Religion

Religion & Folklore

„Nun leben wir aber (…) gegenwärtig in einem Entwickelungszyklus des menschlichen Werdens, in welchem die Menschen gleichsam mündig werden sollen so, dass nicht mehr in der alten Weise die Religionsstifter auftreten werden und an den Glauben der Menschen appellieren werden. Das sind vergangene Zeiten, obwohl selbstverständlich diese alten Zeiten in unsere Gegenwart hereinragen und gegenwärtig nur angefangen werden kann mit einer kleineren Anzahl von Menschen, sozusagen das neue Leben zu erleben, und die Menschen nur schwer nachkommen, sich sogar darnach sehnen, die überlieferten Vorstellungen aufzuschnappen, die noch von den alten Religionsstiftern herkommen.“

Rudolf Steiner „Wie erwirbt man sich Verständnis für die geistige Welt?“ GA 154, S. 18



Das nach dem Religiösen Schnappen ist uns auch hundert Jahre nach diesen Worten Rudolf Steiners gut bekannt. Fundamentalisten beherrschen sogar mehr denn je in der Weltgeschichte diese angeblich so aufgeklärte Gegenwart. Islamische und -vor allem in den USA- radikal tele-visionierte christliche Massenkontingente bestimmen keinesfalls allein das Bild. Die im weitesten Sinn ausgefransten asiatischen Strömungen feiern im Westen in zahllosen Ausformungen eine Renaissance nach der anderen. Vor allem aber bestimmen Unsummen von kleinen und winzigen religiösen Gruppen, teilweise mit sektierischen Einschlägen, das Bild, das zu einem Flickenteppich wird.
Selbstverständlich befriedigen auch die grossen christlichen Kirchen religiöse Grundbedürfnisse. Aber auch hier pilgert man in ein tibetisches Retreat und hisst an gewissen Jahrestagen die Tibetfahne. Religion ist zum Cross-Over-Event geworden, passt sich der Globalisierung an, ist aber eben immer noch das, wonach Menschen in Bezug auf „die überlieferten Vorstellungen“ (Steiner) schnappen wie Fische, denen der Sauerstoff knapp wird.

Phänomene wie der Judith-von-Halle- Hype deuten an, dass auch innerhalb der - eigentlich an Rudolf Steiner orientierten - anthroposophischen Bewegung ähnliche Bedürfnisse vorliegen, die immer wieder ein Objekt der Verehrung bestimmen. Das von Steiner geforderte „mündig werden Sollen“ sieht sicherlich anders aus. Aber natürlich muss man die Frage auch an sich selbst stellen. An welcher Stelle sucht man Tröstung und Gewissheit? Das sind die Stellen, an denen die emanzipierte „Bewusstseinsseele“, die der Anthroposoph theoretisch sucht, ihren Glanz einbüßt. Durch die dünne Haut der Selbstkritik drängt sich das religiöse Gewissheitsbedürfnis hindurch. Eine gefährliche Stelle. Denn der Trostbedürftige ist in dieser Situation vielleicht auch anfällig für politische Einflussnahmen. Ist nicht auch der Obamaismus eine Form politischer Erweckungsbewegung? Sicherlich eine harmlose Form, aber zweifellos auch eine Massenbewegung. Natürlich können politische Bewegungen einen quasi-religiösen Impetus haben. Obama spielt damit, und er hat damit die Wahl gewonnen. Ist er ein Zyniker oder glaubt er, was er darstellt? Ich bin mir nicht sicher, was davon schlimmer wäre.

Aber kehren wir zum gemeinen Anthroposophen wie du und ich zurück. Wir sind manchmal traditionell (eher selten, denn wir lieben Festlegungen nicht sehr) in dem Verein Mitglied, schöpfen manchmal die religiöse Sahne ab und geniessen sie, lieben manchmal einfach den Lifestyle, bauen uns eine Privatidylle zwischen Drogeriemarkt dm, Lebensratgebern aus der Szene, etwas Literatur, einem Jahreszeitentisch und dem Weihnachtsbasar. Wir trinken, weil Rudolf Steiner vom Spiessergetränk Kakao gesprochen hat, lieber Kaffee. Religiös wird es, wenn bestimmte Axiome für das eigene Handeln aus angeblich tradierten Äußerungen Steiners bezogen werden, vielleicht ohne auch nur wirklich nach zu lesen, in welchem Kontext Steiner so etwas geäußert haben soll. Wenn aber aus dem Gelesenen Handlungsanweisungen heraus gelesen werden, wird ein quasi-religiöser Katechismus daraus. Man muss also, um nicht auf diesen Bodensatz herunter zu fallen, innere Distanz zu den anthroposophischen Inhalten pflegen, auch und gerade als Anthroposoph. Um nicht in private Mythologien oder idiotische Normen zu verfallen, muss die innere Freiheit stets geübt werden. Das religiöse Bedürfnis übt einen gewissen Sog aus.

Nebenbei bemerkt - gewise skeptische, areligiöse, materialistische Diskussionskreise strahlen dieselbe religiöse Inbrunst aus, mit der Standpunkte verteidigt und attckiert werden wie das von ihnen Kritisierte. Das ist keine Frage des Standpunkts, der Riss geht mitten durch uns selbst - selbst dann, wenn wir das Gegenteil behaupten.

Steiner hatte übrigens für sich auch eine bestimmte Übung, von der er immer wieder, aber wie nebenbei, berichtet hat. Das war sein Ehrgeiz, gerade materialistische Autoren wie Haeckel oder Nietzsche derart von innen her zu verstehen, dass er ihre Standpunkte vollkommen vertreten konnte. Das hat er auch in Büchern getan- und ist zu seiner Zeit auch deshalb schwer missverstanden worden. Den eigenen Horizont in der Weise zu erweitern, sich gerade in Personen, Bewegungen und Autoren, die einem fern zu stehen scheinen, herein zu arbeiten, bis deren Antriebe und Absichten einem vollkommen vor Augen stehen und zumindest situativ zu den meinen werden, scheint aber ein probates Mittel zu sein gegen die Sogkräfte der eigenen Folklorisierung. Ja, Anthroposophie kann auch Folklore sein. Jeder muss sie für sich selbst aus diesem Missverständnis befreien.
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Der Durst nach Dasein

Der „Durst nach Dasein“ ist nun ein typisch buddhistischer Begriff. In frühen Schriften (hier: Steiner, GA 114, S. 70) geht aber auch Rudolf Steiner darauf ein. Er zitiert Buddha, der den „Sitz“ dieses Durstes, der eine absolute existentielle und karmische Notwendigkeit sei, im „Linga sharira“ lokalisiert. Der anthroposophische Begriff dazu sei Ätherleib. Dieser unbewusste „Durst nach Dasein“ mache sich geltend, „indem der Mensch ins Dasein hereintritt, als der Durst nach Dasein, als die Begierde zum Leben. Darin sah der Buddha alles das, was aus früheren Inkarnationen stammt und was den Menschen treibt zu der Sucht, die Welt zu genießen, nicht nur als ein Wanderer durch die Farben- und Tonwelt und durch die Welt der anderen Eindrücke hinzuwandern, sondern diese Welt zu begehren.“

Diese „Kraft“ werde im Buddhismus „Samskara“ genannt. Diese bestimme tatsächlich massgeblich die Art unseres Lebens: „Und es bildet sich aus diesem Samskara dasjenige, was nun im Menschen sein gegenwärtiges Denken ist und was bewirkt, daß der Mensch in dem gegenwärtigen Menschheitszyklus nicht ohne weiteres objektiv denken kann. Alles, was man als Wahrheit sich aneignet, nicht weil man objektiv über eine Sache denkt, sondern weil man die alten Neigungen aus früheren Inkarnationen mitgebracht hat, das alles bildet für Buddha ein «inneres Denkorgan», das durch die Gesamtheit des Samskara gebildet wird. Erst diese Denksubstanz bildet aus dem gegenwärtigen Menschen das, was man seine gegenwärtige Individualität nennt, im Buddhismus «Name und Form» oder Namarupa.

Denken und Wahrnehmen seien in dieser Weise geformt und determiniert, ja, die Individualität selbst beruhe ganz wesentlich auf diesem „Durst“.

Nun ist der Durst auch dem Christentum durchaus nicht fremd. Schliesslich lautet das vorletzte Wort, das Christus vor seinem Tod am Kreuz spricht „Mich dürstet“ („Danach, da Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, dass die Schrift erfüllt würde, spricht er: Mich dürstet.“)

Nun muss man diese Worte im Kontrast sehen zu dem, was Jesus zu der Samariterin über das „Wasser des Lebens“ gesagt hatte: „Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ Oder er sagt auch: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fliessen.“

Von den „Strömen des lebendigen Wassers“ ist Jesus am Kreuz, am Ende, selbst nichts geblieben. Er selbst, der Gott, hat in seinen letzten Momenten den - nach Buddha- originär menschlichen „Durst nach Dasein“ verspürt. Er war eben tatsächlich ganz Mensch geworden.

Diejenigen, die das Ganze nicht ganz verstanden haben, mögen sich den Live- Auftritt von Iggy Pop ansehen, der auf sehr anschauliche Weise demonstriert, was unter „lust for life“ zu verstehen ist.
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Der wahre Fisch


„Wahrer Geist ist ein Acht gebender Geist. Ihr könnt nicht sagen: „Dies ist mein Selbst, mein kleiner oder begrenzter Geist, und das ist der grosse Geist.“ Das hiesse, euch Grenzen zu setzen, euren wahren Geist einzuschränken, euren Geist zu objektivieren. Bodhidharma sagte: „Um einen Fisch zu sehen, musst du auf das Wasser Acht geben.“
In der Tat, wenn ihr Wasser seht, dann seht ihr den wahren Fisch.“

Shunryu Suzuki, Zen Geist Anfänger-Geist, Berlin 1999
Zum Fisch bei Flickr
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Plato, Bhagavad-Gita, Christus



Verschiedentlich habe auch ich von der jüdischen Mystikerin Simone Weil berichtet - zuletzt von ihrer berühmten frühen Christuserfahrung. Sie hat ja lange - bis zu ihrem Tod 1943- damit gerungen, zum Katholizismus zu konvertieren, ja sogar Nonne zu werden. Was sie davon abhielt, war ihre rigorose Solidarität "mit den Leuten". Sie hätte sich durch ein Ordensgewand privilegiert und isoliert gefühlt. Daher arbeitete sie - nachdem sie als Lehrerin entfernt worden war ("Herr Rektor, ich habe stets meine Entlassung als den angemessenen Höhepunkt meiner Karriere betrachtet")- in Fabriken, als Hilfsarbeiterin und Fräserin bei Renault. Sie kämpfte als Freiwillige im spanischen Bürgerkrieg, war eine frühe Frauenrechtlerin, Marxistin, Pazifistin und engagierte sich in der Resistance. Ihre Haltungen waren stets konsequent und rigoros bis hin zur Selbstgefährdung. Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges reduzierte sie ihre Nahrungsaufnahme und hungerte aus Solidarität gegenüber den Ärmsten. Vermutlich ist sie daran gestorben. In einem ihrer letzten Briefe schrieb sie:
"Christus liebt es, dass man ihm die Wahrheit vorzieht, denn ehe er Christus ist, ist er die Wahrheit. Wendet man sich von ihm ab, um der Wahrheit nachzugehen, so wird man keine weite Strecke wandern, ohne in seine Arme zu stürzen. Danach habe ich empfunden, dass Plato ein Mystiker ist, dass die ganze "Ilias" von christlichem Licht durchflutet ist und dass Dionysos und Osiris in gewisser Weise Christus selber sind; und meine Liebe wurde hierdurch verdoppelt. (...) Im Frühjahr 1940 las ich die "Bhagavad-Gita". Seltsam, als ich diese wunderbaren Worte von einem derart christlichen Klange las, die einer Inkarnation Gottes in den Mund gelegt werden, da geschah es, dass mich das kräftige Gefühl überkam, dass wir der religiösen Wahrheit sehr viel mehr schulden als die Zustimmung, die man einer schönen Dichtung gewährt, eine Zustimmung von sehr viel kategorischerer Art. (...)

Die Kraft dieser Übung* ist außerordentlich und überrascht mich jedes Mal, denn, obgleich ich sie jeden Tag erfahre, übertrifft sie jedes Mal meine Erwartung. Mitunter reissen schon die ersten Worte meinen Geist aus meinem Leibe und versetzen ihn an einen Ort außerhalb des Raums, wo es weder eine Perspektive noch einen Blickpunkt gibt. Der Raum tut sich auf. Die Unendlichkeit des gewöhnlichen Raumes unserer Wahrnehmung weicht einer Unendlichkeit zweiten oder manchmal auch dritten Grades. Gleichzeitig erfüllt diese Unendlichkeit der Unendlichkeit sich allenthalben mit Schweigen, mit einem Schweigen, das nicht die Abwesenheit des Klanges ist, sondern das der Gegenstand einer positiven Empfindung ist, sehr viel positiver als die eines Klanges. Die Geräusche, wenn deren da sind, erreichen mich erst, nachdem sie durch dieses Schweigen hindurch gegangen sind. Mitunter auch ist während dieses Sprechens oder zu anderen Augenblicken Christus in Person anwesend, jedoch mit einer unendlich viel wirklicheren, durchdringenderen, klareren und liebevolleren Gegenwart als jenes erstes Mal, da er mich ergriffen hat."

*Simone Weil nutzte als ihre "Übung" schlicht das Vater Unser. Das stand im Gegensatz zu ihrer Vermeidung von Gebet und Meditation aus Furcht vor der "Macht der Suggestion des Gebetes".

Zitat aus: Heinz Zimmermann, "Wege zur Christus-Erfahrung" im gleichnamigen Sammelband, Dornach 1991
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Tag des Merkur

Die vermittelnde Kraft dieses Ankertages der Karwoche teilt sich auf verschiedenen Ebenen mit. Einerseits verwandeln sich die lärmenden ersten drei Tage der Karwoche, die Ein- und Umzüge, die Diskussionen und politischen Querelen nun allmählich um in die Stille der eigentlichen Leidenszeit. Die Konflikte sind bis an einen bestimmten Punkt heran gereift- nun folgen die Konsequenzen.
Aber auch intern fallen Entscheidungen. Freunde, Jünger und Jesus selbst haben sich wiederum nach Bethanien zurück gezogen. Der engste Kreis - zu denen auch Lazarus, Maria- Magdalena und Judas gehören-, essen am Abend miteinander. Lazarus (Johannes) ist wohl der intimste Schüler von Jesus. Maria- Magdalena, deren bewegtes früheres Leben immer wieder angeführt wird, handelt erneut aus ihren spontanen Empfindungen heraus und "salbt" Jesus, wie man es einem Sterbenden gegenüber tut. Sicherlich ist ihr das nicht bewusst. Emil Bock (Urchristentum. Die drei Jahre) wählt auch an dieser Stelle wieder überflüssige moralisierende Formulierungen wie die, Maria- Magdalena sei zuvor "von einer tragischen, verhängnisvollen Besessenheit geheilt" worden. Andererseits schildert er ihr "quecksilbriges", bewegliches und temperamentvolles Wesen wohl zutreffend. Die Anderen stören sich - im Gegensatz zu Jesus selbst - an ihrer Art.

Dies gilt - nach Bock - vor allem für den ebenfalls merkurialen Judas, der "in heisser Überspanntheit", entnervt und gereizt, im Angesicht dieses fürsorglichen quasi- sakramentalen Tuns von Maria- Magdalena zum Entschluss kommt, die politischen Ambitionen, die er in Bezug auf Jesus hegt, endlich in die Tat umzusetzen. Judas ist der Typ des politischen Revolutionärs. Er möchte endlich Fakten sehen. Er entscheidet sich, durch einen Verrat ein politisches Coming- out von Jesus zu erzwingen. Maria- Magdalena und Judas: "Das Rad des Lebens steht bei ihnen nicht still".

Während die Erste an diesem Tag wie zu sich selbst findet, verliert sich Judas in einer "fiebernden Ungeduld". Mag sein, dass Bock Beide ins Klischee und ins Romanhafte zerrt. Seine Wertungen sind verständlich, aber vielleicht nicht immer zutreffend. Sie sind jedenfalls sicherlich nicht annähernd objektiv. Schliesslich führt Judas das aus, was Jesus selbst einen Tag zuvor angelegt und nicht aus dem Weg geräumt hat. Für Bock stellt Judas den Typus des modernen Menschen schlechthin dar, der in einer hyperaktiven Betriebsamkeit gefangen, am Ende selbst bei gutem Willen in ein "Verhängnis" gerät. Ein "unruhiger Mensch", behauptet Bock, "ist nicht liebefähig". Das ist alles etwas plakativ.
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Der Tag des Mars

Kardienstag zog Jesus wieder aus seinem Rückzugsgebiet jenseits des Ölbergs in die Stadt- allerdings ohne die jubelnde Menge, die ihn zwei Tage zuvor empfangen hatte. Dieser Empfang hatte ja auch an einem Missverständnis gelegen- ein Missverständnis, das Jesus im übrigen das Leben kosten sollte. Denn er selbst sah sich ja durchaus nicht in der Rolle eines politischen Provokateurs, der lediglich gegen die römischen Besatzer intrigierte. Die Menge am Strassenrand, die lokalen Machthaber und auch - in der Person von Judas- selbst seine internen Anhänger verstanden ihn aber durchaus in diesem Sinne.

Bei Emil Bock (Urchristentum. Die drei Jahre) wird dieses Missverständnis kaum erläutert, da sich Bock vordringlich mit Symbolen und Emotionen beschäftigt, die auf alte Mysterieninhalte verweisen: „Am Sonntag hat es noch scheinen können, als stände die Geistessonne, die in ihm über den Horizont des Dramas emporsteigt, in Übereinstimmung mit der natürlichen Sonne, die in den Seelen der Menschen den Frühlingsenthusiasmus entzündet.“ In ziemlich kitschiger Weise spekuliert Bock: „Jetzt ist der Tag des Mars angebrochen; der Kampf entbrennt. Die Menge ist verstummt…“. „um so majestätischer flammt der Wille aus seinem Antlitz.“

„Der Hoheitsvolle“ wird von Agenten und politischen Provokateuren der lokalen Machthaber zu fruchtlosen Diskussionen gedrängt, in denen es von Fallstricken wimmelt. Offensichtlich möchte man diesem politischen Neuling mit seinem nicht zu leugnenden Charisma eine argumentative Falle stellen. Bock vergreift sich bei der Gelegenheit etwas im Ton und bezeichnet die Provokateure als „Hunde“, die "nur kläffen und beißen“. Jesus antwortet in gefährlicher Weise in Gleichnissen vom Weinberg und vom königlichen Hochzeitsmahl. Gefährlich deshalb, weil Gleichnisse doppeldeutig sind. Unwahrscheinlich, dass den Zuhörern - wie Bock meint - dabei „der Schrecken über sich selbst in die Glieder fährt.“ Sie werden sich eher in ihrem Misstrauen bestätigt gesehen haben. Als er später sich selbst als Messias beschreibt, wird der Entschluss, Jesus aus dem Weg zu schaffen, endgültig gefallen sein, denn auch dieser Anspruch wird von den Gegnern politisch verstanden worden sein. Die „Marsgewalt des Wortes“ Jesu - wie Bock es pathetisch ausdrückt - besteht für mich vor allem darin, dass Jesus nicht einen einzigen Versuch unternimmt, die unterschiedlichen Verständnisebenen zu klären. Man könnte denken, er sei naiv und verstünde seine Gegner nicht. Sehr viel wahrscheinlicher aber ist, dass er es geradezu darauf anlegte- vielleicht weil er spürte, dass seine Zeit gekommen war. Das "Lamm" begibt sich geradezu ungebärdig in die politische Arena und liefert den Strick gleich mit, mit dem es später abgeführt wird.

Am Abend spricht Jesus apokalyptisch vor seinen Jüngern. Er entrollt vor ihnen, die ihm wohl nur in Bruchstücken folgen konnten, eine Teleologie der Welt- und Religionsgeschichte. Im Angesicht der aktuellen Gefahr erscheinen seine Worte auf dem Ölberg wie ein Vermächtnis- eine, wie Bock schreibt, „dem Mars abgerungene Sonnengabe“.
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Der Tag der Feige

Jenseits des Ölbergs, kurz vor Bethanien, befand sich zu Jesu Zeiten eine Siedlung namens Bethphage: Das „Haus der Feigen“. Kein Dorf, beschreibt Emil Bock (Urchristentum. Die drei Jahre), sondern schlichte Hütten inmitten eines Hains von Feigenbäumen. Hier hat sich Jesus am Karmontag aufgehalten, und auch hier inmitten einer Gemeinschaft spirituell suchender Menschen. Jedenfalls behauptet das Emil Bock. Die Feigenbäume seien keinesfalls Nutzpflanzen gewesen, sondern „heilige Bäume“, „sichtbare Zeichen ihres (der dort lebenden Menschen) geistigen Strebens. Es handelte sich um Menschen, die in ihrem Kreise das Geistgeheimnis der alten Menschheit zu bewahren trachteten.“ Und nicht nur das, behauptet Bock. Diese Leute waren nicht nur Traditionalisten spiritueller Richtungen ihrer Zeit, sondern sie pflegten in Bethphage auch das „Sitzen unter dem Feigenbaum“, den „Zustand übersinnlichen Schauens, der durch teils körperliche, teils versenkungsartige Übungen erzielt wurde“. Das Haus der Feigen war also ein Ort, an dem „das alte Schauen“ gepflegt wurde. Von hier aus ließ Jesus den Esel holen, den er auch am Palmsonntag genutzt hatte-ein heiliges Tier von einem heiligen Ort.

Wieder also Symbole bei Bock. Die Feige ist für ihn ein Sinnbild für innere Versenkung traditioneller Art. Schauen wir uns dieses Symbol ebenfalls genauer an. War der „Bodhibaum“, unter dem Buddha seine Versenkung pflegte, eine Feige?
„Der Bodhi-Baum hinter dem aus dem 1. Jh. n. Chr. stammenden, 51 m hohen Mahabodhi-Tempel von Bodh-Gaya, dem einstigen Uruvela, wird täglich von einigen Dutzend Pilgern besucht. Nur sehr Gutgläubige halten aber für wahr, daß es sich noch um den originalen Assattha handelt, unter dem Siddhattha Gotama vor 2.500 Jahren sein Erleuchtungserlebnis hatte. Es ist beweisbar, daß der Baum im Laufe der Zeit mehrfach ersetzt wurde, allerdings stets durch Abkömmlinge des Urbaumes, so daß der heutige Baum mit dem ursprünglichen Bodhi-Baum in direkter Linie verwandt ist.“ (Wolfgang Schumann) Bei dem Bodhi-Baum handelt es sich um die Pappelfeige (Ficus religiosa)- ein Maulbeergewächs, das man ausschließlich in Indien und Sri Lanka findet (Wikipedia). Die echte Feige dagegen (Wikipedia) findet man im gesamten Mittelmeerraum als uralte Nutzpflanze ohne spirituelle Symbolik. Sie ist buschiger und wesentlich niedriger. Auch die mit der Echten Feige verbundene traditionelle Symbolik ist eine ganz andere. Als Nutzpflanze jedenfalls ist die Feige sogar älter als die ersten kultivierten Getreidepflanzen, als Weintrauben, Oliven oder Datteln: „Das bestätigen neueste archäologische Funde von etwa 11400 Jahre alten Überresten getrockneter Feigen, die in einem Haus einer jungsteinzeitlichen Siedlung im heutigen Westjordanland ausgegraben wurden. Veredelte Feigenbäume, die einzig die süßen Früchte liefern, können nur durch Zucht und über Stecklinge vermehrt werden. Daher ist ihre zivilisatorische Nutzung so sicher nachzuweisen. Das muss schon vor etwa 11400 Jahren erfolgt sein. Die Feige wäre damit als Kulturpflanze mindestens 1000 Jahre älter als die ersten Getreidegräser und rund 5000 Jahre älter als Weintrauben, Oliven oder Datteln.“ (Virtuelles Museum Oberösterreich) Von der Blattform abgeleitet ist das Symbol des Herzens als „Liebesbild“. Dies nun allerdings nicht im platonischen, sondern im sexuellen Sinne: „Seit alters symbolisiert die Feige die Fruchtbarkeit, die im Bild der weiblichen Scham konkretisiert wurde.“ Die „fica“ stellt daher seit jeher ein Symbol für den Geschlechtsverkehr dar und ist dementsprechend auch umgangssprachlich geläufig. Bis heute gilt in Österreich: „ „Mit der Feig´n hausieren“ gilt in Wien als volkstümlicher Ausdruck für Prostitution..“ (Virtuelles Museum Oberösterreich). So interpretieren auch moderne Traumdeuter die Feige in ganz anderem Sinne als Emil Bock: „Sehen Sie einen Feigenbaum, sollten Sie Ihre sexuelle Begierde zügeln. Sehen Sie mehrere Feigen, sehnen Sie sich nach Sex.“ (Traumdeutung) Man fragt sich unwillkürlich, was dann ein ganzer Feigenhain zu bedeuten hätte.
In der Antike war der Feigenbaum im übrigen wegen seiner drei möglichen Ernten im Jahr Dionysos gewidmet und zugeschrieben.

So scheint auch diese symbolische Zuschreibung Emil Bocks, der in der Feige ein auf altes Einweihungswissen verweisendes Symbol sieht, sich in Luft aufzulösen. Folgt man seinen Behauptungen in Bezug auf Bethphage, dann wäre dies ein Ort der Prostitution gewesen. Dann hätte auch das Wort Jesu „Von diesen Feigen soll in alle Zukunft kein Mensch mehr essen“ eine ganz schlichte, moralisierende Bedeutung. Es ist zu vermuten, dass die Wahrheit in der Mitte liegt. Alte, ekstatische Einweihungsmethoden aus dem Geist des Dionysischen sind es, die Jesus vehement verdammt. Dies kurz bevor er den Tempelbezirk aufsucht und die Kommerzialisierung des religiösen Betriebs anklagt.
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Der Tag der Palme

Die Geschichte der Palmsymbolik setzt in den Evangelien ausschließlich auf den Bericht von Johannes auf, der den Einzug Jesu in Jerusalem so schildert: „Als am folgenden Tag das zahlreich zum Fest gekommene Volk vernahm, Jesus komme nach Jerusalem, nahmen sie Palmzweige, zogen ihm entgegen und riefen: „Hosanna! Hochgelobt, der da kommt im Namen des Herrn, und der König von Israel!“ (Joh 12, 12-13).
Emil Bock greift diese Symbolik in seinem Buch „Urchristentum. Die drei Jahre“ auf. Fast schwärmerisch beschreibt er den Einzug Jesu auf einem Esel so, „als wäre er (Jesus) der Frühlingsgott selber“. Für Bock schliesst das Herunterreißen der Palmzweige durch eine enthusiastische Zuschauermenge an das Vorchristliche an: „Als käme etwas von der alten Sonnenekstase heidnischer Frühlingsfeiern über die Menschen: ein Funke zündet. Wenn Palmzweige heruntergeschlagen werden von den Bäumen, so greifen die Menschen damit zurück auf uralte Bräuche, auf die Sonnenfeiern des Frühlingsanfangs, wie sie bei den vorchristlichen Völkern gang und gäbe waren. Ist ja doch die Palme immer erlebt worden als der Baum und das Symbolum der Sonne, der natürlichen Sonne, die jetzt am Frühlingshimmel eine so ganz neue Kraft entfaltet.“

Das Symbol der Palme ist in Bocks Darstellung ganz zentral, denn damit wird der Anknüpfungspunkt für das Empfinden der Menge auf uralte Heilserwartungen begründet. Für die Menschen in Jerusalem soll Jesus als der „Herr der Sonne, der den Menschen verheißen ist als der große König des Lichtes“ in geradezu ekstatischer Weise erschienen sein. Die Palme ist die Verbindung zu den „ältesten Sonnenheiligtümern der Menschheit“.

Wenn man sich nach vorchristlicher Sonnensymbolik umsieht - vorzugsweise in Bezug auf die „Verwendung vegetativer Symbolik“ (Bernhard Lux), so findet man durchaus auch die Vermutung, dass das Palmensymbol auf vorchristliche Riten verweisen könnte. Es handelt sich um eine „häufig geäußerte Vermutung“, „hier könnte wieder einmal ein vorchristliches Symbol mit christlichem Sinn überlagert worden sein.“ (Bernhard Lux). In kunsthistorischen Lexika habe ich keinerlei Spur gefunden. Bernhard Lux auch nicht: „Die Brauchtumsforschung … macht demgegenüber klar, dass das Palmbrauchtum allein mit Bezug auf den biblischen Bericht über den Einzug Jesus in Jerusalem und den damit in Zusammenhang gebrachten Beginn der Passion zu begründen ist.“ Vielmehr war der Palmbaum ein Zeichen des Sieges und der Gnade Christi, vor allem aber in seinem geraden Wuchs ein Verweis auf den Himmel, für spirituelle Entwicklung und für den „Gerechten“. So in den Psalmen (Ps 91): „Der Gerechte gedeiht wie ein Palmbaum…“.

Bocks anthroposophische Deutung, die auf für ihn offensichtlichen Fakten beruht, hinterlässt so einen etwas faden Beigeschmack, als würde das, was nicht passt, eben passend gemacht. Das Palmensymbol verweist aber nicht, wie von ihm dargestellt, auf die Sonne und die Sonnenmysterien der Vorzeit. Es erscheint vielmehr als rein christliches Symbol: „Die immergrünen Blätter symbolisieren  das ewige Leben und den Sieg des Glaubens über das Heidentum.“ (Hartmann)

Vorsicht ist angebracht bei Symbolen, die aus anthroposophischem Kontext heraus „passend gemacht“ werden.
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Der gute Wanderer lässt keine Spur zurück

In seinem neuen Büchlein "Abwesen" begibt sich der koreanische, in der Schweiz lehrende Philosoph Byung-Chul Han auf einen unangestrengten Weg des Kulturvergleichs zwischen Ost und West. Unangestrengt auch deshalb, weil Han sich nicht nur zwischen Kant, Nietzsche, Heidegger, Laotse und Konfuzius bewegt, nicht nur Grammatik, Kunst, Städtebau, Architektur und Kochen betrachtet, sondern auch scheinbar banale Tätigkeiten wie das Grüßen. Er scheut auch keinesfalls Wiederholungen. Sein Buch folgt auch in der (fehlenden) Struktur dem besprochenen Nicht- Linearen, Nicht- Teleologischen des Ostens. Denn der gute Wanderer verfolgt keine Richtung und Absicht, er "geht nirgends hin". Er "verschmilzt ganz mit dem Weg, der seinerseits nirgends hin-führt".
Es ist das "Begehren, die Appetition, die einen zu Jemand macht. Wer Jemand im emphatischen Sinne ist, hat keinen Zugang zum Wandern". Die Abwesenheit der Zielgerichtetheit, der unbedingten Personalisierung und des Sinns "führt nicht zu einem Nihilismus, sondern zu einer himmlischen Freude am Sein, das ohne Richtung, ohne Spur ist." So unterscheidet sich der östliche und westliche Daseinsentwurf ganz erheblich. Das ateleologische Wandern des Ostens zeigt sich in vielen Alltagsphänomenen. Das ständige Abgrenzenmüssen im Westen "erzeugt ein Gefühl der Enge. Trotz des Gedränges von Menschen und Häusern erscheint die fernöstliche Großstadt dagegen als eine Stadt der Leere und der Abwesenheit". Nicht nur in der Architektur der Tempel und Kirchen, sondern selbst in ihrer Lage zeigen sich diese Unterschiede: "Außerdem stehen die buddhistischen Tempel des Fernen Ostens oft in einer Waldlichtung, umgeben und geschützt von den Berghängen. Und sie liegen abseits, während die Münster oder auch die griechischen Tempel die Mitte bilden und besetzen. Der buddhistische Tempel ist auch in diesem Sinne abwesend."
Selbst die Metaphorik von Erleuchtung unterscheidet sich erheblich: "Satori (Erleuchtung) hat eigentlich nichts mit dem Leuchten oder mit dem Licht zu tun. (...) Das Licht potenziert die Anwesenheit. Der Buddhismus ist dagegen eine Religion der Abwesenheit. So bedeutet auch das Nirvana, der sanskritische Ausdruck für die Erleuchtung, ursprünglich "Verlöschen"".
So werden Licht und Schatten als gleichwertig gesehen, Wandlungen und Veränderungen gelten im Osten nicht als Bedrohung: "Sie stellen nur den natürlichen Lauf der Dinge dar, dem es sich anzupassen gilt". Es gilt, "das Denken so geschmeidig wie möglich zu halten, dass es sich der Vielfalt von Möglichkeiten öffnet. Das fernöstliche Denken ist freundlich in dem Sinne, dass es sich nicht auf Grundsätze und Prinzipien versteift". Daher hinterlässt der Wanderer keine Spur.
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Heiligenschein



"Nicht nur eine Ätherströmung geht vom Herzen nach dem Kopfe, sondern darin sind auch Strömungen des astralischen Leibes vorhanden. Nun ist das Gehirn ein höchst eigentümliches Werkzeug der menschlichen Natur; es hat nämlich durch die Art und Weise, wie es sich seit dem letzten Drittel der atlantischen Zeit gebildet hat, die Eigenschaft angenommen, dass es das, was da heraufgeht als astralische Strömung, aufhält, nicht durch sich durchlässt, während es die Ätherströmung tatsächlich durchlässt. Diese astralischen Strömungen aber, die von unten nach oben gehen und vom Gehirn aufgehalten werden, haben eine gewisse Anziehungskraft zu den äußeren astralischen Substantialitäten, die uns in der astralischen Substanz der Erde immer umgeben.

Also das, was wir als astralischen Leib um den Kopf herum finden, ganz in der Nähe unserer Kopfhaut, das hat gleichsam eine Verdickung, etwas wie eine Mütze, die wir als astralische Substanz fortwährend aufhaben. Durch diese astralische Haube dringen nun die Strahlen des Ätherleibes hindurch, da sie ja nicht aufgehalten werden vom Gehirn, und um so heller und glänzender erscheinen sie für den hellseherischen Blick, je reiner sie sind, das heißt, je weniger sie noch enthalten von den Trieben, Begierden und Leidenschaften, von den Affekten der menschlichen Natur. Dadurch gewinnt das, was wir als die Aura des Menschen bezeichnen, eine Art von Kranz von Astralität, durch welchen die Strahlen des Ätherleibes des Menschen hindurchstrahlen. Das ist die Kopfaura, welche von den alten noch hellseherisch begabten Menschen bei solchen Persönlichkeiten wahrgenommen wurde, bei denen durch die Reinheit ihres Wesens dieser Ätheraurateil hellstrahlend war: das, was als der Heiligenschein auch auf den Bildern abgebildet wird. "

Rudolf Steiner, GA 129 Seite196f
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Bömmel & Lametta. Unser Weihnachtsfest


Wenn das Fest selbst der Höhepunkt ist, dann hat sich das Vorspiel deutlich ausgeweitet. Im Spätherbst wird das adventliche Tirilum eingeleitet, die Gassen und Einkaufsmeilen sind geschmückt, die Deko umgestellt, allerlei stechendes Grün gehauen und ausgestellt. Lichter überall. Die Lichterdekoration führt zu heftigen Konkurrenzkämpfen in den Vororten, wo Nachbar gegen Nachbarn antritt, um diesen in Sachen Wattzahlverbrauch zu übertrumpfen. In unserem winzigen Ort hat ein Eigenheimbesitzer, der ordentliches Vermögen aus Nachtclubs und verwandten Etablissements herauszieht, seinen großen Garten in ein weihnachtliches Las Vegas verwandelt, ließ Opernsängerinnen herankarren, die zu Lichterketten und Lasershows Arien schmetterten- dies alles täglich für 10 Euro Eintritt. Im Nachbarort ging eine ganze Straße gegen einen anderen Eigenheimbesitzer gerichtlich vor, der sein Haus in eine blinkende Orgie von hyperaktiv blitzenden Lämpchenmeeren verwandelt hatte. Nicht nur, dass die dörfliche Strasse ununterbrochen durch Schaulustige verstopft war – er hatte auch vor seinem Haus eine Bude aufgestellt, in der er Glühwein und Plätzchen verkaufen ließ. Offensichtlich gehören Konsumorgien, klaustrophobische Gefühle im Gewühl im Elektromarkt, stundenlanges Eingekeiltsein beim Versuch, ein Innenstadtparkhaus mit dem Auto zu erwischen ebenso untrennbar zur „Stillen Nacht, Heiligen Nacht“ wie schlitzohrige Geschäftemacherei, erhöhte Stromrechnungen, Printenduft und feierliche Chöre.

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Das Fünfte Evangelium

Der gleichnamige Vortragszyklus gehört zweifellos zu den herausragenden Aspekten im Werk Rudolf Steiners, der braven Kirchenleuten so die Zornesröte ins Gesicht treibt, dass sie nur noch unzusammenhängend etwas von "angemaßter Offenbarung" und (schlimme Beschimpfung in diesen Kreisen) "Gnostiker" zwischen den Zähnen hervor quetschen. Für wohlwollende oder zumindest tolerante Leser dagegen gehört gerade dieser Zyklus zu denjenigen, die etwas unmittelbar Berührendes haben. Warum das so ist, wie es zu den Vorträgen kam und wieso sie so abrupt endeten und nicht wieder aufgegriffen wurden, beschäftigt Peter Selg in seiner Studie "Rudolf Steiner und das Fünfte Evangelium". Die Situation der Vortragsreihe 1913 in Kristiania ergibt sich einerseits aus der Tatsache, dass sie im Vorfeld des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges gehalten wurde. Außerdem sei - nach Aussagen des berühmten russischen Schriftstellers Andrej Belyi "die Atmosphäre Norwegens besonders rein" in Steiners Augen gewesen und daher geeignet, "bis ins Letzte durchgeistigte Worte zu sprechen". Eine Art weiteres Evangelium neben die vorhandenen zu setzen, sei - nach Steiners Worten (GA 118, S. 159)- insbesondere für "Anhänger der rosenkreuzerischen Bewegung" (die es offiziell gar nicht gibt) gedacht gewesen. Vor allem aber trug Rudolf Steiner seine Vorträge bei dieser Gelegenheit mit einer geradzu hymnischen Inbrunst vor, gegen die alles Christologische von ihm bis dahin "abstrakt", "theoretisch" und "gedankenmäßig" (GA 148) gewesen sei.
Der Vortragszyklus enthält tatsächlich kaum die gewohnten anthroposophischen Erörterungen. Vielmehr handelt es sich um "Mitteilungen" im Sinne von Erzählungen aus dem Leben Jesu, die man eher von einer mittelalterlichen Nonne erwartet hätte. Rudolf Steiners Ton ist dabei ungewohnt; seine innere Situation bei diesen Vorträgen war auch für ihn eine neue.
Peter Selg nähert sich dieser äußeren und inneren Situation Rudolf Steiners an. Er referiert aus dem Zyklus, um Vorgänger- und Nachfolgevorträge zu extrahieren, die man zu dieser Reihe hinzuzählen könnte. Schließlich beschäftigt er sich mit der Frage, warum diese Vorträge nicht fortgeführt werden konnten.
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Rituelle Bannung

Die Kolleginnen von der Magie- Fraktion haben es auch nicht leicht. Sie kämpfen mit allen Waffen -natürlich nicht wie wir gegen Luzifer- sondern gegen ihre schwatzsüchtigen Nachbarinnen, die gern auf einen Kaffee vorbei kommen und nicht mehr gehen. Die arme "Sun" weiß davon in diesem Forum einiges zu singen. Ein fortgeschrittener Adept gibt dann eine Art magischen Trainingskurs, nämlich die astralische "Standleitung" der Nachbarin mittels magischer Bannung zu kappen:

"Damit meine ich eine feste Verbindung zwischen Vampir (der Nachbarin, M.E.) und "Angezapftem". Symptome können z.B. sein, dass einem die betreffende Person ständig in den Sinn kommt, auch wenn man gerade etwas macht, das nichts mit ihr zu tun hat, dass man dauernd über ihre Probleme nachdenkt oder dass man den Eindruck hat, etwas würde einen in eine Richtung ziehen, in die man eigentlich gar nicht will.

Auf psychischer Ebene bedeutet ein Auflösen, sich selbst ganz genau auf seine Motive, der anderen Person zu helfen und nett zu ihr zu sein und nach "Andockpunkten", also z.B. Schuldgefühlen oder Glaubenssätzen wie "Das Wohl anderer ist wichtiger als mein Eigenes" (jetzt nur ein Beispiel) zu prüfen und diese dann bewusst zu entkräften. Das kann in ziemlich viel Arbeit ausarten.


Hier Magierin Sun beim Öffnen der Tür, als die verhasste Alte von nebenan
klingelt. Irgendetwas macht sie falsch. Aber was nur?



Ein einfacherer Weg ist, Dich in eine Meditation / Trance zu begeben und Dich gezielt nach solchen Leitungen abzusuchen. Das kann auf visuellem Weg geschehen, Du kannst aber auch andere Sinne einsetzen, wenn Dir das mehr liegt. Vielleicht fühlst Du ja ein Ziehen an einer bestimmten Stelle, oder ähnliches.

Wenn Du eine oder mehrere Leitungen gefunden hast, stellst Du Dir vor, wie Du sie mit einem kräftigen Ruck an Dich heran ziehst und dann mit einer großen Schere, einem Messer o.ä. kappst. Wenn noch irgendwelche Reste an Dir kleben bleiben, entfernst Du sie auf eine Dir genehme Weise. Danach ist es ratsam, regelmäßig zu bannen/einen Schutzkreis zu ziehen und nachzuschauen, ob die Leitung nachgewachsen ist. Wenn ja, führst Du die gleiche Prozedur noch einmal durch."


"Das kann in ziemlich viel Arbeit ausarten"- jaja. Auf die Idee, der Nachbarin ins Gesicht zu sagen, dass sie nervt, ist von den braven Adepten kaum einer gekommen. Lauter Magier mit Helfersyndrom, das beängstigt mich irgendwie. Ist denn auf nichts mehr Verlass? Da lob ich mir meinen Zweig. Da kracht es wenigstens alle 25 Jahre mal. Allerdings dauert der Krach dann auch 25 Jahre lang- meist bis zum Versterben einer der Streitparteien.

Übrigens, das schöne an der Magie- Fraktion ist, dass die völlig Humor-inkompatibel sind. Das ist gegenüber echten Anthroposophen dann doch noch eine erhebliche Steigerung. Außerdem schicken die Magier, wie ich nach einem bösen Aleister-Crowley- Artikel erfahren durfte, nicht nur Emails, sondern auch Verwünschungen. Ich habe einen extra Papierkorb dafür, mit eingebauter ritueller Bannung.
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Weil ich nicht weiß, wie lange es her ist, seit ich ihn gesehen habe

In meinen jungen Jahren verband ich Christuserfahrung stets mit apokalyptischem Donnergetöse- das hat wohl der Apostel Johannes mit seinen Visionen verbockt. Damals war auch ein amerikanischer Findhorn- Schriftsteller en vogue, der die nahe, zu erwartende atomare Katastrophe in Zeiten des Kalten Krieges mit der dann fälligen Offenbarung Christi verband. Heute weiss ich, dass diese düsteren, wagnerianischen Vorstellungen in etwa so stumpf-bürgerlich sind wie ehedem der röhrende Hirsch über dem Sofa.

Ganz anders die "Apokalypse auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt", die Elisabeth Kübler-Ross über ihre persönliche Christus- Begegnung entwarf. Meine Frau findet diese Schilderung entsetzlich kitschig- ich finde sie ganz angemessen. Ich denke, sie ist alltäglich und gleichzeitig immer auch ergreifend. Es ist ein Rätsel, allein schon, weil man unmittelbar weiss, dass es sich um Christus handelt. Es ist zugleich aber so alltäglich, wie einem alten Freund nach langer Zeit wieder zu begegnen. Und es ist eine Erfahrung, von der man auch weiss, dass sie auf rätselhafte Weise universell ist - sie ist jedem Menschen jederzeit möglich-, gleichzeitig aber so persönlich und individuell, wie es nur denkbar ist.

Die katholisch-jüdische Mystikerin Simone Weil schilderte ihre Begegnung auf ähnliche Weise - alltäglich und ergriffen zugleich, aber auch mit diesem etwas selbst quälenden Zweifel der eigenen Nichtswürdigkeit, der ihr zutiefst eigen war:
"Er trat in mein Zimmer und sprach: (...) Es war nicht mehr Winter. Es war noch nicht Frühling. Die Zweige der Bäume waren nackt, ohne Knospen, in einer kalten, sonnigen Luft.
Das Licht stieg auf, strahlte, wurde schwächer, dann kamen Mond und Sterne zum Fenster herein. Und wieder stieg das Morgenrot auf.
Manchmal schwieg er, nahm aus einem Wandschrank ein Brot, und wir teilten es miteinander. Dieses Brot hatte wahrhaftig den Geschmack des Brotes. Ich habe diesen Geschmack nie wiedergefunden.

Er schenkte mir und sich Wein ein, der den Geschmack der Sonne und der Erde hatte, auf der diese Stadt erbaut war.
Manchmal streckten wir uns auf dem Fußboden der Dachkammer aus, und die Süße des Schlummers sank auf mich herab. Dann erwachte ich, und ich trank das Licht der Sonne.
Er hatte mir versprochen, mich zu belehren, aber er lehrte mich nichts. Wir sprachen von allem und jedem, was uns gerade einfiel, wie alte Freunde tun.
Eines Tages sagte er zu mir:"Jetzt geh".Ich fiel auf die Knie, ich schlang meine Arme um seine Beine, ich flehte ihn an, mich nicht zu verjagen. Aber er stieß mich auf die Treppe hinaus. Ich stieg die Treppen hinunter, ohne zu wissen, wie mir geschah, das Herz wie in Stücken. Ich ging in den Straßen.

Dann bemerkte ich, daß ich gar nicht wußte, wo dieses Haus lag. Ich habe niemals versucht, es wiederzufinden. Ich begriff, daß er mich aus Versehen aufgesucht hatte. Meine Stelle ist nicht in jener Dachkammer. Sie ist irgendwo, in dem Kerker eines Gefängnisses, in einem jener bürgerlichen Salons voller Nippes und rotem Plüsch, in dem Wartesaal eines Bahnhofs.
Irgendwo, aber nicht in jener Dachkammer.Manchmal kann ich nicht anders: ängstlich und mit schlechtem Gewissen wiederhole ich mir ein wenig von dem, was er zu mir gesagt hat. Wie soll ich wissen, ob ich mich dessen genau erinnere ? Er ist nicht da, es mir zu sagen.

Ich weiß wohl, daß er mich nicht liebt. Wie könnte er mich lieben ? Und doch, ganz innen ist etwas, ein Punkt meiner selbst, der es nicht lassen kann, mit Furcht und Zittern zu denken, daß er mich vielleicht, trotz allem, liebt.
" ("Zeugnis für das Gute")

Der Dramatiker Eugene Ionesco schilderte in seinem Tagebuch (1967) keine personale Begegnung, sondern eine Verklärung im Licht:
"Ich erinnere mich, es ist schon Jahre und Jahre her: Wir hatten gar kein Geld. Neben mir lag ein dicker Stoß von Briefumschlägen, in die ich Prospekte legen und auf die ich Adressen schreiben musste. Schon damals lebte ich von meiner Feder. Die Sonne war hinter Wolken versteckt. Ich wartete auf einen Lichtblick. Er kam. Der Tisch, der Teppich, das alte Sofa, das ganze Zimmer ist plötzlich lichtüberflutet. Im goldenen Licht wird der alte Teppich plötzlich schön. Die Möbel sind wieder neu. Die Sonne strahlt über dem Schloß, den Bäumen, dem Fluß und dem fadenscheinigen Gobelin, der an der Wand hängt. Metamorphose der Welt. Das Licht dringt tief in mich ein.

Ich bin von innen her verklärt.

Ich bin gleichzeitig in mir verwurzelt und von mir abgelöst, als wäre ich Handelnder und mein eigener Zuschauer auf einmal. Ich sehe mich in diesem Junilicht existieren. Wir sind sehr arm, mein Liebes, habe ich ihr gesagt, aber augenblicklich zählt nichts neben dieser Ausstrahlung des Seins, dieses Licht ist unser Brot und unser Wein."

Robert Musil dagegen sah kein Licht, sondern hörte einen singenden Ton, in dem er seine Verklärung fand: „...ein dünner, singender, einfacher hoher Laut, wie wenn der Rand eines Glases zum Tönen gebracht wird; aber es war etwas Unwirkliches daran; das hast du noch nie gehört, sagte ich mir. Und dieser laut war auf mich gerichtet; ich war in Verbindung mit diesem Laut und zweifelte nicht im geringsten daran, dass etwas Entscheidendes mit mir vor sich gehen wolle. Kein einziger Gedanke in mir war von der Art, die sich in den Augenblicken des Lebensabschiedes einstellen soll, sondern alles, was ich empfand, war in die Zukunft gerichtet; und ich muss einfach sagen, ich war sicher, in der nächsten Minute Gottes Nähe in der Nähe meines Körpers zu fühlen (...)." (in: Der Fliegerpfeil: Der Monat 3.11.1950 S. 193. Zitiert nach Paul Watzlawick, Die erfundene Wirklichkeit)

Rudolf Steiner dagegen erlebt Christus in seinem von mir so genannten "Sonnengesang" vor allem in allen möglichen Erscheinungen der Natur.

Man sieht: Die Erfahrungen sind vielfältig, aber höchst persönlich und allgemein menschlich zugleich. Vielfach erlebt man eine Vertrautheit, die eben vielleicht gerade das Erschütternde ausmacht. In diesem Maß verstanden zu werden, hat man eben nicht für möglich gehalten. Und auch nicht in diesem Maß angenommen sein zu dürfen.

Zum Schluss der in der Todeszelle einsitzende Arthur Koestler, der seine Erfahrung so beschrieb: „Dann wurde mir, als glitte ich, auf dem Rücken liegend, in einem Fluss des Friedens unter Brücken des Schweigens. Ich kam von nirgendwo und trieb nirgendwohin. Dann war weder der Fluss mehr da, noch ich. Das Ich hatte aufgehört zu sein (...). Wenn ich sage, „das Ich hatte aufgehört zu sein“, so beziehe ich mich auf ein konkretes Erlebnis, das in Worten so wenig ausdrückbar ist wie die Empfindungen, die durch ein Klavierkonzert ausgelöst werden, das aber genau so wirklich ist – nein, sehr viel wirklicher. Tatsächlich ist sein wichtigstes Kennzeichen der Eindruck, dass dieser Zustand viel wirklicher ist als irgendein je zuvor erlebter." (in: Die Geheimschrift. München Wien Basel 1954)
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Chakras

Diese niedlichen alten Esoterik- Bücher! Ich habe mir gerade Werner Bohms Buch von 1953 heraus gekramt: "Chakras. Lebenskräfte und Bewusstseinszentren im Menschen" und an einem Tag noch einmal durchgelesen. Das mit den Blättern, ihrer Anzahl, Farbe, Drehrichtung etc konnte ich mir noch nie merken. Überhaupt strotzt auch dieses indisch- theosophisch- anthroposophische (es wird auch Steiner zitiert) Büchlein von Informationen, Fremdwörtern und interkulturellen Verbindungen, dass es den Charme eines Telefonbuchs ausstrahlt. Bohm liebt - wie die meisten dieser klassischen Esoteriker- insbesondere Listen. Er schreibt z.B., dass "insgesamt 72000 Nadis" die Bildekräfte im Rückgrat durchfliessen und ordnet dann die Chakras bestimmten Wirbelregionen zu. Diese trockene Listerei hat vermutlich den Zweck, der reichlich unwissenschaftlichen Materie einen seriösen Anstrich zu geben. Es sind ja auch durchaus Perlen im Sinne von Denkanstössen zu finden. Vielleicht werde ich darauf zurück kommen.



"Niedlich" finde ich diese Bücher, weil sie meist ja auch deutliche Wertungen abgeben, und zwar im Sinne einer unbedingt einzuhaltenden Moral, wenn man die dargestellten Ziele und Erweckungen erreichen will. Bohm spricht von "Tugenden". Irgendwie geartetes Rebellentum lässt die theosophisch-geistige Welt nicht zu. Man muss ausdauernd, kontrolliert, duldsam, vertrauensvoll und gleichmütig sein. Man darf kein Fleisch essen wollen, aber dennoch keinesfalls asketisch sein. Bei der Meditation soll man zwar keine krampfhaften Yogi- Positionen einnehmen, aber natürlich immer die Füße auf dem Boden lassen und keineswegs liegen. Man soll keinen Blödsinn denken oder reden. Wenn das alles erfüllt ist, dann "stösst der Strom der Energien an das Dach des Schädels und damit an die leibliche Grenze des Menschen". Dann kommt der Mensch "in höhere Reiche, die er nun ebenso der menschlichen Erfahrung erobern kann!".

Ich könnte Herrn Bohm einige Persönlichkeiten nennen, die solche Erfahrungen gemacht haben, aber weder vorher noch nachher ihren Verstand beisammen hatten, im Gegenteil. Mich interessiert aber vielmehr das moralisierende Moment. Schon der grosse Zenmeister Bankei (1622-1693) ("The Unborn. The Life and Teaching of Zen Master Bankei", San Franzisko 1984) war offensichtlich ein schwer erziehbarer Jugendlicher, der ununterbrochen Schule schwänzte und überall und mit jedermann aneckte. Er stürzte sich, als man ihn doch zum Schulbesuch zwingen wollte, in einen reißenden Fluss und lebte, als die Familie ihn disziplinieren wollte, viele Jahre als eine Art Penner. Eine mir selbst bekannte "entwickelte" Persönlichkeit pflegte in jungen Jahren private Mutproben durch Einbrüche und lebte in Paris als Clochard. In meinen Augen sind solche Persönlichkeiten notgedrungen "schwierig" und passen in keines der üblichen Schemata, weil sie eben diesen starken Willen haben, der notwendige Bedingung für Entwicklung ist. Wille, Eigensinn, Unangepasstheit sind nun mal keine angenehm zu beschreibende Grundvoraussetzungen für bürgerliche Esoterik- Breviere. Die lieben Kinder kommen aufs Sofa und lesen so was, wenn sie groß sind. Vielleicht glauben sie sogar daran und schnitzen sich ein nettes Selbstbild von ihrem "Schulungsweg".
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Der "Durchbruch" Meister Eckharts

"Als ich aus Gott heraus trat, da sprachen alle Dinge: Es gibt einen Gott!
Nun kann mich das nicht selig machen, denn hierbei fasse ich mich als Kreatur. Aber in dem Durchbruch, da ich ledig stehen will im Willen Gottes, und ledig auch von diesem Gotteswillen, und aller seiner Werke, und Gottes selber - da bin ich mehr als alle Kreatur: ich bin, was ich war und was ich bleiben werde, jetzt und immerdar!
Da erhalte ich einen Ruck, dass er mich empor bringt über alle Engel. In dem Ruck werd ich so reich, dass Gott mir nicht genug sein kann, nach allem, was er als Gott ist, nach allen seinen göttlichen Werken; denn ich empfahl in diesem Durchbruch, was ich und Gott gemeinsam sind.
Da bin ich, was ich war, da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da ein Unbewegliches, welches alle Dinge bewegt. Hier findet Gott keine Stätte mehr im Menschen, denn hier hat der Mensch durch seine Armut wieder errungen, was er ewiglich gewesen ist und immer bleiben wird".

Eckhart, nach C.G. Jung, Geleitwort zu: D.T. Suzuki, "Die grosse Befreiung", Zürich 1972/6
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Der Dämon des Alters

Er nannte sich selbst "verrückter Bettler" - verrückt wegen seiner vertieften Weltsicht und Bettler, weil er nicht "haftete": Der zweite Dalai Lama (1475 - 1542). Für den heutigen 14. Dalai Lama war er "der grösste aller meiner Vorgänger".
Der Vorgänger des zweiten hatte den Titel Dalai Lama erst nach seinem Tod von seinen Schülern erhalten. Die engsten Schüler waren - zufällig? - die Eltern des zweiten. Sie erkannten in ihrem Sohn die Reinkarnation des ersten. Nicht nur, weil er vom Kleinkindalter an in Versen sprach, sondern auch, weil die Mutter untrügliche Zeichen in ihm sah. Es ist also die Frage, ob der erste Dalai Lama tatsächlich selbst entschied, "sich als Zweiter zu reinkarnieren und seine rechtmässige Stellung als Verkörperung des Ersten zu beanspruchen*"., Schließlich gingen auch die Besitztümer des jeweiligen Dalai Lama an den reinkarnierten Nachfolger über, und es begründete sich eine Art dynastischer Ordnung, die ja bis heute besteht: "Doch nicht selten häuften die männlichen und weiblichen Lamas von Geburt zu Geburt große Besitztümer an; bei ihrem Tod wurde ein grosser Teil des Besitzes für das Kind treuhänderisch verwaltet, das einmal als Reinkarnation anerkannt werden sollte*".

Der Vater des zweiten Dalai Lama wurde vorerst dessen Guru, war er doch selbst ein hoher tantrischer Lama. So hatte der Junge erwartungsgemäss bereits als Kind "zahllose mystische Visionen". Auch die Mutter konnte sich, wie der Dalai Lama schrieb, "an viele ihrer früheren Inkarnationen erinnern". Er freute sich über das "Glück, in den Leib einer so vollendeten und ernsthaften Praktizierenden einzutreten*".
Selbst die achtzigjährige Oma hatte sich vierundvierzig Jahre zuvor in einer Meditationshöhle einmauern lassen. Sie wurde von ihrem kleinen Enkel noch einmal besucht, der folgendes Gedichtchen über diese ehrwürdige Begegnung schrieb:

"Grossmutter, geplagt vom Dämon des Alters,
Ich singe dir diese Worte,
Schleim tropft dir aus der Nase,
Blut und Eiter haben sich in dir verfestigt.
Nur Läuse und ihre Eier halten sich auf deinem Körper,
Der zu einem Gefäss der Gebrechen wurde.
Und doch, Wunderfrau, hast du Angst und Leid überwunden
Und dich vom Dämon des Todes befreit.
Ich grüsse dich, ich grüsse dich, ich grüsse dich.*"

*Glenn H. Mullin: Der "verrückte" Weise auf Tibets Königsthron. Frankfurt/Main 2004
Rudolf Steiner über die Spiritualität Tibets
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Der Troubadour, der durch die Hölle ging

Neu aufgesetzt und passend zum momentanen Thema auf meiner Seite möchte ich nochmals auf die Besprechung von Adam Michaelis´Buch "The Anatomy of Evil in our time" hinweisen. Es handelt sich um eine Art exemplarisches Lehrbuch für diejenigen, die sich auf destruktive Kulte einlassen oder dort unversehens hinein rutschen. Im Fall von Michaelis war es ein ungenannter Kult, in dem es auch um tantrische Techniken ging, mit einem lokalen Repräsentanten gravierender zerstörerischer Kräfte. Für Michaelis allerdings bestand gerade in der Gefahr die außerordentliche Möglichkeit, im Bestehen am Rande nahezu völliger psychischer Vernichtung besondere innere Kräfte zu gewinnen.


Wenn so gern in anthroposophischen Kreisen vom "michaelischen Weg" gesprochen wird: Adam geht ihn tatsächlich. Er erfährt das Verschluckt- werden von Wal wie Jona, und er ersteht daraus wieder. Das alles erinnert sehr stark an die vielen Initiationen der Vorzeit, die wir in diesem Blog im Vormonat behandelt haben. Nur ist die Gefahr, in die Adam gerät, weder symbolisch, noch mythisch oder allegorisch. Es ist die tatsächliche Teilhabe an einer destruktiven Sekte.
Man kann das Buch übrigens auch mit Gewinn lesen, wenn man auf Adams eigene Schlussfolgerungen wenig geben mag; man kann das Buch nehmen, als wäre es nur ein Bericht äusseren Handeln und inneren Erlebens in einer gefährlichen Situation der geschilderten Art. Man muss der implizierten Didaktik nicht folgen.
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Die alte Einweihung



Rudolf Steiner schildert (GA 112, Seite 110), wie die Initiationen in den alten Kulturen kulminierten: "Und in dem rechten Zeitpunkt wurde er (der Schüler) dann, als Abschluss dieser Entwickelung, dreieinhalb Tage in einen todähnlichen Zustand gebracht. Er wurde während dieser Zeit entweder in einen sargähnlichen Kasten gelegt oder an eine Art Kreuz angeschnürt oder dergleichen. Und derjenige, den man als den Einweiher, den Hierophanten bezeichnet, hatte die Fähigkeit, auf den astralischen Leib und namentlich auf den Ätherleib zu wirken..."
Mircea Eliade schildert das ein wenig präziser: "es wird gesagt, dass der Lehrer den Knaben in einen Embryo verwandelt und ihn drei Nächte in seinem Bauch trägt." (Eliade, Das Mysterium der Wiedergeburt, S. 100). Der Einzuweihende ging also in den todähnlichen Schlaf über, indem er zugleich regredierte zu einem Noch-nicht-Geborenen. Er kehrte zurück zu den Müttern, die im Falle der Einweihung der Meister repräsentierte. Im Shatapatha-Brahmana wird z.B. geschildert: "der Lehrer wird in dem Augenblick schwanger, da er die Hand auf die Schulter des Knaben legt, und am dritten Tag wird dieser als Brahmane wiedergeboren."

Nach dem Erwachen nannte man die Initiierten auch die "zweimal Geborenen".
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Initiationsriten

Ich lese gerade mal wieder in Mircea Eliades "Das Mysterium der Wiedergeburt" (Insel-Verlag). In diesem Buch geht es dem Ethnologen und Religionshistoriker Eliade um Praktiken der Einweihung- sei es als Initiationsritus in eine prämoderne Gesellschaft oder in ein bestimmtes Amt wie der Schamane, Medizinmann, etc. Typisch dabei sind in allen möglichen Gesellschaften Riten, die "mit einer bestimmten Anzahl von Prüfungen" verbunden sind, mit "zahlreichen Tabus und Nahrungsverboten".

Ich bin ja überzeugt, dass eines der wichtigsten Riten der Initiationsrituale in unserer Gesellschaft die Führerscheinprüfung darstellt. Auch hiermit sind eine ganze Reihe von Prüfungen verbunden. Man darf keinen Alkohol trinken und muss sich masochistisch einem aufgeblasenen Fahrlehrer unterwerfen, der maliziöse Kommentare über einen abgibt ("Wenn Sie mich umbringen wollen, junge Dame, dann sagen Sie das doch vorher"). Hat man den Schein, gehört man zur Gesellschaft der Erwachsenen. Falls man ihn zeitweilig wieder verlieren sollte, indem man einige spezifische Tabus im Strassenverkehrt wissentlich, dämlich oder beides verletzt hat, wird man wieder in den unmündigen Zustand zurück versetzt, muss entweder Bahn fahren oder liebe Freunde um eine Transportmöglichkeit fragen.

In Bezug auf den Eintritt in die Anthroposophische Gesellschaft fragt man sich, ob auch nicht bei einem solchen Schritt einige kleine Rituale dazu gehören sollten. Das wäre vielleicht würdevoller als das einfache Überreichen einer Mitgliedskarte. Wenn man bei Eliade allerdings die historischen Riten z.B. im alten Australien anschaut, bekommt man auch wieder Zweifel. Schließlich waren mit der Initiation auch bestimmte "Operationen" verbunden wie "Beschneidung, das Ausschlagen eines Zahns, die Subinzision, aber auch die Skarifikation oder das Ausreißen der Haare". Keine Ahnung, was Skarifikation und Subinzision sein sollen. Die Vorstellung, dass im Nebenzimmer des örtlichen Zweigs allen Novizen von einem Dornacher Abgesandten Haare ausgerissen, Zähne ausgeschlagen oder gar Vorhäute demontiert werden, wirkt irgendwie doch wenig attraktiv :-)

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Elisabeth Kübler- Ross´Christuserfahrung

Auch Elisabeth Kübler- Ross, die berühmte Sterbeforscherin, die Vorläuferin für Palliativmedizin, Sterbebegleitung und Hospizbewegungen, schildert in ihrem Buch "Kinder und der Tod" (Kreuz Verlag, Zürich, 1984, S. 151) ziemlich unvermittelt eine persönliche Christuserfahrung: "Ich gehe über einen großen Parkplatz vor einem Einkaufszentrum mit zwanzig oder dreißig Läden. Außer mir ist niemand da. Es ist dunkel und früh am Morgen. Ich höre das Echo jedes meiner Schritte. Es ist kühl.

Ich sehe einen Mann in der ferne stehen, und in diesem Augenblick befinden wir uns plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde auf einer sonnigen Wiese, aber dann kehren wir zurück. So schnell, als wäre das nur in meiner Einbildung. Ich gehe auf ihn zu. Er ist groß. Sein Haar ist blond, die Augen sehr dunkel. Er ist sehr müde. Es ist Jesus. Ich weiß nicht, warum ich das weiß, aber es ist so.

Jetzt stehe ich dicht vor ihm und bleibe stehen. Er trägt Blue Jeans, ohne Hemd. Seine Haut ist sehr glatt. Er sieht sehr traurig aus, als ob er von mir Abschied nehmen wollte, und dann fasst er meine beiden Hände und fängt an zu weinen. Auch ich fange an zu weinen, weil ich nicht weiß, wie lange es her ist, seit ich ihn gesehen habe, und sogar jetzt vermisse ich ihn. Er netzt meine Handrücken mit seinen Tränen, und dann geht er und sagt: "Du brauchst nicht zu mir zu kommen, damit ich bei dir bin. Ich bin für dich da, wann immer du mich brauchst."

Als ich wieder allein bin, sitze ich auf dem Randstein in dem Einkaufszentrum und weine sehr. Ich bleibe dort, bis die Sonne aufgeht, dann stehe ich auf und gehe langsam fort."
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Gottseligkeit



Natur und das echte, mittelalterliche Rosenkreuzertum sind ein wesentliches Thema von Rudolf Steiners Vortragskompilation "Natur- und Geistwesen". Rudolf Steiner spricht darin auch über die Gralsmysterien, bei denen die besondere okkulte Methodik darin lag, über die Erfahrung des Körpers das Umgebende - also die Natur in diesem Falle- zu enträtseln und in ihrer Verbundenheit mit den eigenen menschlichen Strukturen zu erfahren. Ein kleiner Ausschnitt:
"Der Mensch muss im einzelnen den Weg finden lernen in das grosse Universum, dann kommt von selbst das Sich-eins-Empfinden und Sich-eins-Fühlen mit dem ganzen Kosmos. Wenn der Mensch lernt, voll aus jedem Gliede seines Leibes - auch des Äther- und Astralleibes - heraus den Weg zu gehen zum grossen Universum mit Geduld im Schreiten von Schritt zu Schritt, so erweitert er seinen Organismus zu einem Organismus, der den ganzen Raum umfasst. Er ist dann in allen Wesen darinnen. Er kann dann erleben jene Empfindung, welche man die Gottseligkeit nennt."

(S.55)
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Buddhas Atemlehre

Ich möchte gern auf eine ungewöhnliche Hör- CD aufmerksam machen: Auf Thich Nhat Hanhs "Wunder des bewussten Atmens". Gelesen wird der Text, der eine Interpretation von Buddhas 16 Lehrsätzen über das Atmen darstellt, von Robert Atzorn. Er macht das ganz hervorragend. Hanh, ein vietnamesischer Mönch und Friedensforscher, betreibt eine eigene Schule und eine Art Ashram in Südfrankreich. Offensichtlich ist eine ganze Reihe bekannter deutscher Künstler seit langem von ihm angetan, unter anderem auch Doris Dörrie. Die Hör- CD stellt auf angenehme Weise einen ganzen Kanon von meditativen Übungen dar, der aufeinander aufbaut. Werden am Anfang zunächst in etwas harmloser Weise einfache Atemübungen vorgestellt, steigert sich die Intensität, Weite und Tiefe der Übungen im Laufe des Hörens ganz erheblich, bis hin zu einer nicht ohne weiteres auslotbaren Dimension. Der Text bleibt aber stets in einer kompakten Leichtigkeit und vermeidet jeden Überschwang, jedes überflüssige Dramatisieren und jedes Insider- Vokabular. Diese Mystik hat Hand und Fuss. Ich habe selten eine solche knapp- realistische Darstellung solcher Themen kennen gelernt. Sehr empfehlenswert.
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