Poetologie
Derselbe Weg
13.Mai.2012 20:46 Uhr

Das ist derselbe Weg, den ich immer ging, zwei Jahrzehnte lang, mit Hund und ohne Hund, mit dem einen und mit einem anderen.
Das ist der Weg hinter dem Haus an den Feldern und Pferdekoppeln, dem manchmal trocken gelaufenen Bach entlang, der von Weiden gesäumt wird. In den Pappeln an der Wegscheide nisten im Frühjahr die Bussarde; man hört die Rufe der Jungen aus großer Höhe und von weit her- schneidende, fordernde Töne.
Das ist derselbe Weg, nichts hat sich verändert. Ich habe ihn manchmal gemieden, weil er mir so monoton erschien. Manchmal störte mich der Matsch, manchmal die Öde der weiten Felder, manchmal die Zecken, die vielleicht an den Spitzen der hohen Gräser sitzen, manchmal zu viele Fliegen, manchmal das schlechte Wetter. Zu Zeiten war es mir zu schwül, in anderen Zeiten zog der Wind. Es war vor allem immer dasselbe, derselbe Anblick, dieselbe Landschaft.
Dann, von einem Tag auf den anderen, verschoben sich die Maßstäbe. Ich würde es nicht Übung nennen, es war, als hätte jemand diesen Schleier abgezogen, und die Gewohnheiten - die des Blicks, des Hörens und Empfindens - waren zerstoben. Derselbe Weg, aber ein Anderer, der ihn ging. Nun war der Weg jedes Mal ein neuer. Jeder Gang war das erste Mal. Es ist nur die Frage, wie man schaut. Wenn man nicht mehr den neuen Eindrücken hinterher läuft, wirkt das Land, das man kennt, wie frisch gewaschen. Der weite Blick wird zu einem Ausdruck dieses Augenblicks, in dem alles aufeinander bezogen ist. Er wird zu einem einmaligen, unvergleichlich schönen Präsent, das man unverdient empfängt. Man fühlt, indem man sich mit dem offenen Leib in diesen Anblick stellt, dass man selbst existentiell darauf bezogen und damit verbunden ist. Nicht ein einziges Mal wiederholt sich irgend etwas. Das Wunder, wenn der tiefgrüne Weizen die Spitzen der Grannen gebiert, als würden sie heraus gezogen. Die Spur der Mauersegler vor dem weiß getupften Blau. Der Geruch der Erde, wenn der Nieselregen sie durchfeuchtet. Der Anblick der weidenden Pferde auf der hohen Wiese, in der strotzender Löwenzahn weiße Tupfen setzt:
Nie mehr derselbe Weg.
Comments
Michael Eggert: Als ich einen Fisch vorbei brachte
06.Jan.2012 21:56 Uhr
Nein, mit diesen Männern habe ich wenig gemein. Es gibt die mit den festen Schuhen und der atmungsaktiven Kunststoffwäsche, die fangen die buntesten und grössten Fische. Es gibt den Trinker, der einen widerlichen Fang am Haken hatte, ein mageres schwarzes Tier mit einer Art Laterne über dem grotesken Schädel. Dieser Kerl verwendet offenbar sehr lange Schnüre, um solche lemurischen Urtiere zu fangen. Es gibt die (wenn ich schon mal dabei bin), die immer mit leeren Netzen da stehen. Es scheint, als mache ihnen das nichts aus. Sie stehen da mit so leeren Gesichtern, als würde ihnen jemand jeden Ausdruck heraus waschen. Ich kenne aber auch Fischer, die jede Art und Unterart ihres Fanges mit lateinischer Bezeichnung benennen, die sich endlos darüber ausbreiten können, ohne jemals in ihrem Leben einen einzigen Fang getan zu haben. Würden sie das Blut, den Meergeruch überhaupt ertragen? Es hat etwas vom kühlen Duft des Geschlechtlichen, von salzigem Schleim, vielleicht mit einem eiskalten Weißwein, blauen Fensterläden, zwei durchscheinenden weißen Gardinen, hinter denen sich Schemen von Körpern verwischen und vermischen. Der Geruch von Austern; vielleicht schreckt sie das ab.
Du hättest mich haben können, damals.
Ich wäre gerne dein Junge gewesen.
Aber nein, du musstest ja wählerisch sein.
Mit diesen Fischern habe ich nichts gemein. Wir schützen uns mit extra breiten Hüten gegen die anbrandenden Brecher, zumindest die empfindlichen Augen. Unsere Gummianzüge und Kapuzen glänzen im perlenden Wasserfilm, in denen wir den Krebsen so sehr ähneln, die wir gerade fangen, wir sind ihre monströs vergrösserten Brüder. Ich finde nicht, dass Brüder immer friedlich sind.
Ich selber stehe schon lange am Fluss. Ich war, als ich damit anfing, in einer jugendlichen Krise, etwas überdreht, etwas leichtsinnig. So viel liegt einem in diesem Alter nicht am Leben. Man hat sich selbst ja auch erst als Idee. Man sucht und findet sich in der eigenen Vorstellung- als Konzept. Man muss das Selbstkonzept mit der Welt um sich herum irgendwie in Einklang bringen, und das ist schon deshalb schwierig, weil man sich ja noch nicht erprobt, weil man die Idee von sich selbst nicht einmal in Worte gefasst hat. Dann hatte ich das Gefühl, dass aus meiner Verwirrung heraus eine klare Stimme sagte: Sei Angler. Und seitdem bin ich das, obwohl ich die Ursache selbst etwas kindisch finde. Es hat sich eben dann so ergeben, vielleicht wurde ich schwach, vielleicht waren meine Fluchtbewegungen nur von kurzer Dauer, weil immer etwas dazwischen kam, und nun stehe ich hier, in der Gischt, schweigend wie alle.
Du hättest mich nehmen können, damals.
Ich wäre gerne dein Mann gewesen.
Aber nein, du musstest ja wählerisch sein.
Ich fange andere Sachen. Es hängt wohl vom Köder ab, vielleicht muss man ihn mit eigener Spucke bedecken, das hilft. Ich spucke den Köder immer an wie die Templer das Kreuz, das Bild Christi.. Wir können von Bildern nicht leben, wir brauchen den wirklichen Fang an unseren Leinen, in unseren Netzen, in unserem ganzen öligen Blut. Ich wäre sicher lieber unter Templern als unter diesen brütenden Fischern in ihren glänzenden schwarzen Überziehern, aber das sucht man sich nicht aus. Es gibt heute keine Templer mehr. Ich wäre auch gerne bei dir. Ich fange nur Aale, weißt du, aber die haben ja auch ihre Bedeutung und bringen gutes Geld. Ich weiß, dass sie Unrat fressen. Ich weiß, dass sie fettig sind. Ich weiß, dass die anderen Fischer mich deshalb verachten. Aber darauf kommt es nicht an. Wenn du das liest, wenn du dich erinnerst, wenn du Brot und Wein hast, dann bringe ich dir einen Fisch vorbei.
Du hättest mich haben können, damals.
Ich wäre gerne dein Junge gewesen.
Aber nein, du musstest ja wählerisch sein.
Mit diesen Fischern habe ich nichts gemein. Wir schützen uns mit extra breiten Hüten gegen die anbrandenden Brecher, zumindest die empfindlichen Augen. Unsere Gummianzüge und Kapuzen glänzen im perlenden Wasserfilm, in denen wir den Krebsen so sehr ähneln, die wir gerade fangen, wir sind ihre monströs vergrösserten Brüder. Ich finde nicht, dass Brüder immer friedlich sind.
Ich selber stehe schon lange am Fluss. Ich war, als ich damit anfing, in einer jugendlichen Krise, etwas überdreht, etwas leichtsinnig. So viel liegt einem in diesem Alter nicht am Leben. Man hat sich selbst ja auch erst als Idee. Man sucht und findet sich in der eigenen Vorstellung- als Konzept. Man muss das Selbstkonzept mit der Welt um sich herum irgendwie in Einklang bringen, und das ist schon deshalb schwierig, weil man sich ja noch nicht erprobt, weil man die Idee von sich selbst nicht einmal in Worte gefasst hat. Dann hatte ich das Gefühl, dass aus meiner Verwirrung heraus eine klare Stimme sagte: Sei Angler. Und seitdem bin ich das, obwohl ich die Ursache selbst etwas kindisch finde. Es hat sich eben dann so ergeben, vielleicht wurde ich schwach, vielleicht waren meine Fluchtbewegungen nur von kurzer Dauer, weil immer etwas dazwischen kam, und nun stehe ich hier, in der Gischt, schweigend wie alle.
Du hättest mich nehmen können, damals.
Ich wäre gerne dein Mann gewesen.
Aber nein, du musstest ja wählerisch sein.
Ich fange andere Sachen. Es hängt wohl vom Köder ab, vielleicht muss man ihn mit eigener Spucke bedecken, das hilft. Ich spucke den Köder immer an wie die Templer das Kreuz, das Bild Christi.. Wir können von Bildern nicht leben, wir brauchen den wirklichen Fang an unseren Leinen, in unseren Netzen, in unserem ganzen öligen Blut. Ich wäre sicher lieber unter Templern als unter diesen brütenden Fischern in ihren glänzenden schwarzen Überziehern, aber das sucht man sich nicht aus. Es gibt heute keine Templer mehr. Ich wäre auch gerne bei dir. Ich fange nur Aale, weißt du, aber die haben ja auch ihre Bedeutung und bringen gutes Geld. Ich weiß, dass sie Unrat fressen. Ich weiß, dass sie fettig sind. Ich weiß, dass die anderen Fischer mich deshalb verachten. Aber darauf kommt es nicht an. Wenn du das liest, wenn du dich erinnerst, wenn du Brot und Wein hast, dann bringe ich dir einen Fisch vorbei.
Michael Eggert: Narziss
23.Okt.2011 16:32 Uhr
Wenn ich mir Narziss vorstelle, dann als ein zartes Wesen mit feinen Hörnern, die in der Verlängerung nach innen gedreht sind; er ist auf sich bezogen, immer. Zarte, zum Ende fast verschnörkelt wirkende Augenbrauen, eine feine Nase und ein voller Mund; Narziss ist schön. Er ist der, der mit dem Füllhorn durch den Garten geht und Anstösse gibt, dem Dichter den Reim, dem Maler das passende Farbpendant, dem Bildhauer die eine Kurve in der Silhouette, die den Unterschied ausmacht. Narziss- Lucifer ist großzügig und freigiebig, er ist der Herr der Talente und der kleinen und großen Emporen, auf denen sich Künstler, Politiker, Erfolgsmenschen verwirklichen. Oh ja, Narziss ist die Selbstverwirklichung in dem Sinne, wie er es versteht. Er versteht sie stets als schönes Selbstgefühl, als individuelle Brillanz.
Er ist schön, weil wir unser Selbstbild idealisiert nach außen werfen und Menschen begehren, die wie dieses Ideal wirken. Wir suchen - zunächst- nicht das Ideal der Anderen, sondern unser Bild in ihnen. Das, was immer wir dort, im Anderen, zu sehen glauben, trägt die Natur von Narziss- Lucifer - es ist das, was wir als das Schöne begehren, was aber eigentlich ein Abziehbild unseres Selbstbildes ist. Das sind die Hörner, die nach innen gedreht sind.
Auf Narziss- Lucifer ist Verlass. An unseren Träumen halten wir fest bis zum Schluss. Unsere Illusionen sind das Festeste, was wir kennen, unsere Erinnerungen münden an dieser Küste, hier haben wir ein Heim gebaut, das wir „Ich“ nennen.
Die Abkehr vom schönen Selbstbild ist der Bruch mit allem, was wir haben. Und von ihm, der doch schon bei uns war, als die erste Erinnerung erwachte und blieb und als wir erstmals uns selber Ich nannten. Die blitzende Intelligenz, die sich am eigenen Spiegelbild ergötzt. Das schöne, satte Gefühl, unendlich recht zu haben. Alles, was uns stark macht: Illusionen. Auf ihn ist Verlass, aber eben die Sicherheiten, an die wir nur angelehnt sind, erweisen sich an irgend einem Brennpunkt als schöne Seifenblasen. Das Gewicht, das er gibt, unterliegt nicht der Schwerkraft; es zerstiebt wie Antimon, es ist ein Luftkörper, ein Ariel, der nächtens seine Spuren zieht, mit leichtem Federstrich vor dem Indigo der Nacht. Verschnörkelte Augenbrauen, in die Nacht geschrieben: Das ist er.
Wenn Steiner nun vom luziferischen Denken und vom ahrimanischen Wahrnehmen spricht, was meint er? Im Wahrnehmen erfassende wir den Gegenstand unserer Betrachtung wir nicht kontextuell, nicht prozesshaft und nicht systemisch. Der Baum, den wir sehen, wird von uns katalogisiert, diagnostiziert, identifiziert. Wir gleichen ihn mit unserem Erfahrungs- und Wissenskontext ab, und wir stellen fest: er ist DAS. Aber er lebt in Wahrheit nicht allein, sondern als Glied und Produkt einer konkreten Umgebung und eines Mikrokosmos. Er kann sich z.B. gar nicht ernähren, gar nicht Wurzeln fassen ohne ein komplexes symbiotisches Reich der Pilze, die im Stoffwechsel mit dem Baum und seinen Wurzeln unentwirrbar verwachsen sind. Er zeigt dieses Bild, jetzt, ist aber aus was entstanden, wandelt seine Gestalt und wird zu was werden? Der Baum ist nicht dieses eine, gerade momentan Sichtbare, er hat eine Art Biografie, und die ist er. Er wächst auch nur in dieser Wärmezone, in dieser einmaligen Zusammensetzung der Erde, unter diesem Himmel, mit dieser Sonneneinstrahlung. Ja, in den Wurzeln hat er eine Art Empfinden und Wahrnehmung, er kostet im Bauch des Grundes, er schlürft die Erden und Minerale. Und träumt im Wiegen der Blätter im Wind. Nein, der Baum ist nicht nur das DAS dieses Augenblickes, er ist ein komplexes Lebewesen. Und natürlich ist er ein Heim für bestimmte Tierarten, in diesem Augenblick ein eigener Kosmos. Obwohl wir das und noch mehr wissen, sehen wir aber in unserer Wahrnehmung nur eine platte Oberfläche mit einem Begriff darauf: Eine Rekonstruktion, ein Rudiment.
Der narziss- luciferische Gedanke aber hat ellenlange Augenbrauen, die ihn ans Wünschen fesseln. Im Idealfall ist er brillant formuliert, er trifft den Nerv der Sache und ist gut gesagt, aber nicht unbedingt neu. Weißt du, du spricht, aber du siehst den Prozess dabei nicht, das, was in der Gruppe anstossen wird, die Widerstände, die dieser Gedanke, so vorgetragen, hervor locken wird. Dein Gedanke ist eine Totgeburt. Gedanken sind nicht allein, das scheint nur so zu sein, sie sind in einem inneren Kontext und sie stossen in soziale Prozesse vor. Wenn man systemisch denken könnte, würde man fühlen, wohin die Gruppe will, worin der Prozess sich fruchtbar entfalten könnte, hier, an diesem Ort, heute und morgen. Der Gedanke sollte dem Prozess entspringen, nicht umgekehrt. Um ihn zu fassen, musst du frei von Kalkül, Berechnung und Eigennutz sein. Hier beginnt der Freiheitsbereich, jenseits des Narzissmus.
Er ist schön, weil wir unser Selbstbild idealisiert nach außen werfen und Menschen begehren, die wie dieses Ideal wirken. Wir suchen - zunächst- nicht das Ideal der Anderen, sondern unser Bild in ihnen. Das, was immer wir dort, im Anderen, zu sehen glauben, trägt die Natur von Narziss- Lucifer - es ist das, was wir als das Schöne begehren, was aber eigentlich ein Abziehbild unseres Selbstbildes ist. Das sind die Hörner, die nach innen gedreht sind.
Auf Narziss- Lucifer ist Verlass. An unseren Träumen halten wir fest bis zum Schluss. Unsere Illusionen sind das Festeste, was wir kennen, unsere Erinnerungen münden an dieser Küste, hier haben wir ein Heim gebaut, das wir „Ich“ nennen.
Die Abkehr vom schönen Selbstbild ist der Bruch mit allem, was wir haben. Und von ihm, der doch schon bei uns war, als die erste Erinnerung erwachte und blieb und als wir erstmals uns selber Ich nannten. Die blitzende Intelligenz, die sich am eigenen Spiegelbild ergötzt. Das schöne, satte Gefühl, unendlich recht zu haben. Alles, was uns stark macht: Illusionen. Auf ihn ist Verlass, aber eben die Sicherheiten, an die wir nur angelehnt sind, erweisen sich an irgend einem Brennpunkt als schöne Seifenblasen. Das Gewicht, das er gibt, unterliegt nicht der Schwerkraft; es zerstiebt wie Antimon, es ist ein Luftkörper, ein Ariel, der nächtens seine Spuren zieht, mit leichtem Federstrich vor dem Indigo der Nacht. Verschnörkelte Augenbrauen, in die Nacht geschrieben: Das ist er.
Wenn Steiner nun vom luziferischen Denken und vom ahrimanischen Wahrnehmen spricht, was meint er? Im Wahrnehmen erfassende wir den Gegenstand unserer Betrachtung wir nicht kontextuell, nicht prozesshaft und nicht systemisch. Der Baum, den wir sehen, wird von uns katalogisiert, diagnostiziert, identifiziert. Wir gleichen ihn mit unserem Erfahrungs- und Wissenskontext ab, und wir stellen fest: er ist DAS. Aber er lebt in Wahrheit nicht allein, sondern als Glied und Produkt einer konkreten Umgebung und eines Mikrokosmos. Er kann sich z.B. gar nicht ernähren, gar nicht Wurzeln fassen ohne ein komplexes symbiotisches Reich der Pilze, die im Stoffwechsel mit dem Baum und seinen Wurzeln unentwirrbar verwachsen sind. Er zeigt dieses Bild, jetzt, ist aber aus was entstanden, wandelt seine Gestalt und wird zu was werden? Der Baum ist nicht dieses eine, gerade momentan Sichtbare, er hat eine Art Biografie, und die ist er. Er wächst auch nur in dieser Wärmezone, in dieser einmaligen Zusammensetzung der Erde, unter diesem Himmel, mit dieser Sonneneinstrahlung. Ja, in den Wurzeln hat er eine Art Empfinden und Wahrnehmung, er kostet im Bauch des Grundes, er schlürft die Erden und Minerale. Und träumt im Wiegen der Blätter im Wind. Nein, der Baum ist nicht nur das DAS dieses Augenblickes, er ist ein komplexes Lebewesen. Und natürlich ist er ein Heim für bestimmte Tierarten, in diesem Augenblick ein eigener Kosmos. Obwohl wir das und noch mehr wissen, sehen wir aber in unserer Wahrnehmung nur eine platte Oberfläche mit einem Begriff darauf: Eine Rekonstruktion, ein Rudiment.
Der narziss- luciferische Gedanke aber hat ellenlange Augenbrauen, die ihn ans Wünschen fesseln. Im Idealfall ist er brillant formuliert, er trifft den Nerv der Sache und ist gut gesagt, aber nicht unbedingt neu. Weißt du, du spricht, aber du siehst den Prozess dabei nicht, das, was in der Gruppe anstossen wird, die Widerstände, die dieser Gedanke, so vorgetragen, hervor locken wird. Dein Gedanke ist eine Totgeburt. Gedanken sind nicht allein, das scheint nur so zu sein, sie sind in einem inneren Kontext und sie stossen in soziale Prozesse vor. Wenn man systemisch denken könnte, würde man fühlen, wohin die Gruppe will, worin der Prozess sich fruchtbar entfalten könnte, hier, an diesem Ort, heute und morgen. Der Gedanke sollte dem Prozess entspringen, nicht umgekehrt. Um ihn zu fassen, musst du frei von Kalkül, Berechnung und Eigennutz sein. Hier beginnt der Freiheitsbereich, jenseits des Narzissmus.
Michael Eggert: Heimgekommen
15.Okt.2011 00:23 Uhr

Dieser Ort hat keinen
Längen-, keinen
Breitengrad
Hierhin bist du heimgekommen
Obwohl du dich nicht mal
Bewegst
Hierher kamst du angeschwommen
Eine Hand im Wind und
Eine in den Sternen
Ein Auge unterm laubbedeckten
Boden, Blinzelblicke unterm
Roten Ahornblatt
Vor der Phalanz ungeblühter
Azaleen - dort wo
Der Buddha steht
Der Ort hat dich erreicht und
Füllt dich aus. Hier
Bist du zuhaus.
Michael Eggert: Der letzte Kreis der Ordnung
10.Okt.2011 01:24 Uhr
Du kannst einem Demenz- Kranken nicht widersprechen. Im hohen Alter wird das immer schwierig. Denn dein Widerspruch, worauf stösst er? Auf eine Identität, deren Boden zerbröckelt, dessen Ich gebannt in Ticks, Rituale und die strenge Zucht des Tag-für-Tag beschäftigt ist. Du bist der Widerspruch, der sich wie eine Kaltfont vor einem kämpfenden, zersplitternden, wolkig gewordenen Selbstempfinden aufbaut.
Du sollst nicht widersprechen, selbst wenn du recht hast. Die Gewandten, die diese Welt unterjocht haben, so weit sie es vermochten (die Elemente widerstreben noch und reissen immer noch die Kontinentalplatten auseinander) haben immer recht; das ist ihre Zeit, sie tragen die Häupter erhoben in den Wolken und trampeln mit ihren gewichsten Schuhen die Gräser platt. Kraftstrotzende Ungetüme, Weltherrscher, polyglotte Intelligenzen!
Ich war es, wieder einmal. Ich bin ein schlechter Sohn. Ich nahm ihnen stets übel, dass sie mich körperlich groß-, aber geistig gar nicht erzogen hatten. Geistig wuchs ich daran, ihnen in ihrer spießbürgerlichen Penetranz, ihren durchschaubaren Zielen und Wünschen, ihrer Sentimentalität sich selbst gegenüber zu widersprechen. Aber sie hielten mich eigentlich für ein missratenes Wesen. Ich aber nahm vor allem den Widerspruch zur seelischen Kruste, in die ich hinein wuchs wie ein Krebs in einen neuen Panzer.
Nun ist er alt und dement. Letzte Gelegenheit, vom Widersprechen frei zu kommen. Es hat mich all die Jahre begleitet, ein einmal erworbener Panzer. Er erwies sich als so schwer wie getrocknete Krokodilshaut, weißt du. Er hat mich enger und enger gemacht. Ich sehe das, seitdem er dement ist. Man muss sich in Frage stellen, wenn man Dementen begegnet. Man muss seinen Krokodilspanzer ablegen und sich auf die mäandernde Zeit des Alten einstellen. Jede Kratzspur an der Wand hat ihre Geschichte. Schick keine Maler herein, das zu reparieren. Die Katze, die ihre Krallen hier erprobt hat, lebt seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Aber das und andere Spuren, selbst die Dinge, die hier unverrückt seit vielen Jahren stehen, bilden den letzten Kreis von Ordnung, der geblieben ist.
Widersprich nicht und verrück die Vase nicht auf dem Fenstersims.
Du sollst nicht widersprechen, selbst wenn du recht hast. Die Gewandten, die diese Welt unterjocht haben, so weit sie es vermochten (die Elemente widerstreben noch und reissen immer noch die Kontinentalplatten auseinander) haben immer recht; das ist ihre Zeit, sie tragen die Häupter erhoben in den Wolken und trampeln mit ihren gewichsten Schuhen die Gräser platt. Kraftstrotzende Ungetüme, Weltherrscher, polyglotte Intelligenzen!
Ich war es, wieder einmal. Ich bin ein schlechter Sohn. Ich nahm ihnen stets übel, dass sie mich körperlich groß-, aber geistig gar nicht erzogen hatten. Geistig wuchs ich daran, ihnen in ihrer spießbürgerlichen Penetranz, ihren durchschaubaren Zielen und Wünschen, ihrer Sentimentalität sich selbst gegenüber zu widersprechen. Aber sie hielten mich eigentlich für ein missratenes Wesen. Ich aber nahm vor allem den Widerspruch zur seelischen Kruste, in die ich hinein wuchs wie ein Krebs in einen neuen Panzer.
Nun ist er alt und dement. Letzte Gelegenheit, vom Widersprechen frei zu kommen. Es hat mich all die Jahre begleitet, ein einmal erworbener Panzer. Er erwies sich als so schwer wie getrocknete Krokodilshaut, weißt du. Er hat mich enger und enger gemacht. Ich sehe das, seitdem er dement ist. Man muss sich in Frage stellen, wenn man Dementen begegnet. Man muss seinen Krokodilspanzer ablegen und sich auf die mäandernde Zeit des Alten einstellen. Jede Kratzspur an der Wand hat ihre Geschichte. Schick keine Maler herein, das zu reparieren. Die Katze, die ihre Krallen hier erprobt hat, lebt seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Aber das und andere Spuren, selbst die Dinge, die hier unverrückt seit vielen Jahren stehen, bilden den letzten Kreis von Ordnung, der geblieben ist.
Widersprich nicht und verrück die Vase nicht auf dem Fenstersims.
Michael Eggert: Die gezickzackte Spur
08.Okt.2011 00:11 Uhr
Manche Frauen gehen mit einer unsichtbaren Peilung, einer Kraft, die ihrer persönlich körperlichen Mitte entspringt und sie offenbar mit dem flüssigen Eisenkern der Erde verbindet- sie gehen traumwandlerisch, tänzeln womöglich, straucheln sogar, bleiben sich aber fast immer ihrer Kraft bewusst (über die bodenlosen Momente wollen wir jetzt nicht sprechen).
Nein, sie werden nicht notgedrungen schwer, ganz im Gegenteil. Auf der Kraft der Mitte lassen sich Königreiche erbauen, aber auch liebliche, leichte Gestalten, ja sogar flatterhafte Luftschlösser. Hast du gewusst, dass es in der Tiefsee weibliche Fische gibt, deren winzige männliche Partner sich lebenslänglich in sie verbeißen?
Männern geht diese Peilung eher ab. Manche leben durch und für die Partnerinnen, die das ganze soziale Leben für sie arrangieren. Männer, die auf lächerliche Weise Vorstellungen, Gedanken, Ideologien, Erfolg und anderen Gespenstern nachjagen, begeistert in einen idiotischen Krieg ziehen, der sie zermalmen wird, Leichtmatrosen, leicht zu bezaubernde und zu verwirrende Fischlinge, die von dem Gewicht der Erde nichts wissen wollen, obwohl sie ihm unterworfen sind. Hilflos untermeerischen Strömungen ausgeliefert, die sie quer über die Erde tragen, hier und da durch ein Stückchen Erfüllung zeitweilig befriedigt, werden sie magnetisch von neuen Verheißungen angezogen und leben ihr Leben in einer gezickzackten Spur.
Sie, die ich jetzt meine, zog auch eine Spur. Ich habe erst jetzt, über dreißig Jahre später, erfahren, wie viele Männer sie wirklich umschwärmt hatten, damals, als wir unsere gemeinsame Zeit hatten. Es war nicht allein ihre Schönheit, ihre Lebensfreude, ihr Humor, es war diese körperlich spürbare Selbstgewissheit, die den Schwarm anzog. Ihre Spur führte sie einmal quer durch Europa und zurück. Die sehnsüchtigen Männer umgaben sie auf jeder Station. Sie hatte, je nach Land und Situation, einen davon bei sich. Am Ende wählte sie einen aus, der immer auf sie gewartet hatte. Sie gestattete ihm, dass er sich bei ihr niederlassen durfte. Er hat das nie vergessen, er hat den nervösen Blick noch immer, jetzt, mit knapp gewordenen Haaren, in den Fünfzigern, den Blick, der sich umschaut, ob irgend ein Mann in der Nähe ist, der sie begehren könnte. Er bildet es sich nicht ein, er hat ganz recht, sie ist wie immer schön, ein wenig herrisch, herb, aber vor allem unmittelbar. Einmal sah ich die Familie im Herbstwind, sie mit sicheren Schritten vorneweg, er mit den Kindern zwei, drei Schritte hinter ihr. Man sah, sie hatten gestritten.
Ihre Tiefseepeilung. Sie hat mich in einer Menge gesehen, ist gekommen, hat sich zu mir gelehnt. Manche Dinge vergehen nie, manche Dinge sind nicht aus Schaum geboren, nicht aus Sand gebacken. Manche Dinge wurzeln tiefer als dieses eine so oder so gelebte Leben.
Nein, sie werden nicht notgedrungen schwer, ganz im Gegenteil. Auf der Kraft der Mitte lassen sich Königreiche erbauen, aber auch liebliche, leichte Gestalten, ja sogar flatterhafte Luftschlösser. Hast du gewusst, dass es in der Tiefsee weibliche Fische gibt, deren winzige männliche Partner sich lebenslänglich in sie verbeißen?
Männern geht diese Peilung eher ab. Manche leben durch und für die Partnerinnen, die das ganze soziale Leben für sie arrangieren. Männer, die auf lächerliche Weise Vorstellungen, Gedanken, Ideologien, Erfolg und anderen Gespenstern nachjagen, begeistert in einen idiotischen Krieg ziehen, der sie zermalmen wird, Leichtmatrosen, leicht zu bezaubernde und zu verwirrende Fischlinge, die von dem Gewicht der Erde nichts wissen wollen, obwohl sie ihm unterworfen sind. Hilflos untermeerischen Strömungen ausgeliefert, die sie quer über die Erde tragen, hier und da durch ein Stückchen Erfüllung zeitweilig befriedigt, werden sie magnetisch von neuen Verheißungen angezogen und leben ihr Leben in einer gezickzackten Spur.
Sie, die ich jetzt meine, zog auch eine Spur. Ich habe erst jetzt, über dreißig Jahre später, erfahren, wie viele Männer sie wirklich umschwärmt hatten, damals, als wir unsere gemeinsame Zeit hatten. Es war nicht allein ihre Schönheit, ihre Lebensfreude, ihr Humor, es war diese körperlich spürbare Selbstgewissheit, die den Schwarm anzog. Ihre Spur führte sie einmal quer durch Europa und zurück. Die sehnsüchtigen Männer umgaben sie auf jeder Station. Sie hatte, je nach Land und Situation, einen davon bei sich. Am Ende wählte sie einen aus, der immer auf sie gewartet hatte. Sie gestattete ihm, dass er sich bei ihr niederlassen durfte. Er hat das nie vergessen, er hat den nervösen Blick noch immer, jetzt, mit knapp gewordenen Haaren, in den Fünfzigern, den Blick, der sich umschaut, ob irgend ein Mann in der Nähe ist, der sie begehren könnte. Er bildet es sich nicht ein, er hat ganz recht, sie ist wie immer schön, ein wenig herrisch, herb, aber vor allem unmittelbar. Einmal sah ich die Familie im Herbstwind, sie mit sicheren Schritten vorneweg, er mit den Kindern zwei, drei Schritte hinter ihr. Man sah, sie hatten gestritten.
Ihre Tiefseepeilung. Sie hat mich in einer Menge gesehen, ist gekommen, hat sich zu mir gelehnt. Manche Dinge vergehen nie, manche Dinge sind nicht aus Schaum geboren, nicht aus Sand gebacken. Manche Dinge wurzeln tiefer als dieses eine so oder so gelebte Leben.
Michael Eggert: Intime Verhältnisse
01.Okt.2011 19:21 Uhr
Ein warmer Tag, ein langes Wochenende, es ist Oktober, aber die Leute können noch einmal Sommer spielen. Getränkemärkte explodieren, Grillfleisch ist ausverkauft, vor dem Supermarkt ist ein Wimmelbild entstanden. Anarchie auf den Parkplätzen, winzig erscheinende Menschen in ihren monströsen Limousinen und Vans versuchen zu rangieren, aber sehr alt erscheinende Menschen in ihren top gestylten Mini Coopers sind schneller und wendiger. Komm, sagt einer, wir gehen zum Aldi. Es ist weniger ein Geschäft oder Markt, es ist eine Institution, ja es ist fast personalisiert. Man geht zum Aldi wie zu Karin oder Peter. Beim Aldi sagt man zum Abschied nicht Auf Wiedersehen, sondern Schönen Tag noch- das ist zur Grußformel mutiert. Man pflegt mit seiner Kassiererin eine Art intimen Verhältnisses. Das hat keine sexuelle Konnotation, wie man denken könnte, sondern eher ein mütterliches, selbst wenn die Kassiererin viel jünger sein sollte als man selbst; schließlich bezieht man hier die Rohstoffe, die man zum Lebenserhalt braucht. Einige kleine Kinder haben einen Einkaufswagen gekapert, eines hat sich hinein gesetzt, die anderen schieben ihn johlend durch die Gänge. Hier schreitet die Kassiererin, die gerade Regale einräumt, ein, denn die Ordnung muss gewahrt bleiben. Wieder einmal sind Eltern nicht auszumachen, ducken sich womöglich hinter die Palette mit den Bierflaschen oder hinter die Laubstaubsauger. Die institutionalisierten Eltern, die sich ständig weg ducken und nicht zu entdecken sind, sind ein sehr häufiger Anblick. Ich habe nichts gegen Multikulti, sagt einer zu seiner Frau, aber es sollten halt nicht so viele Ausländer dabei sein. Er wirkt sehr ernsthaft und hat einen leicht polnischen Akzent. Die Kleiderordnung ist an diesem Tag doch stark auseinander gegangen, es ist ein warmer Tag im Oktober, die einen haben noch einmal knappe Tops und Shorts heraus geholt, um einen letzten Blick auf ihre in Mallorca gebräunten Schenkel zu erlauben, die anderen gehen streng nach Jahreszeit und tragen Herbstkleidung in gedeckten Farben, schwitzend. Gleich, zuhause, wird der Grill aus der Garage geholt, es gibt noch einmal Rose und leichtes Bier, die Schlange wird sich auflösen, der Parkplatz entwirren, und die riesigen PKWs werden von sich automatisch senkenden Garagentoren verschluckt.
Michael Eggert: Neunzig
30.Sep.2011 20:05 Uhr
Was macht man in so einem Fall den ganzen Tag? Dass er auf die Neunzig zuging, tat nichts zur Sache, erleichterte es vielleicht sogar, da selbst die einfachen Handreichungen einiger Vor- und Nachbereitung bedurften, wohl überlegt sein mussten, schon allein wegen der Sturzgefahr.
Es gab Zeiten, in denen er einen Beruf ausgeübt hatte, verheiratet gewesen war und täglich betrunken gewesen war. Das hatte ihn, von außen betrachtet, alles gleichermaßen in Beschlag genommen. Aber die berufliche Arbeit war seit dreissig Jahren beendet, er war seit zwanzig Jahren Witwer und hatte, das Alter im Auge, vor zwölf Jahren abrupt mit dem Alkohol aufgehört. Er kochte nicht, las keine Bücher und Zeitschriften, arbeitete nie in seinem großen Garten und hatte keinerlei erkennbare Interessen. Früher hatte er gern und laut politisch räsoniert und dabei vor allem im Auge gehabt, Recht zu behalten oder zumindest das letzte Wort, aber die Politiker, deren Gesichter ihm vertraut, deren Gesichter, Tonfall, Gestik und Erscheinung die seiner Generation waren, lebten nicht mehr oder befanden sich längst im Ruhestand: Es interessierte ihn nicht mehr, was die heute diskutierten. Die Probleme, die diese Leute anhäuften, beschäftigten ihn auch nicht mehr, denn er würde das nicht mehr bezahlen müssen, das überließ er gern den Kommenden.
In Gesprächen kam er stets nach wenigen höflichen Worten auf seine Gesundheit zu sprechen. Dass das Alter ein Massaker war, wusste er nur zu gut, und er berichtete gern davon. Die Kurzatmigkeit, die Pigmentflecken auf der Haut, das Haar wie Stroh und der nächtliche Harndrang. Er sprach davon, als sei das alles eine Zumutung, die ihm persönlich angetan wurde, ein Unrecht, gegen das er ständig opponierte.
Lange Tage, endlose Nächte: Was macht einer wie er die ganze Zeit? Bewegte er sein Leben hin und her wie einen Klumpen Ton und versuchte, eine Form darin zu entdecken? War er als Archäologe seiner Tage, Monate und Jahre beschäftigt? Suchte er geheime Spuren im Fels, die vielleicht erklärten, wie es verlaufen war? Spürte er seinen Irrtümern nach? Nein, dazu hatte er kaum die Mittel. Seine Erinnerungen, so weit er sie aussprach, erschienen stets wie ein glatt geschliffener Stein: Ohne jeden Riss, aus einem Guss. Er war sich an keinem erkennbaren Punkt fremd. An Widrigkeiten oder gar Widersprüchlichkeiten konnte er sich nicht erinnern, so wie er überhaupt Widerspruch oder Zweifel nicht duldete. Um sich in seiner Zeit anschauen zu können, muss man sich ein kleines Stück aus seinem biografischen Kontext heraus lösen können, um einen Blick auf diese Landschaft zu haben, die man selbst ist.
Außerdem hatte er keine Zeit. Obwohl sie ihm im Überfluss zur Verfügung zu stehen schien, war Zeit für ihn wie für viele alte Menschen ein knappes Gut. Er führte einen strikten Terminkalender und war inzwischen froh um Tage, an denen keine Termine lauerten wie boshafte Allesfresser. Er mochte keine Löcher im gut abgewogenen, eisernen Rhythmus seiner Tage. Je hinfälliger er körperlich wurde, desto mehr versteifte er sich auf diese Strukturen. Die Zeit hatte Bestand und Verlass, der Rhythmus hatte das Regiment übernommen, Stäbe, Stützen, Rituale. Ihr vertraute er, ihr vertraute er sich an, denn sie allein versprach ihm nicht nur eine Art von persönlicher Signatur, sie war die Spur, die er jetzt zog, sie war die Grundlage seiner verbliebenen Autonomie.
Was macht man in einem solchen Fall den ganzen Tag? Man macht es so wie gestern und - vielleicht- wie morgen.
Es gab Zeiten, in denen er einen Beruf ausgeübt hatte, verheiratet gewesen war und täglich betrunken gewesen war. Das hatte ihn, von außen betrachtet, alles gleichermaßen in Beschlag genommen. Aber die berufliche Arbeit war seit dreissig Jahren beendet, er war seit zwanzig Jahren Witwer und hatte, das Alter im Auge, vor zwölf Jahren abrupt mit dem Alkohol aufgehört. Er kochte nicht, las keine Bücher und Zeitschriften, arbeitete nie in seinem großen Garten und hatte keinerlei erkennbare Interessen. Früher hatte er gern und laut politisch räsoniert und dabei vor allem im Auge gehabt, Recht zu behalten oder zumindest das letzte Wort, aber die Politiker, deren Gesichter ihm vertraut, deren Gesichter, Tonfall, Gestik und Erscheinung die seiner Generation waren, lebten nicht mehr oder befanden sich längst im Ruhestand: Es interessierte ihn nicht mehr, was die heute diskutierten. Die Probleme, die diese Leute anhäuften, beschäftigten ihn auch nicht mehr, denn er würde das nicht mehr bezahlen müssen, das überließ er gern den Kommenden.
In Gesprächen kam er stets nach wenigen höflichen Worten auf seine Gesundheit zu sprechen. Dass das Alter ein Massaker war, wusste er nur zu gut, und er berichtete gern davon. Die Kurzatmigkeit, die Pigmentflecken auf der Haut, das Haar wie Stroh und der nächtliche Harndrang. Er sprach davon, als sei das alles eine Zumutung, die ihm persönlich angetan wurde, ein Unrecht, gegen das er ständig opponierte.
Lange Tage, endlose Nächte: Was macht einer wie er die ganze Zeit? Bewegte er sein Leben hin und her wie einen Klumpen Ton und versuchte, eine Form darin zu entdecken? War er als Archäologe seiner Tage, Monate und Jahre beschäftigt? Suchte er geheime Spuren im Fels, die vielleicht erklärten, wie es verlaufen war? Spürte er seinen Irrtümern nach? Nein, dazu hatte er kaum die Mittel. Seine Erinnerungen, so weit er sie aussprach, erschienen stets wie ein glatt geschliffener Stein: Ohne jeden Riss, aus einem Guss. Er war sich an keinem erkennbaren Punkt fremd. An Widrigkeiten oder gar Widersprüchlichkeiten konnte er sich nicht erinnern, so wie er überhaupt Widerspruch oder Zweifel nicht duldete. Um sich in seiner Zeit anschauen zu können, muss man sich ein kleines Stück aus seinem biografischen Kontext heraus lösen können, um einen Blick auf diese Landschaft zu haben, die man selbst ist.
Außerdem hatte er keine Zeit. Obwohl sie ihm im Überfluss zur Verfügung zu stehen schien, war Zeit für ihn wie für viele alte Menschen ein knappes Gut. Er führte einen strikten Terminkalender und war inzwischen froh um Tage, an denen keine Termine lauerten wie boshafte Allesfresser. Er mochte keine Löcher im gut abgewogenen, eisernen Rhythmus seiner Tage. Je hinfälliger er körperlich wurde, desto mehr versteifte er sich auf diese Strukturen. Die Zeit hatte Bestand und Verlass, der Rhythmus hatte das Regiment übernommen, Stäbe, Stützen, Rituale. Ihr vertraute er, ihr vertraute er sich an, denn sie allein versprach ihm nicht nur eine Art von persönlicher Signatur, sie war die Spur, die er jetzt zog, sie war die Grundlage seiner verbliebenen Autonomie.
Was macht man in einem solchen Fall den ganzen Tag? Man macht es so wie gestern und - vielleicht- wie morgen.
Michael Eggert: Hochstapelei
29.Sep.2011 22:44 Uhr
Sünden, sagte mir der Philosoph mit der glatten Haut im inzwischen vorgerückten Alter (so alt wie ich jetzt, in etwa), seien die verpassten Gelegenheiten. Die Situationen, meinte er, in denen man nicht gegenwärtig war und es doch, wie eigentlich immer, hätte sein sollen. Wir träumen uns durchs Leben.
Sünden, dachte ich (der auch in jungen Jahren keine faltenfreie Haut gehabt hatte), meine Sünden sind die guten Ratschläge. Neulich habe ich X zum Beispiel geraten, sich nicht in seinem Roman und in der Aufarbeitung seiner näheren Vergangenheit zu verfangen. Was habe ich da nur gesagt? Es war nicht nur ein blöder Spruch ins Leere, es war noch viel dümmer: Ich selbst schlug mich schließlich gerade extensiv mit meinen spezifischen Vergangenheiten herum und war darin verwickelt wie ein junger Hund in einem übergroßen Wollknäuel. Weich, nein, dergleichen fühlt sich nie angenehm an.
Sünden, dachte ich, sind es, die eigenen Kübel von Unrat über Andere auszuschütten und das mit dem Zahnpastalächeln des Besserwissenden zu garnieren.
Sünde ist unser ewiges Jungsein, und diese chronische Hochstapelei.
Martin Amis schreibt: „Ich duckte mich innerlich davor weg - so wenig begriff ich. Ich war fast fünfundzwanzig, aber wie jung war ich da noch, wie furchtbar jung. Und wie lange das dauert, die Jugend, diese Zeit ständiger Hochstapelei, wenn man so tun muß, als verstehe man alles, während man in Wahrheit überhaupt nichts versteht. Man hat überhaupt keinen Begriff von Zeit.“
____
(Amis, Die Hauptsachen, München Wien 2005, S. 67)
Sünden, dachte ich (der auch in jungen Jahren keine faltenfreie Haut gehabt hatte), meine Sünden sind die guten Ratschläge. Neulich habe ich X zum Beispiel geraten, sich nicht in seinem Roman und in der Aufarbeitung seiner näheren Vergangenheit zu verfangen. Was habe ich da nur gesagt? Es war nicht nur ein blöder Spruch ins Leere, es war noch viel dümmer: Ich selbst schlug mich schließlich gerade extensiv mit meinen spezifischen Vergangenheiten herum und war darin verwickelt wie ein junger Hund in einem übergroßen Wollknäuel. Weich, nein, dergleichen fühlt sich nie angenehm an.
Sünden, dachte ich, sind es, die eigenen Kübel von Unrat über Andere auszuschütten und das mit dem Zahnpastalächeln des Besserwissenden zu garnieren.
Sünde ist unser ewiges Jungsein, und diese chronische Hochstapelei.
Martin Amis schreibt: „Ich duckte mich innerlich davor weg - so wenig begriff ich. Ich war fast fünfundzwanzig, aber wie jung war ich da noch, wie furchtbar jung. Und wie lange das dauert, die Jugend, diese Zeit ständiger Hochstapelei, wenn man so tun muß, als verstehe man alles, während man in Wahrheit überhaupt nichts versteht. Man hat überhaupt keinen Begriff von Zeit.“
____
(Amis, Die Hauptsachen, München Wien 2005, S. 67)
Ariel
17.Aug.2011 22:07 Uhr
Manche sind luftiger gebaut als andere- leichter, ohne etwas leicht zu nehmen. Die Begüterten, die Gesetzten, die Stumpfen: Das war seine Sache nicht. Er hat ein Leben lang Kunst geschaffen, gerne aus Fundstücken, gerne Gefundenes ausdehnend, auswälzend, aber stets mit leichtem Federstrich. War es ein Glück oder Unglück, dass er stets im Haus der Mutter wohnte, auch nach deren Tod, stets in den Zimmern, in denen wir schon als Jugendliche rauchten, tranken, redeten? Ein Zimmer war für seine Kunst reserviert, die sich über Tische, Schränke und ein Bett ergoss, ein Leben lang ansammelte, wenn es nicht verkauft oder verschenkt war.
Mancher Ariel orientiert sich am umtriebigen Schützen, er aber war ein Luftgeist im Sternbild des Krebses: Mager, empfindlich, zart, aber im Kern verschlossen. Man kam an ihn und seine wunde Empfindsamkeit nicht heran, auch nicht über Jahrzehnte. Er hatte, wie jeder Luftgänger, leichte und schnelle Beine. Er schien immer auf dem Sprung zu sein, vielleicht jetzt auf die schnellst mögliche Art zu entkommen. Aber dazu kam es ja nie. Es ist aber das und die schlaksige Art seiner Bewegungen, an der ich ihn stets und überall erkennen würde. Vielleicht züchtete er seinen Dämon, der Alkohol hieß, auch deshalb, um dieses Wundsein wie ein Balsam zu füllen und zu durchdringen. Es ging damit viel leichter unter Leuten und leichter auch in der Kunst. Aber mit der Zeit wiederholten sich seine Arbeiten. Man könnte sagen, er habe seine Handschrift gefunden. Man könnte auch sagen, dass er sich nicht mehr erfand. Die Ausstellungen der letzten Jahre bestanden mehr und mehr aus Fundstücken, aber aus solchen, die sich in alten und uralten eigenen Arbeiten fanden. Er erfand sich nicht mehr, er grub sich aus. Man sah ihm an, dass er den Alltag mit Mühe bestand. Jetzt ist er gestorben.
Mancher Ariel orientiert sich am umtriebigen Schützen, er aber war ein Luftgeist im Sternbild des Krebses: Mager, empfindlich, zart, aber im Kern verschlossen. Man kam an ihn und seine wunde Empfindsamkeit nicht heran, auch nicht über Jahrzehnte. Er hatte, wie jeder Luftgänger, leichte und schnelle Beine. Er schien immer auf dem Sprung zu sein, vielleicht jetzt auf die schnellst mögliche Art zu entkommen. Aber dazu kam es ja nie. Es ist aber das und die schlaksige Art seiner Bewegungen, an der ich ihn stets und überall erkennen würde. Vielleicht züchtete er seinen Dämon, der Alkohol hieß, auch deshalb, um dieses Wundsein wie ein Balsam zu füllen und zu durchdringen. Es ging damit viel leichter unter Leuten und leichter auch in der Kunst. Aber mit der Zeit wiederholten sich seine Arbeiten. Man könnte sagen, er habe seine Handschrift gefunden. Man könnte auch sagen, dass er sich nicht mehr erfand. Die Ausstellungen der letzten Jahre bestanden mehr und mehr aus Fundstücken, aber aus solchen, die sich in alten und uralten eigenen Arbeiten fanden. Er erfand sich nicht mehr, er grub sich aus. Man sah ihm an, dass er den Alltag mit Mühe bestand. Jetzt ist er gestorben.
Radiologische Mysterien
26.Jul.2011 18:45 Uhr
Die weißhaarige Frau war nicht sehr groß, aber flink. Alleine von diesem einen Wartezimmer gingen zwei Flure und elf Türen ab, wovon neun mit den Ziffern 1 bis 9 beschriftet waren. Sie ging, obwohl sie immer wieder sanft von dem Personal aus den Räumen entfernt wurde, durch jede einzelne dieser Türen, aber auch auf die Toiletten und in die als „Privat“ gekennzeichneten Zimmer. „Ich suche doch nur meine Tasche,“ seufzte sie. „Du hattest doch gar keine Tasche dabei“, entgegnete ihr Mann, der ebenso alt schien wie sie, aber sich geradezu grotesk verkrümmt hielt- seine Wirbelsäule sollte offenbar, sicherlich nicht zum ersten Mal, untersucht werden. „Sie hat Alzheimer, wissen Sie,“ sagte er in den Raum. „Ich suche doch nur meine Tasche.“
Hinter den Wänden knackte und knatterte es, ein wummernder Gesang von mechanischen Walen, die auf Namen wie CT oder MRT hörten. Der alte Mann wurde in eine dieser nummerierten Türen gerufen, während seine Frau weiter unruhig suchte. Man hörte seine Gürtelschnalle auf den Boden fallen und seinen erschreckten Ausruf, „Früher wäre mir das nicht passiert!“ In der Kakophonie der Geräusche blieb sein Ausruf ungehört.
Im Wartezimmer wischten fast alle Anwesenden, wenn sie denn unter 50 Jahren alt waren, auf ihren Smartphones herum. Vor zwei Jahrzehnten hat man von PCs als „Wunschmaschinen“ und „Projektionsapparaten“ des Selbst gesprochen. Heute trägt man die Projektoren und Kommunikatoren mit sich herum und sie sind auf Handflächenformat geschrumpft. Man wischt von oben nach unten oder von links nach rechts. Die ganz Jungen haben dazu Innenohr- Earphones dabei und schotten sich fast völlig ab. Die Alten wissen nicht einmal, was die Jungen da machen. Wenn das Smartphone ein Geräusch machte, fragte der Alte: „Was hat er jetzt?“ - „Das war eine Email.“ „Das war eine Twitternachricht.“ „Das war mein Facebook- Account.“
Der Alte nickte mit leeren Augen. Er hatte keine Ahnung, wovon ich sprach. Dann wandte er sich mit einer kindlichen Stimme zu mir und fragte, „Wenn man mal Pipi muss, wohin muss man da gehen?“
Offenbar fürchtete er, auch die Toiletten könnten inzwischen zu Mysterien ausgewachsen sein und man müsste ihnen, womöglich, etwas zutwittern. Vielleicht fragte er deshalb auf dem Gang und an der Rezeption noch mehrmals nach, um ganz sicher zu gehen.
Am Ende fuhr ich die Beiden nach Hause. Es war nicht weit. Der Alte saß neben mir und erschrak, als eine Stimme aus dem Navigationsgerät ertönte. „Das ist eine Computerstimme“, sagte ich. „Das Gerät ist mit sechs Satelliten verbunden.“ „Ach,“ sagte der Alte, „mit sechs. Zuhause habe ich noch einen Stadtplan liegen.“
„Den braucht man jetzt nicht mehr,“ sagte ich, „und überhaupt, die Stadt wird doch gerade völlig umgebaut.“
„Ja,“ seufzte er, „ es wird alles völlig umgebaut.“
Hinter den Wänden knackte und knatterte es, ein wummernder Gesang von mechanischen Walen, die auf Namen wie CT oder MRT hörten. Der alte Mann wurde in eine dieser nummerierten Türen gerufen, während seine Frau weiter unruhig suchte. Man hörte seine Gürtelschnalle auf den Boden fallen und seinen erschreckten Ausruf, „Früher wäre mir das nicht passiert!“ In der Kakophonie der Geräusche blieb sein Ausruf ungehört.
Im Wartezimmer wischten fast alle Anwesenden, wenn sie denn unter 50 Jahren alt waren, auf ihren Smartphones herum. Vor zwei Jahrzehnten hat man von PCs als „Wunschmaschinen“ und „Projektionsapparaten“ des Selbst gesprochen. Heute trägt man die Projektoren und Kommunikatoren mit sich herum und sie sind auf Handflächenformat geschrumpft. Man wischt von oben nach unten oder von links nach rechts. Die ganz Jungen haben dazu Innenohr- Earphones dabei und schotten sich fast völlig ab. Die Alten wissen nicht einmal, was die Jungen da machen. Wenn das Smartphone ein Geräusch machte, fragte der Alte: „Was hat er jetzt?“ - „Das war eine Email.“ „Das war eine Twitternachricht.“ „Das war mein Facebook- Account.“
Der Alte nickte mit leeren Augen. Er hatte keine Ahnung, wovon ich sprach. Dann wandte er sich mit einer kindlichen Stimme zu mir und fragte, „Wenn man mal Pipi muss, wohin muss man da gehen?“
Offenbar fürchtete er, auch die Toiletten könnten inzwischen zu Mysterien ausgewachsen sein und man müsste ihnen, womöglich, etwas zutwittern. Vielleicht fragte er deshalb auf dem Gang und an der Rezeption noch mehrmals nach, um ganz sicher zu gehen.
Am Ende fuhr ich die Beiden nach Hause. Es war nicht weit. Der Alte saß neben mir und erschrak, als eine Stimme aus dem Navigationsgerät ertönte. „Das ist eine Computerstimme“, sagte ich. „Das Gerät ist mit sechs Satelliten verbunden.“ „Ach,“ sagte der Alte, „mit sechs. Zuhause habe ich noch einen Stadtplan liegen.“
„Den braucht man jetzt nicht mehr,“ sagte ich, „und überhaupt, die Stadt wird doch gerade völlig umgebaut.“
„Ja,“ seufzte er, „ es wird alles völlig umgebaut.“
Die entspringende Welt
19.Jul.2011 01:16 Uhr
Relikt & Imagination
Imaginationen hat man in Form von Knospen. Sollte man lieber von Gedankenpaketen oder von einem keimhaft Brütenden sprechen? Das kommt wie alles jenseits der Hügel ganz auf den Standpunkt an. Ich für meinen Teil fand das Wirbeln der Wolken über mir anschaulich, konzentrierte mich aber auf eines dieser Pakete. Ich kannte es, es war ein Fetzen gewesen, eine Anregung, eine Denkbewegung, etwas Recherche. Das Thema war damit angeschnitten. Dann wurde es im Inneren bewegt- es wurde mitgenommen in die Gegend jenseits der Hügel. Nun nahm ich es wieder entgegen als ein belebtes Paket. Man konnte es darin pulsieren fühlen.
Entblätterung
Ich nahm Keimblatt für Keimblatt ab und schrieb auf, was darauf geschrieben stand, weil ich es las. Es entblätterte sich, ich schrieb so schnell ich konnte, aber ich weiß, ich vergaß viel im Schreibprozess. Es ist zu groß für meine Zeit und meine beschränkten Möglichkeiten.
Das Wenige aber soll bestehen bleiben.
Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Sehr wohl aber auf das Erleben des Gedankens in Status Nascendi, auf das Keimhafte in ihm. Man hat den Ton angeschlagen, nun entfaltet sich eine Melodie. Rhythmisch bannt man es auf Papier.
Wenn Fassaden wie Blätter fallen
Es ist ohnehin wenig, was besteht. Nehmen wir die Selbstbilder, die wie alte Fassaden von uns abfallen, sobald die Zeit gekommen ist. Die Arroganz der Jugend muss zerfallen, oder sie wird zu einer manieristischen Marotte, die immer absurdere Anstrengungen erfordert. Die Magie der Schönheit wird uns genommen, der Zauber des Geschlechts wird schal. Um unsere Kompetenzen, auf die wir stolz waren, müssen wir kämpfen; die Nachfolgenden haben alles, in das wir mühsam an Kraft hinein gesteckt haben, schon in ihrem Einführungssemester abgehandelt. Alles, worauf wir stolz sind, auf das wir bauen, was wir als unser Recht, unser Eigentum, unseren Anspruch ansehen, hat eine gewisse Halbwertzeit. Am Ende müssen wir es einlagern und verbuchen unter “Erfahrung”. Es hat so viel Bestand wie römische Statuen; man muss es archäologisch betrachten, man muss ein Museum darum bauen, es vor Wind und Wetter bewahren.
Die entspringende Welt
Am Ende fallen die Selbstbilder wie Blätter im Herbst. Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Was aber ist an uns tatsächlich “keimhaft”? Was nur ein archäologisches Relikt? Was verflattert im aufkommenden Wind, was verpuppt sich und wird tatsächlich, sich entfaltend, durch die Zeit getragen? Letztlich sind unsere Relikte gespenstisch.
Jenseits der Hügel helfen weder Selbstbilder noch Fähigkeiten weiter, sondern letztlich nur konkrete Improvisation. Man muss den Wind nehmen, wie er kommt, denn man kann ihn nicht aus dem Vergangenen, aus dem Eigenen, aus dem Archäologischen heraus pressen. Man kann ihn nicht wollen, aber man muss die Segel setzen, wenn man ihn spürt. Der Wind, den man hier erlebt, entspringt aus der Dynamik des Keimhaften. Es ist erstaunlich, was Knospen und Keime vermögen. Aus ihnen entspringt die Welt.
Imaginationen hat man in Form von Knospen. Sollte man lieber von Gedankenpaketen oder von einem keimhaft Brütenden sprechen? Das kommt wie alles jenseits der Hügel ganz auf den Standpunkt an. Ich für meinen Teil fand das Wirbeln der Wolken über mir anschaulich, konzentrierte mich aber auf eines dieser Pakete. Ich kannte es, es war ein Fetzen gewesen, eine Anregung, eine Denkbewegung, etwas Recherche. Das Thema war damit angeschnitten. Dann wurde es im Inneren bewegt- es wurde mitgenommen in die Gegend jenseits der Hügel. Nun nahm ich es wieder entgegen als ein belebtes Paket. Man konnte es darin pulsieren fühlen.
Entblätterung
Ich nahm Keimblatt für Keimblatt ab und schrieb auf, was darauf geschrieben stand, weil ich es las. Es entblätterte sich, ich schrieb so schnell ich konnte, aber ich weiß, ich vergaß viel im Schreibprozess. Es ist zu groß für meine Zeit und meine beschränkten Möglichkeiten.
Das Wenige aber soll bestehen bleiben.
Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Sehr wohl aber auf das Erleben des Gedankens in Status Nascendi, auf das Keimhafte in ihm. Man hat den Ton angeschlagen, nun entfaltet sich eine Melodie. Rhythmisch bannt man es auf Papier.
Wenn Fassaden wie Blätter fallen
Es ist ohnehin wenig, was besteht. Nehmen wir die Selbstbilder, die wie alte Fassaden von uns abfallen, sobald die Zeit gekommen ist. Die Arroganz der Jugend muss zerfallen, oder sie wird zu einer manieristischen Marotte, die immer absurdere Anstrengungen erfordert. Die Magie der Schönheit wird uns genommen, der Zauber des Geschlechts wird schal. Um unsere Kompetenzen, auf die wir stolz waren, müssen wir kämpfen; die Nachfolgenden haben alles, in das wir mühsam an Kraft hinein gesteckt haben, schon in ihrem Einführungssemester abgehandelt. Alles, worauf wir stolz sind, auf das wir bauen, was wir als unser Recht, unser Eigentum, unseren Anspruch ansehen, hat eine gewisse Halbwertzeit. Am Ende müssen wir es einlagern und verbuchen unter “Erfahrung”. Es hat so viel Bestand wie römische Statuen; man muss es archäologisch betrachten, man muss ein Museum darum bauen, es vor Wind und Wetter bewahren.
Die entspringende Welt
Am Ende fallen die Selbstbilder wie Blätter im Herbst. Auf die Gefühlslage soll es nicht ankommen. Was aber ist an uns tatsächlich “keimhaft”? Was nur ein archäologisches Relikt? Was verflattert im aufkommenden Wind, was verpuppt sich und wird tatsächlich, sich entfaltend, durch die Zeit getragen? Letztlich sind unsere Relikte gespenstisch.
Jenseits der Hügel helfen weder Selbstbilder noch Fähigkeiten weiter, sondern letztlich nur konkrete Improvisation. Man muss den Wind nehmen, wie er kommt, denn man kann ihn nicht aus dem Vergangenen, aus dem Eigenen, aus dem Archäologischen heraus pressen. Man kann ihn nicht wollen, aber man muss die Segel setzen, wenn man ihn spürt. Der Wind, den man hier erlebt, entspringt aus der Dynamik des Keimhaften. Es ist erstaunlich, was Knospen und Keime vermögen. Aus ihnen entspringt die Welt.
Berge versetzen
08.Mai.2011 17:16 Uhr
Wir tragen ja nicht nur die sichtbaren Päckchen; die Falten, die Schuld, die Unfähigkeiten. Wir tragen auch unsichtbar ein Paket, das nicht einmal ausgepackt, das ganz und gar zukünftig ist. Es ist nicht berührt von dem Gelebten, Gedachten, Gefühlten. Es ist ein Quell des Immer-Neuen, der Gegenwart, der Präsenz. Es ist nicht nur so, dass man manchmal, aus verschiedenen Anlässen, daran heran rührt, es ist auch ein Teil unseres inneren Wesens, auch wenn wir es übersehen, verleugnen und missachten sollten.
Wenn wir es wollen, zulassen und uns etwas darum bemühen, nimmt es in uns Raum ein und erlöst uns von der Schwere des Gelebten, Gefühlten, Gedachten, auch wenn es sie nicht aufhebt. Es ist das Kind, das marienhaft im Seelenraum getragen wird, ein offenbares Geheimnis. Es ist ein Teil der Lebenskräfte selbst. Aber es kann auch aufleuchten in uns, ein steter Begleiter durch die Tage und Nächte. Am Ende besteht die Kunst darin, die Kräfte auszupendeln. Wir müssen uns zwischen Leichte und Schwere halten, ständig, immer, unentwegt, nie bequem und nie fertig.
Manchmal wird es schwerer, weil eine Last uns betrübt oder weil eine Krankheit nach uns greift. Wenn wir seelisch wanken, verdüstert sich die Quelle.
Manchmal ist es auch anders herum; eine Krankheit erweist sich manchmal auch als Segen- als ein neuer Gleichgewichtszustand. Jedes neue Gleichgewicht in uns verändert auch das Zusammenspiel zwischen Schwere und Leichte. Das „Krankheit“ zu nennen kann als eine gewisse Betrachtungsweise gelten. In anderer Sicht handelt es sich zugleich auch um eine Gesundung.
Bei dieser Gesund- Werdung geht es ums Wesentliche. Es geht bei so vielen Dingen, die wir lernen und die wir entwickeln, um alles mögliche, aber nicht darum. Man kann alles mögliche lernen, sich auch daran entwickeln, aber das kann nebeneinander laufen, es ist nicht unbedingt so, dass es uns bis in die Moralität oder in unsere tieferen Reflexe hinein verändern würde. Die Gesundung ist anders. Sie schreitet auch deshalb so langsam voran, weil wir eben nicht weit genug reichen, nicht bis in die Konsequenzen des Alltags oder bis in unsere Kindheits- Seelen- Konstellationen hinein. Wenn wir denken, wir könnten uns um irgend etwas herum schleichen, vor irgend etwas wegdrücken, müssen wir erkennen, dass das ein Irrtum ist. Man muss das mit aller Konsequenz tun - oder es bleibt etwas Vages, Unreifes- etwas in Status nascendi. Das Wesentliche hat bestimmte Eigenschaften, es ist lebendig, freundlich, neugierig, offen, tolerant. Man sollte sich nichts anderes einreden lassen. Es ist ausgerichtet wie eine magnetische Nadel nach diesem Pol. Es pendelt sich ein- nach dem inneren Kompass, der ein ganz allgemein menschlicher ist- der des Individuums, das sich in sozialer Kompetenz entwickeln möchte.
Das unsichtbare Paket, das sich entfalten möchte, ist unscheinbar. Aber selbst in seiner nicht in Sprache zu fassenden Winzigkeit ist es voller Keimkräfte, die man im Neuen Testament die Kräfte des „Glaubens“ genannt hat. Es ist nicht der blinde, sondern der erwachsen und bewusst werdende Glauben. Keine gefühlige religiöse Innerlichkeit, sondern die Kraft, von der man bildlich meinte, sie könnte Berge versetzen: Die Berge des Gewordenen, des Festen, des Abgeschlossenen.
Wenn wir es wollen, zulassen und uns etwas darum bemühen, nimmt es in uns Raum ein und erlöst uns von der Schwere des Gelebten, Gefühlten, Gedachten, auch wenn es sie nicht aufhebt. Es ist das Kind, das marienhaft im Seelenraum getragen wird, ein offenbares Geheimnis. Es ist ein Teil der Lebenskräfte selbst. Aber es kann auch aufleuchten in uns, ein steter Begleiter durch die Tage und Nächte. Am Ende besteht die Kunst darin, die Kräfte auszupendeln. Wir müssen uns zwischen Leichte und Schwere halten, ständig, immer, unentwegt, nie bequem und nie fertig.
Manchmal wird es schwerer, weil eine Last uns betrübt oder weil eine Krankheit nach uns greift. Wenn wir seelisch wanken, verdüstert sich die Quelle.
Manchmal ist es auch anders herum; eine Krankheit erweist sich manchmal auch als Segen- als ein neuer Gleichgewichtszustand. Jedes neue Gleichgewicht in uns verändert auch das Zusammenspiel zwischen Schwere und Leichte. Das „Krankheit“ zu nennen kann als eine gewisse Betrachtungsweise gelten. In anderer Sicht handelt es sich zugleich auch um eine Gesundung.
Bei dieser Gesund- Werdung geht es ums Wesentliche. Es geht bei so vielen Dingen, die wir lernen und die wir entwickeln, um alles mögliche, aber nicht darum. Man kann alles mögliche lernen, sich auch daran entwickeln, aber das kann nebeneinander laufen, es ist nicht unbedingt so, dass es uns bis in die Moralität oder in unsere tieferen Reflexe hinein verändern würde. Die Gesundung ist anders. Sie schreitet auch deshalb so langsam voran, weil wir eben nicht weit genug reichen, nicht bis in die Konsequenzen des Alltags oder bis in unsere Kindheits- Seelen- Konstellationen hinein. Wenn wir denken, wir könnten uns um irgend etwas herum schleichen, vor irgend etwas wegdrücken, müssen wir erkennen, dass das ein Irrtum ist. Man muss das mit aller Konsequenz tun - oder es bleibt etwas Vages, Unreifes- etwas in Status nascendi. Das Wesentliche hat bestimmte Eigenschaften, es ist lebendig, freundlich, neugierig, offen, tolerant. Man sollte sich nichts anderes einreden lassen. Es ist ausgerichtet wie eine magnetische Nadel nach diesem Pol. Es pendelt sich ein- nach dem inneren Kompass, der ein ganz allgemein menschlicher ist- der des Individuums, das sich in sozialer Kompetenz entwickeln möchte.
Das unsichtbare Paket, das sich entfalten möchte, ist unscheinbar. Aber selbst in seiner nicht in Sprache zu fassenden Winzigkeit ist es voller Keimkräfte, die man im Neuen Testament die Kräfte des „Glaubens“ genannt hat. Es ist nicht der blinde, sondern der erwachsen und bewusst werdende Glauben. Keine gefühlige religiöse Innerlichkeit, sondern die Kraft, von der man bildlich meinte, sie könnte Berge versetzen: Die Berge des Gewordenen, des Festen, des Abgeschlossenen.
Selbst für mich
24.Apr.2011 23:18 Uhr
Der ich nichts mitbringe
an Gepäck und Begabung
Der ich, gewogen und vermessen,
so leicht bin wie eine Feder
In dessen Ohren Unkraut
Wurzeln schlägt
In dessen Augen
Floße ankern,
Holz für Holz
an Nässe schwer.
Selbst für mich
Blühte der Garten
als ich ihn betrat.
an Gepäck und Begabung
Der ich, gewogen und vermessen,
so leicht bin wie eine Feder
In dessen Ohren Unkraut
Wurzeln schlägt
In dessen Augen
Floße ankern,
Holz für Holz
an Nässe schwer.
Selbst für mich
Blühte der Garten
als ich ihn betrat.
Wesentlich
17.Mär.2011 19:35 Uhr
Auch wenn Beuys gesagt haben soll, er kenne die Gegend, kann ich das nicht behaupten. Ich war allerdings früher dort zu Besuch, gar nicht so selten, aber es waren immer Besuche in der Zonengrenze, mit wenig Gepäck und ohne Proviant. Du bist dort, wie Du weißt, wohin der Mensch gehört, hast aber schon wieder vergessen, wo in der ganzen Ortlosigkeit das wohl war.
Du hast Anläufe genommen, später, viele Anläufe. Du hattest Motten im Kopf und Ameisen unter der Haut.
Aber du hattest auch Bleiplatten unter den Füßen, Tonnen voller Teer ums Herz gestellt, du hattest den Kehlkopf voll von ungesagten Worten.
Es gibt hier keine Orientierung, die man kennen könnte, keinen Lageplan, keinen Kompass. Aber es gibt den Wind, der aus der Zone strömt. Neulich, nach einer Zeit wie mit dem Kopf unter einem Sauerstoffzelt, hast du den Strom wieder gefunden. Du spürtest ihn unter den Füßen.
Sein Strömen, seine Kraft, seine Lieblichkeit. Du warst bemüht, ganz in ihn einzutauchen. Das Geheimnis ist, ihn nicht zu suchen. Man muss ihn nicht suchen, sondern ihn zulassen. Man glaubt, er sei unter den Füßen, außerhalb des Blickfeldes, aber er fliesst nicht irgendwo anders, sondern mitten durch dich hindurch.
Der Goldene, der Strom des Menschseins. Er entspringt unserer Mitte. In ihm sind wir „wesentlich“. Es ist der Strom, der einst in der Sonne verehrt wurde- in Form sakraler Erwartung. In den alten Mysterien wurde er verortet, war noch „dort“ und „das“ und „dann“. Heute ist er der Geist der Erde. Die Mysterien finden dann statt, wenn wir uns entscheiden, sie zu betreten. Es gibt kein Irgendwas, Irgendwo oder Irgendwann. Es gibt nicht einmal die Zone.
Du hast Anläufe genommen, später, viele Anläufe. Du hattest Motten im Kopf und Ameisen unter der Haut.
Aber du hattest auch Bleiplatten unter den Füßen, Tonnen voller Teer ums Herz gestellt, du hattest den Kehlkopf voll von ungesagten Worten.
Es gibt hier keine Orientierung, die man kennen könnte, keinen Lageplan, keinen Kompass. Aber es gibt den Wind, der aus der Zone strömt. Neulich, nach einer Zeit wie mit dem Kopf unter einem Sauerstoffzelt, hast du den Strom wieder gefunden. Du spürtest ihn unter den Füßen.
Sein Strömen, seine Kraft, seine Lieblichkeit. Du warst bemüht, ganz in ihn einzutauchen. Das Geheimnis ist, ihn nicht zu suchen. Man muss ihn nicht suchen, sondern ihn zulassen. Man glaubt, er sei unter den Füßen, außerhalb des Blickfeldes, aber er fliesst nicht irgendwo anders, sondern mitten durch dich hindurch.
Der Goldene, der Strom des Menschseins. Er entspringt unserer Mitte. In ihm sind wir „wesentlich“. Es ist der Strom, der einst in der Sonne verehrt wurde- in Form sakraler Erwartung. In den alten Mysterien wurde er verortet, war noch „dort“ und „das“ und „dann“. Heute ist er der Geist der Erde. Die Mysterien finden dann statt, wenn wir uns entscheiden, sie zu betreten. Es gibt kein Irgendwas, Irgendwo oder Irgendwann. Es gibt nicht einmal die Zone.
Echsen
16.Jan.2011 23:15 Uhr
Am Ende lässt man es vielleicht nur deshalb sein, dieser Eine zu sein, zu dem man neigte, weil es so anstrengend ist. Es ist eine Mischung zwischen Schwäche und Begabung, dann treibt einen etwas, so wie bei dem, den ich jetzt meine- ein Genuss an sich, eine tiefe Selbstzufriedenheit, es so weit gebracht zu haben. Natürlich zieht man ab und zu Bilanz, und das sind selten die angenehmsten Momente.
Bei diesem, den ich meine, aber schon. Er war jetzt ein angesehner Heilpraktiker mit einem einzigen Präparat, das er erfolgreich gegen alles Mögliche einsetzte. Er half manchen gebeutelten Patienten wirklich und war beinahe überlaufen. Ich glaube, er war auch ein wenig überrascht über sich selbst. Gediegene Praxis in bester Villenlage, eine jüngere Frau, die eindeutige Signale sendete, sich zur örtlichen Schickeria hinzuzählen zu dürfen. Ich denke, früher, am Anfang, hat nicht einmal er selbst sich etwas zugetraut. Aber er wuchs quasi mit den Jahren und durch glückliche Fügung (Beziehungen, väterliches Erbe) in sein selbst zufriedenes Lächeln hinein, das irgendwann mal unangebracht war, jetzt aber in Ordnung. Er ließ es sich gut gehen und drehte immer geschickter an den Schrauben und Rädchen, die es brauchte, um so eine Position auszubauen. Er war immer auf dem Sprung. Er war nicht dumm.
Aber auch nicht ganz frei in seinem Blick auf die Klienten. Natürlich lag es in seinem Interesse, Anzeichen in Krankheitsbildern zu entdecken, die zum langfristigen Gebrauch seines Präparates geradezu verpflichteten. Er fand ununterbrochen dafür gute Gründe. Er war auch so teuer und ausgebucht, dass eine Verbesserung der Symptome der Klienten sich schon allein deshalb einstellte. Er war, mit einem Wort, sehr erfolgreich.
Wie kommt es, dass man manchmal mitten im Lauf, wenn sich Eins ans Andere reiht, dennoch und gegen jede Vernunft, die Lust verspürt, daraus auszubrechen? Es hängt so vieles daran, nicht nur die eigene Existenz, auch Ehe und Familie und der ganze soziale Kontext. Manchen greift es kalt ans Herz, wenn alles so läuft, wie es läuft. Man greift wenigstens zu Fantasien. Ein anderes Leben. Man romantisiert die Zeit, als die Bindungen noch nicht so zwingend waren, als die Wahl noch offen stand. Man ist nicht identisch mit dem, was man lebt. In sich bewegt man andere mögliche Existenzformen. Es ist nicht immer leicht, sich in das zu fügen, was man hat, und darin das zu entdecken, was sich entwickeln kann. Es ist schwierig, die Entdeckungslust lebendig zu halten, wenn man einmal eine Form gefunden hat.
Manche wirft es auch einfach aus der Bahn. Unversehens, und ohne bemerkbare Vorzeichen. Man war gewissermaßen geblendet von der scheinbaren Sicherheit des eingeschlagenen Weges. Es war nicht damit zu rechnen, und es war auch nicht besonders fair, dass etwas einem plötzlich einfach den Teppich unter den Füßen wegzog. Natürlich ist es blöd, zu hadern, aber es ist auch schwierig, es nicht zu tun. Auch das Hadern kann zu einer festen Persona werden, in die man erst hinein wächst, und die sich dann um einen verschliesst wie eine Dornenhecke aus dem Märchen. Am Ende sitzt man fest wie dieser, den ich vorhin meinte. Vielleicht nicht selbstzufrieden, sondern das Gegenteil davon. Vielleicht auch, heimlich, zufrieden in der Unzufriedenheit.
Es ist schwer, zwischen den Formen die innere Freiheit - wenigstens in Momenten - zu wahren und zu pflegen. Man wächst immer in die Formen hinein. Wir sind wie Echsen, denen stets ein Panzer wächst.
Bei diesem, den ich meine, aber schon. Er war jetzt ein angesehner Heilpraktiker mit einem einzigen Präparat, das er erfolgreich gegen alles Mögliche einsetzte. Er half manchen gebeutelten Patienten wirklich und war beinahe überlaufen. Ich glaube, er war auch ein wenig überrascht über sich selbst. Gediegene Praxis in bester Villenlage, eine jüngere Frau, die eindeutige Signale sendete, sich zur örtlichen Schickeria hinzuzählen zu dürfen. Ich denke, früher, am Anfang, hat nicht einmal er selbst sich etwas zugetraut. Aber er wuchs quasi mit den Jahren und durch glückliche Fügung (Beziehungen, väterliches Erbe) in sein selbst zufriedenes Lächeln hinein, das irgendwann mal unangebracht war, jetzt aber in Ordnung. Er ließ es sich gut gehen und drehte immer geschickter an den Schrauben und Rädchen, die es brauchte, um so eine Position auszubauen. Er war immer auf dem Sprung. Er war nicht dumm.
Aber auch nicht ganz frei in seinem Blick auf die Klienten. Natürlich lag es in seinem Interesse, Anzeichen in Krankheitsbildern zu entdecken, die zum langfristigen Gebrauch seines Präparates geradezu verpflichteten. Er fand ununterbrochen dafür gute Gründe. Er war auch so teuer und ausgebucht, dass eine Verbesserung der Symptome der Klienten sich schon allein deshalb einstellte. Er war, mit einem Wort, sehr erfolgreich.
Wie kommt es, dass man manchmal mitten im Lauf, wenn sich Eins ans Andere reiht, dennoch und gegen jede Vernunft, die Lust verspürt, daraus auszubrechen? Es hängt so vieles daran, nicht nur die eigene Existenz, auch Ehe und Familie und der ganze soziale Kontext. Manchen greift es kalt ans Herz, wenn alles so läuft, wie es läuft. Man greift wenigstens zu Fantasien. Ein anderes Leben. Man romantisiert die Zeit, als die Bindungen noch nicht so zwingend waren, als die Wahl noch offen stand. Man ist nicht identisch mit dem, was man lebt. In sich bewegt man andere mögliche Existenzformen. Es ist nicht immer leicht, sich in das zu fügen, was man hat, und darin das zu entdecken, was sich entwickeln kann. Es ist schwierig, die Entdeckungslust lebendig zu halten, wenn man einmal eine Form gefunden hat.
Manche wirft es auch einfach aus der Bahn. Unversehens, und ohne bemerkbare Vorzeichen. Man war gewissermaßen geblendet von der scheinbaren Sicherheit des eingeschlagenen Weges. Es war nicht damit zu rechnen, und es war auch nicht besonders fair, dass etwas einem plötzlich einfach den Teppich unter den Füßen wegzog. Natürlich ist es blöd, zu hadern, aber es ist auch schwierig, es nicht zu tun. Auch das Hadern kann zu einer festen Persona werden, in die man erst hinein wächst, und die sich dann um einen verschliesst wie eine Dornenhecke aus dem Märchen. Am Ende sitzt man fest wie dieser, den ich vorhin meinte. Vielleicht nicht selbstzufrieden, sondern das Gegenteil davon. Vielleicht auch, heimlich, zufrieden in der Unzufriedenheit.
Es ist schwer, zwischen den Formen die innere Freiheit - wenigstens in Momenten - zu wahren und zu pflegen. Man wächst immer in die Formen hinein. Wir sind wie Echsen, denen stets ein Panzer wächst.