Karl

Eyjafjallajökull


Es war spät- Zeit, um zu Bett zu gehen. Aber am iPhone spielte noch die perlende Klaviermusik von Anat Fort, Karl konnte sich nicht davon trennen. Er rauchte die letzte Zigarette am offenen Dachfenster, und da sah er ihn: Den tief orange- farbenen Sichelmond, der in empfangender Gebärde am Himmel stand. Eine kleine Wolke aus Glas und Asche, die morgens die Autos bedeckte, hatte ihm diesen orangen Anstrich verpasst. So tönte er mit einer Stimme, die den kommenden Frühling ankündigte und begleitete. Der Mond in seinem goldfarbenen Gewand verbreitete eine Stimmung, die in Karls innerem Auge etwas Marienhaftes hatte: Etwas von dem mythischen Geheimnis der Ewigen Jungfrau.

Jeder, der sprechen konnte, sagte an diesem Tag: Wie still es heute ist. Man genoss, falls man nicht fliegen musste, den totalen Stillstand von Lohausen am anderen Rheinufer. Wie einig man sich doch ist, wenn es darauf ankommt. Man fühlte ganz allgemein, wie schnell unser tägliches Leben doch vom vibrierenden Takt der Maschinen durchzogen ist, selbst in den abgelegensten Ecken des Seins. Zwei Tage Ruhe, und man hatte für einen kurzen Augenblick einen anderen Blick auf seine Zeit.
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Karls Sommer

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Karl ging die lange Treppe vom Arno hinauf, auf Stufen, die für Riesen gemacht sein könnten. Nur hinterließen Riesen keine Plastikflaschen im Gebüsch. Es ging ein paar Hundert Meter bis zum Platz des Michelangelo. Auch dort stand ­eine Kopie des David. Aber man hatte von dort oben die beste Aussicht auf Florenz. Die Talsenke breitete sich weit aus, durchschnitten vom Wasserlauf des Arno und in der Mitte gekrönt von den Kuppeln des Doms und des Baptisteriums.

Von hier aus stieg Karl über eine dröhnende Strasse zweihundert Meter bergauf bis zum schmaleren Treppengang der Kirche San Miniato al Monte.  Hier sollte schon -­ so liest man- Michelangelo oft gesessen und die Aussicht auf seine Stadt genossen haben. San Miniato war die Perle, klar strukturiert mit weißen und schwarzen Marmorbändern. Das Pompöse der großen Sakralbauten der Stadtmitte war hier verschwunden. Über dem Türsturz der Hinweis, dass man die Pforte des Himmels durchschritt. Und dann die Stille. Dieser Stätte merkte man an, dass sie Tausende von Jahren alt sein musste. In der kargen, aber weitläufigen Krypta vollzogen Mönche liturgische Gesänge als Teil ihrer Abendmesse.

San Miniato ist der Ort, an den Karl immer wieder zurück kommen möchte. Nicht nur, weil hierhin normalerweise wenig Publikum hinauf findet in dieser überlaufenen, vibrierenden Stadt. Sondern auch, weil er hier sofort zu sich selbst kam. Es wurde gleich von irgendwo her die Frage gestellt: Was hast du gemacht, wie hast du gelebt? Er stellte sie sich selbst, empfand aber etwas wie einen Blick auf sich, einen Jemand, einen ewigen Freund. Es war Karl nicht klar, wieso er gerade hier in die innerste Klarheit geriet, als hätte diese auf ihn gewartet.

Die Mönche sangen, und der Schweiß lief Karl in Strömen von Schädel herab. Er fühlte sich körperlich nicht wohl, wie so oft. Er wusste keine Antwort auf die Fragen. Aber das war nicht schlimm, es war wie es war, und auch das wusste Karl genau. Es fand eine Art Zwiegespräch statt, an das er sich später nur unscharf erinnern konnte. Karl wusste, es war nicht schlimm, dass er ein so untalentierter, durchschnittlicher Kerl mit seinen kleinen Geheimnissen war. Er spürte seine Eitelkeit wie ein brennendes Ekzem auf dem ganzen Körper, aber das machte nichts, denn in diesem Augenblick konnte er es abstreifen wie ein Bärenfell im Märchen.

Er wusste, vor ihm waren gerade die Bilder, die innersten Intentionen seines Lebens aufgetan worden, aber er konnte sich nicht erinnern. Wie hätte er dieses Leben auch sonst leben können? Es war gut, sich nicht zu erinnern. Seine Vision war kein pathetisches Gegenüber, sondern ein präzises und rationales, aber ihm ganz zugewandt. Er hatte kein Bild gehabt und keine Vorstellungen gebildet. Er wusste, es war ein Gegenüber, weil es ihm gegenüber sein wollte, Es hatte etwas von einer Lagebesprechung über den Verlauf von Karls Leben- eine Art umgekehrtes Resümee.

Über der Krypta tobte trotz des österlichen Konzerts ein Stimmenmeer. Die Florentiner picknickten, telefonierten, stillten Babies in der Kathedrale. Es war, als wäre der Zentralbahnhof zum Konzert erschienen. Langsam löste sich Karl aus dem Dialog. Er stieg die Treppen hinauf, winkte seiner Begleiterin zu, die ihn aus den Augen verloren hatte. Arm in Arm stiegen sie in den warmen Sommerabend von Florenz, und die Nacht verschluckte sie.
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Wie ein Tier, das sich schüttelt

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Karl glaubte an den Gott der Wahrheit. Er wusste, diesem Gott konnte man sich nur annähern, wenn man in sich im Haus der Wahrheit stehen konnte- für eine diskrete Weile, in einer klaren, kühlen Versenkung.

Versenkungen dürfen nicht schnulzig sein, nicht glatt, glamourös oder schmierig. Karl wusste, diesem Gott konnte man sich nur annähern, indem man ihn in sich fand, aber ohne Firlefanz und putzige Selbstgefühle: die seelischen Arabesken eben, die die klare Sicht eines Jeden mit fadenscheinigen Vorhängen bedecken. Die Kreise, in denen man sich dreht- ein planetarisches System für sich, eine mit seltsamen Hieroglyphen über und über beschriebene Glaskugel, die nur sich selbst und die eigene Vergangenheit bespiegelt. Es ist eine Welt, in die man wieder und wieder zurück fällt, selbst wenn man einen Augenblick der klaren Sicht ergattern konnte - eine Verzauberung wie von Circe.

Karl stand an einem stürmischen Aprilsonntag im Sand und schaute auf die bewegte Nordsee. Die bulligen Wolken schoben sich mit gewaltigen schwarzen Bäuchen vom Meer kommend übers Land. Alle Seevögel hatten sich im Windschatten der Deiche in zahllosen schwarzen Punkten niedergelassen. Das Dünengras bewegte sich, als schüttele sich ein unabsehbares Tier in Wellen. Die Gischt der See lagerte auf Karls Gesicht einen dünnen Salzfilm ab. In diesem Augenblick, für einen Augenblick, glaubte das Meer an Karl.

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Der Gärtner

Im Grunde war es - dachte Karl- wie früher auf den grossen Parties, wenn ein Haus „sturmfrei“ zur Verfügung stand, für einen Abend, eine Nacht und einen Morgen danach. Eingeladen war Karl nie. Er zog einfach mit den Freunden durchs Städtchen und kehrte irgendwo ein, wohin es sie eben zog. Man klingelte, und irgend jemand öffnete die Tür. Von drinnen drang ein unwiderstehlicher Schwall von Gesprächen, Gerüchen, Musik und Rauch. Manchmal feierte Karl die ganze Zeit mit, ohne ein einziges Mal zu wissen oder zu fragen, wer eigentlich der Hausherr war. Sie alle waren doch einfach durch die Tatsache verbunden, dass sie jung waren.

Hätte er morgens nach kurzem Schlaf in den Garten geschaut, hätte er wahrscheinlich den Gärtner gesehen, der gerade die Büsche schnitt. Aber Karl schaute nicht.

Im Haus der Erleuchtung wird man nicht belehrt. Es werden Fragen erwartet, wie eben von einem materialistischen Parzival des 21. Jahrhunderts. Denn man bemerkt nur das, was man ist, so wie jede Frage der Antizipation der passenden Antwort zugrunde liegt. Man hat es eigentlich schon immer gewusst, es nur durch widrige Umstände zwischenzeitlich vergessen. Im Haus der Erleuchtung ist man endlich zuhause.

Karl drückte seine Zigarette an einem eisernen Zaunpfahl aus und ging. Es war spät, der Himmel wölbte sich in einer Pracht von Indigo, und der warme Frühlingswind roch nach Versprechungen, die keinen Namen haben.
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Der Wind auf den man bauen kann

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Manchmal erschien es Karl, als stünde er in einem Gegenwind- ein kühler Wind, der ihn fast physisch berührte und bedrängte, aber selbst nichts körperliches hatte, nichts, was zu hören oder zu sehen gewesen wäre. Er drängte auch nirgendwo hin, denn er entsprang der Stille und führte auch wieder zu ihr hin.

Der Wind, der keiner war, wurde Karls ständiger Begleiter. Es kam so weit, dass Karl ihn sich herbei wünschte, wenn er in Entscheidungen stand, in schwierigen Situationen, wenn er unter Druck stand und vielleicht in Verhaltensmuster zurück gefallen wäre, mit denen er sich das Leben lang genug selbst schwer gemacht hatte. Der sanfte Wind war ein guter Begleiter.

Allmählich lernte Karl, dass der Wind auch Forderungen stellte. Karl dachte an Madeleines unbedingte Aufrichtigkeit. Der Wind duldete keine schiefen Positionen, in die man sich stellen mochte. Vielleicht blies er auch allmählich Karls schroffe Kanten ab- eine Art innerer Erosion. Das war immerhin eine Hoffnung, wenn auch unwahrscheinlich.

Aber Karl musste auch lernen, dass der kühle Wind verschwinden konnte. Er hatte sich geirrt. Er hatte gedacht, der Wind sei inzwischen zu seinem Eigentum geworden. Karl hatte sich auf ihn verlassen. Aber es gab neue Nachrichten, die Karl in den Ohren klingelten. Es gab Umstände, die so laut und schmerzlich waren, dass Karl die Stille verlor. Er hatte vergessen, dass man den Boden unter den Füßen verlieren kann. Es ist ein Fehler, wenn man es so weit kommen lässt. Denn wenn der Wind still steht, gelingt gar nichts mehr. Das Glück wendet sich ab, als hätte es einen nie gekannt. Es ist, als ginge man plötzlich wie ein Fremder durch sein Leben. Man kann nicht glauben, dass das möglich ist. Aber wer vom Wind verlassen ist, hat nichts mehr, auf das er bauen kann.

Wer vom Wind verlassen wird, kann nur warten. Aber vielleicht ist das schreckliche Warten nichts anderes als die Abwesenheit des Windes, der unterwegs abhanden kam. Man darf sich im Warten nicht einrichten, selbst wenn jede Änderung des prekären Zustands als, vernünftig gesehen, unwahrscheinlich gelten muss. Wer den Wind kennt, weiss eigentlich, dass dieser eigene Wege geht und einen dort erwartet, wo man nicht gewartet hat.

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Ein weiterer Baustein zur Internet- Erzählung „Karls Jahr
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Karls Frühling

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Wahrscheinlich hatte er schon als junger Mensch neben den unvermeidlichen Rockkonzerten, den verrückten Reisen nach Amsterdam und London und dem Studium eines Buches von Sri Aurobindo einfach zu viel Novalis gelesen. Für Karl war die Romantik kein Klischee und keine Kunstepoche, sondern eine Betrachtungsweise.

Hingebungsvoll sah er den Frühlingsmond im Fenster. Es hätte in diesem Moment nur dieser Mond sein können, diese Form, dieser Ausdruck: Eine blasse, schmale Sichel, die nur den unteren Rand des Mondes zeigte und daher wirkte wie eine Schale. Einen Augenblick lang war es Karl, als stünde er in der Stille. Es war Mitte Februar und für die Jahreszeit viel zu kalt. Auch die am Morgen und gelegentlich auch im Laufe des Tages trällernden melodiösen Schlenker der Vögel, die in ihrem Klang weite Räume umfassten, wirkten, als wollten sie den scharfen, kalten, aber lockenden ersten Frühlings- Sonnenstrahlen eine Schale bauen.

Die Stimmung am Himmel wie in den kahlen Bäumen war in Erwartung getaucht. Unter dem Schnee, der langsam schmolz, fühlte Karl das rege Leben, Würmer und Wurzeln. Aus den Teichen, auf deren Oberflächen das Eis nur mühsam wich, trat der intensive Geruch von moderndem altem Laub aus. Im Wald wühlte Karls Hund im Boden, wo ihn der aufsteigende pilzige Duft reizte.

Einen Augenblick lang war es Karl, als stünde er in der Stille. Die Natur trat auf ihn zu und in ihn ein. Sie war innerlich ganz ineinander abgestimmt, ein gleich klingendes Wollen. Karl rauchte noch eine Zigarette, dann schloss er das Fenster.
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Zur ganzen Erzählung, die mit diesem Abschnitt fortgeführt wird..
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