgängers Johannes Paul II. Woityla war
ein Medienzar, ein Zauberer. Er war - auch als
erster Slawe in dem Amt - ein Gänger zwischen den
Welten: er hat seiner Kirche eine neue Stellung
in der Welt gegeben. Er hat in Yad Vashem gebetet
und ein öffentliches Mea culpa für die
Verfehlungen der Kirche in Glaubenskriegen,
Judenverfolgungen und der Inquisition
ausgesprochen. Im Kern verfolgte er - etwa in
Bezug auf die Sexualmoral - dennoch eine
konservative Politik. Seine Aura wirkte über
seinen Tod hinaus und bedeckte eine Weile gnädig
seinen Nachfolger.
Was hat man nur von Benedikt erwartet? Er hat sich sein erwachsenes Leben lang mit Dogmatik und Dogmengeschichte befasst und war seit 1981 Präfekt der Glaubenskongregation. Seine Aufgaben sah er darin, für das Zölibat einzutreten, gegen die Befreiungstheologie und die Anerkennung homosexueller Beziehungen, gegen jede Regung von Dezentralisation der Kirche, gegen ökumenischen Dialog und Pluralismus in der Kirche.
Diese seine Haltungen hat er seit Antritt seines Pontifikats 2005 konsequent eingehalten: „So war es auch schon nach seiner Rede in Auschwitz im Frühjahr 2006 (damals war von einem deutschen Volk die Rede, das von Hitler und einer Gruppe Verbrecher gleichsam als Geisel genommen worden war), und so war es im Mai 2007 nach seiner Rede im brasilianischen Aparecida („Tatsächlich hat die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums zu keiner Zeit eine Entfremdung der präkolumbianischen Kulturen mit sich gebracht und war auch nicht die Auferlegung einer fremden Kultur“). (Daniel Deckers in „Kommunikationsstörungen“, FAZ 2.2.2009). Da war die Reaktivierung der „Karfreitagsfürbitte“ für das Seelenheil der Juden wohl keine Panne oder ein Zufall. Das Vorrücken der Pius- Brüderschaft, die Leugnung des Holocaust durch den rehabilitierten Williamson, die Installation eines ultrakonservativen Weihbischofs in Linz sind konsequente und folgerichtige Schritte dieses Papstes.
Aber noch immer wirkt Johannes Pauls Schirm ein wenig. Man sieht das daran, wie sehr auch anspruchsvolle Zeitschriften um eine milde Interpretation von Benedikts Verhalten bemüht sind. Die Süddeutsche tippt auf Dilettantismus: „Dass der Papst zum selben Zeitpunkt einen Hetzer wie Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof von Linz ernennt, gehört zu einem vom Vatikan bemerkenswert dilettantisch verfolgten Drehbuch im Genre "ostentative Unabhängigkeit vom Meinungsklima".“ Die FAZ (s.o.) sieht Schwierigkeiten in der „Kommunikation“: „Dass nicht nur in der Kommunikation zwischen dem Vatikan und den Bischofskonferenzen, sondern auch in der Kommunikation innerhalb der Kurie manches im Argen liegt, ist mittlerweile für viele Mitglieder und Mitarbeiter der römischen Kurie nicht mehr der Rede wert.“ (FAZ, 2.2.2009, Seite 10).
Nun entstehen solche „Kommunikationsstörungen“ des Papstes etwa mit der Bischofskonferenz auch nicht irgendwie zufällig, sondern sind als Teil der Kirchenpolitik Benedikts anzusehen. Er entscheidet offensichtlich nicht gern im Dialog, sondern dogmatisch, im engsten Kreis oder sogar alleine. Er handelt eben so, wie von einem Vorsitzenden der Glaubenskongregation zu erwarten ist. Er hat sich nicht aus dem Hut gezaubert. Nur hat er offensichtlich nicht das Format, über seine gelernte Rolle hinaus zu wachsen in die eines Papstes, der die Menschen anzusprechen vermag, verbindend wirkt, Dialoge jenseits der vatikanischen Mauern anzustossen vermag. Benedikt ist mehr Inquisitor und Dogmatiker als weltmännisch. Er ist ein reaktionärer Intellektueller ohne politische Begabung. Daher wird er der Kirche nach außen wie nach innen schaden und die Stellung, die sie unter Johannes Paul II. hatte, demontieren.
Was hat man nur von Benedikt erwartet? Er hat sich sein erwachsenes Leben lang mit Dogmatik und Dogmengeschichte befasst und war seit 1981 Präfekt der Glaubenskongregation. Seine Aufgaben sah er darin, für das Zölibat einzutreten, gegen die Befreiungstheologie und die Anerkennung homosexueller Beziehungen, gegen jede Regung von Dezentralisation der Kirche, gegen ökumenischen Dialog und Pluralismus in der Kirche.
Diese seine Haltungen hat er seit Antritt seines Pontifikats 2005 konsequent eingehalten: „So war es auch schon nach seiner Rede in Auschwitz im Frühjahr 2006 (damals war von einem deutschen Volk die Rede, das von Hitler und einer Gruppe Verbrecher gleichsam als Geisel genommen worden war), und so war es im Mai 2007 nach seiner Rede im brasilianischen Aparecida („Tatsächlich hat die Verkündigung Jesu und seines Evangeliums zu keiner Zeit eine Entfremdung der präkolumbianischen Kulturen mit sich gebracht und war auch nicht die Auferlegung einer fremden Kultur“). (Daniel Deckers in „Kommunikationsstörungen“, FAZ 2.2.2009). Da war die Reaktivierung der „Karfreitagsfürbitte“ für das Seelenheil der Juden wohl keine Panne oder ein Zufall. Das Vorrücken der Pius- Brüderschaft, die Leugnung des Holocaust durch den rehabilitierten Williamson, die Installation eines ultrakonservativen Weihbischofs in Linz sind konsequente und folgerichtige Schritte dieses Papstes.
Aber noch immer wirkt Johannes Pauls Schirm ein wenig. Man sieht das daran, wie sehr auch anspruchsvolle Zeitschriften um eine milde Interpretation von Benedikts Verhalten bemüht sind. Die Süddeutsche tippt auf Dilettantismus: „Dass der Papst zum selben Zeitpunkt einen Hetzer wie Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof von Linz ernennt, gehört zu einem vom Vatikan bemerkenswert dilettantisch verfolgten Drehbuch im Genre "ostentative Unabhängigkeit vom Meinungsklima".“ Die FAZ (s.o.) sieht Schwierigkeiten in der „Kommunikation“: „Dass nicht nur in der Kommunikation zwischen dem Vatikan und den Bischofskonferenzen, sondern auch in der Kommunikation innerhalb der Kurie manches im Argen liegt, ist mittlerweile für viele Mitglieder und Mitarbeiter der römischen Kurie nicht mehr der Rede wert.“ (FAZ, 2.2.2009, Seite 10).
Nun entstehen solche „Kommunikationsstörungen“ des Papstes etwa mit der Bischofskonferenz auch nicht irgendwie zufällig, sondern sind als Teil der Kirchenpolitik Benedikts anzusehen. Er entscheidet offensichtlich nicht gern im Dialog, sondern dogmatisch, im engsten Kreis oder sogar alleine. Er handelt eben so, wie von einem Vorsitzenden der Glaubenskongregation zu erwarten ist. Er hat sich nicht aus dem Hut gezaubert. Nur hat er offensichtlich nicht das Format, über seine gelernte Rolle hinaus zu wachsen in die eines Papstes, der die Menschen anzusprechen vermag, verbindend wirkt, Dialoge jenseits der vatikanischen Mauern anzustossen vermag. Benedikt ist mehr Inquisitor und Dogmatiker als weltmännisch. Er ist ein reaktionärer Intellektueller ohne politische Begabung. Daher wird er der Kirche nach außen wie nach innen schaden und die Stellung, die sie unter Johannes Paul II. hatte, demontieren.
Meine Schmerzen, deine Schmerzen
02.Feb.2009 15:33 Uhr
Heute brachte die Frankfurter Allgemeine,
versteckt in einer Ecke der „Forschung und
Lehre“- Rubrik (Nr.. 23, Seite N5) , eine
interessante Untersuchung: „Selbstgefühl.
Kopfschmerzexperten haben mehr Kopfschmerzen“.
Tatsächlich ist bei Neurologen, insbesondere aber
bei Migränespezialisten, genau diese Erkrankung
erheblich weiter verbreitet als in der
Normalbevölkerung. 15% von Allen erkrankt daran
im Laufe ihres Lebens. Bei Neurologen sind es
30%, bei Kopfschmerzspezialisten ist es sogar
fast die Hälfte. Das verwundert nicht besonders,
denn Viele kommen eben zu diesem Beruf, weil sie
selbst an solchen Beschwerden leiden und diese
deshalb zum Rätsel, zum Mittelpunkt des
Interesses geworden sind.
Wie aber gehen die Schmerzspezialisten in Bezug auf Schmerzen mit ihren Patienten um? Während praktisch alle Ärzte bei sich selbst rein körperliche Ursachen sehen, bewerten sie die Beschwerden ihrer Patienten sehr häufig als psychosomatisch bedingt. Das hat nicht selten eine diskriminierende Saite, die dabei mitschwingt. Und ihren Patienten gegenüber verschreiben Neurologen und Schmerzspezialisten auch häufig die nicht gerade ungefährlichen und teuren Triptane, die sie sich selbst eher selten zumuten.
Dass auch bei selbst betroffenen Neurologen gegenüber der Patientenseite nicht der Maßstab angelegt wird, den die Ärzte bei sich selbst anlegen, wäre ein Spezialproblem, wenn es nicht selber ein Symptom wäre: Auch im Extremfall trennen wir unser eigenes Erleben sehr deutlich von dem der Anderen. Unsere Wahrnehmung ist in dieser Hinsicht korrumpiert. Die konkrete soziale Fantasie im Sinne eines Erfassens der Innenseite des Anderen bleibt ein noch immer fernes Ziel.
Rudolf Steiner charakterisiert dieses nüchtern- empathische Ziel folgendermaßen: „Indem ich denkend vor der andern Persönlichkeit stehe, kennzeichnet sich mir die Wahrnehmung gewissermaßen als seelisch durchsichtig. Ich bin genötigt, im denkenden Ergreifen der Wahrnehmung mir zu sagen, daß sie dasjenige gar nicht ist, als was sie den äußeren Sinnen erscheint. Die Sinneserscheinung offenbart in dem, was sie unmittelbar ist, ein anderes, was sie mittelbar ist. Ihr Sich-vor-mich-Hinstellen ist zugleich ihr Auslöschen als bloße Sinneserscheinung. Aber was sie in diesem Auslöschen zur Erscheinung bringt, das zwingt mich als denkendes Wesen, mein Denken für die Zeit ihres Wirkens auszulöschen und an dessen Stelle ihr Denken zu setzen.
Dieses ihr Denken aber ergreife ich in meinem Denken als Erlebnis wie mein eigenes. Denn die als Sinneserscheinung sich auslöschende unmittelbare Wahrnehmung wird von meinem Denken ergriffen, und es ist ein vollkommen in meinem Bewusstsein liegender Vorgang, der darin besteht, daß sich an die Stelle meines Denkens das andere Denken setzt. Durch das Sich-Auslöschen der Sinneserscheinung wird die Trennung zwischen den beiden Bewußtseinssphären tatsächlich aufgehoben.“ (Rudolf Steiner, GA 4, Seite 260 f) Diese Spiegelung-des-Anderen-in-uns findet unbewusst in jedem Dialog, in jedem kommunikativen Akt statt, bleibt uns aber unbewusst und wird durch die schnell einsetzenden Urteile verfälscht. Der intuitive Schatz ist also schon da, man müsste ihn nur heben.
Wie aber gehen die Schmerzspezialisten in Bezug auf Schmerzen mit ihren Patienten um? Während praktisch alle Ärzte bei sich selbst rein körperliche Ursachen sehen, bewerten sie die Beschwerden ihrer Patienten sehr häufig als psychosomatisch bedingt. Das hat nicht selten eine diskriminierende Saite, die dabei mitschwingt. Und ihren Patienten gegenüber verschreiben Neurologen und Schmerzspezialisten auch häufig die nicht gerade ungefährlichen und teuren Triptane, die sie sich selbst eher selten zumuten.
Dass auch bei selbst betroffenen Neurologen gegenüber der Patientenseite nicht der Maßstab angelegt wird, den die Ärzte bei sich selbst anlegen, wäre ein Spezialproblem, wenn es nicht selber ein Symptom wäre: Auch im Extremfall trennen wir unser eigenes Erleben sehr deutlich von dem der Anderen. Unsere Wahrnehmung ist in dieser Hinsicht korrumpiert. Die konkrete soziale Fantasie im Sinne eines Erfassens der Innenseite des Anderen bleibt ein noch immer fernes Ziel.
Rudolf Steiner charakterisiert dieses nüchtern- empathische Ziel folgendermaßen: „Indem ich denkend vor der andern Persönlichkeit stehe, kennzeichnet sich mir die Wahrnehmung gewissermaßen als seelisch durchsichtig. Ich bin genötigt, im denkenden Ergreifen der Wahrnehmung mir zu sagen, daß sie dasjenige gar nicht ist, als was sie den äußeren Sinnen erscheint. Die Sinneserscheinung offenbart in dem, was sie unmittelbar ist, ein anderes, was sie mittelbar ist. Ihr Sich-vor-mich-Hinstellen ist zugleich ihr Auslöschen als bloße Sinneserscheinung. Aber was sie in diesem Auslöschen zur Erscheinung bringt, das zwingt mich als denkendes Wesen, mein Denken für die Zeit ihres Wirkens auszulöschen und an dessen Stelle ihr Denken zu setzen.
Dieses ihr Denken aber ergreife ich in meinem Denken als Erlebnis wie mein eigenes. Denn die als Sinneserscheinung sich auslöschende unmittelbare Wahrnehmung wird von meinem Denken ergriffen, und es ist ein vollkommen in meinem Bewusstsein liegender Vorgang, der darin besteht, daß sich an die Stelle meines Denkens das andere Denken setzt. Durch das Sich-Auslöschen der Sinneserscheinung wird die Trennung zwischen den beiden Bewußtseinssphären tatsächlich aufgehoben.“ (Rudolf Steiner, GA 4, Seite 260 f) Diese Spiegelung-des-Anderen-in-uns findet unbewusst in jedem Dialog, in jedem kommunikativen Akt statt, bleibt uns aber unbewusst und wird durch die schnell einsetzenden Urteile verfälscht. Der intuitive Schatz ist also schon da, man müsste ihn nur heben.
Wenn man alles verliert
25.Jan.2009 23:32 Uhr
Mit 30 spürte sie den ersten Knoten. Sie war seit wenigen Jahren verheiratet, hatte glücklich ihren Lehrerberuf angetreten und den Gedanken an eigene Kinder noch nicht aufgegeben. In dieser Zeit steht noch fast alles offen, man könnte zusammen weggehen. Sie könnte ihre Leidenschaft, das Chorsingen, vielleicht doch noch zu mehr machen, als es anfangs ausgesehen hatte. Bald würde es erste Tourneen geben.
Aber da war der Knoten. Als sie hinging, erfuhr sie, dass es ein bösartiges Sarkom war, das aber die Eigenschaften hatte, nicht zu streuen.
In der Folge war sie furchtbar krank, wegen der Operationsfolgen, wegen der Chemo, aber vor allem, weil sie so fertig war. Sie war jetzt eine Kranke. Sie hatte dieses Misstrauen bekommen, das auch geschürt wurde durch regelmäßige, engmaschige Checks im Krankenhaus. Sie beschloss, dass sie niemals Kinder haben wollte. Sie verlor eine Brust und den Menschen, der sich ihr Mann nannte, dazu.
Ihre Kinder waren jetzt die Schüler. Sie entschied sich, intensiver integrativ zu arbeiten und gründete die erste integrative Klasse - auch mit geistig behinderten Kindern- in ihrer Stadt.
Nach vier Jahren waren die Metastasen da, die niemals hätten entstehen sollen, ja können. Sie waren gewissermaßen illegitim, hielten sich nicht an die Spielregeln. Die Rippen mussten ihr aufgesägt werden, um an die Krebszellhaufen heran zu kommen. Sie war völlig am Ende und ließ sich von ihren alten Eltern nach Hause bringen, um wieder leben zu lernen. Sie hatte einmal kurz den Glauben verloren, der einen am Leben hält. Es gibt diesen ganz fundamentalen Glauben ans Leben. Wenn man den aufgibt, hält einen nichts mehr. Bald danach lernte sie ihren zweiten Mann kennen, Musiker und Lehrer wie sie.
Nach der übernächsten Chemoreihe reichte die Luft nicht mehr fürs Singen. Es blieb die Möglichkeit, wieder solch eine besonders anspruchsvolle integrative Klasse mit autistischen, geistig behinderten, verwahrlosten und missbrauchten Kindern zu machen, und sie tat es. Aber in der Zwischenzeit lag sie auch einmal fast ein Jahr im Krankenhaus und in der Reha. Sie schaffte die vier Jahre nur mit Hilfe einiger sehr junger Kolleginnen, die für sie einsprangen.
Nun aber, im dritten Durchgang, begannen ihr die eigenen Kräfte zu schwinden. Sie lehrte mehr Kleingruppen als ganze Klassen, gab noch etwas Fachunterricht, verband sich mit einigen behinderten Kindern. Aber die verhaltensauffälligen, dreisten, offenherzigen, hektischen Schüler nahmen sie nicht mehr ernst. „Ist das hier dein Hobby, oder was?“ lästerten sie. Nein, es war nicht ihr Hobby, es war eigentlich ihr Lebensinhalt. Sie wurde wütend auf einige Kollegen. Sie empfand alles als falsch, was die machten. Nun galt sie als etwas schwierig.
Dann kam der kalte Wintereinbruch dieses Januars. Die Chemo hatte die Abwehrkräfte ordnungsgemäß auf Null gebracht, aber jetzt griff der Winter nach ihr. Immunschwäche ist etwas furchtbares, weil die Schwäche wie in den Raum verteilt wird. Was immer da draußen ist, kann in dein Inneres greifen und dich nehmen und kränken. Das tat der Winter.
Aber er griff zu kurz, sie wird sich dem Zugriff entziehen. Und wenn es nur noch einen einzigen Schüler gäbe, der ihre Zuwendung und Intuition benötigen könnte: Sie würde ihn finden.
Downlad der Collage
,
Die Geschichte der Autobombe
17.Jan.2009 22:05 Uhr
Auch der Krieg globalisiert und individualisiert sich- vor allem aber wendet er sich gegen die Zivilisten, deren Tod als eine Art Fanal benutzt werden soll. Je ziviler die Opfer und je mehr es sind. desto besser. Auch wenn der erklärte Krieg zwischen Staaten oder staatlichen Enklaven ständig geführt wird, wird der zum Terror miniaturisierte Krieg zum global gegenwärtigen Phänomen. Mike Davis, über dessen großartiges Buch „Planet der Slums“ hier bereits berichtet wurde, geht in „Eine Geschichte der Autobombe“ auf eben diesen Terror, der sich im 20. Jahrhundert entwickelte, ein.
Davis, der häufig aus einer gewissen politischen und gesellschaftlichen Emphase heraus schreibt, hält sich bei diesem Thema persönlich weitgehend zurück und entwickelt einfach eine gewisse Chronologie des schrecklichen Phänomens. Das Entsetzliche dieser Attentate benötigt nicht nur nichts neben seiner reinen Faktizität- jede einseitige Kommentierung, Instrumentalisierung, Kontextualisierung wäre geradezu obszön.
In Sri Lanka - so Davis- hielt man die dort bombenden „Tamil Tigers“ „für übermenschlich grausam und gerissen - für allgegenwärtig wie böse Geister.“ Diese Allgegenwärtigkeit erinnert an ein globales Phänomen, das Rudolf Steiner den „Krieg aller gegen alle“ nannte. Rudolf Steiner schrieb: „Man weiss, daß auf dem Grunde der menschlichen Seele durch Verkehrung der edelsten Opferwilligkeit der Wunsch entstehen kann, den Mitmenschen zu töten.“ (Gesamtausgabe 145, Seite 144 f). Das weist auf die Doppelbödigkeit des Terrorismus hin: Denn im Sinne ihrer Angelegenheiten sind die Terroristen natürlich ganz und gar idealistisch. Diesem schrecklichen Idealismus unterliegen wir prinzipiell alle. In Steiners Ansicht liegt nur eine Art Schleier, eine „Betäubung“ über dem „Wunsch (..), den anderen zu töten“, über „Wünsche(n), die auf Vernichtung, auf Zerstörung des menschlichen und sonstigen auf dem physischen Plan wirkenden Zusammenseins hingehen.“ (dito)
Die Gründe für die Verirrungen des Idealismus in den Terror sieht Steiner vor allem in einer wachsenden Individualisierung im Sinne einer inneren Verhärtung: „Wenn die Menschen immer mehr und mehr voneinander isoliert werden, ein jeder sich immer mehr in seinem eigenen Ich verhärtet, wenn die Trennungslinien, die Seele von Seele scheiden, immer stärker werden, so dass sich Seele und Seele immer weniger verstehen kann, dann werden die Menschen in der äußeren Welt immer mehr zu Streit und Hader kommen, der Streit aller gegen alle auf der Erde wird an die Stelle der Liebe treten.“ (Gesamtausgabe 112, S. 206). Vom zeitlichen Rahmen sagt Rudolf Steiner auch ganz konkret: „Wenn man die Dinge so weiter laufen läßt, so werden wir am Ende des 20. Jahrhunderts stehen vor dem Krieg aller gegen alle! Da mögen die Menschen noch so schöne Reden halten, noch so viele wissenschaftliche Fortschritte gemacht werden, wir würden stehen vor diesem Krieg aller gegen alle. Wir würden eine Menschheit heran rücken sehen, welche keine sozialen Instinkte mehr hat, um so mehr aber reden würde von sozialen Dingen.“ (Gesamtausgabe 206, Seite 92)
Der Beginn des hier angesprochenen Terrors lag bereits zu Lebzeiten Steiners. Der erste Anschlag ereignete sich - als Rache für die Verhaftung der Anarchisten Sacco und Vanzetti - im September 1920 in der Wall Street in New York, direkt gegenüber von J.P. Morgan & Company. Es handelte sich um einen mit Sprengstoff beladenen Pferdewagen. Die Explosion tötete und verletzte zahlreiche Menschen. Auch damals strömten entsetzte New Yorker aus den Hochhäusern und flohen. Auch damals wurde der nationale Notstand erklärt. Es war bis dahin undenkbar gewesen, dass ein einzelner Mensch mit wenigen möglichen Mittätern einen derartig verheerenden Anschlag ins Zentrum einer Stadt und eines Staates würde tragen können. Auch die Absicht, nationale Symbole zu treffen, klang bereits in diesem ersten Anschlag dieser Art an.
Die eigentliche Geschichte der Autobombe aber setzte nach diesem Fanal erst 1947 ein, und zwar bereits in Palästina. Der Anschlag wurde von einer „rechtszionistische(n) Guerilla“ mit de Namen „Stern Gang“ gegen eine britische Polizeistation in Haifa verübt. Neben den Briten war die palästinensische Bevölkerung Ziel der Terroristen. Palästinensische Extremisten nahmen die Technik in der Folge auf und nutzten sie ihrerseits. Vietnam und Algerien waren die nächsten Haupteinsatzorte. Von da an wanderte diese Variante des Terrors praktisch dauernd um den Planeten. Die Stationen werden von Davis akribisch aufgeführt. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer „unumkehrbare(n) Globalisierung“, von einem Phänomen „wie ein hartnäckiger Virus“, das dazu neigt, „sich unendlich zu vermehren.“ So gab es alleine zwischen 1992 und 1999 bereits 25 grosse Anschläge in 22 verschiedenen Städten. Weit über 1000 Menschen wurden getötet, weit über 10000 verletzt. Vielleicht erscheint die Formel Rudolf Steiners vom „Krieg aller gegen alle“ als übertrieben. Er ist aber ohne Zweifel ein ganzes Stück näher gerückt.
Palm Beach Country Club
13.Dez.2008 20:34 Uhr
Nein, nicht die Sonne bringt es an den Tag,
sondern die so genannte Finanzkrise, die einem
Tsunami gleich die virtuellen Grundmauern eines
globalen kapitalistischen Traumschlosses bloß
legt. Darunter werden die eigentlichen Akteure im
Zockerspiel sichtbar. In Deutschland ist es der
scheinbare Biedermann Merckle, der sich beim
milliardenschweren Jonglieren im eigenen
Steuersparmodell verfangen hat und nun den Banken
und dem Staat unverfroren droht, „die
mit geschätzten drei bis fünf Milliarden
Euro verschuldete Beteiligungsgesellschaft
VEM Vermögensverwaltung in die Insolvenz
gehen (zu) lassen“ und damit Zehntausende
von Arbeitsplätzen aufs Spiel zu setzen. Der
„schwäbische Milliardär
Adolf Merckle (Ratiopharm, Phoenix)“ hat
sich mit Krediten, die durch Aktien
gesichert waren, nun aber kaum noch etwas
wert sind, verzockt, aber auch durch wüste
Spekulationen auf den VW- Kurs, mit denen er
„einen dreistelligen Millionenbetrag
verloren hat.“ (dito) Nun geht es ihm
anscheinend vor allem darum, bei den zur
Zeit nicht gerade liquiden Banken
Überbrückungskredite in Milliardenhöhe
heraus zu quetschen, um nicht an sein
Privatvermögen heran zu müssen.
In den USA ist das Rad, an dem gedreht wird, natürlich etwas grösser. Wie die FAZ heute (13.12.2008, Nr. 292, Seite 21, „Der 50-Milliarden-Dollar-Schwindel“) berichtet, ist der „prominente Wertpapierhändler und ehemalige Verwaltungsratsvorsitzende der elektronischen Börse Nasdaq, Bernhard Madoff“ gerade vom FBI verhaftet worden. Er soll Kunden in einem „atemberaubenden Betrug“ um 50 Milliarden Dollar betrogen haben. Sein Betrugsmodell auf höchstem Niveau war eine Art Schneeballsystem, in dem es lediglich darum ging, mit dem Geld immer neuer Investoren die nicht existierenden Investitionsgewinne vorzutäuschen. Sein Unternehmen zählte bis jetzt „zu den größten Maklern an der elektronischen Börse Nasdaq und beschäftigte Hunderte von Wertpapierhändlern“, und zwar bereits seit 1960. Neue Kunden akquirierte Madoff gerne im exklusiven Palm Beach Country Club beim Golfen. Einer dieser Kunden benötigte in der Folge der Finanzkrise 7 Milliarden Dollar, worauf das Traumschloss Madoffs zusammen brach.
Man fragt sich wieder, ob die Grundlagen der Wertschöpfung der kapitalistischen Systeme eigentlich von dieser Welt sind, wenn einer der grössten und angesehensten Strippenzieher zu seinen Geschäften der letzten 50 Jahre lediglich zu sagen hat: „Es ist alles eine große Lüge.“ (FAZ)
In Bezug auf das, was wir vielleicht einmal euphemistisch als „Altersvorsorge“ bezeichnet haben oder auch als „Wertanlage“, lässt sich dieser Tage vielleicht auch mit Rilke sagen:
„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
(Link)
In den USA ist das Rad, an dem gedreht wird, natürlich etwas grösser. Wie die FAZ heute (13.12.2008, Nr. 292, Seite 21, „Der 50-Milliarden-Dollar-Schwindel“) berichtet, ist der „prominente Wertpapierhändler und ehemalige Verwaltungsratsvorsitzende der elektronischen Börse Nasdaq, Bernhard Madoff“ gerade vom FBI verhaftet worden. Er soll Kunden in einem „atemberaubenden Betrug“ um 50 Milliarden Dollar betrogen haben. Sein Betrugsmodell auf höchstem Niveau war eine Art Schneeballsystem, in dem es lediglich darum ging, mit dem Geld immer neuer Investoren die nicht existierenden Investitionsgewinne vorzutäuschen. Sein Unternehmen zählte bis jetzt „zu den größten Maklern an der elektronischen Börse Nasdaq und beschäftigte Hunderte von Wertpapierhändlern“, und zwar bereits seit 1960. Neue Kunden akquirierte Madoff gerne im exklusiven Palm Beach Country Club beim Golfen. Einer dieser Kunden benötigte in der Folge der Finanzkrise 7 Milliarden Dollar, worauf das Traumschloss Madoffs zusammen brach.
Man fragt sich wieder, ob die Grundlagen der Wertschöpfung der kapitalistischen Systeme eigentlich von dieser Welt sind, wenn einer der grössten und angesehensten Strippenzieher zu seinen Geschäften der letzten 50 Jahre lediglich zu sagen hat: „Es ist alles eine große Lüge.“ (FAZ)
In Bezug auf das, was wir vielleicht einmal euphemistisch als „Altersvorsorge“ bezeichnet haben oder auch als „Wertanlage“, lässt sich dieser Tage vielleicht auch mit Rilke sagen:
„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“
(Link)
Regina Reinsperger: Geschichten vom Sterben 3
02.Dez.2008 20:44 Uhr
„Nachfolgend wieder drei Begebenheiten, die mir die Menschen erzählt haben. Es sind, wie auch bei den vorigen Begebenheiten, ganz „normale Durchschnittsmenschen“ die dieses erlebt und behalten haben und für wichtig hielten, davon zu berichten: da ist die alte Lehrerin, die ihrem gefallenen Verlobten die Treue hält und ein langes Leben mit ihm lebt; da ist die Tote, von der das befreundete Ehepaar in derselben Nacht das Gleiche träumt und der Bruder, der im Gastzimmer erlebt, was sich dort abgespielt hat und wovon die Beteiligten zunächst nichts wissen.“
zum Text..
zum ersten Teil..
zum zweiten Teil..
If the fires don't get you, the earthquake will!
18.Nov.2008 00:33 Uhr
Tom Mellett schreibt:
„Danke für dein Interesse! Es geht mir hier in LA OK. Man muss verstehen dass es zwei Arten Leute in Los Angeles gibt: die Hügelbewohner (hill-dwellers) und die Flachländer (Flatlanders) (auch Tieflaender?) Nur leiden die Hilldwellers an den Grossbrand; während die Flatlanders nur den Rauch riechen und die sehr feinen Ascheteilchen atmen.
Unser Tal heisst "the San Fernando Valley." Ich wohne in Van Nuys; deswegen bin ich ein Flachländer. Bitte klicke auf Google Maps und stelle diesen Satz ein.
Hier ist die grosse Strassenkreuzung neben meinem Haus: "..., Van Nuys, CA"
8 miles (13 km) nördlich fing das erste Feuer an. Dann am nächsten Tage beginnt das Feuer im Gegend Disneyland - Anaheim --50 miles (80 km ) südöstlich.
Man muss sich immer erinnern dass Los Angles eine reklamierte Wüste ist. Es ist Mitte November und die Temperatur heisst 34 C, die Feuchtigkeitsgrad ein sehr trockenes 5%. Auch sitzen wir auf der Pacifischen tektonischen Platte (das heisst Lemuria die durch Feuer zerstört worden ist) die die North American Platte trifft. (das heisst Atlantis, die durch Wasser zerstört war). Den Bruch nennen wir "the San Andreas Fault."
Ich nehme an dass es eine karmische Reprise von Lemuria ist.
"If the fires don't get you, the earthquake will!"
Tom“
Link LA Times
„Danke für dein Interesse! Es geht mir hier in LA OK. Man muss verstehen dass es zwei Arten Leute in Los Angeles gibt: die Hügelbewohner (hill-dwellers) und die Flachländer (Flatlanders) (auch Tieflaender?) Nur leiden die Hilldwellers an den Grossbrand; während die Flatlanders nur den Rauch riechen und die sehr feinen Ascheteilchen atmen.
Unser Tal heisst "the San Fernando Valley." Ich wohne in Van Nuys; deswegen bin ich ein Flachländer. Bitte klicke auf Google Maps und stelle diesen Satz ein.
Hier ist die grosse Strassenkreuzung neben meinem Haus: "..., Van Nuys, CA"
8 miles (13 km) nördlich fing das erste Feuer an. Dann am nächsten Tage beginnt das Feuer im Gegend Disneyland - Anaheim --50 miles (80 km ) südöstlich.
Man muss sich immer erinnern dass Los Angles eine reklamierte Wüste ist. Es ist Mitte November und die Temperatur heisst 34 C, die Feuchtigkeitsgrad ein sehr trockenes 5%. Auch sitzen wir auf der Pacifischen tektonischen Platte (das heisst Lemuria die durch Feuer zerstört worden ist) die die North American Platte trifft. (das heisst Atlantis, die durch Wasser zerstört war). Den Bruch nennen wir "the San Andreas Fault."
Ich nehme an dass es eine karmische Reprise von Lemuria ist.
"If the fires don't get you, the earthquake will!"
Tom“
Link LA Times
Days with my father
13.Nov.2008 14:09 Uhr
Der Vater ist 98 Jahre alt und Witwer. An vielen Tagen wirkt er verwirrt und vergesslich. An manchen Tagen ist er bei ganz klarem Verstand, an anderen wirkt er skurril. Manchmal trauert er um all das, was er vielleicht verloren hat, aber nicht mehr genau erinnert. Manchmal posiert er eitel vor dem Spiegel. Philip Toledano hat auf seiner Website Days with my father diese letzte gemeinsame Zeit mit seinem Vater fotografisch dokumentiert- eine Zeit, die er nicht missen möchte. Seine Bilder sind voller Wärme und Anmut, ohne den körperlichen und geistigen Abbau des Vaters zu verbergen oder zu beschönigen.
Übrigens: zur Navigation links oder unter die Fotos klicken!
Obamas nicht privates Privatleben
08.Nov.2008 00:28 Uhr
Nun hat also auch Barack Obama ein Flickr- Album, das öffentlich zugänglich ist. Die Fotos aus der Wahlnacht wirken auf mich vollkommen surreal. Dieses Sofa, diese Füße auf dem Tisch, dieses ganze Interieur! Zudem zeigt sich der Mann vollkommen fertig- sehr unpräsidial. Ob es sich um eine spezielle PR- Aktion oder um eine Orgie von Photoshop- Montagen handelt, ist mir noch nicht ganz klar. Ersteres wäre eine ganz neue Aufstellung als privater Mensch- der Gegenentwurf zu Bush Junior auf seiner Ranch. SPIEGEL online hält die Seite für echt.
"Rettungspaket"
12.Okt.2008 19:17 Uhr
Vielleicht das Unwort des Jahres. Denn gerettet
werden möchte der Kapitalismus höchstselbst, und
zwar aus einem Sumpf, in den er sich nicht nur
hinein manövriert, sondern den er selbst
produziert und so verbreitet hat, dass ganze
staatliche Systeme daran zu ersticken drohen. Wer
oder was nun zu retten sei, ist vor allem darum
schwer auszumachen, da das System sich - getreu
seinen neoliberalen Maximen- offenbar selbst in
seinen Sumpf gestossen hat. Es hat keinen
einmaligen Webfehler, sondern erstickt konsequent
an der Verwirklichung seiner eigenen Maximen:
Profitmaximierung.
Die Entgleisung ist nach Ansicht einiger Historiker zurück zu führen auf die Kapitulation des kommunistischen Blocks vor 20 Jahren. In Ermangelung tauglicher Feindbilder habe sich der Kapitalismus in der Folge derart aufgebläht, dass die darauf entstandenen irrealen Blasen am Finanzmarkt nun auch den kapitalistischen Block implodieren lassen.
Ob ein „Rettungspaket“ dort helfen kann, wo Systeme an sich selbst zugrunde gehen? Wenn der Patient im komatösen Zustand auf dem Tisch liegt, werden die Vitamintabletten im Paket nicht wirklich helfen. Politik und Wirtschaft stehen in den nächsten Jahren vor enormen Herausforderungen. Es geht an die Substanz.
Die Entgleisung ist nach Ansicht einiger Historiker zurück zu führen auf die Kapitulation des kommunistischen Blocks vor 20 Jahren. In Ermangelung tauglicher Feindbilder habe sich der Kapitalismus in der Folge derart aufgebläht, dass die darauf entstandenen irrealen Blasen am Finanzmarkt nun auch den kapitalistischen Block implodieren lassen.
Ob ein „Rettungspaket“ dort helfen kann, wo Systeme an sich selbst zugrunde gehen? Wenn der Patient im komatösen Zustand auf dem Tisch liegt, werden die Vitamintabletten im Paket nicht wirklich helfen. Politik und Wirtschaft stehen in den nächsten Jahren vor enormen Herausforderungen. Es geht an die Substanz.
Moor lässt Grandt fallen
07.Okt.2008 17:37 Uhr
Mit grosser Erwartung blickten Waldorf- Gegner - auch in den Kommentaren in diesem Blog- der Titel-Thesen-Temperamente- Sendung vom 5.10 entgegen, zusätzlich angeheizt durch intensive Bewerbung des Themas in der ARD. Obwohl noch ein letzter Werbeblock unmittelbar vor der Talkrunde von Anne Will am Sonntag lief, warteten die Zuschauer vergeblich auf den angekündigten Beitrag in der Sendung. Den Grund für diese überraschende Wendung hat Anthro- Blog- Altmeister Jens Prochnow durch ein Schreiben an die ttt- Redaktion heraus gefunden, denn diese schrieb ihm:
„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Zuschauer,
bezüglich ihrer Anfrage zu unseren gestrigen Sendung ttt, möchten wir Ihnen folgendes mitteilen: Der Autor des "Schwarzbuch Waldorf" erhebt in seinem Buch schwere Vorwürfe gegen Waldorfschulen. Unsere Recherchen und Gespräche ergaben, dass der Autor wesentliche Thesen seines Buches nicht belegen kann , weshalb wir eine weiterführende Recherche für notwendig hielten. Der Beitrag in seiner gegenwärtigen Form erwies sich nach Einschätzung unserer Redaktion als nicht relevant genug für die Sendung ttt am Sonntagabend. Interessierte Zuschauer können ihn jedoch in einer überarbeiteten Fassung am 09.10.2008 im Kulturmagazin "artour" um 22.05 im MDR sehen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre ttt- Redaktion“
Offensichtlich hat die Redaktion in letzter Minute die Endversion der Reportage gesichtet und daraufhin festgestellt, worum es sich bei dem Grandtbuch handelt: Um heisse Luft. Man muss den Hut davor ziehen, dass in der ARD trotz der Werbung so viel journalistische Sorgfalt besteht, die Konsequenzen aus einem Flop zu ziehen und einen Beitrag in letzter Minute zu kippen. Herr Grandt und seine Freunde haben jetzt erst einmal schlechte Karten.
Was weg ist, ist weg
06.Okt.2008 17:49 Uhr
Die Filiale der Deutschen Bank war heute morgen-
Woche Zwei des Bankencrashs und der rollenden
Weltwirtschaftskrise - telefonisch nicht zu
erreichen. Das wunderte mich nicht übermäßig,
hatte mir - und sicherlich nicht nur mir - doch
erst vor wenigen Wochen der Investmentberater
dort für meine Altersvorsorge Papiere ans Herz
gelegt, die jetzt vermutlich auf den Wert Zero
gefallen sind. Mit den stattdessen auf eigene
Faust gekauften Papieren habe ich nur etwas mehr
als ein Drittel des Werts verloren. Bis jetzt.
Ich reihte mich also in die Schlange der geschorenen Schafe ein. Das Telefon war ständig besetzt, die Filialleiterin hatte eine Hand wie zum Schutz um den Telefonhörer gelegt. Das gab ihr etwas von einem Telefonseelsorger.
Nein, ich wollte nicht verkaufen. Aufgrund vieler schlechter Erfahrungen hatte ich stattdessen die Bank gewechselt, ohne besondere Hoffnung, dass die Beratung und der Service bei der neuen besser sein würden. Aber wenigstens werden dort für nicht vorhandene Leistungen nicht auch noch Gebühren verlangt. Leider wurden von der Deutschen Bank trotz des Umzugs immer noch längst stornierte Daueraufträge überwiesen- das wenigstens wollte ich rückgängig machen. Storniert wurde nochmals, aber zurück bekommen würde ich das Geld keinesfalls: „Überwiesen ist überwiesen. Wenden Sie sich doch an die Empfänger, wenn Sie das Geld zurück haben wollen!“
Von Irrtum oder gar Entschuldigung war natürlich keine Rede. Ich verstand. Für Kundengelder fühlt sich die Bank stets nur verantwortlich, solange das Geld auf den Konten ruht und damit gearbeitet werden kann. Im Großen und im Kleinen, ob Hunderter oder Tausender, ob Kunden- oder Bankverschulden: Was weg ist, ist eben weg. In solchen Fällen bleibt es Sache des Kunden, damit zurecht zu kommen. Wenn die verdufteten Gelder sehr gross werden, ruft Herr Ackermann - aller neoliberalen Ideologie zum Trotz - gern auch mal lauthals nach dem Staat. Die Verantwortung haben in jedem Fall stets die Anderen- also letzten Endes Kunden und Steuerzahler. So betrachtet, ist das Bankwesen ein perfektes, selbstbezügliches System, ein Perpetuum mobile des Geldes. Zumindest im Prinzip. Wenn man den Bogen überspannt, brechen selbst in einem perfekten System die Achsen weg.
Anthroposophisch gesehen, kann man die Geschehnisse in den letzten zehn Jahren in Beziehung setzen zu der Vernichtung des Templerordens im 14. Jahrhundert. Die Templer hatten das erste globalisierte Banksystem in der Weltgeschichte geschaffen. Basis war ein solides Vermögen in der zentralen Bank in Paris. Sinn war die Finanzierung von Unternehmungen der Kirche, aber vor allem auch die Schaffung sicherer Handelswege und Garantien für den globalen Handel. Für sich selbst - im eigenen Interesse - handelten die später übel verleumdeten Templer nicht. Zerschlagen wurde dieses frühe Banksystem weniger aus egoistischen Motiven Philipp des Schönen, sondern aus nationalistischen: Der geplünderte Schatz der Templer diente als Grundlage des entstehenden autarken französischen Staates.
Das entfesselte Investmentbanking der Gegenwart, das die Weltwirtschaft nun in seine tiefste Krise seit 1930 wirft, erscheint wie ein Gegenbild zu den idealistischen Motiven der Templer.
Ich reihte mich also in die Schlange der geschorenen Schafe ein. Das Telefon war ständig besetzt, die Filialleiterin hatte eine Hand wie zum Schutz um den Telefonhörer gelegt. Das gab ihr etwas von einem Telefonseelsorger.
Nein, ich wollte nicht verkaufen. Aufgrund vieler schlechter Erfahrungen hatte ich stattdessen die Bank gewechselt, ohne besondere Hoffnung, dass die Beratung und der Service bei der neuen besser sein würden. Aber wenigstens werden dort für nicht vorhandene Leistungen nicht auch noch Gebühren verlangt. Leider wurden von der Deutschen Bank trotz des Umzugs immer noch längst stornierte Daueraufträge überwiesen- das wenigstens wollte ich rückgängig machen. Storniert wurde nochmals, aber zurück bekommen würde ich das Geld keinesfalls: „Überwiesen ist überwiesen. Wenden Sie sich doch an die Empfänger, wenn Sie das Geld zurück haben wollen!“
Von Irrtum oder gar Entschuldigung war natürlich keine Rede. Ich verstand. Für Kundengelder fühlt sich die Bank stets nur verantwortlich, solange das Geld auf den Konten ruht und damit gearbeitet werden kann. Im Großen und im Kleinen, ob Hunderter oder Tausender, ob Kunden- oder Bankverschulden: Was weg ist, ist eben weg. In solchen Fällen bleibt es Sache des Kunden, damit zurecht zu kommen. Wenn die verdufteten Gelder sehr gross werden, ruft Herr Ackermann - aller neoliberalen Ideologie zum Trotz - gern auch mal lauthals nach dem Staat. Die Verantwortung haben in jedem Fall stets die Anderen- also letzten Endes Kunden und Steuerzahler. So betrachtet, ist das Bankwesen ein perfektes, selbstbezügliches System, ein Perpetuum mobile des Geldes. Zumindest im Prinzip. Wenn man den Bogen überspannt, brechen selbst in einem perfekten System die Achsen weg.
Anthroposophisch gesehen, kann man die Geschehnisse in den letzten zehn Jahren in Beziehung setzen zu der Vernichtung des Templerordens im 14. Jahrhundert. Die Templer hatten das erste globalisierte Banksystem in der Weltgeschichte geschaffen. Basis war ein solides Vermögen in der zentralen Bank in Paris. Sinn war die Finanzierung von Unternehmungen der Kirche, aber vor allem auch die Schaffung sicherer Handelswege und Garantien für den globalen Handel. Für sich selbst - im eigenen Interesse - handelten die später übel verleumdeten Templer nicht. Zerschlagen wurde dieses frühe Banksystem weniger aus egoistischen Motiven Philipp des Schönen, sondern aus nationalistischen: Der geplünderte Schatz der Templer diente als Grundlage des entstehenden autarken französischen Staates.
Das entfesselte Investmentbanking der Gegenwart, das die Weltwirtschaft nun in seine tiefste Krise seit 1930 wirft, erscheint wie ein Gegenbild zu den idealistischen Motiven der Templer.
Die Pappschachtel
21.Sep.2008 18:47 Uhr
Nun sieht man sie täglich in den Tageszeitungen:
Junge Investmentbanker, die ihre Siebensachen in
einer Pappschachtel aus dem berühmten, über 150
Jahren alten Bankinstitut tragen. Vorbei die
rauschenden Feste, die unfassbaren
Spekulationsgewinne, die unglaublichen möglichen
Bonizahlungen für die Zocker. Ganze
Finanzinstitute werden nun abgewickelt und die
dubiosen Instrumente, mit denen die
Spekulationsblasen betrieben wurden, werden von
den westlichen Staaten beschnitten werden.
Londoner Wohnungspreise jenseits aller Vernunft
werden fallen, die Koksdealer werden ebenso
Trübsal blasen wie Champagner- Importeure. Wenn
Blasen platzen - die letzte des „Neuen Marktes“
ist nur ein paar wenige Jahre alt - passen die
übrig gebliebenen Illusionen gerade in eine
Pappschachtel hinein.
Nun kommt die Zeit der Sonntagsreden. Man erinnert sich an „Moral“. Da war doch etwas. Richtig, man soll nicht zu gierig sein. Dass ganze Staatshaushalte, Wirtschaften und globale Investmentunternehmen dadurch beflügelt wurden, dass Anlegern faule Kredite als lohnende, sichere Anlage verkauft worden waren, mag niemand so gerne zugeben. Ist das nun ein Betriebsunfall oder war das ein kompletter Systemfehler, der den Betrug zum globalen Geschäftsprinzip erhob?
Den heutigen Finanzteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung habe ich jedenfalls mit Belustigung zur Kenntnis genommen. Man beginnt mit dem „Schock an der Wall Street“ und resümiert die übelsten Prognosen der Investmentbanker. Andernorts sind ja schon die Prognosen von Josef Ackermann als „Kontraindikator“ wahrgenommen worden. Immer wenn der Chef der Deutschen Bank verbal beruhigt, sieht man jetzt eine Katastrophe heran rollen. Nach dem „Schock“ der FAS kommt die Schuldzuweisung: „Der amerikanische Staat ist schuld“ (Geld und mehr, S. 45). Dann kommt eine Werbung der Commerzbank parallel zu den aktuellen Börsendaten. Auf der folgenden Seite klärt man die Anleger darüber auf, was sie „jetzt wissen müssen“ (S. 49), damit sie ihr - falls vorhanden - Vermögen nicht in einer Pappschachtel begraben wollen. Zielsicher geht es über zu Seite 51, wo es beruhigend heisst: „Trotz allem: Mit Aktien fürs Alter vorsorgen“. Selbst Norbert Blüm als Sonntagsredner darf noch mal auftreten: „Ich habe es immer gesagt“. Und zum Schluss kommt die Rache an den verirrten Schäflein: „Jetzt geht es den Spekulanten an den Kragen“.
„Als das Wünschen noch geholfen hat“, heisst die märchenhafte Devise. Und die Parole lautet: Alles wird gut. Die Guten kriegen ihre Rente, und die Bösen schleichen mit ihrer Pappschachtel nach Hause. Man gibt den Bösen jetzt auch einen Namen: „Leerverkäufer“ heisst die unliebsame Tätigkeit. Der erste Leerverkäufer war übrigens ein gewisser Isaac Le Maire: „Der Amsterdamer Schiffseigner verkaufte schon 1609 Aktien, die er sich nur geliehen hatte. schon damals allerdings reagierten die Behörden verschnupft.“ (FAS, S. 52)
Mit unzähligen Milliarden wird der „verschnupfte“ amerikanische Staat nun für die faulen Kredite bürgen- mit Geld übrigens, das er - hoch verschuldet - gar nicht hat. Um das zu finanzieren, müsste man die Steuern anheben. Aber das wird wirtschaftlich und politisch kaum zu machen sein. Was bleibt? Eine neue Spekulationsblase muss her, ganz einfach.
Nun kommt die Zeit der Sonntagsreden. Man erinnert sich an „Moral“. Da war doch etwas. Richtig, man soll nicht zu gierig sein. Dass ganze Staatshaushalte, Wirtschaften und globale Investmentunternehmen dadurch beflügelt wurden, dass Anlegern faule Kredite als lohnende, sichere Anlage verkauft worden waren, mag niemand so gerne zugeben. Ist das nun ein Betriebsunfall oder war das ein kompletter Systemfehler, der den Betrug zum globalen Geschäftsprinzip erhob?
Den heutigen Finanzteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung habe ich jedenfalls mit Belustigung zur Kenntnis genommen. Man beginnt mit dem „Schock an der Wall Street“ und resümiert die übelsten Prognosen der Investmentbanker. Andernorts sind ja schon die Prognosen von Josef Ackermann als „Kontraindikator“ wahrgenommen worden. Immer wenn der Chef der Deutschen Bank verbal beruhigt, sieht man jetzt eine Katastrophe heran rollen. Nach dem „Schock“ der FAS kommt die Schuldzuweisung: „Der amerikanische Staat ist schuld“ (Geld und mehr, S. 45). Dann kommt eine Werbung der Commerzbank parallel zu den aktuellen Börsendaten. Auf der folgenden Seite klärt man die Anleger darüber auf, was sie „jetzt wissen müssen“ (S. 49), damit sie ihr - falls vorhanden - Vermögen nicht in einer Pappschachtel begraben wollen. Zielsicher geht es über zu Seite 51, wo es beruhigend heisst: „Trotz allem: Mit Aktien fürs Alter vorsorgen“. Selbst Norbert Blüm als Sonntagsredner darf noch mal auftreten: „Ich habe es immer gesagt“. Und zum Schluss kommt die Rache an den verirrten Schäflein: „Jetzt geht es den Spekulanten an den Kragen“.
„Als das Wünschen noch geholfen hat“, heisst die märchenhafte Devise. Und die Parole lautet: Alles wird gut. Die Guten kriegen ihre Rente, und die Bösen schleichen mit ihrer Pappschachtel nach Hause. Man gibt den Bösen jetzt auch einen Namen: „Leerverkäufer“ heisst die unliebsame Tätigkeit. Der erste Leerverkäufer war übrigens ein gewisser Isaac Le Maire: „Der Amsterdamer Schiffseigner verkaufte schon 1609 Aktien, die er sich nur geliehen hatte. schon damals allerdings reagierten die Behörden verschnupft.“ (FAS, S. 52)
Mit unzähligen Milliarden wird der „verschnupfte“ amerikanische Staat nun für die faulen Kredite bürgen- mit Geld übrigens, das er - hoch verschuldet - gar nicht hat. Um das zu finanzieren, müsste man die Steuern anheben. Aber das wird wirtschaftlich und politisch kaum zu machen sein. Was bleibt? Eine neue Spekulationsblase muss her, ganz einfach.