Standpunkt des gewöhnlichen Begreifens

Auch geistige Arbeit in dem Sinne, wie es anthroposophische Forschung meint, ist auf Verbalisierung und Dialog ausgelegt und angewiesen. Die Erkenntnisse werden erst zu dem, was sie sind, wenn sie formulierbar werden. Auch diese „Wahrnehmung“ benötigt eine Begrifflichkeit, muss diese aber erst schöpfen, da es passende Worte nicht dazu gibt. Sprachliche Konturen nimmt die Sache aber erst an, wenn diese im Dialog entstehen. Daher suchen und finden sich entsprechend Interessierte unabhängig von äußeren Institutionen und Traditionen.
So jedenfalls interpretiere ich folgende Textstelle von Rudolf Steiner:

„Die Menschen sind wiederum in das Stadium eingetreten, wo sie ein Auge brauchen für die geistige Welt, in die sie eintreten nach dem Tode. Und dieses Auge werden sie nicht haben, wenn sie es sich nicht hier auf Erden erwerben.

So wie das physische Auge im vor- irdischen Dasein erworben werden muss, so muss das Auge für das Wahrnehmen des Übersinnlichen nach dem Tode hier durch Geisteswissenschaft, durch geistiges Erkennen erworben werden. Nicht durch Hellsehen, das ist jedes Menschen eigene Sache, aber durch Verstehen mit dem gesunden Menschenverstand dessen, was durch hellseherische Forschung erkundet wird.

Dieses geistige Auge muss sich der Hellseher ebenso erwerben, wie es der andere Mensch auch erwerben muss. Was man durch imaginative Erkenntnis erworben hat, was man erschaut hat, verfällt nach wenigen Tagen. Es verfällt nur dann nicht, wenn man es auf den Standpunkt des gewöhnlichen Begreifens heruntergebracht hat. Man ist gezwungen, diese Sache dann ebenso zu begreifen, wie sie der begreift, dem man sie mitteilt.“

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Rudolf Steiner, GA 218, Seite 326f
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