Anthroposophie als Ich- Berührung
14.Mai.2010 21:00 Uhr Abgelegt in:Anthroposophie | Bücher

Das scheinbar Konventionelle in der Sprachgebung täuscht aber: Ständig ist Klünker bemüht, klassische anthroposophische Begriffe auf heutige Phänomene (und auch Krankheitsbilder) zu beziehen. Man merkt Klünker an, wie vorsichtig und sorgsam er dabei vorgeht und dass er sich an keiner Stelle nahe liegende, simple Zuweisungen gestattet. So kommt er z.B. zu einer Betrachtung, in der die klassischen Schritte von Imagination- Inspiration- Intuition heute kein ferne liegendes Ziel mehr darstellen, sondern Selbsterneuerungskräfte sind, die die gesamte innere seelisch- geistige Landschaft beleben sollen und müssen: „Wille und Ich- Aktivität“ sollten „spätestens in der Lebensmitte (..) in das Denken einziehen“, ohne das Horchen auf inspirative Fähigkeit „entindividualisiert sich das menschliche Fühlen“ und ohne eine „Intuition“, die in der Lage ist, umfassend „die eigene Denk- und Gefühlslage“ zu überblicken, gleitet der Wille ins Depressive oder chaotisch Unbewusste ab. Das, was vor hundert Jahren „Schulungsweg“ gewesen sein mag, stellt sich bei Klünker für die Moderne als eine Art Hygiene dar: Meditation ist der Faktor, der verkrustende seelische Prozesse beleben und erneuern kann.
Dabei geht es ihm um eine realistische Selbsteinschätzung. Heute sollte man nicht vor Ehrfurcht erstarren in Erwartung „der „großen“ geistigen Einsicht oder der „objektiven“ Geistwirksamkeit“: Es kommt vielmehr auf das „individuelle geistige Verhältnis, das ich im Laufe meines Lebens ausbilden kann“, an; meine persönliche „Qualifikation geistiger Wirklichkeit“. Anthroposophie versteht Klünker als einen Vermittler für die individuelle Tastbewegung; fertig und abgeschlossen ist hier nichts. Klünker postuliert daher keine scheinbar objektiven „geistigen Tatsachen“, sondern fragt vorsichtig: „Zu welchem Aspekt geistiger Wirklichkeit kann ich mich realistisch in Beziehung setzen?“
Diese Haltung, die ja vor allem dem verbreiteten Kulturpessimismus eine Absage erteilt und auf die Würde und Selbstaktivierung des Individuums setzt, fällt in Klünkers Augen auch als „Anspruch, den die Anthroposophie an sich selbst stellen muss“, auf diese zurück. Denn „niemand will mehr Deutungen, Weltanschauungen vom Menschen sehen, sondern den Menschen selbst.“ Die Zeiten, in denen sich Anthroposophie als „Lehre“ verstand, sind ein für allemal vorbei: „Die Überzeugungskraft liegt nicht im Begriff, sondern im Sein- genauer in demjenigen Begriff, der im Menschen Sein geworden ist.“
In diesem Sinne bewegt sich Klünkers Buch an der Nahtstelle der individuellen und kollektiven Schwellen. Ein zentrales, immer wieder kehrendes Thema ist auch das der Krankheit. Die „mitgebrachte leiblich- seelische Konstitution“ des Menschen stellt heute für das sich emanzipierende Ich nicht immer eine dauerhaft tragende Grundlage dar. In der Nähe der Schwelle kann sich das, was wir als „Krankheit“ zu bezeichnen gewohnt sind, durchaus auch als Chance erweisen, inneren Suchbewegungen Kraft und Raum zu vermitteln; Krankheit kann Chance sein und sollte so auch verstanden werden. Ein -vielleicht temporär- prekäres Verhältnis zur Leiblichkeit kann Anstoss zu einem Aufbruch werden.
Klünkers Buch löst das ein, was der Autor vertritt: Eine freie, unbefangene Positionsbestimmung von anthroposophischer Arbeit und Kultur heute. Anthroposophie versteht sich hier als ein praktizierter Weg jenseits der Katechismen und begrifflichen Einbahnstrassen. Daher finden sich zwar bei Klünker mehr Fragen als Antworten, aber auch mehr Anregungen als anderswo. Es ist eine Freude, so etwas zu lesen.
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