Meditation
Spiegelwesen & der Abgrund
03.Feb.2012 22:21 Uhr
Unsere Identität entspringt - so absurd es zunächst erscheinen mag- der Tatsache "gespiegelt zu werden" (Alice Miller, Das Drama des begabten Kindes) - im Dialog, im Erwachsenenalter, aber auch, auf sehr viel existentiellerer Ebene, als Kleinstkind:
"Die Mutter schaut das Baby an, das sie im Arm hält, das Baby schaut in das Antlitz der Mutter und findet sich selbst darin. vorausgesetzt, dass die Mutter tatsächlich das kleine einmalige, hilflose Wesen anschaut und nicht ihre eigenen Introjekte, auch nicht ihre Erwartungen, Ängste, Pläne, die sie für das Kind schmiedet, auf das Kind projiziert. Im letzteren Fall findet das Kind im Antlitz der Mutter nicht sich selbst, sondern die Not der Mutter. Es selbst bleibt ohne Spiegel und wird in seinem ganzen späteren Leben vergeblich diesen Spiegel suchen." (S. 59f)
Alice Miller meint damit auch, dass diese Art von frühkindlichem Mangel im Angeschautwerden später dazu führt, dass aus diesen Kindern Meister im Verstehen werden, insbesondere Psychoanalytiker, aber natürlich auch Psychologen oder Profi- Versteher in sozialen Berufen. Manchmal sind die individuellen Bedürfnisse in sozialen Berufen tatsächlich enorm- eine Anspannung, ein innerer Drive, der die Professionalität teilweise wieder zunichte macht oder zumindest unterläuft (ich kenne das, ich war selbst betroffen). Dass die innere Intention auch einem existentiellen Bedürfnis entspringen kann, bleibt meist im Unbewussten. Menschen mit einer "inneren Mission" können viel bewirken, aber auch viel blockieren, da immer dieser innere Stachel hinein spielt.
Aber natürlich existieren wir auch sonst als Erwachsene dadurch, dass wir von Anderen gespiegelt werden. Das zeigt sich bei Untersuchungen (ich werde noch in einem Post darauf eingehen) von Schlaganfallpatienten, deren Gesichtszüge teilweise gelähmt bleiben. Nicht selten setzt danach eine soziale Isolation ein, da Emotionen sich nicht mehr im Gesicht darstellen lassen- es bleibt maskenhaft für den Gesprächspartner. Die Patienten können das spiegelnde emotionale Feedback nicht mehr oder nur bedingt leisten. Das ist für Gesprächspartner häufig kaum zu ertragen; wir hängen einfach zu sehr davon ab, bestätigt zu werden. Diese ununterbrochene Feedback- Schleife, mit der wir durchs Leben gehen, bleibt weitgehend unbemerkt. Man malt sich kaum aus, in welche prekäre Lage Schlaganfallpatienten oder Unfallopfer dadurch kommen. Wenn jemand auf unser Erscheinen oder unsere Äußerungen und Reaktionen nicht reagiert, sondern einfach wie eine Ding vor uns steht, verunsichert uns das, selbst wenn wir wissen, dass der Patient nicht reagieren kann. Wir baden in einem Meer von emotionalen Feedbacks, denn daraus konstituieren wir uns, dadurch fühlen wir uns, dadurch sind wir angenommen und angekommen.
Ich denke an den Opern- Regisseur Peter Sellars, von der Figur her ein Gnom, aber von unglaublicher Energie, ein geradezu berstender Energetiker. Ich sah in einer Dokumentation in einer langen Einstellung sein Gesicht. Er hörte Passagen aus einer Aufführung, und die Musik spiegelte sich in seinem nackten Gesicht in Vollkommenheit. Ich habe noch nie ein so nacktes und wesentliches Gesicht gesehen, in dem nichts "nur- Eigenes" mehr zu sehen war, sondern der Ausdruck dieser Musik in allen Nuancen, wie Wolken, die über das blanke Blau ziehen.
Ja, es ist schon auch ein Akt der Emanzipation, nicht restlos in das Geflecht unserer Spiegelungen verwoben zu sein. Einen freien Blick und etwas Entzug zu bekommen von dieser Sucht. Den emotionalen Erwartungen selbst nicht immer zu entsprechen, nicht immer diese Bedürfnisse unserer Umgebung zu befriedigen, kann nichts sein, was man sich vornimmt. Man könnte sich dann auch selbst entsorgen. Es spricht nun rein gar nichts gegen Grundformen der Höflichkeit und der sozialen Verbindlichkeit. Vielleicht ist es klüger, seine Emanzipation auf anderer Ebene zu erproben. Im meditativen Arbeiten z.B. findet man keine Belobigungen. In gewisser Weise steht man einfach nackt vor etwas, was wir darum als Leere empfinden, weil dies ein Reich ohne Spiegel ist. Es gibt nicht einmal mehr körperliche und biologische Rückmeldungen. Der Gedankenfluss steht still. Niemand bestätigt uns, niemand schaut uns an. Wir sind konzentriert, aber ohne Inhalte, ohne Ziel, ohne "Das". Da wir Spiegelwesen sind, ist das ein Moment am Abgrund. Ohne ein "Das" sind wir, so wie wir sind, einfach nicht mehr existent. Aber dort, am Abgründigen, entspringt zugleich das, was an uns Kraft ist. Wir bemerken unsere tiefen Unterströmungen einfach nicht, weil wir in dieser Maya der Spiegelungen so verstrickt sind.
Das, was dieses Schweigen übersteht, was uns trägt, was uns mit Wärme, Leben und Klarheit hier entspringt, ist das, was keine Bestätigung benötigt, sondern sich selber trägt. Wir sind "die geistige Welt". Wir müssen durch diesen Nullpunkt hindurch, um dessen gewahr zu werden.
Hier Peter Sellars „erste Lektion“:
"Die Mutter schaut das Baby an, das sie im Arm hält, das Baby schaut in das Antlitz der Mutter und findet sich selbst darin. vorausgesetzt, dass die Mutter tatsächlich das kleine einmalige, hilflose Wesen anschaut und nicht ihre eigenen Introjekte, auch nicht ihre Erwartungen, Ängste, Pläne, die sie für das Kind schmiedet, auf das Kind projiziert. Im letzteren Fall findet das Kind im Antlitz der Mutter nicht sich selbst, sondern die Not der Mutter. Es selbst bleibt ohne Spiegel und wird in seinem ganzen späteren Leben vergeblich diesen Spiegel suchen." (S. 59f)
Alice Miller meint damit auch, dass diese Art von frühkindlichem Mangel im Angeschautwerden später dazu führt, dass aus diesen Kindern Meister im Verstehen werden, insbesondere Psychoanalytiker, aber natürlich auch Psychologen oder Profi- Versteher in sozialen Berufen. Manchmal sind die individuellen Bedürfnisse in sozialen Berufen tatsächlich enorm- eine Anspannung, ein innerer Drive, der die Professionalität teilweise wieder zunichte macht oder zumindest unterläuft (ich kenne das, ich war selbst betroffen). Dass die innere Intention auch einem existentiellen Bedürfnis entspringen kann, bleibt meist im Unbewussten. Menschen mit einer "inneren Mission" können viel bewirken, aber auch viel blockieren, da immer dieser innere Stachel hinein spielt.
Aber natürlich existieren wir auch sonst als Erwachsene dadurch, dass wir von Anderen gespiegelt werden. Das zeigt sich bei Untersuchungen (ich werde noch in einem Post darauf eingehen) von Schlaganfallpatienten, deren Gesichtszüge teilweise gelähmt bleiben. Nicht selten setzt danach eine soziale Isolation ein, da Emotionen sich nicht mehr im Gesicht darstellen lassen- es bleibt maskenhaft für den Gesprächspartner. Die Patienten können das spiegelnde emotionale Feedback nicht mehr oder nur bedingt leisten. Das ist für Gesprächspartner häufig kaum zu ertragen; wir hängen einfach zu sehr davon ab, bestätigt zu werden. Diese ununterbrochene Feedback- Schleife, mit der wir durchs Leben gehen, bleibt weitgehend unbemerkt. Man malt sich kaum aus, in welche prekäre Lage Schlaganfallpatienten oder Unfallopfer dadurch kommen. Wenn jemand auf unser Erscheinen oder unsere Äußerungen und Reaktionen nicht reagiert, sondern einfach wie eine Ding vor uns steht, verunsichert uns das, selbst wenn wir wissen, dass der Patient nicht reagieren kann. Wir baden in einem Meer von emotionalen Feedbacks, denn daraus konstituieren wir uns, dadurch fühlen wir uns, dadurch sind wir angenommen und angekommen.
Ich denke an den Opern- Regisseur Peter Sellars, von der Figur her ein Gnom, aber von unglaublicher Energie, ein geradezu berstender Energetiker. Ich sah in einer Dokumentation in einer langen Einstellung sein Gesicht. Er hörte Passagen aus einer Aufführung, und die Musik spiegelte sich in seinem nackten Gesicht in Vollkommenheit. Ich habe noch nie ein so nacktes und wesentliches Gesicht gesehen, in dem nichts "nur- Eigenes" mehr zu sehen war, sondern der Ausdruck dieser Musik in allen Nuancen, wie Wolken, die über das blanke Blau ziehen.
Ja, es ist schon auch ein Akt der Emanzipation, nicht restlos in das Geflecht unserer Spiegelungen verwoben zu sein. Einen freien Blick und etwas Entzug zu bekommen von dieser Sucht. Den emotionalen Erwartungen selbst nicht immer zu entsprechen, nicht immer diese Bedürfnisse unserer Umgebung zu befriedigen, kann nichts sein, was man sich vornimmt. Man könnte sich dann auch selbst entsorgen. Es spricht nun rein gar nichts gegen Grundformen der Höflichkeit und der sozialen Verbindlichkeit. Vielleicht ist es klüger, seine Emanzipation auf anderer Ebene zu erproben. Im meditativen Arbeiten z.B. findet man keine Belobigungen. In gewisser Weise steht man einfach nackt vor etwas, was wir darum als Leere empfinden, weil dies ein Reich ohne Spiegel ist. Es gibt nicht einmal mehr körperliche und biologische Rückmeldungen. Der Gedankenfluss steht still. Niemand bestätigt uns, niemand schaut uns an. Wir sind konzentriert, aber ohne Inhalte, ohne Ziel, ohne "Das". Da wir Spiegelwesen sind, ist das ein Moment am Abgrund. Ohne ein "Das" sind wir, so wie wir sind, einfach nicht mehr existent. Aber dort, am Abgründigen, entspringt zugleich das, was an uns Kraft ist. Wir bemerken unsere tiefen Unterströmungen einfach nicht, weil wir in dieser Maya der Spiegelungen so verstrickt sind.
Das, was dieses Schweigen übersteht, was uns trägt, was uns mit Wärme, Leben und Klarheit hier entspringt, ist das, was keine Bestätigung benötigt, sondern sich selber trägt. Wir sind "die geistige Welt". Wir müssen durch diesen Nullpunkt hindurch, um dessen gewahr zu werden.
Hier Peter Sellars „erste Lektion“:
Comments
Hans-Peter Dieckmann: Anmerkungen zur meditativen Praxis
15.Jan.2012 17:26 Uhr
Man hört oft, dass manche Menschen im meditativen Prozess seelisch verändern, aber nicht unbedingt zu ihrem Vorteil. Manchmal scheinen problematische seelische Reflexe erst richtig frei zu werden.
HP: Trotzdem sage ich mir: ob mein Meditieren das zähe Seelische nachhaltig verwandelt, hängt nur von meiner Ausdauer sowie der Intensivierung meines Meditierens ab. Und verschlimmert das Meditieren seelische Verfassungen wirklich? Ich meine, es macht sie “nur“ deutlicher bewusst und provoziert die Auseinandersetzung.
Man hört auch gelegentlich, dass erst eine Schwächung des physischen Apparates auch im Sinne einer Erkrankung manche Menschen zu „Fortschritten“ in ihrer meditativen Praxis bringen soll.
HP: Ein “Knacks“ der Physis mag Kräfte frei setzen. Ich kenne diese Freisetzung in Richtung Geist aber nur durch das Älterwerden und damit unter anderem als Meditationserleichterung. Mein Krebs jedoch fordert viele Kräfte, die ich sonst für meine okkulte Entwicklung zur Verfügung hätte. Denn es sind schließlich umgewandelte Heilungskräfte, die wir nach Rudolf Steiner für den Aufbau übersinnlicher Wahrnehmungsorgane und jedes höhere Erkennen verwenden. Ich verzichte deshalb lieber – und doch entgegen meinem Wunsch – auf das meditativen Training an der Natur. Andererseits behinderte ich ohne die Krebsbewältigung meinen okkulten Weg.
Dass wir unterschiedliche Arten des Erlebens in der meditativen Praxis haben, ist ja in unseren Gesprächen klar geworden. Wie würdest Du Deinen Zugang beschreiben?
HP: Die Art unseres geistigen Erlebens und was wir erkennen hängt zunächst bestimmt von Vorlieben und Prägungen mit ab und dabei gut möglich von früheren Einweihungen, neben den gegenwärtigen Schulungsbedingungen. So liegt mir das Imaginative einfach und zwar sowohl in Form von symbolischen Bildern, die sich aus Sinneselementen zusammensetzen und auf das Übersinnliche nur hinweisen, als auch in Form von Energiewahrnehmungen und Wahrnehmungen von Eigenschaften als Licht, die dann oft von Wärme- und Kälteeindrücken und seltener von einem geistigen Schmecken begleitet sind. Man kann zum Beispiel Reinheit schmecken, faszinierend!
Und wie vielfältig sind die übersinnlichen Licht-, Wärme- und Kälte-Eindrücke! So sah ich etwa eine in mich einströmende Liebe als warmes Licht, während sich mir eine mein Ich stärkende Kraft als klares Licht zeigte. Die Herkunft der Liebe blieb mir verborgen, doch die mein Ich stärkende Kraft enthüllte zugleich ihre Sternenherkunft, in der aber auch Hoheitliches lebte, das mir als Wesensausdruck evident wurde. Das Dämonische – je nach Grad und sofern ich es kenne - kann sich grell überspitzt oder auch düster und als eiskaltes Licht zeigen, wobei für mich gleich Leidenschaften, Bosheiten und gegebenenfalls Intelligenz und Absichten mit offenbar werden. Je bewusster ich Eigenschaften und Fähigkeiten erfasse, desto näher bin ich ihrer Wesensquelle, die mir dann mit den Imaginationen in Erfahrung treten kann. Bei meiner letzten Begegnung hieß mich ein freundliches Ich symbolisch mit ausgebreiteten Armen an der Schwelle zur geistigen Welt willkommen und schickte mir den Gedanken: „Was hinter der Grenze liegt, steht dir offen.“ Ich freute mich über diese Aussicht und so herzlich angenommen zu sein - und schreckte doch zurück: sterben will ich ja noch nicht! Aber vielleicht waren ja auch nur Einblicke ins Übersinnliche gemeint.
Ich habe Dir ja erzählt, dass es bei mir weniger imaginativ geschieht, sondern mehr im Sinne eines Plastischen- sowohl was die Selbsterfahrung anbelangt als auch das, was mir dabei an Erfahrung entgegen kommt, in aus sich selbst gespeisten wolkigen Massen, die einen Schaffens- Charakter haben, ein unentwegt produktiv Wirkendes.
HP: Ja, dieses Quellen von innen heraus, über das eine Ich-Präsenz ihr Kleid schafft und sei es als Wolke. Plastizieren ist für diese Tätigkeit ein gutes Wort, das aber doch bereits über die bloße geistige Leiblichkeit hinausweist.
HP: Trotzdem sage ich mir: ob mein Meditieren das zähe Seelische nachhaltig verwandelt, hängt nur von meiner Ausdauer sowie der Intensivierung meines Meditierens ab. Und verschlimmert das Meditieren seelische Verfassungen wirklich? Ich meine, es macht sie “nur“ deutlicher bewusst und provoziert die Auseinandersetzung.
Man hört auch gelegentlich, dass erst eine Schwächung des physischen Apparates auch im Sinne einer Erkrankung manche Menschen zu „Fortschritten“ in ihrer meditativen Praxis bringen soll.
HP: Ein “Knacks“ der Physis mag Kräfte frei setzen. Ich kenne diese Freisetzung in Richtung Geist aber nur durch das Älterwerden und damit unter anderem als Meditationserleichterung. Mein Krebs jedoch fordert viele Kräfte, die ich sonst für meine okkulte Entwicklung zur Verfügung hätte. Denn es sind schließlich umgewandelte Heilungskräfte, die wir nach Rudolf Steiner für den Aufbau übersinnlicher Wahrnehmungsorgane und jedes höhere Erkennen verwenden. Ich verzichte deshalb lieber – und doch entgegen meinem Wunsch – auf das meditativen Training an der Natur. Andererseits behinderte ich ohne die Krebsbewältigung meinen okkulten Weg.
Dass wir unterschiedliche Arten des Erlebens in der meditativen Praxis haben, ist ja in unseren Gesprächen klar geworden. Wie würdest Du Deinen Zugang beschreiben?
HP: Die Art unseres geistigen Erlebens und was wir erkennen hängt zunächst bestimmt von Vorlieben und Prägungen mit ab und dabei gut möglich von früheren Einweihungen, neben den gegenwärtigen Schulungsbedingungen. So liegt mir das Imaginative einfach und zwar sowohl in Form von symbolischen Bildern, die sich aus Sinneselementen zusammensetzen und auf das Übersinnliche nur hinweisen, als auch in Form von Energiewahrnehmungen und Wahrnehmungen von Eigenschaften als Licht, die dann oft von Wärme- und Kälteeindrücken und seltener von einem geistigen Schmecken begleitet sind. Man kann zum Beispiel Reinheit schmecken, faszinierend!
Und wie vielfältig sind die übersinnlichen Licht-, Wärme- und Kälte-Eindrücke! So sah ich etwa eine in mich einströmende Liebe als warmes Licht, während sich mir eine mein Ich stärkende Kraft als klares Licht zeigte. Die Herkunft der Liebe blieb mir verborgen, doch die mein Ich stärkende Kraft enthüllte zugleich ihre Sternenherkunft, in der aber auch Hoheitliches lebte, das mir als Wesensausdruck evident wurde. Das Dämonische – je nach Grad und sofern ich es kenne - kann sich grell überspitzt oder auch düster und als eiskaltes Licht zeigen, wobei für mich gleich Leidenschaften, Bosheiten und gegebenenfalls Intelligenz und Absichten mit offenbar werden. Je bewusster ich Eigenschaften und Fähigkeiten erfasse, desto näher bin ich ihrer Wesensquelle, die mir dann mit den Imaginationen in Erfahrung treten kann. Bei meiner letzten Begegnung hieß mich ein freundliches Ich symbolisch mit ausgebreiteten Armen an der Schwelle zur geistigen Welt willkommen und schickte mir den Gedanken: „Was hinter der Grenze liegt, steht dir offen.“ Ich freute mich über diese Aussicht und so herzlich angenommen zu sein - und schreckte doch zurück: sterben will ich ja noch nicht! Aber vielleicht waren ja auch nur Einblicke ins Übersinnliche gemeint.
Ich habe Dir ja erzählt, dass es bei mir weniger imaginativ geschieht, sondern mehr im Sinne eines Plastischen- sowohl was die Selbsterfahrung anbelangt als auch das, was mir dabei an Erfahrung entgegen kommt, in aus sich selbst gespeisten wolkigen Massen, die einen Schaffens- Charakter haben, ein unentwegt produktiv Wirkendes.
HP: Ja, dieses Quellen von innen heraus, über das eine Ich-Präsenz ihr Kleid schafft und sei es als Wolke. Plastizieren ist für diese Tätigkeit ein gutes Wort, das aber doch bereits über die bloße geistige Leiblichkeit hinausweist.
Michael Eggert: Epiphanie
30.Dez.2011 18:22 Uhr
Ich war befremdet, als ein mir bekannter Anthroposoph von seiner Begegnung mit dem Hüter der Schwelle schrieb, und, ja, was dabei heraus kam, irgend so ein imaginiertes Männlein. Das kann es doch nicht sein, dachte ich schon damals, das ist nicht der Punkt. Die Bildlein kann er sich für sein Poesiealbum aufheben, für das Drehbuch für einen Horrorfilm, für ein jesuitisches Fürbittegebet. Weg von diesen Bildereien & Kindereien. Zum Hüter der Schwelle kommt man in einem Zustand der Selbstoffenbarung, in einem Zustand, in dem man seine eigenen Reflexe überschaut, die herrschende Wetterlage mit allen meteorologischen Gegebenheiten. Man überschaut die großen Linien, in denen man sich bewegt. Das Monströse an diesem Zustand ist, dass man die eigene Konstruktion erkennt, das was man ausgelebt hat und noch immer tut, wenn auch vielleicht nicht mehr so enthusiastisch. Das zieht einem den Boden unter den Füssen weg, zumindest für eine Zeit der Unsicherheit. Wir gehen zwischenzeitlich in unserer Biografie schon mal über in einen Zustand des Pralaya, leben in einem Zwischenreich, mit einem Blick, der sich bricht an den Gegebenheiten. Denn man weiß ja zugleich, dass man nicht identisch ist mit dem, was man nun überschauen kann.
Ich bin der Zeuge meiner selbst.
Ich bin nicht identisch mit mir, nicht in jeder Hinsicht.
Ich sehe meine Einseitigkeiten, ich sehe meine Konstellationen.
Es hätte durchaus besser laufen können. Es hätte auch ganz schief gehen können. Es ist so, wie es ist. Ich bin in diesem Augenblick nicht in die Gegebenheiten verwickelt (ich bin ja im Pralaya), aber es ist und bleibt so, wie ich es geschaffen habe. Man kann natürlich die Zeit nicht zurück drehen, es gibt in diesem Sinn keine zweite Chance. Aber zugleich, in diesem losen Zwischenzustand, überwiegt doch die Hoffnung, mitsamt der Blessuren hier Gnade zu finden, eine Gnade, die einfach darin besteht, warm und lebendig auch dort zu bestehen, wo die Eierschalen des Ego abgefallen sind.
Aber nun verweigert sich mir die Nacht. Ich war mir doch sicher, diesmal würde ich ihren großen Strom finden und teilen. Ich warte schon so lange. Aber die Nacht verweigert sich. Ich kann ihren Puls spüren, ihr Strömen und Wellen, ihr unaufhörliches Schaffen. Ihre Wellen schlagen auch in meine Nacht hinein, sie füllen mich aus, ich bilde einen großen Kreis zwischen Kopf und den Handinnenflächen, ich bin ganz angefüllt von ihr. Ich spüre in mir die Quellen sprudeln, für einen Augenblick. Aber dennoch, da bleibt eine Wand. Als könnte ich das Geschehen wie durch eine Membran hören und spüren, aber selbst nicht eintreten. Hier stehe ich, ein wieder Zurückgewiesener. Ich fühle mich wie einer dieser christlichen Mystiker, obwohl ansonsten nichts dafür spricht, einer zu sein. Ich fühle mich so, weil ich mich frage, ob ich nicht genüge. Es ist die moralische Frage an sich selbst, und sofort kochen die Schwächen und Jämmerlichkeiten aus dem sonst gut behüteten Gedächtnistopf auf. Ach je, da ist sie ja, die existentielle Frage, das implementierte Kirchenchristentum. Womöglich suche ich auch nur Gründe, weil man das eben so macht. Man will zumindest einen Zusammenhang, auch wenn man sich selbst dafür auseinander nehmen muss. Ja, es ist eine Reifeprüfung. Man steht vor dem Tor, aber man kennt den Schlüssel nicht, es zu öffnen. Hinter dem Tor rauscht die Nacht, und du fühlst dich mit ihr verbunden. Du hast keine Ahnung, wie es weiter gehen könnte. Womöglich weißt du die richtige Frage nicht, du dämlicher Steinzeitparzival.
Aber wahrscheinlich geht es an diesem Punkt nicht um das Fragen, sondern um das Haften an eine Erwartung, es müsse „weiter gehen“. Es gibt hier kein „Weiter“, es gibt kein „Gehen“. Es gibt kein Davor und Danach, kein Hier und Da. Das alles sind Vorstellungen aus der Welt der Erscheinungen. Hier geht es nur darum, aus der „Verborgenheit in die Unverborgenheit“ (Georg Kühlewind) zu treten:
„Das Verborgenste auf der Welt ist das menschliche Ich selbst, weil es alles andere vernimmt. Die Erfahrung des Ich-bin ist der Inbegriff der Paradoxie, sie ist eine freie Tat des Menschen. Sie entspricht der Logos- Epiphanias in Jesus oder der Epiphanias der paradiesischen Urkraft als Gral. Sie wird von Rudolf Steiner in einem entsprechend paradoxen Text beschrieben: „In der Bewusstseinsseele enthüllt sich erst die wirkliche Natur des „Ich“. Denn während sich die Seele in Empfindung und Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Bewusstseinsseele ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses „Ich“ durch die Bewusstseinsseele auch nicht anders als durch eine gewisse innere Tätigkeit wahrgenommen werden. Die Vorstellungen von äußeren Gegenständen werden gebildet, so wie diese Gegenstände kommen und gehen; und diese Vorstellungen arbeiten im Verstande weiter durch ihre eigene Kraft. Soll aber das „Ich“ sich selbst wahrnehmen, so kann es nicht bloß sich hingeben; es muss durch innere Tätigkeit seine eigene Wesenheit aus den eigenen Tiefen erst herauf holen, um ein Bewusstsein davon zu haben. Mit der Wahrnehmung des „Ich“ - mit der Selbstbesinnung- beginnt eine innere Tätigkeit des „Ich“. Durch diese Tätigkeit hat die Wahrnehmung des Ich in der Bewusstseinsseele für den Menschen eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles dessen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden anderen Glieder der Seele an ihn heran dringt.“
---------------------------
Zitate: Georg Kühlewind, Der Gral oder was die Liebe vermag
Rudolf Steiner, die Geheimwissenschaft im Umriss
Ich bin der Zeuge meiner selbst.
Ich bin nicht identisch mit mir, nicht in jeder Hinsicht.
Ich sehe meine Einseitigkeiten, ich sehe meine Konstellationen.
Es hätte durchaus besser laufen können. Es hätte auch ganz schief gehen können. Es ist so, wie es ist. Ich bin in diesem Augenblick nicht in die Gegebenheiten verwickelt (ich bin ja im Pralaya), aber es ist und bleibt so, wie ich es geschaffen habe. Man kann natürlich die Zeit nicht zurück drehen, es gibt in diesem Sinn keine zweite Chance. Aber zugleich, in diesem losen Zwischenzustand, überwiegt doch die Hoffnung, mitsamt der Blessuren hier Gnade zu finden, eine Gnade, die einfach darin besteht, warm und lebendig auch dort zu bestehen, wo die Eierschalen des Ego abgefallen sind.
Aber nun verweigert sich mir die Nacht. Ich war mir doch sicher, diesmal würde ich ihren großen Strom finden und teilen. Ich warte schon so lange. Aber die Nacht verweigert sich. Ich kann ihren Puls spüren, ihr Strömen und Wellen, ihr unaufhörliches Schaffen. Ihre Wellen schlagen auch in meine Nacht hinein, sie füllen mich aus, ich bilde einen großen Kreis zwischen Kopf und den Handinnenflächen, ich bin ganz angefüllt von ihr. Ich spüre in mir die Quellen sprudeln, für einen Augenblick. Aber dennoch, da bleibt eine Wand. Als könnte ich das Geschehen wie durch eine Membran hören und spüren, aber selbst nicht eintreten. Hier stehe ich, ein wieder Zurückgewiesener. Ich fühle mich wie einer dieser christlichen Mystiker, obwohl ansonsten nichts dafür spricht, einer zu sein. Ich fühle mich so, weil ich mich frage, ob ich nicht genüge. Es ist die moralische Frage an sich selbst, und sofort kochen die Schwächen und Jämmerlichkeiten aus dem sonst gut behüteten Gedächtnistopf auf. Ach je, da ist sie ja, die existentielle Frage, das implementierte Kirchenchristentum. Womöglich suche ich auch nur Gründe, weil man das eben so macht. Man will zumindest einen Zusammenhang, auch wenn man sich selbst dafür auseinander nehmen muss. Ja, es ist eine Reifeprüfung. Man steht vor dem Tor, aber man kennt den Schlüssel nicht, es zu öffnen. Hinter dem Tor rauscht die Nacht, und du fühlst dich mit ihr verbunden. Du hast keine Ahnung, wie es weiter gehen könnte. Womöglich weißt du die richtige Frage nicht, du dämlicher Steinzeitparzival.
Aber wahrscheinlich geht es an diesem Punkt nicht um das Fragen, sondern um das Haften an eine Erwartung, es müsse „weiter gehen“. Es gibt hier kein „Weiter“, es gibt kein „Gehen“. Es gibt kein Davor und Danach, kein Hier und Da. Das alles sind Vorstellungen aus der Welt der Erscheinungen. Hier geht es nur darum, aus der „Verborgenheit in die Unverborgenheit“ (Georg Kühlewind) zu treten:
„Das Verborgenste auf der Welt ist das menschliche Ich selbst, weil es alles andere vernimmt. Die Erfahrung des Ich-bin ist der Inbegriff der Paradoxie, sie ist eine freie Tat des Menschen. Sie entspricht der Logos- Epiphanias in Jesus oder der Epiphanias der paradiesischen Urkraft als Gral. Sie wird von Rudolf Steiner in einem entsprechend paradoxen Text beschrieben: „In der Bewusstseinsseele enthüllt sich erst die wirkliche Natur des „Ich“. Denn während sich die Seele in Empfindung und Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Bewusstseinsseele ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses „Ich“ durch die Bewusstseinsseele auch nicht anders als durch eine gewisse innere Tätigkeit wahrgenommen werden. Die Vorstellungen von äußeren Gegenständen werden gebildet, so wie diese Gegenstände kommen und gehen; und diese Vorstellungen arbeiten im Verstande weiter durch ihre eigene Kraft. Soll aber das „Ich“ sich selbst wahrnehmen, so kann es nicht bloß sich hingeben; es muss durch innere Tätigkeit seine eigene Wesenheit aus den eigenen Tiefen erst herauf holen, um ein Bewusstsein davon zu haben. Mit der Wahrnehmung des „Ich“ - mit der Selbstbesinnung- beginnt eine innere Tätigkeit des „Ich“. Durch diese Tätigkeit hat die Wahrnehmung des Ich in der Bewusstseinsseele für den Menschen eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles dessen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden anderen Glieder der Seele an ihn heran dringt.“
---------------------------
Zitate: Georg Kühlewind, Der Gral oder was die Liebe vermag
Rudolf Steiner, die Geheimwissenschaft im Umriss
Dorian Schmidt: Lebenskräfte- Bildekräfte
18.Dez.2011 17:49 Uhr
An dieser Stelle noch ein Hinweis auf Dorian Schmidts neues Buch „Lebenskräfte- Bildkräfte. Methodische Grundlagen zur Erforschung des Lebendigen“. Hier müssen die Sonntagsanthroposophen, denen es auf warme Gefühle und ebensolche Worte ankommt, einmal weghören, denn es geht um ein Übungsbuch, dem Gefühligkeiten, Spekulatives & Mystisches völlig fremd sind. Schmidt legt Wert darauf, seine Arbeit als „religionsneutral“ zu bezeichnen. Das ist ja auch völlig richtig und sachlich. Wem ein Übungsweg in Bezug auf die Annäherung an das Lebendige fremd geblieben ist, wird mit diesem Buch nicht warm werden. Schmidt entwirft eine Methodik des Übens, geizt auch nicht mit Tabellen und Schemata, allerdings stets im Dienst der Sache, nicht um gegenüber Teilhabern einer Powerpoint- Generation gegenüber zu punkten. An manchen Stellen - gerade zu Beginn des Übungsweges- gehören auch mathematische Aufgaben zum Standard. Im Kern geht es darum, dass „die Wahrnehmung sich in Richtung eines Miterlebend der Lebenskräfte (oder Ätherkräfte oder Bildekräfte) vertieft.“ (S. 22) Die „lahme Ente“ des alltagstauglichen Standarddenkens soll gekräftigt werden, um Beweglichkeit, Flüssigkeit, Kraft, Eindringlichkeit, Weite und Geschwindigkeit zu verbessern. Aber auch Qualitäten wie das Erlernen des „hingebungsvollen Warten(s)“ (S. 24) werden gepflegt. Schmidt verbringt viel Zeit damit, in diesen Prozessen denken, Fühlen und Wollen zu differenzieren und jeweils konkrete Erfahrungen, die sich einstellen können, darzustellen. Er geht dabei sehr angenehm vor; d.h. er hat selbst genügend Übung, um ganz unterschiedliche mögliche Erfahrungen zu umreißen. So ist die „Bandbreite von Möglichkeiten“ in der ersten „Wahrnehmung der Ätherkräfte“ (S. 46) denkbar weit gestreut, je nachdem, welche Sinnesqualitäten beim jeweiligen Übenden dominieren: „Die Ätherkräfte können als reine Kraftimpulse erlebt werden; das entspräche der Sinneswahrnehmung durch den Tastsinn, oder aber als leuchtende, strahlende, innerlich sich bewegende Bilder oder Folgen von Bildern.“ (S. 46) Das erschwert die Verständigung, zumal auch andere Sinnesqualitäten im Vordergrund stehen können. Typisch ist, dass solche Erfahrungen in ihren jeweiligen Spezialitäten gemeinsam haben, dass „das Bild einer wahrgenommenen Ätherkraft Kraft abstrahlt, Kraft spendet, eine Art über- oder ausquellenden Charakter hat.“ (S. 47)
Schmidt verwendet auch viel Energie dafür, denkbare Schwierigkeiten anzusprechen, spezifische und doch typische Hindernisse wie etwa „die fortwährende Kommentierung von Denkergebnissen durch die fühlende Seele“ (S. 52) - alles Aspekte des Alltagsdenkens mit seinen „eindeutig autistische(n) Züge(n)“ (S. 51), die andernorts (etwa bei Carlos Castaneda) als „innerer Monolog“ qualifiziert werden. Die „Verdünnung“ der Ich- Kräfte in die „vielfältigen Seelentätigkeiten“ (S. 54) soll überwunden werden, um sich dann, im folgenden Teil des Buches, konkret auf die Lebensqualitäten der umgebenden Natur einlassen zu können. Dies geschieht nun nicht in einer bloß seelischen Öffnung, sondern in einer qualifizierten Konzentration, einer erhöhten Präsenz. Ausgangspunkte sind zunächst Erscheinungen in einer weitläufigen Landschaft, dann zunehmend konkrete Pflanzen. Für den Naturwissenschaftler wird es befremdlich wirken, dass dabei auch Empfindungen wie die eines „tiefen, offenen Staunens“ auftreten können, die eine Begleitung des Prozesses oder einen Grundakkord anschlagen. Typisch für die einsetzenden ersten Wahrnehmungen des Ätherischen sind „Bewegungen wie Strömen, Strahlen, Verdichten, Spreiten, Einhüllen und vieles andere mehr, insgesamt alles Formbewegungen.“ (S. 59) Schmidt bemüht sich in der Folge, diese Formbewegungen zu spezifizieren.
Etwas bedauerlich an dem sonst ausgesprochen konkreten und hilfreichen Buches ist allenfalls, dass es nicht stringent durch geschrieben ist, sondern mehr eine überarbeitete Kombination von schon bekannten Aufsätzen darstellt; es wiederholt sich Manches. Es wird auch manche Übung nicht in aller Konsequenz ausgearbeitet; Vieles bleibt angedeutet und daher für den, der nicht in konkreter Meditationsarbeit steht, nicht immer ganz nachvollziehbar. Das liegt aber in der Sache selbst; hier liegt ein Werkstattbuch vor, mit vielen Forschungsansätzen und noch mehr Andeutungen, in welcher Richtung es weiter gehen kann. Die Schwerpunkte legt ohnehin jeder selber für sich fest; nicht zuletzt hängt man auch an spezifischen Fragestellungen und Problemen fest. Es kann in dieser Hinsicht nicht das eine, stringente Übungsbuch geben. Dieses hier ist jedenfalls von hohem qualitativem Standard. Es behauptet nichts, sondern gibt Anregungen und weist Wege für den, der tatsächlich praktisch tätig ist. Eine umfangreiche Besprechung (inklusive der üblichen schrecklichen Fragestellung, wie anthroposophisch das denn sei) gibt es bei Die Drei (Wolfgang Kilthau).
Im letzten Teil des Buches (der aber vom Umfang und von der Bedeutung her einiges Gewicht hat, stellt Schmidt den von ihm vertretenen Übungsweg mit dem der Philosophie der Freiheit nebeneinander, untersucht die Querbezüge und die Unterschiede. Das ist wirklich gut und anschaulich gemacht, aber in seiner Nuanciertheit hier, an dieser Stelle, kaum darstellbar.
Schmidt verwendet auch viel Energie dafür, denkbare Schwierigkeiten anzusprechen, spezifische und doch typische Hindernisse wie etwa „die fortwährende Kommentierung von Denkergebnissen durch die fühlende Seele“ (S. 52) - alles Aspekte des Alltagsdenkens mit seinen „eindeutig autistische(n) Züge(n)“ (S. 51), die andernorts (etwa bei Carlos Castaneda) als „innerer Monolog“ qualifiziert werden. Die „Verdünnung“ der Ich- Kräfte in die „vielfältigen Seelentätigkeiten“ (S. 54) soll überwunden werden, um sich dann, im folgenden Teil des Buches, konkret auf die Lebensqualitäten der umgebenden Natur einlassen zu können. Dies geschieht nun nicht in einer bloß seelischen Öffnung, sondern in einer qualifizierten Konzentration, einer erhöhten Präsenz. Ausgangspunkte sind zunächst Erscheinungen in einer weitläufigen Landschaft, dann zunehmend konkrete Pflanzen. Für den Naturwissenschaftler wird es befremdlich wirken, dass dabei auch Empfindungen wie die eines „tiefen, offenen Staunens“ auftreten können, die eine Begleitung des Prozesses oder einen Grundakkord anschlagen. Typisch für die einsetzenden ersten Wahrnehmungen des Ätherischen sind „Bewegungen wie Strömen, Strahlen, Verdichten, Spreiten, Einhüllen und vieles andere mehr, insgesamt alles Formbewegungen.“ (S. 59) Schmidt bemüht sich in der Folge, diese Formbewegungen zu spezifizieren.
Etwas bedauerlich an dem sonst ausgesprochen konkreten und hilfreichen Buches ist allenfalls, dass es nicht stringent durch geschrieben ist, sondern mehr eine überarbeitete Kombination von schon bekannten Aufsätzen darstellt; es wiederholt sich Manches. Es wird auch manche Übung nicht in aller Konsequenz ausgearbeitet; Vieles bleibt angedeutet und daher für den, der nicht in konkreter Meditationsarbeit steht, nicht immer ganz nachvollziehbar. Das liegt aber in der Sache selbst; hier liegt ein Werkstattbuch vor, mit vielen Forschungsansätzen und noch mehr Andeutungen, in welcher Richtung es weiter gehen kann. Die Schwerpunkte legt ohnehin jeder selber für sich fest; nicht zuletzt hängt man auch an spezifischen Fragestellungen und Problemen fest. Es kann in dieser Hinsicht nicht das eine, stringente Übungsbuch geben. Dieses hier ist jedenfalls von hohem qualitativem Standard. Es behauptet nichts, sondern gibt Anregungen und weist Wege für den, der tatsächlich praktisch tätig ist. Eine umfangreiche Besprechung (inklusive der üblichen schrecklichen Fragestellung, wie anthroposophisch das denn sei) gibt es bei Die Drei (Wolfgang Kilthau).
Im letzten Teil des Buches (der aber vom Umfang und von der Bedeutung her einiges Gewicht hat, stellt Schmidt den von ihm vertretenen Übungsweg mit dem der Philosophie der Freiheit nebeneinander, untersucht die Querbezüge und die Unterschiede. Das ist wirklich gut und anschaulich gemacht, aber in seiner Nuanciertheit hier, an dieser Stelle, kaum darstellbar.
Elektronische Dienstboten & wuselige Kommunionen
17.Dez.2011 17:13 Uhr
(Man muss ja immer zugeben, Informationstand, Bildungsstand, Stand der Kompetenzen, das sind immer relativ zu vernachlässigende Größen- wir sind ja keine Universalgenies mehr, nicht einmal Bildungsbürger, denn dafür haben wir ja das Internet. Bildung ist doch etwas fürs Internet; die haben wir dorthin delegiert. Früher haben (nach einem Ausspruch von W. B. Yeats) wir gelebt, dann ließen wir unsere Dienstboten für uns leben- heute gilt das analog in Bezug auf unser Denken. Nur die Dienstboten sind nicht mehr da; dafür haben wir das Web. Oder sprechen wir, um eine Ehrenrettung zu betreiben, nicht vom so seltenen und exquisiten originären Denken, sprechen wir in Bezug auf die Datenwüsten lieber von unverdauten und nicht selten wenig kontextualisierten Datenbrocken- oder sprechen wir von einer öffentlichen Meinung, die aufschnattert und abebbt, im Web und in den angeschlossenen Fernseh- und Rundfunkanstalten. Denn heute gibt das Netz den Takt vor.)
Aber darüber wollte ich gar nicht sprechen. Ich bin nicht so sicher, wann Weihnachten beginnt. Die Fixierung der Bürgerlichkeit auf die gewissen drei Tage und die der Oberbürgerlichkeit, den Anthroposophen, auf die 12 oder 13 Heiligen Nächte, kann man ja teilen, empfinden kann man es anders. Denn die Winde, die auffrischen, die sich ballen in der Kühle winterlicher Nächte, die zwischen die von Blättern leergefegten Bäume fahren, deren hölzernes Klappern der Äste wie ein mittelalterlicher Totentanz klingt, bringen uns ins Grübeln. Wenn Knöchel auf Knöchel schlagen, entbeint: So liegt der Wald jetzt da. Jemand hat ihn zum Schlachter geführt, und das da ist jetzt, was von ihm übrig bleibt. Der Wald, das Umland, die Felder sind leer.
Du musst nicht auf die Nächte um Christi Geburt warten, wenn du das Ohr auf den Waldboden legst und in die Eingeweide der Erde horchst. Du hörst es von ferne gurgeln, aber wenn es näher rückt, ist es ein Strom von sanfter Willenskraft, der aus den kalten Eingeweiden drängt. Du bist ein Fiedler im Wind, in diesem Starkwind hört man dich nicht, aber du bist ein Teil der ganzen Melodie.
Das Pilzgeflecht, das fast die ganze Erde umspannt, das duftige Polster der Erde ist verstummt, der vielsprachige Mund, der Säfte saugt und gibt, der säugt und verschlingt, die tausendfältigen Mäuler der Erde, denen die schönsten Düfte entströmen; Düfte von Verfall und Wiederbelebung. Und es sind nicht die steigenden und fallenden Wasser, die ihre Wege unter den Dörfern und Städten suchen, nun, da man sie verwiesen hat in fest gelegte Betten. Sie spiegeln die Mondkraft, auch wenn sie nur an ganz bestimmten Punkten an die Oberfläche kommen, sie sind das fliessende Silber der Erde. Und es sind nicht die drückenden Schollen und Steine, die auf dem Feuer, das sie und alles unentwegt bewegt, gleiten, pressen und Gebirge formen. Sie, die auf den rollenden Eisen- Feuer- Bahnen gleiten, sie haben eine andere Zeit. Sie atmen im Ab- und Aufbau des Magnetfelds, der empfindlichen Membrane, deren Fackeln, Halten und Geformtwerden uns alle beschirmt.
In den kleinen Fluss deiner wuseligen Kommunion mit dem, was dich umgibt, stösst jetzt der Strom, der mit dem Winter kommt. Es ist eine Kraft, die in der natürlichen Umgebung aufflammt und entbrennt, gerade deshalb, weil hier das Klappern der Knöchlein klingt. Die Gespenster der Formen und Erscheinungen, die sich das ganze Jahr über ausgefaltet haben, ruhen jetzt in vollkommener Tiefe. Aber nun flackert in der Leere eine andere Kraft auf- etwas wie eine neue Natur. Aber die liegt nicht in der Illusion der Technikwelt (diesem untermeerischen Spiegelreich des Lebens), diesem Substitut des Natürlichen, die liegt auch nicht in der Illusion der Vielfalt der natürlichen Erscheinungen. Es ist die Realität, die entbrennt, wenn das Drängen und Verfallen, an Endpunkte kommt und sich metamorphosiert, wenn das alles schweigt. Das alles ist Vergangenheitskraft- etwas, was nach seinen Mustern und genetischen Dispositionen abspult, so schön und reichhaltig es auch ist.
Nun, da das Drängen schweigt, erscheint das, was gedrängt hat. Es beginnen die Tage und Nächte, in denen die geistig- lebendigen, schöpferischen und von unhörbaren Schwingen getragenen Kräfte sehr nahe sind. Man kann ihre Nähe fühlen. Die Frage ist nur, ob man sie aushalten kann.
Aber darüber wollte ich gar nicht sprechen. Ich bin nicht so sicher, wann Weihnachten beginnt. Die Fixierung der Bürgerlichkeit auf die gewissen drei Tage und die der Oberbürgerlichkeit, den Anthroposophen, auf die 12 oder 13 Heiligen Nächte, kann man ja teilen, empfinden kann man es anders. Denn die Winde, die auffrischen, die sich ballen in der Kühle winterlicher Nächte, die zwischen die von Blättern leergefegten Bäume fahren, deren hölzernes Klappern der Äste wie ein mittelalterlicher Totentanz klingt, bringen uns ins Grübeln. Wenn Knöchel auf Knöchel schlagen, entbeint: So liegt der Wald jetzt da. Jemand hat ihn zum Schlachter geführt, und das da ist jetzt, was von ihm übrig bleibt. Der Wald, das Umland, die Felder sind leer.
Du musst nicht auf die Nächte um Christi Geburt warten, wenn du das Ohr auf den Waldboden legst und in die Eingeweide der Erde horchst. Du hörst es von ferne gurgeln, aber wenn es näher rückt, ist es ein Strom von sanfter Willenskraft, der aus den kalten Eingeweiden drängt. Du bist ein Fiedler im Wind, in diesem Starkwind hört man dich nicht, aber du bist ein Teil der ganzen Melodie.
Das Pilzgeflecht, das fast die ganze Erde umspannt, das duftige Polster der Erde ist verstummt, der vielsprachige Mund, der Säfte saugt und gibt, der säugt und verschlingt, die tausendfältigen Mäuler der Erde, denen die schönsten Düfte entströmen; Düfte von Verfall und Wiederbelebung. Und es sind nicht die steigenden und fallenden Wasser, die ihre Wege unter den Dörfern und Städten suchen, nun, da man sie verwiesen hat in fest gelegte Betten. Sie spiegeln die Mondkraft, auch wenn sie nur an ganz bestimmten Punkten an die Oberfläche kommen, sie sind das fliessende Silber der Erde. Und es sind nicht die drückenden Schollen und Steine, die auf dem Feuer, das sie und alles unentwegt bewegt, gleiten, pressen und Gebirge formen. Sie, die auf den rollenden Eisen- Feuer- Bahnen gleiten, sie haben eine andere Zeit. Sie atmen im Ab- und Aufbau des Magnetfelds, der empfindlichen Membrane, deren Fackeln, Halten und Geformtwerden uns alle beschirmt.
In den kleinen Fluss deiner wuseligen Kommunion mit dem, was dich umgibt, stösst jetzt der Strom, der mit dem Winter kommt. Es ist eine Kraft, die in der natürlichen Umgebung aufflammt und entbrennt, gerade deshalb, weil hier das Klappern der Knöchlein klingt. Die Gespenster der Formen und Erscheinungen, die sich das ganze Jahr über ausgefaltet haben, ruhen jetzt in vollkommener Tiefe. Aber nun flackert in der Leere eine andere Kraft auf- etwas wie eine neue Natur. Aber die liegt nicht in der Illusion der Technikwelt (diesem untermeerischen Spiegelreich des Lebens), diesem Substitut des Natürlichen, die liegt auch nicht in der Illusion der Vielfalt der natürlichen Erscheinungen. Es ist die Realität, die entbrennt, wenn das Drängen und Verfallen, an Endpunkte kommt und sich metamorphosiert, wenn das alles schweigt. Das alles ist Vergangenheitskraft- etwas, was nach seinen Mustern und genetischen Dispositionen abspult, so schön und reichhaltig es auch ist.
Nun, da das Drängen schweigt, erscheint das, was gedrängt hat. Es beginnen die Tage und Nächte, in denen die geistig- lebendigen, schöpferischen und von unhörbaren Schwingen getragenen Kräfte sehr nahe sind. Man kann ihre Nähe fühlen. Die Frage ist nur, ob man sie aushalten kann.
Michael Eggert: Von der Frucht gekostet
13.Dez.2011 01:29 Uhr
Sprechen wir nicht über diese Aura, denn in ihr entrollen sich im embryonalen Zustand die kommenden Schicksale. Vorsicht vor dieser Aura, wenn dir der Mund trocken wird, wenn du sie siehst. Wenn zwei Schultern sich unversehens berühren und du fühlst, dass der Boden unter dir dabei fester wird. Wenn du baden könntest in ihrem Duft und dich hinter dem Wehen ihrer Haare wie hinter einem Nebelschwaden verstecken könntest. Ihr seid Kinder, ihr spielt Hide and Seek, und findet euch dabei immer wieder und mehr.
Wenn ihr Körper dieselbe Sprache spricht wie deiner, wenn dein Körper die geheimen Worte kennt, die goldenen Schlüssel, die nicht nur im Begehren liegen, sondern im Sich- Wiedergefunden- Haben.
Wenn dein Körper dieselbe Sprache spricht wie ihrer, wenn ihr Körper die geheimen Worte kennt, die silbernen Schlüssel, die nicht nur im Begehren liegen, sondern im Sich- Wiedergefunden - Haben.
Hast du am Nektar der gemeinsamen Aura gekostet, sprechen nachts die Vögel im Baum mit dir, wenn du schläfst. Du bist nachts zwischen riesigen warmen Bäuchen gewärmt und schläfst so tief wie nie. Du dehnst und weitest dich im traumlosen Schlaf und ruhst unter dem Auge des Polarsterns. Am Morgen träumst du Namen, aber du vergisst sie, wenn du aufwachst und dich bewegst. Wenn du aber still liegst und den Atem der Nacht bei dir behältst, kannst du den Nachklang der Wärme und der Worte in dir nachklingen fühlen. Oh ja, du hast von der Frucht gekostet. Du kreist im Traum, ein Satellit, im belebten Licht des Mondes. Du stehst am Firmament und siehst unter dir die Meteore wie eine endlose Schar von Speise, von der hungrigen Atmosphäre verschlungen.
Plötzlich, an einem Tag im späten Jahr (du kannst es nicht verstehen und stürzt dich auf jede Erklärung, auch auf die abstrusesten), ist da ein Riss in der Aura, du ragst mit dem Kopf heraus und die Geräusche der Straße treffen dich. Du schaust mit dem Kopf heraus und weisst, dass eine Entscheidung getroffen werden muss. Du musst dich entscheiden, wie es weiter geht mit dir und ihr. Du musst dich entscheiden, ob du ihr würdig bist, der Schutzmutter der Liebenden, der hüllenden, heilenden, gedankenklaren Kraft, die nur Zwei gemeinsam schaffen können, da es sie nirgends gibt als zwischen Liebenden. Die Schutzmutter all dessen, was zukünftig ist.
(Es gibt diese schlechten Tage, an denen du dich fühlst wie die konditionierten Tauben, denen Forscher beigebracht haben, dass sie Futter bekommen, wenn sie mit den Flügeln schlagen. Nach einer Zeit sind sie sicher - so sicher, als wäre es eine fest gefügte Weltanschauung-, dass sie durch Flügelschlag die Fütterung hervor rufen. Aber diese Hoffnung wird bitter enttäuscht werden, wenn die Forscher mit dem zweiten Teil der Experimente fortfahren.)
Es gibt aber auch die anderen Tage, die, in denen du und sie etwas Fragloses sind. Ihr seid sogar jetzt fraglos, wo ihr frei von dieser Aura seid. Es ist ja möglich, dass ihr euch jetzt entscheidet: Wir versuchen es.
Wenn ihr Körper dieselbe Sprache spricht wie deiner, wenn dein Körper die geheimen Worte kennt, die goldenen Schlüssel, die nicht nur im Begehren liegen, sondern im Sich- Wiedergefunden- Haben.
Wenn dein Körper dieselbe Sprache spricht wie ihrer, wenn ihr Körper die geheimen Worte kennt, die silbernen Schlüssel, die nicht nur im Begehren liegen, sondern im Sich- Wiedergefunden - Haben.
Hast du am Nektar der gemeinsamen Aura gekostet, sprechen nachts die Vögel im Baum mit dir, wenn du schläfst. Du bist nachts zwischen riesigen warmen Bäuchen gewärmt und schläfst so tief wie nie. Du dehnst und weitest dich im traumlosen Schlaf und ruhst unter dem Auge des Polarsterns. Am Morgen träumst du Namen, aber du vergisst sie, wenn du aufwachst und dich bewegst. Wenn du aber still liegst und den Atem der Nacht bei dir behältst, kannst du den Nachklang der Wärme und der Worte in dir nachklingen fühlen. Oh ja, du hast von der Frucht gekostet. Du kreist im Traum, ein Satellit, im belebten Licht des Mondes. Du stehst am Firmament und siehst unter dir die Meteore wie eine endlose Schar von Speise, von der hungrigen Atmosphäre verschlungen.
Plötzlich, an einem Tag im späten Jahr (du kannst es nicht verstehen und stürzt dich auf jede Erklärung, auch auf die abstrusesten), ist da ein Riss in der Aura, du ragst mit dem Kopf heraus und die Geräusche der Straße treffen dich. Du schaust mit dem Kopf heraus und weisst, dass eine Entscheidung getroffen werden muss. Du musst dich entscheiden, wie es weiter geht mit dir und ihr. Du musst dich entscheiden, ob du ihr würdig bist, der Schutzmutter der Liebenden, der hüllenden, heilenden, gedankenklaren Kraft, die nur Zwei gemeinsam schaffen können, da es sie nirgends gibt als zwischen Liebenden. Die Schutzmutter all dessen, was zukünftig ist.
(Es gibt diese schlechten Tage, an denen du dich fühlst wie die konditionierten Tauben, denen Forscher beigebracht haben, dass sie Futter bekommen, wenn sie mit den Flügeln schlagen. Nach einer Zeit sind sie sicher - so sicher, als wäre es eine fest gefügte Weltanschauung-, dass sie durch Flügelschlag die Fütterung hervor rufen. Aber diese Hoffnung wird bitter enttäuscht werden, wenn die Forscher mit dem zweiten Teil der Experimente fortfahren.)
Es gibt aber auch die anderen Tage, die, in denen du und sie etwas Fragloses sind. Ihr seid sogar jetzt fraglos, wo ihr frei von dieser Aura seid. Es ist ja möglich, dass ihr euch jetzt entscheidet: Wir versuchen es.
Georg Kühlewind: Das ist das Fest
09.Dez.2011 22:02 Uhr
Natürlich, die Tradition gehört dazu. Und natürlich ist dies das Fest, das die Familie zusammen halten könnte - wenn es denn so klappt wie erhofft. Die Erwartungen sind erheblich, und so mancher verdrückt sich lieber in die Partymeile in der Altstadt, sobald die Gans herunter geschlungen ist. Verständlich, wenn das Ominöse dieses Fests tatsächlich erstarrt von Traditionen und Erwartungen war. Alles, was in diesem Jahr ungesagt blieb, steckt jetzt schwer in der Festtagskehle. Womöglich drückt die schwarze Hose, die man nur an diesem Tag im Jahr heraus holt, und zu eventuellen Beerdigungen. Womöglich ertappt man sich am Heiligen Abend bei dem Gedanken, dass eine letztere angenehmer wäre als das Gänsegemetzel. Aber wer weiß? Vielleicht holt Papa dieses Mal nicht wieder das Familienalbum heraus, womöglich bleibt Oma friedlich und die Schwester ist nicht wieder beleidigt, weil sie - wie immer- denkt, sie sei in Bezug auf die Geschenke benachteiligt worden. Es wäre das erste Mal, aber wer weiß?
Nun denn. Es gibt immer Hoffnung. Wenn der Baum steht und leise Rauchfahnen von sich gibt, sind doch alle zumindest für anderthalb Stunden ganz friedlich. Der Jüngste ist heimlich in sein Zimmer gegangen und guckt „Terminator“, wie jedes Jahr. Und endlich, wenn man vor dem abgegrasten Tisch und den weggeworfenen Verpackungsbergen steht, fragt man sich doch zwischendurch, ob das das Fest war, das gemeint war.
Georg Kühlewind machte in seinem Buch „Weihnachten“ (Stuttgart 1989) immerhin darauf aufmerksam, dass man auch in unseren Gegend vor dem 4. Jahrhundert die Epiphanie (6. Januar) feierte als den „Tag der Jordantaufe“. Die ausschließliche Feier der physischen Geburt Jesu kennzeichnet er mit „Die Logosidee ging verloren“. Das andere, innere Weihnachten charakterisiert er als Möglichkeit so:
„Das Aufleuchten einer neuen Idee kann auf analoge Weise durch ein zweifaches Geschehen oder durch ein Verschmelzen zweier Bewegungen charakterisiert werden. Je mächtiger die Idee ist, um so mehr ist ihr Gegebeneren, ihr Nich-von-mir-Sein fühlbar, als ob sie als Gnadengeschenk „von oben“ gereicht wäre.
Sie kann uns nur erreichen, wenn eine sehr konzentrierte, aber „leere“ Aufmerksamkeit ihr entgegenkommt, die sie aufnimmt. Diese ist die meditative Aufmerksamkeit, die sich aus den Übungen der intentionalen - auf Themen gerichteten- Aufmerksamkeit metamorphosiert. Der Erwachsene muss sie sich erarbeiten; dem kleinen Kind ist sie vor dem und während des Spracherwerbs gegeben.
Daher ist die Geburt des Kindes ein Bild für die empfangende Aufmerksamkeit, die dem Wort entgegen wächst. Diese wird von der Seele des Meditierenden - Maria - geboren. Eine neue Idee erscheint: Das ist das Fest. Und ein Fest kann es nicht geben, wenn nicht eine neue Idee erscheint.“
Und dies ist der denkbar grösste Kontrast zu dem traditionsversessenen Heiligen Abend unserer Tage. Vielleicht sollten wir es dieses Jahr einmal anders machen.
Nun denn. Es gibt immer Hoffnung. Wenn der Baum steht und leise Rauchfahnen von sich gibt, sind doch alle zumindest für anderthalb Stunden ganz friedlich. Der Jüngste ist heimlich in sein Zimmer gegangen und guckt „Terminator“, wie jedes Jahr. Und endlich, wenn man vor dem abgegrasten Tisch und den weggeworfenen Verpackungsbergen steht, fragt man sich doch zwischendurch, ob das das Fest war, das gemeint war.
Georg Kühlewind machte in seinem Buch „Weihnachten“ (Stuttgart 1989) immerhin darauf aufmerksam, dass man auch in unseren Gegend vor dem 4. Jahrhundert die Epiphanie (6. Januar) feierte als den „Tag der Jordantaufe“. Die ausschließliche Feier der physischen Geburt Jesu kennzeichnet er mit „Die Logosidee ging verloren“. Das andere, innere Weihnachten charakterisiert er als Möglichkeit so:
„Das Aufleuchten einer neuen Idee kann auf analoge Weise durch ein zweifaches Geschehen oder durch ein Verschmelzen zweier Bewegungen charakterisiert werden. Je mächtiger die Idee ist, um so mehr ist ihr Gegebeneren, ihr Nich-von-mir-Sein fühlbar, als ob sie als Gnadengeschenk „von oben“ gereicht wäre.
Sie kann uns nur erreichen, wenn eine sehr konzentrierte, aber „leere“ Aufmerksamkeit ihr entgegenkommt, die sie aufnimmt. Diese ist die meditative Aufmerksamkeit, die sich aus den Übungen der intentionalen - auf Themen gerichteten- Aufmerksamkeit metamorphosiert. Der Erwachsene muss sie sich erarbeiten; dem kleinen Kind ist sie vor dem und während des Spracherwerbs gegeben.
Daher ist die Geburt des Kindes ein Bild für die empfangende Aufmerksamkeit, die dem Wort entgegen wächst. Diese wird von der Seele des Meditierenden - Maria - geboren. Eine neue Idee erscheint: Das ist das Fest. Und ein Fest kann es nicht geben, wenn nicht eine neue Idee erscheint.“
Und dies ist der denkbar grösste Kontrast zu dem traditionsversessenen Heiligen Abend unserer Tage. Vielleicht sollten wir es dieses Jahr einmal anders machen.
Fliegende Fische
03.Dez.2011 23:22 Uhr
„Der Mensch zieht sich vor dem, was an ihn heran kommt, zurück, greift nicht zu, lernt, aktiv zu warten. Das ist die größte Aktivität, das Zurückhalten. Dieses Warten ist eigenes Reifen, ist Fallenlassen der erwähnten tief eingewurzelten „Voraussetzung“, dass ich so, wie ich bin, fähig und würdig sei, alles zu verstehen, die Wirklichkeit zu erkennen.
Das „Zurückziehen“ hat zwei Folgen: Einerseits zieht sich das (zukünftige) wahre Ich oder Selbst aus der Vermischung mit den Seelenfunktionen heraus, wird ihr „Zuschauer“, der sie von innen her Erfahrende; von „außen“ kann man die Seelenfunktionen nicht erfahren, nur benutzen, denn man ist in ihnen, ohne Abstand.
Andererseits wird die intelligente fühlende Aufmerksamkeit, mit der die vier Seelenzustände zu tun haben, Schritt für Schritt „leerer“, anders gesagt: objektlos und doch aktiv.
Das ist der allgemeine Verlauf der Entwicklung: Eine Fähigkeit entwickelt sich an Objekten, Inhalten, um dann, frei von ihnen, alle Objekte erfassen und solche auch schaffen zu können. Fähigkeiten sind frei von den Formen, mit denen sie empfangend oder produzierend zu tun haben.“
(Georg Kühlewind, Der sanfte Wille, S. 53ff)
Improvisation 1:
Die Hybris der fraglosen Selbstgewissheit. Die enzyklopädische Ansammlungen sinnloser Informationsbrocken. Packeisschollen von in sich stimmigen, aber miteinander unverbundenen Weltbildern. Zettels Traum, der immer bei sich getragene Auskunftgeber, ein smartes Phone. Der schnelle Griff ins sichere, aber flache argumentative Wasser. Wie kann man, wenn doch alles verfügbar ist - selbst Antworten auf Fragen, die niemand je gestellt hat - ausgerechnet warten?
Jenseits der Wasserscheide ist das Warten kein quälender, unbequemer Zwischenzustand mehr, sondern etwas, was man genießt. Mit einem Bein in der Zeitlosigkeit wartet es sich ganz komfortabel. Es gibt ja auch nichts, worauf man warten würde- das Warten ist kein Unruhezustand, sondern gerade das Gegenteil geworden. Die flatternden Schmetterlinge der schnellen, billigen Informationen sind verschwunden, die Unverbundenheit, der alltägliche Schwebezustand. Jenseits der Wasserscheide ist man nicht mehr ein Ding unter Dingen, sondern steht im gemeinsamen Atem.
Improvisation 2:
Jenseits der fraglosen Selbstgewissheit steht der Kompass in Richtung Improvisation. Dieses Land kann man erkunden, es ist immer neu und doch vertraut. Es ist das Wasser, in dem wir uns bewegen- außer in den kurzen Momenten, in denen wir denken, leben, vorstellen wie ein fliegender Fisch. Es ist ein Fisch, der in der Zeit des Fluges das Element vergisst, aus dem er stammt. Geisterfahrung ist das Erinnern unseres Ursprungs.
Hier, im wässrigen Element, führt uns das Sehen nicht sehr tief. Wir werden lernen müssen, Druckwellen zu empfinden. Hier, in der Tiefe, wo das Licht uns nicht mehr erreicht, werden wir selbst hell werden müssen, eine Quelle, eine Präsenz. Hier, wo wir unsere Grenzen nicht mehr fühlen, erfüllen wir uns in reiner Daseinskraft. Wir denken nicht mehr in Konturen, sondern in Bedeutung; die Dinge haben eine Sprache, die wir lernen können, denn hier bleibt nichts unvertraut, dem wir uns zuwenden.
Das „Zurückziehen“ hat zwei Folgen: Einerseits zieht sich das (zukünftige) wahre Ich oder Selbst aus der Vermischung mit den Seelenfunktionen heraus, wird ihr „Zuschauer“, der sie von innen her Erfahrende; von „außen“ kann man die Seelenfunktionen nicht erfahren, nur benutzen, denn man ist in ihnen, ohne Abstand.
Andererseits wird die intelligente fühlende Aufmerksamkeit, mit der die vier Seelenzustände zu tun haben, Schritt für Schritt „leerer“, anders gesagt: objektlos und doch aktiv.
Das ist der allgemeine Verlauf der Entwicklung: Eine Fähigkeit entwickelt sich an Objekten, Inhalten, um dann, frei von ihnen, alle Objekte erfassen und solche auch schaffen zu können. Fähigkeiten sind frei von den Formen, mit denen sie empfangend oder produzierend zu tun haben.“
(Georg Kühlewind, Der sanfte Wille, S. 53ff)
Improvisation 1:
Die Hybris der fraglosen Selbstgewissheit. Die enzyklopädische Ansammlungen sinnloser Informationsbrocken. Packeisschollen von in sich stimmigen, aber miteinander unverbundenen Weltbildern. Zettels Traum, der immer bei sich getragene Auskunftgeber, ein smartes Phone. Der schnelle Griff ins sichere, aber flache argumentative Wasser. Wie kann man, wenn doch alles verfügbar ist - selbst Antworten auf Fragen, die niemand je gestellt hat - ausgerechnet warten?
Jenseits der Wasserscheide ist das Warten kein quälender, unbequemer Zwischenzustand mehr, sondern etwas, was man genießt. Mit einem Bein in der Zeitlosigkeit wartet es sich ganz komfortabel. Es gibt ja auch nichts, worauf man warten würde- das Warten ist kein Unruhezustand, sondern gerade das Gegenteil geworden. Die flatternden Schmetterlinge der schnellen, billigen Informationen sind verschwunden, die Unverbundenheit, der alltägliche Schwebezustand. Jenseits der Wasserscheide ist man nicht mehr ein Ding unter Dingen, sondern steht im gemeinsamen Atem.
Improvisation 2:
Jenseits der fraglosen Selbstgewissheit steht der Kompass in Richtung Improvisation. Dieses Land kann man erkunden, es ist immer neu und doch vertraut. Es ist das Wasser, in dem wir uns bewegen- außer in den kurzen Momenten, in denen wir denken, leben, vorstellen wie ein fliegender Fisch. Es ist ein Fisch, der in der Zeit des Fluges das Element vergisst, aus dem er stammt. Geisterfahrung ist das Erinnern unseres Ursprungs.
Hier, im wässrigen Element, führt uns das Sehen nicht sehr tief. Wir werden lernen müssen, Druckwellen zu empfinden. Hier, in der Tiefe, wo das Licht uns nicht mehr erreicht, werden wir selbst hell werden müssen, eine Quelle, eine Präsenz. Hier, wo wir unsere Grenzen nicht mehr fühlen, erfüllen wir uns in reiner Daseinskraft. Wir denken nicht mehr in Konturen, sondern in Bedeutung; die Dinge haben eine Sprache, die wir lernen können, denn hier bleibt nichts unvertraut, dem wir uns zuwenden.
Michael Eggert: Verdautwerden
17.Nov.2011 00:56 Uhr
Es ist nicht so, dass wir schwer würden mit den Jahren- vielleicht an Gewicht, vielleicht an Schuld, das ja. Ich denke nicht, dass wir wirklich schwerer werden, aber etwas ändert sich doch.
Ich denke, das ist das Gewicht derer, mit denen wir verbunden waren und die nun schon vor uns verstorben sind- eine Kette, die länger und länger wird. Manche blitzen manchmal, in bestimmten Situationen, vor dem inneren Auge auf, einen Wimpernschlag lang, dann aber, als wären sie direkt bei uns. Es ist nicht eine bestimmte Situation, nicht eine bstimmte Gebärde oder ein mimischer Zug, nicht der Blick, dieser spezifische und einzigartige, nicht das Lächeln und nicht die Falten, nicht das Seelenvolle in allem- nein, es ist die Essenz von all dem, die unmittelbare Nähe, das entspringende Bild, das so frisch ist, dass es nicht aus den Erinnerungen stammt. Es ist eine situative Vergegenwärtigung.
Vielleicht haben sie nicht Gewicht, so wenig wie ich, aber sie bilden etwas wie einen Schweif, der auf meiner Kometenbahn länger und leuchtender wird. Am Ende wird er den halben Himmel bedecken. Am Ende werden wir von der Sonne verschluckt und gehen ein in das Reich devachanischer Verdauungsvorgänge.
Es ist nicht so, dass wir schwer würden mit den Jahren, aber wir sehen zunehmend dem Verdautwerden entgegen.
Ich denke, das ist das Gewicht derer, mit denen wir verbunden waren und die nun schon vor uns verstorben sind- eine Kette, die länger und länger wird. Manche blitzen manchmal, in bestimmten Situationen, vor dem inneren Auge auf, einen Wimpernschlag lang, dann aber, als wären sie direkt bei uns. Es ist nicht eine bestimmte Situation, nicht eine bstimmte Gebärde oder ein mimischer Zug, nicht der Blick, dieser spezifische und einzigartige, nicht das Lächeln und nicht die Falten, nicht das Seelenvolle in allem- nein, es ist die Essenz von all dem, die unmittelbare Nähe, das entspringende Bild, das so frisch ist, dass es nicht aus den Erinnerungen stammt. Es ist eine situative Vergegenwärtigung.
Vielleicht haben sie nicht Gewicht, so wenig wie ich, aber sie bilden etwas wie einen Schweif, der auf meiner Kometenbahn länger und leuchtender wird. Am Ende wird er den halben Himmel bedecken. Am Ende werden wir von der Sonne verschluckt und gehen ein in das Reich devachanischer Verdauungsvorgänge.
Es ist nicht so, dass wir schwer würden mit den Jahren, aber wir sehen zunehmend dem Verdautwerden entgegen.
Einen Tempel in sich errichten
12.Nov.2011 20:45 Uhr
„Sich richtig hineinversetzen in ein solches ideelles Geschehen, die Meditation zu etwas machen, was man nicht bloß denkt, fühlt oder will, sondern was einen
umwebt und
umschwebt und
umschwirrt und
umströmt und
umstrahlt
und was aus dem
Umschwirren und
Umschweben und
Umströmen und
Umstrahlen
wiederum zurücktritt in das Leben des Herzens und im Herzen
strömend,
webend,
strebend,
strahlend
vibriert, so dass wir uns fühlen hinein verwoben in das Weben und Leben der Welt, dass unser Meditieren ist etwas, was für unsere Empfindung nicht bloß in uns lebt, sondern was lebt in uns und in der Welt, auslöscht die Welt, auslöscht uns, eins macht im Auslöschen uns und die Welt, dass wir ebenso gut sagen können: «Es spricht die Welt», wie wir sagen: «Wir sprechen in uns». Das erweitert allmählich den Charakter des Meditierens.
Das Meditieren so geübt, gibt allmählich dem Menschen die Möglichkeit - mit der im Innern erlebten Auflösung desjenigen, als das ihm sein gewöhnliches Selbst immer erscheint -, Geist zu werden für seine eigene Auffassung.
Damit aber, dass wir eintreten in solche Erkenntniswege, dass wir ehrlich uns nähern solchen Erkenntniswegen, dass wir wissen lernen: wir sind im Meditieren nicht allein in der Welt, sondern wir sind im Zwiegespräch mit der geistigen Welt, dadurch nähern wir uns immer mehr und mehr dem, was eine Erneuerung des Mysterienwesens ist. Denn gewiss, äußere Tempel standen da, standen da vielleicht gerade an denjenigen Lokalitäten der Erde, von denen man heute sagt, dass sie in den unzivilisiertesten Gegenden sind. Äußere Tempel standen da, und die früheren Menschen brauchten äußere Tempel. Aber diese äußeren Tempel waren ja nicht die einzigen, sie waren ja nicht die wichtigsten; denn die wichtigsten, die wesentlichsten Tempel haben nicht Ort, haben nicht Zeit. Aber man kommt doch nur mit Überwindung von sechzig Meilen zu ihnen.
Man kommt zu ihnen, wenn man in der Weise seine Seele übt, wie es hier und wie es zu allen Zeiten in den Mysterien angedeutet worden ist.“
_____________
Rudolf Steiner, „Klassenstunden“, GA 270b
umwebt und
umschwebt und
umschwirrt und
umströmt und
umstrahlt
und was aus dem
Umschwirren und
Umschweben und
Umströmen und
Umstrahlen
wiederum zurücktritt in das Leben des Herzens und im Herzen
strömend,
webend,
strebend,
strahlend
vibriert, so dass wir uns fühlen hinein verwoben in das Weben und Leben der Welt, dass unser Meditieren ist etwas, was für unsere Empfindung nicht bloß in uns lebt, sondern was lebt in uns und in der Welt, auslöscht die Welt, auslöscht uns, eins macht im Auslöschen uns und die Welt, dass wir ebenso gut sagen können: «Es spricht die Welt», wie wir sagen: «Wir sprechen in uns». Das erweitert allmählich den Charakter des Meditierens.
Das Meditieren so geübt, gibt allmählich dem Menschen die Möglichkeit - mit der im Innern erlebten Auflösung desjenigen, als das ihm sein gewöhnliches Selbst immer erscheint -, Geist zu werden für seine eigene Auffassung.
Damit aber, dass wir eintreten in solche Erkenntniswege, dass wir ehrlich uns nähern solchen Erkenntniswegen, dass wir wissen lernen: wir sind im Meditieren nicht allein in der Welt, sondern wir sind im Zwiegespräch mit der geistigen Welt, dadurch nähern wir uns immer mehr und mehr dem, was eine Erneuerung des Mysterienwesens ist. Denn gewiss, äußere Tempel standen da, standen da vielleicht gerade an denjenigen Lokalitäten der Erde, von denen man heute sagt, dass sie in den unzivilisiertesten Gegenden sind. Äußere Tempel standen da, und die früheren Menschen brauchten äußere Tempel. Aber diese äußeren Tempel waren ja nicht die einzigen, sie waren ja nicht die wichtigsten; denn die wichtigsten, die wesentlichsten Tempel haben nicht Ort, haben nicht Zeit. Aber man kommt doch nur mit Überwindung von sechzig Meilen zu ihnen.
Man kommt zu ihnen, wenn man in der Weise seine Seele übt, wie es hier und wie es zu allen Zeiten in den Mysterien angedeutet worden ist.“
_____________
Rudolf Steiner, „Klassenstunden“, GA 270b
Burghard Schildt: Gewahrsein
12.Nov.2011 20:22 Uhr
Auf ein von mir eingebrachtes Zitat von Ramana Maharshi („"Ich bin nicht die sieben Bestandteile dieses physischen Körpers. Ich bin nicht die fünf Wahrnehmungsorgane: Ohren, Haut, Augen, Zunge und Nase mit ihren jeweiligen Funktionen von Hören, Tasten, Sehen, Schmecken und Riechen. Ich bin nicht die fünf Tätigkeitsorgane: Mund, Beine, Arme, After und Genitalien mit ihren jeweiligen Funktionen von Sprechen, Fortbewegung, Geben und Nehmen, Ausscheidung und sexueller Aktivität. Keiner der fünf bin ich und auch nicht die fünf Lebensenergien mit ihren jeweiligen Funktionen. Ich bin weder der Verstand noch der unbewusste Zustand von Nicht- Wissen, in dem es weder Sinnesobjekte noch Aktivitäten des Geistes gibt und in dem nur die latenten Eindrücke zurück bleiben.
All das bin ich nicht. Wenn man das oben Erwähnte als "Das bin ich ganz und gar nicht" zurückweist, ist das, was danach als einziges übrig bleibt, das reine Gewahrsein; das ich tatsächlich bin.“) antwortete Burghard Schildt:
„Steiner sagt, das Denken selbst ist jenseits von Subjekt und Objekt.
Das reine Gewahrsein ist nicht durch Anderes *bedingt*. Also ist es ein Durch-sich-selbst-Sein. Daher ist es autonom. Ist es autonom, ist es jedoch ebenso das Ganze des Weltgeschehens.
Aber das Weltgeschehen selbst wiederum, es umfasst all dasjenige, von dem Maharshi sagt: „All das bin ich nicht.“ Also ist das „reine Gewahrsein“ von Ramana Maharshi ein Sein zwischen allem Anderen, ein zwischen „den Noten“ des übrigen Weltgeschehens Sein.
Wie kann so ein Ich all dasjenige, das es nicht ist, dahingehend umwandeln, dass es, ohne dabei seine Autonomie zu verlieren, es als seine Verschiedenheit gewahrt? Als diejenige Verschiedenheit, die einer jeglichen Note durch Melodie und Ordnung Bedeutung erteilt. Gedeutet wird anhand des Denkens. Es ist ebenso wie das reine Gewahrsein ein durch sich selbst Seiendes. Mithin ist es nicht durch Anderes bedingt. Daher ist es autonom. Als das ist es ebenso das Ganze des Weltgeschehens.
Also kann reines Gewahrsein anhand des Denkens, unter Aufrechterhaltung der Autonomie und Verschiedenheit des Weltganzen, solche Kompositionen erschaffen, in denen es sich mit zuvor noch *übrigen* Klängen im Vorgang des Weltgeschehens in so einer Autonomie gewahrt, wie es sich sonst lediglich im reinen Gewahrsein seiner selbst gewahr wurde.
Denkend erzeugt „man“ Zusammenhang all desjenigen, das das reine Gewahrsein nur gewahrt. Indem man das tut, erzeugt man dasjenige Selbst, das zugleich reines Gewahrsein und alles übrige Weltgeschehen ist. Die autonome Philosophie benennt so ein Selbst mit dem bedeutenden Wort Mensch.
All das bin ich nicht. Wenn man das oben Erwähnte als "Das bin ich ganz und gar nicht" zurückweist, ist das, was danach als einziges übrig bleibt, das reine Gewahrsein; das ich tatsächlich bin.“) antwortete Burghard Schildt:
„Steiner sagt, das Denken selbst ist jenseits von Subjekt und Objekt.
Das reine Gewahrsein ist nicht durch Anderes *bedingt*. Also ist es ein Durch-sich-selbst-Sein. Daher ist es autonom. Ist es autonom, ist es jedoch ebenso das Ganze des Weltgeschehens.
Aber das Weltgeschehen selbst wiederum, es umfasst all dasjenige, von dem Maharshi sagt: „All das bin ich nicht.“ Also ist das „reine Gewahrsein“ von Ramana Maharshi ein Sein zwischen allem Anderen, ein zwischen „den Noten“ des übrigen Weltgeschehens Sein.
Wie kann so ein Ich all dasjenige, das es nicht ist, dahingehend umwandeln, dass es, ohne dabei seine Autonomie zu verlieren, es als seine Verschiedenheit gewahrt? Als diejenige Verschiedenheit, die einer jeglichen Note durch Melodie und Ordnung Bedeutung erteilt. Gedeutet wird anhand des Denkens. Es ist ebenso wie das reine Gewahrsein ein durch sich selbst Seiendes. Mithin ist es nicht durch Anderes bedingt. Daher ist es autonom. Als das ist es ebenso das Ganze des Weltgeschehens.
Also kann reines Gewahrsein anhand des Denkens, unter Aufrechterhaltung der Autonomie und Verschiedenheit des Weltganzen, solche Kompositionen erschaffen, in denen es sich mit zuvor noch *übrigen* Klängen im Vorgang des Weltgeschehens in so einer Autonomie gewahrt, wie es sich sonst lediglich im reinen Gewahrsein seiner selbst gewahr wurde.
Denkend erzeugt „man“ Zusammenhang all desjenigen, das das reine Gewahrsein nur gewahrt. Indem man das tut, erzeugt man dasjenige Selbst, das zugleich reines Gewahrsein und alles übrige Weltgeschehen ist. Die autonome Philosophie benennt so ein Selbst mit dem bedeutenden Wort Mensch.
Goldglanz
07.Nov.2011 20:45 Uhr
Ab und zu blättere ich in alten und ältesten anthroposophischen Büchern, auch in denen, deren Autoren nicht gerade zu meinen Lieblingen gehören. Die liebsten Bücher erkennt man daran, dass sie wild übersaht sind mit Anmerkungen, Unterstreichungen aus verschiedenen Zeiten, Eselsohren und allerlei Kaffeeflecken. Mit so etwas lebt man eben. Womit man lebt, muss etwas sein, das wieder und wieder, zu verschiedenen Zeiten und in beliebigen Abständen, jedes Mal wieder etwas gibt. Ein Buch, mit dem man lebt, ist selbst so lebendig, dass man nicht nur immer neue Entdeckungen darin macht, sondern dass es jedes Mal, bei jedem neuen Lesen, neue Perspektiven eröffnet. Es geht also nicht nur um Inhalte, die man ja nun ausreichend bei einmaligem Lesen erfasst hätte. Informationen erinnert man zwar nicht im Detail, aber das bloße Neufassen würde keine Perspektiven eröffnen; nein, wirklich anregende Bücher stossen eigene Erkenntnisse an, stellen Fragen, machen einen innerlich lebendig und warm. Das wird nur dann der Fall sein, wenn der Autor selbst aus innerer lebendiger Anschauung spricht und nicht nur auf informeller Ebene Fakten zusammen stellt. So schrecklich viele Autoren, die das bei mir vermögen, habe ich nun nicht gefunden; sagen wir: eine Hand voll. Bernhard Lievegoed gehört eigentlich nicht dazu. Immerhin ist seine kleine „Mysterienströmungen in Europa und die neuen Mysterien“ ein zwar orthodox geschriebenes Kompendium Steinerscher Aussagen, aber glücklicherweise so kenntnisreich und knapp zusammen gestellt, dass sich immerhin immer wieder einige Fragen stellen- auch 30 Jahre nach dem ersten Lesen.
„In den Vorträgen über die „Ätherisation des Blutes“ schildert Rudolf Steiner, wie durch göttliche Gnade bei den Menschen ein Ätherstrom vom Herzen zur Epiphyse ausgeht, aufsteigt, und wie er von da aus das Gehirn als geistig- ätherisches Licht durchstrahlt. Nur dadurch kommen wir in die Lage, spirituelle Gedanken denken zu können. Anders könnten wir nur Gedanken denken, die von sinnlichen Eindrücken Herrühren und an sie gebunden bleiben. Das weist auf den mikrokosmischen Gral im Menschen. Das goldene Licht des ätherischen Blutes, welches das Haupt durchstrahlt, wurde hellseherisch als Goldglanz um das Haupt herum wahrgenommen, wenn sich dieser Ätherstrom mit den Christus- Ätherkräften verbinden konnte. Er erscheint als der Heiligenschein bei den mittelalterlichen Malern und wird dann zum traditionellen „Zeichen“ der Heiligkeit. Der Heiligenschein ist damit eine letzte Erinnerung an die Wirkung des Gral.“ (S. 29)
Ich denke, die Bemerkung Rudolf Steiners, gegen Ende des 20. Jahrhunderts würde die Menschheit über eine innere „Schwelle“ gehen, darf man heute wohl als gegeben ansehen. Das bedeutet, die Entfaltung des „Ätherkopfes“ - eine aus ursprünglich körperlichen Bezügen gelöste geistige Energie- darf man heute bei sehr vielen Menschen als gegeben ansehen. Sie verbinden nur keine spirituellen Gedanken und Impulse damit, werden sich dieser Fähigkeit auch nicht unbedingt bewusst. Aber sie trägt zu einer inneren Spaltung bei, die heute normal und verbreitet ist und zu einer allgemeinen Psychologisierung des Ichs beigetragen hat: Man schaut heute auf die eigenen willentlichen, seelischen und intellektuellen Impulse, bewertet sie und ordnet sie ein. Man schaut aus einer Beobachter- Position auf die eigenen seelischen Mechanismen und Reflexe, eventuell sogar kopfschüttelnd oder belustigt: „Wieder einmal so oder so reagiert“. Dass die Position des innerseelischen Beobachters bereits eine ist, die frei von diesen individuellen Mustern und Reflexen ist, bemerkt man nicht unbedingt. Es ist dies eine Positionierung, die das (anthroposophisch so bezeichnete) Bewusstseinseelenzeitalter charakterisiert. Mit dieser Fähigkeit sind aber auch sozial intuitive Akte möglich- etwa, Gesprächs- und Handlungsverläufe, biografische Entwicklungen und Zusammenhänge und soziale Prozesse in Gruppen zu begleiten, Trends zu entdecken und wahrscheinliche Weiterentwicklungen zu erahnen. Der Ätherkopf ermöglicht es, Prozesse mit zu verfolgen, ohne komplett in sie involviert zu sein. Damit nähert man sich „Wirklichkeit“ in der Hinsicht an, dass Gewahrsein möglich wird, ohne selbst völlig verstrickt zu sein. Man kann dann auch nicht emotional reagieren, nicht aus den nahe liegenden seelischen Reflexen heraus. Es ist dies eine erheblich vertiefte Fähigkeit, systematisch zu denken, mit voller Konzentration und Hingabe, aber nicht im Sinne eines emotionalen Resonanzkörpers, sondern mit einer gewissen inneren Freiheit und Würde. Man ist an diesem Punkt - auch ohne das mystische Vokabular, das Steiner und Lievegoed verwenden, zu benutzen- nahe am Gewahrsein der geistigen Entität, die im Begriff der Bewusstseinsseele auch angesprochen ist.
In großen Teams- fern jeden spirituellen Themas- bemerkt man oft, wie Menschen aufmerken, sich vielleicht sogar anlächeln, wenn in einem Prozess entweder wirklich ein tragender Kompromiss gefunden ist oder wenn er gerade in Beiträgen gründlich verhindert wird; die Menschen stehen fast kollektiv in den Prozessen von gemeinsamem Diskurs und Lösungsfindung zusammen. Es ist für den Einzelnen nicht immer fassbar, worin dieser Lösungsansatz bestehen könnte, es bleibt im Vagen und Unbestimmten. Wenn aber der erlösende Satz von einem Einzelnen gefunden ist, bemerkt das das Kollektiv sehr wohl. Dies gilt zumindest dann, wenn eine produktive und konzentrierte Haltung in der Gruppe verbreitet ist. Dass das systematische Denken eigentlich bereits eine Fähigkeit ist, die bereits über die intellektuell- konsumierende Haltung hinaus geht, muss nicht bemerkt werden. Ähnliches könnte als Beispiel auch über die Fähigkeit zur Biografiearbeit gesagt werden, sofern diese über bloße seelische Betroffenheit hinaus gehen kann und ebenfalls in ein nüchtern- waches Anschauen der Fäden des Lebens mündet. Selbst persönliche Traumata können in ihrer Konsequenz und Entwicklung, auch in ihren negativen Auswirkungen auf die eigene Entfaltung angeschaut werden. Es geht nicht um „Goldglanz“ und „Heiligenschein“, sondern um die nüchterne Intensität prozessualen Denkens.
Welche sind nun die Bücher, die sich immer wieder neu beim wiederholten Lesen entfalten? Die mit einem Goldglanz. Es geht nicht darum, Antworten zu geben (und „Inhalte“ zu vermitteln), sondern dem, was ohnehin in den Menschen da ist, zur weiteren Entfaltung und Bewusstwerdung mit zu verhelfen.
„In den Vorträgen über die „Ätherisation des Blutes“ schildert Rudolf Steiner, wie durch göttliche Gnade bei den Menschen ein Ätherstrom vom Herzen zur Epiphyse ausgeht, aufsteigt, und wie er von da aus das Gehirn als geistig- ätherisches Licht durchstrahlt. Nur dadurch kommen wir in die Lage, spirituelle Gedanken denken zu können. Anders könnten wir nur Gedanken denken, die von sinnlichen Eindrücken Herrühren und an sie gebunden bleiben. Das weist auf den mikrokosmischen Gral im Menschen. Das goldene Licht des ätherischen Blutes, welches das Haupt durchstrahlt, wurde hellseherisch als Goldglanz um das Haupt herum wahrgenommen, wenn sich dieser Ätherstrom mit den Christus- Ätherkräften verbinden konnte. Er erscheint als der Heiligenschein bei den mittelalterlichen Malern und wird dann zum traditionellen „Zeichen“ der Heiligkeit. Der Heiligenschein ist damit eine letzte Erinnerung an die Wirkung des Gral.“ (S. 29)
Ich denke, die Bemerkung Rudolf Steiners, gegen Ende des 20. Jahrhunderts würde die Menschheit über eine innere „Schwelle“ gehen, darf man heute wohl als gegeben ansehen. Das bedeutet, die Entfaltung des „Ätherkopfes“ - eine aus ursprünglich körperlichen Bezügen gelöste geistige Energie- darf man heute bei sehr vielen Menschen als gegeben ansehen. Sie verbinden nur keine spirituellen Gedanken und Impulse damit, werden sich dieser Fähigkeit auch nicht unbedingt bewusst. Aber sie trägt zu einer inneren Spaltung bei, die heute normal und verbreitet ist und zu einer allgemeinen Psychologisierung des Ichs beigetragen hat: Man schaut heute auf die eigenen willentlichen, seelischen und intellektuellen Impulse, bewertet sie und ordnet sie ein. Man schaut aus einer Beobachter- Position auf die eigenen seelischen Mechanismen und Reflexe, eventuell sogar kopfschüttelnd oder belustigt: „Wieder einmal so oder so reagiert“. Dass die Position des innerseelischen Beobachters bereits eine ist, die frei von diesen individuellen Mustern und Reflexen ist, bemerkt man nicht unbedingt. Es ist dies eine Positionierung, die das (anthroposophisch so bezeichnete) Bewusstseinseelenzeitalter charakterisiert. Mit dieser Fähigkeit sind aber auch sozial intuitive Akte möglich- etwa, Gesprächs- und Handlungsverläufe, biografische Entwicklungen und Zusammenhänge und soziale Prozesse in Gruppen zu begleiten, Trends zu entdecken und wahrscheinliche Weiterentwicklungen zu erahnen. Der Ätherkopf ermöglicht es, Prozesse mit zu verfolgen, ohne komplett in sie involviert zu sein. Damit nähert man sich „Wirklichkeit“ in der Hinsicht an, dass Gewahrsein möglich wird, ohne selbst völlig verstrickt zu sein. Man kann dann auch nicht emotional reagieren, nicht aus den nahe liegenden seelischen Reflexen heraus. Es ist dies eine erheblich vertiefte Fähigkeit, systematisch zu denken, mit voller Konzentration und Hingabe, aber nicht im Sinne eines emotionalen Resonanzkörpers, sondern mit einer gewissen inneren Freiheit und Würde. Man ist an diesem Punkt - auch ohne das mystische Vokabular, das Steiner und Lievegoed verwenden, zu benutzen- nahe am Gewahrsein der geistigen Entität, die im Begriff der Bewusstseinsseele auch angesprochen ist.
In großen Teams- fern jeden spirituellen Themas- bemerkt man oft, wie Menschen aufmerken, sich vielleicht sogar anlächeln, wenn in einem Prozess entweder wirklich ein tragender Kompromiss gefunden ist oder wenn er gerade in Beiträgen gründlich verhindert wird; die Menschen stehen fast kollektiv in den Prozessen von gemeinsamem Diskurs und Lösungsfindung zusammen. Es ist für den Einzelnen nicht immer fassbar, worin dieser Lösungsansatz bestehen könnte, es bleibt im Vagen und Unbestimmten. Wenn aber der erlösende Satz von einem Einzelnen gefunden ist, bemerkt das das Kollektiv sehr wohl. Dies gilt zumindest dann, wenn eine produktive und konzentrierte Haltung in der Gruppe verbreitet ist. Dass das systematische Denken eigentlich bereits eine Fähigkeit ist, die bereits über die intellektuell- konsumierende Haltung hinaus geht, muss nicht bemerkt werden. Ähnliches könnte als Beispiel auch über die Fähigkeit zur Biografiearbeit gesagt werden, sofern diese über bloße seelische Betroffenheit hinaus gehen kann und ebenfalls in ein nüchtern- waches Anschauen der Fäden des Lebens mündet. Selbst persönliche Traumata können in ihrer Konsequenz und Entwicklung, auch in ihren negativen Auswirkungen auf die eigene Entfaltung angeschaut werden. Es geht nicht um „Goldglanz“ und „Heiligenschein“, sondern um die nüchterne Intensität prozessualen Denkens.
Welche sind nun die Bücher, die sich immer wieder neu beim wiederholten Lesen entfalten? Die mit einem Goldglanz. Es geht nicht darum, Antworten zu geben (und „Inhalte“ zu vermitteln), sondern dem, was ohnehin in den Menschen da ist, zur weiteren Entfaltung und Bewusstwerdung mit zu verhelfen.
Michael Eggert: Die Ich-bin- Erfahrung
31.Okt.2011 23:11 Uhr
Die Ich-bin- Erfahrung strahlt, wenn man sie denn hat, in den Alltag hinein. Es gibt vielleicht nicht einen bestimmten Punkt, an dem sie einsetzte- es ist mehr etwas wie schleichende Gewissheit. Es ist eine Erfahrung in der Innenseite des Meditativen, in einer gewissen Mitternachtsstunde, wenn alle nervösen Rückmeldungen des Körpers erloschen sind. Wenn man strömend in der Ruhe steht, wird man - ein Perspektivenwechsel - sich seiner selbst gewahr. Wenn man Ich-bin zu sich selbst sagt, ist es auch eine Erfahrung der Freiheit: Die Begründung der Autonomie. Das Ich-bin ist das Formgebende, das sich manchmal auch in der Form verliert und vergisst. Die Selbst- Erfahrung ist aber unabhängig von allen möglichen Formen, es gibt die Gewissheit der Entität. Hier, in diesem einen Punkt, kann man nicht irren, denn hier kreuzt das innere Wesen die Wahrheit. Es ist aus demselben Stoff gemacht.
Die Erfahrung des Ich-bin strahlt in den Alltag, aber niemand weiß, wie tief. Es gibt die eine Seite und die andere. Dabei nimmt man doch mehr mit in sein Leben als sonst, weil man doch das Meiste vergisst. Es ist einfach zu lebendig, zu wenig greifbar für den Verstand. Es passt nicht. So hat man meist nur einen Schattenwurf der Erfahrung.
Rudolf Steiner beschreibt diese Schwierigkeiten so: "Die Seele nimmt aus ihrem Erleben in der physischen Welt einen Nachklang der Erinnerungsfähigkeit mit, und dadurch vermag sie im übersinnlichen Erleben zu wissen: ich bin hier im Geistigen dieselbe, die ich dort im Sinnlichen bin. Diese Erinnerungsfähigkeit ist ihr notwendig, weil ihr sonst der Zusammenhang im Selbstbewusstsein verloren ginge. Außerdem aber erlangt das in die übersinnliche Welt hinauf gehobene Selbstbewusstsein auch noch die Fähigkeit, die in dieser Welt erlebten Eindrücke so umzuwandeln, dass sie im Leibe Eindrücke machen von der gleichen Art wie die sinnlichen Eindrücke der physischen Welt. Und dadurch ist es möglich, dass die Seele sich eine Art Erinnerung an das im Übersinnlichen Erlebte bewahrt. Sonst würde dieses Erlebte stets vergessen werden. Immerhin hat der Geistesforscher Schwierigkeit mit dem erinnerungsmäßigen Behalten seiner im Übersinnlichen gemachten Erfahrungen. Er kann nicht leicht anderen Menschen «bloß aus dem Gedächtnisse» erzählen, was er weiß; er ist oft genötigt, wenn dies von ihm verlangt wird, in seiner Seele die Bedingungen wiederherzustellen, unter denen er die zu schildernde Erfahrung gemacht hat." (GA 17, Seite 98ff)
Natürlich strahlt die Erfahrung des Ich-bin in den Alltag hinein, schon weil das Ich-bin eine Kontinuität des Bewusstseins nach dem Tod verspricht- zumindest in den Umrissen: "In der Zukunft muss der Mensch über die Erde schreiten, indem er sich sagt: Gewiss, ich ziehe ein mit meiner Geburt in einen physischen Leib, aber das ist ein Durchgangsstadium. Ich bleibe eigentlich in der geistigen Welt, ich bin mir bewusst, dass nur ein Teil meines Wesens an die Erde gebunden ist, dass ich mit meinem ganzen Wesen nicht heraustrete aus der Welt, in der ich zwischen Tod und neuer Geburt bin. – Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl mit der geistigen Welt, das muss sich entwickeln. In früheren Jahrhunderten hat das nur einen falschen Schatten vorausgeworfen, indem man das physische Leben nicht verstehen wollte und eine falsche Askese getrieben hat, geglaubt hat, durch allerlei Abtötungsmaßregeln des physischen Leibes könnte man das erlangen. (GA 177, Seite 211)
Aber die andere, ganz und gar irdische Seite in uns nörgelt und zweifelt und ärgert sich dennoch, trotz aller zeitweiligen Autonomie, über das Älterwerden. He, dem entkommst du nicht. Niemand entkommt dem Schmerz, das zu sein- ein Das, ein Dort, ein Dann.
Eine andere Determinante in unserem Leben, die genetische Komponente, das nicht- individualisierte Erbe, das auf dem Einzelnen mehr oder weniger, aber meist weitgehend unbemerkt einwirkt, ist auch einer der Faktoren, der in der Erfahrung des Ich-bin zumindest für diese Situation aufgelöst wird: "Scharf nun betont das Christentum: Alles solches Fühlen des Göttlichen, auch wenn es von sich spricht als «Ejeh asher ejeh» – «Ich bin der Ich-bin» ist noch nicht das, was den Menschen in seiner vollsten Gestalt zeigt, sondern erst, wenn man et- was fühlt, was im Geistigen jenseits aller Generationen ist, dann hat man erfasst, was als Göttliches in den Menschen herein wirkt. Deshalb muss man in richtiger Übersetzung des Satzes sagen: Ehe denn Abraham war, war das Ich-bin! – Das heißt in seinem Ich erlebt der Mensch ein Ewiges, das ursprünglicher ist als dasjenige Göttliche, das von Abraham sich durch die Generationen hindurch ausgelebt hat." (GA 61, Seite 305ff)
Aber natürlich ist man sich bei der Erfahrung des Ich-bin zugleich bewusst, dass dies nur der Anfang von allem sein kann. Es ist ein embryonaler Zustand, kein "Erreichtes", sondern die Eröffnung dessen, was Entwicklung eigentlich erst bedeutet: "So bildete der Schüler der Mysterienweisheit die Fähigkeit aus, in die früheren Zeiten hineinzublicken; dann kommt die Zeit, wo er die okkulte Pilgerschaft unternehmen kann. Er erreicht dies auf dem Wege einer bestimmten Übung, durch die er sein persönliches Selbst überwindet und dadurch aufhört, das kleine gebundene Ich zu sein. Erst dann kann er den Aufstieg in das Universum vollziehen.
Noch einmal steigt er hinunter, indem er die Weltkraft so mitnimmt, in das Meer der Vergangenheit. In aufsteigender Linie kann er allmählich hinaufkommend dann im einzelnen den Weg verfolgen, den er so zurückgelegt hat. Langsam und allmählich lernt der Mensch hinunter schreiten in das Meer seiner Bildekräfte, und zuletzt kommt er an einen Punkt, der in der Nähe des Ursprungs liegt. So muss es den Menschen ergangen sein, denen zuerst das Auge erstand, um den Blick ins Weltenall zu lenken. Dann geht dem Schüler auf der Zusammenfluss des Ich mit dem großen Welten-Ich. Und nun muss er lernen, zu sagen zu dem kleinen Ich: Ich bin nicht du. Das ist ein Moment, wo man anfängt zu begreifen, dass es höhere Kräfte in der Natur gibt als das Denken.“ (GA 93, Seite 212)
Die Erfahrung des Ich-bin strahlt in den Alltag, aber niemand weiß, wie tief. Es gibt die eine Seite und die andere. Dabei nimmt man doch mehr mit in sein Leben als sonst, weil man doch das Meiste vergisst. Es ist einfach zu lebendig, zu wenig greifbar für den Verstand. Es passt nicht. So hat man meist nur einen Schattenwurf der Erfahrung.
Rudolf Steiner beschreibt diese Schwierigkeiten so: "Die Seele nimmt aus ihrem Erleben in der physischen Welt einen Nachklang der Erinnerungsfähigkeit mit, und dadurch vermag sie im übersinnlichen Erleben zu wissen: ich bin hier im Geistigen dieselbe, die ich dort im Sinnlichen bin. Diese Erinnerungsfähigkeit ist ihr notwendig, weil ihr sonst der Zusammenhang im Selbstbewusstsein verloren ginge. Außerdem aber erlangt das in die übersinnliche Welt hinauf gehobene Selbstbewusstsein auch noch die Fähigkeit, die in dieser Welt erlebten Eindrücke so umzuwandeln, dass sie im Leibe Eindrücke machen von der gleichen Art wie die sinnlichen Eindrücke der physischen Welt. Und dadurch ist es möglich, dass die Seele sich eine Art Erinnerung an das im Übersinnlichen Erlebte bewahrt. Sonst würde dieses Erlebte stets vergessen werden. Immerhin hat der Geistesforscher Schwierigkeit mit dem erinnerungsmäßigen Behalten seiner im Übersinnlichen gemachten Erfahrungen. Er kann nicht leicht anderen Menschen «bloß aus dem Gedächtnisse» erzählen, was er weiß; er ist oft genötigt, wenn dies von ihm verlangt wird, in seiner Seele die Bedingungen wiederherzustellen, unter denen er die zu schildernde Erfahrung gemacht hat." (GA 17, Seite 98ff)
Natürlich strahlt die Erfahrung des Ich-bin in den Alltag hinein, schon weil das Ich-bin eine Kontinuität des Bewusstseins nach dem Tod verspricht- zumindest in den Umrissen: "In der Zukunft muss der Mensch über die Erde schreiten, indem er sich sagt: Gewiss, ich ziehe ein mit meiner Geburt in einen physischen Leib, aber das ist ein Durchgangsstadium. Ich bleibe eigentlich in der geistigen Welt, ich bin mir bewusst, dass nur ein Teil meines Wesens an die Erde gebunden ist, dass ich mit meinem ganzen Wesen nicht heraustrete aus der Welt, in der ich zwischen Tod und neuer Geburt bin. – Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl mit der geistigen Welt, das muss sich entwickeln. In früheren Jahrhunderten hat das nur einen falschen Schatten vorausgeworfen, indem man das physische Leben nicht verstehen wollte und eine falsche Askese getrieben hat, geglaubt hat, durch allerlei Abtötungsmaßregeln des physischen Leibes könnte man das erlangen. (GA 177, Seite 211)
Aber die andere, ganz und gar irdische Seite in uns nörgelt und zweifelt und ärgert sich dennoch, trotz aller zeitweiligen Autonomie, über das Älterwerden. He, dem entkommst du nicht. Niemand entkommt dem Schmerz, das zu sein- ein Das, ein Dort, ein Dann.
Eine andere Determinante in unserem Leben, die genetische Komponente, das nicht- individualisierte Erbe, das auf dem Einzelnen mehr oder weniger, aber meist weitgehend unbemerkt einwirkt, ist auch einer der Faktoren, der in der Erfahrung des Ich-bin zumindest für diese Situation aufgelöst wird: "Scharf nun betont das Christentum: Alles solches Fühlen des Göttlichen, auch wenn es von sich spricht als «Ejeh asher ejeh» – «Ich bin der Ich-bin» ist noch nicht das, was den Menschen in seiner vollsten Gestalt zeigt, sondern erst, wenn man et- was fühlt, was im Geistigen jenseits aller Generationen ist, dann hat man erfasst, was als Göttliches in den Menschen herein wirkt. Deshalb muss man in richtiger Übersetzung des Satzes sagen: Ehe denn Abraham war, war das Ich-bin! – Das heißt in seinem Ich erlebt der Mensch ein Ewiges, das ursprünglicher ist als dasjenige Göttliche, das von Abraham sich durch die Generationen hindurch ausgelebt hat." (GA 61, Seite 305ff)
Aber natürlich ist man sich bei der Erfahrung des Ich-bin zugleich bewusst, dass dies nur der Anfang von allem sein kann. Es ist ein embryonaler Zustand, kein "Erreichtes", sondern die Eröffnung dessen, was Entwicklung eigentlich erst bedeutet: "So bildete der Schüler der Mysterienweisheit die Fähigkeit aus, in die früheren Zeiten hineinzublicken; dann kommt die Zeit, wo er die okkulte Pilgerschaft unternehmen kann. Er erreicht dies auf dem Wege einer bestimmten Übung, durch die er sein persönliches Selbst überwindet und dadurch aufhört, das kleine gebundene Ich zu sein. Erst dann kann er den Aufstieg in das Universum vollziehen.
Noch einmal steigt er hinunter, indem er die Weltkraft so mitnimmt, in das Meer der Vergangenheit. In aufsteigender Linie kann er allmählich hinaufkommend dann im einzelnen den Weg verfolgen, den er so zurückgelegt hat. Langsam und allmählich lernt der Mensch hinunter schreiten in das Meer seiner Bildekräfte, und zuletzt kommt er an einen Punkt, der in der Nähe des Ursprungs liegt. So muss es den Menschen ergangen sein, denen zuerst das Auge erstand, um den Blick ins Weltenall zu lenken. Dann geht dem Schüler auf der Zusammenfluss des Ich mit dem großen Welten-Ich. Und nun muss er lernen, zu sagen zu dem kleinen Ich: Ich bin nicht du. Das ist ein Moment, wo man anfängt zu begreifen, dass es höhere Kräfte in der Natur gibt als das Denken.“ (GA 93, Seite 212)
Michael Eggert: Narziss
23.Okt.2011 16:32 Uhr
Wenn ich mir Narziss vorstelle, dann als ein zartes Wesen mit feinen Hörnern, die in der Verlängerung nach innen gedreht sind; er ist auf sich bezogen, immer. Zarte, zum Ende fast verschnörkelt wirkende Augenbrauen, eine feine Nase und ein voller Mund; Narziss ist schön. Er ist der, der mit dem Füllhorn durch den Garten geht und Anstösse gibt, dem Dichter den Reim, dem Maler das passende Farbpendant, dem Bildhauer die eine Kurve in der Silhouette, die den Unterschied ausmacht. Narziss- Lucifer ist großzügig und freigiebig, er ist der Herr der Talente und der kleinen und großen Emporen, auf denen sich Künstler, Politiker, Erfolgsmenschen verwirklichen. Oh ja, Narziss ist die Selbstverwirklichung in dem Sinne, wie er es versteht. Er versteht sie stets als schönes Selbstgefühl, als individuelle Brillanz.
Er ist schön, weil wir unser Selbstbild idealisiert nach außen werfen und Menschen begehren, die wie dieses Ideal wirken. Wir suchen - zunächst- nicht das Ideal der Anderen, sondern unser Bild in ihnen. Das, was immer wir dort, im Anderen, zu sehen glauben, trägt die Natur von Narziss- Lucifer - es ist das, was wir als das Schöne begehren, was aber eigentlich ein Abziehbild unseres Selbstbildes ist. Das sind die Hörner, die nach innen gedreht sind.
Auf Narziss- Lucifer ist Verlass. An unseren Träumen halten wir fest bis zum Schluss. Unsere Illusionen sind das Festeste, was wir kennen, unsere Erinnerungen münden an dieser Küste, hier haben wir ein Heim gebaut, das wir „Ich“ nennen.
Die Abkehr vom schönen Selbstbild ist der Bruch mit allem, was wir haben. Und von ihm, der doch schon bei uns war, als die erste Erinnerung erwachte und blieb und als wir erstmals uns selber Ich nannten. Die blitzende Intelligenz, die sich am eigenen Spiegelbild ergötzt. Das schöne, satte Gefühl, unendlich recht zu haben. Alles, was uns stark macht: Illusionen. Auf ihn ist Verlass, aber eben die Sicherheiten, an die wir nur angelehnt sind, erweisen sich an irgend einem Brennpunkt als schöne Seifenblasen. Das Gewicht, das er gibt, unterliegt nicht der Schwerkraft; es zerstiebt wie Antimon, es ist ein Luftkörper, ein Ariel, der nächtens seine Spuren zieht, mit leichtem Federstrich vor dem Indigo der Nacht. Verschnörkelte Augenbrauen, in die Nacht geschrieben: Das ist er.
Wenn Steiner nun vom luziferischen Denken und vom ahrimanischen Wahrnehmen spricht, was meint er? Im Wahrnehmen erfassende wir den Gegenstand unserer Betrachtung wir nicht kontextuell, nicht prozesshaft und nicht systemisch. Der Baum, den wir sehen, wird von uns katalogisiert, diagnostiziert, identifiziert. Wir gleichen ihn mit unserem Erfahrungs- und Wissenskontext ab, und wir stellen fest: er ist DAS. Aber er lebt in Wahrheit nicht allein, sondern als Glied und Produkt einer konkreten Umgebung und eines Mikrokosmos. Er kann sich z.B. gar nicht ernähren, gar nicht Wurzeln fassen ohne ein komplexes symbiotisches Reich der Pilze, die im Stoffwechsel mit dem Baum und seinen Wurzeln unentwirrbar verwachsen sind. Er zeigt dieses Bild, jetzt, ist aber aus was entstanden, wandelt seine Gestalt und wird zu was werden? Der Baum ist nicht dieses eine, gerade momentan Sichtbare, er hat eine Art Biografie, und die ist er. Er wächst auch nur in dieser Wärmezone, in dieser einmaligen Zusammensetzung der Erde, unter diesem Himmel, mit dieser Sonneneinstrahlung. Ja, in den Wurzeln hat er eine Art Empfinden und Wahrnehmung, er kostet im Bauch des Grundes, er schlürft die Erden und Minerale. Und träumt im Wiegen der Blätter im Wind. Nein, der Baum ist nicht nur das DAS dieses Augenblickes, er ist ein komplexes Lebewesen. Und natürlich ist er ein Heim für bestimmte Tierarten, in diesem Augenblick ein eigener Kosmos. Obwohl wir das und noch mehr wissen, sehen wir aber in unserer Wahrnehmung nur eine platte Oberfläche mit einem Begriff darauf: Eine Rekonstruktion, ein Rudiment.
Der narziss- luciferische Gedanke aber hat ellenlange Augenbrauen, die ihn ans Wünschen fesseln. Im Idealfall ist er brillant formuliert, er trifft den Nerv der Sache und ist gut gesagt, aber nicht unbedingt neu. Weißt du, du spricht, aber du siehst den Prozess dabei nicht, das, was in der Gruppe anstossen wird, die Widerstände, die dieser Gedanke, so vorgetragen, hervor locken wird. Dein Gedanke ist eine Totgeburt. Gedanken sind nicht allein, das scheint nur so zu sein, sie sind in einem inneren Kontext und sie stossen in soziale Prozesse vor. Wenn man systemisch denken könnte, würde man fühlen, wohin die Gruppe will, worin der Prozess sich fruchtbar entfalten könnte, hier, an diesem Ort, heute und morgen. Der Gedanke sollte dem Prozess entspringen, nicht umgekehrt. Um ihn zu fassen, musst du frei von Kalkül, Berechnung und Eigennutz sein. Hier beginnt der Freiheitsbereich, jenseits des Narzissmus.
Er ist schön, weil wir unser Selbstbild idealisiert nach außen werfen und Menschen begehren, die wie dieses Ideal wirken. Wir suchen - zunächst- nicht das Ideal der Anderen, sondern unser Bild in ihnen. Das, was immer wir dort, im Anderen, zu sehen glauben, trägt die Natur von Narziss- Lucifer - es ist das, was wir als das Schöne begehren, was aber eigentlich ein Abziehbild unseres Selbstbildes ist. Das sind die Hörner, die nach innen gedreht sind.
Auf Narziss- Lucifer ist Verlass. An unseren Träumen halten wir fest bis zum Schluss. Unsere Illusionen sind das Festeste, was wir kennen, unsere Erinnerungen münden an dieser Küste, hier haben wir ein Heim gebaut, das wir „Ich“ nennen.
Die Abkehr vom schönen Selbstbild ist der Bruch mit allem, was wir haben. Und von ihm, der doch schon bei uns war, als die erste Erinnerung erwachte und blieb und als wir erstmals uns selber Ich nannten. Die blitzende Intelligenz, die sich am eigenen Spiegelbild ergötzt. Das schöne, satte Gefühl, unendlich recht zu haben. Alles, was uns stark macht: Illusionen. Auf ihn ist Verlass, aber eben die Sicherheiten, an die wir nur angelehnt sind, erweisen sich an irgend einem Brennpunkt als schöne Seifenblasen. Das Gewicht, das er gibt, unterliegt nicht der Schwerkraft; es zerstiebt wie Antimon, es ist ein Luftkörper, ein Ariel, der nächtens seine Spuren zieht, mit leichtem Federstrich vor dem Indigo der Nacht. Verschnörkelte Augenbrauen, in die Nacht geschrieben: Das ist er.
Wenn Steiner nun vom luziferischen Denken und vom ahrimanischen Wahrnehmen spricht, was meint er? Im Wahrnehmen erfassende wir den Gegenstand unserer Betrachtung wir nicht kontextuell, nicht prozesshaft und nicht systemisch. Der Baum, den wir sehen, wird von uns katalogisiert, diagnostiziert, identifiziert. Wir gleichen ihn mit unserem Erfahrungs- und Wissenskontext ab, und wir stellen fest: er ist DAS. Aber er lebt in Wahrheit nicht allein, sondern als Glied und Produkt einer konkreten Umgebung und eines Mikrokosmos. Er kann sich z.B. gar nicht ernähren, gar nicht Wurzeln fassen ohne ein komplexes symbiotisches Reich der Pilze, die im Stoffwechsel mit dem Baum und seinen Wurzeln unentwirrbar verwachsen sind. Er zeigt dieses Bild, jetzt, ist aber aus was entstanden, wandelt seine Gestalt und wird zu was werden? Der Baum ist nicht dieses eine, gerade momentan Sichtbare, er hat eine Art Biografie, und die ist er. Er wächst auch nur in dieser Wärmezone, in dieser einmaligen Zusammensetzung der Erde, unter diesem Himmel, mit dieser Sonneneinstrahlung. Ja, in den Wurzeln hat er eine Art Empfinden und Wahrnehmung, er kostet im Bauch des Grundes, er schlürft die Erden und Minerale. Und träumt im Wiegen der Blätter im Wind. Nein, der Baum ist nicht nur das DAS dieses Augenblickes, er ist ein komplexes Lebewesen. Und natürlich ist er ein Heim für bestimmte Tierarten, in diesem Augenblick ein eigener Kosmos. Obwohl wir das und noch mehr wissen, sehen wir aber in unserer Wahrnehmung nur eine platte Oberfläche mit einem Begriff darauf: Eine Rekonstruktion, ein Rudiment.
Der narziss- luciferische Gedanke aber hat ellenlange Augenbrauen, die ihn ans Wünschen fesseln. Im Idealfall ist er brillant formuliert, er trifft den Nerv der Sache und ist gut gesagt, aber nicht unbedingt neu. Weißt du, du spricht, aber du siehst den Prozess dabei nicht, das, was in der Gruppe anstossen wird, die Widerstände, die dieser Gedanke, so vorgetragen, hervor locken wird. Dein Gedanke ist eine Totgeburt. Gedanken sind nicht allein, das scheint nur so zu sein, sie sind in einem inneren Kontext und sie stossen in soziale Prozesse vor. Wenn man systemisch denken könnte, würde man fühlen, wohin die Gruppe will, worin der Prozess sich fruchtbar entfalten könnte, hier, an diesem Ort, heute und morgen. Der Gedanke sollte dem Prozess entspringen, nicht umgekehrt. Um ihn zu fassen, musst du frei von Kalkül, Berechnung und Eigennutz sein. Hier beginnt der Freiheitsbereich, jenseits des Narzissmus.
Michael Eggert: Die falschen Gottheiten
16.Okt.2011 19:33 Uhr
Nein, hier geht es nicht um Religion, um Rechthaberei oder ideologische Abgrenzungen, es geht mir nur um mich selbst. Und um mich selbst auch nur in dem Maß, in dem dies in gewisser Weise „typisch“ ist, in dem Maß, wie Andere sich eventuell darin wieder finden könnten. Die falschen Gottheiten sind die Ziele, denen wir folgen, die nicht infrage zu stellen sind, die wir als unsere persönlichen Maximen verstehen. Sie sind damit unmittelbar mit unserem Selbstkonzept verbunden. Sie in Frage zu stellen, hieße, uns selbst zur Disposition zu stellen. Was bliebe dann von uns übrig? Mein Traum vom Leben, meine Ideale haben sich etwa mit acht Jahren heraus gebildet, ganz unter der Glocke des Elternhauses. Ich glaube, es kostete mich Mühe, meine Eltern zu verstehen, ihnen emotional zu folgen, und ich habe daher die Antennen weiter und weiter ausgebaut, Andere generell „zu verstehen“.
Alice Miller schrieb von diesen frühen Selbstkonzepten in „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“: Das Kind, das sich „gebraucht“ fühlt von seinen emotional unsicheren Eltern und damit unter einer „narzisstischen Besetzung“ durch die Eltern leidet, bildet dieses emotionale Sensorium weiter und weiter aus: „Diese Fähigkeit wird ausgebaut und perfektioniert, und diese Kinder werden nicht nur zu Müttern (Vertrauten, Tröstern, Ratgebern, Stützen) ihrer Mütter, sondern übernehmen auch Verantwortung für ihre Geschwister und bilden schließlich ein ganz besonderes Sensorium für unbewusste Signale der Bedürfnisse des Anderen aus. Kein Wunder, wenn sie später oft den Beruf des Psychoanalytikers wählen.“ Nun, Analytiker muss es nicht sein, es gibt ja im familiären Rahmen oder in den zahlreichen sozialen Berufen genügend andere Positionierungen ähnlicher Art. Man kann diese Art von erworbenem Narzissmus auch in Erfolgsstrategien jeglicher Art ummünzen. Man kann es - um zu unserem Thema zu kommen- auch in spiritueller Entwicklung zu verwirklichen suchen. Man muss nur bedenken, dass alle diese emotional- narzisstischen Antriebe absolut sakrosankt sind; es gibt eine ausgebaute Phalanx von Verteidigungsstrategien, die dieses Eine, diese unseren inneren Antriebe, unantastbar machen. Der Spiritualist wird z.B. bestimmte innere Erfahrungen machen, die diese Grundtendenz immer nur bestätigen und weiter überhöhen; womöglich wird sich die ersehnte Bestätigung in Christus- Erfahrungen oder Erleuchtungen einstellen - Erlebnisse, die sich jeder Kritik entziehen und das Sakrosankte auf die Ebene der Unendlichkeit verschieben, gestützt von Evidenz- Erfahrungen.
All das, was auf der körperlichen Ebene, den Emotionen oder in den sozialen Begegnungen dieser Grundlinie, dieser privaten Teleologie widerspricht, wird damit relativiert, dass wir selbst oder (meistens) Andere und „die Verhältnisse“ eben "noch nicht so weit" sind. Womöglich hetzen wir die, denen wir angeblich hilfreich sein wollen, in eine Abhängigkeit von uns hinein, womöglich muten wir uns selbst und Anderen viel zu viel zu, womöglich leben wir an unseren eigenen Bedürfnissen vorbei, womöglich landen wir in Isolation oder massiven inneren Widersprüchen. Es kann zum Drama kommen, wenn wir aufgrund der inneren traumatischen Zwangslage, die wir idealisieren, auf einem dauernden Crash- Kurs gegen uns selbst fahren, der unweigerlich irgendwann zum Zusammenbruch führen muss.
Das „innere Drama“, das uns fast alle in der einen oder anderen Form beherrscht, inszeniert die Persona, die unter der striktesten Selbstkontrolle steht und deren Infragestellung das ganze Kartenhaus des Ego ins Wanken bringt:
„In der Tat können wir die spirituelle Psychologie als Psychologie der Selbsttäuschung bezeichnen, weil das, was wir oft als Funktionen unserer Psyche bezeichnen, in Wirklichkeit eine Lüge ist. Die Frage ist, welche Geschichten wir uns erzählen und aus welchen Lügen wir leben.“ Es sind natürlich weniger aktive „Lügen“, sondern meist selektive Erinnerungen: Die Dinge, die nicht in unser Selbstkonzept passen, werden nicht wahrgenommen oder sofort „vergessen“. Was nicht passt, wird passend gemacht. Die Illusion, die trotz allem, was schief gehen mag, was an uns unangenehm ist und was letztendlich auch karmisch Last auf Last anhäuft, ist die, dass „wir immer noch das Steuer in der Hand haben“ (Ezry Bayda, Zen Herz, S. 44).
Der Praktizierende kommt an den Punkt der Selbstbegegnung. Unser intimster „Hüter der Schwelle“ ist nun einmal das illusorische, zwanghafte Gefühlsleben mitsamt dem, was wir als heilig und unantastbar ansehen. Dabei hilft es keinesfalls, sich einzubilden, dass wir aus der Lage heraus kämen, „wenn wir mit großer Anstrengung praktizieren“ (Bayda). Je größer die Anstrengungen, je verbissener das Streben, je triumphaler die Erkenntnisse, desto mehr entfernen wir uns möglicherweise von der Stille. Die Dinge, die zählen und bestehen, benötigen keine Anstrengung. Im Gegenteil: Jenseits aller Anstrengung kann erst das entspringen, was lebendig ist und nicht aus uns heraus gepresst. Der „Abgrund“ sind unsere neurotischen Verkrampfungen, unsere Verteidigungs- und Angriffsmechanismen. Das „Nichts“, das wir lernen müssen auszuhalten, liegt jenseits unserer emotionalen und intellektuellen Reflexe. Es beginnt dort, wo unser aufgeregtes Hantieren und Geschnatter schweigt. Dort, wo unsere Selbstgewissheiten und Selbstbeschwichtigungen, ja auch die dauernden Selbstvorwürfe an ein erstes Ende kommen.
Bis dahin wird aber einiges an Munition aufgefahren: Erzengel, Christus, Erleuchtung, sagenhafte Erfolge, weltweite Konspirationen- alles, was wir projizieren können, um uns nur nicht dort zu rühren, wo es wirklich weh tut. Auf unseren Illusionen bauen wir ganze Welten auf und scheuen keine Anstrengung. So lange halten uns die falschen Gottheiten fest in ihrem Griff.
Alice Miller schrieb von diesen frühen Selbstkonzepten in „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“: Das Kind, das sich „gebraucht“ fühlt von seinen emotional unsicheren Eltern und damit unter einer „narzisstischen Besetzung“ durch die Eltern leidet, bildet dieses emotionale Sensorium weiter und weiter aus: „Diese Fähigkeit wird ausgebaut und perfektioniert, und diese Kinder werden nicht nur zu Müttern (Vertrauten, Tröstern, Ratgebern, Stützen) ihrer Mütter, sondern übernehmen auch Verantwortung für ihre Geschwister und bilden schließlich ein ganz besonderes Sensorium für unbewusste Signale der Bedürfnisse des Anderen aus. Kein Wunder, wenn sie später oft den Beruf des Psychoanalytikers wählen.“ Nun, Analytiker muss es nicht sein, es gibt ja im familiären Rahmen oder in den zahlreichen sozialen Berufen genügend andere Positionierungen ähnlicher Art. Man kann diese Art von erworbenem Narzissmus auch in Erfolgsstrategien jeglicher Art ummünzen. Man kann es - um zu unserem Thema zu kommen- auch in spiritueller Entwicklung zu verwirklichen suchen. Man muss nur bedenken, dass alle diese emotional- narzisstischen Antriebe absolut sakrosankt sind; es gibt eine ausgebaute Phalanx von Verteidigungsstrategien, die dieses Eine, diese unseren inneren Antriebe, unantastbar machen. Der Spiritualist wird z.B. bestimmte innere Erfahrungen machen, die diese Grundtendenz immer nur bestätigen und weiter überhöhen; womöglich wird sich die ersehnte Bestätigung in Christus- Erfahrungen oder Erleuchtungen einstellen - Erlebnisse, die sich jeder Kritik entziehen und das Sakrosankte auf die Ebene der Unendlichkeit verschieben, gestützt von Evidenz- Erfahrungen.
All das, was auf der körperlichen Ebene, den Emotionen oder in den sozialen Begegnungen dieser Grundlinie, dieser privaten Teleologie widerspricht, wird damit relativiert, dass wir selbst oder (meistens) Andere und „die Verhältnisse“ eben "noch nicht so weit" sind. Womöglich hetzen wir die, denen wir angeblich hilfreich sein wollen, in eine Abhängigkeit von uns hinein, womöglich muten wir uns selbst und Anderen viel zu viel zu, womöglich leben wir an unseren eigenen Bedürfnissen vorbei, womöglich landen wir in Isolation oder massiven inneren Widersprüchen. Es kann zum Drama kommen, wenn wir aufgrund der inneren traumatischen Zwangslage, die wir idealisieren, auf einem dauernden Crash- Kurs gegen uns selbst fahren, der unweigerlich irgendwann zum Zusammenbruch führen muss.
Das „innere Drama“, das uns fast alle in der einen oder anderen Form beherrscht, inszeniert die Persona, die unter der striktesten Selbstkontrolle steht und deren Infragestellung das ganze Kartenhaus des Ego ins Wanken bringt:
„In der Tat können wir die spirituelle Psychologie als Psychologie der Selbsttäuschung bezeichnen, weil das, was wir oft als Funktionen unserer Psyche bezeichnen, in Wirklichkeit eine Lüge ist. Die Frage ist, welche Geschichten wir uns erzählen und aus welchen Lügen wir leben.“ Es sind natürlich weniger aktive „Lügen“, sondern meist selektive Erinnerungen: Die Dinge, die nicht in unser Selbstkonzept passen, werden nicht wahrgenommen oder sofort „vergessen“. Was nicht passt, wird passend gemacht. Die Illusion, die trotz allem, was schief gehen mag, was an uns unangenehm ist und was letztendlich auch karmisch Last auf Last anhäuft, ist die, dass „wir immer noch das Steuer in der Hand haben“ (Ezry Bayda, Zen Herz, S. 44).
Der Praktizierende kommt an den Punkt der Selbstbegegnung. Unser intimster „Hüter der Schwelle“ ist nun einmal das illusorische, zwanghafte Gefühlsleben mitsamt dem, was wir als heilig und unantastbar ansehen. Dabei hilft es keinesfalls, sich einzubilden, dass wir aus der Lage heraus kämen, „wenn wir mit großer Anstrengung praktizieren“ (Bayda). Je größer die Anstrengungen, je verbissener das Streben, je triumphaler die Erkenntnisse, desto mehr entfernen wir uns möglicherweise von der Stille. Die Dinge, die zählen und bestehen, benötigen keine Anstrengung. Im Gegenteil: Jenseits aller Anstrengung kann erst das entspringen, was lebendig ist und nicht aus uns heraus gepresst. Der „Abgrund“ sind unsere neurotischen Verkrampfungen, unsere Verteidigungs- und Angriffsmechanismen. Das „Nichts“, das wir lernen müssen auszuhalten, liegt jenseits unserer emotionalen und intellektuellen Reflexe. Es beginnt dort, wo unser aufgeregtes Hantieren und Geschnatter schweigt. Dort, wo unsere Selbstgewissheiten und Selbstbeschwichtigungen, ja auch die dauernden Selbstvorwürfe an ein erstes Ende kommen.
Bis dahin wird aber einiges an Munition aufgefahren: Erzengel, Christus, Erleuchtung, sagenhafte Erfolge, weltweite Konspirationen- alles, was wir projizieren können, um uns nur nicht dort zu rühren, wo es wirklich weh tut. Auf unseren Illusionen bauen wir ganze Welten auf und scheuen keine Anstrengung. So lange halten uns die falschen Gottheiten fest in ihrem Griff.
Michael Eggert: Grenzland. Kryptische Notizen
13.Okt.2011 22:06 Uhr
„Mit dem Weltenbau verwachsen fühlen“- formulierte Rudolf Steiner in seiner „Geheimwissenschaft im Umriss“, was andernorts vielleicht als „Einweihung“ oder „über die Schwelle gehen“ bezeichnet würde. Aber was ist dieser Bau? Er ist gewiss nichts Fertiges, Gewordenes, sonst könnte der innere Mensch damit nicht verwachsen. Er ist kein Gebautes, sondern etwas, was sich dauernd selber schöpft; die kreatürliche Kraft schlechthin. Ihr Wirken ist das, was „Natur“ zur Erscheinung bringt, Kruste von ihrem Saft. Es ist auch „Bewusstsein“ in diesem Bau, sonst könnte er nicht von sich wissen.
Die Schönheit des planetarischen Baus ist unübertroffen und von unserem Verstand nicht zu greifen- wir hecheln da berechnend und kalkulierend hinterher und murmeln etwas von „dunkler Materie“, wenn unser Verständnis erkennbar an Grenzen stößt. Die Erde in ihrer wunderbaren Gleichgewichtslage, beschirmt von Kreisläufen der Winde, der Atmosphäre, des magnetischen Kleides, das so lebendig im Sonnenwind tanzt. Auftrieb und Schwerkraft, Sommer- und Winterseite, der Atmungsprozess des Wassers in all seinen Aggregatzuständen: Das Alles ist dieser „Bau“. Und selbst das sind nur die Außenwände.
Du, der du den Puls der Erde fühlen willst, gehst auf in der Dynamik deines eigenen Lebens. Luftströme, Wasserkreisläufe, Wolken und Licht: Du lebst auf im Elementaren des eigenen biologischen Selbst, in voller Gedankenklarheit. Man kann hier nur selten bestehen. Meist verliert man sich bei dem Versuch, sich schwimmend zu erhalten, an den freundschaftlichen Schlaf. Nein, hier ertrinkt man nicht, man hisst die Segel und folgt den Strömen des Elementaren, man folgt einem Thema, einer Spur, einer Melodie und übt sich im dauernden Improvisieren. Wusstest du, dass das dein Lebenselement ist? Man lebt darin wie in Musik.
Nun aber haben wir die Segel eingezogen und sind an Land gegangen. Der Wetterbericht kündigt schweren Sturm an. Und wirklich, nun rollen ungeheure Wolkenmassen heran, es drückt auf unsere luftige Existenz, es ist ein Wollen auf Wollen; wir spüren, wir sind an der Grenze zur kreatürlichen Kraft. Vielleicht wird ein Gewitter rollen, vielleicht folgen Meteore. Man kann es nicht wissen.
Aber ich weiss, hier ist alles wohl geordnet, gut und klug. Selbst die unvorhersehbarsten Elemente, die Kometen, nähren doch nur, dem Mutterkuchen dieses planetarischen Raums (der Oortschen Wolke) entspringend, ihren Mittelpunkt, die Sonne. Die Sonne ist ein saugendes Geschöpf, das gleichzeitig seine ganze Substanz aus sich heraus gibt und schenkt. Ihr nährender Umkreis liegt außerhalb der Bahnen aller Planeten- selbst der zugezogenen. Sie ist auch nicht dieses Gestirn, sie ist ein Kreislauf, ein lebender Rhythmus.
(So werden sie Mystiker und Adepten früherer Kulte und Kulturen wahrgenommen haben: Nehmend und gebend, zersetzend und aufbauend, ein Wille, der Innen wie Außen sich darlebend sich so lange verschenkt, bis die Zeit erfriert und der weite kosmische Raum mit einer weiteren Umkreisbildung aus Staub und Gasen in ein träumendes Pralaya übergeht- die Stille. Dann wird sich aus dem Sternenstaub, der wir sind, ein neuer Tierkreis bilden. Und es wird sich Neues regen.. es entspringt- eine neue Ordnung. Ein neuer Teig wird in den Ofen geschoben und lange, lange gebacken.)
Bau an Bau, dieselbe Ordnung im Kleinen wie im Großen. Wir stehen an der Tür und bitten nicht um Einlass. Der Tag war lang, wir waren hier zu Besuch, an der Grenze.
Man muss wirklich kein Hellseher sein, um die Reife, Größe, Weisheit dieses Baus zu bewundern. Das Wundern ist der Königsweg der Erkenntnis. Man findet keine Perlen, sondern sich selbst, je weiter der Blick schweifend wird, wenn er denn bestehen kann, im Grenzland, wo der große und der kleine Bau aufeinander stoßen.
Die Schönheit des planetarischen Baus ist unübertroffen und von unserem Verstand nicht zu greifen- wir hecheln da berechnend und kalkulierend hinterher und murmeln etwas von „dunkler Materie“, wenn unser Verständnis erkennbar an Grenzen stößt. Die Erde in ihrer wunderbaren Gleichgewichtslage, beschirmt von Kreisläufen der Winde, der Atmosphäre, des magnetischen Kleides, das so lebendig im Sonnenwind tanzt. Auftrieb und Schwerkraft, Sommer- und Winterseite, der Atmungsprozess des Wassers in all seinen Aggregatzuständen: Das Alles ist dieser „Bau“. Und selbst das sind nur die Außenwände.
Du, der du den Puls der Erde fühlen willst, gehst auf in der Dynamik deines eigenen Lebens. Luftströme, Wasserkreisläufe, Wolken und Licht: Du lebst auf im Elementaren des eigenen biologischen Selbst, in voller Gedankenklarheit. Man kann hier nur selten bestehen. Meist verliert man sich bei dem Versuch, sich schwimmend zu erhalten, an den freundschaftlichen Schlaf. Nein, hier ertrinkt man nicht, man hisst die Segel und folgt den Strömen des Elementaren, man folgt einem Thema, einer Spur, einer Melodie und übt sich im dauernden Improvisieren. Wusstest du, dass das dein Lebenselement ist? Man lebt darin wie in Musik.
Nun aber haben wir die Segel eingezogen und sind an Land gegangen. Der Wetterbericht kündigt schweren Sturm an. Und wirklich, nun rollen ungeheure Wolkenmassen heran, es drückt auf unsere luftige Existenz, es ist ein Wollen auf Wollen; wir spüren, wir sind an der Grenze zur kreatürlichen Kraft. Vielleicht wird ein Gewitter rollen, vielleicht folgen Meteore. Man kann es nicht wissen.
Aber ich weiss, hier ist alles wohl geordnet, gut und klug. Selbst die unvorhersehbarsten Elemente, die Kometen, nähren doch nur, dem Mutterkuchen dieses planetarischen Raums (der Oortschen Wolke) entspringend, ihren Mittelpunkt, die Sonne. Die Sonne ist ein saugendes Geschöpf, das gleichzeitig seine ganze Substanz aus sich heraus gibt und schenkt. Ihr nährender Umkreis liegt außerhalb der Bahnen aller Planeten- selbst der zugezogenen. Sie ist auch nicht dieses Gestirn, sie ist ein Kreislauf, ein lebender Rhythmus.
(So werden sie Mystiker und Adepten früherer Kulte und Kulturen wahrgenommen haben: Nehmend und gebend, zersetzend und aufbauend, ein Wille, der Innen wie Außen sich darlebend sich so lange verschenkt, bis die Zeit erfriert und der weite kosmische Raum mit einer weiteren Umkreisbildung aus Staub und Gasen in ein träumendes Pralaya übergeht- die Stille. Dann wird sich aus dem Sternenstaub, der wir sind, ein neuer Tierkreis bilden. Und es wird sich Neues regen.. es entspringt- eine neue Ordnung. Ein neuer Teig wird in den Ofen geschoben und lange, lange gebacken.)
Bau an Bau, dieselbe Ordnung im Kleinen wie im Großen. Wir stehen an der Tür und bitten nicht um Einlass. Der Tag war lang, wir waren hier zu Besuch, an der Grenze.
Man muss wirklich kein Hellseher sein, um die Reife, Größe, Weisheit dieses Baus zu bewundern. Das Wundern ist der Königsweg der Erkenntnis. Man findet keine Perlen, sondern sich selbst, je weiter der Blick schweifend wird, wenn er denn bestehen kann, im Grenzland, wo der große und der kleine Bau aufeinander stoßen.
"Mit dem Weltenbau verwachsen fühlen"
06.Okt.2011 18:05 Uhr
Georg Kühlewind zitierte in seinem raren Büchlein „Der Gral oder Was die Liebe vermag“, als eine „hohe Stufe des Einweihungsweges“ aus Rudolf Steiners „Die Geheimwissenschaft im Umriß“:
„Er (der Adept) fängt an, sich wie mit dem ganzen Weltenbau verwachsen zu fühlen, trotzdem er sich in seiner vollen Selbständigkeit empfindet. Es ist diese Empfindung ein Aufgehen in die ganze Welt, ein Einswerden mit derselben, aber ohne die eigene Wesenheit zu verlieren. Man kann diese Entwicklungsstufe als „Einswerden mit dem Makrokosmos“ bezeichnen. Es ist bedeutsam, dass man dieses Einswerden nicht so zu denken hat, als wenn durch dasselbe das Sonderbewusstsein aufhören und die menschliche Wesenheit in das All ausfließen würde. Es wäre ein solcher Gedanke nur der Ausdruck einer aus ungeschulter Urteilskraft fließenden Meinung.“
Eben diese „ungeschulte Urteilskraft“ ist aber so häufig verbreitet. Das Gebrabbel vom „Überwinden des Ego“ in einer Art Salto mortale ins Nirvana- Glück pflegt eine spezielle Art von Dualismus, in der streng zwischen einem Jetzt und Dann unterschieden wird; die Vorstellung, dass „Weltwerdung“ auch „Selbstwerdung“ sein kann und umgekehrt, erfordert dagegen eine langwierige innere Umkehr, die nur schrittweise und mit einer einhergehenden moralischen Reife erreicht werden kann. Ein ekstatisches „Aus-Sich-Herauskommen“ kann allenfalls ein Zwischenstadium für den Novizen in dieser Disziplin sein; in der rechten, weiten Perspektive kein besonders relevantes Erlebnis, auf das man gar nicht weiter einzugehen braucht. Natürlich ist das Überwinden der inneren Enge der selbstbezüglichen Intelligenz eine glückliche Erfahrung, die an den Rändern gelegentlich aufleuchtet- es ist dies aber kein Ziel einer Entwicklung. Wenn man sich darauf versteift, projiziert man nur sein Selbstgefühl auf eine andere Ebene; Selbstbeglückung hat aber eine zutiefst korrumpierte Innenseite. Von daher wird in diesem Fall das ganze Erleben verzerrt. „Als das Wünschen noch geholfen hat“, gibt es nur im Märchen; real züchtet man das innere Wünschen auf eine geistige Projektionsfläche und erlebt dann eben das im Bilde, was man sich eben ersehnt hat. Ob Engel, Buddhas oder Lichtblitze, bleibt dem Einzelfall überlassen, aber auch der eigenen Tradition und Kultur. Real ist in diesem Fall gar nichts.
„Er (der Adept) fängt an, sich wie mit dem ganzen Weltenbau verwachsen zu fühlen, trotzdem er sich in seiner vollen Selbständigkeit empfindet. Es ist diese Empfindung ein Aufgehen in die ganze Welt, ein Einswerden mit derselben, aber ohne die eigene Wesenheit zu verlieren. Man kann diese Entwicklungsstufe als „Einswerden mit dem Makrokosmos“ bezeichnen. Es ist bedeutsam, dass man dieses Einswerden nicht so zu denken hat, als wenn durch dasselbe das Sonderbewusstsein aufhören und die menschliche Wesenheit in das All ausfließen würde. Es wäre ein solcher Gedanke nur der Ausdruck einer aus ungeschulter Urteilskraft fließenden Meinung.“
Eben diese „ungeschulte Urteilskraft“ ist aber so häufig verbreitet. Das Gebrabbel vom „Überwinden des Ego“ in einer Art Salto mortale ins Nirvana- Glück pflegt eine spezielle Art von Dualismus, in der streng zwischen einem Jetzt und Dann unterschieden wird; die Vorstellung, dass „Weltwerdung“ auch „Selbstwerdung“ sein kann und umgekehrt, erfordert dagegen eine langwierige innere Umkehr, die nur schrittweise und mit einer einhergehenden moralischen Reife erreicht werden kann. Ein ekstatisches „Aus-Sich-Herauskommen“ kann allenfalls ein Zwischenstadium für den Novizen in dieser Disziplin sein; in der rechten, weiten Perspektive kein besonders relevantes Erlebnis, auf das man gar nicht weiter einzugehen braucht. Natürlich ist das Überwinden der inneren Enge der selbstbezüglichen Intelligenz eine glückliche Erfahrung, die an den Rändern gelegentlich aufleuchtet- es ist dies aber kein Ziel einer Entwicklung. Wenn man sich darauf versteift, projiziert man nur sein Selbstgefühl auf eine andere Ebene; Selbstbeglückung hat aber eine zutiefst korrumpierte Innenseite. Von daher wird in diesem Fall das ganze Erleben verzerrt. „Als das Wünschen noch geholfen hat“, gibt es nur im Märchen; real züchtet man das innere Wünschen auf eine geistige Projektionsfläche und erlebt dann eben das im Bilde, was man sich eben ersehnt hat. Ob Engel, Buddhas oder Lichtblitze, bleibt dem Einzelfall überlassen, aber auch der eigenen Tradition und Kultur. Real ist in diesem Fall gar nichts.
Michael Eggert: Die Zeit anhalten
27.Sep.2011 19:14 Uhr
Voraussetzungen im engeren Sinne gibt es keine, um ins nonduale Erleben zu wechseln, oder, um in unserem Sprachstil zu bleiben, die Zeit anzuhalten. Ich persönlich mag dabei keine überkreuzten Gliedmaßen und andere Verrenkungen; ansonsten gilt nur: Bequem sitzen. Natürlich ist es nicht ganz leicht, das willentlich abzustellen, was uns immer im Zeitstrom hält: Das was ich gleich machen wollte und will, dass ich noch diesen Arzttermin habe und im Keller staubsaugen wollte. Das, was gerade passiert ist und noch nicht geklärt: Der Brief mit dem amtlichen Siegel, der gerade im Briefkasten lag, meine berufliche Stellung, die gerade durch eine neue personelle Konstellation fraglich geworden ist. Aus all dem, in das ich eingespannt bin, möchte ich nun heraus treten und frische Luft dabei schöpfen.
Womöglich hilft ein mantrischer Spruch, ein Koan, ein in sich Widersprüchliches, das nur auf einer höheren Ebene vernünftig wird, indem ich auf einer höheren Ebene in diese Vernunft eintrete. Natürlich ist ein Steinersches Koan wie „Denkend empfinde ich mich eins mit dem Weltgeschehen“* auf der dualen Ebenen unsinnig, denn denkend empfindet man gar nichts, schon gar nicht sich selbst, und erst recht nicht sich „eines“ mit irgend etwas, und überhaupt nicht mit einem „Weltgeschehen“. Diese Art von Selbsterfahrung befindet sich schon *dort*, im Nondualen, auf der Ebene des Seins.
Die Worte des Koans werden, sobald ich an eine konzentrierte, aber leichte, nicht verkrampfte Vertiefung des Spruchs komme, an der die einzelnen Worte und Bezüge sich auflösen, flüssig werden und zum sinnvollen Erleben kommen, zum Anstoss für eine Art „Flow“- Erfahrung. Das Lastende der Nacht, die konkreten Sorgen, die kommenden Probleme und gleich notwendigen Telefonate und Gespräche lösen sich zwar nicht auf, treten aber in den Hintergrund einer erlebten reinen Gegenwärtigkeit. Es gibt ein tieferes und weniger intensives Eintreten. Mir persönlich fällt es morgens schwerer. Es ist dann eher ein kurzes Ins-Wasser-Steigen - etwas, um es anzuregen, um eine Melodie für den Tag anstimmen zu lassen. Im Tagesverlauf erweist es sich als günstig, Wartesituationen oder Pausen zu benutzen, sich kurz an das fliessende Wasser zu erinnern, sich seiner Existenz zu vergegenwärtigen. Im Islam würde man so etwas vielleicht mit einer kurzen „Waschung“ bezeichnen. Es nimmt den untergründigen Faden auf und spinnt ihn weiter, taucht das Gegenwartsbewusstsein kurz ein ins Strömende. Am Abend wird es Gelegenheiten geben, diese innere Melodie zu vertiefen und mit größerer Gänze zuzulassen, was inzwischen kraftvoll geworden ist. Vorhersagbar ist da nichts, planbar auch nicht- und manche Tage geben aus inneren oder äußeren Umständen keine Möglichkeit her, die innere Verbindung zu vertiefen.
Das ist aber nicht tragisch, da die Möglichkeit zur Gegenwärtigkeit inzwischen einfach besteht. Sie ist mit Händen zu greifen und manifestiert sich auch in einem veränderten Körper- und Selbstgefühl. Man könnte auch sagen, man habe die Chakren bewegt und spüre nun ihre Eigendynamik. Es bedarf nun keines Anlaufs mehr, keiner Übung, um die innere Präsenz zu erfahren- man wechselt - um es ungeschickt auszudrücken- zwischen den Ebenen oder wird, präziser, der Ebene des „Flow“, der Ebene des „reinen Denkens“ dauerhaft gewahr, auch wenn man sich immer wieder aus ihr heraus zieht, um vielleicht die Steuererklärung fertig zu machen oder Auto zu fahren.
Die Möglichkeit, in die Zeitlosigkeit einzutreten, hängt von einigen Faktoren ab; ich denke, dass es heute eine kulturunabhängige Fähigkeit ist, die mit der modernen Art der Inkarnation zusammen hängt. Es ist keine individuelle Fähigkeit, denn sie rückt von Generation zu Generation näher; sie ist aber auch ein Luxus, da sie davon abhängt, inwieweit man ausschließlich für den Broterwerb tätig sein muss - oder inwieweit man aus dem Hamsterrad zumindest zwischendurch auch aussteigen kann. Es ist keine individuelle Fähigkeit, auch nichts, womit man aufs Neue ein Selbstgefühl verbinden kann. Man kann zweifellos einen Kult daraus machen. Es gibt aber so wenig einen Grund, darauf stolz zu sein wie auf die Tatsache, frische Luft zu atmen: Man hat die Luft nicht geschaffen. Die Präsenz in der einen oder anderen Form zu erfahren, ist eine natürliche Gabe wie das rationale Denken; es ist ein Rationales, das näher am „Leben“ ist, mehr nicht. Es gibt also auch etwas wie spirituelle Hysterie oder aber (was wir hier propagieren möchten) Rationalität. Die diversen hysterischen Ausbrüche bevölkern die entsprechende Szene und deren Literatur und Retreats. Das Erleben des Flow aber bedarf, wenn es einmal gefestigt ist, keiner äußeren, ja nicht einmal mehr innerer Anstösse- eigentlich widerstrebt es einem ja sogar, Begriffe wie „Meditation“ darauf anzuwenden, da es sich nicht um einen Ausnahmezustand handelt, sondern um eine ganz natürliche Gestimmtheit. Rudolf Steiner nannte das sogar zuweilen den „gesunden Menschenverstand“.
Zu dieser Natürlichkeit gehört auch, dass man sich eigentlich immer als Beginner versteht- es sind bis auf nicht absehbare Zukunft lauter Anfänge von etwas. Ich denke schon, dass die anstehende Transformation eine natürliche kulturelle Strömung ist, an der man teilhat: „Von den Geistern der Form zu den Geistern der Bewegung.“ Das Gewordene, Geformte ist ja so wenig weg wie der Alltag und das so und so sich darlebende Individuum. Es ist absolut notwendig, bis zu diesem ausgeformten Individualismus vorgedrungen zu sein. Nun aber darf auch frischer Wind hinein, der Atem darf weiter werden, und die Dinge können auch mit dem Herzen gesehen werden.
Was man vielleicht noch anmerken darf, ist, dass mit dem „Anhalten der Zeit“, dem Erleben des Flow noch keine moralische Reife mitgeliefert wird. Das hier ist kein All- Inclusive, kein Baumarktregal, aus dem man eine Fertiglösung entnehmen kann. Es gibt womöglich noch nicht einmal Beurteilungsmaßstäbe, auf die man sich verlassen könnte. Daher erscheinen an allen Ecken - auch in den anthroposophischen - Autoren, die ein Alleinvertretungsrecht beanspruchen- womöglich aus Verkennung der Lage. Der behauptete exklusive Zugang produziert meist Anhänger, die an dieses Alleinvertretungsrecht glauben. Das schafft völlig verquere Positionierungen beider Seiten, nämlich archaische Schüler- Lehrer- Verhältnisse. Wenn die Machtspiele beginnen, kommen Mechanismen in Gang, die eine eigene Dynamik haben, vor allem aber restlos von dem, worauf es ankommt, ablenken.
Man muss vielmehr heute davon ausgehen, dass die Fähigkeiten, von denen die Rede ist, universell sind und nur eines Anstosses bedürfen, um geweckt und entfaltet zu werden. Moderne spirituelle Rationalität versteigt sich auch nicht in Visionärem und ertrinkt nicht in Bilderfluten. Es wird kein „Ego“ überwunden, sondern es tritt - zart- ein konzentriertes Loslassen auf, das sich in die Verhältnisse - auch die persönlichen Schicksale - einfügt, sie akzeptiert und sie ganz allmählich von innen und von außen durchleuchtet, durchglänzt und befruchtet. So entstehen z.B. neue soziale Kompetenzen, neue Teamfähigkeiten, in denen es vor allem darauf ankommt, so stark zu sein, Anderen Raum und Entfaltungsmöglichkeiten bieten zu können. Das innere und äußere Zurück- Treten-Können, um in reiner Gegenwärtigkeit situationsangemessene Lösungsmöglichkeiten zu finden, ohne Anderen etwas aufzuoktroyieren, sind Teilaspekte der neuen Fähigkeiten.
___________________________
*Eine umfassende Darstellung anthroposophischer Meditationstechnik von Hans-Peter Dieckmann: http://www.anthroposophie-dieckmann.com/Meditation.html
Womöglich hilft ein mantrischer Spruch, ein Koan, ein in sich Widersprüchliches, das nur auf einer höheren Ebene vernünftig wird, indem ich auf einer höheren Ebene in diese Vernunft eintrete. Natürlich ist ein Steinersches Koan wie „Denkend empfinde ich mich eins mit dem Weltgeschehen“* auf der dualen Ebenen unsinnig, denn denkend empfindet man gar nichts, schon gar nicht sich selbst, und erst recht nicht sich „eines“ mit irgend etwas, und überhaupt nicht mit einem „Weltgeschehen“. Diese Art von Selbsterfahrung befindet sich schon *dort*, im Nondualen, auf der Ebene des Seins.
Die Worte des Koans werden, sobald ich an eine konzentrierte, aber leichte, nicht verkrampfte Vertiefung des Spruchs komme, an der die einzelnen Worte und Bezüge sich auflösen, flüssig werden und zum sinnvollen Erleben kommen, zum Anstoss für eine Art „Flow“- Erfahrung. Das Lastende der Nacht, die konkreten Sorgen, die kommenden Probleme und gleich notwendigen Telefonate und Gespräche lösen sich zwar nicht auf, treten aber in den Hintergrund einer erlebten reinen Gegenwärtigkeit. Es gibt ein tieferes und weniger intensives Eintreten. Mir persönlich fällt es morgens schwerer. Es ist dann eher ein kurzes Ins-Wasser-Steigen - etwas, um es anzuregen, um eine Melodie für den Tag anstimmen zu lassen. Im Tagesverlauf erweist es sich als günstig, Wartesituationen oder Pausen zu benutzen, sich kurz an das fliessende Wasser zu erinnern, sich seiner Existenz zu vergegenwärtigen. Im Islam würde man so etwas vielleicht mit einer kurzen „Waschung“ bezeichnen. Es nimmt den untergründigen Faden auf und spinnt ihn weiter, taucht das Gegenwartsbewusstsein kurz ein ins Strömende. Am Abend wird es Gelegenheiten geben, diese innere Melodie zu vertiefen und mit größerer Gänze zuzulassen, was inzwischen kraftvoll geworden ist. Vorhersagbar ist da nichts, planbar auch nicht- und manche Tage geben aus inneren oder äußeren Umständen keine Möglichkeit her, die innere Verbindung zu vertiefen.
Das ist aber nicht tragisch, da die Möglichkeit zur Gegenwärtigkeit inzwischen einfach besteht. Sie ist mit Händen zu greifen und manifestiert sich auch in einem veränderten Körper- und Selbstgefühl. Man könnte auch sagen, man habe die Chakren bewegt und spüre nun ihre Eigendynamik. Es bedarf nun keines Anlaufs mehr, keiner Übung, um die innere Präsenz zu erfahren- man wechselt - um es ungeschickt auszudrücken- zwischen den Ebenen oder wird, präziser, der Ebene des „Flow“, der Ebene des „reinen Denkens“ dauerhaft gewahr, auch wenn man sich immer wieder aus ihr heraus zieht, um vielleicht die Steuererklärung fertig zu machen oder Auto zu fahren.
Die Möglichkeit, in die Zeitlosigkeit einzutreten, hängt von einigen Faktoren ab; ich denke, dass es heute eine kulturunabhängige Fähigkeit ist, die mit der modernen Art der Inkarnation zusammen hängt. Es ist keine individuelle Fähigkeit, denn sie rückt von Generation zu Generation näher; sie ist aber auch ein Luxus, da sie davon abhängt, inwieweit man ausschließlich für den Broterwerb tätig sein muss - oder inwieweit man aus dem Hamsterrad zumindest zwischendurch auch aussteigen kann. Es ist keine individuelle Fähigkeit, auch nichts, womit man aufs Neue ein Selbstgefühl verbinden kann. Man kann zweifellos einen Kult daraus machen. Es gibt aber so wenig einen Grund, darauf stolz zu sein wie auf die Tatsache, frische Luft zu atmen: Man hat die Luft nicht geschaffen. Die Präsenz in der einen oder anderen Form zu erfahren, ist eine natürliche Gabe wie das rationale Denken; es ist ein Rationales, das näher am „Leben“ ist, mehr nicht. Es gibt also auch etwas wie spirituelle Hysterie oder aber (was wir hier propagieren möchten) Rationalität. Die diversen hysterischen Ausbrüche bevölkern die entsprechende Szene und deren Literatur und Retreats. Das Erleben des Flow aber bedarf, wenn es einmal gefestigt ist, keiner äußeren, ja nicht einmal mehr innerer Anstösse- eigentlich widerstrebt es einem ja sogar, Begriffe wie „Meditation“ darauf anzuwenden, da es sich nicht um einen Ausnahmezustand handelt, sondern um eine ganz natürliche Gestimmtheit. Rudolf Steiner nannte das sogar zuweilen den „gesunden Menschenverstand“.
Zu dieser Natürlichkeit gehört auch, dass man sich eigentlich immer als Beginner versteht- es sind bis auf nicht absehbare Zukunft lauter Anfänge von etwas. Ich denke schon, dass die anstehende Transformation eine natürliche kulturelle Strömung ist, an der man teilhat: „Von den Geistern der Form zu den Geistern der Bewegung.“ Das Gewordene, Geformte ist ja so wenig weg wie der Alltag und das so und so sich darlebende Individuum. Es ist absolut notwendig, bis zu diesem ausgeformten Individualismus vorgedrungen zu sein. Nun aber darf auch frischer Wind hinein, der Atem darf weiter werden, und die Dinge können auch mit dem Herzen gesehen werden.
Was man vielleicht noch anmerken darf, ist, dass mit dem „Anhalten der Zeit“, dem Erleben des Flow noch keine moralische Reife mitgeliefert wird. Das hier ist kein All- Inclusive, kein Baumarktregal, aus dem man eine Fertiglösung entnehmen kann. Es gibt womöglich noch nicht einmal Beurteilungsmaßstäbe, auf die man sich verlassen könnte. Daher erscheinen an allen Ecken - auch in den anthroposophischen - Autoren, die ein Alleinvertretungsrecht beanspruchen- womöglich aus Verkennung der Lage. Der behauptete exklusive Zugang produziert meist Anhänger, die an dieses Alleinvertretungsrecht glauben. Das schafft völlig verquere Positionierungen beider Seiten, nämlich archaische Schüler- Lehrer- Verhältnisse. Wenn die Machtspiele beginnen, kommen Mechanismen in Gang, die eine eigene Dynamik haben, vor allem aber restlos von dem, worauf es ankommt, ablenken.
Man muss vielmehr heute davon ausgehen, dass die Fähigkeiten, von denen die Rede ist, universell sind und nur eines Anstosses bedürfen, um geweckt und entfaltet zu werden. Moderne spirituelle Rationalität versteigt sich auch nicht in Visionärem und ertrinkt nicht in Bilderfluten. Es wird kein „Ego“ überwunden, sondern es tritt - zart- ein konzentriertes Loslassen auf, das sich in die Verhältnisse - auch die persönlichen Schicksale - einfügt, sie akzeptiert und sie ganz allmählich von innen und von außen durchleuchtet, durchglänzt und befruchtet. So entstehen z.B. neue soziale Kompetenzen, neue Teamfähigkeiten, in denen es vor allem darauf ankommt, so stark zu sein, Anderen Raum und Entfaltungsmöglichkeiten bieten zu können. Das innere und äußere Zurück- Treten-Können, um in reiner Gegenwärtigkeit situationsangemessene Lösungsmöglichkeiten zu finden, ohne Anderen etwas aufzuoktroyieren, sind Teilaspekte der neuen Fähigkeiten.
___________________________
*Eine umfassende Darstellung anthroposophischer Meditationstechnik von Hans-Peter Dieckmann: http://www.anthroposophie-dieckmann.com/Meditation.html
Michael Eggert: Nach der Erleuchtung Wäsche waschen
20.Sep.2011 21:51 Uhr
Jack Kornfields Buch „Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“ (hier das englischsprachige Original) ist schon deshalb so sympathisch, weil es ehrlich ist. Es bringt den ganzen elenden Erleuchtungs- Hype auf den Boden zurück und fragt quer durch alle möglichen Bewegungen - von Sufis über Himalaya-Gurus bis hin zu christlichen Nonnen- diese danach ab, wie es den Menschen nach und mit etwas wie „Erleuchtung“ (die meisten würden sich schämen, es so zu nennen) denn erging. Zahllose Anekdoten aus all diesen Milieus erheitern manchmal, kommen manchmal besinnlich daher und beleuchten das Buch jedenfalls so sehr, dass es auch mit 350 Seiten sehr gut zu lesen ist. Wenn Kornfeld selbst einer „Richtung“ zuzuordnen ist, dann jeweils einer, die es konkret und alltäglich meint- so etwa wie in folgender Anekdote:
„Als ein Zen- Schüler zu seinem Meister sagte: „Nun fehlen mir nur noch ein paar Details“, rief der Meister aus: „Aber es gibt nur Details.“ (S. 231)
Kornfeld geht es um Achtsamkeit, um „Gegenwärtigkeit“, aber eben auch um die Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen Schattenseiten: „Ja, ein reifes Herz weiß um die Dimension des Egoismus und der Sünde. Aber es ist sich auch der umfassenderen Wirklichkeit des Menschseins bewusst, der ursprünglichen Einheit und grundlegenden Güte, die unsere göttliche Natur, unsere Buddha- Natur ist.“ (S. 206). Illusionärer Perfektionismus oder vorgetäuschte Vollkommenheit werden hier nicht gesucht, denn „das Bewusstsein, das man auf einem Gebiet entwickelt hat, überträgt sich nicht auf andere Lebensbereiche.“ (S. 199) Das führt zu den Widersprüchen, die man überall - auch an spirituellen Orten- erleben muss: „Meditationsmeister, die sich mit außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen auskennen, können auf emotionalem, zwischenmenschlichem Gebiet Schwierigkeiten haben. Fromme, sich für Gott aufopfernde Nonnen oder Mönche können eine problematische, ja selbst Kaputte Beziehung zu ihrer Familie- oder zu ihrem eigenen Körper haben. Und Yogis und Gurus, die über eine unglaubliche Körperbeherrschung verfügen und ihre Atmung und Gedanken unter Kontrolle haben, können blind übernommene Überzeugungen und Meinungen vertreten, die sich negativ auf ihre Anhänger auswirken. Die meisten Mönche, Nonnen, Meditationsmeister und spirituellen Schüler entdecken nach einiger Zeit Lebensbereiche, denen sie bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Für viele Lehrer hat die spirituelle Ausbildung selbst zur Vernachlässigung oder Verdrängung ihrer grundlegenden menschlichen Bedürfnisse geführt.“ (S. 199)
Kornfeld hat keinerlei Hemmungen, über die Alltagsprobleme hoch angesehener Yogis zu berichten, wenn auch häufig anonym, die plötzlich trotz aller Erfahrungen in eine existentielle Krise geraten und sich selbst völlig in Frage stellen. Vielen geht es offenbar gerade nach lang anhaltenden und weit gehenden Retreats so. Kaum zurück gekehrt, brechen alte Wunden mit Wucht wieder auf oder es besteht völlige Verwirrung darüber, „wie man seine Spiritualität mit dem beruflichen Alltag verbinden soll.“ (S. 158) Er verbindet das mit netten Geschichten wie das von dem Kloster auf einem Berggipfel, das den „schönsten Buddha in ganz Korea“ anpreist, aber nur einen leeren Altar mit weitem Blick in die Umgebung bietet: „Als er näher herantrat, entdeckte er eine Inschrift auf dem Altar: „Wenn du hier keinen Buddha siehst, geh hinunter und übe noch ein wenig.“
Aber neben diesen eher amüsanten Exkursen bearbeitet Kornfeld auch unangenehme Züge wie den spirituellen Ehrgeiz. Dazu die Geschichte von dem Mönch, der den Meister fragte, wie lange er bis zur Erleuchtung denn bräuchte: Zehn Jahre, ist die antwortet. Und wenn er sich besonders bemühen würde? Dann würde es zwanzig Jahre dauern. Der Adept murrt und beklagt die mangelnde Fairenss. „Wieso doppelt so lang?“. In seinem Fall, antwortet der Meister, würde es dann wohl eher dreissig Jahre dauern.
Wenig glanzvoll erscheinen auch die zahlreichen Geschichten, in denen gerade in Schüler- Lehrer- Verhältnissen Zustände eintreten können und eingetreten sind, in denen es um sexuelle und finanzielle Ausbeutung ging. Das eine oder andere Mal plaudert Kornfield aus dem Nähkästchen und verrät Namen. Bei vielen tibetischen Lamas hat der Missbrauch auch von Kindern sogar Tradition. Kornfield geht aber nicht so weit, das System von Klosterleben, Guruismus, jahrelangem Rückzug in Frage zu stellen. Die Abhängigkeitsverhältnisse in vielen klassischen spirituellen Bewegungen führen offensichtlich häufig zu schwer wiegendem Missbrauch. Kornfield sieht diese Probleme und meldet durchaus Reformbedarf an. Die Systemfrage stellt er aber nicht.
„Als ein Zen- Schüler zu seinem Meister sagte: „Nun fehlen mir nur noch ein paar Details“, rief der Meister aus: „Aber es gibt nur Details.“ (S. 231)
Kornfeld geht es um Achtsamkeit, um „Gegenwärtigkeit“, aber eben auch um die Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen Schattenseiten: „Ja, ein reifes Herz weiß um die Dimension des Egoismus und der Sünde. Aber es ist sich auch der umfassenderen Wirklichkeit des Menschseins bewusst, der ursprünglichen Einheit und grundlegenden Güte, die unsere göttliche Natur, unsere Buddha- Natur ist.“ (S. 206). Illusionärer Perfektionismus oder vorgetäuschte Vollkommenheit werden hier nicht gesucht, denn „das Bewusstsein, das man auf einem Gebiet entwickelt hat, überträgt sich nicht auf andere Lebensbereiche.“ (S. 199) Das führt zu den Widersprüchen, die man überall - auch an spirituellen Orten- erleben muss: „Meditationsmeister, die sich mit außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen auskennen, können auf emotionalem, zwischenmenschlichem Gebiet Schwierigkeiten haben. Fromme, sich für Gott aufopfernde Nonnen oder Mönche können eine problematische, ja selbst Kaputte Beziehung zu ihrer Familie- oder zu ihrem eigenen Körper haben. Und Yogis und Gurus, die über eine unglaubliche Körperbeherrschung verfügen und ihre Atmung und Gedanken unter Kontrolle haben, können blind übernommene Überzeugungen und Meinungen vertreten, die sich negativ auf ihre Anhänger auswirken. Die meisten Mönche, Nonnen, Meditationsmeister und spirituellen Schüler entdecken nach einiger Zeit Lebensbereiche, denen sie bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt haben. Für viele Lehrer hat die spirituelle Ausbildung selbst zur Vernachlässigung oder Verdrängung ihrer grundlegenden menschlichen Bedürfnisse geführt.“ (S. 199)
Kornfeld hat keinerlei Hemmungen, über die Alltagsprobleme hoch angesehener Yogis zu berichten, wenn auch häufig anonym, die plötzlich trotz aller Erfahrungen in eine existentielle Krise geraten und sich selbst völlig in Frage stellen. Vielen geht es offenbar gerade nach lang anhaltenden und weit gehenden Retreats so. Kaum zurück gekehrt, brechen alte Wunden mit Wucht wieder auf oder es besteht völlige Verwirrung darüber, „wie man seine Spiritualität mit dem beruflichen Alltag verbinden soll.“ (S. 158) Er verbindet das mit netten Geschichten wie das von dem Kloster auf einem Berggipfel, das den „schönsten Buddha in ganz Korea“ anpreist, aber nur einen leeren Altar mit weitem Blick in die Umgebung bietet: „Als er näher herantrat, entdeckte er eine Inschrift auf dem Altar: „Wenn du hier keinen Buddha siehst, geh hinunter und übe noch ein wenig.“
Aber neben diesen eher amüsanten Exkursen bearbeitet Kornfeld auch unangenehme Züge wie den spirituellen Ehrgeiz. Dazu die Geschichte von dem Mönch, der den Meister fragte, wie lange er bis zur Erleuchtung denn bräuchte: Zehn Jahre, ist die antwortet. Und wenn er sich besonders bemühen würde? Dann würde es zwanzig Jahre dauern. Der Adept murrt und beklagt die mangelnde Fairenss. „Wieso doppelt so lang?“. In seinem Fall, antwortet der Meister, würde es dann wohl eher dreissig Jahre dauern.
Wenig glanzvoll erscheinen auch die zahlreichen Geschichten, in denen gerade in Schüler- Lehrer- Verhältnissen Zustände eintreten können und eingetreten sind, in denen es um sexuelle und finanzielle Ausbeutung ging. Das eine oder andere Mal plaudert Kornfield aus dem Nähkästchen und verrät Namen. Bei vielen tibetischen Lamas hat der Missbrauch auch von Kindern sogar Tradition. Kornfield geht aber nicht so weit, das System von Klosterleben, Guruismus, jahrelangem Rückzug in Frage zu stellen. Die Abhängigkeitsverhältnisse in vielen klassischen spirituellen Bewegungen führen offensichtlich häufig zu schwer wiegendem Missbrauch. Kornfield sieht diese Probleme und meldet durchaus Reformbedarf an. Die Systemfrage stellt er aber nicht.
Michael Eggert: Paradoxien an der Schwelle oder: Der Gral kommt, wenn man ihn nicht will
12.Sep.2011 20:41 Uhr
Nicht nur in Zen- Geschichten drücken sich die Paradoxien an der Schwelle zur geistigen Welt aus, sondern auch in dem biografischen Umständen, die Joseph Beuys in dem Interview weiter unten drastisch schildert: Wie er mehrfach und in steigendem Maß in seinem Leben an einen Nullpunkt heran geführt worden war, an einen Punkt des reinen Nichts, an dem ihn nichts mehr an Leben kettete. Aber gerade aus diesen Nullpunkten heraus entwickelt sich geistige Kompetenz, die eben weniger in dem besteht, was man vermag, als darin, wie viel Raum man zu geben vermag. Der Geist realisiert sich nicht in der Fülle des Könnens, Wollens und Habens, sondern in der Leere des Nullpunkts, an den man sich nicht nur heran arbeiten muss, sondern den man auch halten und vor allem aushalten muss. Niemand könnte das besser schildern als Beuys selbst.
Was er nicht - oder nicht so deutlich- erwähnt, ist, dass dieses Prinzip des paradoxen „wollenden Nichtwollens“ nicht nur in biografischem Sinne gilt, sondern für jede echte meditative Situation. Man kann für eine gelingende Meditation immer nur übend den Boden bereiten. Es gibt einen Punkt, an dem man eine Art innerer Bühne errichtet hat, dort, im Schwellenland, und wartet. Wenn der kühle Wind *dort* entspringt, ist man gut beraten, den Auftrieb zu nutzen und aktiv zu navigieren: Man ergreift den sich umstülpenden Willen, eine Art Kraft, die man nicht selbst erschafft, sondern die man zulässt. Wir kennen das Prinzip, auch wenn die gewählten Begriffe vielleicht befremdlich wirken sollten, tatsächlich sehr gut. Denn nur so gelingt und entspringt ein Gespräch zwischen Menschen: Indem man einander Raum gibt. Wer das nicht vermag und stets nur sich selbst aus-drückt, ist einsam zwischen Menschen, aber auch in Bezug auf das meditative Geschehen.
Wer mag, muss nicht nach Japan schauen, um Zen- Philosophie zu entdecken. Es reicht ein Blick ins neue Testament (Matthäus 19, 24, Markus 10, 25), wo sich der berühmte, aber falsche Satz vom Kamel findet, das eher durch das Nadelöhr passt als dass der Reiche ins Reich Gottes käme. Übrigens soll es sich um einen Übersetzungsfehler* handeln. Es geht wohl in Wahrheit um ein Schiffstau, das eher durch ein Nadelöhr passt. „Zen“ ist die Textstelle dennoch auch in prosaischer, aber korrekter Übersetzung, denn es handelt sich in all den Bildern um eine Zustandsbeschreibung des inneren Lebens an der Schwelle: Unsere „Reichtümer“ sind alles das, was wir mitgebracht haben, Begabungen, Formungen, individuelle Fähigkeiten. Das Nadelöhr ist der oben beschriebene Nullpunkt. Erst das, dem wir Raum geben, damit es entspringen möge, passt durch das Nadelöhr.
Aber wir können natürlich auch ins Mittelalter schauen- etwa zur Parzival- Legende, um diese Paradoxie der Schwelle wieder zu finden. Dazu zitieren wir aus einem Buch von Georg Kühlewind**:
„Festlich gestimmt, von Freude und Liebe erfüllt sind alle - außer Parzifal. Er empfindet Doppelte Trauer, die ihm die Freude verwehrt und ihn in dem Entschluss bestärkt, erst den Gral wieder finden und dann Amfortas heilen zu wollen. So zeiht er sich von Freunden und Feiernden zurück, denkt über seine Lage nach und fasst den weiteren Entschluss, seine Suche, sein Streben nach dem Gral aufzugeben. Er resigniert, was ihn aber nicht dazu bringt, nach Hause, zu seiner Frau, in seine Königreiche zurückzukehren- das hätte ihm jederzeit offen gestanden.
„Da ich entbehre, was die Glücklichen besitzen - ich meine die Liebe, die die manches traurige Herz wieder froh macht-, da ich also keinen Anteil an diesem Glück habe, kümmert mich nicht, was mir geschieht. Gott will nicht, dass ich glücklich bin. Könnte ich oder die Frau, nach der ich heiss verlange, unsere Liebe durch Wankelmut zerstören, dann könnte ich vielleicht eine andre lieben. Doch die Liebe zu ihr hat jeden Gedanken an andre Liebe und das Glück, das diese schenken könnte, in mir ausgelöscht, ohne mir Trost und Glück zu schenken. Ich bin tief in Trauer versunken. Möge das Glück allen Freude schenken, die nach wahrer Freude verlangen! Gott gebe allen hier nur Freude! Ich aber will den Kreis der Glücklichen verlassen.***“
Die gezielte Suche nach dem Gral wird aufgegeben, Parzifal stellt sich dem Schicksal anheim. Das ist der entscheidende Augenblick, die entscheidende Wendung auf seinem Weg. Denn nun kommt der Gral zu ihm.“
__________
*http://www.uebersetzerportal.de/nachrichten/n-archiv/2003/2003-08/2003-08-18.htm
**Georg Kühlend, Der Gral oder Was die Liebe vermag, Stuttgart 1997, S. 35 ff
***Wolfram von Eschenbach, Parifal, Stuttgart 1981
Was er nicht - oder nicht so deutlich- erwähnt, ist, dass dieses Prinzip des paradoxen „wollenden Nichtwollens“ nicht nur in biografischem Sinne gilt, sondern für jede echte meditative Situation. Man kann für eine gelingende Meditation immer nur übend den Boden bereiten. Es gibt einen Punkt, an dem man eine Art innerer Bühne errichtet hat, dort, im Schwellenland, und wartet. Wenn der kühle Wind *dort* entspringt, ist man gut beraten, den Auftrieb zu nutzen und aktiv zu navigieren: Man ergreift den sich umstülpenden Willen, eine Art Kraft, die man nicht selbst erschafft, sondern die man zulässt. Wir kennen das Prinzip, auch wenn die gewählten Begriffe vielleicht befremdlich wirken sollten, tatsächlich sehr gut. Denn nur so gelingt und entspringt ein Gespräch zwischen Menschen: Indem man einander Raum gibt. Wer das nicht vermag und stets nur sich selbst aus-drückt, ist einsam zwischen Menschen, aber auch in Bezug auf das meditative Geschehen.
Wer mag, muss nicht nach Japan schauen, um Zen- Philosophie zu entdecken. Es reicht ein Blick ins neue Testament (Matthäus 19, 24, Markus 10, 25), wo sich der berühmte, aber falsche Satz vom Kamel findet, das eher durch das Nadelöhr passt als dass der Reiche ins Reich Gottes käme. Übrigens soll es sich um einen Übersetzungsfehler* handeln. Es geht wohl in Wahrheit um ein Schiffstau, das eher durch ein Nadelöhr passt. „Zen“ ist die Textstelle dennoch auch in prosaischer, aber korrekter Übersetzung, denn es handelt sich in all den Bildern um eine Zustandsbeschreibung des inneren Lebens an der Schwelle: Unsere „Reichtümer“ sind alles das, was wir mitgebracht haben, Begabungen, Formungen, individuelle Fähigkeiten. Das Nadelöhr ist der oben beschriebene Nullpunkt. Erst das, dem wir Raum geben, damit es entspringen möge, passt durch das Nadelöhr.
Aber wir können natürlich auch ins Mittelalter schauen- etwa zur Parzival- Legende, um diese Paradoxie der Schwelle wieder zu finden. Dazu zitieren wir aus einem Buch von Georg Kühlewind**:
„Festlich gestimmt, von Freude und Liebe erfüllt sind alle - außer Parzifal. Er empfindet Doppelte Trauer, die ihm die Freude verwehrt und ihn in dem Entschluss bestärkt, erst den Gral wieder finden und dann Amfortas heilen zu wollen. So zeiht er sich von Freunden und Feiernden zurück, denkt über seine Lage nach und fasst den weiteren Entschluss, seine Suche, sein Streben nach dem Gral aufzugeben. Er resigniert, was ihn aber nicht dazu bringt, nach Hause, zu seiner Frau, in seine Königreiche zurückzukehren- das hätte ihm jederzeit offen gestanden.
„Da ich entbehre, was die Glücklichen besitzen - ich meine die Liebe, die die manches traurige Herz wieder froh macht-, da ich also keinen Anteil an diesem Glück habe, kümmert mich nicht, was mir geschieht. Gott will nicht, dass ich glücklich bin. Könnte ich oder die Frau, nach der ich heiss verlange, unsere Liebe durch Wankelmut zerstören, dann könnte ich vielleicht eine andre lieben. Doch die Liebe zu ihr hat jeden Gedanken an andre Liebe und das Glück, das diese schenken könnte, in mir ausgelöscht, ohne mir Trost und Glück zu schenken. Ich bin tief in Trauer versunken. Möge das Glück allen Freude schenken, die nach wahrer Freude verlangen! Gott gebe allen hier nur Freude! Ich aber will den Kreis der Glücklichen verlassen.***“
Die gezielte Suche nach dem Gral wird aufgegeben, Parzifal stellt sich dem Schicksal anheim. Das ist der entscheidende Augenblick, die entscheidende Wendung auf seinem Weg. Denn nun kommt der Gral zu ihm.“
__________
*http://www.uebersetzerportal.de/nachrichten/n-archiv/2003/2003-08/2003-08-18.htm
**Georg Kühlend, Der Gral oder Was die Liebe vermag, Stuttgart 1997, S. 35 ff
***Wolfram von Eschenbach, Parifal, Stuttgart 1981
Michael Eggert: Die Suche nach dem heiligen Dingsbums oder: Die Perle
31.Aug.2011 20:51 Uhr
Ich erinnere mich an einer dieser Geschichten von Tschuang-Tse, in der ein Herrscher mit allen Mitteln nach einer Perle sucht, die ihm persönlich viel bedeutet und die nun in einen See gefallen ist. Er beschäftigt verschiedene Helfer mit der Suche- vergebens. Erst als er endgültig aufgegeben hat und beiläufig -absichtslos- nach ihr greift, hält er sie unversehens die Perle in der Hand:
„Der Gelbe Kaiser reiste nordwärts vom Roten See, bestieg den Berg Khun-Lun
und schaute gegen Süden.
Auf der Heimfahrt verlor er seine Zauberperle.
Er sandte Erkenntnis aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht.
Er sandte Klarsicht aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht.
Er sandte Denkgewalt aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht.
Endlich sandte er Absichtslos aus, und es fand sie.
"Seltsam fürwahr", sprach der Kaiser, "dass Absichtslos die Perle zu finden vermocht hat."
In ein ähnliches Horn- das der Absichtslosigkeit- bläst auch Rupert Spira („Bewusstsein ist alles“, S. 152):
„Wenn die konventionellen Möglichkeiten, sich Glück zu verschaffen, erschöpft sind, dann beginnt „Bewusstsein-das-vorgibt-ein-getrenntes-Wesen-zu-sein“ auf anderen, ihm weniger vertrauten Gebieten zu suchen. Eine Version ist die spirituelle Suche. Früher oder später, allmählich oder spontan erkennt Bewusstsein dann jedoch, dass es bereits genau das ist, was es sucht, und dass die Suche selbst diese Einsicht verhindert.“
Suchen kann man nur etwas, was nicht präsent ist, ein Objekt oder einen Zustand, den man vielleicht unter bestimmten Bedingungen irgendwann irgendwo entdecken wird. Das, was man sucht, ist aber nicht dinglich, nicht abwesend oder ein zeitlich in die Ferne verrücktes Versprechen. Es geht gerade um die Präsenz, um das Gegenwärtigsein, nicht um die Vorstellung eines irgendwie gearteten Zustands. Die Suche verschiebt das Gesuchte in ein irreales Außen und folgt damit den materiellen Bedingungen unseres Verständnisses von Wahrnehmung. Die Suche spaltet uns gewissermaßen auf. Nun gibt es eine ganze Industrie, die von solchen irrealen Heilsversprechungen profitiert und sie folgerichtig mit immer neuen Ausschmückungen belebt; die Heilsversprechungen werden damit zu einer Ware wie jede andere auch. Ein gutes Konsumgut schafft aber immer mehr Appetit, vergibt nur Häppchen des Glücks. Schließlich geht es Erlösung, Heil, um Erleuchtung und Frieden- ein endgültiges Konsumgut, ein absolutes.
Der Suchende erwartet durch die Tatsache seiner Suche aber nicht nur einen Zustand der Erlösung, er fühlt sich schon auf dem Weg dorthin als bedeutsam und wichtig. Wegen dieser impliziten Bedeutsamkeit erhalten bereits kleine Hinweise auf den ersehnten Zustand den Charakter von Offenbarungen, die womöglich nur der Suchende selbst als solche erkennen kann. Womöglich führt ein höheres Wesen bereits seine Hand, wenn er vor der Bücherwand stehend ins Regal greift und dann nach Dies oder Das greift, nach irgendeinem heiligen Dingsbums. Auch Offenbarungen Anderer, die vielleicht *weiter* sind als er selbst, bekommen erhebliche Bedeutung, solange nur die Sehnsucht mit Bildern und Inhalten lebendig gehalten wird. Visionäre, Propheten und Scharlatane kennen das Geschäft mit dem unstillbaren Hunger nach - ja, nach was?
Die Gegenwärtigkeit ist kein Etwas, kein Zustand, keine Vision. Sie ist nicht jenseitig und nicht irgendwo. Sie ist das beiläufige Greifen nach der Perle, nachdem man aufgehört hat, sie zu suchen.
„Der Gelbe Kaiser reiste nordwärts vom Roten See, bestieg den Berg Khun-Lun
und schaute gegen Süden.
Auf der Heimfahrt verlor er seine Zauberperle.
Er sandte Erkenntnis aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht.
Er sandte Klarsicht aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht.
Er sandte Denkgewalt aus, sie zu suchen, aber sie fand sie nicht.
Endlich sandte er Absichtslos aus, und es fand sie.
"Seltsam fürwahr", sprach der Kaiser, "dass Absichtslos die Perle zu finden vermocht hat."
In ein ähnliches Horn- das der Absichtslosigkeit- bläst auch Rupert Spira („Bewusstsein ist alles“, S. 152):
„Wenn die konventionellen Möglichkeiten, sich Glück zu verschaffen, erschöpft sind, dann beginnt „Bewusstsein-das-vorgibt-ein-getrenntes-Wesen-zu-sein“ auf anderen, ihm weniger vertrauten Gebieten zu suchen. Eine Version ist die spirituelle Suche. Früher oder später, allmählich oder spontan erkennt Bewusstsein dann jedoch, dass es bereits genau das ist, was es sucht, und dass die Suche selbst diese Einsicht verhindert.“
Suchen kann man nur etwas, was nicht präsent ist, ein Objekt oder einen Zustand, den man vielleicht unter bestimmten Bedingungen irgendwann irgendwo entdecken wird. Das, was man sucht, ist aber nicht dinglich, nicht abwesend oder ein zeitlich in die Ferne verrücktes Versprechen. Es geht gerade um die Präsenz, um das Gegenwärtigsein, nicht um die Vorstellung eines irgendwie gearteten Zustands. Die Suche verschiebt das Gesuchte in ein irreales Außen und folgt damit den materiellen Bedingungen unseres Verständnisses von Wahrnehmung. Die Suche spaltet uns gewissermaßen auf. Nun gibt es eine ganze Industrie, die von solchen irrealen Heilsversprechungen profitiert und sie folgerichtig mit immer neuen Ausschmückungen belebt; die Heilsversprechungen werden damit zu einer Ware wie jede andere auch. Ein gutes Konsumgut schafft aber immer mehr Appetit, vergibt nur Häppchen des Glücks. Schließlich geht es Erlösung, Heil, um Erleuchtung und Frieden- ein endgültiges Konsumgut, ein absolutes.
Der Suchende erwartet durch die Tatsache seiner Suche aber nicht nur einen Zustand der Erlösung, er fühlt sich schon auf dem Weg dorthin als bedeutsam und wichtig. Wegen dieser impliziten Bedeutsamkeit erhalten bereits kleine Hinweise auf den ersehnten Zustand den Charakter von Offenbarungen, die womöglich nur der Suchende selbst als solche erkennen kann. Womöglich führt ein höheres Wesen bereits seine Hand, wenn er vor der Bücherwand stehend ins Regal greift und dann nach Dies oder Das greift, nach irgendeinem heiligen Dingsbums. Auch Offenbarungen Anderer, die vielleicht *weiter* sind als er selbst, bekommen erhebliche Bedeutung, solange nur die Sehnsucht mit Bildern und Inhalten lebendig gehalten wird. Visionäre, Propheten und Scharlatane kennen das Geschäft mit dem unstillbaren Hunger nach - ja, nach was?
Die Gegenwärtigkeit ist kein Etwas, kein Zustand, keine Vision. Sie ist nicht jenseitig und nicht irgendwo. Sie ist das beiläufige Greifen nach der Perle, nachdem man aufgehört hat, sie zu suchen.
Wanderschaft
18.Aug.2011 22:02 Uhr
Ich glaube nicht, dass der Unterschied zum Gebet in der Innigkeit liegt. Die kann hier sowohl als auch da innig sein, von einer hymnischen Innigkeit, ja. Ich glaube nicht, dass der Unterschied zum Gebet im Denken und Fühlen liegt.
Weißt du, wenn es darauf ankommt, dass ist es hier wie da ein Einklang, eine Einfallt ohne Einfältigkeit, ein Denk-Fühl-Wollen. Vielleicht liegt der Unterschied darin, dass man bei dem Einen mehr das Augenmerk auf den personifizierten Geist legt, beim Anderen mehr auf die vergeistigte Person. Aber dort, wo die geistige Neugeburt stattfindet, sind das Eine wie das Andere nur zwei Seiten desselben Buches.
Nach dem anhaltenden Regen ist die Luft still geworden. Sie ist von der Stille wie gesättigt. Das Gewitter grollt am Rand des Horizonts. Nun kannst du das Herz in die Hand nehmen und damit auf Wanderschaft gehen.
Weißt du, wenn es darauf ankommt, dass ist es hier wie da ein Einklang, eine Einfallt ohne Einfältigkeit, ein Denk-Fühl-Wollen. Vielleicht liegt der Unterschied darin, dass man bei dem Einen mehr das Augenmerk auf den personifizierten Geist legt, beim Anderen mehr auf die vergeistigte Person. Aber dort, wo die geistige Neugeburt stattfindet, sind das Eine wie das Andere nur zwei Seiten desselben Buches.
Nach dem anhaltenden Regen ist die Luft still geworden. Sie ist von der Stille wie gesättigt. Das Gewitter grollt am Rand des Horizonts. Nun kannst du das Herz in die Hand nehmen und damit auf Wanderschaft gehen.
Die entspringende Welt
19.Jul.2011 01:16 Uhr
Relikt & Imagination
Imaginationen hat man in Form von Knospen. Sollte man lieber von Gedankenpaketen oder von einem keimhaft Brütenden sprechen? Das kommt wie alles jenseits der Hügel ganz auf den Standpunkt an. Ich für meinen Teil fand das Wirbeln der Wolken über mir anschaulich, konzentrierte mich aber auf eines dieser Pakete. Ich kannte es, es war ein Fetzen gewesen, eine Anregung, eine Denkbewegung, etwas Recherche. Das Thema war damit angeschnitten. Dann wurde es im Inneren bewegt- es wurde mitgenommen in die Gegend jenseits der Hügel. Nun nahm ich es wieder entgegen als ein belebtes Paket. Man konnte es darin pulsieren fühlen.
Entblätterung
Ich nahm Keimblatt für Keimblatt ab und schrieb auf, was darauf geschrieben stand, weil ich es las. Es entblätterte sich, ich schrieb so schnell ich konnte, aber ich weiß, ich vergaß viel im Schreibprozess. Es ist zu groß für meine Zeit und meine beschränkten Möglichkeiten.
Das Wenige aber soll bestehen bleiben.
Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Sehr wohl aber auf das Erleben des Gedankens in Status Nascendi, auf das Keimhafte in ihm. Man hat den Ton angeschlagen, nun entfaltet sich eine Melodie. Rhythmisch bannt man es auf Papier.
Wenn Fassaden wie Blätter fallen
Es ist ohnehin wenig, was besteht. Nehmen wir die Selbstbilder, die wie alte Fassaden von uns abfallen, sobald die Zeit gekommen ist. Die Arroganz der Jugend muss zerfallen, oder sie wird zu einer manieristischen Marotte, die immer absurdere Anstrengungen erfordert. Die Magie der Schönheit wird uns genommen, der Zauber des Geschlechts wird schal. Um unsere Kompetenzen, auf die wir stolz waren, müssen wir kämpfen; die Nachfolgenden haben alles, in das wir mühsam an Kraft hinein gesteckt haben, schon in ihrem Einführungssemester abgehandelt. Alles, worauf wir stolz sind, auf das wir bauen, was wir als unser Recht, unser Eigentum, unseren Anspruch ansehen, hat eine gewisse Halbwertzeit. Am Ende müssen wir es einlagern und verbuchen unter “Erfahrung”. Es hat so viel Bestand wie römische Statuen; man muss es archäologisch betrachten, man muss ein Museum darum bauen, es vor Wind und Wetter bewahren.
Die entspringende Welt
Am Ende fallen die Selbstbilder wie Blätter im Herbst. Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Was aber ist an uns tatsächlich “keimhaft”? Was nur ein archäologisches Relikt? Was verflattert im aufkommenden Wind, was verpuppt sich und wird tatsächlich, sich entfaltend, durch die Zeit getragen? Letztlich sind unsere Relikte gespenstisch.
Jenseits der Hügel helfen weder Selbstbilder noch Fähigkeiten weiter, sondern letztlich nur konkrete Improvisation. Man muss den Wind nehmen, wie er kommt, denn man kann ihn nicht aus dem Vergangenen, aus dem Eigenen, aus dem Archäologischen heraus pressen. Man kann ihn nicht wollen, aber man muss die Segel setzen, wenn man ihn spürt. Der Wind, den man hier erlebt, entspringt aus der Dynamik des Keimhaften. Es ist erstaunlich, was Knospen und Keime vermögen. Aus ihnen entspringt die Welt.
Imaginationen hat man in Form von Knospen. Sollte man lieber von Gedankenpaketen oder von einem keimhaft Brütenden sprechen? Das kommt wie alles jenseits der Hügel ganz auf den Standpunkt an. Ich für meinen Teil fand das Wirbeln der Wolken über mir anschaulich, konzentrierte mich aber auf eines dieser Pakete. Ich kannte es, es war ein Fetzen gewesen, eine Anregung, eine Denkbewegung, etwas Recherche. Das Thema war damit angeschnitten. Dann wurde es im Inneren bewegt- es wurde mitgenommen in die Gegend jenseits der Hügel. Nun nahm ich es wieder entgegen als ein belebtes Paket. Man konnte es darin pulsieren fühlen.
Entblätterung
Ich nahm Keimblatt für Keimblatt ab und schrieb auf, was darauf geschrieben stand, weil ich es las. Es entblätterte sich, ich schrieb so schnell ich konnte, aber ich weiß, ich vergaß viel im Schreibprozess. Es ist zu groß für meine Zeit und meine beschränkten Möglichkeiten.
Das Wenige aber soll bestehen bleiben.
Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Sehr wohl aber auf das Erleben des Gedankens in Status Nascendi, auf das Keimhafte in ihm. Man hat den Ton angeschlagen, nun entfaltet sich eine Melodie. Rhythmisch bannt man es auf Papier.
Wenn Fassaden wie Blätter fallen
Es ist ohnehin wenig, was besteht. Nehmen wir die Selbstbilder, die wie alte Fassaden von uns abfallen, sobald die Zeit gekommen ist. Die Arroganz der Jugend muss zerfallen, oder sie wird zu einer manieristischen Marotte, die immer absurdere Anstrengungen erfordert. Die Magie der Schönheit wird uns genommen, der Zauber des Geschlechts wird schal. Um unsere Kompetenzen, auf die wir stolz waren, müssen wir kämpfen; die Nachfolgenden haben alles, in das wir mühsam an Kraft hinein gesteckt haben, schon in ihrem Einführungssemester abgehandelt. Alles, worauf wir stolz sind, auf das wir bauen, was wir als unser Recht, unser Eigentum, unseren Anspruch ansehen, hat eine gewisse Halbwertzeit. Am Ende müssen wir es einlagern und verbuchen unter “Erfahrung”. Es hat so viel Bestand wie römische Statuen; man muss es archäologisch betrachten, man muss ein Museum darum bauen, es vor Wind und Wetter bewahren.
Die entspringende Welt
Am Ende fallen die Selbstbilder wie Blätter im Herbst. Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Was aber ist an uns tatsächlich “keimhaft”? Was nur ein archäologisches Relikt? Was verflattert im aufkommenden Wind, was verpuppt sich und wird tatsächlich, sich entfaltend, durch die Zeit getragen? Letztlich sind unsere Relikte gespenstisch.
Jenseits der Hügel helfen weder Selbstbilder noch Fähigkeiten weiter, sondern letztlich nur konkrete Improvisation. Man muss den Wind nehmen, wie er kommt, denn man kann ihn nicht aus dem Vergangenen, aus dem Eigenen, aus dem Archäologischen heraus pressen. Man kann ihn nicht wollen, aber man muss die Segel setzen, wenn man ihn spürt. Der Wind, den man hier erlebt, entspringt aus der Dynamik des Keimhaften. Es ist erstaunlich, was Knospen und Keime vermögen. Aus ihnen entspringt die Welt.
Woher der Wind weht
14.Jul.2011 22:12 Uhr
Kontur 1
Das Denken, wenn es denn meditativ in seiner Innenseite in den Blick gerät, bekommt eine quasi- räumliche Form- ein elliptisches, bewegtes Gebilde, das die gewohnten Körpergrenzen durchfährt und überragt. Es ist möglich, wenn man sich mit dem wandernden Blick dort hinwendet, eine innere Dynamik des lebendigen Terrains zu bemerken; an der Körpergrenze finden sich inmitten des Gebildes Knotenpunkte. Am leichtesten und frühesten erschliesst sich der Knotenpunkt vor der Stirn. Hier dreht sich das umgebende Terrain ins Innere hinein. Ein Adler erhebt sich vor einem weiten Panorama.
Ein weiterer Knotenpunkt wird bemerkbar vor dem Kehlkopf. Stierähnlich wölbt sich ein dynamisches Inneres vor den Sprechorganen.
Der dritte Knoten erscheint weniger punktförmig- er ergießt sich eher strahlenartig in den Oberkörper bis in die Mitte der Hände hinein. Die Energie, die dabei entsteht, strahlt weiter nach außen und erfüllt das Terrain, das man erschaffen hat. Der sonnenhafte, ruhig atmende Duktus hat etwas Löwenartiges.
Kontur 2
An dieser Stelle gibt es ein Geheimnis. Hier, an dieser Stelle gibt es ein Ritual. Ich halte eigentlich nicht viel vom Rituellen, aber an dieser Stelle hat es seinen Ort. Es ist die Suche nach der Quelle. Es ist nicht so, als würde man durch die Landschaft streifen und suchen. Es ist mehr so, dass man die Suche beginnt, aber es nimmt wie ein Warten. Wenn, dann wird die Quelle vor den Augen entspringen. Wo denn sonst? Es gibt hier keine „Orte“. Tatsächlich ist sie plötzlich einfach da. Sie ist klein, unbedeutend, aber sie sprudelt sanft. Es ist ganz klar, dass das ein wunderbares Geschehen ist. Denn diese Quelle haben wir nicht aus eigener Kraft geschaffen. Diese Quelle ist etwas, was aus eigener Kraft bewegt wird. Es ist, als ob ein lieblicher Schimmer ihrem Kern entspringt und diese innere Landschaft - belebt, beseelt.
(Es ist ein bewegtes und bewegendes Geschehen. In dieser Bewegung zu stehen, wirkt auch zurück in die biologischen Funktionen; es ist, als brächte die Ruhe und Harmonie dieser Kraft auch Stille in das biologische Selbst. Die Stille hat keinen Boden und ist nicht ergründbar. Sie ist nur immer tiefer und tiefer zu begehen.)
Kontur 3
Die dynamische Innenseite des Denkens ergründet seine eigenen Organe. Es sind Formschaffende und Auflösende darunter, Gestaltende und Bewegliche.
Kontur 4
Die innere Natur der Herzkräfte wird zum sonnenhaften Scheinen in die Welt; hier erscheint der innere Mensch und wird real. Er lebt sich aus in reiner Lauterkeit, in einer aufmerksamen Hinwendung, in einem Willen, der einfach ist. Der Wille ohne Eigenschaften strahlt. Das Gefühl wird zum Tastorgan für das Denken; es kostet und schmeckt. Die dynamische Innenseite des Denkens wird zu einem zweiten Leib. Man begibt sich sicher wieder und wieder dort hinein, denn hier ist man zuhause. Es ist ein zeitloser Raum, ein Raum des reinen Seins.
Seine Natur ist das Licht, denn dieser Leib beleuchtet alles, was ihm begegnet. Seine Natur ist das Erhellende selbst. Dort, wo er ist, werden die Dinge klar. Seine innere Natur ist daher die des Logos selbst.
Kontur 5
Dem nachgehen, „woher der Wind weht“. Es gibt immer ein „im Grunde“. Gehe dem Grund nach, den Untergründen, dem Grundsätzlichen.
Am Grunde des Grundsätzlichen steht ein Freund und wartet.
Das Denken, wenn es denn meditativ in seiner Innenseite in den Blick gerät, bekommt eine quasi- räumliche Form- ein elliptisches, bewegtes Gebilde, das die gewohnten Körpergrenzen durchfährt und überragt. Es ist möglich, wenn man sich mit dem wandernden Blick dort hinwendet, eine innere Dynamik des lebendigen Terrains zu bemerken; an der Körpergrenze finden sich inmitten des Gebildes Knotenpunkte. Am leichtesten und frühesten erschliesst sich der Knotenpunkt vor der Stirn. Hier dreht sich das umgebende Terrain ins Innere hinein. Ein Adler erhebt sich vor einem weiten Panorama.
Ein weiterer Knotenpunkt wird bemerkbar vor dem Kehlkopf. Stierähnlich wölbt sich ein dynamisches Inneres vor den Sprechorganen.
Der dritte Knoten erscheint weniger punktförmig- er ergießt sich eher strahlenartig in den Oberkörper bis in die Mitte der Hände hinein. Die Energie, die dabei entsteht, strahlt weiter nach außen und erfüllt das Terrain, das man erschaffen hat. Der sonnenhafte, ruhig atmende Duktus hat etwas Löwenartiges.
Kontur 2
An dieser Stelle gibt es ein Geheimnis. Hier, an dieser Stelle gibt es ein Ritual. Ich halte eigentlich nicht viel vom Rituellen, aber an dieser Stelle hat es seinen Ort. Es ist die Suche nach der Quelle. Es ist nicht so, als würde man durch die Landschaft streifen und suchen. Es ist mehr so, dass man die Suche beginnt, aber es nimmt wie ein Warten. Wenn, dann wird die Quelle vor den Augen entspringen. Wo denn sonst? Es gibt hier keine „Orte“. Tatsächlich ist sie plötzlich einfach da. Sie ist klein, unbedeutend, aber sie sprudelt sanft. Es ist ganz klar, dass das ein wunderbares Geschehen ist. Denn diese Quelle haben wir nicht aus eigener Kraft geschaffen. Diese Quelle ist etwas, was aus eigener Kraft bewegt wird. Es ist, als ob ein lieblicher Schimmer ihrem Kern entspringt und diese innere Landschaft - belebt, beseelt.
(Es ist ein bewegtes und bewegendes Geschehen. In dieser Bewegung zu stehen, wirkt auch zurück in die biologischen Funktionen; es ist, als brächte die Ruhe und Harmonie dieser Kraft auch Stille in das biologische Selbst. Die Stille hat keinen Boden und ist nicht ergründbar. Sie ist nur immer tiefer und tiefer zu begehen.)
Kontur 3
Die dynamische Innenseite des Denkens ergründet seine eigenen Organe. Es sind Formschaffende und Auflösende darunter, Gestaltende und Bewegliche.
Kontur 4
Die innere Natur der Herzkräfte wird zum sonnenhaften Scheinen in die Welt; hier erscheint der innere Mensch und wird real. Er lebt sich aus in reiner Lauterkeit, in einer aufmerksamen Hinwendung, in einem Willen, der einfach ist. Der Wille ohne Eigenschaften strahlt. Das Gefühl wird zum Tastorgan für das Denken; es kostet und schmeckt. Die dynamische Innenseite des Denkens wird zu einem zweiten Leib. Man begibt sich sicher wieder und wieder dort hinein, denn hier ist man zuhause. Es ist ein zeitloser Raum, ein Raum des reinen Seins.
Seine Natur ist das Licht, denn dieser Leib beleuchtet alles, was ihm begegnet. Seine Natur ist das Erhellende selbst. Dort, wo er ist, werden die Dinge klar. Seine innere Natur ist daher die des Logos selbst.
Kontur 5
Dem nachgehen, „woher der Wind weht“. Es gibt immer ein „im Grunde“. Gehe dem Grund nach, den Untergründen, dem Grundsätzlichen.
Am Grunde des Grundsätzlichen steht ein Freund und wartet.
Logos & individuelles Denken
10.Jul.2011 21:52 Uhr
„Das Denken gehört nicht dem Menschen, sondern dem Logos an:
und doch wird es im Menschen individuell, damit der Mensch durch das Denken zum Logos gelangen kann.“
________
Massimo Scaligero, Traktat über das lebende Denken, Stuttgart 1993, S. 48
und doch wird es im Menschen individuell, damit der Mensch durch das Denken zum Logos gelangen kann.“
________
Massimo Scaligero, Traktat über das lebende Denken, Stuttgart 1993, S. 48
Kreisläufe
02.Jul.2011 19:22 Uhr
„Der Kreislauf der Liebe ist: es werde, damit es sei.
Der Kreislauf des Lichtes ist: dass es sich selbst erfahre.
Der Kreislauf der Vergangenheit ist: es ist, weil es ist.“
(Georg Kühlewind, Das Gewahrwerden des Logos, 1979, S. 120)
Liebe Schriftgelehrten, Besserwisser, Gelehrten und Angsthasen: Das etwas ist, weil es ist, bleibt eben auf der Ebene der Vergangenheit verhaftet. Da hat es sein gutes Recht. Darauf kann es bestehen. Da ist es sicher.
Alles weitere führt in ein tastendes Bemühen, was einem ein Ringen um Worte abverlangt, was einen als ganze Person involviert, was einen „Positionen“ und Sicherheiten kostet statt sie zu geben.
Aber von da ab rührt man - vielleicht- an das, was ist und was werden will. Es hat keine Gestalt außer der, die wir in der Bemühung erringen. Manches wird flüchtig bleiben.
Und dennoch: Es ist schön, am Lebendigen zu rühren und sich in ihm wieder zu finden.
Der Kreislauf des Lichtes ist: dass es sich selbst erfahre.
Der Kreislauf der Vergangenheit ist: es ist, weil es ist.“
(Georg Kühlewind, Das Gewahrwerden des Logos, 1979, S. 120)
Liebe Schriftgelehrten, Besserwisser, Gelehrten und Angsthasen: Das etwas ist, weil es ist, bleibt eben auf der Ebene der Vergangenheit verhaftet. Da hat es sein gutes Recht. Darauf kann es bestehen. Da ist es sicher.
Alles weitere führt in ein tastendes Bemühen, was einem ein Ringen um Worte abverlangt, was einen als ganze Person involviert, was einen „Positionen“ und Sicherheiten kostet statt sie zu geben.
Aber von da ab rührt man - vielleicht- an das, was ist und was werden will. Es hat keine Gestalt außer der, die wir in der Bemühung erringen. Manches wird flüchtig bleiben.
Und dennoch: Es ist schön, am Lebendigen zu rühren und sich in ihm wieder zu finden.
Verlust, Verdauung und sprachliche Überlagerung
15.Jun.2011 21:41 Uhr
Die einstige Erfahrung ist keine Erfahrung mehr, nachdem sie es einmal gewesen ist. Sie ist kontextualisiert, tausendmal durchdacht, an einen Ort in meinem privaten Kosmos abgestellt, sprachlich durchdrungen und „verarbeitet“. Das betrifft natürlich alle Erinnerungen. Vielleicht stechen einige besonders tragische oder freudige Elemente heraus. Es kann ja ein Trauma sein, eine bestimmte Erfahrung wieder und wieder machen zu müssen, so wie sie war. Ja, es sind gerade die traumatischen Erlebnisse, die so da stehen blieben, unverdaut, unverdaulich. Es steht einem vor Augen. Bei anderen Erfahrungen bin ich nicht so sicher, schon weil ich öfter daran gedacht habe. Jedes Mal habe ich sprachlich daran gedacht, ich habe es in Worte gefasst. Ich habe es so oft gedreht und gewendet, bis ich nicht mehr wusste, wie viel davon ist meine Kontextualisierung, wie viel davon sind meine Worte, wie viel davon ist so, wie es war. Das Verdaulichmachen bedeutet auch, es zu interpretieren. In der Erinnerung bleibt ein Konstrukt, ein Produkt der Bemühungen, das so weit weg ist von der Erfahrung, wie - sagen wir - ein Apfel von dem, was im Darm davon übrig geblieben ist.
Dies gilt um so mehr für frühe „geistige“ Erfahrungen, die sich mit etwas Glück gerade in der ersten Lebenshälfte einstellen, wie Geschenke- etwas Unverdientes. Kann Bemühung auf „Verdiensten“ beruhen, die Bemühung, durch ein Nadelöhr zu klettern? Ja, weil immer ganz persönliche Wandlungen damit verbunden sind. Wir befinden uns hier als moralische Wesen auf einem moralischen Feld.
Aber erinnern kann man diese Erfahrungen kaum, sie bleiben an sich nebelhaft, und dazu hat man sie so oft durchdacht, dass sie sich untrennbar mit dem Denken über sie verbunden haben. Sie sind teils Konstrukt, vielleicht sogar eine Legende im inneren Kontext, aber teils bleiben sie auch schlechthin ungreifbar, vage. Man kommt mit dem eigenen Gegenwartsdenken nicht richtig an die Unmittelbarkeit der Erfahrung heran. Man müsste sich erst wieder auf das Niveau geistiger Intimität heben können, um dem frühen Erlebnis zu entsprechen. Das aber ist oft gar nicht möglich. Die frühen Geschenke sind Wegmarken, die unsere Fähigkeiten übersteigen. Sie weisen auf eine Möglichkeit der Erfahrung und des Denkens hin. Das Gefühl dagegen ist sich ganz sicher. Es gibt ein helles Fühlen, das nicht selbstbezüglich ist, sondern wie ein moralisches Schneckenhorn fungiert: Man tastet den moralischen Geschmack einer Erfahrung. Das Gefühl sagt: Ja, das ist wahr. Aber erinnern kann ich es nicht.
Dies gilt um so mehr für frühe „geistige“ Erfahrungen, die sich mit etwas Glück gerade in der ersten Lebenshälfte einstellen, wie Geschenke- etwas Unverdientes. Kann Bemühung auf „Verdiensten“ beruhen, die Bemühung, durch ein Nadelöhr zu klettern? Ja, weil immer ganz persönliche Wandlungen damit verbunden sind. Wir befinden uns hier als moralische Wesen auf einem moralischen Feld.
Aber erinnern kann man diese Erfahrungen kaum, sie bleiben an sich nebelhaft, und dazu hat man sie so oft durchdacht, dass sie sich untrennbar mit dem Denken über sie verbunden haben. Sie sind teils Konstrukt, vielleicht sogar eine Legende im inneren Kontext, aber teils bleiben sie auch schlechthin ungreifbar, vage. Man kommt mit dem eigenen Gegenwartsdenken nicht richtig an die Unmittelbarkeit der Erfahrung heran. Man müsste sich erst wieder auf das Niveau geistiger Intimität heben können, um dem frühen Erlebnis zu entsprechen. Das aber ist oft gar nicht möglich. Die frühen Geschenke sind Wegmarken, die unsere Fähigkeiten übersteigen. Sie weisen auf eine Möglichkeit der Erfahrung und des Denkens hin. Das Gefühl dagegen ist sich ganz sicher. Es gibt ein helles Fühlen, das nicht selbstbezüglich ist, sondern wie ein moralisches Schneckenhorn fungiert: Man tastet den moralischen Geschmack einer Erfahrung. Das Gefühl sagt: Ja, das ist wahr. Aber erinnern kann ich es nicht.
Unauslotbar
11.Jun.2011 01:22 Uhr
Du schaust in die Sonne, das Licht tut dir weh.
Du bist Ikarus ohne Flügel. Bei dir ist schon lange geschmolzen, was dich zusammen hielt, du bist flugunfähig.
Du bist wie ein zusammen gebackenes Zimtmännlein, da ein Kopf,
da ein Rumpf, und da die ausladenden Apparate.
Du bist ein zusammen gepapptes Seelenmännchen, eine Sirene:
Du fühlst so, du denkst so, und du tust etwas anderes. Zumindest manchmal, in den helleren und den dunkleren Momenten.
Keine Kreatur auf diesem Planeten als diese kann zu sich sagen: Ich verstehe mich selbst nicht. Wir können das.
Keine kann, im kleinen oder großen Schwunge, von sich sagen: Ich missbillige, was ich tue.
Wie aber kann die Kreatur, die am wenigsten von allen von sich weiss, sagen: Du empfindest nicht tief genug?
Man kann es von sich nur sagen, wenn man weiss, dass es Tiefe gibt und dass sie unauslotbar ist.
Der Tiefe des Empfindens folgt stets eine weitere, und am Ende von allen Tiefen wartet Er, der dich liebt.
Du bist Ikarus ohne Flügel. Bei dir ist schon lange geschmolzen, was dich zusammen hielt, du bist flugunfähig.
Du bist wie ein zusammen gebackenes Zimtmännlein, da ein Kopf,
da ein Rumpf, und da die ausladenden Apparate.
Du bist ein zusammen gepapptes Seelenmännchen, eine Sirene:
Du fühlst so, du denkst so, und du tust etwas anderes. Zumindest manchmal, in den helleren und den dunkleren Momenten.
Keine Kreatur auf diesem Planeten als diese kann zu sich sagen: Ich verstehe mich selbst nicht. Wir können das.
Keine kann, im kleinen oder großen Schwunge, von sich sagen: Ich missbillige, was ich tue.
Wie aber kann die Kreatur, die am wenigsten von allen von sich weiss, sagen: Du empfindest nicht tief genug?
Man kann es von sich nur sagen, wenn man weiss, dass es Tiefe gibt und dass sie unauslotbar ist.
Der Tiefe des Empfindens folgt stets eine weitere, und am Ende von allen Tiefen wartet Er, der dich liebt.
Burghard Schildt: Selbstgeburt & Magie der Moderne II
29.Mai.2011 23:09 Uhr
Lieber Michael, in dem Text: „Selbstgeburt & Magie der Moderne“, Teil I, der diesem voraus ging, findet sich im 6. Absatz der Wert Bescheidenheit. In Folge, welch eine Freude, veröffentlichst Du deinen Text „Reifeprüfung“. Der ist eingeleitet durch ein Zitat von Steiner, aus GA 270a. Darin ist der Wert Bescheidenheit der Angelpunkt, um den Steiners Sinnen und Minnen kreist. Zudem eröffnest Du mit dem Titel „Reifeprüfung“ erweiterte Bezüge zu Deinem Satz, „Der reife Zeitgenosse steht sich selbst ironisch gegenüber.“, der den Abschluss im Text „ Selbstgeburt & Magie der Moderne“, bildet. Als meine Anknüpfung an die „Reifeprüfung“ folgt hier der Text: „Selbstgeburt & Magie der Moderne II “ Er fußt, ebenso wie andere Textversuche von mir, auf Erfahrungen anhand meiner Tätigkeit als ein sich freischaufelnder Maler. Dadurch hat er Hand und Fuß. Ich kann ihn also als ein weiteres Leseangebot zur Verfügung stellen.
Die Magie der Moderne, so sie denn in Kraft tritt, wirkt unmittelbar herein aus dem Jenseits desjenigen Horizontes, den jemand aktuell mit seiner Aufmerksamkeit zu umspannen vermag. Gelingt es, sie in eine freie Handlung zu überführen, eröffnet sich ein dadurch erweiterter Horizont.
Im Weiteren erzähle ich hier von „inneren“ Vorgängen. Daher die vielen „“. So ein erweiterter Horizont ist anfänglich bloß „tastbar“. Es ist „dunkel“. Man ist „wach“ und zugleich wie „träumend“. Man kann, im Gegensatz zu herkömmlichen Träumen, sich vorsätzlich in so einer Region bewegen. Das „Tasten“ erzeugt „Klänge“ und man empfindet dabei zugleich „Temperatur.“ Die ist wärmer und kälter. Die Wärmere ist Führer.
Dem warmen Klang nachspürend ergeben sich innere „Bewegungsformen“. Die sind mal mehr, mal weniger schwungvoll. Erstere bereiten Schwungkraft. Die anderen laden zum Verweilen ein. Das Verweilen führt in eine Vertiefung. Die Schwungkraft in andere Regionen des geweiteten Horizontes. Geht das wiederum gut, kann es gelingen, dass man zudem unter Aufrechterhaltung einer Vertiefung in die Weite schreitet. Die aufrechterhaltene Vertiefung, sie ist dabei der Garant dafür, das man sich selbst, in den Weiten, nicht aus dem Auge verliert.
Oben Angedeutetes, das beinhaltet eine Voraussetzung. Diejenige, dass man das Empfindungsvermögen frei bekommt davon, worin es sich bei Tage, oder alltäglich, betätigt. Sonst treten Erinnerungen in Kraft, die sich mit noch Unbekanntem bereits vermischen, bevor es in den Blick tritt. Man meint vor einem „Grün“ zu stehen, doch eigentlich ist es ein „Blau“, das man aber zuvor mit dem „Gelb“ einer Erinnerung mischte.
So, unter Aufrechterhaltung des Selbstempfindens, ohne sich jedoch im bereits bekanntem Alltag zu bewegen, erlebt man nun ein gewandeltes Erinnerungsvermögen. Eine, durch den oben beschriebenen Vorgang, nun frei gesetzte Erinnerungskraft, sie bildet ein Empfinden dafür, das man schlicht und ergreifend mit dem Wort Staunen benennt. Man hat unmittelbar das Empfinden, ein zwar noch völlig unbekannter Vorgang, in dem ich mich gerade befinde, mit dem habe ich etwas zu tun. Genauer, der hat etwas mit mir zu tun. Nun ertönen erste Zusammenklänge mit den „Tönen“, die man bereits vor der Horizontweitung in sich trug. Bereits Gewordenes und aktuell Werdendes
beginnen einander zu lauschen.
Das Lauschen eröffnet „innerhalb“ des bereits geweiteten Horizontes wiederum einen weiteren. Es ist der desjenigen Mitfühlens, das sich dadurch ergibt, das man sich dessen gewiss ist, sich in dem Vorgang selbst finden zu können. Der neu aufgetauchte Horizont innerhalb des bereits Erweiterten, der bringt den erweiterten, in den Regionen, die „außerhalb“ des neu Aufgetauchten liegen, wiederum zum Verstummen. Einfach dadurch, dass sich die tastende Aufmerksamkeit des Mitfühlens, anhand einer freien Erinnerungskraft, sammelt und dichtet.
Als so ein „Dichter“ trägt man nun aber manche Qualitäten des Erweiterten, aber nun wieder „schlafenden“ Horizontes, in sich. Der Klangraum des Mitfühlens wird zum Arbeitsplatz. Arbeit bedeutet dort, Gewissenhaftigkeit in Umgestaltung und Neugestaltung von Vorgängen aus der Natur ihres Ursprungs. Dabei entfalten, bilden und gestalten sich weitere Zusammenklänge der inneren und äußeren Natur des Menschen. Unmittelbar kann der gegenwärtige Mensch so einen Gestaltungsvorgang als seiner Natur gemäß erleben. Der Mensch bedarf des rechten Maßes durch seine äußere Natur, auf das seine Innere sich ihrem Wesen gemäß betätigen kann. Ebenso ist auch seine innere Natur Maß dafür, wie und was in der äußeren Natur zu gestalten ist, auf das der Mensch in ihr, mehr und mehr, seiner inneren Natur nach leben kann. Allgemein nennt man das Kultur.
Die Magie der Moderne, so sie denn in Kraft tritt, wirkt unmittelbar herein aus dem Jenseits desjenigen Horizontes, den jemand aktuell mit seiner Aufmerksamkeit zu umspannen vermag. Gelingt es, sie in eine freie Handlung zu überführen, eröffnet sich ein dadurch erweiterter Horizont.
Im Weiteren erzähle ich hier von „inneren“ Vorgängen. Daher die vielen „“. So ein erweiterter Horizont ist anfänglich bloß „tastbar“. Es ist „dunkel“. Man ist „wach“ und zugleich wie „träumend“. Man kann, im Gegensatz zu herkömmlichen Träumen, sich vorsätzlich in so einer Region bewegen. Das „Tasten“ erzeugt „Klänge“ und man empfindet dabei zugleich „Temperatur.“ Die ist wärmer und kälter. Die Wärmere ist Führer.
Dem warmen Klang nachspürend ergeben sich innere „Bewegungsformen“. Die sind mal mehr, mal weniger schwungvoll. Erstere bereiten Schwungkraft. Die anderen laden zum Verweilen ein. Das Verweilen führt in eine Vertiefung. Die Schwungkraft in andere Regionen des geweiteten Horizontes. Geht das wiederum gut, kann es gelingen, dass man zudem unter Aufrechterhaltung einer Vertiefung in die Weite schreitet. Die aufrechterhaltene Vertiefung, sie ist dabei der Garant dafür, das man sich selbst, in den Weiten, nicht aus dem Auge verliert.
Oben Angedeutetes, das beinhaltet eine Voraussetzung. Diejenige, dass man das Empfindungsvermögen frei bekommt davon, worin es sich bei Tage, oder alltäglich, betätigt. Sonst treten Erinnerungen in Kraft, die sich mit noch Unbekanntem bereits vermischen, bevor es in den Blick tritt. Man meint vor einem „Grün“ zu stehen, doch eigentlich ist es ein „Blau“, das man aber zuvor mit dem „Gelb“ einer Erinnerung mischte.
So, unter Aufrechterhaltung des Selbstempfindens, ohne sich jedoch im bereits bekanntem Alltag zu bewegen, erlebt man nun ein gewandeltes Erinnerungsvermögen. Eine, durch den oben beschriebenen Vorgang, nun frei gesetzte Erinnerungskraft, sie bildet ein Empfinden dafür, das man schlicht und ergreifend mit dem Wort Staunen benennt. Man hat unmittelbar das Empfinden, ein zwar noch völlig unbekannter Vorgang, in dem ich mich gerade befinde, mit dem habe ich etwas zu tun. Genauer, der hat etwas mit mir zu tun. Nun ertönen erste Zusammenklänge mit den „Tönen“, die man bereits vor der Horizontweitung in sich trug. Bereits Gewordenes und aktuell Werdendes
beginnen einander zu lauschen.
Das Lauschen eröffnet „innerhalb“ des bereits geweiteten Horizontes wiederum einen weiteren. Es ist der desjenigen Mitfühlens, das sich dadurch ergibt, das man sich dessen gewiss ist, sich in dem Vorgang selbst finden zu können. Der neu aufgetauchte Horizont innerhalb des bereits Erweiterten, der bringt den erweiterten, in den Regionen, die „außerhalb“ des neu Aufgetauchten liegen, wiederum zum Verstummen. Einfach dadurch, dass sich die tastende Aufmerksamkeit des Mitfühlens, anhand einer freien Erinnerungskraft, sammelt und dichtet.
Als so ein „Dichter“ trägt man nun aber manche Qualitäten des Erweiterten, aber nun wieder „schlafenden“ Horizontes, in sich. Der Klangraum des Mitfühlens wird zum Arbeitsplatz. Arbeit bedeutet dort, Gewissenhaftigkeit in Umgestaltung und Neugestaltung von Vorgängen aus der Natur ihres Ursprungs. Dabei entfalten, bilden und gestalten sich weitere Zusammenklänge der inneren und äußeren Natur des Menschen. Unmittelbar kann der gegenwärtige Mensch so einen Gestaltungsvorgang als seiner Natur gemäß erleben. Der Mensch bedarf des rechten Maßes durch seine äußere Natur, auf das seine Innere sich ihrem Wesen gemäß betätigen kann. Ebenso ist auch seine innere Natur Maß dafür, wie und was in der äußeren Natur zu gestalten ist, auf das der Mensch in ihr, mehr und mehr, seiner inneren Natur nach leben kann. Allgemein nennt man das Kultur.
Reifeprüfung
24.Mai.2011 19:59 Uhr
„Und dieses heilig haltende Schweigen, das hängt mit etwas anderem zusammen, ohne das die Esoterik den Menschen nicht fördern kann. Es hängt zusammen mit dem, was wir zunächst für die Esoterik gar sehr brauchen. Es hängt zusammen mit der innersten menschlichen Bescheidenheit. Und ohne innerste menschliche Bescheidenheit ist zunächst nicht an Esoterik heranzukommen.
Warum? Ja, wenn wir ermahnt werden, hinter die Worte zu hören, dann ist an das innerste Wesen unserer Seele appelliert; nicht an unser Gedächtnis, sondern an das innerste Wesen unserer Seele ist appelliert. Da kommt unsere Fähigkeit in Betracht, da kommt in Betracht, wie weit wir fähig sind, hinter die Worte zu hören. Und wir tun gut, für uns, für unsere eigene Seele, möglichst viel zu hören.
Aber wir tun gut, nicht gleich dasjenige, was in unserer Seele aufdämmert, als maßgebend so weit zu betrachten, dass wir es nun selber in die Welt hineintragen können als etwas unbedingt Gültiges. Wir werden lange brauchen - gerade wenn wir hinter die Worte hören -, wir werden lange brauchen, bis wir mit uns selber zurechtkommen. Und wir sollen diese Stimmung entwickeln, dass Esoterik im wortlosen Weben der Seele sich erst ausleben muss, bevor sie innerlich in uns als gereift angesehen werden kann.“ (Rudolf Steiner, GA 270a, Seite 68)
Diese schöne Schilderung der grundlegenden Voraussetzungen von sich entfaltender Esoterik gelten wahrscheinlich nicht für jede Form von Esoterik, aber sehr wohl für die, die wir meinen und schätzen. Das Label „Anthroposophie“ muss nicht unbedingt darauf stehen, da es sich um eine innere Haltung handelt, die sich an der Beschäftigung mit Esoterik eben entwickeln kann. Hier wird nicht Marketing betrieben für eine voraussetzungslos herein brechende „Erleuchtung“, hier ist die Rede von geduldiger Reife und Entfaltung. Das seelische Wesen soll nicht durch aufbrechende Erfahrungen überrumpelt und gebannt werden, sondern sich harmonisch einleben in das „innerste Wesen“, an das es heran reicht, das es berührt. Es ist der zarte Prozess einer inneren Metamorphose, der mehr „aufdämmert“ als dass er fertig und schick wie auf einem Gabentisch liegen würde. Mit so etwas, was das Innerste aufkeimend bemerkt und pflegt, geht man ungern hausieren. Das mag ein Grund dafür sein, dass es Anthroposophie wohl in den kulturellen Auswirkungen, aber weniger auf dem Jahrmarkt der esoterischen Schreihälse nicht so weit gebracht hat. Hier schwimmen die Verpackungskünstler oben auf.
Das Zitat stammt aus „Esoterische Unterweisungen für die erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum 1924“
Warum? Ja, wenn wir ermahnt werden, hinter die Worte zu hören, dann ist an das innerste Wesen unserer Seele appelliert; nicht an unser Gedächtnis, sondern an das innerste Wesen unserer Seele ist appelliert. Da kommt unsere Fähigkeit in Betracht, da kommt in Betracht, wie weit wir fähig sind, hinter die Worte zu hören. Und wir tun gut, für uns, für unsere eigene Seele, möglichst viel zu hören.
Aber wir tun gut, nicht gleich dasjenige, was in unserer Seele aufdämmert, als maßgebend so weit zu betrachten, dass wir es nun selber in die Welt hineintragen können als etwas unbedingt Gültiges. Wir werden lange brauchen - gerade wenn wir hinter die Worte hören -, wir werden lange brauchen, bis wir mit uns selber zurechtkommen. Und wir sollen diese Stimmung entwickeln, dass Esoterik im wortlosen Weben der Seele sich erst ausleben muss, bevor sie innerlich in uns als gereift angesehen werden kann.“ (Rudolf Steiner, GA 270a, Seite 68)
Diese schöne Schilderung der grundlegenden Voraussetzungen von sich entfaltender Esoterik gelten wahrscheinlich nicht für jede Form von Esoterik, aber sehr wohl für die, die wir meinen und schätzen. Das Label „Anthroposophie“ muss nicht unbedingt darauf stehen, da es sich um eine innere Haltung handelt, die sich an der Beschäftigung mit Esoterik eben entwickeln kann. Hier wird nicht Marketing betrieben für eine voraussetzungslos herein brechende „Erleuchtung“, hier ist die Rede von geduldiger Reife und Entfaltung. Das seelische Wesen soll nicht durch aufbrechende Erfahrungen überrumpelt und gebannt werden, sondern sich harmonisch einleben in das „innerste Wesen“, an das es heran reicht, das es berührt. Es ist der zarte Prozess einer inneren Metamorphose, der mehr „aufdämmert“ als dass er fertig und schick wie auf einem Gabentisch liegen würde. Mit so etwas, was das Innerste aufkeimend bemerkt und pflegt, geht man ungern hausieren. Das mag ein Grund dafür sein, dass es Anthroposophie wohl in den kulturellen Auswirkungen, aber weniger auf dem Jahrmarkt der esoterischen Schreihälse nicht so weit gebracht hat. Hier schwimmen die Verpackungskünstler oben auf.
Das Zitat stammt aus „Esoterische Unterweisungen für die erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum 1924“
Berge versetzen
08.Mai.2011 17:16 Uhr
Wir tragen ja nicht nur die sichtbaren Päckchen; die Falten, die Schuld, die Unfähigkeiten. Wir tragen auch unsichtbar ein Paket, das nicht einmal ausgepackt, das ganz und gar zukünftig ist. Es ist nicht berührt von dem Gelebten, Gedachten, Gefühlten. Es ist ein Quell des Immer-Neuen, der Gegenwart, der Präsenz. Es ist nicht nur so, dass man manchmal, aus verschiedenen Anlässen, daran heran rührt, es ist auch ein Teil unseres inneren Wesens, auch wenn wir es übersehen, verleugnen und missachten sollten.
Wenn wir es wollen, zulassen und uns etwas darum bemühen, nimmt es in uns Raum ein und erlöst uns von der Schwere des Gelebten, Gefühlten, Gedachten, auch wenn es sie nicht aufhebt. Es ist das Kind, das marienhaft im Seelenraum getragen wird, ein offenbares Geheimnis. Es ist ein Teil der Lebenskräfte selbst. Aber es kann auch aufleuchten in uns, ein steter Begleiter durch die Tage und Nächte. Am Ende besteht die Kunst darin, die Kräfte auszupendeln. Wir müssen uns zwischen Leichte und Schwere halten, ständig, immer, unentwegt, nie bequem und nie fertig.
Manchmal wird es schwerer, weil eine Last uns betrübt oder weil eine Krankheit nach uns greift. Wenn wir seelisch wanken, verdüstert sich die Quelle.
Manchmal ist es auch anders herum; eine Krankheit erweist sich manchmal auch als Segen- als ein neuer Gleichgewichtszustand. Jedes neue Gleichgewicht in uns verändert auch das Zusammenspiel zwischen Schwere und Leichte. Das „Krankheit“ zu nennen kann als eine gewisse Betrachtungsweise gelten. In anderer Sicht handelt es sich zugleich auch um eine Gesundung.
Bei dieser Gesund- Werdung geht es ums Wesentliche. Es geht bei so vielen Dingen, die wir lernen und die wir entwickeln, um alles mögliche, aber nicht darum. Man kann alles mögliche lernen, sich auch daran entwickeln, aber das kann nebeneinander laufen, es ist nicht unbedingt so, dass es uns bis in die Moralität oder in unsere tieferen Reflexe hinein verändern würde. Die Gesundung ist anders. Sie schreitet auch deshalb so langsam voran, weil wir eben nicht weit genug reichen, nicht bis in die Konsequenzen des Alltags oder bis in unsere Kindheits- Seelen- Konstellationen hinein. Wenn wir denken, wir könnten uns um irgend etwas herum schleichen, vor irgend etwas wegdrücken, müssen wir erkennen, dass das ein Irrtum ist. Man muss das mit aller Konsequenz tun - oder es bleibt etwas Vages, Unreifes- etwas in Status nascendi. Das Wesentliche hat bestimmte Eigenschaften, es ist lebendig, freundlich, neugierig, offen, tolerant. Man sollte sich nichts anderes einreden lassen. Es ist ausgerichtet wie eine magnetische Nadel nach diesem Pol. Es pendelt sich ein- nach dem inneren Kompass, der ein ganz allgemein menschlicher ist- der des Individuums, das sich in sozialer Kompetenz entwickeln möchte.
Das unsichtbare Paket, das sich entfalten möchte, ist unscheinbar. Aber selbst in seiner nicht in Sprache zu fassenden Winzigkeit ist es voller Keimkräfte, die man im Neuen Testament die Kräfte des „Glaubens“ genannt hat. Es ist nicht der blinde, sondern der erwachsen und bewusst werdende Glauben. Keine gefühlige religiöse Innerlichkeit, sondern die Kraft, von der man bildlich meinte, sie könnte Berge versetzen: Die Berge des Gewordenen, des Festen, des Abgeschlossenen.
Wenn wir es wollen, zulassen und uns etwas darum bemühen, nimmt es in uns Raum ein und erlöst uns von der Schwere des Gelebten, Gefühlten, Gedachten, auch wenn es sie nicht aufhebt. Es ist das Kind, das marienhaft im Seelenraum getragen wird, ein offenbares Geheimnis. Es ist ein Teil der Lebenskräfte selbst. Aber es kann auch aufleuchten in uns, ein steter Begleiter durch die Tage und Nächte. Am Ende besteht die Kunst darin, die Kräfte auszupendeln. Wir müssen uns zwischen Leichte und Schwere halten, ständig, immer, unentwegt, nie bequem und nie fertig.
Manchmal wird es schwerer, weil eine Last uns betrübt oder weil eine Krankheit nach uns greift. Wenn wir seelisch wanken, verdüstert sich die Quelle.
Manchmal ist es auch anders herum; eine Krankheit erweist sich manchmal auch als Segen- als ein neuer Gleichgewichtszustand. Jedes neue Gleichgewicht in uns verändert auch das Zusammenspiel zwischen Schwere und Leichte. Das „Krankheit“ zu nennen kann als eine gewisse Betrachtungsweise gelten. In anderer Sicht handelt es sich zugleich auch um eine Gesundung.
Bei dieser Gesund- Werdung geht es ums Wesentliche. Es geht bei so vielen Dingen, die wir lernen und die wir entwickeln, um alles mögliche, aber nicht darum. Man kann alles mögliche lernen, sich auch daran entwickeln, aber das kann nebeneinander laufen, es ist nicht unbedingt so, dass es uns bis in die Moralität oder in unsere tieferen Reflexe hinein verändern würde. Die Gesundung ist anders. Sie schreitet auch deshalb so langsam voran, weil wir eben nicht weit genug reichen, nicht bis in die Konsequenzen des Alltags oder bis in unsere Kindheits- Seelen- Konstellationen hinein. Wenn wir denken, wir könnten uns um irgend etwas herum schleichen, vor irgend etwas wegdrücken, müssen wir erkennen, dass das ein Irrtum ist. Man muss das mit aller Konsequenz tun - oder es bleibt etwas Vages, Unreifes- etwas in Status nascendi. Das Wesentliche hat bestimmte Eigenschaften, es ist lebendig, freundlich, neugierig, offen, tolerant. Man sollte sich nichts anderes einreden lassen. Es ist ausgerichtet wie eine magnetische Nadel nach diesem Pol. Es pendelt sich ein- nach dem inneren Kompass, der ein ganz allgemein menschlicher ist- der des Individuums, das sich in sozialer Kompetenz entwickeln möchte.
Das unsichtbare Paket, das sich entfalten möchte, ist unscheinbar. Aber selbst in seiner nicht in Sprache zu fassenden Winzigkeit ist es voller Keimkräfte, die man im Neuen Testament die Kräfte des „Glaubens“ genannt hat. Es ist nicht der blinde, sondern der erwachsen und bewusst werdende Glauben. Keine gefühlige religiöse Innerlichkeit, sondern die Kraft, von der man bildlich meinte, sie könnte Berge versetzen: Die Berge des Gewordenen, des Festen, des Abgeschlossenen.
Kein Herz zu suchen
01.Mai.2011 17:42 Uhr
„Im Eigentlichen „gibt es kein Herz zu suchen“. Wir müssen, wenn von „kein“ und „nichts“ die Rede ist, mit aller Sorgfalt darauf achten, dass es Nichts gibt. Auch wenn einer das eigene Herz und das anfängliche Wesen des Menschen suchen wollte, könnte er Nichts finden. Er muss lernen, dass es Nichts zu suchen gibt.
Welche Zauberei! Etwas, was eigentlich Nichts ist, wird hier in zehn Stufen gegliedert und durch viele Worte erläutert. Am Ende dieser Zauberei wird sogar „Das Hereinkommen auf den Markt“ bemüht. Törichter Unsinn! Völlig vergebens die Mühe! Es ist eine Arbeit für Nichts und wieder Nichts.“
Tsi-Yüan, Vorrede von „der ochs und sein hirte“, Pfullingen 1976
Welche Zauberei! Etwas, was eigentlich Nichts ist, wird hier in zehn Stufen gegliedert und durch viele Worte erläutert. Am Ende dieser Zauberei wird sogar „Das Hereinkommen auf den Markt“ bemüht. Törichter Unsinn! Völlig vergebens die Mühe! Es ist eine Arbeit für Nichts und wieder Nichts.“
Tsi-Yüan, Vorrede von „der ochs und sein hirte“, Pfullingen 1976
Schulungsweg, Kunst und "Psychotherapie"
30.Apr.2011 22:48 Uhr
Der Schulungsweg ist zweifellos eine spezifische Art von „Psychotherapie“. Denn dass wir *bedürftig* im Sinne von „unfertig“ sind - alle - wird schnell offensichtlich, wenn man sich damit beschäftigt. Man muss sich seine Zwiebelschalen einfach deshalb vor Augen führen, weil man sonst nicht frei wird. Aber die Perspektive ist doch eine besondere, denn eigentlich betrachtet man die Schalen von sich als der, der davon schon ein Stück weit frei ist. Die Perspektive ist nicht der des Wühlens in seelischen Katakomben, sondern die eines Beleuchtens von außen- ein Außen, zu dem ich als *Zeuge* seelischer Prozesse geworden bin. Es ergibt sich, wenn man tatsächlich zu radikaler Ehrlichkeit bereit ist, eine anarchische Energie, sich dem zu stellen, was man eigentlich nicht zu wissen wünschte. Man kann auf diese Weise von den eigenen Manierismen frei werden, aber es gibt auch die Möglichkeit des Scheiterns. Dass der Zeuge korrumpiert wird, dass er unterliegt, dass ein seelisch- geistiger Sog sich durchsetzt. Man fährt auf dem Floss des Seelengewässers und hört die eigenen Sirenentöne, die Schalmeien des Ego. Und man sollte nicht glauben, dass man mit einer Überfahrt jemals fertig wäre. Es gibt viele Meere zu befahren.
Der Schulungsweg als spezifische Variante einer „Psychotherapie“ ist dies - das Befahren des Seelenmeeres- in einem rudimentären Sinne des Sich-Stellens. Man weiss, man braucht diese Ehrlichkeit, diese Klarheit sich selbst gegenüber, um sich an die Schwelle des Nur-Persönlichen schieben zu können. Hier, wenn man den letzten Grenzposten überwunden hat, weht der harte Bergwind die Dinge fort, die wir an Schalen abgeworfen haben. Erst an diesem Punkt ist die Gegenwärtigkeit so greifbar, dass das Nur-Persönliche abfällt. Man überwindet es nicht, sondern es wird irrelevant. Es erweist sich als die Maske einer Selbstinszenierung, die man in der Not und aus Not geschaffen hat.
Man kann also den Schulungsweg als „Wiederherstellungsversuch“, als Versuch, eine zerbrochene Ganzheit wieder her zu stellen, sehen. Aber es gibt zahlreiche andere mögliche Metaphern. Nehmen wir Schulungsweg und künstlerische Entwicklung- der Versuch, einen Stil zu entwickeln, eine Handschrift, eine eigene Grammatik der Darstellung, ohne in Manierismen, auf zu vertraute eigene Muster zu verfallen. Es besteht immer die Gefahr, in Vertrautem zu versacken. Man muss sich als Künstler neu erfinden können, ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren. Man benötigt Präzision und Technik, darf sie aber nicht gewähren lassen. Insgesamt geht es auch um einen Reifeprozess, ohne wie ein Fallobst in dem zu versacken, um das man kreist. Es gibt in der Kunst Neigungen, denen man nicht wirklich entkommen kann. Aber man muss gegen sie angehen, weil sie einen zu früh festlegen. Es ist mehr als nur „Geschmack“; es hat eine physische Komponente. Aber es schafft auch einen Ausgangs-, einen Fixpunkt.
Will man öffentlich werden, kommen andere Zwänge hinzu; der Markt möchte den Künstler, der „wiedererkennbar“ ist. Das verstärkt die Neigung, im gegebenen Rahmen eine Modalität des Ausdrucks zu finden. Aber man kommt damit schnell in ein Muster hinein, das man nicht mehr los wird.
All das gilt auch für den Schulungsweg, der zweifellos vor allem ein kreativer Entwicklungsprozess ist. Der Schulungsweg beginnt ebenso wie der künstlerische Prozess dann, wenn man die reine Übungsphase überwunden hat, in der auch Vorbilder eine zentrale Rolle spielen. Vorbilder, Gegenbilder, Nachbilder. Gehversuche auf unsicherem Terrain. Muster, die sich heraus bilden, die fördern und zugleich bannen. Scheinbar unentrinnbare Fallen, in die man immer wieder hinein läuft. Dann Augenblicke des freien, reinen Schaffens. Augenblicke des beliebigen Versuchens, des trost- und nutzlosen Ringens nach Neuorientierung. Dann wieder Phasen, in denen man produktiv ist und sich getragen fühlt. In denen man aus dem Meer der Möglichkeiten zielsicher und stark heraus greift, was sich entwickeln will. Im Umgang mit diesen kreativen Wachstumsprozessen muss man zulassen, dass man immer wieder neu anfängt, immer wieder auch Anfänger ist- auch nach Jahrzehnten. Dies gilt jedenfalls für das innere Gefühl. Technisch gesehen, von der Erfahrung und vom Auftreten her gewinnt man aber hinzu. Professionalisierung entwickelt sich, ohne gewollt zu sein- ein Nebenprodukt des Übenden.
Die „Kunst“ ist weniger ein „Sich-Stellen“ als ein ständiger Perspektivewechsel in einem Prozess der Professionalisierung; eine dauernde Neuerfindung in der Art des Aus- und Eindrucks, ohne beliebig zu werden. Man wird damit nicht fertig. Die Grenzposten, an denen man stagniert, schafft man sich aber auch immer wieder neu. Der kreative Prozess bleibt ein Rudimentäres, dem man immer wieder etwas entringt, aber das nie einen Abschluss finden kann. Es bleiben Wegmarken, die man geschaffen hat. Künstlerische Arbeiten so wie Augenblicke reiner Präsenz.
Der Schulungsweg als spezifische Variante einer „Psychotherapie“ ist dies - das Befahren des Seelenmeeres- in einem rudimentären Sinne des Sich-Stellens. Man weiss, man braucht diese Ehrlichkeit, diese Klarheit sich selbst gegenüber, um sich an die Schwelle des Nur-Persönlichen schieben zu können. Hier, wenn man den letzten Grenzposten überwunden hat, weht der harte Bergwind die Dinge fort, die wir an Schalen abgeworfen haben. Erst an diesem Punkt ist die Gegenwärtigkeit so greifbar, dass das Nur-Persönliche abfällt. Man überwindet es nicht, sondern es wird irrelevant. Es erweist sich als die Maske einer Selbstinszenierung, die man in der Not und aus Not geschaffen hat.
Man kann also den Schulungsweg als „Wiederherstellungsversuch“, als Versuch, eine zerbrochene Ganzheit wieder her zu stellen, sehen. Aber es gibt zahlreiche andere mögliche Metaphern. Nehmen wir Schulungsweg und künstlerische Entwicklung- der Versuch, einen Stil zu entwickeln, eine Handschrift, eine eigene Grammatik der Darstellung, ohne in Manierismen, auf zu vertraute eigene Muster zu verfallen. Es besteht immer die Gefahr, in Vertrautem zu versacken. Man muss sich als Künstler neu erfinden können, ohne sich in Beliebigkeit zu verlieren. Man benötigt Präzision und Technik, darf sie aber nicht gewähren lassen. Insgesamt geht es auch um einen Reifeprozess, ohne wie ein Fallobst in dem zu versacken, um das man kreist. Es gibt in der Kunst Neigungen, denen man nicht wirklich entkommen kann. Aber man muss gegen sie angehen, weil sie einen zu früh festlegen. Es ist mehr als nur „Geschmack“; es hat eine physische Komponente. Aber es schafft auch einen Ausgangs-, einen Fixpunkt.
Will man öffentlich werden, kommen andere Zwänge hinzu; der Markt möchte den Künstler, der „wiedererkennbar“ ist. Das verstärkt die Neigung, im gegebenen Rahmen eine Modalität des Ausdrucks zu finden. Aber man kommt damit schnell in ein Muster hinein, das man nicht mehr los wird.
All das gilt auch für den Schulungsweg, der zweifellos vor allem ein kreativer Entwicklungsprozess ist. Der Schulungsweg beginnt ebenso wie der künstlerische Prozess dann, wenn man die reine Übungsphase überwunden hat, in der auch Vorbilder eine zentrale Rolle spielen. Vorbilder, Gegenbilder, Nachbilder. Gehversuche auf unsicherem Terrain. Muster, die sich heraus bilden, die fördern und zugleich bannen. Scheinbar unentrinnbare Fallen, in die man immer wieder hinein läuft. Dann Augenblicke des freien, reinen Schaffens. Augenblicke des beliebigen Versuchens, des trost- und nutzlosen Ringens nach Neuorientierung. Dann wieder Phasen, in denen man produktiv ist und sich getragen fühlt. In denen man aus dem Meer der Möglichkeiten zielsicher und stark heraus greift, was sich entwickeln will. Im Umgang mit diesen kreativen Wachstumsprozessen muss man zulassen, dass man immer wieder neu anfängt, immer wieder auch Anfänger ist- auch nach Jahrzehnten. Dies gilt jedenfalls für das innere Gefühl. Technisch gesehen, von der Erfahrung und vom Auftreten her gewinnt man aber hinzu. Professionalisierung entwickelt sich, ohne gewollt zu sein- ein Nebenprodukt des Übenden.
Die „Kunst“ ist weniger ein „Sich-Stellen“ als ein ständiger Perspektivewechsel in einem Prozess der Professionalisierung; eine dauernde Neuerfindung in der Art des Aus- und Eindrucks, ohne beliebig zu werden. Man wird damit nicht fertig. Die Grenzposten, an denen man stagniert, schafft man sich aber auch immer wieder neu. Der kreative Prozess bleibt ein Rudimentäres, dem man immer wieder etwas entringt, aber das nie einen Abschluss finden kann. Es bleiben Wegmarken, die man geschaffen hat. Künstlerische Arbeiten so wie Augenblicke reiner Präsenz.
Paul Valéry: Das Denken jenseits der Sprachkonvention
11.Apr.2011 23:47 Uhr
„Aber schauen wir ein bisschen näher zu; schauen wir in uns selber. Sobald unser Denken dazu neigt, in die Tiefe zu gehen, das heißt seinem Gegenstand näher zu kommen, in dem Bestreben, auf die Dinge selber einzuwirken (sofern es sich auf Dinge richtet) und nicht mehr bloß auf irgendwelche Zeichen, die nur eine oberflächliche Vorstellung von Sachen vermitteln, sobald wir dieses Denken leben, spüren wir, wie es sich von jeder Sprachkonvention ablöst. Wie dicht auch die Sprache mit unserer lebenden Anwesenheit verwoben sein mag, wie dicht beieinander ihre Treffchancen liegen mögen, wie geschult unser sprachliches Vermögen sein mag, wie fertig in der Bedienung dieses vorliegenden Systems und wie rasch zur Stelle: so können wir es doch durch einen Willensakt, durch eine Art Vergrößerung oder eine Art Beschleunigung der Dauer von unserem in Bereitschaft liegenden geistigen Leben abhalten. Wir fühlen, dass uns die Worte mangeln, und wir sind uns bewusst, dass kein Grund dafür spricht, dass welche da sind, um uns zu antworten... das heißt: um für uns einzutreten, denn die Macht der Worte (und daraus entspringt ihr Nutzen) besteht darin, dass sie uns wieder in die Nachbarschaft schon erlebter Zustände bringen, dass sie die Wiederholung regulieren oder stiften - wie aber, wenn wir auf einmal in jenes geistige Leben einmünden, das sich nie wiederholt? Vielleicht heißt eben dies tief denken, was nicht soviel heißt wie: nützlicher, exakter, vollständiger denken als gewöhnlich; sondern was heißt: ins Weite denken, so weitab wie möglich vom Automatismus des Wortes denken. Dann erleben wir, dass Wortschatz und Grammatik fremdartige Gaben sind: res inter alios actas ([Dinge inmitten anderer Handlungen, Anm.]). Wir werden auf unmittelbare Weise gewahr, dass die Sprache, wie organisch und unentbehrlich sie auch sein mag, in der Welt des Denkens nichts ausrichten kann, wo nichts seine transitive Natur gefangen nimmt. Unser Bewusstsein erkennt in ihr etwas, das von uns unterschieden ist. Unsere Strenge und unsere Leidenschaft stellen uns zu ihr in Gegensatz.
Und doch haben die Philosophen den Versuch unternommen, ihre Sprache auf ihr tiefinneres Leben zu beziehen, - sie neu einzuteilen, sie je nach den Erfordernissen ihrer einsamen Erfahrung leidlich zu vervollständigen, um aus ihr ein noch subtileres, noch sichereres Mittel sowohl des Erkennens als auch des Wiedererkennens ihrer Erkenntnis zu machen. Man könnte sich unter der Philosophie die Haltung, die Erwartung, die Nötigung vorstellen, vermittels derer ein Mensch manchmal in die Lage kommt, sein Leben zu denken oder sein Denken zu leben, in einer Art Gleichwertigkeit, oder einem reversiblen Zustand, zwischen dem Sein und dem Erkennen, sodass bei dem Bestreben, jeden konventionellen Ausdruck fern zu halten, sich ein Vorgefühl einstellt, wie etwas sich ordnet und zu erhellen beginnt: eine Zusammenfügung, um vieles kostbarer als alle anderen, aus jenem Wirklichen, das dieser Mensch in sich selber aufsteigen fühlt, und jenem, dessen bereiter Empfänger er ist.“
_______
Paul Valéry, „Leonardo da Vinci“
(Mit Dank an Ingrid)
Und doch haben die Philosophen den Versuch unternommen, ihre Sprache auf ihr tiefinneres Leben zu beziehen, - sie neu einzuteilen, sie je nach den Erfordernissen ihrer einsamen Erfahrung leidlich zu vervollständigen, um aus ihr ein noch subtileres, noch sichereres Mittel sowohl des Erkennens als auch des Wiedererkennens ihrer Erkenntnis zu machen. Man könnte sich unter der Philosophie die Haltung, die Erwartung, die Nötigung vorstellen, vermittels derer ein Mensch manchmal in die Lage kommt, sein Leben zu denken oder sein Denken zu leben, in einer Art Gleichwertigkeit, oder einem reversiblen Zustand, zwischen dem Sein und dem Erkennen, sodass bei dem Bestreben, jeden konventionellen Ausdruck fern zu halten, sich ein Vorgefühl einstellt, wie etwas sich ordnet und zu erhellen beginnt: eine Zusammenfügung, um vieles kostbarer als alle anderen, aus jenem Wirklichen, das dieser Mensch in sich selber aufsteigen fühlt, und jenem, dessen bereiter Empfänger er ist.“
_______
Paul Valéry, „Leonardo da Vinci“
(Mit Dank an Ingrid)
Die Zone seelischer Reflexe
02.Apr.2011 22:28 Uhr
Die Zone der seelischen Reflexe meint in diesem Zusammenhang ein Dilemma des Praktizierenden, des Meditanten, der sich tatsächlich und willentlich auf den Weg gemacht hat, das „reine Denken“ als Erfahrung zu suchen. An einem gewissen Punkt stellen sich meist auch „Erfahrungen“ ein, bei denen aber kein Korrektiv mehr in der Außenwelt besteht, im Kontext bisher gemachter Erfahrungen. Es fehlt zunächst ein Koordinatensystem für das Urteil und für das seelische Empfinden.
Rudolf Steiner stellte das Dilemma einmal auf folgende Weise dar („Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?“, S. 164): „Eine richtige Entwicklung schließt aber ein Hinlenken der Egoität des astralischen Leibes zu allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen ein. Und wie Gift wirkt es, wenn der Mensch in diejenigen Regionen seiner hellseherischen Beobachtung, wo er nur imprägniert mit allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen beobachten sollte, hinaufträgt persönliche Interessen und persönliche Aspirationen. Dann kommt für die hellseherische Beobachtung nicht die Wahrheit zustande, sondern es kommen Imaginationen zustande, welche unwahr, unrichtig sind, welche nur die Widerspiegelung sind der persönlichen Interessen und der persönlichen Aspirationen.“
Man fragt sich, woher diese innere Reife denn kommen soll. Oder anders gefragt: wer ist dann schon frei von Irrtümern in der Wahrnehmung der „geistigen Welt“? Verbreitet ist z.B. die Neigung, solche Erfahrungen so weit unkritisch hoch zu schätzen, dass man sie in ihrer Unmittelbarkeit per se für „Wahrheit“ hält. Dass man diese erstmaligen Erfahrungen in ihrer Unmittelbarkeit, mit der sie ans innere Augen drängen, als unleugbares Evidenzerlebnis nimmt, liegt aber im Kern vielleicht auch daran, dass man sich selbst zu ernst nimmt, zu sehr als Mittelpunkt der Welt, zu eitel, zu wichtig. Der erfahrene „Stalker“ weiß, dass am Anfang das Drängende, Glänzende, Unmittelbare lauert, das die Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt und möglicherweise lediglich ablenkt vom Wesentlichen, das ganz still und unscheinbar daher kommt. Es gibt viele Wohnungen in diesem Haus, im Eingang aber lenken Lüster und goldene Klinken derartig ab, dass Mancher hier verweilen möchte. Er formuliert hier vielleicht eine spirituelle Grunderfahrung, er gründet eine Religion oder findet etwas, was er für Erleuchtung hält. Jeder bekommt hier, was er erwartet hat. Rechthaber bekommen Recht, Sensationssüchtige bekommen Wunder, Katholiken bekommen Marienerscheinungen, Reinheitssüchtige sehen Engel oder was immer. Man spiegelt seine eigenen Erwartungen, man ist geblendet von ihnen. Man selber verstellt sich den klaren Blick, hält das illusionäre Spiegeln aber für „Wahrheit“.
Man hat einen langen Weg durch viele Zimmer vor sich. Manche sind abgewrackt und wirken wie zerbombt. Das Zimmer, das keine Spiegel hat, ist sicherlich eines der letzten. Wenn man sich selbst betrachtet, ist es, als halte man ein Häufchen Staub in der Hand. Es ist sehr viel schwerer, frei zu werden von den eigenen seelischen Reflexen als vom „linearen Denken“. Letzteres erlebt man bereits im Entree, aber es nützt einem nicht viel. Man ist nicht frei, wenn man keine Orientierung hat. Letztere ist eine eher moralische Kategorie, eine Verwandte des Gewissens. Sie ist wirklich unscheinbar. Es ist das, was Rudolf Steiner als die Kraft bezeichnet, sich seelisch den „allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen“ zuzuwenden. Das können wir nur, wenn wir von unseren Reflexen frei kommen.
Rudolf Steiner stellte das Dilemma einmal auf folgende Weise dar („Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?“, S. 164): „Eine richtige Entwicklung schließt aber ein Hinlenken der Egoität des astralischen Leibes zu allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen ein. Und wie Gift wirkt es, wenn der Mensch in diejenigen Regionen seiner hellseherischen Beobachtung, wo er nur imprägniert mit allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen beobachten sollte, hinaufträgt persönliche Interessen und persönliche Aspirationen. Dann kommt für die hellseherische Beobachtung nicht die Wahrheit zustande, sondern es kommen Imaginationen zustande, welche unwahr, unrichtig sind, welche nur die Widerspiegelung sind der persönlichen Interessen und der persönlichen Aspirationen.“
Man fragt sich, woher diese innere Reife denn kommen soll. Oder anders gefragt: wer ist dann schon frei von Irrtümern in der Wahrnehmung der „geistigen Welt“? Verbreitet ist z.B. die Neigung, solche Erfahrungen so weit unkritisch hoch zu schätzen, dass man sie in ihrer Unmittelbarkeit per se für „Wahrheit“ hält. Dass man diese erstmaligen Erfahrungen in ihrer Unmittelbarkeit, mit der sie ans innere Augen drängen, als unleugbares Evidenzerlebnis nimmt, liegt aber im Kern vielleicht auch daran, dass man sich selbst zu ernst nimmt, zu sehr als Mittelpunkt der Welt, zu eitel, zu wichtig. Der erfahrene „Stalker“ weiß, dass am Anfang das Drängende, Glänzende, Unmittelbare lauert, das die Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt und möglicherweise lediglich ablenkt vom Wesentlichen, das ganz still und unscheinbar daher kommt. Es gibt viele Wohnungen in diesem Haus, im Eingang aber lenken Lüster und goldene Klinken derartig ab, dass Mancher hier verweilen möchte. Er formuliert hier vielleicht eine spirituelle Grunderfahrung, er gründet eine Religion oder findet etwas, was er für Erleuchtung hält. Jeder bekommt hier, was er erwartet hat. Rechthaber bekommen Recht, Sensationssüchtige bekommen Wunder, Katholiken bekommen Marienerscheinungen, Reinheitssüchtige sehen Engel oder was immer. Man spiegelt seine eigenen Erwartungen, man ist geblendet von ihnen. Man selber verstellt sich den klaren Blick, hält das illusionäre Spiegeln aber für „Wahrheit“.
Man hat einen langen Weg durch viele Zimmer vor sich. Manche sind abgewrackt und wirken wie zerbombt. Das Zimmer, das keine Spiegel hat, ist sicherlich eines der letzten. Wenn man sich selbst betrachtet, ist es, als halte man ein Häufchen Staub in der Hand. Es ist sehr viel schwerer, frei zu werden von den eigenen seelischen Reflexen als vom „linearen Denken“. Letzteres erlebt man bereits im Entree, aber es nützt einem nicht viel. Man ist nicht frei, wenn man keine Orientierung hat. Letztere ist eine eher moralische Kategorie, eine Verwandte des Gewissens. Sie ist wirklich unscheinbar. Es ist das, was Rudolf Steiner als die Kraft bezeichnet, sich seelisch den „allgemeinen Menschheits- und Weltinteressen“ zuzuwenden. Das können wir nur, wenn wir von unseren Reflexen frei kommen.
Der verpackte Zorn
21.Mär.2011 22:07 Uhr

Wenn man dem Klopfen der Herztöne zu folgen beginnt, dem Wimpernschlag der Pappeln an einem schönen Frühlingstag wie heute, wenn man den Quellen nötigen Respekt erweist und ein Lufthauch vom Meer einen gastfreundlichen Nachmittag bereitet, dann überblickt man erstmals das Ausmaß der eigenen Kollateralschäden. („Der militärische Fachbegriff Begleitschaden oder Kollateralschaden (von englisch collateral damage; aus dem Lateinischen collateralis für seitlich oder benachbart) bezeichnet in der räumlichen Umgebung eines Ziels entstehende Schäden aller Art durch ungenauen oder überdimensionierten Waffeneinsatz bei nicht-zivilen Aktionen.“)
Das und das und das, man riecht förmlich an den sich stapelnden Paketen um einen herum, wie sich in ihnen der Schmerz sammelt. Man ist im untersten Stockwerk angekommen, beim zurück gelassenen Gepäck, in Haus des Schmerzes.
Der Schmerz ist lebendig, er bebt von innen, aus sich heraus, wir haben ihn mit Leben gefüllt, ein Berg von Abbildern, Zerrbildern unserer selbst, als wären es Voodoo- Püppchen. Zweifellos geht von diesem bebenden, bewegten und vielfältigen Schmerz ein Zauber aus.
Hier bin ich gebannt und gefangen, fühlt man. Hier endet vorerst meine Kraft. Ich bin das nicht, das sind die abgelegten Bilder meines Lebens, Schuppen, Häute, Panzer. Aber wirksam sind sie doch.
Den besten und einzigen Ausblick auf den abgelegten Zorn hat man, wenn man im Haus der Liebe steht. Vielleicht steht man da, für einen Augenblick. Man isst das Brot, man trinkt den Wein. Man weiß, der Wind, der weht, er ist größer als ich, aber er ist mit mir verwandt.
Wesentlich
17.Mär.2011 19:35 Uhr
Auch wenn Beuys gesagt haben soll, er kenne die Gegend, kann ich das nicht behaupten. Ich war allerdings früher dort zu Besuch, gar nicht so selten, aber es waren immer Besuche in der Zonengrenze, mit wenig Gepäck und ohne Proviant. Du bist dort, wie Du weißt, wohin der Mensch gehört, hast aber schon wieder vergessen, wo in der ganzen Ortlosigkeit das wohl war.
Du hast Anläufe genommen, später, viele Anläufe. Du hattest Motten im Kopf und Ameisen unter der Haut.
Aber du hattest auch Bleiplatten unter den Füßen, Tonnen voller Teer ums Herz gestellt, du hattest den Kehlkopf voll von ungesagten Worten.
Es gibt hier keine Orientierung, die man kennen könnte, keinen Lageplan, keinen Kompass. Aber es gibt den Wind, der aus der Zone strömt. Neulich, nach einer Zeit wie mit dem Kopf unter einem Sauerstoffzelt, hast du den Strom wieder gefunden. Du spürtest ihn unter den Füßen.
Sein Strömen, seine Kraft, seine Lieblichkeit. Du warst bemüht, ganz in ihn einzutauchen. Das Geheimnis ist, ihn nicht zu suchen. Man muss ihn nicht suchen, sondern ihn zulassen. Man glaubt, er sei unter den Füßen, außerhalb des Blickfeldes, aber er fliesst nicht irgendwo anders, sondern mitten durch dich hindurch.
Der Goldene, der Strom des Menschseins. Er entspringt unserer Mitte. In ihm sind wir „wesentlich“. Es ist der Strom, der einst in der Sonne verehrt wurde- in Form sakraler Erwartung. In den alten Mysterien wurde er verortet, war noch „dort“ und „das“ und „dann“. Heute ist er der Geist der Erde. Die Mysterien finden dann statt, wenn wir uns entscheiden, sie zu betreten. Es gibt kein Irgendwas, Irgendwo oder Irgendwann. Es gibt nicht einmal die Zone.
Du hast Anläufe genommen, später, viele Anläufe. Du hattest Motten im Kopf und Ameisen unter der Haut.
Aber du hattest auch Bleiplatten unter den Füßen, Tonnen voller Teer ums Herz gestellt, du hattest den Kehlkopf voll von ungesagten Worten.
Es gibt hier keine Orientierung, die man kennen könnte, keinen Lageplan, keinen Kompass. Aber es gibt den Wind, der aus der Zone strömt. Neulich, nach einer Zeit wie mit dem Kopf unter einem Sauerstoffzelt, hast du den Strom wieder gefunden. Du spürtest ihn unter den Füßen.
Sein Strömen, seine Kraft, seine Lieblichkeit. Du warst bemüht, ganz in ihn einzutauchen. Das Geheimnis ist, ihn nicht zu suchen. Man muss ihn nicht suchen, sondern ihn zulassen. Man glaubt, er sei unter den Füßen, außerhalb des Blickfeldes, aber er fliesst nicht irgendwo anders, sondern mitten durch dich hindurch.
Der Goldene, der Strom des Menschseins. Er entspringt unserer Mitte. In ihm sind wir „wesentlich“. Es ist der Strom, der einst in der Sonne verehrt wurde- in Form sakraler Erwartung. In den alten Mysterien wurde er verortet, war noch „dort“ und „das“ und „dann“. Heute ist er der Geist der Erde. Die Mysterien finden dann statt, wenn wir uns entscheiden, sie zu betreten. Es gibt kein Irgendwas, Irgendwo oder Irgendwann. Es gibt nicht einmal die Zone.
Die Macht und der Zweifel
16.Feb.2011 20:44 Uhr
„Selbstbewusstseinsseele“ nannte Georg Kühlewind den dominanten Aspekt menschlicher Binnenkultur- eine janusköpfige innere Struktur. Der Zwiespalt entsteht dadurch, dass der bewusste Zeitgenosse ohne weiteres auf sich selbst- auf das „Gewordene“ in ihm- seine Gestimmtheiten, seine Determinationen, seine seelischen Strukturen schauen kann. Psychologie, Soziologie, Hirnforschung und Medizin tragen dazu bei, dass der Blick schärfer und unbestechlicher wird. Was aber nicht immer bemerkt wird, ist, dass sich dabei eine unabhängige Instanz, der „innere Zeuge“ heraus bildet - eben der, der der Schauende ist. Die objektive Instanz in uns besteht nur in der Gegenwärtigkeit, im Akt des Schauens. Es ist ein nicht greifbares Ich, das nur in Tätigkeit, in Aktivität, in innerer Souveränität präsent ist- man kann es nicht umreissen, nicht beschreiben, nicht definieren. Genau diese Gegenwärtigkeit, die Zeugenschaft, ist das Tor zum spirituellen Erleben. Der Zeuge ist das sich selbst vergegenwärtigende Geistige im Menschen.
Gleichzeitig bestehen archaische seelische Strukturen im Menschen fort. Die von Rudolf Steiner so genannte Empfindungsseele ist noch gänzlich ungebrochen. Hier erlebt sich der Mensch noch in einer Naivität des Nicht- Hinterfragbaren. Der Despot, der in seinen Augen das natürliche Recht darauf hat, sich auszuleben und keinen Widerspruch duldet, ist so ein Typus. Er sieht sich als Mittelpunkt der Welt- zumindest als der Mittelpunkt seiner eigenen kleinen Umwelt. Ob er nun lediglich Familien oder ganze Landstriche terrorisiert, bleibt sekundär. Sein Recht auf die Rolle wird nicht hinterfragt und schon gar nicht in Zweifel gezogen. Dieser Despot wird eher seine kleine Welt in den Abgrund reissen als zulassen, dass seine Rolle unterminiert wird.
Die Verstandesseele ist eine weitere archaische Positionierung. Diese Struktur macht sich aus Vernunftgründen das untertan, was ihr zur Verfügung steht. Sie wird getrieben vom Machbaren. Andererseits braucht diese Struktur den Erfolg, den Fortschritt, die Überwindung als Lebenselixier. Sie lebt nicht fraglos aus sich selbst heraus, sondern lehnt sich stets an etwas an. Dass dabei ganze Lebensräume zerstört werden, interessiert die Anhänger des Machbaren nicht. Natürlich entspringen dieser seelischen Struktur auch andere Aspekte; sie fühlt sich auch in kulturellen Erzeugnissen, sie geht im Sprachklang auf und kann sich an der eigenen Intelligenz delektieren. Sie braucht etwas, an das sie anstösst; sie erlebt sich daran. Die von ihr verfolgte Struktur hat daher eine existentielle Dimension; sie ist getrieben von der Selbstverwirklichung. Unter diesen Maximen lauert ein unbestimmtes Grauen, ein Nichts, das nicht hinnehmbar ist.
Die Selbstbewusstseinsseele dagegen hat, nach all den Zweifeln, der Selbsthinterfragung, der Fragmentierung, der existentialistischen Krise, der Hinterfragung der sozialen, gesellschaftlichen und geschlechtlichen Rollen, das Zeug dazu, ohne an etwas anzulehnen, ohne Zweckdienlichkeit und Despotie, aus sich heraus zu bestehen. Denn der „Zeuge“ ist der Beginn geistiger Autonomie- eine Chance und Möglichkeit. Er kann aus der Rolle des Betrachters heraus treten und lebendig, flexibel und ohne Ängste vor Neuem, frei von Rollen und Definitionen sozial und gesellschaftlich gestalten. Er tut dies in Gelassenheit und mit Umsicht. Er kann die Intentionen Anderer wahrnehmen und berücksichtigen, denn sein Lebenselixier ist die empathische Grundhaltung. Daher ist die Zeit der Selbstbewusstseinsseele eine Zeit des Umbruchs. Alte Werte verdämmern und verschwinden- aber zugleich beginnt die Möglichkeit der Gestaltung aus innerer Verantwortung heraus.
Alle genannten Strukturen existieren nebeneinander im zeitgenössischen Individuum, in der globalisierten und medienorientierten Weltkultur zunehmend unabhängig von Status, Geschlecht und nationaler Zugehörigkeit. Zugleich entstehen dabei Ängste und Gegenbewegungen, die völlig archaische Strukturen wieder an die Oberfläche spülen. Die Despoten greifen weltweit wieder nach den Rudern- aber auch in uns selbst. Autonomie ist nichts Gegebenes, weder im individuellen noch im gesellschaftlichen Rahmen.
Gleichzeitig bestehen archaische seelische Strukturen im Menschen fort. Die von Rudolf Steiner so genannte Empfindungsseele ist noch gänzlich ungebrochen. Hier erlebt sich der Mensch noch in einer Naivität des Nicht- Hinterfragbaren. Der Despot, der in seinen Augen das natürliche Recht darauf hat, sich auszuleben und keinen Widerspruch duldet, ist so ein Typus. Er sieht sich als Mittelpunkt der Welt- zumindest als der Mittelpunkt seiner eigenen kleinen Umwelt. Ob er nun lediglich Familien oder ganze Landstriche terrorisiert, bleibt sekundär. Sein Recht auf die Rolle wird nicht hinterfragt und schon gar nicht in Zweifel gezogen. Dieser Despot wird eher seine kleine Welt in den Abgrund reissen als zulassen, dass seine Rolle unterminiert wird.
Die Verstandesseele ist eine weitere archaische Positionierung. Diese Struktur macht sich aus Vernunftgründen das untertan, was ihr zur Verfügung steht. Sie wird getrieben vom Machbaren. Andererseits braucht diese Struktur den Erfolg, den Fortschritt, die Überwindung als Lebenselixier. Sie lebt nicht fraglos aus sich selbst heraus, sondern lehnt sich stets an etwas an. Dass dabei ganze Lebensräume zerstört werden, interessiert die Anhänger des Machbaren nicht. Natürlich entspringen dieser seelischen Struktur auch andere Aspekte; sie fühlt sich auch in kulturellen Erzeugnissen, sie geht im Sprachklang auf und kann sich an der eigenen Intelligenz delektieren. Sie braucht etwas, an das sie anstösst; sie erlebt sich daran. Die von ihr verfolgte Struktur hat daher eine existentielle Dimension; sie ist getrieben von der Selbstverwirklichung. Unter diesen Maximen lauert ein unbestimmtes Grauen, ein Nichts, das nicht hinnehmbar ist.
Die Selbstbewusstseinsseele dagegen hat, nach all den Zweifeln, der Selbsthinterfragung, der Fragmentierung, der existentialistischen Krise, der Hinterfragung der sozialen, gesellschaftlichen und geschlechtlichen Rollen, das Zeug dazu, ohne an etwas anzulehnen, ohne Zweckdienlichkeit und Despotie, aus sich heraus zu bestehen. Denn der „Zeuge“ ist der Beginn geistiger Autonomie- eine Chance und Möglichkeit. Er kann aus der Rolle des Betrachters heraus treten und lebendig, flexibel und ohne Ängste vor Neuem, frei von Rollen und Definitionen sozial und gesellschaftlich gestalten. Er tut dies in Gelassenheit und mit Umsicht. Er kann die Intentionen Anderer wahrnehmen und berücksichtigen, denn sein Lebenselixier ist die empathische Grundhaltung. Daher ist die Zeit der Selbstbewusstseinsseele eine Zeit des Umbruchs. Alte Werte verdämmern und verschwinden- aber zugleich beginnt die Möglichkeit der Gestaltung aus innerer Verantwortung heraus.
Alle genannten Strukturen existieren nebeneinander im zeitgenössischen Individuum, in der globalisierten und medienorientierten Weltkultur zunehmend unabhängig von Status, Geschlecht und nationaler Zugehörigkeit. Zugleich entstehen dabei Ängste und Gegenbewegungen, die völlig archaische Strukturen wieder an die Oberfläche spülen. Die Despoten greifen weltweit wieder nach den Rudern- aber auch in uns selbst. Autonomie ist nichts Gegebenes, weder im individuellen noch im gesellschaftlichen Rahmen.
Sichtbarkeit vor dem Engel
16.Feb.2011 20:22 Uhr
Im Hintergrund singen „The Killers“ schmachtend von der Frage, ob wir eigentlich menschlich sind („Human“):
Are we human, or are we dancer
My sign is vital, my hands are cold
And I'm on my knees, looking for the answer
Are we human, or are we dancer
Ich glaube, dass wir diese Frage immer und unter allen Umständen bejahen würden, jedenfalls was uns selbst betrifft. Bei Anderen dagegen sind wir nicht immer so sicher. Allerdings folgen wir, wenn wir ehrlich sind, allerlei simplen Reflexen- nicht nur, wenn wir einfach gierig und unverschämt werden, sondern gerade dann, wenn wir uns als selbstlos empfinden. In vieler Hinsicht unterliegen wir einem Rechtfertigungs- Reflex. Was wir uns aneignen, darauf haben wir in unseren Augen ein Recht. Wenn uns aber etwas genommen oder verweigert wird, fühlen wir uns ungerecht behandelt. Sind diese ritualisierten emotionalen Reflexmuster (und viele andere ließen sich aufzählen), alles, wohin wir es gebracht haben? Sind sie in ihrer Summe das „Individuelle“, das „eigentlich“ Menschliche?
Ja und nein. Auf der Ebene der emotionalen Selbstbezüglichkeit, der individualisierten Reflexe, sind diese Muster – ebenso wie die beschönigenden Erklärungen – absolut allzu- menschlich. Die Freiheitsmomente beginnen dort, wo wir uns davon frei machen können. Es wäre niederschmetternd, wenn es zu dieser inneren Unabhängigkeit gar nicht mehr kommen könnte. Wer sich nur auf der Ebene seelischer Reflexe bewegt, kann auch Andere auch nur auf dieser absehbaren Ebene erkennen. Vielleicht spürt man noch Intentionen Anderer, aber nur im Rahmen des zu Erwartenden und stets nur in Bezug auf sich selbst: Was habe ich davon, was bringt mir das, wozu kann das nützlich sein. Mit der Reduzierung auf das Nützliche für mich wird der Andere in einen Rahmen gespannt, in dem er nicht mehr als Mensch sichtbar ist, wenn man unter „menschlich“ die Autonomie und innere Freiheit verstehen möchte.
„Menschlich“ im modernen spirituellen Sinne hieße die Intentionen des Anderen zu respektieren, anzunehmen, im Idealfall zu fördern. Wir wissen sehr gut, dass wir immer jemanden brauchen, der nicht unser So- Sein, nicht das Gewordene, sondern unser Potential sieht. Wer an uns glaubt, bringt das Beste in uns hervor – vielleicht sogar etwas in uns, an das wir nicht einmal selbst mehr geglaubt haben.
Nun geht es Leuten, die üben und praktizieren, nicht anders. Auch sie stecken tief in der Glocke ihrer Selbstbezüglichkeit. Sie wollen vielleicht ihre Reinheit, ihren Edelmut, ihre Kultiviertheit zelebrieren und beschäftigen sich mit Meditation. Sie erleben eine Steigerung ihrer Einmaligkeit, ihrer Selbstlosigkeit, ihrer Nähe zum Geist. Der Geist sollte ihnen das, finden sie, mit gleicher Münze zurück zahlen- etwa in Form imaginativer Bilder, Erleuchtungserlebnisse und Visionen. Schließlich investiert man Zeit und Mühe. Manchen gelingt es, eine Art Projektion ihrer Selbstgefühle zu erreichen; sie werden dann von genau der Erleuchtung geadelt, die sie erwartet haben. Strukturell- in der inneren Gefühligkeit, in der Fesselung an die emotionalen Reflexe- hat sich bei ihnen nichts verändert, außer dass das Problem nun potenziert erscheint.
Der „Geist“ hat bei ihnen gar keine Chance. Solange sie in ihrem Kokon verharren – egal wie aufgeblasen, edelmütig und "okkult" dieser erscheinen mag- sind solche Menschen vollständig unsichtbar. Es kommt nicht darauf an, was man sieht- es kommt darauf an, überhaupt sichtbar zu werden. Bis dahin schwebt der Engel einsam an ihnen vorbei- ihm sind die Augen verbunden.
Are we human, or are we dancer
My sign is vital, my hands are cold
And I'm on my knees, looking for the answer
Are we human, or are we dancer
Ich glaube, dass wir diese Frage immer und unter allen Umständen bejahen würden, jedenfalls was uns selbst betrifft. Bei Anderen dagegen sind wir nicht immer so sicher. Allerdings folgen wir, wenn wir ehrlich sind, allerlei simplen Reflexen- nicht nur, wenn wir einfach gierig und unverschämt werden, sondern gerade dann, wenn wir uns als selbstlos empfinden. In vieler Hinsicht unterliegen wir einem Rechtfertigungs- Reflex. Was wir uns aneignen, darauf haben wir in unseren Augen ein Recht. Wenn uns aber etwas genommen oder verweigert wird, fühlen wir uns ungerecht behandelt. Sind diese ritualisierten emotionalen Reflexmuster (und viele andere ließen sich aufzählen), alles, wohin wir es gebracht haben? Sind sie in ihrer Summe das „Individuelle“, das „eigentlich“ Menschliche?
Ja und nein. Auf der Ebene der emotionalen Selbstbezüglichkeit, der individualisierten Reflexe, sind diese Muster – ebenso wie die beschönigenden Erklärungen – absolut allzu- menschlich. Die Freiheitsmomente beginnen dort, wo wir uns davon frei machen können. Es wäre niederschmetternd, wenn es zu dieser inneren Unabhängigkeit gar nicht mehr kommen könnte. Wer sich nur auf der Ebene seelischer Reflexe bewegt, kann auch Andere auch nur auf dieser absehbaren Ebene erkennen. Vielleicht spürt man noch Intentionen Anderer, aber nur im Rahmen des zu Erwartenden und stets nur in Bezug auf sich selbst: Was habe ich davon, was bringt mir das, wozu kann das nützlich sein. Mit der Reduzierung auf das Nützliche für mich wird der Andere in einen Rahmen gespannt, in dem er nicht mehr als Mensch sichtbar ist, wenn man unter „menschlich“ die Autonomie und innere Freiheit verstehen möchte.
„Menschlich“ im modernen spirituellen Sinne hieße die Intentionen des Anderen zu respektieren, anzunehmen, im Idealfall zu fördern. Wir wissen sehr gut, dass wir immer jemanden brauchen, der nicht unser So- Sein, nicht das Gewordene, sondern unser Potential sieht. Wer an uns glaubt, bringt das Beste in uns hervor – vielleicht sogar etwas in uns, an das wir nicht einmal selbst mehr geglaubt haben.
Nun geht es Leuten, die üben und praktizieren, nicht anders. Auch sie stecken tief in der Glocke ihrer Selbstbezüglichkeit. Sie wollen vielleicht ihre Reinheit, ihren Edelmut, ihre Kultiviertheit zelebrieren und beschäftigen sich mit Meditation. Sie erleben eine Steigerung ihrer Einmaligkeit, ihrer Selbstlosigkeit, ihrer Nähe zum Geist. Der Geist sollte ihnen das, finden sie, mit gleicher Münze zurück zahlen- etwa in Form imaginativer Bilder, Erleuchtungserlebnisse und Visionen. Schließlich investiert man Zeit und Mühe. Manchen gelingt es, eine Art Projektion ihrer Selbstgefühle zu erreichen; sie werden dann von genau der Erleuchtung geadelt, die sie erwartet haben. Strukturell- in der inneren Gefühligkeit, in der Fesselung an die emotionalen Reflexe- hat sich bei ihnen nichts verändert, außer dass das Problem nun potenziert erscheint.
Der „Geist“ hat bei ihnen gar keine Chance. Solange sie in ihrem Kokon verharren – egal wie aufgeblasen, edelmütig und "okkult" dieser erscheinen mag- sind solche Menschen vollständig unsichtbar. Es kommt nicht darauf an, was man sieht- es kommt darauf an, überhaupt sichtbar zu werden. Bis dahin schwebt der Engel einsam an ihnen vorbei- ihm sind die Augen verbunden.
Michael Eggert: Ein Lob der Zeitverschwendung
18.Jan.2011 23:38 Uhr
In letzter Zeit habe ich mich gern auf den satanischen Facebook (auch satanisch!) -Seiten der Marx- Brothers der Anthroposophischen Bewegung (Felix, Ansgar, Christoph, Christian) herum getrieben und auch ungefragt Tipps zur anstehenden Publikation von deren Buch „Endstation Dornach“ gegeben; Motto: Wenn schon satanisch, dann richtig - denn zu revolutionären Inhalten gehört ein revolutionäres Layout. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch den Cartoon „Kamaloka“ hoch geladen und wurde darob von dritter Seite schwer gerügt. Denn erstens gehöre sich Sarkasmus nicht und zweitens sei das „Zeitverschwendung“. Ich antwortete, ich fände Zeitverschwendung geil, worauf sich der (offensichtlich anthroposophische) Kritiker mit verächtlichem Schulterzucken von mir abwandte.
Luxus und Zeitverschwendung- geht das nicht Hand in Hand? Der wahre Luxus ist natürlich ein meditatives Leben, ein kontemplativer Lebensstil. Man fällt dadurch nicht nur aus nahezu allen Ideologien der Gegenwart hinaus, die stets das Mehr und Besser propagieren. Man frönt eben auch dem Luxus Zeit schlechthin. Wie viele Menschen unter den Milliarden Erdbewohnern können sich einen solchen Luxus leisten, sind sie doch gebeutelt von prekären Geld- und Arbeitsverhältnissen? Diese Website heisst auch deshalb „Egoisten“, weil hier der Luxus der Zeitverschwendung propagiert wird- sofern man es sich leisten kann und will.
In die Fluten des reinen Denkens einzutauchen, ist ja immer auch eine Übung in Absichtslosigkeit. Zwar lässt man sich - hoch konzentriert- ganz und gar nicht treiben, taucht aber so tief, dass man in der Situation zwar jederzeit voll bewusst und wach ist. Aber im Strom der Absichtslosigkeit und reinen Gegenwärtigkeit zu stehen bedeutet auch, dass man sich auf einer Ebene bewegt, die dem Tiefschlaf ähnelt- man kann sich hinterher kaum an etwas Konkretes erinnern. Man fühlt sich zwar erfrischt, als hätte man einen Jungbrunnen aufgesucht, weiss aber nicht genau, was man da gemacht hat. Allerdings kommt man an den Rändern der meditativen Versenkung in einen Zwischenbereich, der dem Träumen ähnelt. Wie im Traum kommen auch die konkreten Alltagsprobleme auf einen zu. Man umkreist sie, schaut sie von allen Seiten an. Anders als im Traum ist man Herr des Geschehens- es entwickeln sich keine unwillkürlichen Bilderfolgen. Vielmehr wird einem in dieser imaginativen Situation klar, wie man dem Problem begegnen kann. Es ist ein Missverständnis, zu glauben, Imaginationen müssten bildhafter Natur im engeren Sinne sein. Die Konzentration der gedanklichen Lösungsansätze ist aber ganz anders; man hat Gedanken nicht nacheinander, sondern „in einem“, als wäre es ein Paket, das man erst später aufschnüren kann.
Hinterher, im diskursiven Alltagsbewusstsein, entfaltet man das „Paket“ in eine logische und zeitliche Folge. Oft sieht man, dass das, was eben noch so kompakt erschien, sich in eine Fülle von Ideen entblättert. In dieser Hinsicht ist Imagination ein Denken in dreidimensionaler Art und Weise, nicht in linearer. Am besten schreibt man das alles auf. Es erweist sich meist als relevant und fruchtbar.
Die „Zeitverschwendung“, die praktizierte Absichtslosigkeit kürzt in Wirklichkeit die Wege ab. Vielleicht wäre man auch anders auf die Lösungswege gekommen, aber es hätte viel Zeit gekostet. In der Zeitlosigkeit dagegen wachsen die Ideen wie eine Wiese voller Blumen. Man kommt mit einer leeren Vase zu Besuch, und kehrt mit einem überreichen Strauß zurück.
Luxus und Zeitverschwendung- geht das nicht Hand in Hand? Der wahre Luxus ist natürlich ein meditatives Leben, ein kontemplativer Lebensstil. Man fällt dadurch nicht nur aus nahezu allen Ideologien der Gegenwart hinaus, die stets das Mehr und Besser propagieren. Man frönt eben auch dem Luxus Zeit schlechthin. Wie viele Menschen unter den Milliarden Erdbewohnern können sich einen solchen Luxus leisten, sind sie doch gebeutelt von prekären Geld- und Arbeitsverhältnissen? Diese Website heisst auch deshalb „Egoisten“, weil hier der Luxus der Zeitverschwendung propagiert wird- sofern man es sich leisten kann und will.
In die Fluten des reinen Denkens einzutauchen, ist ja immer auch eine Übung in Absichtslosigkeit. Zwar lässt man sich - hoch konzentriert- ganz und gar nicht treiben, taucht aber so tief, dass man in der Situation zwar jederzeit voll bewusst und wach ist. Aber im Strom der Absichtslosigkeit und reinen Gegenwärtigkeit zu stehen bedeutet auch, dass man sich auf einer Ebene bewegt, die dem Tiefschlaf ähnelt- man kann sich hinterher kaum an etwas Konkretes erinnern. Man fühlt sich zwar erfrischt, als hätte man einen Jungbrunnen aufgesucht, weiss aber nicht genau, was man da gemacht hat. Allerdings kommt man an den Rändern der meditativen Versenkung in einen Zwischenbereich, der dem Träumen ähnelt. Wie im Traum kommen auch die konkreten Alltagsprobleme auf einen zu. Man umkreist sie, schaut sie von allen Seiten an. Anders als im Traum ist man Herr des Geschehens- es entwickeln sich keine unwillkürlichen Bilderfolgen. Vielmehr wird einem in dieser imaginativen Situation klar, wie man dem Problem begegnen kann. Es ist ein Missverständnis, zu glauben, Imaginationen müssten bildhafter Natur im engeren Sinne sein. Die Konzentration der gedanklichen Lösungsansätze ist aber ganz anders; man hat Gedanken nicht nacheinander, sondern „in einem“, als wäre es ein Paket, das man erst später aufschnüren kann.
Hinterher, im diskursiven Alltagsbewusstsein, entfaltet man das „Paket“ in eine logische und zeitliche Folge. Oft sieht man, dass das, was eben noch so kompakt erschien, sich in eine Fülle von Ideen entblättert. In dieser Hinsicht ist Imagination ein Denken in dreidimensionaler Art und Weise, nicht in linearer. Am besten schreibt man das alles auf. Es erweist sich meist als relevant und fruchtbar.
Die „Zeitverschwendung“, die praktizierte Absichtslosigkeit kürzt in Wirklichkeit die Wege ab. Vielleicht wäre man auch anders auf die Lösungswege gekommen, aber es hätte viel Zeit gekostet. In der Zeitlosigkeit dagegen wachsen die Ideen wie eine Wiese voller Blumen. Man kommt mit einer leeren Vase zu Besuch, und kehrt mit einem überreichen Strauß zurück.
Echsen
16.Jan.2011 23:15 Uhr
Am Ende lässt man es vielleicht nur deshalb sein, dieser Eine zu sein, zu dem man neigte, weil es so anstrengend ist. Es ist eine Mischung zwischen Schwäche und Begabung, dann treibt einen etwas, so wie bei dem, den ich jetzt meine- ein Genuss an sich, eine tiefe Selbstzufriedenheit, es so weit gebracht zu haben. Natürlich zieht man ab und zu Bilanz, und das sind selten die angenehmsten Momente.
Bei diesem, den ich meine, aber schon. Er war jetzt ein angesehner Heilpraktiker mit einem einzigen Präparat, das er erfolgreich gegen alles Mögliche einsetzte. Er half manchen gebeutelten Patienten wirklich und war beinahe überlaufen. Ich glaube, er war auch ein wenig überrascht über sich selbst. Gediegene Praxis in bester Villenlage, eine jüngere Frau, die eindeutige Signale sendete, sich zur örtlichen Schickeria hinzuzählen zu dürfen. Ich denke, früher, am Anfang, hat nicht einmal er selbst sich etwas zugetraut. Aber er wuchs quasi mit den Jahren und durch glückliche Fügung (Beziehungen, väterliches Erbe) in sein selbst zufriedenes Lächeln hinein, das irgendwann mal unangebracht war, jetzt aber in Ordnung. Er ließ es sich gut gehen und drehte immer geschickter an den Schrauben und Rädchen, die es brauchte, um so eine Position auszubauen. Er war immer auf dem Sprung. Er war nicht dumm.
Aber auch nicht ganz frei in seinem Blick auf die Klienten. Natürlich lag es in seinem Interesse, Anzeichen in Krankheitsbildern zu entdecken, die zum langfristigen Gebrauch seines Präparates geradezu verpflichteten. Er fand ununterbrochen dafür gute Gründe. Er war auch so teuer und ausgebucht, dass eine Verbesserung der Symptome der Klienten sich schon allein deshalb einstellte. Er war, mit einem Wort, sehr erfolgreich.
Wie kommt es, dass man manchmal mitten im Lauf, wenn sich Eins ans Andere reiht, dennoch und gegen jede Vernunft, die Lust verspürt, daraus auszubrechen? Es hängt so vieles daran, nicht nur die eigene Existenz, auch Ehe und Familie und der ganze soziale Kontext. Manchen greift es kalt ans Herz, wenn alles so läuft, wie es läuft. Man greift wenigstens zu Fantasien. Ein anderes Leben. Man romantisiert die Zeit, als die Bindungen noch nicht so zwingend waren, als die Wahl noch offen stand. Man ist nicht identisch mit dem, was man lebt. In sich bewegt man andere mögliche Existenzformen. Es ist nicht immer leicht, sich in das zu fügen, was man hat, und darin das zu entdecken, was sich entwickeln kann. Es ist schwierig, die Entdeckungslust lebendig zu halten, wenn man einmal eine Form gefunden hat.
Manche wirft es auch einfach aus der Bahn. Unversehens, und ohne bemerkbare Vorzeichen. Man war gewissermaßen geblendet von der scheinbaren Sicherheit des eingeschlagenen Weges. Es war nicht damit zu rechnen, und es war auch nicht besonders fair, dass etwas einem plötzlich einfach den Teppich unter den Füßen wegzog. Natürlich ist es blöd, zu hadern, aber es ist auch schwierig, es nicht zu tun. Auch das Hadern kann zu einer festen Persona werden, in die man erst hinein wächst, und die sich dann um einen verschliesst wie eine Dornenhecke aus dem Märchen. Am Ende sitzt man fest wie dieser, den ich vorhin meinte. Vielleicht nicht selbstzufrieden, sondern das Gegenteil davon. Vielleicht auch, heimlich, zufrieden in der Unzufriedenheit.
Es ist schwer, zwischen den Formen die innere Freiheit - wenigstens in Momenten - zu wahren und zu pflegen. Man wächst immer in die Formen hinein. Wir sind wie Echsen, denen stets ein Panzer wächst.
Bei diesem, den ich meine, aber schon. Er war jetzt ein angesehner Heilpraktiker mit einem einzigen Präparat, das er erfolgreich gegen alles Mögliche einsetzte. Er half manchen gebeutelten Patienten wirklich und war beinahe überlaufen. Ich glaube, er war auch ein wenig überrascht über sich selbst. Gediegene Praxis in bester Villenlage, eine jüngere Frau, die eindeutige Signale sendete, sich zur örtlichen Schickeria hinzuzählen zu dürfen. Ich denke, früher, am Anfang, hat nicht einmal er selbst sich etwas zugetraut. Aber er wuchs quasi mit den Jahren und durch glückliche Fügung (Beziehungen, väterliches Erbe) in sein selbst zufriedenes Lächeln hinein, das irgendwann mal unangebracht war, jetzt aber in Ordnung. Er ließ es sich gut gehen und drehte immer geschickter an den Schrauben und Rädchen, die es brauchte, um so eine Position auszubauen. Er war immer auf dem Sprung. Er war nicht dumm.
Aber auch nicht ganz frei in seinem Blick auf die Klienten. Natürlich lag es in seinem Interesse, Anzeichen in Krankheitsbildern zu entdecken, die zum langfristigen Gebrauch seines Präparates geradezu verpflichteten. Er fand ununterbrochen dafür gute Gründe. Er war auch so teuer und ausgebucht, dass eine Verbesserung der Symptome der Klienten sich schon allein deshalb einstellte. Er war, mit einem Wort, sehr erfolgreich.
Wie kommt es, dass man manchmal mitten im Lauf, wenn sich Eins ans Andere reiht, dennoch und gegen jede Vernunft, die Lust verspürt, daraus auszubrechen? Es hängt so vieles daran, nicht nur die eigene Existenz, auch Ehe und Familie und der ganze soziale Kontext. Manchen greift es kalt ans Herz, wenn alles so läuft, wie es läuft. Man greift wenigstens zu Fantasien. Ein anderes Leben. Man romantisiert die Zeit, als die Bindungen noch nicht so zwingend waren, als die Wahl noch offen stand. Man ist nicht identisch mit dem, was man lebt. In sich bewegt man andere mögliche Existenzformen. Es ist nicht immer leicht, sich in das zu fügen, was man hat, und darin das zu entdecken, was sich entwickeln kann. Es ist schwierig, die Entdeckungslust lebendig zu halten, wenn man einmal eine Form gefunden hat.
Manche wirft es auch einfach aus der Bahn. Unversehens, und ohne bemerkbare Vorzeichen. Man war gewissermaßen geblendet von der scheinbaren Sicherheit des eingeschlagenen Weges. Es war nicht damit zu rechnen, und es war auch nicht besonders fair, dass etwas einem plötzlich einfach den Teppich unter den Füßen wegzog. Natürlich ist es blöd, zu hadern, aber es ist auch schwierig, es nicht zu tun. Auch das Hadern kann zu einer festen Persona werden, in die man erst hinein wächst, und die sich dann um einen verschliesst wie eine Dornenhecke aus dem Märchen. Am Ende sitzt man fest wie dieser, den ich vorhin meinte. Vielleicht nicht selbstzufrieden, sondern das Gegenteil davon. Vielleicht auch, heimlich, zufrieden in der Unzufriedenheit.
Es ist schwer, zwischen den Formen die innere Freiheit - wenigstens in Momenten - zu wahren und zu pflegen. Man wächst immer in die Formen hinein. Wir sind wie Echsen, denen stets ein Panzer wächst.
Anthroposophische Fallgruben und Wege hinaus
06.Jan.2011 00:55 Uhr
Unter dem oben genannten Titel erscheint hier ein kleiner Band von mir als PDF- Download.
Es sind darin im Blog verstreute Besprechungen und Betrachtungen zum Thema Gegenwärtigkeit und meditative Erfahrung gesammelt. So etwas liest sich doch anders im Zusammenhang als in den portionierten Kurztexten im laufenden Blogbetrieb.
Es sind darin im Blog verstreute Besprechungen und Betrachtungen zum Thema Gegenwärtigkeit und meditative Erfahrung gesammelt. So etwas liest sich doch anders im Zusammenhang als in den portionierten Kurztexten im laufenden Blogbetrieb.
Verstandensein
06.Jan.2011 00:52 Uhr
Einstweilen verborgen hinter den Plagen der Existenz, die buddhistische Denker wie Thich Nhat Hanh so häufig ausmalen und die Christen manchmal als Sünden apostrophierten, spannt sich die Größte aller Begehrlichkeiten - verschwistert mit der Angst vor dem Tod -, die Sehnsucht, verstanden zu werden. Natur, Glauben, Erfolg können nichts daran ändern, dass das Verlangen danach, wirklich angeschaut zu sein, meist unerfüllt bleibt. Vielleicht dehnt sich die Liebe manchmal bis zu diesem Horizont aus, wenn wir Glück haben. Was wir meistens erreichen, sind, selbst im grössten Triumph, unzureichende und wenig nachhaltige Surrogate.
Unzureichend schon deshalb, weil es gar nicht gelingen kann. Denn sichtbar, erkennbar werden wir nur in geronnenen Abbildern unserer selbst. Die Aufmerksamkeit, in der wir ganz bei uns sind, verliert sich in den Inhalten des Gedachten und Erlebten, in dem stets schon Vergangenen, auch in dem zu Erwartenden. Wie kann jemand verstanden werden, der sich nur in Medien - indirekt- ausdrückt? Der im Moment nicht wahrnehmbar ist?
Zugleich bleibt unbemerkt, dass alle unsere Wünsche bereits erfüllt sind. Wir verstehen nämlich die Intentionen des Anderen sehr wohl- im Augenblick des Verstehens ist es kein Anderer mehr, denn wir erfühlen Person nur mit Person. Das Verstehen von Intentionen Anderer ist ein situatives Verschmelzen, eine geistige Symbiose. Bemerkt wird aber nicht das, sondern nachrangig aufwallende Emotionen zwischen Sympathie und Antipathie und der Abgleich mit unserem persönlichen Erfahrungskontext.
Wer diese Symbiose nicht beherrscht, gleitet orientierungslos durchs Leben. Unsere Mitmenschen zu verstehen und ihre Intentionen einzuschätzen und darauf zu reagieren, ist eine Grundkompetenz. Wer in dieser Hinsicht begabt ist, kann heiter und gelassen durchs Leben gehen. Vor allem wird der, der sich auf das Verstehen versteht, keinen Mangel an Verstandensein empfinden.
Der Brunnen des lebendigen Wassers
06.Jan.2011 00:50 Uhr
In der meditativen Praxis sieht man zahlreiche individuelle Bemühungen, sofern man mit Praktizierenden darüber in ein Gespräch und in einen tatsächlichen Austausch gelangen kann. Letzteres ist schon deshalb nur selten der Fall, weil tatsächlich praktisch Tätige selten darüber sprechen- oft in der irrigen Annahme, durch das Sprechen darüber ginge etwas verloren. Hauptproblem bleibt aber, dass Kompetenz im meditativen Leben noch keine Fähigkeiten zum sprachlichen Ausdruck mit sich bringt- das Wortlose zur Sprache zu bringen, kann nur im Nachhinein gelingen und wirkt sehr leicht formelhaft und blutleer, da man ansonsten sprachschöpferisch tätig werden müsste. Lehnt man sich an die Wortgebilde Anderer an, gerät man leicht in ein Dozieren aus der Systematik eines Anderen und verfehlt das eigene Erleben. Ein Austausch ist dann kaum möglich.
Ein weiteres Problem entsteht dadurch, dass viele Praktizierende so in Anspruch genommen werden von den Inhalten des Erlebten – etwa schwer ausdrückbare Empfindungen oder eine Bilderflut-, dass sie kaum in der Lage sind, ihre eigenen methodischen Schritte zu reflektieren. Im Sinne der Übung wäre es sicherlich produktiv, auch den eigenen, mühsam gefundenen Zugang in seiner Methodik zu betrachten. Häufig wird dieser Zugang aber nicht infrage gestellt, sondern verabsolutiert- es ist ein sakrosankter Bereich, der zum Intimsten des eigenen Inneren gezählt wird. So etwas diskutiert man nicht.
Oder eben doch. Denn im 21. Jahrhundert schießen spirituelle Strömungen an allen möglichen Orten aus dem Boden. Es ist schon günstig, auch darauf ein gewisses Maß von Aufmerksamkeit richten zu können, um einen gewissen Grad von Beurteilungsbefähigung zu entwickeln. Häufig sieht man durchaus Parallelen und entwickelt Verständnis für eine Methodik oder auch für eine gewisse manipulative Technik. Man kann nur einschätzen, was man aus eigener Anschauung und Praxis kennt. Häufig bemerkt man dann ernüchtert, dass die mit Emphase vorgebrachte neue Erkenntnismethodik lediglich einen ausgebauten Nebenweg darstellt- im Grunde ein irrelevanter Trampelpfad, der lediglich mit Irrlichtern beleuchtet zum Königsweg erklärt wurde. In der Öffentlichkeit stark beachtete und beworbene Erleuchtungspfade führen nicht selten in sumpfiges Gelände, in ein Niemandsland.
Seriöse Praxis – so weit lässt sich eine Richtschnur formulieren- ist sich ihrer eigenen Methoden bewusst, kann sie abwägen und reflektieren. Die „Wissenschaftlichkeit“ von Anthroposophie besteht vor allem in genau dieser Haltung. Die moderne geistige Entwicklung verlangt nach Transparenz und Nachvollziehbarkeit, sonst ist es keine. Wir werden nun einmal von und an unserem Zeitgeist gemessen.
Worum es nun geht? In einem Mitgliederbrief 1925 formulierte Rudolf Steiner: „Der Mensch denkt in denselben Kräften, durch die er wächst und lebt. Nur müssen diese Kräfte, damit der Mensch zum Denker wird, ersterben.“ Das ist der natürliche Weg. Es werden leibgebundene Kräfte frei, um geistige Fähigkeit werden zu können- in der Kindheit und auch – wenn auch nicht immer bemerkt- im fortschreitenden Alter. Wolf-Ulrich Klünker („Anthroposophie als Ich- Berührung“, S. 83) akzentuiert diese Aussage anders: „Der Mensch wächst und lebt in denselben Kräften, durch die er denkt. Nur müssen diese Kräfte aus dem toten Denken wieder erstehen- damit eine gesunde leibliche und seelische Existenz möglich wird.“
Ich möchte diese Aussage noch fortführen: In den frei gewordenen, ehemals leibgebundenen Lebenskräften richten wir uns meditativ ein. Unser Denken ersteht neu als reine Gegenwärtigkeit- als lebendige Kraft. Wir wissen, dass die Tatsache, dass wir voll und ganz als Mensch in diesen Kräften bewusst sein können, darauf beruht, dass diese lebendigen Kräfte durchlichtet sind- denn in ihnen lebt die Auferstehungskraft, die in diesem Sinne heute universell und individuell zugleich auftritt. In früheren Kulturen konnte man diese Kraft bewusstseinmäßig noch nicht fassen und ertragen und fiel in eine Art geistige Ohnmacht. Heute ist diese, vom Logos durchlichtete Lebensenergie Allgemeingut.
Dieser meditativen Erfahrung gehen bestimmte Lernphasen voran- eine Zeit der Sammlung und Fokussierung, aber auch eine Phase der Gestaltung. Erstere hat Übungscharakter, letztere ist eine Art Vertiefung und Ausgestaltung. Um im Bild zu sprechen, weben wir eine Art Kleid, eine mystische Leiblichkeit. Es ist dies das biblische *Hochzeitskleid*. Anthroposophisch gesprochen arbeiten wir – oder besser es arbeitet an uns- die Wesensglieder um, befrieden und sortieren uns, bis Augenblicke vollkommener Hingabe und tiefer Versenkung möglich sind. Dazu bedarf es eines Einklangs aller inneren Impulse.
Wenn es gelingt, erleben wir das Denken im status nascendi- als reine Anfänglichkeit, als bewegliche, wache Energie, als sonnenhafte, aus dem tiefsten Inneren entspringende Quelle.
Die Quelle, die aus sich selbst gespeist wird, die reiner Anfang ist, die nicht versiegt: Das ist der Beginn moderner Einweihung. Es gibt dafür keine Voraussetzungen, keine Tradition, keine Hierarchie. Siehe, ich mache alles neu: „Und der auf dem Stuhl saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht zu mir: Schreibe; denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will den Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offenbarung 21)
_______
Alle Links und Diskussion beim neuen Egoistenblog
Ein weiteres Problem entsteht dadurch, dass viele Praktizierende so in Anspruch genommen werden von den Inhalten des Erlebten – etwa schwer ausdrückbare Empfindungen oder eine Bilderflut-, dass sie kaum in der Lage sind, ihre eigenen methodischen Schritte zu reflektieren. Im Sinne der Übung wäre es sicherlich produktiv, auch den eigenen, mühsam gefundenen Zugang in seiner Methodik zu betrachten. Häufig wird dieser Zugang aber nicht infrage gestellt, sondern verabsolutiert- es ist ein sakrosankter Bereich, der zum Intimsten des eigenen Inneren gezählt wird. So etwas diskutiert man nicht.
Oder eben doch. Denn im 21. Jahrhundert schießen spirituelle Strömungen an allen möglichen Orten aus dem Boden. Es ist schon günstig, auch darauf ein gewisses Maß von Aufmerksamkeit richten zu können, um einen gewissen Grad von Beurteilungsbefähigung zu entwickeln. Häufig sieht man durchaus Parallelen und entwickelt Verständnis für eine Methodik oder auch für eine gewisse manipulative Technik. Man kann nur einschätzen, was man aus eigener Anschauung und Praxis kennt. Häufig bemerkt man dann ernüchtert, dass die mit Emphase vorgebrachte neue Erkenntnismethodik lediglich einen ausgebauten Nebenweg darstellt- im Grunde ein irrelevanter Trampelpfad, der lediglich mit Irrlichtern beleuchtet zum Königsweg erklärt wurde. In der Öffentlichkeit stark beachtete und beworbene Erleuchtungspfade führen nicht selten in sumpfiges Gelände, in ein Niemandsland.
Seriöse Praxis – so weit lässt sich eine Richtschnur formulieren- ist sich ihrer eigenen Methoden bewusst, kann sie abwägen und reflektieren. Die „Wissenschaftlichkeit“ von Anthroposophie besteht vor allem in genau dieser Haltung. Die moderne geistige Entwicklung verlangt nach Transparenz und Nachvollziehbarkeit, sonst ist es keine. Wir werden nun einmal von und an unserem Zeitgeist gemessen.
Worum es nun geht? In einem Mitgliederbrief 1925 formulierte Rudolf Steiner: „Der Mensch denkt in denselben Kräften, durch die er wächst und lebt. Nur müssen diese Kräfte, damit der Mensch zum Denker wird, ersterben.“ Das ist der natürliche Weg. Es werden leibgebundene Kräfte frei, um geistige Fähigkeit werden zu können- in der Kindheit und auch – wenn auch nicht immer bemerkt- im fortschreitenden Alter. Wolf-Ulrich Klünker („Anthroposophie als Ich- Berührung“, S. 83) akzentuiert diese Aussage anders: „Der Mensch wächst und lebt in denselben Kräften, durch die er denkt. Nur müssen diese Kräfte aus dem toten Denken wieder erstehen- damit eine gesunde leibliche und seelische Existenz möglich wird.“
Ich möchte diese Aussage noch fortführen: In den frei gewordenen, ehemals leibgebundenen Lebenskräften richten wir uns meditativ ein. Unser Denken ersteht neu als reine Gegenwärtigkeit- als lebendige Kraft. Wir wissen, dass die Tatsache, dass wir voll und ganz als Mensch in diesen Kräften bewusst sein können, darauf beruht, dass diese lebendigen Kräfte durchlichtet sind- denn in ihnen lebt die Auferstehungskraft, die in diesem Sinne heute universell und individuell zugleich auftritt. In früheren Kulturen konnte man diese Kraft bewusstseinmäßig noch nicht fassen und ertragen und fiel in eine Art geistige Ohnmacht. Heute ist diese, vom Logos durchlichtete Lebensenergie Allgemeingut.
Dieser meditativen Erfahrung gehen bestimmte Lernphasen voran- eine Zeit der Sammlung und Fokussierung, aber auch eine Phase der Gestaltung. Erstere hat Übungscharakter, letztere ist eine Art Vertiefung und Ausgestaltung. Um im Bild zu sprechen, weben wir eine Art Kleid, eine mystische Leiblichkeit. Es ist dies das biblische *Hochzeitskleid*. Anthroposophisch gesprochen arbeiten wir – oder besser es arbeitet an uns- die Wesensglieder um, befrieden und sortieren uns, bis Augenblicke vollkommener Hingabe und tiefer Versenkung möglich sind. Dazu bedarf es eines Einklangs aller inneren Impulse.
Wenn es gelingt, erleben wir das Denken im status nascendi- als reine Anfänglichkeit, als bewegliche, wache Energie, als sonnenhafte, aus dem tiefsten Inneren entspringende Quelle.
Die Quelle, die aus sich selbst gespeist wird, die reiner Anfang ist, die nicht versiegt: Das ist der Beginn moderner Einweihung. Es gibt dafür keine Voraussetzungen, keine Tradition, keine Hierarchie. Siehe, ich mache alles neu: „Und der auf dem Stuhl saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht zu mir: Schreibe; denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will den Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst.“ (Offenbarung 21)
_______
Alle Links und Diskussion beim neuen Egoistenblog
Der günstige Wind
02.Dez.2010 18:16 Uhr
„Worte schützen das Denken vor dem Verfliessen“, schreibt Georg Kühlewind („Gesunden im Licht“, S. 88), Worte konstituieren aber auch die Persönlichkeit, da immer noch gilt, dass die Worte, die wir über ein Thema bilden, dieses erst zu unserem Eigentum machen. Man merkt das natürlich, wenn man jungen Schülern das sachliche Verfassen von Aufsätzen zum Thema Naturkunde nahebringt. Funktionieren kann das am Anfang nur, wenn man die zu behandelnde Thematik begeisternd und mit nachvollziehbaren Bezügen aufzieht. In der dritten Klasse verhandelt man noch die Anzahl der Sätze. In der vierten kommt es darauf nicht mehr an. Zu Recht haben die Schüler das Gefühl, dass sie sich eine Thematik aneignen, wenn sie treffende Sätze mit eigenen Formulierungen dazu finden. Wenn es klappt, ist es eine begeisternde Entdeckung: „Wenn ich schreibe“, sagte mir eine Schülerin emphatisch, „dann sehe ich, was ich schaffe. Das macht mich glücklich.“ Das optimistische Selbstgefühl, sich die Welt sprachlich zu eigen machen zu können, ist in der Tat eine Kernkompetenz- vor allem, wenn es auch noch gelingt, dies sprachlich treffend in Vorträge umsetzen zu können. Ich als Lehrer fühle mich vor allem dann beschwingt, wenn dieser Funke bei Migranten überspringt. Es macht dann auch nichts, wenn es an der einen oder anderen Stelle grammatisch noch hakt.
Es ist ein weiter Weg bis dahin, wenn man auf das Kleinkind schaut, das sich in einen Sprachkörper integriert- keinesfalls nur nachahmend. Denn mit den Begriffen für die Objekte der Wahrnehmung erwirbt das kleine Kind die grundlegende, nicht nur an den wahrnehmbaren Phänomenen klebende Bedeutung eines Objekts. Sonst könnte es diesen Begriff nicht auf zahllose mögliche sinnliche Varianten übertragen. Auch ein Baumstamm kann ein „Stuhl“ sein. Das Kind erlebt noch die grundlegende Sprachintention mit- etwas, was dem Erwachsenen gar nicht mehr bewusst ist, da er die Phänomene gern mit einer einzigen bequemen Vorstellung, einem Bild, verknüpft. Beim Erwachsenen gerinnen die Phänomene zu einem bildhaften Symbol. Noch schwerer sind Beziehungen zu erfassen, die sich nicht an konkreten Sachverhalten festmachen, sondern variable und relative Bedeutungen haben wie „nach“, „neben“, „dahinter“ und „und“. „Und“ kann Dinge verknüpfen oder gegeneinander stellen, sie aufreihen oder trennen. Solche Begriffe sind vom Kontext abhängig, man kann sie daher nicht erklären- die möglichen Varianten denkbarer Verknüpfungen sind endlos. Was uns solche Schwierigkeiten zu erklären bereiten kann, beherrscht ein Fünfjähriger ganz selbstverständlich, eigenständig und häufig sogar sprachschöpferisch.
Im Idealfall finden wir nicht nur zur Sprache und durch die Sprache zur Innensicht der Wirklichkeit, sondern in ihr auch uns selbst. Ich bin heute über eine Formulierung in einer Buchkritik von Daniel Haas („Auf der Fährte des Helden, FAZ, 27.11.2010, Seite L 3) gestolpert. Darin ist davon die Rede, dass die Protagonistin in einem stummen Partner „jenen Mann erkennen“ wird, „der ihre Sprache spricht, jenes besondere Idiom, das sich aus den feinsten Partikeln unseres Innersten bildet und das sich im entscheidenden Moment lautlos ausdrückt.“ Es ist nun einmal so, dass wir selten die gleiche Sprache sprechen, zumindest wenn es um das Lautlose geht. In manchen Beziehungen braucht es endlose Anläufe, um zu einer grundlegenden Verständigung zu kommen. Und manchmal - selten- geschieht es uns, dass es fast ohne Laut zwischen zwei Menschen funktioniert. Es bedarf keiner umständlichen Erklärungen. Das Glück, im gleichen Duktus zu schwingen, muss keine romantische Gelegenheit sein; man erlebt es auch in nüchternen Arbeitsbeziehungen, über alle äußeren Grenzen und Beschränkungen hinweg. Man sollte immer etwas daraus machen, so wie Segler den günstigen Wind nutzen.
Es ist ein weiter Weg bis dahin, wenn man auf das Kleinkind schaut, das sich in einen Sprachkörper integriert- keinesfalls nur nachahmend. Denn mit den Begriffen für die Objekte der Wahrnehmung erwirbt das kleine Kind die grundlegende, nicht nur an den wahrnehmbaren Phänomenen klebende Bedeutung eines Objekts. Sonst könnte es diesen Begriff nicht auf zahllose mögliche sinnliche Varianten übertragen. Auch ein Baumstamm kann ein „Stuhl“ sein. Das Kind erlebt noch die grundlegende Sprachintention mit- etwas, was dem Erwachsenen gar nicht mehr bewusst ist, da er die Phänomene gern mit einer einzigen bequemen Vorstellung, einem Bild, verknüpft. Beim Erwachsenen gerinnen die Phänomene zu einem bildhaften Symbol. Noch schwerer sind Beziehungen zu erfassen, die sich nicht an konkreten Sachverhalten festmachen, sondern variable und relative Bedeutungen haben wie „nach“, „neben“, „dahinter“ und „und“. „Und“ kann Dinge verknüpfen oder gegeneinander stellen, sie aufreihen oder trennen. Solche Begriffe sind vom Kontext abhängig, man kann sie daher nicht erklären- die möglichen Varianten denkbarer Verknüpfungen sind endlos. Was uns solche Schwierigkeiten zu erklären bereiten kann, beherrscht ein Fünfjähriger ganz selbstverständlich, eigenständig und häufig sogar sprachschöpferisch.
Im Idealfall finden wir nicht nur zur Sprache und durch die Sprache zur Innensicht der Wirklichkeit, sondern in ihr auch uns selbst. Ich bin heute über eine Formulierung in einer Buchkritik von Daniel Haas („Auf der Fährte des Helden, FAZ, 27.11.2010, Seite L 3) gestolpert. Darin ist davon die Rede, dass die Protagonistin in einem stummen Partner „jenen Mann erkennen“ wird, „der ihre Sprache spricht, jenes besondere Idiom, das sich aus den feinsten Partikeln unseres Innersten bildet und das sich im entscheidenden Moment lautlos ausdrückt.“ Es ist nun einmal so, dass wir selten die gleiche Sprache sprechen, zumindest wenn es um das Lautlose geht. In manchen Beziehungen braucht es endlose Anläufe, um zu einer grundlegenden Verständigung zu kommen. Und manchmal - selten- geschieht es uns, dass es fast ohne Laut zwischen zwei Menschen funktioniert. Es bedarf keiner umständlichen Erklärungen. Das Glück, im gleichen Duktus zu schwingen, muss keine romantische Gelegenheit sein; man erlebt es auch in nüchternen Arbeitsbeziehungen, über alle äußeren Grenzen und Beschränkungen hinweg. Man sollte immer etwas daraus machen, so wie Segler den günstigen Wind nutzen.
"Befreundet mit der Wirklichkeit"
19.Nov.2010 21:13 Uhr
Es ist eine zu simple Vorstellung, zu denken, *irgendwann* sei es Zeit, das individuelle spirituelle Üben *anwenden* zu wollen- es also in der *Wirklichkeit* zu erproben. Denn wir sind ja nicht nur innig verwoben mit dem, was uns umgibt, sondern ein untrennbarer Teil, ja zum Teil ein Produkt eben dieser *Umgebung*. Immer und überall stossen wir an Partnerschaften, Freundschaften, berufliche Felder, Pflichten und Vergnügungen an. Dies allerdings meist nicht nur und nicht durchgängig in harmonischer Art und Weise. Auch im Widerstand, im inszenierten Konflikt konstituieren wir uns an dieser Umgebung. Das Selbstgefühl intensiviert sich in schmerzhaften Prozessen, in die wir verwickelt sind. Meist fühlen wir uns dabei als Opfer, als Jemand, dem etwas zugemutet wird. Die Attitüde der Empörung - „Was hat man mir angetan!“- ist ein starkes Ich- Gefühl, viel stärker als harmonisches Einvernehmen.
Die Sicht auf die Umgebung, der Blickwinkel, mit dem wir die uns umgebende Wirklichkeit betrachten, ist in wesentlichen Aspekten ein Teil unseres Ego- Konstrukts. Die gestaltende, häufig aggressive, manchmal sogar selbstzerstörerische Energie, mit der wir dieses Konstrukt der Umgebung überstülpen, bleibt aber im Wesentlichen außerhalb unserer Wahrnehmung. Unsere Neurosen determinieren nicht nur uns selbst, sondern auch die uns nahe Stehenden. Wir stehen überall und in alle Richtungen in systemischen Prozessen, deren Wirkungsmechanismen wir so lange nicht kennen, solange wir restlos darin verwickelt sind.
Der (nicht nur anthroposophische) Schulungsweg ist daher nie nur privat. Er ist eine hygienische Maßnahme, um unsere kommunikativen Sackgassen, in die wir uns wieder und wieder verheddern, zu durchschauen. Möglich wird das dadurch, dass die regelmäßige Auszeit aus unseren assoziativen Denkmustern, in die wir in einem inneren Monolog verwickelt sind, in der konzentrierten meditativen Arbeit einen Freiraum schafft. In dem Maß, in dem es möglich wird, in die Formlosigkeit einzutauchen, werden unsere Geformtheiten, unsere Deformationen erst sichtbar. Voraussetzung dafür ist, dass es sich tatsächlich um einen transparenten Prozess handelt, um einen Freiraum. Man kann zweifellos auch allerlei Erfahrungen machen, in denen wir unsere Reaktionsmuster transzendieren und auf illusionäre Weise so vor uns selbst sanktionieren. Eine Erleuchtung, die nichts erhellt, macht noch keinen Frühling. Wenn wir uns mit einer Wolke von Weihrauch umnebeln, sehen wir keinesfalls klarer.
An diesem Punkt möchte ich wieder Wolf- Ulrich Klünker zitieren („Anthroposophie als Ich- Berührung“), der auf dieses Problem ebenfalls eingeht: „Mit anderen Worten: Wenn ich anthroposophisch arbeite, stehe ich anders in der Welt,. und zwar in einem umfassenden Sinne. Die Frage nach einer mehr äußeren „Anwendung“ der Anthroposophie stellt sich dann in neuer Weise. Im Allgemeinen ist zunächst klar, dass der Mensch, der sich selbst durch Anthroposophie verändert, der bis in seine elementaren Leibprozesse hinein eine neue Beziehung zur Welt findet, auf berufliche und andere Anforderungen allmählich sich verändernd reagiert. Es entsteht eine neue Beziehung zu den Dingen und damit eine neue Sachgemäßheit. Diese ist naturgemäß nicht immer in anthroposophischen Begriffen allein zu fassen, sondern bemisst sich an dem jeweiligen Aufgabenbereich. Dann ist es auch nicht wichtig, genau zu wissen, was „anthroposophisch“ daran ist; als „anthroposophisch“ kann dann gelten, dass ein Mensch, der anthroposophisch arbeitet, allmählich immer mehr befreundet mit der Wirklichkeit werden kann.“ (S. 35)
Die Sicht auf die Umgebung, der Blickwinkel, mit dem wir die uns umgebende Wirklichkeit betrachten, ist in wesentlichen Aspekten ein Teil unseres Ego- Konstrukts. Die gestaltende, häufig aggressive, manchmal sogar selbstzerstörerische Energie, mit der wir dieses Konstrukt der Umgebung überstülpen, bleibt aber im Wesentlichen außerhalb unserer Wahrnehmung. Unsere Neurosen determinieren nicht nur uns selbst, sondern auch die uns nahe Stehenden. Wir stehen überall und in alle Richtungen in systemischen Prozessen, deren Wirkungsmechanismen wir so lange nicht kennen, solange wir restlos darin verwickelt sind.
Der (nicht nur anthroposophische) Schulungsweg ist daher nie nur privat. Er ist eine hygienische Maßnahme, um unsere kommunikativen Sackgassen, in die wir uns wieder und wieder verheddern, zu durchschauen. Möglich wird das dadurch, dass die regelmäßige Auszeit aus unseren assoziativen Denkmustern, in die wir in einem inneren Monolog verwickelt sind, in der konzentrierten meditativen Arbeit einen Freiraum schafft. In dem Maß, in dem es möglich wird, in die Formlosigkeit einzutauchen, werden unsere Geformtheiten, unsere Deformationen erst sichtbar. Voraussetzung dafür ist, dass es sich tatsächlich um einen transparenten Prozess handelt, um einen Freiraum. Man kann zweifellos auch allerlei Erfahrungen machen, in denen wir unsere Reaktionsmuster transzendieren und auf illusionäre Weise so vor uns selbst sanktionieren. Eine Erleuchtung, die nichts erhellt, macht noch keinen Frühling. Wenn wir uns mit einer Wolke von Weihrauch umnebeln, sehen wir keinesfalls klarer.
An diesem Punkt möchte ich wieder Wolf- Ulrich Klünker zitieren („Anthroposophie als Ich- Berührung“), der auf dieses Problem ebenfalls eingeht: „Mit anderen Worten: Wenn ich anthroposophisch arbeite, stehe ich anders in der Welt,. und zwar in einem umfassenden Sinne. Die Frage nach einer mehr äußeren „Anwendung“ der Anthroposophie stellt sich dann in neuer Weise. Im Allgemeinen ist zunächst klar, dass der Mensch, der sich selbst durch Anthroposophie verändert, der bis in seine elementaren Leibprozesse hinein eine neue Beziehung zur Welt findet, auf berufliche und andere Anforderungen allmählich sich verändernd reagiert. Es entsteht eine neue Beziehung zu den Dingen und damit eine neue Sachgemäßheit. Diese ist naturgemäß nicht immer in anthroposophischen Begriffen allein zu fassen, sondern bemisst sich an dem jeweiligen Aufgabenbereich. Dann ist es auch nicht wichtig, genau zu wissen, was „anthroposophisch“ daran ist; als „anthroposophisch“ kann dann gelten, dass ein Mensch, der anthroposophisch arbeitet, allmählich immer mehr befreundet mit der Wirklichkeit werden kann.“ (S. 35)
Authentizität
17.Nov.2010 19:23 Uhr
„Authentisch sein“ ist, glaube ich, eines der Schlagworte, aber auch der Leitlinien meiner Generation. Es hat mich auch in Bezug auf die Anthroposophie geprägt. Ich konnte schon in jungen Jahren keine Vorträge ertragen, bei denen ich das Gefühl hatte, Inhalt und gelebtes Leben der vortragenden Person passten nicht zusammen. Das ist in erster Linie eine Frage danach, ob Ansprüche, die formuliert werden, auch eingelöst werden können. Ansonsten wäre das Vorgetragene nichts als Information- etwas, was man überall und jederzeit - auch digital- abrufen kann. Ich wollte keinen Automaten, der irgend welche Inhalte abspult, ich wollte die Kongruenz von Person und Gesagtem.
Dass die Sache insofern kompliziert wurde, als dass dieser Anspruch auf Authentizität etwas ist, was man leicht einfordern, aber selbst schwer verwirklichen kann, habe ich erst mit den Jahren bemerkt; die eigenen Widersprüchlichkeiten, hohlen Formeln und wiedergekäuten Worte bleiben zunächst unbemerkt. Bestimmte Seelengebilde, Strukturen, Reflexe und Gefühligkeiten tatsächlich wenn nicht zu beherrschen, so doch wenigstens zu bemerken, ist und bleibt die Nagelprobe, an der man leicht und ausgiebig scheitern kann. Es ist nun einmal schwer, sich zu ändern.
Wenn man eine solche Kongruenz von Wort und Sein fordert, bleibt nicht zuletzt die Frage, worin genau diese Übereinstimmung bestehen soll. Natürlich sondert man die Wortdrechsler, die in ihren Worten Posierenden schnell heraus. Ihre Anzahl ist gross, die Eitelkeiten und Beschränktheiten ebenfalls. Die Zeiten der grossen Persönlichkeiten von ungewöhnlicher Reife scheinen vorbei. Es hat sich aber auch erwiesen, dass gerade besonders authentisch wirkende Persönlichkeiten - nehmen wir einmal die Person Friedrich Benesch als Prototyp- nicht selten ganz besonders enttäuschen. Die wirklich starken Typen erweisen sich oft genug als die gerissensten. Gerade das scheinbar Authentische verhüllt nicht selten einen Abgrund.
So formuliert auch Wolf- Ulrich Klünker in „Anthroposophie als Ich- Berührung“ vorsichtig: „In der Gegenwart zeigt sich ein gewisser Sog der Realität. Es wird immer weniger nach Erkenntnis, Deutung, Selbstverständnis gefragt, sondern nach dem Sein. Viele Menschen erleben sich sensibilisiert, beim Anderen und in der Welt Sein und Schein der Empfindung nach unterscheiden zu können.“ (S. 30) „Jede „Wahrheit“ soll so nur gelten, wenn sie auch Wirklichkeit ist.“ (S. 30)
Klünker geht nicht so sehr auf die mögliche (Ent-) Täuschung ein, sondern auf die mögliche Verflachung der eigenen Ansprüche, wenn man nur das gelten lassen möchte, was gelebt werden kann. Die Blickwendung auf sich selbst kann ein Heilmittel sein, nämlich zu überprüfen, „inwieweit die eigene geistige Tätigkeit schicksalsbestimmende Kraft geworden ist.“ Hier, im Schulungsweg, in der Frage nach der eigenen Verwirklichung, hat die Frage nach Authentizität einen legitimen und notwendigen Platz. Bin ich real?
Der Konstruktivist Thomas de Zengotita geht noch einen Schritt weiter. Er meint, die Forderung nach „Authentizität“ sei eine Sache, die längst vorbei ist; ein Anspruch, den sein Grossvater vertreten habe. Die Persönlichkeit aus einem Guss und auf Dauer gibt es so nicht mehr. Es ist nicht mehr etwas, was man einfach „ist“- es ist etwas, was Tag für Tag neu erworben werden muss. Integrität und Ehrlichkeit sind keine Charaktereigenschaften- sie sind etwas, was man immer wieder neu beweisen muss.
Dass die Sache insofern kompliziert wurde, als dass dieser Anspruch auf Authentizität etwas ist, was man leicht einfordern, aber selbst schwer verwirklichen kann, habe ich erst mit den Jahren bemerkt; die eigenen Widersprüchlichkeiten, hohlen Formeln und wiedergekäuten Worte bleiben zunächst unbemerkt. Bestimmte Seelengebilde, Strukturen, Reflexe und Gefühligkeiten tatsächlich wenn nicht zu beherrschen, so doch wenigstens zu bemerken, ist und bleibt die Nagelprobe, an der man leicht und ausgiebig scheitern kann. Es ist nun einmal schwer, sich zu ändern.
Wenn man eine solche Kongruenz von Wort und Sein fordert, bleibt nicht zuletzt die Frage, worin genau diese Übereinstimmung bestehen soll. Natürlich sondert man die Wortdrechsler, die in ihren Worten Posierenden schnell heraus. Ihre Anzahl ist gross, die Eitelkeiten und Beschränktheiten ebenfalls. Die Zeiten der grossen Persönlichkeiten von ungewöhnlicher Reife scheinen vorbei. Es hat sich aber auch erwiesen, dass gerade besonders authentisch wirkende Persönlichkeiten - nehmen wir einmal die Person Friedrich Benesch als Prototyp- nicht selten ganz besonders enttäuschen. Die wirklich starken Typen erweisen sich oft genug als die gerissensten. Gerade das scheinbar Authentische verhüllt nicht selten einen Abgrund.
So formuliert auch Wolf- Ulrich Klünker in „Anthroposophie als Ich- Berührung“ vorsichtig: „In der Gegenwart zeigt sich ein gewisser Sog der Realität. Es wird immer weniger nach Erkenntnis, Deutung, Selbstverständnis gefragt, sondern nach dem Sein. Viele Menschen erleben sich sensibilisiert, beim Anderen und in der Welt Sein und Schein der Empfindung nach unterscheiden zu können.“ (S. 30) „Jede „Wahrheit“ soll so nur gelten, wenn sie auch Wirklichkeit ist.“ (S. 30)
Klünker geht nicht so sehr auf die mögliche (Ent-) Täuschung ein, sondern auf die mögliche Verflachung der eigenen Ansprüche, wenn man nur das gelten lassen möchte, was gelebt werden kann. Die Blickwendung auf sich selbst kann ein Heilmittel sein, nämlich zu überprüfen, „inwieweit die eigene geistige Tätigkeit schicksalsbestimmende Kraft geworden ist.“ Hier, im Schulungsweg, in der Frage nach der eigenen Verwirklichung, hat die Frage nach Authentizität einen legitimen und notwendigen Platz. Bin ich real?
Der Konstruktivist Thomas de Zengotita geht noch einen Schritt weiter. Er meint, die Forderung nach „Authentizität“ sei eine Sache, die längst vorbei ist; ein Anspruch, den sein Grossvater vertreten habe. Die Persönlichkeit aus einem Guss und auf Dauer gibt es so nicht mehr. Es ist nicht mehr etwas, was man einfach „ist“- es ist etwas, was Tag für Tag neu erworben werden muss. Integrität und Ehrlichkeit sind keine Charaktereigenschaften- sie sind etwas, was man immer wieder neu beweisen muss.
Der Schmerzkörper 2
04.Nov.2010 19:27 Uhr
Vor fast drei Jahren habe ich mich mit Eckhart Tolles Begriff des Schmerzkörpers beschäftigt. Seitdem stosse ich immer wieder dort an, bei mir selbst, aber auch bei kindlichen Klienten. Es handelt sich um etwas, was auf der Ebene des Urvertrauens, der Urangst, der Urfreude liegt. Möglicherweise ist es etwas, was zwar keine genetische Komponente hat, aber etwas, was sehr, sehr früh von den Eltern vermittelt worden ist- der individuelle Punkt der existentiellen Sorge.
Wie bei der Theorie der homöopathischen Medikamentation, bei der man davon ausgeht, die notwendige Gabe am Ende auf eine einzige, zentrale Substanz reduzieren zu können, kommt man auch bei den seelischen Schmerzen am Ende auf einen einzigen, zentralen „Körper“.
Nehmen wir einen schlaksigen, blonden, gut aussehenden Elfjährigen, der mir gerade vor Augen steht. Er ist aufgrund von depressiven Verstimmungen und schwer wiegenden gewalttätigen Aktionen von einer Grundschule geflogen. Er hat gelogen, ist weggelaufen, hat sich an eine zwielichtige Clique angeschlossen, ist seiner Mutter weit gehend entglitten. Er hat behauptet, er sei von seinem Stiefvater bedroht und misshandelt worden. Er war an der Kippe dazu, zum Sonderschüler mit emotional- sozialem Förderbedarf zu werden.
In einer Reihe von Gesprächen wurde mir klar, dass hier etwas zu machen sein müsste. Es hatte einen Grund, dass er jede Hilfe von Psychotherapeuten ablehnte. Er war niemals misshandelt worden. Meine These war die, dass er die Scheidung seiner Eltern nicht verwunden hatte, dass das Verlassenwerden durch den Vater genau den Punkt getroffen hatte, der seinen Schmerzkörper berührte. Das Verlassenwerden hatte wie unter einem Vergrösserungsglas alle die Sorgen, nichts wert zu sein, nichts zu können, nicht geliebt zu werden angefacht. Er versuchte durch die Schwierigkeiten, die er sich und seiner Umgebung machte, zu erreichen, dass sein Vater, der inzwischen weit entfernt wohnte, sich um ihn kümmerte. Seine Mutter versuchte er zu bestrafen.
Es ist hilfreich, die innere Logik zu kennen, mit der jemand in die eigene Falle läuft. Die erste Maßnahme war die, ihm schulische Erfolge zu vermitteln. Wir stückelten seine Klassenarbeiten in so viele Teile auf, dass er sie- wenn auch zeitverzögert- erfolgreich schrieb. Dass er sich darauf einließ, war ein erster Erfolg. Wir knüpften an seine Interessen an. Was er schrieb, verlas jemand anderes für ihn, großzügig über Rechtschreibfehler hinweg sehend. Er wurde in kleinen Erfolgen geradezu gebadet. Außerdem war er intelligent. Man konnte sich mit ihm ganz offen unterhalten. Ich spiegelte ihm ein ganzes Jahr lang jedes Mal, wenn er wieder in die Schiene des selbstmitleidigen Räsonierens zurück fiel. Ich zeigte ihm Perspektiven auf.
Tatsächlich hat er nie wieder behauptet, dass ihm etwas angetan worden sei. Er verdaute die Tatsache, dass seine familiäre Situation so war, wie sie jetzt war. Er hörte auf, sich zu schlagen. Er begann seine Hausaufgaben zu machen und das Schulschwänzen völlig einzustellen. Er begann, sich von gewaltbereiten Gruppen fern zu halten. Es ist aber so, dass man die Wunde weiter in ihm fühlen kann. Man sieht sie in seinen Augen. Zu seiner Unterstützung konnte ich erreichen, dass er für eine begrenzte Zeit Phenylphenidat verschrieben bekam, um die lastende Depression etwas aufzuhellen und um sich besser fokussieren zu können. Denn der Teufelskreis von lastenden Gefühlen, die die Aufmerksamkeit beeinträchtigen, was wiederum das emotionale Brüten anregt, musste zumindest zeitweise durchbrochen werden. Steiner spricht in diesem Zusammenhang (im „Heilpädagogischen Kurs) von negativen Gefühlen, die daraus entstehen, dass Willen „aufgestaut“ wird. Auch darüber- zeitweise eine chemische Krücke zu erhalten- konnte man offen mit dem Jungen sprechen. Am Ende dieses schulischen Abschnitts gehört er zu den besten Schülern und erscheint heute als einigermaßen stabil. Die Krücke kann bald verschwinden, denke ich.
Ich glaube, dass man in den kindlichen Phasen rasch und entschlossen, aber umsichtig und nach allen Seiten transparent handeln muss. Steckt ein Kind in einer emotionalen Falle drin, brechen die Dämme schnell nach allen Seiten. Es kann, wenn der Schmerzkörper berührt wird, ein einziges Vorkommnis sein, was ein Kind in eine Spirale drängt, aus der es kaum ein Entkommen gibt: Am Ende steht ein auswegloses Scheitern, mit einem irreparabel zerstörten Selbstbild. Eigentlich ist der Schlag, der am Anfang stand, manchmal etwas, was alleine vielleicht zu bewältigen gewesen wäre. Scheidung, Missbrauch oder ein Todesfall können, aber müssen es nicht sein. Aber man muss wissen, dass diese Wunde immer etwas ist, was latent vorhanden sein wird. Ein einziges Scheitern in Schule oder Beruf, ein Ende einer Beziehung, das Begraben einer Illusion werden den Schmerzkörper wieder zum Ausbruch bringen, weil er unter der Oberfläche lauert wie ein erloschener, aber aktiver Vulkan. Ich denke, wir haben alle einen solchen Punkt der Schwäche und wir müssen damit umgehen.
Wie man bei Eckhart Tolle lesen kann, wird es beim Betreten eines wie auch immer gearteten ehrlichen und sauberen Erkenntnisweges immer dahin kommen, dass man diesen individuellen Schmerzkörper berührt. Man kann ihm nicht ausweichen. Sich ihm zu stellen, ist wohl ziemlich das Schlimmste und Beste zugleich, was einem geschehen kann und was man eigentlich unbedingt vermeiden möchte. Aber es ist unausweichlich. Der „Hüter der Schwelle“ ist nicht ein vages „Böses“, das in uns hockt. Es ist einfach der Punkt unserer grössten Verletzlichkeit, der uns immer wieder hindert, unser Leben zu entfalten.
Wie bei der Theorie der homöopathischen Medikamentation, bei der man davon ausgeht, die notwendige Gabe am Ende auf eine einzige, zentrale Substanz reduzieren zu können, kommt man auch bei den seelischen Schmerzen am Ende auf einen einzigen, zentralen „Körper“.
Nehmen wir einen schlaksigen, blonden, gut aussehenden Elfjährigen, der mir gerade vor Augen steht. Er ist aufgrund von depressiven Verstimmungen und schwer wiegenden gewalttätigen Aktionen von einer Grundschule geflogen. Er hat gelogen, ist weggelaufen, hat sich an eine zwielichtige Clique angeschlossen, ist seiner Mutter weit gehend entglitten. Er hat behauptet, er sei von seinem Stiefvater bedroht und misshandelt worden. Er war an der Kippe dazu, zum Sonderschüler mit emotional- sozialem Förderbedarf zu werden.
In einer Reihe von Gesprächen wurde mir klar, dass hier etwas zu machen sein müsste. Es hatte einen Grund, dass er jede Hilfe von Psychotherapeuten ablehnte. Er war niemals misshandelt worden. Meine These war die, dass er die Scheidung seiner Eltern nicht verwunden hatte, dass das Verlassenwerden durch den Vater genau den Punkt getroffen hatte, der seinen Schmerzkörper berührte. Das Verlassenwerden hatte wie unter einem Vergrösserungsglas alle die Sorgen, nichts wert zu sein, nichts zu können, nicht geliebt zu werden angefacht. Er versuchte durch die Schwierigkeiten, die er sich und seiner Umgebung machte, zu erreichen, dass sein Vater, der inzwischen weit entfernt wohnte, sich um ihn kümmerte. Seine Mutter versuchte er zu bestrafen.
Es ist hilfreich, die innere Logik zu kennen, mit der jemand in die eigene Falle läuft. Die erste Maßnahme war die, ihm schulische Erfolge zu vermitteln. Wir stückelten seine Klassenarbeiten in so viele Teile auf, dass er sie- wenn auch zeitverzögert- erfolgreich schrieb. Dass er sich darauf einließ, war ein erster Erfolg. Wir knüpften an seine Interessen an. Was er schrieb, verlas jemand anderes für ihn, großzügig über Rechtschreibfehler hinweg sehend. Er wurde in kleinen Erfolgen geradezu gebadet. Außerdem war er intelligent. Man konnte sich mit ihm ganz offen unterhalten. Ich spiegelte ihm ein ganzes Jahr lang jedes Mal, wenn er wieder in die Schiene des selbstmitleidigen Räsonierens zurück fiel. Ich zeigte ihm Perspektiven auf.
Tatsächlich hat er nie wieder behauptet, dass ihm etwas angetan worden sei. Er verdaute die Tatsache, dass seine familiäre Situation so war, wie sie jetzt war. Er hörte auf, sich zu schlagen. Er begann seine Hausaufgaben zu machen und das Schulschwänzen völlig einzustellen. Er begann, sich von gewaltbereiten Gruppen fern zu halten. Es ist aber so, dass man die Wunde weiter in ihm fühlen kann. Man sieht sie in seinen Augen. Zu seiner Unterstützung konnte ich erreichen, dass er für eine begrenzte Zeit Phenylphenidat verschrieben bekam, um die lastende Depression etwas aufzuhellen und um sich besser fokussieren zu können. Denn der Teufelskreis von lastenden Gefühlen, die die Aufmerksamkeit beeinträchtigen, was wiederum das emotionale Brüten anregt, musste zumindest zeitweise durchbrochen werden. Steiner spricht in diesem Zusammenhang (im „Heilpädagogischen Kurs) von negativen Gefühlen, die daraus entstehen, dass Willen „aufgestaut“ wird. Auch darüber- zeitweise eine chemische Krücke zu erhalten- konnte man offen mit dem Jungen sprechen. Am Ende dieses schulischen Abschnitts gehört er zu den besten Schülern und erscheint heute als einigermaßen stabil. Die Krücke kann bald verschwinden, denke ich.
Ich glaube, dass man in den kindlichen Phasen rasch und entschlossen, aber umsichtig und nach allen Seiten transparent handeln muss. Steckt ein Kind in einer emotionalen Falle drin, brechen die Dämme schnell nach allen Seiten. Es kann, wenn der Schmerzkörper berührt wird, ein einziges Vorkommnis sein, was ein Kind in eine Spirale drängt, aus der es kaum ein Entkommen gibt: Am Ende steht ein auswegloses Scheitern, mit einem irreparabel zerstörten Selbstbild. Eigentlich ist der Schlag, der am Anfang stand, manchmal etwas, was alleine vielleicht zu bewältigen gewesen wäre. Scheidung, Missbrauch oder ein Todesfall können, aber müssen es nicht sein. Aber man muss wissen, dass diese Wunde immer etwas ist, was latent vorhanden sein wird. Ein einziges Scheitern in Schule oder Beruf, ein Ende einer Beziehung, das Begraben einer Illusion werden den Schmerzkörper wieder zum Ausbruch bringen, weil er unter der Oberfläche lauert wie ein erloschener, aber aktiver Vulkan. Ich denke, wir haben alle einen solchen Punkt der Schwäche und wir müssen damit umgehen.
Wie man bei Eckhart Tolle lesen kann, wird es beim Betreten eines wie auch immer gearteten ehrlichen und sauberen Erkenntnisweges immer dahin kommen, dass man diesen individuellen Schmerzkörper berührt. Man kann ihm nicht ausweichen. Sich ihm zu stellen, ist wohl ziemlich das Schlimmste und Beste zugleich, was einem geschehen kann und was man eigentlich unbedingt vermeiden möchte. Aber es ist unausweichlich. Der „Hüter der Schwelle“ ist nicht ein vages „Böses“, das in uns hockt. Es ist einfach der Punkt unserer grössten Verletzlichkeit, der uns immer wieder hindert, unser Leben zu entfalten.
Burghard Schildt: Künstlerisches Handeln
20.Okt.2010 23:33 Uhr
Das kreative Schaffen von Zusammenhängen benenne ich im weitesten Sinne als künstlerisches Handeln. Gehandelt wird mit Kräften, also Lebenssubstanz. Daher sind mir solche jeweiligen Zusammenhänge Organismen.
Der Zusammenhang aller Organismen ist mir ein Organismus. Ein Lebewesen. Das Ursprungslebewesen, das organisch, also im einförmigen Umgang mit sich selbst, in seinem Handeln ausschließlich selbst Gesetztes, also seinem Selbstzweck gemäß, handelt.
Ich selbst, als „Organ“ innerhalb des ganzen Organismus, strebe folglich in allen „kreativen“ Handlungen, mit der Ursprungshandlung, die da ist, selbstbestimmt zu handeln, mehr und mehr, überein- zustimmen.
Eben Geschriebenes, es kann ebenso stattfinden in Betrachtung des bisher vorliegenden Textes. Indem ich den entstehenden Text anschaue, da sehe ich, der Textgrund stellt keine Fragen. Fragen stelle ich. Als jemand, der Text zu Tage fördert.
Fragen, die in der Textentstehung auftauchen, die leite ich dann weiter. Zum einen an das bis dahin Geschriebene, zum anderen an den Textgrund. Unterscheidung ist angefragt und Aufmerksamkeit dafür, welche Motive in Kraft treten sollen. Sollen, denn Wollen, das wollen sie alle.
In soweit mir das gelingt, beleuchtet mir das Geschriebene die Region im Textgrund, die zu Tage gefördert werden kann, ohne das sie dabei entwurzelt wird. Der Textgrund selbst stellt seinerseits das bisher Geschriebene so ins Licht, dass immer deutlicher und anschaulicher wird, wie sich der Text selbst gestalten will.
Der ganze Vorgang ist dabei eine andauernde Pendelbewegung aus der „Wissenschaft der Freiheit“ hinein in die „Wirklichkeit der Freiheit“, aus der wiederum hinein in die Wissenschaft der Freiheit und so weiter und so fort. Da kommt mir Goethe in den Sinn. „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion. Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion."
Geht das gut, vollzieht sich dabei zugleich der Abstieg und Aufstieg, Aufstieg und Abstieg der „Philosophie der Freiheit“ wie der „Biographie der Freiheit.“ Es gibt kein oben und unten, sondern es ist ein hinunter und hinauf in Einem. Es ist Freiheit und es ist Biographie. Es ist eine Lese- und Schreibübung im Buch des Lebens.
Der Zusammenhang aller Organismen ist mir ein Organismus. Ein Lebewesen. Das Ursprungslebewesen, das organisch, also im einförmigen Umgang mit sich selbst, in seinem Handeln ausschließlich selbst Gesetztes, also seinem Selbstzweck gemäß, handelt.
Ich selbst, als „Organ“ innerhalb des ganzen Organismus, strebe folglich in allen „kreativen“ Handlungen, mit der Ursprungshandlung, die da ist, selbstbestimmt zu handeln, mehr und mehr, überein- zustimmen.
Eben Geschriebenes, es kann ebenso stattfinden in Betrachtung des bisher vorliegenden Textes. Indem ich den entstehenden Text anschaue, da sehe ich, der Textgrund stellt keine Fragen. Fragen stelle ich. Als jemand, der Text zu Tage fördert.
Fragen, die in der Textentstehung auftauchen, die leite ich dann weiter. Zum einen an das bis dahin Geschriebene, zum anderen an den Textgrund. Unterscheidung ist angefragt und Aufmerksamkeit dafür, welche Motive in Kraft treten sollen. Sollen, denn Wollen, das wollen sie alle.
In soweit mir das gelingt, beleuchtet mir das Geschriebene die Region im Textgrund, die zu Tage gefördert werden kann, ohne das sie dabei entwurzelt wird. Der Textgrund selbst stellt seinerseits das bisher Geschriebene so ins Licht, dass immer deutlicher und anschaulicher wird, wie sich der Text selbst gestalten will.
Der ganze Vorgang ist dabei eine andauernde Pendelbewegung aus der „Wissenschaft der Freiheit“ hinein in die „Wirklichkeit der Freiheit“, aus der wiederum hinein in die Wissenschaft der Freiheit und so weiter und so fort. Da kommt mir Goethe in den Sinn. „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion. Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion."
Geht das gut, vollzieht sich dabei zugleich der Abstieg und Aufstieg, Aufstieg und Abstieg der „Philosophie der Freiheit“ wie der „Biographie der Freiheit.“ Es gibt kein oben und unten, sondern es ist ein hinunter und hinauf in Einem. Es ist Freiheit und es ist Biographie. Es ist eine Lese- und Schreibübung im Buch des Lebens.
Grosse Erwartungen, falsche Erwartungen
18.Okt.2010 21:02 Uhr
Ich gebe es zu, die Beschäftigung mit Kühlewinds „Das Gewahrwerden des Logos“ hört bei mir nicht auf. Ich weiss schon, die Leser dieses Blogs machen was mit. Aber ich habe mich vorerst dafür entschieden, dieses Blog persönlicher zu gestalten. Es hatte schon immer etwas von einem Tagebuch meiner geistigen Interessen- jetzt habe ich mich noch mehr darauf konzentriert. Wenn einzelne Leser - wie geschehen- das als „autistisch“ ansehen, haben sie in dieser Hinsicht recht. Das Andere ist, dass es mir passiert, dass Bücher, die ich schon vor 20 Jahren oder mehr gelesen habe, beim erneuten Durchblättern plötzlich eine Art neuer Gestalt annehmen. Sie bekommen eine ganz neue Art von Bedeutung, sind auch nicht mehr etwas, was ich durchlese- sie werden etwas, was mich fast Satz für Satz beschäftigt. Ich lese dann auch nur hin und wieder einen Abschnitt und lasse das nachklingen. So geht es mir jetzt mit diesem Buch.
„Die Fähigkeit, die Wahrheit aus sich heraus hervorzubringen, zeigt sich in der modernen Zeit als das abstrakte Vermögen, mathematische und reine physikalische Wahrheiten von der Sinneswahrnehmung und vom Experiment völlig unabhängig zu erarbeiten; ein Verfahren, das - in erster Linie auf Newton zurückgehend- der ganzen Naturwissenschaft das Begriffsgerüst und die grundlegende Anschauungsweise geliefert hat. Das auf weitere Gebiete angewendete reine Denken würde die Möglichkeit schaffen, mit mathematischer Exaktheit über geistige Wirklichkeiten denken zu können. Damit würde in Wahrheit das Wirken des Geistes im Menschen beginnen. Am reinen Denken über das Licht des Bewußtseins würde sich das Gewahrwerden des Logos entzünden können. Durch das Gewahrwerden des Logos könnte der Geist in seine eigentliche Funktion treten: in das Erforschen der Hindernisse, die der Verwirklichung eines Gegenwartsbewußtseins im Wege stehen, und Erarbeitung der Methoden, diese Hindernisse zu beseitigen.“ (S. 74)
So einfach ist das. Man kann durchaus auf den ganzen mystischen Schwulst verzichten, auf das Spekulieren und Spökekieken sowieso. Es geht im Grunde nur um Fokussierung und ein Innehalten, das einen Moment des Stillstehens beinhaltet: Ein Gewahrwerden des Schauens, nicht des Geschauten. Es ist dies auch das Moment, an dem sich verschiedene spirituelle Richtungen ohne weitere Probleme verständigen und einigen können. Denn das angesprochene „Gegenwartsbewusstsein“, das Gewahrwerden des Bewusstseinslichts, der Aufmerksamkeit, ist etwas, was im Zen, in verschiedenen buddhistischen Strömungen, bei Eckhart Tolle und anderswo auch zu entdecken ist. Dort wie hier ist der Schwulst, das ganze elaborierte Vortragen von „Ergebnissen“ der konzentrierten Arbeit oft mehr ein Ballast als irgendwie hilfreich: Es lenkt ab und weckt falsche Erwartungen.
Vorstellungen über das zu Erlebende, pompöse Ankündigungen erleuchtender Momente haben etwas von Operette und Seifenoper und schieben sich leicht vor die Schlichtheit der Aufgabe. Man sollte es, glaube ich, herunter brechen auf das Allerschlichteste und Grösste zugleich: Auf die Gegenwärtigkeit.
„Die Fähigkeit, die Wahrheit aus sich heraus hervorzubringen, zeigt sich in der modernen Zeit als das abstrakte Vermögen, mathematische und reine physikalische Wahrheiten von der Sinneswahrnehmung und vom Experiment völlig unabhängig zu erarbeiten; ein Verfahren, das - in erster Linie auf Newton zurückgehend- der ganzen Naturwissenschaft das Begriffsgerüst und die grundlegende Anschauungsweise geliefert hat. Das auf weitere Gebiete angewendete reine Denken würde die Möglichkeit schaffen, mit mathematischer Exaktheit über geistige Wirklichkeiten denken zu können. Damit würde in Wahrheit das Wirken des Geistes im Menschen beginnen. Am reinen Denken über das Licht des Bewußtseins würde sich das Gewahrwerden des Logos entzünden können. Durch das Gewahrwerden des Logos könnte der Geist in seine eigentliche Funktion treten: in das Erforschen der Hindernisse, die der Verwirklichung eines Gegenwartsbewußtseins im Wege stehen, und Erarbeitung der Methoden, diese Hindernisse zu beseitigen.“ (S. 74)
So einfach ist das. Man kann durchaus auf den ganzen mystischen Schwulst verzichten, auf das Spekulieren und Spökekieken sowieso. Es geht im Grunde nur um Fokussierung und ein Innehalten, das einen Moment des Stillstehens beinhaltet: Ein Gewahrwerden des Schauens, nicht des Geschauten. Es ist dies auch das Moment, an dem sich verschiedene spirituelle Richtungen ohne weitere Probleme verständigen und einigen können. Denn das angesprochene „Gegenwartsbewusstsein“, das Gewahrwerden des Bewusstseinslichts, der Aufmerksamkeit, ist etwas, was im Zen, in verschiedenen buddhistischen Strömungen, bei Eckhart Tolle und anderswo auch zu entdecken ist. Dort wie hier ist der Schwulst, das ganze elaborierte Vortragen von „Ergebnissen“ der konzentrierten Arbeit oft mehr ein Ballast als irgendwie hilfreich: Es lenkt ab und weckt falsche Erwartungen.
Vorstellungen über das zu Erlebende, pompöse Ankündigungen erleuchtender Momente haben etwas von Operette und Seifenoper und schieben sich leicht vor die Schlichtheit der Aufgabe. Man sollte es, glaube ich, herunter brechen auf das Allerschlichteste und Grösste zugleich: Auf die Gegenwärtigkeit.
Wo?
08.Okt.2010 13:17 Uhr
Wo ist er nun, der Geist?
In den blumigen Facebook- Sprüchen der New-Age-Anthroposophen?
In den selbstbezüglichen Sprachkonventionen und der rätselhaften Arroganz der Zweigleser?
In den Gefühlsknäueln der Abtrünnigen, die aus ihrem Ketzertum einen Fetisch gemacht haben?
In den Kalkülen der „Gegner“, die mit intellektuellem Drive und sprachlicher Messerwetzerei ihre Überlegenheit demonstrieren- wieder und wieder, wie eine Kuh, die sich selbst um den Pflock führt?
In den Gedankenungetümen autistischer Spezialisten, denen schon sehr lange niemand mehr folgen kann oder will?
In den schroffen Ablehnungen derer, die ihre mangelnde Zuneigung zu Allem und Jedem in spirituellem Glanzlicht verklären und verschleiern?
In den Visionären, deren Bilder auf ihrem persönlichen Firmament wie Sternschnuppen glühen?
In den Worten der Wahrheitssucher, die Wahrheit stets *bald* zu finden vorgeben, vorerst aber einen Katechismus herunter beten?
Nein, meint Kühlewind, der Geist ist dort, wo er weht: Er ist immer, unbemerkt, da.
„Wenn die Aufmerksamkeit sich dem Logos, dem Erkennen zuwendet, ist die Kraft, ihn zu erblicken, der Geist. Das ist die erste wahre Tätigkeit des Geistes, dass er den Logos erblickt. „Im Anfang war der Logos“ - wer dies erfahrend vollzieht, ist der Geist im Menschen, die Kraft, den Logos zu erkennen.“
Oder: „Den Logos als innere Kraft erfahren, ist der Geist.“
___________________
Kühlewind, Das Gewahrwerden des Logos, S. 71
In den blumigen Facebook- Sprüchen der New-Age-Anthroposophen?
In den selbstbezüglichen Sprachkonventionen und der rätselhaften Arroganz der Zweigleser?
In den Gefühlsknäueln der Abtrünnigen, die aus ihrem Ketzertum einen Fetisch gemacht haben?
In den Kalkülen der „Gegner“, die mit intellektuellem Drive und sprachlicher Messerwetzerei ihre Überlegenheit demonstrieren- wieder und wieder, wie eine Kuh, die sich selbst um den Pflock führt?
In den Gedankenungetümen autistischer Spezialisten, denen schon sehr lange niemand mehr folgen kann oder will?
In den schroffen Ablehnungen derer, die ihre mangelnde Zuneigung zu Allem und Jedem in spirituellem Glanzlicht verklären und verschleiern?
In den Visionären, deren Bilder auf ihrem persönlichen Firmament wie Sternschnuppen glühen?
In den Worten der Wahrheitssucher, die Wahrheit stets *bald* zu finden vorgeben, vorerst aber einen Katechismus herunter beten?
Nein, meint Kühlewind, der Geist ist dort, wo er weht: Er ist immer, unbemerkt, da.
„Wenn die Aufmerksamkeit sich dem Logos, dem Erkennen zuwendet, ist die Kraft, ihn zu erblicken, der Geist. Das ist die erste wahre Tätigkeit des Geistes, dass er den Logos erblickt. „Im Anfang war der Logos“ - wer dies erfahrend vollzieht, ist der Geist im Menschen, die Kraft, den Logos zu erkennen.“
Oder: „Den Logos als innere Kraft erfahren, ist der Geist.“
___________________
Kühlewind, Das Gewahrwerden des Logos, S. 71
Burghard Schildt: Ungeborenheit, Geborenheit, Verstorbenheit
05.Okt.2010 21:54 Uhr
Ungeboren ist und bleibt das Denken. In Geborenheit finden sich Gedanken. In Verstorbenheit finden sich diejenigen Gedankengänge, die neue Zusammenhänge stiften.
Werden anfängliche Gedanken nicht zu sich selbst tragenden Gedankengängen erhoben und so wiederum ihrem Anfang eingegliedert, verfangen sie sich in der Sinnenfälligkeit eines jeden, durch den Anfang anfänglich in Erscheinung treten könnte. Gedankenschritte gerinnen zu Standpunkten. Ein Verharren in Standpunkten führt in so ein Anfängliches, das sich in Folge, im Gemütsnetz jeweiliger Leser, als Textbild verfängt und so jegliches Kunstempfinden untergräbt.
Jeglicher Anfang führt in Angefangenes. Anfang in soweit, als dass es ästhetischer Erfahrung entspricht, im künstlerischen Handeln, ein Handeln im sich ausweitenden Anfang zu gewahren. Hier, ein Handeln für den immer wieder neu zu bildenden Zusammenhang jeglicher Gedankengänge. Für mich bedeutet das, empfinde den Gedankengang und folge ihm. Gedankengang schafft Zusammenhang, Zusammenhang schafft Anfang.
Genau, hohe Worte. Sätze, die hohe Worte leiten, das sind mir Leitsätze. Leitsätze für einen Weg. Meinen Weg aus ungeteilter Aufmerksamkeit, in mitgeteilten Gedanken, hin zu einem Gedankengang, der an Höherem teilnimmt. Und, ohne hohe Worte keine Leiter in „höhere“ Welten. Eine gute Leiter erkenne ich daran, dass ihre „Natur“ dem nicht widerstrebt, dass der Leitung bedarf. Offenkundig, einer Leitung bedarf die Ausrichtung der Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit zeugt Innehalt, Innehalt zeugt Form, Form zeugt Gestalt, Gestalt zeugt Gestaltung, Gestaltung zeugt Zusammenhang, Zusammenhang bezeugt den Anfang.
Genug! Als ein Abschluss, der Raum eröffnet für weitere Worte, das. Das ist nicht mein Motto, wer A sagt, sagt nicht B. Mein Motto ist, wer A sagt, sagt B. Warum? Das ganze Alpha – Beet, als Grund und Boden, dass ist der fruchtbare Weltengrund, dem eine jegliche Neubegründung aus künstlerischem Handeln entspringt.
Werden anfängliche Gedanken nicht zu sich selbst tragenden Gedankengängen erhoben und so wiederum ihrem Anfang eingegliedert, verfangen sie sich in der Sinnenfälligkeit eines jeden, durch den Anfang anfänglich in Erscheinung treten könnte. Gedankenschritte gerinnen zu Standpunkten. Ein Verharren in Standpunkten führt in so ein Anfängliches, das sich in Folge, im Gemütsnetz jeweiliger Leser, als Textbild verfängt und so jegliches Kunstempfinden untergräbt.
Jeglicher Anfang führt in Angefangenes. Anfang in soweit, als dass es ästhetischer Erfahrung entspricht, im künstlerischen Handeln, ein Handeln im sich ausweitenden Anfang zu gewahren. Hier, ein Handeln für den immer wieder neu zu bildenden Zusammenhang jeglicher Gedankengänge. Für mich bedeutet das, empfinde den Gedankengang und folge ihm. Gedankengang schafft Zusammenhang, Zusammenhang schafft Anfang.
Genau, hohe Worte. Sätze, die hohe Worte leiten, das sind mir Leitsätze. Leitsätze für einen Weg. Meinen Weg aus ungeteilter Aufmerksamkeit, in mitgeteilten Gedanken, hin zu einem Gedankengang, der an Höherem teilnimmt. Und, ohne hohe Worte keine Leiter in „höhere“ Welten. Eine gute Leiter erkenne ich daran, dass ihre „Natur“ dem nicht widerstrebt, dass der Leitung bedarf. Offenkundig, einer Leitung bedarf die Ausrichtung der Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit zeugt Innehalt, Innehalt zeugt Form, Form zeugt Gestalt, Gestalt zeugt Gestaltung, Gestaltung zeugt Zusammenhang, Zusammenhang bezeugt den Anfang.
Genug! Als ein Abschluss, der Raum eröffnet für weitere Worte, das. Das ist nicht mein Motto, wer A sagt, sagt nicht B. Mein Motto ist, wer A sagt, sagt B. Warum? Das ganze Alpha – Beet, als Grund und Boden, dass ist der fruchtbare Weltengrund, dem eine jegliche Neubegründung aus künstlerischem Handeln entspringt.
Die Umwendung
19.Sep.2010 17:47 Uhr
Der springende Punkt an meinem letzten Blogbeitrag war der, dass man Geistesgegenwart nicht üben kann. Man kann allenfalls die störenden Faktoren beiseite schieben. Wenn man Glück hat, macht man eine Erfahrung, an der man sich in diesem Üben orientieren kann. Die Richtschnur, die Orientierung kann man nur im eigenen Inneren entdecken- meist geschieht es erstmalig in einer Art Gabe, in einer Art Geschenk.
Die Tatsache der inneren Umwendung bleibt, solange man die Erfahrung nicht macht, nebulös. Sie kann nicht durch Bücher, Lehrer, Drogen oder andere Mittel und Anweisungen gegeben werden. Georg Kühlewind macht auf die Tatsache aufmerksam, dass es dem „Logos“ nicht anders ging, wie der Prolog des Johannes- Evangeliums bezeugt:
„Im Anfang war der Logos
und der Logos war bei Gott
und Gott war der Logos..“
In dieser Phase der Vorzeitlichkeit war Gott noch ganz bei sich und für sich („Das „pros“ im griechischen Text ist wohl „bei“, aber mit der ausgeprägten Bedeutung „zu, hinzu“, d.h. zu ihm hingewendet“). Die Umwendung geschieht in einem unvermittelten, freien Schöpfungsakt, dem Urbeginn aller Dinge: „Alles ist durch ihn geworden...“.
In diesem Sinne ist auch die innere Umwendung des Menschen eine Schöpfung, die auf nichts beruht und durch nichts hervor gerufen werden kann als durch ihn selbst. Geistesgegenwärtigkeit ist die Selbstschöpfung schlechthin. Daher steht sie auch ausschließlich in einem Zusammenhang mit den Logos- Kräften des Menschen. Falls dieser Zusammenhang nicht besteht, ist und bleibt die Umwendung illusionär, eine Schimäre, eine Missgeburt, eine Aufblähung des selbstbezogenen Ego.
Ein anderer Aspekt der Umwendung betrifft das „dialogische Prinzip“ (Martin Buber), das Erkennen und Anerkennen des Anderen. Auch hierfür finden sich Beispiele im Neuen Testament. So geht Kühlewind in einer Fussnote („Das Gewahrwerden des Logos“, S. 160) auf die Umwendung der Maria Magdalena ein:
„Das Motiv der Umwendung: Das Wort „sich wenden“, „umwenden“ - straphein, epistraphein- wird im Neuen Testament an mehreren Stellen nicht im physisch- räumlichen Sinne, sondern als Terminus technicus für das Wechseln von Bewusstseinszuständen gebraucht (...). An diesen Stellen hat eine räumliche Umwendung keinen oder keinen bedeutenden Sinn - und Unbedeutendes steht nicht in den Texten.
Eine Bewusstseinswendung ist dagegen sinnvoll (...). In den Versen Joh. 20, 14 und 16 ist der Sinn des Ausdrucks sehr klar: Maria Magdalena „wendet sich“ am Grab des Herrn um und sieht nun eine Gestalt da stehen und erkennt sie nicht. Die Gestalt spricht zu ihr, sie meint, es sei der Gärtner. „Spricht Jesus zu ihr: Maria - Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni, das heißt: Meister“ (16). Die zweifache Umwendung bedeutet hier zwei verschiedene höhere Bewusstseinsstufen. Auf der ersten sieht Maria, ohne zu erkennen, wer es ist; ihren Namen hörend, erhebt sie sich auf eine Stufe, wo sie erkennt und es zugleich ausspricht; das Hören war schon übersinnliches Erkennen, das Sprechen ist Erkenntnis.“
Die Tatsache der inneren Umwendung bleibt, solange man die Erfahrung nicht macht, nebulös. Sie kann nicht durch Bücher, Lehrer, Drogen oder andere Mittel und Anweisungen gegeben werden. Georg Kühlewind macht auf die Tatsache aufmerksam, dass es dem „Logos“ nicht anders ging, wie der Prolog des Johannes- Evangeliums bezeugt:
„Im Anfang war der Logos
und der Logos war bei Gott
und Gott war der Logos..“
In dieser Phase der Vorzeitlichkeit war Gott noch ganz bei sich und für sich („Das „pros“ im griechischen Text ist wohl „bei“, aber mit der ausgeprägten Bedeutung „zu, hinzu“, d.h. zu ihm hingewendet“). Die Umwendung geschieht in einem unvermittelten, freien Schöpfungsakt, dem Urbeginn aller Dinge: „Alles ist durch ihn geworden...“.
In diesem Sinne ist auch die innere Umwendung des Menschen eine Schöpfung, die auf nichts beruht und durch nichts hervor gerufen werden kann als durch ihn selbst. Geistesgegenwärtigkeit ist die Selbstschöpfung schlechthin. Daher steht sie auch ausschließlich in einem Zusammenhang mit den Logos- Kräften des Menschen. Falls dieser Zusammenhang nicht besteht, ist und bleibt die Umwendung illusionär, eine Schimäre, eine Missgeburt, eine Aufblähung des selbstbezogenen Ego.
Ein anderer Aspekt der Umwendung betrifft das „dialogische Prinzip“ (Martin Buber), das Erkennen und Anerkennen des Anderen. Auch hierfür finden sich Beispiele im Neuen Testament. So geht Kühlewind in einer Fussnote („Das Gewahrwerden des Logos“, S. 160) auf die Umwendung der Maria Magdalena ein:
„Das Motiv der Umwendung: Das Wort „sich wenden“, „umwenden“ - straphein, epistraphein- wird im Neuen Testament an mehreren Stellen nicht im physisch- räumlichen Sinne, sondern als Terminus technicus für das Wechseln von Bewusstseinszuständen gebraucht (...). An diesen Stellen hat eine räumliche Umwendung keinen oder keinen bedeutenden Sinn - und Unbedeutendes steht nicht in den Texten.
Eine Bewusstseinswendung ist dagegen sinnvoll (...). In den Versen Joh. 20, 14 und 16 ist der Sinn des Ausdrucks sehr klar: Maria Magdalena „wendet sich“ am Grab des Herrn um und sieht nun eine Gestalt da stehen und erkennt sie nicht. Die Gestalt spricht zu ihr, sie meint, es sei der Gärtner. „Spricht Jesus zu ihr: Maria - Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni, das heißt: Meister“ (16). Die zweifache Umwendung bedeutet hier zwei verschiedene höhere Bewusstseinsstufen. Auf der ersten sieht Maria, ohne zu erkennen, wer es ist; ihren Namen hörend, erhebt sie sich auf eine Stufe, wo sie erkennt und es zugleich ausspricht; das Hören war schon übersinnliches Erkennen, das Sprechen ist Erkenntnis.“
Der Augenblick des vollkommenen Nicht- Bemühens
16.Sep.2010 22:26 Uhr
Die Ruhe zu finden, sollte kein Problem sein, denn sie ist ja da. In der Mitte unseres Lebens wartet eine zeitlose Ebene. Es ist wohl auch so, dass jeder Mensch das weiss, denn man kommt aus dieser Ruhe und man wird auch wieder in sie eingehen. Jede Nacht ruht man in ihr, denn nur aus ihr kann Lebendiges entspringen. Sie ist unser Regenerationsquell, die Essenz unseres Seins.
Es sollte kein Rätsel sein, sie zu entdecken. Sie ist der zelluläre Puls, die Ordnung unserer reinen Existenz. Dennoch sind selbst unsere Bemühungen, sie zu greifen, hektisch. Wir leben in einer Blase, die aus Selbstgefühlen besteht. Die Welt, so wie wir sie sehen, ist aus dem Spiegeln der Innenoberfläche dieser Blase gebildet und geprägt. Es ist eine Art mittelalterlicher Glaube, die Welt sei so, wie wir sie sehen. Dabei ist der grösste Teil dessen, was uns geschieht, Teil einer Selbstinszenierung, in der wir selbst gefangen sind.
Es ist gut, die Ruhe zu suchen, aber zunächst ist es ein paradoxer Wunsch. Die Blase wünscht sich, nicht mehr Blase zu sein. Dabei hat sie vor nichts anderem mehr Angst, als nur einen Augenblick nicht zu sein. Man muss mächtige Hilfskonstruktionen aufbringen, Religiöses, Mystisches, Ideologisches, um eine Möglichkeit zu finden, all diese selbstbezogenen Gefühligkeiten und Konstrukte für einen Augenblick zu überwinden. Es geht dabei aber nicht um die religiösen, mystischen, ideologischen Inhalte, mit denen wir uns umgeben mögen, sondern um die Anstrengung, derer es bedarf, sich damit zu beschäftigen und es auch wieder zu überwinden.
Es gibt in diesen paradoxen Anstrengungen doch kurze Momente des Aufmerkens. Es gibt einen Augenblick jenseits der Verkrampfungen, Anstrengungen und Bemühungen. Es ist der paradoxe Augenblick des vollkommenen Nicht- Bemühens, des konzentrierten Loslassens. So etwas passiert einem zufällig, mehr oder weniger. Man darf es als Geschenk auffassen. Man kann es auch - im anthroposophischen Sprachduktus- als „Umkehrung des Willens“ bezeichnen.
Ich habe das als ganz junger Erwachsener einmal erlebt, als ich von einer Darmgrippe geschüttelt in einer Krypta in Florenz ein Konzert hörte. Wenn man die Ruhe einmal gefunden hat, erinnert man sich an sie. Wir kommen ja aus ihr, wir haben es nur zeitweilig vergessen. Einen Augenblick des vollkommenen Einklangs kann einem nie mehr jemand nehmen, nicht einmal man selbst. Man weiss nun, dass es das gibt. Aber wie findet man den Zugang? Man kann einen solchen Augenblick nicht einfach rekonstruieren. Es war dieser Augenblick, man kann ihn nicht kopieren. Wie kann man etwas derart Flüchtiges wie einen Augenblick wieder erhaschen?
Es bedarf dann einiger Mühen, das Nicht-Bemühen so zu entwickeln, dass man in jedem Augenblick in die Zeitlosigkeit wechseln kann, und selbst bei fortgeschrittenen Personen türmen sich immer neue innere Widerstände dagegen auf. Man erlebt das ja nicht als Fortschritt, sondern auch als Selbstentlarvung. Jeder Fortschritt ist in dieser Hinsicht auch ein Rückschritt, da man immer archaischere, simple seelische Muster in sich entdeckt. Der ganze ideologische Überbau ist nichts gegen die Simplizität, mit der man sich selbst zurecht strickt. Diese Erkenntnis macht bescheiden. Sie macht auch das verrückte Strampeln der Leute um uns herum verständlich. Empathie ist die Erkenntnis, dass man genauso verstrickt ist. Wir stecken jeder für sich in seiner Blase fest.
Aber wenn die Ruhe etwas Raum in uns findet, wenn der bebende seelische Apparat regelmäßiger und dauerhafter ruhig wird, dann ist es schon, als ob etwas greifen würde- die Schwingungen der Ruhe stammen aus unseren biologischen Tiefen. Wenn wir diese berühren können, ruhen wir am Pulsen unserer Quellen. Wenn wir der Ruhe erlauben können, sich in unserem Handeln zu entfalten, lösen sich die Wände der Blase etwas auf- nicht und bei niemandem gänzlich, aber sie werden immerhin porös.
Das Fußfassen der Ruhe in unserem Handeln ist das Erwachen des Geistselbst.
Es sollte kein Rätsel sein, sie zu entdecken. Sie ist der zelluläre Puls, die Ordnung unserer reinen Existenz. Dennoch sind selbst unsere Bemühungen, sie zu greifen, hektisch. Wir leben in einer Blase, die aus Selbstgefühlen besteht. Die Welt, so wie wir sie sehen, ist aus dem Spiegeln der Innenoberfläche dieser Blase gebildet und geprägt. Es ist eine Art mittelalterlicher Glaube, die Welt sei so, wie wir sie sehen. Dabei ist der grösste Teil dessen, was uns geschieht, Teil einer Selbstinszenierung, in der wir selbst gefangen sind.
Es ist gut, die Ruhe zu suchen, aber zunächst ist es ein paradoxer Wunsch. Die Blase wünscht sich, nicht mehr Blase zu sein. Dabei hat sie vor nichts anderem mehr Angst, als nur einen Augenblick nicht zu sein. Man muss mächtige Hilfskonstruktionen aufbringen, Religiöses, Mystisches, Ideologisches, um eine Möglichkeit zu finden, all diese selbstbezogenen Gefühligkeiten und Konstrukte für einen Augenblick zu überwinden. Es geht dabei aber nicht um die religiösen, mystischen, ideologischen Inhalte, mit denen wir uns umgeben mögen, sondern um die Anstrengung, derer es bedarf, sich damit zu beschäftigen und es auch wieder zu überwinden.
Es gibt in diesen paradoxen Anstrengungen doch kurze Momente des Aufmerkens. Es gibt einen Augenblick jenseits der Verkrampfungen, Anstrengungen und Bemühungen. Es ist der paradoxe Augenblick des vollkommenen Nicht- Bemühens, des konzentrierten Loslassens. So etwas passiert einem zufällig, mehr oder weniger. Man darf es als Geschenk auffassen. Man kann es auch - im anthroposophischen Sprachduktus- als „Umkehrung des Willens“ bezeichnen.
Ich habe das als ganz junger Erwachsener einmal erlebt, als ich von einer Darmgrippe geschüttelt in einer Krypta in Florenz ein Konzert hörte. Wenn man die Ruhe einmal gefunden hat, erinnert man sich an sie. Wir kommen ja aus ihr, wir haben es nur zeitweilig vergessen. Einen Augenblick des vollkommenen Einklangs kann einem nie mehr jemand nehmen, nicht einmal man selbst. Man weiss nun, dass es das gibt. Aber wie findet man den Zugang? Man kann einen solchen Augenblick nicht einfach rekonstruieren. Es war dieser Augenblick, man kann ihn nicht kopieren. Wie kann man etwas derart Flüchtiges wie einen Augenblick wieder erhaschen?
Es bedarf dann einiger Mühen, das Nicht-Bemühen so zu entwickeln, dass man in jedem Augenblick in die Zeitlosigkeit wechseln kann, und selbst bei fortgeschrittenen Personen türmen sich immer neue innere Widerstände dagegen auf. Man erlebt das ja nicht als Fortschritt, sondern auch als Selbstentlarvung. Jeder Fortschritt ist in dieser Hinsicht auch ein Rückschritt, da man immer archaischere, simple seelische Muster in sich entdeckt. Der ganze ideologische Überbau ist nichts gegen die Simplizität, mit der man sich selbst zurecht strickt. Diese Erkenntnis macht bescheiden. Sie macht auch das verrückte Strampeln der Leute um uns herum verständlich. Empathie ist die Erkenntnis, dass man genauso verstrickt ist. Wir stecken jeder für sich in seiner Blase fest.
Aber wenn die Ruhe etwas Raum in uns findet, wenn der bebende seelische Apparat regelmäßiger und dauerhafter ruhig wird, dann ist es schon, als ob etwas greifen würde- die Schwingungen der Ruhe stammen aus unseren biologischen Tiefen. Wenn wir diese berühren können, ruhen wir am Pulsen unserer Quellen. Wenn wir der Ruhe erlauben können, sich in unserem Handeln zu entfalten, lösen sich die Wände der Blase etwas auf- nicht und bei niemandem gänzlich, aber sie werden immerhin porös.
Das Fußfassen der Ruhe in unserem Handeln ist das Erwachen des Geistselbst.
Hans-Peter Dieckmann: Lasse tragen deine Seele von meiner starken Kraft
10.Jul.2010 15:20 Uhr
Wenn ich Achtsamkeit zu meinem Meditationsthema mache, weiß ich eigenständig vorweg, was Achtsamkeit bedeutet. Ich verstehe Achtsamkeit ja als Idee, um von dieser Idee ausgehend, Achtsamkeit als meine Bewusstseinshaltung zu erzeugen. Immer wieder erschließen sich mir allerdings neue Grade von Achtsamkeit, manchmal (bildhaft ausgedrückt) mit “an ihren Rändern“ erspürten Bewusstseinsgrenzen, die ich dann aber deutlich als vorläufig erfahre. Vor den “Rändern stehend“ erscheinen sie wie Schwellen, die es zu überschreiten gilt: jedoch als mein Aufklaren für sie, womit sie einfach fortfallen; nicht als das Zurücklegen einer räumlichen Strecke. Bei voller Einstiegskonzentration vergesse ich meinen Körper in diesem Prozess und werde zu meinem jeweiligen Achtsamkeitslevel, aber wenn ich darin gefestigt bin, kann ich gut zugleich meinen Körper und genauso gut auch eventuell auftretende Gedanken und Gefühle ins Bewusstsein nehmen. Dank meiner Achtsamkeitswarte beobachte ich sie nun weniger verflochten und Lösungen und Entspannungen entstehen wohltuend aus jedem Durchschauen bis über die Meditationszeiten hinaus.
weiter zur Meditation..
weiter zur Meditation..
Lotosblumen
20.Jun.2010 19:05 Uhr
Das Thema Kehlkopf-Chakra hat auch Rudolf Steiner immer wieder angeschnitten: „Nehmen wir zum Beispiel an, man richtet als solch ergebener Mensch (als Meditant), der sich dann weiter erzieht, den Sinn auf den menschlichen Kehlkopf in irgendeiner Weise, dann erscheint einem der menschliche Kehlkopf in einer merkwürdigen Weise, wie ein Organ, das ganz im Anfang des Werdens ist, das eine große Zukunft vor sich hat, und man empfindet es unmittelbar durch das, was der Kehlkopf selber als seine Wahrheit ausspricht, dass er wie ein Same ist. Und es muss einmal– das weiß man unmittelbar durch das, was der Kehlkopf ausspricht – für die Menschheitsentwickelung etwas kommen, wo der Kehlkopf ganz umgestaltet ist, wo er so sein wird, dass, während der Mensch jetzt durch den Kehlkopf nur das Wort aus sich hervorbringt, er einmal den Menschen gebären wird. Das Organ, das künftig sich dazu entfalten wird, den ganzen Menschen hervorzubringen, wenn er vergeistigt sein wird.“ (GA 134, Seite 38f)
Die Formulierung „ganz im Anfang des Werdens“ kann ich gut teilen. Dem Kehlkopf kann, wenn man meditativ praktiziert, "Raum" entspringen, der sich ausbreitet, aber sich auch wieder in den Ursprungspunkt wie eindreht. Dieser entspringende ätherische Raum ist das eigentliche Arbeitsfeld, er weitet sich bis an die Schlafgrenze, am Ende eigentlich über sie hinaus. Es ist eine Dynamik, wie ein kleiner Sturm, den man an einem Seil festbinden will. Das Seil wird gesponnen aus unserer inhaltsleeren, reinen Aufmerksamkeit. Man merkt auch, dass sich die entspringenden und gleichzeitig saugenden Felder, die etwas atmend- Knetendes an sich haben, gegenseitig entzünden. Sie korrelieren nicht nur, sondern rufen in ihrer Berührung immer neue Dynamik hervor. Schließlich fallen sie in sich zusammen, und der Raum weitet sich, fällt wieder in sich zusammen, bildet Ansätze zu einer ätherischen Gesamtform, zu einem Raum für geistiges Leben, für die Entfaltung, für die Selbsterfahrung. So eine mögliche meditative Erfahrung.
Aber eine Form könnte nur Momentaufnahme sein, denn diese Räumlichkeit ist nicht festzumachen, da sie aus ununterbrochenem Wandel besteht. Man weiss, man kann sich nur mit der Anstrengung im Sinne von Konzentration in der reinen Dynamik halten; normalerweise schläft man hier ein. Aber zugleich ist hier nichts anstrengend, die übliche sensorische Verortung und Verarbeitung ist gar nicht zu bemerken. Man ist an einer Kraft, die schafft, nicht an einem zerbrechlichen neuronalen Spiegelbild tätig.
Man schlüpft dort hinein wie in einen Handschuh. In dem Augenblick, in dem man es tut, geht man ins lebendige Denken hinein. Es ist eine Formkraft. Man bemerkt, dass man sie handhaben kann. Es fühlt sich noch etwas ungeschickt und grob an, aber man kann denkend- phänomenal, wie von innen her, von der Dynamik aus, zum Beispiel Naturobjekte oder auch Mantren ausfüllen. Man wird dann selbst zu Blatt, Wurzel und Blüte (oder zu einem Gebet), man füllt es von innen aus. Die sonst auf den tatsächlichen physischen Leib bezogenen Empfindungen können konkrete Wuchsformen jeder Pflanze nachempfinden, ja nachbilden. Damit können sich immer weitere geistige Forschungsaufgaben ergeben.
Heide Oehms schreibt dazu: „Rudolf Steiner beschreibt in dem genannten Kapitel "Über einige Wirkungen der Einweihung" "Veränderungen im so genannten Seelenorganismus" (S.115).
Dieser wird im Verlauf der Übungen regelmäßiger gegliedert. Er ist ein Gebilde, welches vom Inneren des Kopfes bis zur Mitte des physischen Körpers verläuft. In diesem befinden sich Organe, die Lotusblumen genannt, die bei jedem Menschen vorhanden sind. Sie waren in alten Zeiten beweglich, drehten sich gegen den Uhrzeigersinn und machten damit das traumhafte Hellsehen möglich.
Beim heutigen Menschen sind sie in der Regel unbewegt, und dadurch ist er von der geistigen Welt abgeschnitten. Die Aufgabe eines bewusst beschrittenen Weges liegt darin, diese Organe aus ihrem Schlafzustand durch regelmäßige Strukturierung in eine Rechtsdrehung zu versetzen, was ein wach bewusstes Hellsehen ermöglicht. Die Lotusblumen hellen sich auf und werden zu Sinnesorganen der Seele. Rudolf Steiner beginnt in seiner Beschreibung mit der sechzehn-blättrigen Lotusblume des Kehlkopfes.“
Und weiter, mehr auf das eingehend, was ich oben als „ätherischer Raum“ beschrieben habe: „Wichtig ist es, die Empfehlung ernst zu nehmen, die jeweilige Übung mit den in den esoterischen Stunden angegebenen Strömungen abzuschließen. Diese sind solange vorzunehmen, bis sie spürbar werden. Ein leises Strömen im Ätherleibe wird wahrnehmbar. Zuerst soll der Mittelpunkt an der Stirn erscheinen. Später wird der Mittelpunkt in den Kehlkopf verlegt und danach erst im Herzen gebildet. Dazu werden bestimmte Mantren meditiert. Es genügt nicht ein rein gedankliches Meditieren, sondern willenhaft erlebtes. Dies meint ein Einprägen bestimmter Formeln, das noch beschrieben werden soll. Die Herzlotusblume vermittelt Wahrnehmungen der Seelenwärme und Seelenkälte, ebenso ein tiefes Verständnis für Naturvorgänge: Wachsen und Vergehen, die ebenso Seelenwärme und -kälte ausströmen.“ (Heide Oehms)
Das religiös- moralische Empfinden entwickelt sich weniger durch gezielte Übungen, sondern steigt von selbst wie von unten auf; es ist ja die Essenz des Seins und man muss einfach dorthin kommen. Es ist die Wahrheitssphäre. Hier atmet der Geist mit sich selbst. Man tut nichts persönlich dazu und bringt nichts mit. Das ist eigentlich auch nicht nötig, weil das Religiöse in dieser Sphäre einfach die Realität ist, das Sein selbst.
Hier ist es egal, wer man ist, es gibt keinerlei Qualifikation, nichts Mitgebrachtes. Entweder man betritt diese Sphäre oder man tut es nicht. Man kann (vermutlich) ein sagenhaftes Karma haben, eine wahre Glücks- Marie sein, aber hier an diesem Punkt ist "alles neu". Man kommt nur "neu" hinein, es geht nicht anders. Hier sind alle Menschen gleich und auch wahr.
Die Formulierung „ganz im Anfang des Werdens“ kann ich gut teilen. Dem Kehlkopf kann, wenn man meditativ praktiziert, "Raum" entspringen, der sich ausbreitet, aber sich auch wieder in den Ursprungspunkt wie eindreht. Dieser entspringende ätherische Raum ist das eigentliche Arbeitsfeld, er weitet sich bis an die Schlafgrenze, am Ende eigentlich über sie hinaus. Es ist eine Dynamik, wie ein kleiner Sturm, den man an einem Seil festbinden will. Das Seil wird gesponnen aus unserer inhaltsleeren, reinen Aufmerksamkeit. Man merkt auch, dass sich die entspringenden und gleichzeitig saugenden Felder, die etwas atmend- Knetendes an sich haben, gegenseitig entzünden. Sie korrelieren nicht nur, sondern rufen in ihrer Berührung immer neue Dynamik hervor. Schließlich fallen sie in sich zusammen, und der Raum weitet sich, fällt wieder in sich zusammen, bildet Ansätze zu einer ätherischen Gesamtform, zu einem Raum für geistiges Leben, für die Entfaltung, für die Selbsterfahrung. So eine mögliche meditative Erfahrung.
Aber eine Form könnte nur Momentaufnahme sein, denn diese Räumlichkeit ist nicht festzumachen, da sie aus ununterbrochenem Wandel besteht. Man weiss, man kann sich nur mit der Anstrengung im Sinne von Konzentration in der reinen Dynamik halten; normalerweise schläft man hier ein. Aber zugleich ist hier nichts anstrengend, die übliche sensorische Verortung und Verarbeitung ist gar nicht zu bemerken. Man ist an einer Kraft, die schafft, nicht an einem zerbrechlichen neuronalen Spiegelbild tätig.
Man schlüpft dort hinein wie in einen Handschuh. In dem Augenblick, in dem man es tut, geht man ins lebendige Denken hinein. Es ist eine Formkraft. Man bemerkt, dass man sie handhaben kann. Es fühlt sich noch etwas ungeschickt und grob an, aber man kann denkend- phänomenal, wie von innen her, von der Dynamik aus, zum Beispiel Naturobjekte oder auch Mantren ausfüllen. Man wird dann selbst zu Blatt, Wurzel und Blüte (oder zu einem Gebet), man füllt es von innen aus. Die sonst auf den tatsächlichen physischen Leib bezogenen Empfindungen können konkrete Wuchsformen jeder Pflanze nachempfinden, ja nachbilden. Damit können sich immer weitere geistige Forschungsaufgaben ergeben.
Heide Oehms schreibt dazu: „Rudolf Steiner beschreibt in dem genannten Kapitel "Über einige Wirkungen der Einweihung" "Veränderungen im so genannten Seelenorganismus" (S.115).
Dieser wird im Verlauf der Übungen regelmäßiger gegliedert. Er ist ein Gebilde, welches vom Inneren des Kopfes bis zur Mitte des physischen Körpers verläuft. In diesem befinden sich Organe, die Lotusblumen genannt, die bei jedem Menschen vorhanden sind. Sie waren in alten Zeiten beweglich, drehten sich gegen den Uhrzeigersinn und machten damit das traumhafte Hellsehen möglich.
Beim heutigen Menschen sind sie in der Regel unbewegt, und dadurch ist er von der geistigen Welt abgeschnitten. Die Aufgabe eines bewusst beschrittenen Weges liegt darin, diese Organe aus ihrem Schlafzustand durch regelmäßige Strukturierung in eine Rechtsdrehung zu versetzen, was ein wach bewusstes Hellsehen ermöglicht. Die Lotusblumen hellen sich auf und werden zu Sinnesorganen der Seele. Rudolf Steiner beginnt in seiner Beschreibung mit der sechzehn-blättrigen Lotusblume des Kehlkopfes.“
Und weiter, mehr auf das eingehend, was ich oben als „ätherischer Raum“ beschrieben habe: „Wichtig ist es, die Empfehlung ernst zu nehmen, die jeweilige Übung mit den in den esoterischen Stunden angegebenen Strömungen abzuschließen. Diese sind solange vorzunehmen, bis sie spürbar werden. Ein leises Strömen im Ätherleibe wird wahrnehmbar. Zuerst soll der Mittelpunkt an der Stirn erscheinen. Später wird der Mittelpunkt in den Kehlkopf verlegt und danach erst im Herzen gebildet. Dazu werden bestimmte Mantren meditiert. Es genügt nicht ein rein gedankliches Meditieren, sondern willenhaft erlebtes. Dies meint ein Einprägen bestimmter Formeln, das noch beschrieben werden soll. Die Herzlotusblume vermittelt Wahrnehmungen der Seelenwärme und Seelenkälte, ebenso ein tiefes Verständnis für Naturvorgänge: Wachsen und Vergehen, die ebenso Seelenwärme und -kälte ausströmen.“ (Heide Oehms)
Das religiös- moralische Empfinden entwickelt sich weniger durch gezielte Übungen, sondern steigt von selbst wie von unten auf; es ist ja die Essenz des Seins und man muss einfach dorthin kommen. Es ist die Wahrheitssphäre. Hier atmet der Geist mit sich selbst. Man tut nichts persönlich dazu und bringt nichts mit. Das ist eigentlich auch nicht nötig, weil das Religiöse in dieser Sphäre einfach die Realität ist, das Sein selbst.
Hier ist es egal, wer man ist, es gibt keinerlei Qualifikation, nichts Mitgebrachtes. Entweder man betritt diese Sphäre oder man tut es nicht. Man kann (vermutlich) ein sagenhaftes Karma haben, eine wahre Glücks- Marie sein, aber hier an diesem Punkt ist "alles neu". Man kommt nur "neu" hinein, es geht nicht anders. Hier sind alle Menschen gleich und auch wahr.
Am Rand der Wolken
06.Jun.2010 17:50 Uhr

Georg Kühlewind hat gelegentlich vom „Funken des Logos“ gesprochen, der „hier“, „im Fleisch“, in jedem von uns „da“ ist - fähig zum Neuanfang in jedem Augenblick. Selbst in scheinbar finalen und unausweichlichen Augenblicken und in absoluter Perspektivlosigkeit kann diese Kraft in uns „beginnen“. Der Trost liegt nicht in unmittelbar veränderten Umständen, sondern in einer anderen Haltung. Sobald sich die eigene Perspektive weitet, indem sie aus der Ruhe heraus eingenommen wird, können sich passende Schritte zeigen. Sobald die Situation so, wie sie ist, angenommen wird, verliert sie die Maske ihrer Unbeweglichkeit und Unabänderlichkeit.
Die Kraft, wenn sie einmal entdeckt wird, führt bis an den Rand des Schlafs. Sich dort zu halten kann nur aus ureigener Konzentration geschafft werden. Es ist dies die Vernunft, die bestehen kann, wenn ihr dazu die vertrauten Grundlage fehlen. Hier muss sie aus sich bestehen, nicht angelehnt an Konstrukte, Vorstellungen und Denkgewohnheiten.
An der Grenze stellt man sich auf raues Wetter ein. Man bewegt sich am Rand einer Wolkenwand. Aber natürlich geht es nicht um meteorologische Zusammenhänge, sondern um die Scheidewand zwischen Licht und Dunkel- zwischen dem, was man an Bewusstheit aufzubringen vermag und dem, in das man versinkt. Wir sind nur so weit, so energisch und so bewusstseinsklar, wie wir eben sind. Mit den Körpergrenzen im biologischen Sinne hat das nicht unbedingt etwas zu tun, sondern mit den Grenzen unserer inneren Kraft. Hier gibt es keinen Stillstand und keine Wiederholung. Was man hat, behält man nicht und dort, wo man sicher ist, verliert man den Boden.
Wir gehen den Wolkenrand entlang- es ist eine Wand von einer Höhe und Tiefe, die mein Fassungsvermögen übersteigt. Wenn man genau hinsieht, bemerkt man, dass sich in der Wand Kräfte ballen, die aus sich selbst immer weitere Wolken entspringen lassen. Die Dynamik hat etwas, dass man „Quellen des Lebens“ dazu sagen mag. Es ist nichts Beängstigendes dabei. Das stellt man sich nur so vor. Der Quell, der sich selbst entspringt und aus nichts gespeist wird, wandert aus dem Gesichtsfeld, aber es wachsen weitere, immer neue aus dem Nebel.
Das ist die Schwelle. Oder eine davon. Man geht benetzt von ihr zurück, erfrischt, erholt, beschenkt. Rudolf Steiner sagte zu den Wolken: „Wir richten den Blick aufwärts und sehen, wie in dem Luftförmigen, in dem ja allerdings die Geister der Bewegung, die Dynamis walten, wie da am Werke sind die Cherubime, damit das Wässerige, das aus dem Bereiche der Geister der Weisheit,
der Kyriotetes aufsteigt, sich zu Wolken ballen kann. (GA 122, Seite120)
Man kann die Schwelle nicht überschreiten, aber man kann sie verinnerlichen. Man kann den Quell in der Mitte entspringen lassen, eine individuell getönte Kraft, die sich im Augenblick ihres Entstehens in Gefühl verwandelt. Es ist nur eine andere Stimmung, eine andere Ebene. In der Tiefe ziehen die Wale vorbei wie riesige Schemen. Sie sind das Gefühl, das sich selbst genug ist. Ein Gefühl, das keine Resonanz ist auf irgendein Ereignis, sondern ein Strom, der aus sich heraus entsteht.
Je näher man der Wolkenwand rückt, desto mehr kann und muss man sich im Alltag begründen. Dass die Aufgaben klarer vor Augen stehen, liegt wohl vor allem daran, dass der innere Blick sich klärt: Die Befangenheiten, das Bestehenwollen, das Aufrührende und Sich-selbst-Berührende, die stumme, verbissene innere Wolkenwand, ist dünn geworden und lässt Licht und Luft in die Dinge, die man anfängt. Und die sind stimmiger als früher, passen sich ein in das, was sich in die Situation fügt. Darum geht es ja: Fügsam zu sein in das, was anliegt; nicht Ausgedachtes, nicht herbei Gesehntes, sondern purer Realismus. Es ist eine gegenseitige Verankerung, nach außen wie nach innen.
Geistige Erfahrung ist die Vernunft, die sich ihrer selbst bewusst wird, aber sich einfügen kann in die Dinge- eine die Komplexität von Prozessen einsehende und sie mit sanftem Willen mit gestaltende Vernunft.
Vergewisserung
01.Mai.2010 20:20 Uhr

Bleibt die Anerkennung aus (und eigentlich ist es nie genug), steigt man um auf die Surrogate des Feinschmeckens oder des Verschlingens, auf Selbstbestätigung und - vernebelung aller Art, auf Esoterik oder andere postpubertäre Genüsse und Ekstasen, vielleicht auch auf Verzweiflung. Wo die Anerkennung nicht hinreicht, bedarf es einer nachhaltigen Selbstbestätigung, ein Fass ohne Boden, das immer schon leer ist, wenn doch eine Anerkennung geschieht.
Das sind die einfachen Mechanismen des Ich.
Komplizierter wird die Sache, wenn tatsächlich aktiv gearbeitet wird. Bei echter geistiger Arbeit schwinden die „festen“ Standpunkte und die groben Rechthabereien. Das schon deshalb, weil man sich selbst so deutlich sieht, mitsamt den Verrenkungen, Verstellungen und Zwängen. Nicht nur einmal erscheint das, was einem an sich selbst als wertvoll und unantastbar galt, nun in einem ganz anderen Licht. Auf einmal ist das, was man eigentlich so typisch und sympathisch an sich fand, zu einem seelischen Reflex geronnen, ein Strohhalm, an den sich ein luftiges Ich einst klammerte. Von der frühen Pracht, Selbstgewissheit und Arroganz bleibt nicht viel übrig. Das sind, wie man nun weiss, Artefakte, Mechanismen- oft genug Angelschnüre und Netze, um Anerkennung zu erhaschen und sich selbst und Andere zu blenden. Was jetzt zählt, ist allein das, was man tut.
Aber in gewisser Weise sucht man zwar nicht mehr so sehr Anerkennung, sondern eine spezielle Art der Vergewisserung: Man macht seine Erfahrungen, aber es gibt für sie in unserem Erfahrungs- Kontext keinerlei Bezugspunkte; die geistige Erfahrung bleibt auch dann ein Risiko, wenn man in ihr sicherer geworden ist und Erlebnisse hat, die einen seelisch aufrichten. Daher ist es eine angenehme Erfahrung, von Anderen - und sei es in einem Buch- eine Art Bestätigung zu erhalten. Vielleicht ist dieser vorsichtige Abgleich ohnehin die beste Art, sich „esoterischer“ Literatur zu nähern. Bankei, der revolutionäre und aufsässige Zen- Meister des 17. Jahrhunderts, der mit fast allen Traditionen des Zen brach, sagte dazu:
„Ich war 26, als ich plötzlich erkannte, dass sich alle Probleme in der Ungeborenheit lösen. Seitdem habe ich versucht, das Anderen zu vermitteln. Ich bin überall herum gekommen. Aber seit dieser Erkenntnis habe ich nicht einen einzigen Menschen getroffen, der dieser meiner Haltung entsprochen hätte. Als ich diese Erkenntnis hatte, gab es keinen weisen Lehrer um mich herum- zumindest habe ich persönlich keinen getroffen, so dass ich für meine Art des Verständnisses nie eine Vergewisserung („confirmation“) gefunden habe. Ich hatte daher schwere Zeiten. Ich habe diese Schwierigkeiten nie vergessen. Inzwischen bin ich nicht mehr sehr gesund, wie man sieht, aber ich habe dennoch ein Gelübde abgelegt, jedem, der „auf dem Weg“ ist, Vergewisserung zu gewähren. Deshalb komme ich jeden Tag, um euch zu treffen. Meine eigene Gesundheit ist angeschlagen. Aber wenn irgend jemand meint, er oder sie hätte etwas in sich verwirklicht, dann möge er oder sie doch kommen und es mir mitteilen. Ich werde es bestätigen („I´ll confirm it for you“).“
______________
„The Unborn. The Life and Teaching of Zen Master Bankei 1622-1693“, San Francisco 1984, Seite 41
Bildquelle (Kalligraphie von Bankei)
Bei Wikipedia dazu: „Bankeis Lehren waren in dem Sinne revolutionär, wie sie die damals herrschenden diktatorischen gesellschaftlichen Vorstellungen, die auf dem Konfuzianismus basierten und jeden individuellen Gedanken und Ausdruck verboten, durchschnitten. Bankeis Wirken beruhte auf dem gesprochenen Wort. Seine Vorträge entsprangen einer tiefen inneren Überzeugung und waren so überzeugend und verständlich, dass sie jedermann erreichten, auch ohne Buddhist zu sein.
Seine Lehren lassen sich alle auf einen Punkt zurückführen: Den Geist loslassen, sämtliche Konzepte und Ideen aufgeben und den eigenen, ursprünglichen Geist "hier und jetzt" erfahren, ohne sich an irgend eine religiöse oder weltanschauliche Idee oder Übung zu klammern. Diesen unmittelbaren Geist hier und jetzt bezeichnete Bankei als "das Ungeborene", das immer da ist und dies auch schon immer war:
"Das Ungeborene ist nicht etwas, das durch Disziplin erreicht oder erlangt wird. Es ist nicht eine Beschaffenheit des Geistes oder religiöse Ekstase; es ist, dort wo du stehst, makellos so, wie es ist. Alles was du tun musst, um es zu erkennen ist, du selbst sein, genau wie du bist; zu tun, genau was du tust, ohne Kommentar, Befangenheit oder Urteil."
Zitiert aus "Verrückte Wolken" (S. 123)
Der Jähzorn & die Ungeborenheit
21.Apr.2010 18:42 Uhr
„Ein Mönch sagte zu Bankei*: Ich bin jähzornig geboren- ständig aufbrausend. Mein Meister hat mir deswegen viele Vorhaltungen gemacht, aber das hat daran auch nichts geändert. Ich sollte irgend etwas daran tun, aber ich bin nun mal mit diesem Temperament geboren. Egal, wie sehr ich es zu überwinden versuche: Ich kann es doch nicht ändern. Ich hoffe, dass ich mich mit deinen Lehren irgendwie kurieren kann. Erst dann möchte ich nach Hause gehen, um meinem Meister unter die Augen zu treten und um daraus Nutzen zu ziehen. Sag mir bitte, was ich tun soll.
Bankei: Das ist eine bemerkenswerte Erbschaft. Ist deine Wut gerade anwesend? Zeig sie uns. Ich werde dich heilen.
Mönch: Ich bin gerade nicht wütend. Diese Stimmungen kommen unvermittelt hoch, wenn mich etwas herausfordert.
Bankei: Nein, du bist damit nicht geboren. Du erzeugst es selbst, wenn dir gerade eine passende Ausrede einfällt. Woher sollten deine Stimmungen kommen, wenn nicht aus dir selbst? Du lässt diese Launen zu, weil du dir selbst gegenüber befangen bist. Du benutzt Andere, um deinen eigenen Willen zu haben. Dann beschuldigst du auch noch deine Eltern, sie hätten dir den Jähzorn aufgehalst. Was für ein respektloser Sohn du bist!
Jeder Mensch erhält bei seiner Geburt das Buddha- Bewusstsein von seinen Eltern. Die Selbsttäuschungen erzeugt er ganz allein, in Voreingenommenheit sich selbst gegenüber. Es ist dumm zu denken, so etwas sei angeboren. Wo soll der Jähzorn denn herkommen? Diese Art von Illusionen sind alle gleich; sobald man sie nicht mehr am Leben erhält, verschwinden sie einfach. Aber Jeder scheint darin zu versagen, dies zu erkennen. Man findet diese Illusionen bei sich vor, aber man produziert sie auch, aus egozentrischen Sehnsüchten und verblendeten intellektuellen Gewohnheiten heraus. Man meint, dies sei in einem verwurzelt, obwohl dies keinesfalls stimmt. Aus diesem Grund überlagert die Selbsttäuschung alles, was man tut.
Du musst deine Illusionen zärtlich pflegen, weil du das Buddha- Bewusstsein in sie verwandelst. Das ist die Korruption sich selbst gegenüber. Wenn du den wahren Wert des Buddha- Bewusstseins kennen würdest, könntest du selbst dann nicht mehr in diese Selbsttäuschungen verfallen, wenn du es wolltest. Mach dir eines ganz klar: Wenn du nicht in der Selbsttäuschung fest hängst, bist du Buddha, ja bist du erleuchtet. Es gibt keinen wirklichen anderen Weg zu Buddha. Mach Schluss damit, hör mir zu und verstehe, was ich meine.
Du schaffst die Ausbrüche deines Jähzorns ganz allein, wenn deine Sinne durch äußere Umstände provoziert werden. Du wirst dadurch angespornt, dich gegen andere Leute aufzulehnen, um deine tollen eigenen Gedanken durchzusetzen. Wenn die Bindung an dein Ego nicht mehr da ist, verschwinden diese Illusionen von selbst. Mach dir das klar.
Alles, was deine Eltern dir mitgegeben haben, ist das reine Buddha- Bewusstsein. Nichts sonst. Was hast du damit angestellt? Seit du ein Baby warst, hast du Andere beobachtet und hast gesehen, wie diese ihr Gleichgewicht verloren haben. Du bist darin erstklassig geschult und hast dich an den Jähzorn gewöhnt. Das gehört nicht von Natur zu dir. Du verhätschelst dich einfach selbst, wenn du dir erlaubst, deiner Wut nachzugeben. Wenn du nun merkst, dass das ein Irrtum war und wenn du diesen Gefühlen einfach nicht mehr erlaubst, derartig auszubrechen, wirst du dich auch nicht über sie zu beklagen haben. Aber statt zu versuchen, daran ernsthaft zu arbeiten, lässt du dich weiter gehen. Du machst es dir leicht, nicht wahr? Wenn man hinterher versucht, solche Probleme zu lösen, ist das so schwierig wie vergeblich. Werde einfach nicht wütend, dann musst du auch nicht versuchen, daran herum zu basteln. Es gibt nichts, was man „heilen“ müsste.
Wenn du das verstanden und abgestellt hast, werden Selbstbespiegelungen und Illusionen nicht einmal mehr möglich sein, wenn du es wolltest, da du dauerhaft in der Ungeborenheit, dem Buddha- Bewusstsein, lebst. Sonst ist darüber nichts zu sagen.“
______________
*Bankei (1622-1693) in Norman Waddell (Übersetzer): The Unborn. The Life and Teacxhing of Zen Master Bankei (1622-1693), San Francisco 1984. Textstelle frei übersetzt von M.E.
Bankei: Das ist eine bemerkenswerte Erbschaft. Ist deine Wut gerade anwesend? Zeig sie uns. Ich werde dich heilen.
Mönch: Ich bin gerade nicht wütend. Diese Stimmungen kommen unvermittelt hoch, wenn mich etwas herausfordert.
Bankei: Nein, du bist damit nicht geboren. Du erzeugst es selbst, wenn dir gerade eine passende Ausrede einfällt. Woher sollten deine Stimmungen kommen, wenn nicht aus dir selbst? Du lässt diese Launen zu, weil du dir selbst gegenüber befangen bist. Du benutzt Andere, um deinen eigenen Willen zu haben. Dann beschuldigst du auch noch deine Eltern, sie hätten dir den Jähzorn aufgehalst. Was für ein respektloser Sohn du bist!
Jeder Mensch erhält bei seiner Geburt das Buddha- Bewusstsein von seinen Eltern. Die Selbsttäuschungen erzeugt er ganz allein, in Voreingenommenheit sich selbst gegenüber. Es ist dumm zu denken, so etwas sei angeboren. Wo soll der Jähzorn denn herkommen? Diese Art von Illusionen sind alle gleich; sobald man sie nicht mehr am Leben erhält, verschwinden sie einfach. Aber Jeder scheint darin zu versagen, dies zu erkennen. Man findet diese Illusionen bei sich vor, aber man produziert sie auch, aus egozentrischen Sehnsüchten und verblendeten intellektuellen Gewohnheiten heraus. Man meint, dies sei in einem verwurzelt, obwohl dies keinesfalls stimmt. Aus diesem Grund überlagert die Selbsttäuschung alles, was man tut.
Du musst deine Illusionen zärtlich pflegen, weil du das Buddha- Bewusstsein in sie verwandelst. Das ist die Korruption sich selbst gegenüber. Wenn du den wahren Wert des Buddha- Bewusstseins kennen würdest, könntest du selbst dann nicht mehr in diese Selbsttäuschungen verfallen, wenn du es wolltest. Mach dir eines ganz klar: Wenn du nicht in der Selbsttäuschung fest hängst, bist du Buddha, ja bist du erleuchtet. Es gibt keinen wirklichen anderen Weg zu Buddha. Mach Schluss damit, hör mir zu und verstehe, was ich meine.
Du schaffst die Ausbrüche deines Jähzorns ganz allein, wenn deine Sinne durch äußere Umstände provoziert werden. Du wirst dadurch angespornt, dich gegen andere Leute aufzulehnen, um deine tollen eigenen Gedanken durchzusetzen. Wenn die Bindung an dein Ego nicht mehr da ist, verschwinden diese Illusionen von selbst. Mach dir das klar.
Alles, was deine Eltern dir mitgegeben haben, ist das reine Buddha- Bewusstsein. Nichts sonst. Was hast du damit angestellt? Seit du ein Baby warst, hast du Andere beobachtet und hast gesehen, wie diese ihr Gleichgewicht verloren haben. Du bist darin erstklassig geschult und hast dich an den Jähzorn gewöhnt. Das gehört nicht von Natur zu dir. Du verhätschelst dich einfach selbst, wenn du dir erlaubst, deiner Wut nachzugeben. Wenn du nun merkst, dass das ein Irrtum war und wenn du diesen Gefühlen einfach nicht mehr erlaubst, derartig auszubrechen, wirst du dich auch nicht über sie zu beklagen haben. Aber statt zu versuchen, daran ernsthaft zu arbeiten, lässt du dich weiter gehen. Du machst es dir leicht, nicht wahr? Wenn man hinterher versucht, solche Probleme zu lösen, ist das so schwierig wie vergeblich. Werde einfach nicht wütend, dann musst du auch nicht versuchen, daran herum zu basteln. Es gibt nichts, was man „heilen“ müsste.
Wenn du das verstanden und abgestellt hast, werden Selbstbespiegelungen und Illusionen nicht einmal mehr möglich sein, wenn du es wolltest, da du dauerhaft in der Ungeborenheit, dem Buddha- Bewusstsein, lebst. Sonst ist darüber nichts zu sagen.“
______________
*Bankei (1622-1693) in Norman Waddell (Übersetzer): The Unborn. The Life and Teacxhing of Zen Master Bankei (1622-1693), San Francisco 1984. Textstelle frei übersetzt von M.E.
Ingrid Haselberger: Der Winter kehrt zurück...
11.Mär.2010 17:13 Uhr
- Meine Erfahrungen mit der „dritten Nebenübung“-

Ich folge Steiners Anregung. Zu meiner Verwunderung ist es gar nicht besonders schwierig.
Statt ein muffiges Gesicht aufzusetzen, beobachte ich, was in mir geschieht. Was ist das eigentlich, was da in mir aufsteigt?
Dieses Unbehagen, das ich empfinde, kann eigentlich nicht nur durch Kälte und Schnee verursacht sein. Denn schließlich: den allerersten Schnee in diesem Winter habe ich wirklich freudig begrüßt, und mich auch über die anhaltende Kälte gefreut, sie sogar herbeigesehnt, damit die weiße Pracht nicht allzu schnell wieder dahin ist...
Was ist es also, das mich jetzt vor demselben Anblick unmutig und ungeduldig aufstöhnen lassen will?
Es hat wohl mit Enttäuschung zu tun.
Ent-täuschung aber bedeutet, daß ich zuvor einer Täuschung erlegen war: ich hatte etwas erwartet, das nun doch noch nicht eingetreten ist. Ich hatte wohl empfunden, daß ich mir nach diesem langen Winter jetzt sofort einen hellen und warmen Frühling "verdient" hätte.
______________
Zum ganzen Text..

Ich folge Steiners Anregung. Zu meiner Verwunderung ist es gar nicht besonders schwierig.
Statt ein muffiges Gesicht aufzusetzen, beobachte ich, was in mir geschieht. Was ist das eigentlich, was da in mir aufsteigt?
Dieses Unbehagen, das ich empfinde, kann eigentlich nicht nur durch Kälte und Schnee verursacht sein. Denn schließlich: den allerersten Schnee in diesem Winter habe ich wirklich freudig begrüßt, und mich auch über die anhaltende Kälte gefreut, sie sogar herbeigesehnt, damit die weiße Pracht nicht allzu schnell wieder dahin ist...
Was ist es also, das mich jetzt vor demselben Anblick unmutig und ungeduldig aufstöhnen lassen will?
Es hat wohl mit Enttäuschung zu tun.
Ent-täuschung aber bedeutet, daß ich zuvor einer Täuschung erlegen war: ich hatte etwas erwartet, das nun doch noch nicht eingetreten ist. Ich hatte wohl empfunden, daß ich mir nach diesem langen Winter jetzt sofort einen hellen und warmen Frühling "verdient" hätte.
______________
Zum ganzen Text..
Die anthroposophische Fallgrube
04.Mär.2010 19:38 Uhr
Dass ich ausgerechnet den bis 1945 äußerst fragwürdigen Autoren und italienischen Anthroposophen Massimo Scaligero auch zur Kritik an der anthroposophischen Methodik heran ziehe, muss schon deshalb befremden, weil er in Deutschland nach wie vor kaum gelesen wird, sein Übersetzer die weitere Arbeit eingestellt hat und seine Bücher durchgängig nur antiquarisch zu haben sind. Von Kritikern wird immer wieder gefordert, Scaligero aufgrund seiner eindeutig faschistischen Vergangenheit völlig zu ignorieren- sein Werk quasi einer internen Bücherverbrennung zu übergeben und den Autor zu vergessen. Allerdings sind seine wenigen übersetzten Bücher aus der Zeit nach 1945 derart dicht, nüchtern und von einer offensichtlichen spirituellen Aufrichtigkeit und Reife, dass ich diesen Forderungen nicht nachgeben möchte. Trotz aller Vorbehalte gegen den Autor sollten diese Arbeiten meiner Meinung nach sogar sehr viel mehr in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gelangen- zumindest für diejenigen, die sich ernsthaft mit meditativen Wegen im Sinne einer Spiritualisierung des Denkens interessieren. Dazu muss man Scaligero keineswegs idealisieren oder die sehr deutlichen Untiefen seiner faschistischen Vergangenheit unter den Teppich kehren.
Die „Fallgrube“, von der im Titel die Rede ist, wird von Scaligero (wiederum: „Traktat über das lebende Denken“) in folgender Weise angesprochen:
„Die Konzentrationsübung verläuft in der richtigen Weise, wenn sie der Gesetzmäßigkeit des von seinem Wesen her wahrgenommenen Denkens entspricht, nicht aber wenn sich Doktrinen der Vergangenheit in ihr ausdrücken, die - in einer Methodik, die früher berechtigt war- dem Denken besondere spirituelle Themen vorgeben, es aber in Wirklichkeit von seiner eigenen reinen Immanenz abbringen. Diese Doktrinen operieren heute mit einem Kanon, der längst gedacht ist, und präsentieren dem Menschen metaphysische Inhalte, die die wirkliche Dynamis des Geistes lähmen.“ (S. 69)
Damit ist gemeint, dass Vorstellungen über die Art und Weise, wie sich spirituelle Erfahrung entwickelt, bereits im Vorfeld des eigenen Übens wie in einer Überlagerung vor das innere Auge legen und damit die sich entwickelnde innere „Immanenz“ praktisch unmöglich machen. Nun hat kaum ein spiritueller Denker durch die publizierten Vorträge ein derart umfassendes Werk wie Rudolf Steiner hinterlassen- ein Werk, das schon vom Umfang her für den Einzelnen kaum zu bewältigen ist. Nur allzu leicht wird die „Dynamis des Geistes“ eben durch diese Inhalte des Werkes, aber auch durch eine unkritische Verehrung dessen, der dergleichen geäußert hat, verhindert. Selbst wenn diese Fallgrube umgangen wird, führt die Bearbeitung des Werks häufig zu einer Metadiskussion esoterischer Inhalte- nicht selten auf hohem abstraktem Niveau. Andererseits verhindern die Vorstellungen darüber, wie „spirituelle Erfahrung“ auszusehen hat, den eigenen realen Erfahrungen zu vertrauen oder sie überhaupt als solche zu erkennen. So entwickelt sich die häufig beklagte typisch anthroposophische Second-Hand-Spiritualität aus geliehenen Vorstellungen oder - in einer Art Salto mortale- eine aufgepfropfte Esoterik, die sich zwar der anthroposophischen Nomenklatur bedient, ihre Quellen aber ganz anderen Richtungen entlehnt. Manchmal entwickelt sich auch eine seltsame Dogmatik, die sich vor allem in der Ablehnung von Erfahrungen Anderer aufbaut und auf eine vorgebliche „Reinheit der Lehre“ pocht.
Die Freiheit, jenseits von Dogmatik, „Inhalten“ und wie auch immer gearteten Vorstellungen dort zu gründen, wo das Denken „noch nicht an ein Objekt“ (Scaligero) gebunden, noch namenlos und formlos sich selbst erfährt, versickert in diesen Fallgruben allzu leicht. Die „Verwirklichung seines Seins, das eins ist mit der Welt“, ist einem Denken, das bereits mit Erwartungen und Vorstellungen besetzt ist, fast unmöglich.
Wenn man Anthroposophie in dieser Hinsicht etwas vorwerfen mag, ist es eben ihre Fülle. Aus ihr muss sich der, der es mit ihr ernst meint, in gewisser Weise auch heraus arbeiten, um sich zu emanzipieren. Der Beginn setzt an einem individuellen Nullpunkt an, an dem „Inhalte“ und Determinationen schweigen.
Die „Fallgrube“, von der im Titel die Rede ist, wird von Scaligero (wiederum: „Traktat über das lebende Denken“) in folgender Weise angesprochen:
„Die Konzentrationsübung verläuft in der richtigen Weise, wenn sie der Gesetzmäßigkeit des von seinem Wesen her wahrgenommenen Denkens entspricht, nicht aber wenn sich Doktrinen der Vergangenheit in ihr ausdrücken, die - in einer Methodik, die früher berechtigt war- dem Denken besondere spirituelle Themen vorgeben, es aber in Wirklichkeit von seiner eigenen reinen Immanenz abbringen. Diese Doktrinen operieren heute mit einem Kanon, der längst gedacht ist, und präsentieren dem Menschen metaphysische Inhalte, die die wirkliche Dynamis des Geistes lähmen.“ (S. 69)
Damit ist gemeint, dass Vorstellungen über die Art und Weise, wie sich spirituelle Erfahrung entwickelt, bereits im Vorfeld des eigenen Übens wie in einer Überlagerung vor das innere Auge legen und damit die sich entwickelnde innere „Immanenz“ praktisch unmöglich machen. Nun hat kaum ein spiritueller Denker durch die publizierten Vorträge ein derart umfassendes Werk wie Rudolf Steiner hinterlassen- ein Werk, das schon vom Umfang her für den Einzelnen kaum zu bewältigen ist. Nur allzu leicht wird die „Dynamis des Geistes“ eben durch diese Inhalte des Werkes, aber auch durch eine unkritische Verehrung dessen, der dergleichen geäußert hat, verhindert. Selbst wenn diese Fallgrube umgangen wird, führt die Bearbeitung des Werks häufig zu einer Metadiskussion esoterischer Inhalte- nicht selten auf hohem abstraktem Niveau. Andererseits verhindern die Vorstellungen darüber, wie „spirituelle Erfahrung“ auszusehen hat, den eigenen realen Erfahrungen zu vertrauen oder sie überhaupt als solche zu erkennen. So entwickelt sich die häufig beklagte typisch anthroposophische Second-Hand-Spiritualität aus geliehenen Vorstellungen oder - in einer Art Salto mortale- eine aufgepfropfte Esoterik, die sich zwar der anthroposophischen Nomenklatur bedient, ihre Quellen aber ganz anderen Richtungen entlehnt. Manchmal entwickelt sich auch eine seltsame Dogmatik, die sich vor allem in der Ablehnung von Erfahrungen Anderer aufbaut und auf eine vorgebliche „Reinheit der Lehre“ pocht.
Die Freiheit, jenseits von Dogmatik, „Inhalten“ und wie auch immer gearteten Vorstellungen dort zu gründen, wo das Denken „noch nicht an ein Objekt“ (Scaligero) gebunden, noch namenlos und formlos sich selbst erfährt, versickert in diesen Fallgruben allzu leicht. Die „Verwirklichung seines Seins, das eins ist mit der Welt“, ist einem Denken, das bereits mit Erwartungen und Vorstellungen besetzt ist, fast unmöglich.
Wenn man Anthroposophie in dieser Hinsicht etwas vorwerfen mag, ist es eben ihre Fülle. Aus ihr muss sich der, der es mit ihr ernst meint, in gewisser Weise auch heraus arbeiten, um sich zu emanzipieren. Der Beginn setzt an einem individuellen Nullpunkt an, an dem „Inhalte“ und Determinationen schweigen.
Hans- Peter Dieckmann: Das reine Denken
16.Feb.2010 18:31 Uhr
Damit das Denken der Ruhe (und jeder anderen Idee) als reines Denken verlaufen kann, muss man es zugleich von seinen schon veranlagten Emotionen, Begehren, Trieben und Instinkten unabhängig halten. Man bewegt das reine Denken eben aus der Klarheit voll durchschauter Gedanken, wobei nur noch ein höheres Fühlen und Wollen mitwirken. Die Unabhängigkeit von seinen schon veranlagten Emotionen, Begehren, Trieben und Instinkten sollte nach meiner Erfahrung ohne jede Unterdrückung angestrebt werden, wobei man zunächst auf mehr Achtsamkeit im Umgang mit ihnen und später auf ihre Reifung zielt. Die Denkeinsichten bilden dafür einen wirksamen Ansatz. Das reine Denken verläuft außerdem frei von jeder Sprache. Solange man sich etwa das Wort Ruhe innerlich vorsagt, betätigt man sich nicht ausschließlich geistig, sondern benutzt ein wenig seine Sprachorgane und legt die Ruhe-Idee eventuell auf eine bestimmte Sprachauffassung von ihr fest.
Zum ganzen Text...
Siehe auch die Seite von Hans-Peter Dieckmann bei den Egoisten und
den Themenschwerpunkt „Meditation“
Zum ganzen Text...
Siehe auch die Seite von Hans-Peter Dieckmann bei den Egoisten und
den Themenschwerpunkt „Meditation“
Die Stille
14.Feb.2010 01:26 Uhr

Wie es Freunde des Windes, des Wassers und des Feuers gibt, so gibt es Liebhaber der Stille. In bestimmten Lebensaltern hat man mit Bestimmtheit mit Wasser, Sturm oder Feuer zu tun (wahrscheinlich mit allem Elementaren), aber die Stille entdeckt man nicht von allein. Eigentlich ist sie es, vor der man sich ständig fürchtet. Falls es so aussieht, als ließe sich die Begegnung mit ihr nicht mehr vermeiden, füllt man sie mit Inhalten wie Gefühlen. Man erlebt die Stille nicht, man gleitet an ihr vorbei, man hat einen schlechten Tag. Lieber alles andere erleben als diese Stille, denkt man. Man kommt in ihr an die Grenze, an der man das Nicht-Sein erfährt. Nicht zu sein ist der Schrecken schlechthin.
Wer in sie eintritt, weiss, dass er wie Alice im Wunderland in ihr sich neu erfahren kann. Es ist nicht die bis in die Spitzen geformte Persönlichkeit, sondern mehr der durchdringende Basston, der das eigene Sein ist oder ihm entstammt. Erst in der Stille ist der eigene Ton vernehmbar.
weiter zum ganzen Text..
Die zerstreuten Fäden des Bewusstseins
06.Dez.2009 22:05 Uhr

„Folglich ist die einzige Lösung, dass man das Schweigen des Geistes dort übt, wo es scheinbar am schwierigsten ist, also auf der Straße, in der Untergrundbahn, bei der Arbeit und überall.
Anstatt viermal am Tag wie ein gehetztes Wild über den Bahnhofsvorplatz zu jagen, kann man ihn viermal bewusst überqueren wie ein Sucher.Anstatt recht und schlecht in den Tag hinein zu leben und sich in einer Unmenge von Gedanken zu verausgaben, die nicht nur jedes Reizes entbehren, sondern zermürbend wie ein Presslufthammer sind, sammelt man die zerstreuten Fäden seines Bewusstseins und arbeitet - arbeitet an sich selbst - in jedem Augenblick; und das Leben beginnt, ganz außerordentlich interessant zu werden, denn die kleinsten und bedeutungslosesten Umstände werden zu Gelegenheiten, einen Sieg zu erringen - wir sind ausgerichtet, wir steuern auf ein Ziel zu anstatt ins Blaue.
Denn das Anliegen des Yogas ist nicht etwas zu tun, sondern etwas zu sein.“
_______
Satprem, Sri Aurobindo oder das Abenteuer des Bewusstseins, S. 32
Bildlink
Spirituelle Rationalität
14.Nov.2009 19:11 Uhr
Dies deshalb, weil diese Art der Achtsamkeits- Übungen etwas Besonderes für mich darstellt, nämlich ein Muster von spiritueller Rationalität und Ökonomie. Man lässt sich hier nicht auf Spekulationen, "geistige Erlebnisse" oder innere Bilderfluten ein, man mag keine "schnellen Resultate" (Nyanaponika, S. 101) und klassifiziert sensationelle "Erlebnisse" als "innere Unruhe". Es geht um "Spitzenergebnisse in Konzentration, Achtsamkeit und Einsicht" einerseits und um eine Einbettung in den Alltag andererseits. Der Ansatz liegt - im Gegensatz zum anthroposophischen- in schlichten Atemübungen oder der aufmerksamen Wahrnehmung von anderen körperlichen Zuständen- die unspektakuläre, reduzierte und vorsichtige Arbeitshaltung ist aber durchaus ähnlich. In anthroposophischen Zusammenhängen tauchen natürlich auch immer wieder Exzesse auf, die für sich mit sensationellen, trompetenstossartigen oder mit Engelbildern verzierten Schilderungen werben. Hier wie dort- kulturunabhängig- ist in der meditativen Arbeit eben relativ früh mit solchen archaischen, atavistischen und oft auch illusionären Nebeneinflüssen zu rechnen, die allerdings hier wie dort mit bezwingender Unmittelbarkeit auftreten und das Glimmen einer inneren Taschenlampe mit einer globalen Erleuchtung verwechseln. So schildert das auch Nyanaponika (dito):
"Im Übungsverlauf mögen aber auch andere Erfahrungen auftreten, denen gegenüber weit größere Vorsicht und Zurückhaltung angebracht sind. Bei stärkerer Konzentration (und bei manchen Personen schon früher) stellen sich manchmal innere Lichtwahrnehmungen ein, sei es von geringerer oder größerer Intensität, wie sie von Meditierenden verschiedener Religionen erlebt und beschrieben wurden. Auch die Bilderwelt des Unbewußten mag durch stärkere Konzentration angeregt werden, und einfache und komplizierte Bildvorstellungen mögen ins Bewußtsein treten. Mystiker haben oft in solche Licht- und Bildwahrnehmungen ihre eigenen Glaubensvorstellungen projiziert.
Der Jünger der Achtsamkeitsschulung aber begegne all dem, schon beim ersten Auftreten, mit einer kurzen, nüchternen Feststellung ("Licht", "Ein-bildung") und wende sich sofort wieder seinem Übungsobjekt zu, ohne weitere Gedanken oder Gefühlen über jene Eindrücke Raum zu geben. Wenn aber diese Eindrücke oder die Gedanken darüber andauern, so unterbreche man die Übung, bis jene Vorstellungen geschwunden sind oder sich die Gedanken beschwichtigt haben.
Man wisse, daß es sich auch hierbei nur um psychologische Phänomene, um Nebenerscheinungen geistiger Konzentration handelt, die keineswegs bei allen Meditierenden auftreten. Man braucht also solche Licht- und Bildvorstellungen weder zu fürchten, noch soll man auf sie, als vermeintliche "mystische Erfahrungen", stolz sein. Im allgemeinen aber bietet die hier dargelegte Geistesschulung in Rechter Aufmerksamkeit wenig Nährboden für solche Phänomene."
Herrlich. Da wird kurz und knapp die Luft aus dem Ballon gelassen.
Die Kraft des Lebens
01.Nov.2009 16:33 Uhr
Allerdings kennen wir auch viele "Bemühungen, die das Gegenteil des verfolgten Zwecks erreichen (Beispiel: verbitterte Frömmlerinnen, falsche Askese, gewisse Aufopferungen usw.)" (Simone Weil, "Schwerkraft und Gnade") Es kann keine reine Technik, aber auch kein emotionaler Ausnahmezustand wie eine Askese sein, die es ermöglicht, den "Willen anzuhalten" (dito). Der anthroposophische Weg, das Denken lebendig zu machen, bleibt aber lange eine Phrase, der man sich gern bedient, die aber ein Abstraktum bleibt, denn nichts scheint ferner zu liegen, als ausgerechnet beim Denken anzusetzen, das -so wie es ist- als das von der "Kraft des Lebens" am meisten Entfremdete erscheint, so lange es uns nicht gelingt, es zu erlösen und dorthin zurück zu führen, wohin es gehört:
"Dies ist das Denken, das erst in der Kontemplation, die den Denkakt anschaut, aufleuchten kann: das sich selber denkende Denken, das wirklich ist, weil es das eigene Wesen ausspricht, ein Denken, das sich nicht auf die Spiegelung stützen muss, um sein Leben zu offenbaren, das also auch ohne dialektische Vermittlung erfahrbar ist. Dieses Denken kennt der Mensch noch nicht. Entstünde es in ihm, dann hätte er darin die Quelle aller Denkkraft, die Kraft des Lebens.
Die Kraft des Lebens wäre dann nicht nur ein philosophisches Gleichniswort, sondern eine unmittelbare Wahrnehmung: die Wahrnehmung des Seins, in welchem die Welt wurzelt und das als die - vom Gegenstand nicht gefesselte - Kraft des Denkens hervor sprosst: die Kraft, die alles in sich hat, was denkbar ist von seinem Wesen her, da sie ja selber das Wesen ist." (Massimo Scaligero, "Traktat über das lebende Denken")
Wie sich diese "Auferstehung des Denkens" (Scaligero) im Einzelnen bemerkbar macht, ist offenbar eine individuelle Sache- oder zumindest eine Sache, bei der es unpassend erscheint, sie in hierarchischen Kompetenzmustern wie in den esoterischen Freimaurerbünden zu sehen. Die neu erworbenen Fähigkeiten mögen sich ausleben in sozial- intuitiven Kompetenzen (das verstehen, was sich in Gruppen und sozialen Prozessen "in der Luft liegend" anbahnt), im Erleben eines imaginativen Kraftquells vor dem inneren Auge oder in der Form eines so vertieften Gebets, dass dieses wie ein Samen auf den Boden des unsichtbaren Feldes fällt und so gedeiht, dass der Kontemplierende sich angeschaut fühlen darf. Hier sucht man keine "höheren Wahrnehmungen", ganz im Gegenteil: Das Ziel besteht eher darin, wahrnehmbar zu werden für das Andere.
Nichts und Niemand
01.Nov.2009 16:32 Uhr
Sophie Hungers wundersames Lied vom "Walzer für Niemand" geht mir nach:
"Niemand, siehst du's, ich wachse nicht mehr
Meine Hände sind Füße, Niemand, schau her
Bald bin ich nichts und das, was dann bleibt
Ist deine Wenigkeit
Niemand, was, was willst du?
Immer bist du hier
Niemand, was, was willst du?
Von mir?"
Wer und wo ist der Andere in uns, der kein Anderer ist, der nichts ist, aber nichtsdestotrotz existiert? Wie tief diese Frage in der christlichen Mystik verankert ist, zeigt ein Blick in das Werk von Simone Weil, etwa in "Schwerkraft und Gnade": "Ich soll es lieben, nichts zu sein. Wie schrecklich wäre es, wenn ich etwas wäre! Mein Nichts lieben; lieben, Nichts zu sein. Mit jenem Teil der Seele lieben, dessen Stätte jenseits des Vorhangs ist, denn der Teil der Seele, der dem Bewusstsein wahrnehmbar ist, kann das Nichts nicht lieben, es graut ihm davor. Wenn er es zu lieben glaubt, so ist das, was er liebt, etwas anderes als das Nichts." (S. 154)
Nichts und Niemand sind kein Ende, sondern der Anfang schlechthin. Das ist in meinen Augen die Quintessenz des Neuen Testaments, das so gesehen ein Buch der Einweihung ist: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt." Der "Reiche" in uns, der Offensichtliche, der, der "etwas" darstellt, gelangt nicht hindurch; Nichts und Niemand sehr wohl. Auch die Taufe im Jordan kann man in diesem Sinne als seelisch-geistiges Geschehnis verstehen. Johannes der Täufer, der so reich begabte, weiss sehr wohl, dass er "Niemand" tauft, und er weiss ebenso, dass dieser Niemand es ist, der ihm folgen wird.
Diese Taufe müssen wir an uns selbst vollziehen. Aber diese kann nicht statisch und dauerhaft sein, denn Niemand entzieht sich uns immer aufs neue. Alles, selbst eine "Gotterfahrung" oder die Sehnsucht danach, wird in unseren Händen allzu schnell wieder zu "etwas", zu einem Teil unserer Selbstidentifikation, und wir werden zum "Reichen". In diesem Sinne meint Simone Weil sicherlich zu recht: "Von zwei Menschen ohne Gotterfahrung ist der, welcher ihn leugnet, ihm vielleicht am nächsten." (Schwerkraft und Gnade, S. 156)
"Niemand, siehst du's, ich wachse nicht mehr
Meine Hände sind Füße, Niemand, schau her
Bald bin ich nichts und das, was dann bleibt
Ist deine Wenigkeit
Niemand, was, was willst du?
Immer bist du hier
Niemand, was, was willst du?
Von mir?"
Wer und wo ist der Andere in uns, der kein Anderer ist, der nichts ist, aber nichtsdestotrotz existiert? Wie tief diese Frage in der christlichen Mystik verankert ist, zeigt ein Blick in das Werk von Simone Weil, etwa in "Schwerkraft und Gnade": "Ich soll es lieben, nichts zu sein. Wie schrecklich wäre es, wenn ich etwas wäre! Mein Nichts lieben; lieben, Nichts zu sein. Mit jenem Teil der Seele lieben, dessen Stätte jenseits des Vorhangs ist, denn der Teil der Seele, der dem Bewusstsein wahrnehmbar ist, kann das Nichts nicht lieben, es graut ihm davor. Wenn er es zu lieben glaubt, so ist das, was er liebt, etwas anderes als das Nichts." (S. 154)
Nichts und Niemand sind kein Ende, sondern der Anfang schlechthin. Das ist in meinen Augen die Quintessenz des Neuen Testaments, das so gesehen ein Buch der Einweihung ist: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt." Der "Reiche" in uns, der Offensichtliche, der, der "etwas" darstellt, gelangt nicht hindurch; Nichts und Niemand sehr wohl. Auch die Taufe im Jordan kann man in diesem Sinne als seelisch-geistiges Geschehnis verstehen. Johannes der Täufer, der so reich begabte, weiss sehr wohl, dass er "Niemand" tauft, und er weiss ebenso, dass dieser Niemand es ist, der ihm folgen wird.
Diese Taufe müssen wir an uns selbst vollziehen. Aber diese kann nicht statisch und dauerhaft sein, denn Niemand entzieht sich uns immer aufs neue. Alles, selbst eine "Gotterfahrung" oder die Sehnsucht danach, wird in unseren Händen allzu schnell wieder zu "etwas", zu einem Teil unserer Selbstidentifikation, und wir werden zum "Reichen". In diesem Sinne meint Simone Weil sicherlich zu recht: "Von zwei Menschen ohne Gotterfahrung ist der, welcher ihn leugnet, ihm vielleicht am nächsten." (Schwerkraft und Gnade, S. 156)
Hans-Peter Dieckmann: Der Zypressenbaum im Hof
03.Okt.2009 18:24 Uhr

"“Der Zypressenbaum im Hof“ ist ein Meditationssatz von Georg Kühlewind. Ich kann mir den Baum als blaue Säulenzypresse vorstellen, aber auch grün oder gold-gelb, um mich dann auf meine Vorstellung zu konzentrieren, mit der ich die blaue Säulenzypresse mitten in einen Hof voller Sonnenlicht stelle, der von weiß getünchten Häusern begrenzt wird. Ich kann, also habe ich die Wahl, auch in Bezug auf die Gestaltung des Hofes. Mir fallen meine Gestaltungsmöglichkeiten auf, doch schnell richte ich meinen Fokus wieder auf das Thema, wobei aber mitschwingt, dass es meine Gestaltungsmöglichkeiten auch begrenzt. Es geht schließlich um einen Zypressenbaum im Hof, nicht um eine Birke auf freiem Feld. Beim Denkblick auf meine Zypressen- und Hofwahl beginnt mir etwas von deren Urbildern durchzuschimmern, die sich verschieden konkretisieren lassen."
Zum ganzen Text Hans-Peter Dieckmanns
Das "Reine Beobachten"
03.Okt.2009 18:24 Uhr
"Das Reine Beobachten lässt die Dinge zunächst selber sprechen; es erlaubt ihnen, sich gleichsam auszusprechen. Es lässt sie ausreden, ohne sie durch ein voreiliges abschliessendes Urteil zu unterbrechen, wenn sie noch so vieles zu sagen haben. Weil das Reine Beobachten die Dinge immer neu sieht, ohne die nivellierende Wirkung gewohnheitsmässiger Urteile, deshalb werden die Dinge auch häufiger Neues zu sagen haben. Das geduldige Innehalten beim Reinen Beobachten eröffnet manchmal gleichsam mühelos tiefe Einblicke und erschliesst verborgene Beziehungen, die sich dem ungeduldigen Zerren eines allzu aggressiven Intellekts versagen. Das entweder vorschnelle oder gewohnheitsmäßige Be- werten oder Be-handeln der Dinge (in Tat und Gedanke) versperrt oft wichtige Erkenntnisquellen. Der westliche Geist muss vom östlichen wieder lernen, sich auch rein empfangend verhalten zu können und dies nicht nur als ein Mittel der Stillewerdung, sondern auch der Erkenntnis."
Hier irrt der Autor, Herr Nyanaponika (Geistestraining durch Achtsamkeit. Buddhistische Handbibliothek, Stammbach 2007, 9. Auflage), indem er doch etwas pauschalisiert. Fasst man unter den "westlichen Geist" auch das Werk Rudolf Steiners, stösst man in diesem Zusammenhang schnell auf dessen so genannte "Nebenübungen". Rudolf Steiner schreibt (und es wirkt wie eine Ergänzung zu den Beschreibungen Nyanaponikas):
"Das Denken in Verbindung mit dem Willen erfährt eine gewisse Reifung, wenn man versucht, sich niemals durch etwas, was man erlebt oder erfahren hat, die unbefangene Empfänglichkeit für neue Erlebnisse rauben zu lassen. Für den Geistesschüler soll der Gedanke seine Bedeutung ganz verlieren: «Das habe ich noch nie gehört, das glaube ich nicht.» Er soll während einer gewissen Zeit geradezu überall darauf ausgehen, sich bei jeder Gelegenheit von einem jeglichen Dinge und Wesen Neues sagen zu lassen. Von jedem Luftzug, von jedem Baumblatt, von jeglichem Lallen eines Kindes kann man lernen, wenn man bereit ist, einen Gesichtspunkt in Anwendung zu bringen, den man bisher nicht in Anwendung gebracht hat." (R. Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss)
Man sieht daran gut, dass die "Nebenübungen" eigentlich den Aspekt der Achtsamkeit in den anthroposophischen Kontext einführen- als einen wichtigen konstitutiven Teil des anthroposophischen meditativen Lebens. Steiner nennt es eben nicht "Reines Beobachten", sondern "Unbefangene Empfänglichkeit". Man versteht beide Autoren ganz gut. Es geht ja im Kern um die Frage nach einer meditativen Haltung im Alltag. In der "Empfänglichkeit" ohne voreiliges Urteilen, aber nicht passiv, sondern in einer zurück genommenen Aufmerksamkeit, also einer erhöhten Intensität treffen sich quasi zwei Kulturen. Denn im Alltag bewährt sich die Meditation. Wäre Letztere nur etwas für sonntägliche Selbstbeschönigungen, würde sie sich im Alltag rasch von selbst zugrunde richten. Man merkt dann schon, wie schwer es doch ist, den eigenen Reaktionsmustern und Erregungspotentialen zu entkommen. Die "Empfänglichkeit" ist ja extrem kommunikativ, ihrem Wesen nach- sie sucht die offene Begegnung, den Austausch, das Gespräch. Sie begibt sich ganz und gar in den Alltag hinein und bewährt sich darinnen. Das wiederum hat Rückwirkungen auf das meditative Leben: Wer sich bewährt, steht einfach anders da. Er schiebt nichts vor und macht sich nichts vor. Er passt durchs Schlüsselloch des Geistes, weil er sich auf das Andere einlassen kann.
Die Ruhe
07.Aug.2009 18:37 Uhr
In der Tat. Die „Welt“ sind allerdings auch wir selbst. Wir sind es ja, die „die Gereiztheit, die Aufgeregtheit, den Unfriede(n), die Angst“ nicht nur produzieren, sondern uns daran als Individuum auch konstituieren. Das Rädchen, in dem wir emotional rennen, wird schon von uns selbst angestossen; wir fühlen uns darinnen selbst. Das seelische Tasterlebnis, ein umgrenztes Etwas oder ein Jemand zu sein, entspringt vor allem dem Anstossen an dem Krach, der Aufregung, der Empörung, der rechthaberisch vertretenen Idee. Aber: „Wer in den Leidenschaften und Emotionen die Ruhe wiedergewinnt, der hat die Ruhe wirklich und darüber hinaus Kräfte, wie sie die Welt nicht erwartet: Kräfte, die in der Seele strömen können, ohne von ihr entstellt zu werden, denn die Ruhe ermöglicht nun den tieferen Kontakt mit der Seele.“
Nun gibt es so viele Ausweichmanöver dabei, wie es Individualitäten gibt. Man kann es drehen und wenden, wie man will, aber ein Konstruktivist wie Watzlawick hat völlig recht damit, dass die behauptete oder von Anderen geforderte Ruhe („Sei doch mal entspannt“) vollkommen absurd ist. Man kann das so wenig wollen wie man sich mit den Haaren selbst aus dem Sumpf ziehen kann. Man kann die Ruhe festmachen an Reisen & Wellness & Sport & Lesen & Sex & einem anderen Partner & einem Zweitageseminar im buddhistischen Retreat. Häppchen davon erzeugen Hunger nach Mehr- die avisierte Ruhe wird zu einem Konsumgut wie andere auch, entzieht sich aber immer wieder auf Neue.
So ist Scaligero auch der Meinung, man solle stattdessen die Ruhe suchen „in der Entschlossenheit, die den Durchgang durch den Tumult auf sich nimmt.“ Nichts vergessen, nichts beschönigen, nichts behaupten. Die „nicht erkannte Unruhe“ ist das Problem: „Die Unruhe ist das Nichts, das Geltung erlangt: aber sie ist das Nichts, das man als solches erkennen kann. Wird dieses Nichts als Nichts erkannt, dann kann auch seine Wesenlosigkeit verschwinden. Dann aber ist es die tiefe Ruhe, die zuvor nicht erkannt wurde.“
Das Paradoxon besteht eben darin, dass man die Unruhe „nährt (..), weil man ihr entgehen will“. (S. 330) Von solchen Paradoxen profitieren ganze Industrien- etwa Unterhaltung und Tourismus. Scaligeros Weg ist ein ganz anderer: „Man kann dahin gelangen, im Inneren der Unruhe zu ruhen. Denn in Wirklichkeit ist das Ich losgelöst von ihr. Die Unruhe wird hingenommen, damit sich das Ich ihr gegenüberstellt, so dass die Unabhängigkeit des Ich verwirklicht wird, das in Wahrheit von nichts ergriffen werden kann.“ (S. 330)
Das Rohr im Wind dreht sich mit den Luftströmungen. Man kann das nicht verhindern oder verleugnen. Man kann es aber anschauen. Der, der das eigene Getriebensein, den Unfrieden, die inszenierten Probleme ansieht, ohne davon mitgerissen zu werden, tut dies in einer Ruhe, die keinen Grund und keinen Boden findet: „Die Ruhe ist die Tiefe, in die man schrankenlos hinabsteigt: zu den Wurzeln des Seins, die unauffindbar sind, da sich immer wieder ein noch tieferer Grund auftut.“ (S. 332)
Das leuchtende Gewand
15.Jul.2009 20:37 Uhr
Ich habe mich an manchen Punkten auch gestossen. Scaligero ist keiner, der einfach und simpel irgend eine Art von Askese predigt. Er ist keinesfalls lustfeindlich. Auch wenn er eine Sublimierung der Begierde schlechthin beschreibt und sich im Grunde an die Quellen der Lust begibt, um sie spirituell zu fassen, verbrämt er sie nicht und zieht an keiner Stelle aus seiner Erfahrung heraus moralisierende Schlüsse. Aber selbst das ist nur schwer und über lange mitgehende Denkbewegungen eindeutig bei ihm fest zu machen. Manchmal klingt es auch anders, manchmal rührt er eindeutig an das, was in östlichen Traditionen als Kundalini- Kraft bezeichnet wird.
Aber Scaligero bewegt sich immer wieder an Grundlagen des Denkens überhaupt- etwa an die Beziehung zwischen Bewusstsein und Leben: „Der Widerspruch, der dem Bewusstsein anhaftet, besteht darin, dass es außerhalb seiner selbst das Leben sucht, das es von sich ausgeschlossen hat, um Bewusstsein zu sein. Dadurch, dass es zum Bewusstsein wurde, hat es das Leben zu etwas anderem gemacht. Zwar ist es der Ansicht, es in den Sinnesempfindungen dennoch zu haben, hat es dort aber immer nur so, dass es ihm zur Abstraktion gerät und verloren geht. Es kann das Leben nur berühren, das ihm aus der Tiefe als das noch unberührte oder nichtdialektische Denken entgegenblickt: als jenes Denken, das für einen flüchtigen Moment - im Wahrnehmen selbst- mit dem Lebendigen vereinigt ist.“
Das Bewusstsein kann auf der Ebene des Alltagsdenkens nur existieren, indem es „das Leben von sich“ stösst. Statt der reinen Erfahrung des Lebendigen wird ein Vorstellungsbild oder eine „persönliche Empfindung“ produziert: „Es nimmt das Leben nicht wahr, denn es sucht es außerhalb seiner selbst - unwissend, wie es seine eigene Grenze überschreiten kann. Es sucht es in einem Bild von der Welt, das schon des Lebens beraubt ist.“
In der Empfindung oder Vorstellung verlöscht das Lebendige. Eine „Fortsetzung“ in der Seele „könnte sich nur in der Bewegung des reinen Denkens ergeben, die das Leben tragen kann, weil sie von dessen sinnlichen Manifestationen unabhängig ist.“ Im reinen Denken kann sich die „Verknotung“ des Bewusstseins lösen; es werden „die Kraftlinien des Denkens, das sein eigenes Licht verstrahlt, wirksam: des Denkens, das undialektisch - als objektives Wollen - im leiblichen Willensstrom anwesend ist.“ (S. 153)
Vielleicht wird aus dieser Textstelle deutlich, in welchem Maß hier ein meditativer Text vorliegt, der eigentlich mantrischen Charakter hat und meditativ mitvollzogen werden will. Bei aller Skepsis in Bezug auf die Integrität des Autors: Diese Qualitäten wird man dem Buch gerne zugestehen. Die Erfahrung, die Scaligero an diese Textstelle anschliesst, lautet: „Dadurch ist die Seele selbst wie neu geboren, als zöge sie ein leuchtendes Gewand an, kann sie doch erst jetzt ihre eigene Wahrheit verwirklichen: die Unabhängigkeit vom Begehren. Das ist die Unabhängigkeit, durch die es möglich wird, die Erfahrung selbst als Leben in ihrer wunderbaren Unpersönlichkeit wahrzunehmen.“
So kreist Scaligero in seiner meditativen Praxis, die er in diesem Buch mitvollziehbar darstellt, um seine persönlich- unpersönliche Interpretation einer „Philosophie der Freiheit“. Sonntagsreden erspart er sich und uns. Es ist ein Arbeitsbuch, aus und für die konkrete Arbeit geschrieben.
Neue Ausgabe über Rudolf Steiners esoterische Schulung in niederländischer Sprache
07.Dez.2008 16:29 Uhr
Michel Gastkemper schreibt:
„Ein Jahr vor ihrem Tod im Jahr 1948 entschied Marie Steiner sich, einige wichtige Texte aus der Esoterische Schule, die Rudolf Steiner 1904-1914 leitete, erst im Rahmen der Theosophischen, später der Anthroposophischen Gesellschaft, zu veröffentlichen. Sie erschienen in drei Teilen in kleinen Publikationen 1947, 1948 und 1951. 1961, hundert Jahre nach der Geburt Rudolf Steiners, fing die Herausgabe der lange vorbereiteten Gesamtausgabe Rudolf Steiners an. Fünf Jahre später erschien als GA 245 „Anweisungen für eine esoterische Schulung. Aus den Inhalten der «Esoterische Schule»“. Dieses 175-seitige Buch erlebte fünf Neuauflagen, die letzte im Jahr 1979.
Inzwischen war viel mehr Material aus dieser esoterischen Schule, aus Nachlässen und so weiter, in die Welt gekommen, und in die Hände der Nachlassverwaltung Rudolf Steiners. So wurde eine völlige Neuausgabe vorbereitet. 1984 erschien „Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914“ (GA 264), 1987 gefolgt durch „Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914“ (GA 265). Damit war eine neue Situation geschaffen, mit neuen Fragen: War es wohl erlaubt, solche schwerwiegende und schwerverständliche Inhalte zu veröffentlichen?“
weiter..
Link zum besprochenen Text
„Ein Jahr vor ihrem Tod im Jahr 1948 entschied Marie Steiner sich, einige wichtige Texte aus der Esoterische Schule, die Rudolf Steiner 1904-1914 leitete, erst im Rahmen der Theosophischen, später der Anthroposophischen Gesellschaft, zu veröffentlichen. Sie erschienen in drei Teilen in kleinen Publikationen 1947, 1948 und 1951. 1961, hundert Jahre nach der Geburt Rudolf Steiners, fing die Herausgabe der lange vorbereiteten Gesamtausgabe Rudolf Steiners an. Fünf Jahre später erschien als GA 245 „Anweisungen für eine esoterische Schulung. Aus den Inhalten der «Esoterische Schule»“. Dieses 175-seitige Buch erlebte fünf Neuauflagen, die letzte im Jahr 1979.
Inzwischen war viel mehr Material aus dieser esoterischen Schule, aus Nachlässen und so weiter, in die Welt gekommen, und in die Hände der Nachlassverwaltung Rudolf Steiners. So wurde eine völlige Neuausgabe vorbereitet. 1984 erschien „Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914“ (GA 264), 1987 gefolgt durch „Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914“ (GA 265). Damit war eine neue Situation geschaffen, mit neuen Fragen: War es wohl erlaubt, solche schwerwiegende und schwerverständliche Inhalte zu veröffentlichen?“
weiter..
Link zum besprochenen Text
Georg Kühlewinds posthum erschienenes Buch
02.Dez.2008 20:44 Uhr
Nun ist es endlich erschienen- Georg Kühlewinds Buch „Aufbau. Vom Denken zur Wahrnehmung des Lebens“. Der ursprünglich angekündigte Erscheinungstermin war bereits im Oktober. Laszlo Böszörmenyi schildert im Vorwort die Entsetehungsgeschichte: „Dieses Buch ist Anfang der 80er Jahre entstanden, parallel zu der meditativen Arbeit, die Georg Kühlewind mit einer kleinen Gruppe in Budapest unternahm. Unter den damaligen politischen Verhältnissen konnte eine solche Arbeit nur im Verborgenen, im privaten Kreis bei jemandem zu Hause stattfinden.“ Man wusste zwar, dass Kühlewind sich Notizen machte- dass aber ein Manuskript entstand, blieb bis zu Kühlewinds Tod ein Geheimnis.
Zu der Zeit arbeitete Kühlewind noch unter dem Namen György Székely als Professor an der TU in Budapest. Das Pseudonym benutzte er für seine folgenden Publikationen im Westen, in denen er seine Schulung der Aufmerksamkeit entwickelte. Denn diese Arbeiten waren zwar vollkommen autonom, waren aber doch im Kontext der Anthroposophie angesiedelt. Offensichtlich stellen die nun vorliegenden Überlegungen eine Grundlage dessen dar, was Kühlewind in den folgenden Jahren schrittweise, in einer Systematik, die auch eine Schulung für den Leser darstellte, allmählich, von Publikation zu Publikation, entwickelte. Manches- vor allem die wie so oft bei Kühlewind eingestreuten „Besinnungen und Experimente“ - wirken fast fragmentarisch. Das Niveau ist erwartungsgemäß hoch.
Dass die Publikation trotz der Verspätung unter Zeitdruck entstanden ist, zeigen Fehler der Lektoren- etwa wenn ein Vortrag Rudolf Steiners im Vorwort (S. 10) auf den 7.10.1992 datiert wird.
Zu der Zeit arbeitete Kühlewind noch unter dem Namen György Székely als Professor an der TU in Budapest. Das Pseudonym benutzte er für seine folgenden Publikationen im Westen, in denen er seine Schulung der Aufmerksamkeit entwickelte. Denn diese Arbeiten waren zwar vollkommen autonom, waren aber doch im Kontext der Anthroposophie angesiedelt. Offensichtlich stellen die nun vorliegenden Überlegungen eine Grundlage dessen dar, was Kühlewind in den folgenden Jahren schrittweise, in einer Systematik, die auch eine Schulung für den Leser darstellte, allmählich, von Publikation zu Publikation, entwickelte. Manches- vor allem die wie so oft bei Kühlewind eingestreuten „Besinnungen und Experimente“ - wirken fast fragmentarisch. Das Niveau ist erwartungsgemäß hoch.
Dass die Publikation trotz der Verspätung unter Zeitdruck entstanden ist, zeigen Fehler der Lektoren- etwa wenn ein Vortrag Rudolf Steiners im Vorwort (S. 10) auf den 7.10.1992 datiert wird.
Unsere unbewussten Fühlorgane
02.Dez.2008 20:44 Uhr
Barbara ist mit ihren Betrachtungen über die „Nebenübungen“ Rudolf Steiners schon viel weiter auf ihrer Oleander- Website. Ich möchte aber noch einmal auf die 5. Nebenübung, „die Unbefangene Empfänglichkeit“ zurück kommen. Worum geht es? Wie Barbara erläutert, handelt es sich dabei darum, durch meditative Übung „offen für alles Neue, Unvorhergesehene zu sein“ und damit „ein immer Lernender“ zu werden. Das Problem sieht Barbara darin, „dass wir Neues normalerweise auf der Grundlage unserer bisherigen Erfahrung beurteilen, was dazu führen kann, dass wir eine neue Idee ablehnen“. Wir betten Erfahrungen eben gern in den uns bekannten Kontext ein. Das, was nicht passt in das vorhandene „Weltbild“, den Kontext unserer Erfahrungen, in unsere Erwartungen, lehnen wir gern ab, haben Angst davor oder nehmen sogar nur selektiv wahr: „Der andere Aspekt ist, dass es sein kann, das man gar nicht merkt, dass man die Welt nur so sehen kann, wie man das gewohnt worden ist. D. h. in dem Fall nimmt man etwas Neues überhaupt nicht wahr.“
Das betrachtet Barbara als einen Extremfall. Aber schauen wir bei der Gelegenheit doch wieder einmal in die Ergebnisse moderner Hirnforschung- in diesem Fall in Manfred Spitzers Buch „Selbstbestimmen“. Er behauptet im Kapitel „Sensationshunger“ (S. 182ff), dass die selektive Wahrnehmung keineswegs der Extrem- oder Ausnahmefall ist, sondern eben die Norm: „Wahrnehmen und das Bewerten von Ereignissen (lassen sich) nicht voneinander trennen.“ Das beweisen schon einfache Experimente mit Hunderten von Studenten, denen man Strichlisten von Foulspiel beim Betrachten eines Fußballmatches gab. Jeder Student war Anhänger einer jeweiligen Mannschaft. Tatsächlich wurden stets vor allem die Fouls der gegnerischen Mannschaft wahrgenommen: „Hierdurch konnte gezeigt werden, dass die Fans der beiden Lager keineswegs das gleiche Spiel sahen und die Dinge deshalb jeweils anders bewerteten. Es war im Grunde so, dass die Fans jeweils ein anderes Spiel sahen!“ Die ersten Experimente dieser Art stammen übrigens aus dem Jahr 1954. Dennoch glauben wir noch immer, dass man erst „objektiv“ wahrnehmen würde und erst danach interessengeleitet bewertet. Nein, unsere Einstellungen bestimmen vielmehr die Wahrnehmung selbst. Es macht demnach auch keinen Sinn, hinterher an die „Wahrheit“ zu appellieren.
Die Sache wird noch schlimmer, wenn unser archaisches Panik- und Emotionssystem, der Mandelkern, ins Spiel kommt. Hierbei handelt es sich um sehr alte, tief verankerte Mechanismen: „Negative Aspekte einströmender Information werden im Mandelkern entsprechend bewertet, bewirken die Emotionen der Furcht und Angst und werden sehr schnell mit Verhaltensstrategien assoziiert, die mit Kampf oder Flucht in Verbindung stehen.“ Es ist ein System wie ein Fühlorgan, das im Gehirn ununterbrochen die Umgebung auf potentiell gefährliche Aspekte abtastet: „Dies geschieht, noch bevor das visuelle System genau wahrgenommen hat.“ Die selektive Bewertung von Reizen geschieht also vor dem eigentlichen bewussten Sehen! Man kann sich vorstellen, dass es solche Art von Organen bereits vor der Ausbildung der Sehfähigkeit gegeben hat. Diese Zeit gab es nach Rudolf Steiner in der menschlichen Entwicklung durchaus. „Ursprünglich, als nur der physische und der ätherische Leib in der Anlage vorhanden waren, war hier, wo jetzt die Augen sind, nichts. Diese Stelle erwies sich aber besonders empfindlich für die der Erde zugesandten Sonnenstrahlen. Und das, was die Sonne zuerst als Eindruck bewirkte, das war Schmerz. An dieser Stelle waren zwei Leidenspunkte, Schmerzstellen, die dauernd verletzt wurden. So bildete sich an jenen empfindlichen Stellen Schorf, und aus diesem Schorf formte sich nach und nach der herrliche Wunderbau des Auges, allerdings nach langer Entwickelung.“ (GA 101, S.95)
Steiner weist auch auf eine vor- menschliche Zeit hin, in der die menschliche Gestalt molchartige Formen hatte und noch ganz und gar auf archaische Organe der beschriebenen Art angewiesen war. Ich berichte in meinem Artikel „Das dritte Auge“ darüber: „In dieser Zeit entwickelte sich für dieses Wahrnehmen, bei dem es noch keine Trennung zwischen Innen und Außen gab, eine Art Organ, das wohl mit einem lichtempfindlicher Fühler zu bezeichnen ist. Rudolf Steiner nennt es ein "heute nicht mehr vorhandenes Auge". In den Mythen der Frühzeit tauchte dieses Ur-Auge auf in der Gestalt des Zyklopen.
In der weiteren Entwicklung bis weit in die so genannte lemurische Zeit hinein wurde dieses Licht-Fühlorgan, das Seelisches unmittelbar mit den Wahrnehmungen verknüpft hatte, allmählich abgelöst durch die Entwicklung der Augen. Durch diese wurde das wahrzunehmen gelernt, was tatsächlich farbig um die Wesen herum vor sich ging.“
Ich möchte nun keinesfalls behaupten, dass Übungen zur Unbefangenheit eine völlige Illusion seien. Allerdings glaube ich, dass das Beherrschen derart archaischer Mechanismen und Reflexe nicht dauernd und kaum im gewöhnlichen Bewusstsein zu realisieren sein dürfte. Steiner formuliert in seinen harmlos erscheinenden „Nebenübungen“ sehr anspruchsvolle Übungsformate. Es ist tatsächlich das Erreichen einer inneren Zeugenschaft notwendig, die es möglich macht, nicht nur die Umgebung und die Fakten, sondern auch die eigenen Reaktionen, Reflexe und Mechanismen zu überblicken und zu beherrschen. Denkbar ist dies nur in der grössten Ruhe und Gelassenheit. Die Anteilnahme und Gegenwärtigkeit der Aufmerksamkeit wird in reinen Übungssituationen gleichsam wie im Labor erprobt. Die „Nebenübungen“ erheben darüber hinaus den Anspruch, eine solche innere Haltung in den gesamten Alltag hinein zu tragen und damit über unsere menschlichen und tierischen Erbschaften hinaus zu wachsen.
Das betrachtet Barbara als einen Extremfall. Aber schauen wir bei der Gelegenheit doch wieder einmal in die Ergebnisse moderner Hirnforschung- in diesem Fall in Manfred Spitzers Buch „Selbstbestimmen“. Er behauptet im Kapitel „Sensationshunger“ (S. 182ff), dass die selektive Wahrnehmung keineswegs der Extrem- oder Ausnahmefall ist, sondern eben die Norm: „Wahrnehmen und das Bewerten von Ereignissen (lassen sich) nicht voneinander trennen.“ Das beweisen schon einfache Experimente mit Hunderten von Studenten, denen man Strichlisten von Foulspiel beim Betrachten eines Fußballmatches gab. Jeder Student war Anhänger einer jeweiligen Mannschaft. Tatsächlich wurden stets vor allem die Fouls der gegnerischen Mannschaft wahrgenommen: „Hierdurch konnte gezeigt werden, dass die Fans der beiden Lager keineswegs das gleiche Spiel sahen und die Dinge deshalb jeweils anders bewerteten. Es war im Grunde so, dass die Fans jeweils ein anderes Spiel sahen!“ Die ersten Experimente dieser Art stammen übrigens aus dem Jahr 1954. Dennoch glauben wir noch immer, dass man erst „objektiv“ wahrnehmen würde und erst danach interessengeleitet bewertet. Nein, unsere Einstellungen bestimmen vielmehr die Wahrnehmung selbst. Es macht demnach auch keinen Sinn, hinterher an die „Wahrheit“ zu appellieren.
Die Sache wird noch schlimmer, wenn unser archaisches Panik- und Emotionssystem, der Mandelkern, ins Spiel kommt. Hierbei handelt es sich um sehr alte, tief verankerte Mechanismen: „Negative Aspekte einströmender Information werden im Mandelkern entsprechend bewertet, bewirken die Emotionen der Furcht und Angst und werden sehr schnell mit Verhaltensstrategien assoziiert, die mit Kampf oder Flucht in Verbindung stehen.“ Es ist ein System wie ein Fühlorgan, das im Gehirn ununterbrochen die Umgebung auf potentiell gefährliche Aspekte abtastet: „Dies geschieht, noch bevor das visuelle System genau wahrgenommen hat.“ Die selektive Bewertung von Reizen geschieht also vor dem eigentlichen bewussten Sehen! Man kann sich vorstellen, dass es solche Art von Organen bereits vor der Ausbildung der Sehfähigkeit gegeben hat. Diese Zeit gab es nach Rudolf Steiner in der menschlichen Entwicklung durchaus. „Ursprünglich, als nur der physische und der ätherische Leib in der Anlage vorhanden waren, war hier, wo jetzt die Augen sind, nichts. Diese Stelle erwies sich aber besonders empfindlich für die der Erde zugesandten Sonnenstrahlen. Und das, was die Sonne zuerst als Eindruck bewirkte, das war Schmerz. An dieser Stelle waren zwei Leidenspunkte, Schmerzstellen, die dauernd verletzt wurden. So bildete sich an jenen empfindlichen Stellen Schorf, und aus diesem Schorf formte sich nach und nach der herrliche Wunderbau des Auges, allerdings nach langer Entwickelung.“ (GA 101, S.95)
Steiner weist auch auf eine vor- menschliche Zeit hin, in der die menschliche Gestalt molchartige Formen hatte und noch ganz und gar auf archaische Organe der beschriebenen Art angewiesen war. Ich berichte in meinem Artikel „Das dritte Auge“ darüber: „In dieser Zeit entwickelte sich für dieses Wahrnehmen, bei dem es noch keine Trennung zwischen Innen und Außen gab, eine Art Organ, das wohl mit einem lichtempfindlicher Fühler zu bezeichnen ist. Rudolf Steiner nennt es ein "heute nicht mehr vorhandenes Auge". In den Mythen der Frühzeit tauchte dieses Ur-Auge auf in der Gestalt des Zyklopen.
In der weiteren Entwicklung bis weit in die so genannte lemurische Zeit hinein wurde dieses Licht-Fühlorgan, das Seelisches unmittelbar mit den Wahrnehmungen verknüpft hatte, allmählich abgelöst durch die Entwicklung der Augen. Durch diese wurde das wahrzunehmen gelernt, was tatsächlich farbig um die Wesen herum vor sich ging.“
Ich möchte nun keinesfalls behaupten, dass Übungen zur Unbefangenheit eine völlige Illusion seien. Allerdings glaube ich, dass das Beherrschen derart archaischer Mechanismen und Reflexe nicht dauernd und kaum im gewöhnlichen Bewusstsein zu realisieren sein dürfte. Steiner formuliert in seinen harmlos erscheinenden „Nebenübungen“ sehr anspruchsvolle Übungsformate. Es ist tatsächlich das Erreichen einer inneren Zeugenschaft notwendig, die es möglich macht, nicht nur die Umgebung und die Fakten, sondern auch die eigenen Reaktionen, Reflexe und Mechanismen zu überblicken und zu beherrschen. Denkbar ist dies nur in der grössten Ruhe und Gelassenheit. Die Anteilnahme und Gegenwärtigkeit der Aufmerksamkeit wird in reinen Übungssituationen gleichsam wie im Labor erprobt. Die „Nebenübungen“ erheben darüber hinaus den Anspruch, eine solche innere Haltung in den gesamten Alltag hinein zu tragen und damit über unsere menschlichen und tierischen Erbschaften hinaus zu wachsen.
Das Belohnungssystem
02.Nov.2008 00:10 Uhr
Das interne Belohnungssystem im Hirn wird seit etwa 2000 erfolgreich erforscht. Da der Erkenntnisstand in dieser Disziplin sich nach Manfred Spitzers Aussage alle 6 Wochen verändert bzw. entwickelt, darf man davon ausgehen, dass auch ein Buch Spitzers wie „Selbstbestimmen“ nicht gerade auf dem neuesten Stand ist. Dennoch- auch in ihren frühen Aussagen ist diese Wissenschaft aufregend und unglaublich inspirierend.
Genau genommen handelt es sich (wir sprechen vom Nucleus accumbans und dem Dopaminhaushalt) weniger um ein Belohnungs- als um ein Relevanzzentrum. Dafür spricht schon, dass das Frontalhirn, das unsere rationalen Entschlüsse ermöglicht, direkt über dem Belohnungszentrum sitzt und mit starken, kurzen „Bahnen“ mit diesem verbunden ist. Man kann daher mutmassen, dass unser Belohnungs-, Lust- und Relevanzsystem unsere vorgeblich rationalen Entschlüsse massiv unterstützt, oder auch hemmt und sie absterben lässt. Spass und Freude regen also auch unsere gedankliche Aktivität an. Umgekehrt hemmt eine innere Blockade wie etwa eine Depression die geistige Perspektive. Es lähmt sie, engt sie ein. Die Situation ist tatsächlich nicht so perspektivlos, wie sie der Depressive sieht.
Auf der anderen Seite werden unsere Sinne und „Organismen mit einer Vielzahl von Reizen geradezu bombardiert und müssen die wenigen wichtigen aus der Vielzahl der unwichtigen Stimuli herausfiltern. Das hier diskutierte System fügt einem Reiz ein Etikett bezüglich dessen Bedeutsamkeit hinzu und bewerkstelligt dadurch die Funktion des Aussortierens wichtiger von unwichtigen Reizen.“ (Spitzer, S 141) Das heisst aber doch, dass wir letztlich eben doch von Gefühlen geleitet werden. Die „Sinngebung“ erfolgt eben nicht auf der rationalen Ebene, sondern vorher, in dem durch Dopamin gesteuerten Lustzentrum, in dem sich im übrigen auch der Mechanismus für die Süchte befindet. Daher finden wir auch immer Argumente für unsere Süchte. Aber wenn es auch Süchte sein können, die unsere rationalen Hirnanteile anstossen, müssen wir uns nicht darüber wundern, wie korrumpierbar unser Denken ist.
Aber es gibt weitere Aspekte: „Opiatähnliche Ausschüttungen“ werden bei der Aktivierung unseres Lustzentrums ausgeschüttet, wenn sich Impulse regen. Initiative und der Anstoss neuer Ideen machen eben auch Spass. „Das System könnte daher auch als Optimismussystem bezeichnet werden, denn es führt beim Menschen dazu, dass man auf eine Situation bzw. auf einen Menschen zugeht, dass man sich vor Neuem nicht verschliesst, sondern es geradezu sucht.“ (Spitzer, S142) Das System kann auch „überhitzen“, so dass belanglose Ereignisse oder Dinge eine abnorme Bedeutung bekommen. Man kann sich in Gedanken, in Initiativen verrennen. Eine Ausschüttung von Dopamin kann zu manischen Zuständen voller überschäumender Energie (und rasender Assoziationen) führen.
Aber vor allem hat das Bedeutungs- und Glückssystem Auswirkungen auf die Formung unserer Persönlichkeit. Denn es hängt auch mit unserem Selbstbild zusammen. Bei Befragung einer Million Studenten hat sich gezeigt, dass sich fast jedermann für besser geeignet hält, mit seinen Mitmenschen zurecht zu kommen als alle anderen. 94% aller Professoren halten sich für begabter als der Durchschnitt ihrer Kollegen. Und fast jedermann hält seine eigenen Einschätzungen für objektiver als die seiner Mitmenschen, ganz generell. Das Belohnungssystem sorgt also auch für unsere Illusionen über uns selbst und konstituiert daher (auch) das, was man gemeinhin als „Ego“ bezeichnet. Spitzer bezeichnet das als „positiven Selbstbeurteilungs- Bias“- ein permanentes „Vorurteil“, das wir über uns pflegen. Der Nutzen von dieser Verzerrung ist, dass uns dadurch „das Leben einfacher“ erscheint. Wir halten uns (80%) sogar für glücklich, die Anderen eher (50%) für unglücklich. Wir halten, wie Steiner es einmal ausdrückte, unser Ich auf dem Arm und kosen es liebevoll.
Das Belohnungssystem macht es auch möglich, dass Menschen, die todkrank im Bett liegen, statistisch gesehen nicht unglücklicher sein müssen als kerngesunde Menschen. Man erfreut sich eben an dem, was einem noch verblieben ist. Das Glück ist eine relative Sache, wie wir Alle wissen. Aber es hängt eben auch von Substanzen wie Dopamin oder Serotonin ab. Nach Leuten wie Gronbach, die meditative Arbeit erklärtermaßen als eine Art Bodybuilding betreiben, hängen „Fortschritte“ auch von erfolgsorientiertem inneren Druck des Meditierenden ab- von erhofften und gesuchten Belohnungen z.B. in Form von geistigen Erfahrungen. Das ist für mich schwer vorstellbar. Der Drang nach Erfolg erscheint mir in diesem Kontext doch als kontraindiziert. Spiritueller Ehrgeiz ist etwas, was mich erheblich behindern würde und auch Jahre lang behindert hat. Für mich ist die Erwartung geistiger Wohltaten ein reiner Ausdruck des Egos, das seine Rosinen auch in geistiger Arbeit ernten möchte, weil es sich vorstellt, sie per se verdient zu haben.
Vielmehr muss in meiner Auffassung das Belohnungszentrum umgewidmet werden in ein reines Gefühl für Relevanz. Es bietet dann auch eine Orientierung im nicht- sinnlichen Feld. Es darf dabei nicht mehr verstrickt sein in die schlichten Mechanismen des Konsums, des Lustgewinns, der alltäglichen Selbstbetäubung, des Machismo. Das Lustzentrum kann auf höherer Ebene das Licht sein, das auch hier Orientierung gibt. Steiner nennt so etwas gern die Umwandlung des Astralleibes. Aber dabei geht nichts verloren und nichts wird lediglich „überwunden“. Das Gefühl für Relevanz wird lediglich umgewidmet. Es darf unserem alltäglichen System des permanenten Selbstbetrugs nicht mehr dienen, sondern sich in einen Strom eingliedern, der uns mit sich nimmt, aber auch über uns hinaus weist. Man geht mit, aber man geht darin nicht auf. Auch das ist ein Unterschied zu den ekstatischen Schilderungen mancher Erleuchteter. Ich denke, dass die Ekstase einen Exzess des nicht ver- objektivierten Belohnungszentrums darstellt, eine Form geistiger Manie. Das Ego erfährt sich in kosmischen Dimensionen. Aber es unterliegt dieser manischen Erleuchtung auch. Es hat jede innere Orientierung verloren. Dafür fehlt einfach das Rüstzeug, weil die Transformation des eigenen Bewertungssystem nicht stattfinden kann. Wenn es eine solche Kompetenz nicht erworben hat, dann bleibt natürlich nur der Not- Griff zu einem Guru, der Orientierung und Belehrung von außen gibt.
Darin liegt meiner Ansicht nach ein Unterschied zwischen Geistesforschung und „integralen“ anthroposophischen Strömungen dieser Tage.
Genau genommen handelt es sich (wir sprechen vom Nucleus accumbans und dem Dopaminhaushalt) weniger um ein Belohnungs- als um ein Relevanzzentrum. Dafür spricht schon, dass das Frontalhirn, das unsere rationalen Entschlüsse ermöglicht, direkt über dem Belohnungszentrum sitzt und mit starken, kurzen „Bahnen“ mit diesem verbunden ist. Man kann daher mutmassen, dass unser Belohnungs-, Lust- und Relevanzsystem unsere vorgeblich rationalen Entschlüsse massiv unterstützt, oder auch hemmt und sie absterben lässt. Spass und Freude regen also auch unsere gedankliche Aktivität an. Umgekehrt hemmt eine innere Blockade wie etwa eine Depression die geistige Perspektive. Es lähmt sie, engt sie ein. Die Situation ist tatsächlich nicht so perspektivlos, wie sie der Depressive sieht.
Auf der anderen Seite werden unsere Sinne und „Organismen mit einer Vielzahl von Reizen geradezu bombardiert und müssen die wenigen wichtigen aus der Vielzahl der unwichtigen Stimuli herausfiltern. Das hier diskutierte System fügt einem Reiz ein Etikett bezüglich dessen Bedeutsamkeit hinzu und bewerkstelligt dadurch die Funktion des Aussortierens wichtiger von unwichtigen Reizen.“ (Spitzer, S 141) Das heisst aber doch, dass wir letztlich eben doch von Gefühlen geleitet werden. Die „Sinngebung“ erfolgt eben nicht auf der rationalen Ebene, sondern vorher, in dem durch Dopamin gesteuerten Lustzentrum, in dem sich im übrigen auch der Mechanismus für die Süchte befindet. Daher finden wir auch immer Argumente für unsere Süchte. Aber wenn es auch Süchte sein können, die unsere rationalen Hirnanteile anstossen, müssen wir uns nicht darüber wundern, wie korrumpierbar unser Denken ist.
Aber es gibt weitere Aspekte: „Opiatähnliche Ausschüttungen“ werden bei der Aktivierung unseres Lustzentrums ausgeschüttet, wenn sich Impulse regen. Initiative und der Anstoss neuer Ideen machen eben auch Spass. „Das System könnte daher auch als Optimismussystem bezeichnet werden, denn es führt beim Menschen dazu, dass man auf eine Situation bzw. auf einen Menschen zugeht, dass man sich vor Neuem nicht verschliesst, sondern es geradezu sucht.“ (Spitzer, S142) Das System kann auch „überhitzen“, so dass belanglose Ereignisse oder Dinge eine abnorme Bedeutung bekommen. Man kann sich in Gedanken, in Initiativen verrennen. Eine Ausschüttung von Dopamin kann zu manischen Zuständen voller überschäumender Energie (und rasender Assoziationen) führen.
Aber vor allem hat das Bedeutungs- und Glückssystem Auswirkungen auf die Formung unserer Persönlichkeit. Denn es hängt auch mit unserem Selbstbild zusammen. Bei Befragung einer Million Studenten hat sich gezeigt, dass sich fast jedermann für besser geeignet hält, mit seinen Mitmenschen zurecht zu kommen als alle anderen. 94% aller Professoren halten sich für begabter als der Durchschnitt ihrer Kollegen. Und fast jedermann hält seine eigenen Einschätzungen für objektiver als die seiner Mitmenschen, ganz generell. Das Belohnungssystem sorgt also auch für unsere Illusionen über uns selbst und konstituiert daher (auch) das, was man gemeinhin als „Ego“ bezeichnet. Spitzer bezeichnet das als „positiven Selbstbeurteilungs- Bias“- ein permanentes „Vorurteil“, das wir über uns pflegen. Der Nutzen von dieser Verzerrung ist, dass uns dadurch „das Leben einfacher“ erscheint. Wir halten uns (80%) sogar für glücklich, die Anderen eher (50%) für unglücklich. Wir halten, wie Steiner es einmal ausdrückte, unser Ich auf dem Arm und kosen es liebevoll.
Das Belohnungssystem macht es auch möglich, dass Menschen, die todkrank im Bett liegen, statistisch gesehen nicht unglücklicher sein müssen als kerngesunde Menschen. Man erfreut sich eben an dem, was einem noch verblieben ist. Das Glück ist eine relative Sache, wie wir Alle wissen. Aber es hängt eben auch von Substanzen wie Dopamin oder Serotonin ab. Nach Leuten wie Gronbach, die meditative Arbeit erklärtermaßen als eine Art Bodybuilding betreiben, hängen „Fortschritte“ auch von erfolgsorientiertem inneren Druck des Meditierenden ab- von erhofften und gesuchten Belohnungen z.B. in Form von geistigen Erfahrungen. Das ist für mich schwer vorstellbar. Der Drang nach Erfolg erscheint mir in diesem Kontext doch als kontraindiziert. Spiritueller Ehrgeiz ist etwas, was mich erheblich behindern würde und auch Jahre lang behindert hat. Für mich ist die Erwartung geistiger Wohltaten ein reiner Ausdruck des Egos, das seine Rosinen auch in geistiger Arbeit ernten möchte, weil es sich vorstellt, sie per se verdient zu haben.
Vielmehr muss in meiner Auffassung das Belohnungszentrum umgewidmet werden in ein reines Gefühl für Relevanz. Es bietet dann auch eine Orientierung im nicht- sinnlichen Feld. Es darf dabei nicht mehr verstrickt sein in die schlichten Mechanismen des Konsums, des Lustgewinns, der alltäglichen Selbstbetäubung, des Machismo. Das Lustzentrum kann auf höherer Ebene das Licht sein, das auch hier Orientierung gibt. Steiner nennt so etwas gern die Umwandlung des Astralleibes. Aber dabei geht nichts verloren und nichts wird lediglich „überwunden“. Das Gefühl für Relevanz wird lediglich umgewidmet. Es darf unserem alltäglichen System des permanenten Selbstbetrugs nicht mehr dienen, sondern sich in einen Strom eingliedern, der uns mit sich nimmt, aber auch über uns hinaus weist. Man geht mit, aber man geht darin nicht auf. Auch das ist ein Unterschied zu den ekstatischen Schilderungen mancher Erleuchteter. Ich denke, dass die Ekstase einen Exzess des nicht ver- objektivierten Belohnungszentrums darstellt, eine Form geistiger Manie. Das Ego erfährt sich in kosmischen Dimensionen. Aber es unterliegt dieser manischen Erleuchtung auch. Es hat jede innere Orientierung verloren. Dafür fehlt einfach das Rüstzeug, weil die Transformation des eigenen Bewertungssystem nicht stattfinden kann. Wenn es eine solche Kompetenz nicht erworben hat, dann bleibt natürlich nur der Not- Griff zu einem Guru, der Orientierung und Belehrung von außen gibt.
Darin liegt meiner Ansicht nach ein Unterschied zwischen Geistesforschung und „integralen“ anthroposophischen Strömungen dieser Tage.
Stufen der Aufmerksamkeit
01.Okt.2008 21:24 Uhr

„Die Methoden, die angewendet werden, um das Geistig-Seelische in uns selbst von dem Physisch-Leiblichen zu scheiden, werden technisch bezeichnet als Konzentration und Meditation.
Diese sind nicht irgendwelche wunderbare geistige Verrichtungen. Sie sind nur aufs höchste gesteigerte geistige Verrichtungen, die auch in ihren niederen elementaren Graden im gewöhnlichen Leben vorkommen. Meditation ist eine ins Unbegrenzte gesteigerte Hingabe der Seele, wie wir sie etwa erleben in den schönsten Empfindungen des religiösen Lebens, und Konzentration ist eine ins Unbegrenzte gesteigerte Aufmerksamkeit.
Im gewöhnlichen Leben bezeichnen wir als Aufmerksamkeit, wenn wir nicht schweifen lassen unsere Vorstellungen und unser Gefühlsleben in beliebiger Weise über die Gegenstände, die auf uns Eindruck machen, sondern wenn wir uns aufraffen, mit unserer Seele unser Interesse auf einen einzelnen Gegenstand besonders hinzulenken, ihn herauszuheben aus dem Feld unseres Wahrnehmens.
Diese Aufmerksamkeit, sie kann ins Unbegrenzte gesteigert werden, namentlich dadurch, daß durch eine innere Willkür unserer Seele gewisse besondere Vorstellungen, welche durch die Geisteswissenschaft gegeben werden können, insofern sie besonders brauchbar sind, in den Mittelpunkt unseres Seelenlebens gerückt werden. Dadurch kann das ganze Seelenleben – mit Außerachtlassung alles übrigen, aller Sorgen und Bekümmernisse, aller Sinneseindrücke, aller Willensimpulse, aller Gefühle und alles Denkens –, kann der gesamte Umfang der Seelenkraft durch eine bestimmte Zeit hindurch einzig und allein auf diese, in den Mittelpunkt des Seelenlebens gerückten Vorstellungen gelenkt werden. Wir müssen dabei ins Auge fassen, daß es nicht darauf ankommt, die Seelenkraft auf den Inhalt desjenigen, was wir so in der Konzentration vor uns haben, zu lenken, sondern auf die Tätigkeit, auf die innere Aktivität und Verrichtung in der Entwickelung der Aufmerksamkeit, der Konzentrationsfähigkeit.
Auf dieses Zusammennehmen, auf das Konzentrieren der Seelenkraft kommt es an. Und oftmaliges, je nach der individuellen Anlage des Menschen allerdings verschieden langes, oft monatelanges, jahrelanges, jahrzehntelanges Üben der Seele in dieser konzentrativen Tätigkeit, ist notwendig, damit die Seele dazu kommt, innerlich sich zu erkraften, innerlich sich zu erraffen, um innerliche Kräfte zu entwickeln, die sonst schlummern in der Seele und die aus ihr hervorgeholt werden durch diese ins Unbegrenzte gesteigerte Aufmerksamkeit, durch die Konzentration. ..“
Rudolf Steiner, 154, Seite 108 f
Aletheia und das Innere Königtum
01.Sep.2008 17:33 Uhr
„Das ganze Neue Testament steht ja im Zeichen der Aletheia, der Unverborgenheit…“, schreibt Georg Kühlewind in „Das Reich Gottes“ (S. 65). Aber schon im Leben Christi bestand ja das Problem seiner Zeitgenossenschaft darin, dass das sich enthüllende Wesen missverstanden und nicht (oder kaum) erkannt wurde. Die Erwartung an den Messias gestaltete sich „ganz äußerlich“: „Man erwartete und hoffte auf ein äusseres Reich, eine äussere Veränderung der Welt, der Umstände, des Lebens.“ Nicht nur Judas, der zu Unrecht Vielgescholtene, erhoffte ja in Jesus einen Sozialrevolutionär. Eingepfercht zwischen Besatzern und einer allmächtigen religiösen Kaste erwartete nicht nur Judas einen politischen Ruck: Am ersten Sonntag der Karwoche wünschte das ganze Volk eine politische und soziale Kehrtwendung von Christus, als dieser umjubelt und frenetisch empfangen in Jerusalem einritt. Das „innere Königtum“ Christi wurde nicht gesehen.
Wem wollte man das verübeln? Wie können wir die verborgene Intentionalität erfassen?
Wir müssten uns erinnern. Denn die Fähigkeit, Intentionalität rein geistig zu erfassen, hatten wir als Kleinkinder. Anders als durch Symbiose, durch Aufnehmen im Sinne der Aletheia kann kein Kind Sprache erlernen. Die Begriffe sind anders gar nicht zu erlernen als eben dadurch, denn das Kind kann weder Definitionen noch sprachliche Herleitungen verstehen. Es erfasst die Bedeutung von Begriffen einzig durch Aufnahme der Intention des Sprechenden.
Diese „empfangende Aufmerksamkeit“ (Kühlewind) steht dem Erwachsenen nicht mehr von selbst zur Verfügung. Aletheia kann nur durch „Wandlung der menschlichen Fähigkeiten“ realisiert werden. Das verborgene „innere Königtum“ bezieht sich nun allerdings auch auf uns selbst. Wir sind uns selbst zum Rätsel geworden.
Nun war in Bezug auf Christus die Stunde seines grössten Triumpfes - der Einritt in Jerusalem- gleichzeitig auch die Stunde des tiefsten Missverständnisses. Vielleicht ist das auch so in unseren persönlichen Biografien. Vielleicht stehen wir uns gerade dann am fernsten, wenn die Erfolge am grössten sind. Nicht umsonst gilt das Bonmot, dass die grössten persönlichen Katastrophen entweder im Scheitern unserer Intentionen oder aber eben in deren Realisation liegen. Umjubelt, anerkannt, gefeiert stehen wir uns fremd gegenüber.
Die Unverborgenheit lebt in der Stille, auch wenn man in ihr ganz öffentlich wirkt. Sie ist allerdings auch nicht - ein weiteres Missverständnis - abhängig von einer „Überwindung des Ich“ im Sinne alter Mysterien und fernöstlicher Praktiken: Man verliert das „Ich-bin-Prinzip“ nicht, „im Gegenteil: Das Königtum bedeutet, dass die erneuerte (sic!) Fähigkeit des Empfangens der oberen Botschaften gerade durch die Individualisierung der bisher überbewussten Logoskräfte, durch die entstehende höhere Ichhaftigkeit vor sich geht.“ (Kühlewind, dito)
Wem wollte man das verübeln? Wie können wir die verborgene Intentionalität erfassen?
Wir müssten uns erinnern. Denn die Fähigkeit, Intentionalität rein geistig zu erfassen, hatten wir als Kleinkinder. Anders als durch Symbiose, durch Aufnehmen im Sinne der Aletheia kann kein Kind Sprache erlernen. Die Begriffe sind anders gar nicht zu erlernen als eben dadurch, denn das Kind kann weder Definitionen noch sprachliche Herleitungen verstehen. Es erfasst die Bedeutung von Begriffen einzig durch Aufnahme der Intention des Sprechenden.
Diese „empfangende Aufmerksamkeit“ (Kühlewind) steht dem Erwachsenen nicht mehr von selbst zur Verfügung. Aletheia kann nur durch „Wandlung der menschlichen Fähigkeiten“ realisiert werden. Das verborgene „innere Königtum“ bezieht sich nun allerdings auch auf uns selbst. Wir sind uns selbst zum Rätsel geworden.
Nun war in Bezug auf Christus die Stunde seines grössten Triumpfes - der Einritt in Jerusalem- gleichzeitig auch die Stunde des tiefsten Missverständnisses. Vielleicht ist das auch so in unseren persönlichen Biografien. Vielleicht stehen wir uns gerade dann am fernsten, wenn die Erfolge am grössten sind. Nicht umsonst gilt das Bonmot, dass die grössten persönlichen Katastrophen entweder im Scheitern unserer Intentionen oder aber eben in deren Realisation liegen. Umjubelt, anerkannt, gefeiert stehen wir uns fremd gegenüber.
Die Unverborgenheit lebt in der Stille, auch wenn man in ihr ganz öffentlich wirkt. Sie ist allerdings auch nicht - ein weiteres Missverständnis - abhängig von einer „Überwindung des Ich“ im Sinne alter Mysterien und fernöstlicher Praktiken: Man verliert das „Ich-bin-Prinzip“ nicht, „im Gegenteil: Das Königtum bedeutet, dass die erneuerte (sic!) Fähigkeit des Empfangens der oberen Botschaften gerade durch die Individualisierung der bisher überbewussten Logoskräfte, durch die entstehende höhere Ichhaftigkeit vor sich geht.“ (Kühlewind, dito)
Egoistische Gedankenkontrolle
01.Aug.2008 03:15 Uhr

Als Replik, Weiterspinnen des Fadens oder auch als individuelle Interpretation der Artikelserie bei Oleander über Gedankenkontrolle, meditative Anfangs- und Konzentrationsübungen möchte ich das Beispiel des Stuhls nehmen.
Man bewegt den Stuhl in Gedanken, wägt mögliche Konstruktionsprinzipien ab, mögliche Materialien. Man macht sich bewusst, wie vielfältig die Ausgestaltungen dieses Begriffs sind. Man konstruiert denkbare Stühle mit allen möglichen Beinen, man grenzt den Stuhl gegen benachbarte Begriffe wie Sessel oder Hocker ab. Man spürt sehr deutlich, dass es eine nicht-visuelle Ur- Begrifflichkeit geben muss, die all diese Erscheinungsformen eint. Diese Begrifflichkeit ist nicht einmal worthaft. Man kann sich ihr nur annähern- sie umkreisen.
Gehen wir heran mit der „Orthaftigkeit“ des Stuhls. Die Lage eines Stuhl markiert einen Ort auf der Erde. Und er gibt durch die Sitzfläche und Lehne sogar eine Richtung der Betrachtung vor. Der Stuhl befreit den Menschen von der Schwere des Körpers. Der Körper wird dem Stuhl übergeben, damit der Mensch frei und in seiner Aufmerksamkeit fokussiert wird. Er schaut, er spricht, er hört, er macht eventuell etwas mit den Händen. Der Stuhl vermittelt Orthaftigkeit, Fokussierung und Freiheit von der Schwere: Er ist ein Synonym für das Gegenstandsbewusstsein. Er ist die in Form gegossene Entsprechung von einer bestimmten menschlichen Entwicklungsstufe, einem geistigen Schritt.
Zunächst war dieses Bewusstsein - als Thron- nur den Priestern und Königen vorbehalten. Später profanisierte der Stuhl zu recht, da ja nun alle dieses Gegenstandsbewusstsein haben.
Man erlebt den Stuhl als eine bestimmte Bewusstseinskonstellation. Das ist gewissermaßen die „Innenseite“ des Stuhls.
Esoterik- Star Tolle oder Mr. Spock in Oprahs Spirit Channel
09.Jul.2008 22:12 Uhr

Der Mann mit dem Mausgesicht im Foto (und dem starken deutschen Akzent) ist der Esoterik- Star Eckhart Tolle, der sich mit seinem Bestseller „Jetzt!“ nicht nur in die Esoterik- Charts geschossen hat, sondern sich sogar in der Show der US- Moderatorin Oprah Winfrey wiederfand, und zwar nicht nur einmal, sondern in einer zehnteiligen Serie. Oprahs unglaubliche Karriere kann man nachlesen, die Show mit Eckhart Tolle („Oprah´s Spirit Channel“ ) aber sogar wahlweise hören oder sehen, für den iPod oder den grossen Bildschirm. Dieser so genannte Podcast ist in allen möglichen Formaten hier zu haben. Sie und Tolle sprechen geschlagene 10 Stunden live miteinander, nicht gerechnet die zahlreichen öffentlichen Meditationsrunden und -anweisungen. Während der Esoterik- Show konnten sich Zuschauer weltweit per Skype- Bild- Telefon einwählen und meist dümmliche Fragen stellen- so wie auf dem Bildschirmfoto oben zu sehen.
Tolle wirkt - auf dem Höhepunkt seiner Karriere- wie eine Maus, die sich im Raumschiff Enterprise verlaufen hat („An der Seite des draufgängerischen Captain Kirk stehen Mr. Spock, Erster Offizier sowie Wissenschaftsoffizier, und der Schiffsarzt Dr. Leonard McCoy. Mr. Spock, Halbvulkanier, gilt nicht nur aufgrund der spitzen Ohren und Augenbrauen als Exot auf dem sonst von Menschen bevölkerten Raumschiff: Das wesentliche Merkmal der Rasse der Vulkanier ist deren streng logische Denkweise. Im Gegensatz dazu vertritt der manchmal mürrische aber herzliche Dr. McCoy ein humanistisches Weltbild“ ) und nun Rede und Antwort stehen muss. Oprah neigt dazu, ihn in Grund und Boden zu reden. Erleuchtet hin oder her: Tolle sagt immer dasselbe. Wer ein Buch von ihm gelesen hat, braucht die Sendung nicht zu sehen. wer ihn dort gesehen hat, will ihn wahrscheinlich sowieso nicht mehr lesen.
Für Menschen mit Schlafstörungen ist der Podcast durchaus zu empfehlen.
Die Kraft des Grolls
12.Apr.2008 02:02 Uhr
Etwas, das anspringt, wenn es aufgerufen wird. Vielleicht ein Freund, der einem entgleitet, vielleicht eine Alltagskleinigkeit, vielleicht wenn jemand eine Eigenschaft zeigt, die man an sich selbst nicht leiden kann: Groll. Es ist etwas zwischen Pflanze und Tier, etwas in den Eingeweiden, eine Struktur, eine Schuppenhaut, zwischen der es fasrig schimmert. Es ist latent auf dem Sprung, dort. Manchmal kann man es produktiv verwenden und sich in eine Idee, ein Werk, eine Aufgabe damit hinein wühlen. Es wird unmittelbar aus der Lebensenergie gespeist.
Die Rückseite des Grolls gibt es so selten zu sehen wie die des Mondes. Man muss diesen Ort aufsuchen, um ihn zu finden. Es gibt keinen Weg dorthin, außer man geht ihn. Man kann die Kraft dieses Ortes nehmen und sich damit geistig festhalten- selbst dort, wo es kein Gelände mehr gibt. Der Groll kann sich umkehren in die Kraft, in sich zu beruhen, ohne Berührung mit dem Faktischen, mit der diapolen Welt der Wahrnehmung. Die Existenz aus sich selbst kann ohne diess Rückgrat nicht bestehen: Insofern ist der Groll dem Satori verwandt.
