Die Schmetterlingssammlerin

Auf den ersten Blick wirkte sie einfach wie eine besonders engagierte Mitarbeiterin. Sie war jung und tough, lachte viel, redete noch mehr. Manchmal offenbarte sie in aller Öffentlichkeit private Details, die niemand unbedingt wissen wollte. Wenn man sie so betrachtete, spürte man ihre Körperspannung. Sie saß da, überwach, fast nervös, mit einem Lächeln, das wie eine Maske über ihrem Getriebensein lag. Aber sie war jung und gehörte zu dieser Generation, die eine Menge kluger, angespannter Frauen mitbrachte. Das würde sich schon geben, diese Anspannung, dachte man.

Vor allem kündigte sie ständig Initiativen an. Kolleginnen in ihrem Alter fühlten sich von dieser Flut oft regelrecht eingeschüchtert. Aber egal, wo sie war und wirkte, konnte sie nicht nur ihre Ankündigungen selten wahrmachen, sondern geriet auch mit den einfachsten alltäglichen Verpflichtungen in Verzug. Es gab Spannungen in den Teams. Sie mischte sich ungefragt in Gespräche Anderer ein, auch wenn diese konfliktgeladen waren. Sie hatte kein Gespür für sensible Bereiche und übertrat Grenzen persönlicher und professioneller Art. Am Ende zerstritt sie sich stets mit Kollegen und Mentoren, die doch so viel Hoffnungen in sie gesetzt hatten. Sie erklärte die zähen und giftigen Streitigkeiten mit persönlichen Unzulänglichkeiten der Anderen. Vor allem zeigte sie das schwierige Verhalten, das diesem Muster folgte, immer wieder aufs Neue- gleichgültig wo und mit wem.

Das hyperaktive Muster war aber mehr ein Problem der Anderen. Sie selbst wirkte, wenn sie öffentlich ihre Ankündigungen machte, für einen kurzen Augenblick glücklich und mit sich im Reinen. Sie war süchtig nach der Anerkennung der Anderen. Die zähe Umsetzung in die Wirklichkeit, das Ringen um Verwirklichung, war ihre Sache nicht. Die Wirklichkeit war einfach zu langsam und zu träge für sie. Sie haschte nach dem Glück des Augenblicks wie eine Schmetterlingssammlerin.

Die seelischen Muster, denen wir folgen und denen wir unterworfen sind, stellen unsere persönliche Matrix dar. Sie determinieren unsere Art und Weise des Reagierens und Wahrnehmens, unser Gefühlsleben, unsere Sympathien und Antipathien für Andere. Steiner würde so etwas eine seelische „Leiblichkeit“ nennen- eine Form, die wir nicht durchschauen, weil wir darinnen stecken. Die Muster sind ein wesentlicher Teil dessen, was wir als unsere Persönlichkeit empfinden. Sie haben daher etwas sakrosanktes. Wir erlauben nicht, dass Andere daran rühren oder sie kritisieren. Die Selbstdefinition kann durchaus unglücklich machen oder sogar eine Art sein, mit der wir uns selbst in uns vergraben. Gleichzeitig gibt das Muster eine manchmal fatale Art und Weise von scheinbarer Sicherheit. Aus dieser eingeschränkten Perspektive ist die Wirklichkeit, die uns umgibt, tatsächlich eine Form von Illusion. Das Konstrukt von persönlichen Merkmalen, die wir uns zuschreiben, hat daher auch etwas illusionäres. Einen Massstab dafür gibt es nicht. Denn die Anspannung und das Muster können ja durchaus auch zu Erfolgen, ja Triumphen führen. Es hat aber stets - egal, was wir uns einbilden- etwas von einem prekären Kartenhaus. Wir können uns lange etwas vormachen. Aber früher oder später fahren wir damit vor die Wand. Wenn es dann -irgendwann - soweit ist, werden wir wehklagen, aber irgendwo im Innern werden wir auch nicht besonders überrascht sein. Wir sind Schmetterlingssammler, unser Netz war voll, aber als wir zuhause ankamen, waren darin nur Papierfetzen.
blog comments powered by Disqus





Kommentare

Powered by Disqus


Blogs

Waldorfblog
Uribistan Daily
Michel Gastkemper
Zooey
Canaillo


Informationsportale

Institut für anthroposophische Meditation
Steiner Gesamtwerk Datenbank
Jörgen Smit
Anthromedia
Georg Kühlewind
Alanus Hochschule Alfter
Themen der Zeit
Nachlass Rudolf Steiners
Zeitschrift Die Drei
Info3
Online Archiv Rudolf Steiner


Historiker

Klaus Popa
Peter Hammerschmidt