Michael Eggert: Hochstapelei

Sünden, sagte mir der Philosoph mit der glatten Haut im inzwischen vorgerückten Alter (so alt wie ich jetzt, in etwa), seien die verpassten Gelegenheiten. Die Situationen, meinte er, in denen man nicht gegenwärtig war und es doch, wie eigentlich immer, hätte sein sollen. Wir träumen uns durchs Leben.

Sünden, dachte ich (der auch in jungen Jahren keine faltenfreie Haut gehabt hatte), meine Sünden sind die guten Ratschläge. Neulich habe ich X zum Beispiel geraten, sich nicht in seinem Roman und in der Aufarbeitung seiner näheren Vergangenheit zu verfangen. Was habe ich da nur gesagt? Es war nicht nur ein blöder Spruch ins Leere, es war noch viel dümmer: Ich selbst schlug mich schließlich gerade extensiv mit meinen spezifischen Vergangenheiten herum und war darin verwickelt wie ein junger Hund in einem übergroßen Wollknäuel. Weich, nein, dergleichen fühlt sich nie angenehm an.

Sünden, dachte ich, sind es, die eigenen Kübel von Unrat über Andere auszuschütten und das mit dem Zahnpastalächeln des Besserwissenden zu garnieren.

Sünde ist unser ewiges Jungsein, und diese chronische Hochstapelei.

Martin Amis schreibt: „Ich duckte mich innerlich davor weg - so wenig begriff ich. Ich war fast fünfundzwanzig, aber wie jung war ich da noch, wie furchtbar jung. Und wie lange das dauert, die Jugend, diese Zeit ständiger Hochstapelei, wenn man so tun muß, als verstehe man alles, während man in Wahrheit überhaupt nichts versteht. Man hat überhaupt keinen Begriff von Zeit.“

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(Amis, Die Hauptsachen, München Wien 2005, S. 67)
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