Dekade der Stagnation

Im Rahmen der Transmediale gab der frühere Science- Fiction- Autor und Medientheoretiker Bruce Sterling der Zeitschrift de:bug ein interessantes Interview. Er spricht darin von gesellschaftlichen Sieben- Jahres- Rhythmen, in denen sich die westliche Welt -keineswegs kongruent - entwickele:

„Es wird in absehbarer Zukunft nicht weniger Kapitalismus geben. Kapitalistische Systeme durchlaufen aber immer verschiedenartige Phasen, die etwa sieben Jahre lang sind. Wir hatten den DotCom-Boom in den 1990ern, darauf folgte der “war on terror” der Bush-Administration. Wie wir die nächste Phase nennen werden, ist mir noch unklar, aber da sie noch bis in die Mitte des nächsten Jahrzehnts reichen wird, ist noch viel Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen. Vielleicht “Stagnation” oder “Depression”, denn die Historiker werden die jetzige Dekade wohl eher mit “Terrorismus” verbinden. Die Finanzkrise beendet diese Phase, wird aber ihre Auswirkungen erst in den nächsten Jahren zeigen.“

Wohin geht es also bis 2015? Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die westliche Welt offensichtlich orientierungslos in eine Fülle von illusionären Blasen getappt. Das so lange determinierende Ost-West- Feind- Schema wurde durch einen dämonisierten Terrorismus ersetzt, der durch schwere strategische, wirtschaftliche und politische Fehler des Westens erst zu der Bedeutung aufgeblasen worden ist, die er in und nach der Bush- Ära erlangte. Die völlig überzogenen Erwartungen an die Technik des Internet - die „DotCom-Blase“ führte zu schweren wirtschaftlichen Verwerfungen, die nahtlos durch obskure Finanzmanipulationen ergänzt wurde. Als Konsequenz aus diesen globalen Illusionen, die nacheinander zerplatzten, ohne dass sich etwas wie Lerneffekte gezeigt hätten, hat sich eine globale Wirtschaftskrise entwickelt, die zumindest die USA und Europa in erheblichem Maß durch extreme Schulden in ihrem politischen Spielraum lähmt. Gesellschaftliche Verwerfungen im Sinne einer zugespitzten Spaltung sind die Folge und werden weiter zunehmen. Der Gestaltungsspielraum ist gering, ohne dass Rezepte zum Gegensteuern sichtbar wären. Im Gegenteil. Heute schlägt eher die Stunde der Populisten, die in der schwelenden Krise ihr eigenes Süppchen kochen.

Aber selbst in simplen technologischen Fragen wie der Überwindung des klimatisch bedenklichen Verbrennungsmotors zeigen sich nicht einmal ansatzweise produktive Ideen. Statt tatsächlich bahnbrechender Neuerungen baut man weiter auf eine mehr als hundert Jahre alte Technik und laviert damit vor sich hin- wohl wissend, dass die Klima- Bedingungen sich stetig verschlechtern. Das Lavieren ist,wenn man der Wikipedia- Definition vertraut („das taktische, berechnende Abwägen von Vor- und Nachteilen zwischen u.U. widerstreitenden Interessen bzw. das Ausweichen vor Entscheidungen gegenüber potentiellen Verbündeten und/oder Gegnern“) geradezu generell das Herzstück etwa Merkelscher Politik.

An diesen Beispielen zwischen Geistlosigkeit und Illusion lässt sich meines Erachtens erkennen, dass Sterling mit seiner Diagnose einer „Dekade der Stagnation“ völlig richtig liegt. Rezepte hat auch er nicht.
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