Kühlewind

Michael Eggert: Epiphanie

Ich war befremdet, als ein mir bekannter Anthroposoph von seiner Begegnung mit dem Hüter der Schwelle schrieb, und, ja, was dabei heraus kam, irgend so ein imaginiertes Männlein. Das kann es doch nicht sein, dachte ich schon damals, das ist nicht der Punkt. Die Bildlein kann er sich für sein Poesiealbum aufheben, für das Drehbuch für einen Horrorfilm, für ein jesuitisches Fürbittegebet. Weg von diesen Bildereien & Kindereien. Zum Hüter der Schwelle kommt man in einem Zustand der Selbstoffenbarung, in einem Zustand, in dem man seine eigenen Reflexe überschaut, die herrschende Wetterlage mit allen meteorologischen Gegebenheiten. Man überschaut die großen Linien, in denen man sich bewegt. Das Monströse an diesem Zustand ist, dass man die eigene Konstruktion erkennt, das was man ausgelebt hat und noch immer tut, wenn auch vielleicht nicht mehr so enthusiastisch. Das zieht einem den Boden unter den Füssen weg, zumindest für eine Zeit der Unsicherheit. Wir gehen zwischenzeitlich in unserer Biografie schon mal über in einen Zustand des Pralaya, leben in einem Zwischenreich, mit einem Blick, der sich bricht an den Gegebenheiten. Denn man weiß ja zugleich, dass man nicht identisch ist mit dem, was man nun überschauen kann.

Ich bin der Zeuge meiner selbst.
Ich bin nicht identisch mit mir, nicht in jeder Hinsicht.
Ich sehe meine Einseitigkeiten, ich sehe meine Konstellationen.

Es hätte durchaus besser laufen können. Es hätte auch ganz schief gehen können. Es ist so, wie es ist. Ich bin in diesem Augenblick nicht in die Gegebenheiten verwickelt (ich bin ja im Pralaya), aber es ist und bleibt so, wie ich es geschaffen habe. Man kann natürlich die Zeit nicht zurück drehen, es gibt in diesem Sinn keine zweite Chance. Aber zugleich, in diesem losen Zwischenzustand, überwiegt doch die Hoffnung, mitsamt der Blessuren hier Gnade zu finden, eine Gnade, die einfach darin besteht, warm und lebendig auch dort zu bestehen, wo die Eierschalen des Ego abgefallen sind.

Aber nun verweigert sich mir die Nacht. Ich war mir doch sicher, diesmal würde ich ihren großen Strom finden und teilen. Ich warte schon so lange. Aber die Nacht verweigert sich. Ich kann ihren Puls spüren, ihr Strömen und Wellen, ihr unaufhörliches Schaffen. Ihre Wellen schlagen auch in meine Nacht hinein, sie füllen mich aus, ich bilde einen großen Kreis zwischen Kopf und den Handinnenflächen, ich bin ganz angefüllt von ihr. Ich spüre in mir die Quellen sprudeln, für einen Augenblick. Aber dennoch, da bleibt eine Wand. Als könnte ich das Geschehen wie durch eine Membran hören und spüren, aber selbst nicht eintreten. Hier stehe ich, ein wieder Zurückgewiesener. Ich fühle mich wie einer dieser christlichen Mystiker, obwohl ansonsten nichts dafür spricht, einer zu sein. Ich fühle mich so, weil ich mich frage, ob ich nicht genüge. Es ist die moralische Frage an sich selbst, und sofort kochen die Schwächen und Jämmerlichkeiten aus dem sonst gut behüteten Gedächtnistopf auf. Ach je, da ist sie ja, die existentielle Frage, das implementierte Kirchenchristentum. Womöglich suche ich auch nur Gründe, weil man das eben so macht. Man will zumindest einen Zusammenhang, auch wenn man sich selbst dafür auseinander nehmen muss. Ja, es ist eine Reifeprüfung. Man steht vor dem Tor, aber man kennt den Schlüssel nicht, es zu öffnen. Hinter dem Tor rauscht die Nacht, und du fühlst dich mit ihr verbunden. Du hast keine Ahnung, wie es weiter gehen könnte. Womöglich weißt du die richtige Frage nicht, du dämlicher Steinzeitparzival.

Aber wahrscheinlich geht es an diesem Punkt nicht um das Fragen, sondern um das Haften an eine Erwartung, es müsse „weiter gehen“. Es gibt hier kein „Weiter“, es gibt kein „Gehen“. Es gibt kein Davor und Danach, kein Hier und Da. Das alles sind Vorstellungen aus der Welt der Erscheinungen. Hier geht es nur darum, aus der „Verborgenheit in die Unverborgenheit“ (Georg Kühlewind) zu treten:

Das Verborgenste auf der Welt ist das menschliche Ich selbst, weil es alles andere vernimmt. Die Erfahrung des Ich-bin ist der Inbegriff der Paradoxie, sie ist eine freie Tat des Menschen. Sie entspricht der Logos- Epiphanias in Jesus oder der Epiphanias der paradiesischen Urkraft als Gral. Sie wird von Rudolf Steiner in einem entsprechend paradoxen Text beschrieben: „In der Bewusstseinsseele enthüllt sich erst die wirkliche Natur des „Ich“. Denn während sich die Seele in Empfindung und Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Bewusstseinsseele ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses „Ich“ durch die Bewusstseinsseele auch nicht anders als durch eine gewisse innere Tätigkeit wahrgenommen werden. Die Vorstellungen von äußeren Gegenständen werden gebildet, so wie diese Gegenstände kommen und gehen; und diese Vorstellungen arbeiten im Verstande weiter durch ihre eigene Kraft. Soll aber das „Ich“ sich selbst wahrnehmen, so kann es nicht bloß sich hingeben; es muss durch innere Tätigkeit seine eigene Wesenheit aus den eigenen Tiefen erst herauf holen, um ein Bewusstsein davon zu haben. Mit der Wahrnehmung des „Ich“ - mit der Selbstbesinnung- beginnt eine innere Tätigkeit des „Ich“. Durch diese Tätigkeit hat die Wahrnehmung des Ich in der Bewusstseinsseele für den Menschen eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles dessen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden anderen Glieder der Seele an ihn heran dringt.“

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Zitate: Georg Kühlewind, Der Gral oder was die Liebe vermag
Rudolf Steiner, die Geheimwissenschaft im Umriss
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Georg Kühlewind: Das ist das Fest

Natürlich, die Tradition gehört dazu. Und natürlich ist dies das Fest, das die Familie zusammen halten könnte - wenn es denn so klappt wie erhofft. Die Erwartungen sind erheblich, und so mancher verdrückt sich lieber in die Partymeile in der Altstadt, sobald die Gans herunter geschlungen ist. Verständlich, wenn das Ominöse dieses Fests tatsächlich erstarrt von Traditionen und Erwartungen war. Alles, was in diesem Jahr ungesagt blieb, steckt jetzt schwer in der Festtagskehle. Womöglich drückt die schwarze Hose, die man nur an diesem Tag im Jahr heraus holt, und zu eventuellen Beerdigungen. Womöglich ertappt man sich am Heiligen Abend bei dem Gedanken, dass eine letztere angenehmer wäre als das Gänsegemetzel. Aber wer weiß? Vielleicht holt Papa dieses Mal nicht wieder das Familienalbum heraus, womöglich bleibt Oma friedlich und die Schwester ist nicht wieder beleidigt, weil sie - wie immer- denkt, sie sei in Bezug auf die Geschenke benachteiligt worden. Es wäre das erste Mal, aber wer weiß?
Nun denn. Es gibt immer Hoffnung. Wenn der Baum steht und leise Rauchfahnen von sich gibt, sind doch alle zumindest für anderthalb Stunden ganz friedlich. Der Jüngste ist heimlich in sein Zimmer gegangen und guckt „Terminator“, wie jedes Jahr. Und endlich, wenn man vor dem abgegrasten Tisch und den weggeworfenen Verpackungsbergen steht, fragt man sich doch zwischendurch, ob das das Fest war, das gemeint war.

Georg Kühlewind machte in seinem Buch „Weihnachten“ (Stuttgart 1989) immerhin darauf aufmerksam, dass man auch in unseren Gegend vor dem 4. Jahrhundert die Epiphanie (6. Januar) feierte als den „Tag der Jordantaufe“. Die ausschließliche Feier der physischen Geburt Jesu kennzeichnet er mit „Die Logosidee ging verloren“. Das andere, innere Weihnachten charakterisiert er als Möglichkeit so:

Das Aufleuchten einer neuen Idee kann auf analoge Weise durch ein zweifaches Geschehen oder durch ein Verschmelzen zweier Bewegungen charakterisiert werden. Je mächtiger die Idee ist, um so mehr ist ihr Gegebeneren, ihr Nich-von-mir-Sein fühlbar, als ob sie als Gnadengeschenk „von oben“ gereicht wäre.

Sie kann uns nur erreichen, wenn eine sehr konzentrierte, aber „leere“ Aufmerksamkeit ihr entgegenkommt, die sie aufnimmt. Diese ist die meditative Aufmerksamkeit, die sich aus den Übungen der intentionalen - auf Themen gerichteten- Aufmerksamkeit metamorphosiert. Der Erwachsene muss sie sich erarbeiten; dem kleinen Kind ist sie vor dem und während des Spracherwerbs gegeben.

Daher ist die Geburt des Kindes ein Bild für die empfangende Aufmerksamkeit, die dem Wort entgegen wächst. Diese wird von der Seele des Meditierenden - Maria - geboren. Eine neue Idee erscheint:
Das ist das Fest. Und ein Fest kann es nicht geben, wenn nicht eine neue Idee erscheint.“

Und dies ist der denkbar grösste Kontrast zu dem traditionsversessenen Heiligen Abend unserer Tage. Vielleicht sollten wir es dieses Jahr einmal anders machen.
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Michael Eggert: Paradoxien an der Schwelle oder: Der Gral kommt, wenn man ihn nicht will

Nicht nur in Zen- Geschichten drücken sich die Paradoxien an der Schwelle zur geistigen Welt aus, sondern auch in dem biografischen Umständen, die Joseph Beuys in dem Interview weiter unten drastisch schildert: Wie er mehrfach und in steigendem Maß in seinem Leben an einen Nullpunkt heran geführt worden war, an einen Punkt des reinen Nichts, an dem ihn nichts mehr an Leben kettete. Aber gerade aus diesen Nullpunkten heraus entwickelt sich geistige Kompetenz, die eben weniger in dem besteht, was man vermag, als darin, wie viel Raum man zu geben vermag. Der Geist realisiert sich nicht in der Fülle des Könnens, Wollens und Habens, sondern in der Leere des Nullpunkts, an den man sich nicht nur heran arbeiten muss, sondern den man auch halten und vor allem aushalten muss. Niemand könnte das besser schildern als Beuys selbst.

Was er nicht - oder nicht so deutlich- erwähnt, ist, dass dieses Prinzip des paradoxen „wollenden Nichtwollens“ nicht nur in biografischem Sinne gilt, sondern für jede echte meditative Situation. Man kann für eine gelingende Meditation immer nur übend den Boden bereiten. Es gibt einen Punkt, an dem man eine Art innerer Bühne errichtet hat, dort, im Schwellenland, und wartet. Wenn der kühle Wind *dort* entspringt, ist man gut beraten, den Auftrieb zu nutzen und aktiv zu navigieren: Man ergreift den sich umstülpenden Willen, eine Art Kraft, die man nicht selbst erschafft, sondern die man zulässt. Wir kennen das Prinzip, auch wenn die gewählten Begriffe vielleicht befremdlich wirken sollten, tatsächlich sehr gut. Denn nur so gelingt und entspringt ein Gespräch zwischen Menschen: Indem man einander Raum gibt. Wer das nicht vermag und stets nur sich selbst aus-drückt, ist einsam zwischen Menschen, aber auch in Bezug auf das meditative Geschehen.

Wer mag, muss nicht nach Japan schauen, um Zen- Philosophie zu entdecken. Es reicht ein Blick ins neue Testament (Matthäus 19, 24, Markus 10, 25), wo sich der berühmte, aber falsche Satz vom Kamel findet, das eher durch das Nadelöhr passt als dass der Reiche ins Reich Gottes käme. Übrigens soll es sich um einen Übersetzungsfehler* handeln. Es geht wohl in Wahrheit um ein Schiffstau, das eher durch ein Nadelöhr passt. „Zen“ ist die Textstelle dennoch auch in prosaischer, aber korrekter Übersetzung, denn es handelt sich in all den Bildern um eine Zustandsbeschreibung des inneren Lebens an der Schwelle: Unsere „Reichtümer“ sind alles das, was wir mitgebracht haben, Begabungen, Formungen, individuelle Fähigkeiten. Das Nadelöhr ist der oben beschriebene Nullpunkt. Erst das, dem wir Raum geben, damit es entspringen möge, passt durch das Nadelöhr.

Aber wir können natürlich auch ins Mittelalter schauen- etwa zur Parzival- Legende, um diese Paradoxie der Schwelle wieder zu finden. Dazu zitieren wir aus einem Buch von Georg Kühlewind**:
Festlich gestimmt, von Freude und Liebe erfüllt sind alle - außer Parzifal. Er empfindet Doppelte Trauer, die ihm die Freude verwehrt und ihn in dem Entschluss bestärkt, erst den Gral wieder finden und dann Amfortas heilen zu wollen. So zeiht er sich von Freunden und Feiernden zurück, denkt über seine Lage nach und fasst den weiteren Entschluss, seine Suche, sein Streben nach dem Gral aufzugeben. Er resigniert, was ihn aber nicht dazu bringt, nach Hause, zu seiner Frau, in seine Königreiche zurückzukehren- das hätte ihm jederzeit offen gestanden.

„Da ich entbehre, was die Glücklichen besitzen - ich meine die Liebe, die die manches traurige Herz wieder froh macht-, da ich also keinen Anteil an diesem Glück habe, kümmert mich nicht, was mir geschieht. Gott will nicht, dass ich glücklich bin. Könnte ich oder die Frau, nach der ich heiss verlange, unsere Liebe durch Wankelmut zerstören, dann könnte ich vielleicht eine andre lieben. Doch die Liebe zu ihr hat jeden Gedanken an andre Liebe und das Glück, das diese schenken könnte, in mir ausgelöscht, ohne mir Trost und Glück zu schenken. Ich bin tief in Trauer versunken. Möge das Glück allen Freude schenken, die nach wahrer Freude verlangen! Gott gebe allen hier nur Freude! Ich aber will den Kreis der Glücklichen verlassen.***“
Die gezielte Suche nach dem Gral wird aufgegeben, Parzifal stellt sich dem Schicksal anheim. Das ist der entscheidende Augenblick, die entscheidende Wendung auf seinem Weg.
Denn nun kommt der Gral zu ihm.
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*http://www.uebersetzerportal.de/nachrichten/n-archiv/2003/2003-08/2003-08-18.htm
**Georg Kühlend, Der Gral oder Was die Liebe vermag, Stuttgart 1997, S. 35 ff
***Wolfram von Eschenbach, Parifal, Stuttgart 1981
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Kreisläufe

„Der Kreislauf der Liebe ist: es werde, damit es sei.
Der Kreislauf des Lichtes ist: dass es sich selbst erfahre.
Der Kreislauf der Vergangenheit ist: es ist, weil es ist.“

(Georg Kühlewind, Das Gewahrwerden des Logos, 1979, S. 120)

Liebe Schriftgelehrten, Besserwisser, Gelehrten und Angsthasen: Das etwas ist, weil es ist, bleibt eben auf der Ebene der Vergangenheit verhaftet. Da hat es sein gutes Recht. Darauf kann es bestehen. Da ist es sicher.
Alles weitere führt in ein tastendes Bemühen, was einem ein Ringen um Worte abverlangt, was einen als ganze Person involviert, was einen „Positionen“ und Sicherheiten kostet statt sie zu geben.
Aber von da ab rührt man - vielleicht- an das, was ist und was werden will. Es hat keine Gestalt außer der, die wir in der Bemühung erringen. Manches wird flüchtig bleiben.
Und dennoch: Es ist schön, am Lebendigen zu rühren und sich in ihm wieder zu finden.
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Die Macht und der Zweifel

„Selbstbewusstseinsseele“ nannte Georg Kühlewind den dominanten Aspekt menschlicher Binnenkultur- eine janusköpfige innere Struktur. Der Zwiespalt entsteht dadurch, dass der bewusste Zeitgenosse ohne weiteres auf sich selbst- auf das „Gewordene“ in ihm- seine Gestimmtheiten, seine Determinationen, seine seelischen Strukturen schauen kann. Psychologie, Soziologie, Hirnforschung und Medizin tragen dazu bei, dass der Blick schärfer und unbestechlicher wird. Was aber nicht immer bemerkt wird, ist, dass sich dabei eine unabhängige Instanz, der „innere Zeuge“ heraus bildet - eben der, der der Schauende ist. Die objektive Instanz in uns besteht nur in der Gegenwärtigkeit, im Akt des Schauens. Es ist ein nicht greifbares Ich, das nur in Tätigkeit, in Aktivität, in innerer Souveränität präsent ist- man kann es nicht umreissen, nicht beschreiben, nicht definieren. Genau diese Gegenwärtigkeit, die Zeugenschaft, ist das Tor zum spirituellen Erleben. Der Zeuge ist das sich selbst vergegenwärtigende Geistige im Menschen.

Gleichzeitig bestehen archaische seelische Strukturen im Menschen fort. Die von Rudolf Steiner so genannte Empfindungsseele ist noch gänzlich ungebrochen. Hier erlebt sich der Mensch noch in einer Naivität des Nicht- Hinterfragbaren. Der Despot, der in seinen Augen das natürliche Recht darauf hat, sich auszuleben und keinen Widerspruch duldet, ist so ein Typus. Er sieht sich als Mittelpunkt der Welt- zumindest als der Mittelpunkt seiner eigenen kleinen Umwelt. Ob er nun lediglich Familien oder ganze Landstriche terrorisiert, bleibt sekundär. Sein Recht auf die Rolle wird nicht hinterfragt und schon gar nicht in Zweifel gezogen. Dieser Despot wird eher seine kleine Welt in den Abgrund reissen als zulassen, dass seine Rolle unterminiert wird.

Die Verstandesseele ist eine weitere archaische Positionierung. Diese Struktur macht sich aus Vernunftgründen das untertan, was ihr zur Verfügung steht. Sie wird getrieben vom Machbaren. Andererseits braucht diese Struktur den Erfolg, den Fortschritt, die Überwindung als Lebenselixier. Sie lebt nicht fraglos aus sich selbst heraus, sondern lehnt sich stets an etwas an. Dass dabei ganze Lebensräume zerstört werden, interessiert die Anhänger des Machbaren nicht. Natürlich entspringen dieser seelischen Struktur auch andere Aspekte; sie fühlt sich auch in kulturellen Erzeugnissen, sie geht im Sprachklang auf und kann sich an der eigenen Intelligenz delektieren. Sie braucht etwas, an das sie anstösst; sie erlebt sich daran. Die von ihr verfolgte Struktur hat daher eine existentielle Dimension; sie ist getrieben von der Selbstverwirklichung. Unter diesen Maximen lauert ein unbestimmtes Grauen, ein Nichts, das nicht hinnehmbar ist.

Die Selbstbewusstseinsseele dagegen hat, nach all den Zweifeln, der Selbsthinterfragung, der Fragmentierung, der existentialistischen Krise, der Hinterfragung der sozialen, gesellschaftlichen und geschlechtlichen Rollen, das Zeug dazu, ohne an etwas anzulehnen, ohne Zweckdienlichkeit und Despotie, aus sich heraus zu bestehen. Denn der „Zeuge“ ist der Beginn geistiger Autonomie- eine Chance und Möglichkeit. Er kann aus der Rolle des Betrachters heraus treten und lebendig, flexibel und ohne Ängste vor Neuem, frei von Rollen und Definitionen sozial und gesellschaftlich gestalten. Er tut dies in Gelassenheit und mit Umsicht. Er kann die Intentionen Anderer wahrnehmen und berücksichtigen, denn sein Lebenselixier ist die empathische Grundhaltung. Daher ist die Zeit der Selbstbewusstseinsseele eine Zeit des Umbruchs. Alte Werte verdämmern und verschwinden- aber zugleich beginnt die Möglichkeit der Gestaltung aus innerer Verantwortung heraus.

Alle genannten Strukturen existieren nebeneinander im zeitgenössischen Individuum, in der globalisierten und medienorientierten Weltkultur zunehmend unabhängig von Status, Geschlecht und nationaler Zugehörigkeit. Zugleich entstehen dabei Ängste und Gegenbewegungen, die völlig archaische Strukturen wieder an die Oberfläche spülen. Die Despoten greifen weltweit wieder nach den Rudern- aber auch in uns selbst. Autonomie ist nichts Gegebenes, weder im individuellen noch im gesellschaftlichen Rahmen.
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Der günstige Wind

„Worte schützen das Denken vor dem Verfliessen“, schreibt Georg Kühlewind („Gesunden im Licht“, S. 88), Worte konstituieren aber auch die Persönlichkeit, da immer noch gilt, dass die Worte, die wir über ein Thema bilden, dieses erst zu unserem Eigentum machen. Man merkt das natürlich, wenn man jungen Schülern das sachliche Verfassen von Aufsätzen zum Thema Naturkunde nahebringt. Funktionieren kann das am Anfang nur, wenn man die zu behandelnde Thematik begeisternd und mit nachvollziehbaren Bezügen aufzieht. In der dritten Klasse verhandelt man noch die Anzahl der Sätze. In der vierten kommt es darauf nicht mehr an. Zu Recht haben die Schüler das Gefühl, dass sie sich eine Thematik aneignen, wenn sie treffende Sätze mit eigenen Formulierungen dazu finden. Wenn es klappt, ist es eine begeisternde Entdeckung: „Wenn ich schreibe“, sagte mir eine Schülerin emphatisch, „dann sehe ich, was ich schaffe. Das macht mich glücklich.“ Das optimistische Selbstgefühl, sich die Welt sprachlich zu eigen machen zu können, ist in der Tat eine Kernkompetenz- vor allem, wenn es auch noch gelingt, dies sprachlich treffend in Vorträge umsetzen zu können. Ich als Lehrer fühle mich vor allem dann beschwingt, wenn dieser Funke bei Migranten überspringt. Es macht dann auch nichts, wenn es an der einen oder anderen Stelle grammatisch noch hakt.

Es ist ein weiter Weg bis dahin, wenn man auf das Kleinkind schaut, das sich in einen Sprachkörper integriert- keinesfalls nur nachahmend. Denn mit den Begriffen für die Objekte der Wahrnehmung erwirbt das kleine Kind die grundlegende, nicht nur an den wahrnehmbaren Phänomenen klebende Bedeutung eines Objekts. Sonst könnte es diesen Begriff nicht auf zahllose mögliche sinnliche Varianten übertragen. Auch ein Baumstamm kann ein „Stuhl“ sein. Das Kind erlebt noch die grundlegende Sprachintention mit- etwas, was dem Erwachsenen gar nicht mehr bewusst ist, da er die Phänomene gern mit einer einzigen bequemen Vorstellung, einem Bild, verknüpft. Beim Erwachsenen gerinnen die Phänomene zu einem bildhaften Symbol. Noch schwerer sind Beziehungen zu erfassen, die sich nicht an konkreten Sachverhalten festmachen, sondern variable und relative Bedeutungen haben wie „nach“, „neben“, „dahinter“ und „und“. „Und“ kann Dinge verknüpfen oder gegeneinander stellen, sie aufreihen oder trennen. Solche Begriffe sind vom Kontext abhängig, man kann sie daher nicht erklären- die möglichen Varianten denkbarer Verknüpfungen sind endlos. Was uns solche Schwierigkeiten zu erklären bereiten kann, beherrscht ein Fünfjähriger ganz selbstverständlich, eigenständig und häufig sogar sprachschöpferisch.

Im Idealfall finden wir nicht nur zur Sprache und durch die Sprache zur Innensicht der Wirklichkeit, sondern in ihr auch uns selbst. Ich bin heute über eine Formulierung in einer Buchkritik von Daniel Haas („Auf der Fährte des Helden, FAZ, 27.11.2010, Seite L 3) gestolpert. Darin ist davon die Rede, dass die Protagonistin in einem stummen Partner „jenen Mann erkennen“ wird, „der ihre Sprache spricht, jenes besondere Idiom, das sich aus den feinsten Partikeln unseres Innersten bildet und das sich im entscheidenden Moment lautlos ausdrückt.“ Es ist nun einmal so, dass wir selten die gleiche Sprache sprechen, zumindest wenn es um das Lautlose geht. In manchen Beziehungen braucht es endlose Anläufe, um zu einer grundlegenden Verständigung zu kommen. Und manchmal - selten- geschieht es uns, dass es fast ohne Laut zwischen zwei Menschen funktioniert. Es bedarf keiner umständlichen Erklärungen. Das Glück, im gleichen Duktus zu schwingen, muss keine romantische Gelegenheit sein; man erlebt es auch in nüchternen Arbeitsbeziehungen, über alle äußeren Grenzen und Beschränkungen hinweg. Man sollte immer etwas daraus machen, so wie Segler den günstigen Wind nutzen.
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Grosse Erwartungen, falsche Erwartungen

Ich gebe es zu, die Beschäftigung mit Kühlewinds „Das Gewahrwerden des Logos“ hört bei mir nicht auf. Ich weiss schon, die Leser dieses Blogs machen was mit. Aber ich habe mich vorerst dafür entschieden, dieses Blog persönlicher zu gestalten. Es hatte schon immer etwas von einem Tagebuch meiner geistigen Interessen- jetzt habe ich mich noch mehr darauf konzentriert. Wenn einzelne Leser - wie geschehen- das als „autistisch“ ansehen, haben sie in dieser Hinsicht recht. Das Andere ist, dass es mir passiert, dass Bücher, die ich schon vor 20 Jahren oder mehr gelesen habe, beim erneuten Durchblättern plötzlich eine Art neuer Gestalt annehmen. Sie bekommen eine ganz neue Art von Bedeutung, sind auch nicht mehr etwas, was ich durchlese- sie werden etwas, was mich fast Satz für Satz beschäftigt. Ich lese dann auch nur hin und wieder einen Abschnitt und lasse das nachklingen. So geht es mir jetzt mit diesem Buch.

„Die Fähigkeit, die Wahrheit aus sich heraus hervorzubringen, zeigt sich in der modernen Zeit als das abstrakte Vermögen, mathematische und reine physikalische Wahrheiten von der Sinneswahrnehmung und vom Experiment völlig unabhängig zu erarbeiten; ein Verfahren, das - in erster Linie auf Newton zurückgehend- der ganzen Naturwissenschaft das Begriffsgerüst und die grundlegende Anschauungsweise geliefert hat. Das auf weitere Gebiete angewendete reine Denken würde die Möglichkeit schaffen, mit mathematischer Exaktheit über geistige Wirklichkeiten denken zu können. Damit würde in Wahrheit das Wirken des Geistes im Menschen beginnen. Am reinen Denken über das Licht des Bewußtseins würde sich das Gewahrwerden des Logos entzünden können. Durch das Gewahrwerden des Logos könnte der Geist in seine eigentliche Funktion treten: in das Erforschen der Hindernisse, die der Verwirklichung eines Gegenwartsbewußtseins im Wege stehen, und Erarbeitung der Methoden, diese Hindernisse zu beseitigen.“ (S. 74)

So einfach ist das. Man kann durchaus auf den ganzen mystischen Schwulst verzichten, auf das Spekulieren und Spökekieken sowieso. Es geht im Grunde nur um Fokussierung und ein Innehalten, das einen Moment des Stillstehens beinhaltet: Ein Gewahrwerden des Schauens, nicht des Geschauten. Es ist dies auch das Moment, an dem sich verschiedene spirituelle Richtungen ohne weitere Probleme verständigen und einigen können. Denn das angesprochene „Gegenwartsbewusstsein“, das Gewahrwerden des Bewusstseinslichts, der Aufmerksamkeit, ist etwas, was im Zen, in verschiedenen buddhistischen Strömungen, bei Eckhart Tolle und anderswo auch zu entdecken ist. Dort wie hier ist der Schwulst, das ganze elaborierte Vortragen von „Ergebnissen“ der konzentrierten Arbeit oft mehr ein Ballast als irgendwie hilfreich: Es lenkt ab und weckt falsche Erwartungen.

Vorstellungen über das zu Erlebende, pompöse Ankündigungen erleuchtender Momente haben etwas von Operette und Seifenoper und schieben sich leicht vor die Schlichtheit der Aufgabe. Man sollte es, glaube ich, herunter brechen auf das Allerschlichteste und Grösste zugleich: Auf die Gegenwärtigkeit.
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Wo?

Wo ist er nun, der Geist?

In den blumigen Facebook- Sprüchen der New-Age-Anthroposophen?
In den selbstbezüglichen Sprachkonventionen und der rätselhaften Arroganz der Zweigleser?
In den Gefühlsknäueln der Abtrünnigen, die aus ihrem Ketzertum einen Fetisch gemacht haben?
In den Kalkülen der „Gegner“, die mit intellektuellem Drive und sprachlicher Messerwetzerei ihre Überlegenheit demonstrieren- wieder und wieder, wie eine Kuh, die sich selbst um den Pflock führt?
In den Gedankenungetümen autistischer Spezialisten, denen schon sehr lange niemand mehr folgen kann oder will?
In den schroffen Ablehnungen derer, die ihre mangelnde Zuneigung zu Allem und Jedem in spirituellem Glanzlicht verklären und verschleiern?
In den Visionären, deren Bilder auf ihrem persönlichen Firmament wie Sternschnuppen glühen?
In den Worten der Wahrheitssucher, die Wahrheit stets *bald* zu finden vorgeben, vorerst aber einen Katechismus herunter beten?

Nein, meint Kühlewind, der Geist ist dort, wo er weht: Er ist immer, unbemerkt, da.

„Wenn die Aufmerksamkeit sich dem Logos, dem Erkennen zuwendet, ist die Kraft, ihn zu erblicken, der Geist. Das ist die erste wahre Tätigkeit des Geistes, dass er den Logos erblickt. „Im Anfang war der Logos“ - wer dies erfahrend vollzieht, ist der Geist im Menschen, die Kraft, den Logos zu erkennen.“
Oder: „Den Logos als innere Kraft erfahren, ist der Geist.“

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Kühlewind, Das Gewahrwerden des Logos, S. 71
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Die ungedeckten Worte

Die wunderbare schöne neue Welt kommt heute im Reiseblatt der FAZ (Nr 191, Seite R1) daher als ein Bericht über Abu Dhabi. Auch hier werden virtuelle, aber dennoch real zu bereisende Urlaubsfantasien wahr, und zwar in einem riesigen Freizeitpark von 200000 Quadratmetern- alles unter einer roten Zeltplane und klimatisiert. Momentan wird gerade gebaut: „Wir besehen uns die Menschen, die über, unter, links und rechts von uns an der Arbeit sind. Sie bilden lange Ketten und reichen sich Materialien an. Sie entstauben und streichen. Sie sitzen auf künstlichen Ahornbäumen und montieren Zweige.“

Aber montierte Ahornzweige gibt es natürlich nicht nur in Golfstaaten mit bizarrem Reichtum, nicht nur in Hollywood- Blockbustern und Spielhallen. So etwas bringen in übertragenem Sinne auch Anthroposophen zustande, die sich pseudo- okkultistisch mit ungedeckten Worten umgeben. So formulierte Georg Kühlewind jedenfalls in seinem kaum verklausulierten Zorn:

Über die Erfahrungen eines Geistesforschers zu sprechen, wenn man sie nicht selbst vollziehen kann, ist nur in dem Sinne berechtigt, dass man sie als den Bericht eines Geistesforschers auffasst, nicht aber sich so auf sie beruft, als wären sie für mich Wirklichkeit. Die ungedeckten Worte, das Reden über Nicht- Erfahrenes, die Verstandeskombinationen von Erfahrungselementen, die keine eigenen Erfahrungen sind, all dies bildet eine isolierende Schicht von unrichtigen Vorstellungen, denen die Wahrnehmungsseite fehlt, die durch Vorstellungselemente aus der Sinnes- oder Vergangenheitswelt ersetzt wird, eine isolierende Schicht, die den so Sprechenden und meistens seine Zuhörer immer mehr von der Realität trennt: von der Realität der Gegenwärtigkeit, des Geistes, von der äußeren und inneren Realität.
Der Missbrauch des Wortes führt zu einem Illusionismus, der das hervorstechende Merkmal hat, das, was nur als Illusion gegeben ist, zu behaupten, wodurch wiederum die Illusion verdeckt und ihre Verwirklichung verhindert wird. Das gilt für die Beteuerung des „esoterischen“ Charakters, der „Wichtigkeit“, der „Weltbedeutung“ usw. Gäbe es das alles, würde man es nicht beteuern müssen. Die Beteuerung ist gerade das Zeichen für die Irrealität der Behauptung
.“ (Kühlewind, Die Diener des Logos, 1981, S. 92)

Derlei Illusionismus begegnet einem in der Szene auch heute noch auf Schritt und Tritt- in den Sonntagsansprachen der diversen Breviere, aber auch in Büchern anerkannter Repräsentanten. Die neuen Medien tragen ihren Anteil dazu bei, dass die frohe Kunde des ungedeckten Worts sich quer durchs Internet verbreitet und durchaus wesentlich mehr Anhänger findet als nüchterne Recherchen. So schart eine Enddreissigerin bei Facebook 360 Anhänger um sich, die an ihren Lippen hängen, weil oder obwohl sie behauptet, die Reinkarnation Rudolf Steiners zu sein. Von den blutenden Wundmalen einer Judith von Halle und ihren visionären Eingebungen ganz zu schweigen. Wir sind heute -technologisch, medial, aber auch spirituell - noch einen Schritt tiefer gesunken als zu Kühlewinds Zeiten vor vielleicht dreissig Jahren. Heute werden vielfach nicht nur Bände mit geraunten „Geheimnissen“, Verschwörungen und geheimen Logen gefüllt, heute bekommt die Ungedecktheit eine eigene Dynamik und nimmt visionären Charakter an. Dort wo das auftritt, taumelt stets eine Gemeinschaft von Gläubigen hinterher. Offensichtlich folgt der illusionären Ungedecktheit eine Art Gärung, der immer fantastischere Erfahrungen und Behauptungen entspringen.
Abu Dhabi ist überall.
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Am Rand der Wolken



Georg Kühlewind hat gelegentlich vom „Funken des Logos“ gesprochen, der „hier“, „im Fleisch“, in jedem von uns „da“ ist - fähig zum Neuanfang in jedem Augenblick. Selbst in scheinbar finalen und unausweichlichen Augenblicken und in absoluter Perspektivlosigkeit kann diese Kraft in uns „beginnen“. Der Trost liegt nicht in unmittelbar veränderten Umständen, sondern in einer anderen Haltung. Sobald sich die eigene Perspektive weitet, indem sie aus der Ruhe heraus eingenommen wird, können sich passende Schritte zeigen. Sobald die Situation so, wie sie ist, angenommen wird, verliert sie die Maske ihrer Unbeweglichkeit und Unabänderlichkeit.

Die Kraft, wenn sie einmal entdeckt wird, führt bis an den Rand des Schlafs. Sich dort zu halten kann nur aus ureigener Konzentration geschafft werden. Es ist dies die Vernunft, die bestehen kann, wenn ihr dazu die vertrauten Grundlage fehlen. Hier muss sie aus sich bestehen, nicht angelehnt an Konstrukte, Vorstellungen und Denkgewohnheiten.

An der Grenze stellt man sich auf raues Wetter ein. Man bewegt sich am Rand einer Wolkenwand. Aber natürlich geht es nicht um meteorologische Zusammenhänge, sondern um die Scheidewand zwischen Licht und Dunkel- zwischen dem, was man an Bewusstheit aufzubringen vermag und dem, in das man versinkt. Wir sind nur so weit, so energisch und so bewusstseinsklar, wie wir eben sind. Mit den Körpergrenzen im biologischen Sinne hat das nicht unbedingt etwas zu tun, sondern mit den Grenzen unserer inneren Kraft. Hier gibt es keinen Stillstand und keine Wiederholung. Was man hat, behält man nicht und dort, wo man sicher ist, verliert man den Boden.

Wir gehen den Wolkenrand entlang- es ist eine Wand von einer Höhe und Tiefe, die mein Fassungsvermögen übersteigt. Wenn man genau hinsieht, bemerkt man, dass sich in der Wand Kräfte ballen, die aus sich selbst immer weitere Wolken entspringen lassen. Die Dynamik hat etwas, dass man „Quellen des Lebens“ dazu sagen mag. Es ist nichts Beängstigendes dabei. Das stellt man sich nur so vor. Der Quell, der sich selbst entspringt und aus nichts gespeist wird, wandert aus dem Gesichtsfeld, aber es wachsen weitere, immer neue aus dem Nebel.

Das ist die Schwelle. Oder eine davon. Man geht benetzt von ihr zurück, erfrischt, erholt, beschenkt. Rudolf Steiner sagte zu den Wolken: „Wir richten den Blick aufwärts und sehen, wie in dem Luftförmigen, in dem ja allerdings die Geister der Bewegung, die Dynamis walten, wie da am Werke sind die Cherubime, damit das Wässerige, das aus dem Bereiche der Geister der Weisheit,
der Kyriotetes aufsteigt, sich zu Wolken ballen kann. (GA 122, Seite120)

Man kann die Schwelle nicht überschreiten, aber man kann sie verinnerlichen. Man kann den Quell in der Mitte entspringen lassen, eine individuell getönte Kraft, die sich im Augenblick ihres Entstehens in Gefühl verwandelt. Es ist nur eine andere Stimmung, eine andere Ebene. In der Tiefe ziehen die Wale vorbei wie riesige Schemen. Sie sind das Gefühl, das sich selbst genug ist. Ein Gefühl, das keine Resonanz ist auf irgendein Ereignis, sondern ein Strom, der aus sich heraus entsteht.

Je näher man der Wolkenwand rückt, desto mehr kann und muss man sich im Alltag begründen. Dass die Aufgaben klarer vor Augen stehen, liegt wohl vor allem daran, dass der innere Blick sich klärt: Die Befangenheiten, das Bestehenwollen, das Aufrührende und Sich-selbst-Berührende, die stumme, verbissene innere Wolkenwand, ist dünn geworden und lässt Licht und Luft in die Dinge, die man anfängt. Und die sind stimmiger als früher, passen sich ein in das, was sich in die Situation fügt. Darum geht es ja: Fügsam zu sein in das, was anliegt; nicht Ausgedachtes, nicht herbei Gesehntes, sondern purer Realismus. Es ist eine gegenseitige Verankerung, nach außen wie nach innen.

Geistige Erfahrung ist die Vernunft, die sich ihrer selbst bewusst wird, aber sich einfügen kann in die Dinge- eine die Komplexität von Prozessen einsehende und sie mit sanftem Willen mit gestaltende Vernunft.
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In der Armut sein

„Auf dem Gebiet des Seelisch-Geistigen gibt es kein „Haben“. Es gibt auch kein „Sich-Berufen“ auf etwas, auf Vergangenheit, Geschehnisse, Prinzipien. Denn auf diesem Gebiet der Unvergangenheit gibt es kein „Etwas“.

Die Ergebnisse einer Fähigkeit dürfen nicht verwechselt werden mit der Fähigkeit selbst - und auf der Ebene des Lebens oder der Gegenwärtigkeit gelten allein Fähigkeiten. Das „Gestern“ darf nur als Fähigkeiten weiterwirken.

So besteht das Sein in dieser Sphäre im andauernden Verzichten auf das Eben- Errungene, im Suchen- Bleiben, im steten Überwinden des Gefunden- Habens, im immerwährenden Werden. Wer „hat“, „gefunden hat“, wer nicht verzichtet, fällt aus diesem Bereich heraus. In der Armut sein, in der Armut bleiben ist die einzige Art, in der Gegenwärtigkeit zu weilen. Denn nur die Armut hat die Anziehungskraft für das Immerneue.“

_________
Georg Kühlewind, Die Erneuerung des Heiligen Geistes, Stuttgart 1992, S. 57
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Ingrid Haselberger: Von Angesicht zu Angesicht

Eigentlich hatte ich vor, die Gedanken Georg Kühlewinds zum ersten Brief des Paulus an die Korinther in meinen eigenen Worten zusammenzufassen.
Doch ich habe mich dagegen entschieden. Denn ich möchte allen, die hier mitlesen, nicht nur die Möglichkeit geben, die hier entwickelten Gedanken in logischer Folge nachzuvollziehen, sondern auch die „Melodie“ wahrzunehmen, die in der Art liegt, wie Georg Kühlewind zu seinen Seminarteilnehmern spricht.

Ich zitiere also aus dem einleitenden Vortrag des Seminars „Kunst und Erkennen“, das Georg Kühlewind vom 9.-12.September 2005 in Baruth gehalten hat:

„Sehr verehrte Anwesende,

seit vielen Jahren – ich kann gar nicht sagen, wie vielen – befassen wir uns hier in einer kleinen Gruppe mit der Frage „Kunst und Erkennen“. Ich glaube, wenn wir noch so langlebig wären, könnten wir dieses Thema nie abschließen, weil es Tiefe hat.
[…]
Also ganz kurz gesagt: Unser Alltagsbewusstsein hat zwei Charakteristiken, wenn man darauf schaut. Und das ist auch sehr merkwürdig, dass wir das können. Wir können darauf, wie unser Bewusstsein arbeitet, einen Blick haben. Das ist eine sehr interessante Sache. Denn: Was für ein Bewusstsein ist das dann, das charakterisieren kann, wie das Alltagsbewusstsein arbeitet? Diese Frage lassen wir jetzt offen. Jedenfalls kann man auf das Bewusstsein blicken, und wenn wir das tun, können wir feststellen, dieses Alltagsbewusstsein hat zwei Charakteristika: Es ist dualistisch, und es ist diskontinuierlich.

Konfrontiert mit der Welt oder mit der eigenen Vorstellung?

Dualistisch heißt, wir leben in der Überzeugung, dass ich hier bin, und die Welt ist dort. Sorgfältig voneinander getrennt. Das ist auch die Sichtweise der Naturwissenschaft. Und es ist auch ein Erfordernis der Wissenschaft, dass die Objekte, mit denen sich die Wissenschaft beschäftigt, unabhängig sein sollen von mir als Betrachter; also von meiner privaten Sympathie und Antipathie absolut unberührt.
[…]

Stückwerk: Diskontinuierliches Erkennen

Und das andere ist, dass dieses Bewusstsein diskontinuierlich ist. Das kann man daran sehen, dass wir vereinzelte Dinge wahrnehmen und den Zusammenhang zwischen diesen Dingen nicht durch unsere Sinneswahrnehmung erfahren, sondern durch das Denken. Das Denken konstruiert auch in der Wissenschaft Zusammenhänge zwischen Dingen, die nur ganz unabhängig voneinander erscheinen. Zum Beispiel: ich sehe jetzt diesen Schirm, diesen weißen Sonnenschirm, und daneben sind Stühle. Dass die irgendwie zusammenhängen könnten, das sehe ich nicht. Wenn ich nachdenke, ja dann sage ich schon, jemand hat das Arrangement gemacht, deshalb stehen sie jetzt so, wie sie stehen. Aber das sehe ich nicht. Das muss ich mit dem Denken ergänzen, und das heißt diskontinuierlich.
[…]

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Hans-Peter Dieckmann: Melodie und Stille

Ich war mir nicht sicher, ob das Niveau von Georg Kühlewinds Büchern gewahrt bleiben würde, als die Nachschrift eines von ihm im Jahr 2005 gehaltenen Seminars unter dem Titel “Melodie und Stille“ (Verlag Freies Geistesleben) im Dezember des vergangenen Jahres erschien. Doch zu dieser Veröffentlichung heißt es in den Anmerkungen: “Der Originaltext der Aufzeichnung wurde für die Buchveröffentlichung an wenigen Stellen gekürzt sowie, bei weitestmöglicher Wahrung des authentischen Tones, im Sinne der Lesbarkeit und Verständlichkeit sprachlich bearbeitet.“ Das ist sehr gut gelungen. Mit den Einschränkungen, die sich aus der gedruckten Form ergeben, liegt nun etwas von der anregenden Lebendigkeit der Seminare Georg Kühlewinds vor. Wie zum bestimmt unbeabsichtigten Vermächtnis leuchten in “Melodie und Stille“ noch einmal viele seiner großen Themen zur Einheit verwoben auf: seine Aufmerksamkeitsschulung mit seiner spirituellen Erkenntnistheorie, Psychologie und Linguistik als Bahnen zum Logos, zur Leere und zur Kunst. So sehr Georg Kühlewind Ausführungen etwa von Rudolf Steiner, von (auch modernen) Zen-Meistern und Anstöße aus der Kunst verarbeitet hat und in diesem Seminar mit vielen biographischen Bezügen darstellte, war er immer unverwechselbar und kreativ er selbst.

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Übe!


Herzlichen Dank an Rainer!
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Neue Bücher von Georg Kühlewind & ein Forschungsprojekt

Auch in diesem Jahr erscheint posthum ein neues Buch von Georg Kühlewind in seinem Stammverlag Freies Geistesleben, und zwar am 11. November. Es hat den Titel "Melodie und Stille: Kunst, Kontinuität und das leere Bewusstsein": "Wie arbeitet unser Bewusstsein, wenn wir erkennen, das heißt in der Wissenschaft, und wie arbeitet unser Bewusstsein in der Kunst? An diesem Leitfaden entwickelte Georg Kühlewind ein Seminar, das sich vom diskontinuierlichen Erkennen zur Kontinuität erkennenden Fühlens in der Kunst bewegt und immer aufs Neue die Erfahrung des leeren Bewusstseins sucht."

Offensichtlich handelt es sich also nicht wie bisher um Aufschreibungen Kühlewinds, sondern um eine Mitschrift von Seminarteilnehmern. Das muss kein Makel sein, ist aber doch nun etwas überraschend. Wird das ab jetzt inflationär? Bekommen wir jetzt eine GA (Gesamtausgabe) Kühlewinds mit gefühlt 365 Bänden? Nein, ich meckere nicht, ich würde sie sowieso lesen.

Aber damit nicht genug. An der Universität Klagenfurt ist ein ganz erstaunliches Forschungsprojekt (hier ein Google- Link) geplant, das die Arbeiten Kühlewinds zum Inhalt hat: "Georg Kühlewind (1924 - 2006), gebürtiger Ungar ("echter" Name: György Székely), ehemaliger Professor der physikalischen Chemie an der TU Budapest, war Autor von 23 Büchern zu Themen wie der Erkenntnistheorie und -Praxis, der Psychologie, der Pädagogik, der Sprachwissenschaft und der Christologie. Er hat die meisten seiner Bücher in deutscher Sprache geschrieben; viele seiner Bücher wurden in verschiedene Sprachen, wie Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Holländisch, Georgisch, Rumänisch und Ungarisch übersetzt. Er übte eine intensive, internationale Vortragstätigkeit aus. Er war ein wahrer Polyhistor und „moderner Mystiker“ – mit wissenschaftlichem Anspruch. Er war einer der bedeutendsten Wissenschaftler der modernen Zeit, der – wie das bei wahren Genies meistens der Fall ist – seiner Zeit weit voraus war."

Auf eine wunderbar "unmystische", pragmatische Weise wird der "Übungsweg" Kühlewinds dargelegt: "Das „Übersinnliche“ liegt nicht irgendwo in einem hypothetischen Raum, sondern auf dem Quellgebiet unserer eigenen Erkenntnisfähigkeiten. Üblicherweise werden uns nur die Produkte des Erkennens bewusst – die schon gedachten Gedanken, die schon in Form geronnen Wahrnehmungen. Nur die Vergangenheit des Erkennens – die „Information“ – wird uns bewusst, nicht aber sein Ursprung, seine Gegenwart. Die eigene Gegenwart kann uns aber nicht prinzipiell verschlossen sein – die Unfähigkeit, sie zu erfahren, liegt nur an der gegebenen Konstitution unseres Bewusstseins, an der Schwäche unserer Aufmerksamkeit. Wer sein Denken und Wahrnehmen im Entstehen, im Prozessualen bewusst erlebt, hat seine Erkenntnisgrenzen erweitert, und ist in die Bereich der „Gegenwart“ und des „Lebens“ eingedrungen. Das geht nicht einfach, die entsprechende Stärkung der Aufmerksamkeit muss erübt werden."

Das Projekt besteht nun darin, 17 (!) handschriftlich vorliegende Manuskripte Kühlewinds aufzuarbeiten und zu veröffentlichen, eine Website dazu zu starten und Tagungen sowie Übersetzungen zu initiieren. Man darf wirklich gespannt sein. Andererseits ist es auch bedauerlich, dass Kühlewind erst posthum quasi losgelöst wird aus dem anthroposophischen Interessentenkreis.
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Die Selbstbewusstseinsseele

Das Zeitalter der „Selbstbewusstseinsseele“ (ein Begriff von Georg Kühlewind, im Original heisst das bei Steiner nur „Bewusstseinsseele“) ist für mich dasjenige der Psychologie. Denn die Psychologie vermittelt ja vor allem den Blick auf das eigene Innere: Auf die Gefühle, Reflexe, Fallstricke, biografischen Verwicklungen, Reaktionsmuster, Verkrustungen, Wunden. Dass dieser Blick aber überhaupt möglich ist, bedeutet aber doch, dass ein Teil des Selbst - derjenige, der betrachtet- sich aus diesen seelischen Gegebenheiten schon befreit hat. Auch die eigene Seele - obgleich wir so stark aus ihr heraus leben- kann potentiell zum Ding unter Dingen werden, zu einem Gegenstand der Betrachtung. Das ist immer ziemlich schmerzlich. Aber es ist notwendig, um die Bedingungen unserer eigene Impulse, Antriebe, aber auch Hemmungen durchschauen zu lernen und ihnen nicht ausgeliefert zu sein.

Auf der anderen Seite kann der Part in uns, der das Innere betrachten kann, weiter gestärkt werden: „Das Merkmal zur Möglichkeit der Bewusstseinsseele ist das Reflektieren- können auf das Bewusstsein, auf die Seele selbst, wenn auch nur auf die Vergangenheit der Bewusstseinsprozesse, nicht auf das Erleben der Gegenwart. Dies zu erleben, ist gerade die Bildung der Bewusstseinsseele geeignet, die Erfahrung der freien Aufmerksamkeit durch sich selbst in der Gegenwart - die Vergangenheit wird sofort Objekt der gegenwärtigen freien Aufmerksamkeit.“ (Georg Kühlewind, „Der Gral oder Was die Liebe vermag“, Ostfildern 1997, S. 18)

Das „Gebet“ der Bewusstseinsseele (die nach Steiner heute weltweit zum seelisch- geistigen Normalzustand wird oder geworden ist) ist nichts Mystisches oder Geheimnisvolles, sondern - so Kühlewind- „der Zweifel, ihre Fähigkeit das Fragen“. Je mehr sie sich im Menschen emanzipiert, je mehr sie zur Reife kommt, ist sie frei von inneren und äußeren Mechanismen, Automatismen und Determiniertheiten. Wenn es bei diesen Zweifeln und Selbstzweifeln auf Dauer bleibt, führt diese Revolte allerdings doch zu nichts als Resignation, Verzagtheit und Rückzug ins Private. Auch Zweifel können manieristisch und selbstbezogen wirken. Die Stärkung der autonomen inneren Instanz kann aber auch insofern weiter führen, dass die Aufmerksamkeit - übend verselbständigt- zu einer neuen „geistige(n) Geburt des Menschen“ (Kühlewind, S. 19) führt. Die Aufmerksamkeit selbst wird dabei - ohne Inhalte des zu Betrachtenden- zu einer rein geistigen Erfahrung. Der Betrachter, der auf das Betrachten verzichtet, erlebt einen Zustand reiner Aufmerksamkeit und dabei die eigene geistig autonome Entität. Insofern gilt die alte Mysterienforderung „Erkenne dich selbst“ nicht mehr. Heute heisst es vielmehr „Erschaffe dich selbst“: „Das Selbst erschafft sich in der gesteigerten Aufmerksamkeit, wenn sie stark genug wird, sich selbst zu erfahren..“ (Kühlewind, S. 20).

Diese Erfahrung jenseits der personellen Determiniertheiten, der körperlichen Rückmeldungen, der seelischen Reflexe, der Macht der Gewohnheiten und Erinnerungen beschreibt Kühlewind so: „Die Kraft in den Formen hat gelernt, ohne Formen zu bleiben und ein formfreies Selbst zu werden.“ (S. 21) Das Leben „ohne Form“ ist das Leben des Ich selbst, das sich nun in das hinein versetzen kann, was immer ihm begegnet.
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Wir wissen nicht..



„Wir wissen nicht, wie wir denken. Dadurch ist unser gesamtes Wissen verstümmelt. Wir wissen aber auch nicht, wie wir sprechen, wie wir uns bewegen, wie wir wollen, was das Fühlen ist, wer wir sind... Wir erfahren unsere Aufmerksamkeit nicht, mit der wir alles andere erfahren. Wir kennen unsere eigene Biographie nicht - sonst hätten wir keine Probleme im Leben. Wir wissen nichts über das eigene Schicksal, kennen den Wert einzelner Erlebnisse nicht, wir wissen nichts über Leben und Tod, über den Kosmos, über seinen Anfang und sein Ende...
Was wir auch tun, nicht-tun, denken, nicht-denken, alles ist mit dem Willen getan: Was wissen wir über den Willen?“

Georg Kühlewind, „Der sanfte Wille“, S. 57

Dieses Buch ist eine der modernsten und tief greifenden Schilderungen des „Schulungsweges“. Nicht nur Schilderung, sondern auch eine umfassende Begleitung für den, den das interessiert. Fürs gemütliche Lesen auf dem Sofa eignet es sich weniger, da es anspruchsvoll und inhaltlich komprimiert verfasst ist. Hier noch eine Überlegung zum Buch bei Oleander.
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Aletheia


Aletheia ist einer der zentralen Begriffe des Neuen Testaments, wie Georg Kühlewind in „Das Reich Gottes“ heraus gearbeitet hat. Übersetzt wird er - ungenau- meist mit „Wahrheit“, die korrekte Bedeutung aber ist „Nicht- Verborgenheit, Nicht- Vergessenheit, Nicht- Verlorenheit.“
Es ist das Ich selbst, das sich in seiner Beschäftigung mit Wahrnehmen, Denken, Reflexion, Aktion ständig selbst „vergisst“. Dies selbst in der heute angemessenen Form der Bewusstseinsseele, in der das Ich auch über seine eigenen seelischen Besonderheiten, über das von den Eltern „Erhaltene“, ja selbst über den Konstruktcharakter seiner selbst reflektieren kann. Alle Reflexion kann die „Verborgenheit“ dennoch nicht überwinden.

Kühlewind beschreibt das Eintreten in die „Aletheia“ reichlich kryptisch so: „Mit dem In-die-Welt-Treten des wahren menschlichen Ich durch das Tor der Bewusstseinsseele verändert sich die Welt und das Verhältnis des bisher Verborgenen zum Licht der Welt.“ Gemeint ist in meinen Augen -technisch gesehen- ein Gewahrwerden der eigenen schöpferischen Ich- Kräfte- ein Zustand, den Rudolf Steiner auch als „Reines Denken“ bezeichnet. Dieses Denken unterscheidet sich allerdings gravierend von dem, was das reflektierte Denken ausmacht, denn es bleibt auch dann bewusst, wenn es keine Inhalte hat - es besteht in der „Leere“. Faktisch erlebt man damit auch ein sich veränderndes Körpergefühl, denn die Unverborgenheit rührt an die oberen Chakren, wodurch das Körpergefühl dynamischer in diesen Regionen wird und über die Körpergrenzen hinaus geht.

Aber auch das seelische Gefüge ändert sich in manchen Bereichen- der ununterbrochene verteidigende Gestus schwächt sich ab. Man will nicht bestehen - schon gar nicht auf „Standpunkten“. Es gibt nichts zu verteidigen. Es ist ganz deutlich, dass man in einen Bereich eingetreten ist, der einen gewissen Ewigkeitscharakter hat. Damit ändert sich das bisherige Konzept des Ich-bin radikal.

Nun sollte man sich nichts vormachen. Es mögen ja gewisse Veränderungen vor sich gegangen sein. Aber in den tieferen Regionen spürt man sehr wohl die alten Reflexe, Ängste, Konfigurationen, mit denen man sich seit jeher herum geschlagen hat. In den Tiefen, in den „unteren“ seelischen Zonen, in denen das Gefüge an die Lebenskräfte heran rührt, existiert und regiert der Lebenskampf ganz ungebrochen. Existentielle Ängste rühren tief.

Aber immerhin. Mit dem Eintritt in die anfänglichste Aletheia ist doch eines geschehen: Die bisher fast ungebrochene, scheinbar unauslöschliche Einheit des Selbstkonzepts ist ein Stück weit aufgebrochen und man darf die Energie des „Flow“ spüren: „Denkend empfinde ich eines mit dem Strom des Weltgeschehens.“ In diesem Moment enthüllt sich auch erst der Sinn von Rudolf Steiners so genannten „Nebenübungen“, die vor allem soziale Prozesse betreffen. Denn „Gleichmut“ und „Unbefangenheit“ sind Dinge, die man im Alltagsbewusstsein nur mit Verkrampfungen „üben“ kann. Menschen, die penetrant „Gleichmut“, Gedankenkontrolle und Gelassenheit üben, verbreiten den Charme einer Ziegelsteinmauer. Anders ist das in der Aletheia. Hier sind die Nebenübungen das geeignete, ja das einzig angemessene Element. Sie ergeben sich faktisch von selbst, ohne Krampf und ohne eitle Selbstbespiegelung.

Im Fluss der Unverborgenheit bauen sich keine Mauern auf, denn man steht tief im Dialogischen und in sozialen Prozessen. Der weich gewordene Wille ist durchaus nicht schwach und passiv, aber er ist frei genug, um empathisch in Prozessen stehen zu können. Die soziale Wahrnehmung, aber auch die Fantasie, um verkorkste Verhältnisse situationsangemessen lösen zu können, erweitert sich erheblich. Man steht wirklich in der existentiellen Bejahung des Anderen, die Carl Rogers und Martin Buber (Ich- Es und Ich-Du- Beziehungen) in ihren Arbeiten gefordert haben. Man ist in der Lage, Anderen den Raum geben zu können, den sie für ihre Entfaltung benötigen.

Vor einigen Tagen hat Jelle van der Meulen in seinem Blog den „Saturn-“ oder Willensweg in der Schulung angesprochen, der in scharfem Gegensatz zu den klassischen Erleuchtungsprozessen steht. Auch in der anthroposophischen Schulung werden diese Willenswege ja meist missverständlich allenfalls als „Nebenübungen“ kategorisiert. Aber es passt eben nicht alles für Alle. Es sei nur angemerkt, dass in der Zen- Tradition die Unverborgenheit im Sinne einer Aufmerksamkeit-für-das Andere (das dann kein „Anderes“ mehr ist) weit verbreitet ist. Allerdings enthält auch die anthroposophische Schulung, wenn man sie etwas anders gewichtet, ebenfalls diese Elemente.
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Kühlewinds Gral

Auch in dem weniger bekannten, aber für mich bedeutenden Buch Georg Kühlewinds „Der Gral oder Was die Liebe vermag“ deutet sich im Epilog eine gewisse Resignation in Bezug auf den geistigen Zustand der Anthroposophischen Bewegung an:
Allerdings kann man nicht behaupten, dass das Wissen vom Gral die Menschheit bis heute (1997, M.E.) auch nur in bescheidenem Maße ergriffen hätte oder seine Früchte wirksam geworden wären. Die Erkrankung der menschlichen Seele, des Denkens sogar, ist weit fortgeschritten, die Erkenntnisse der höheren Welten oder des Christus- Geheimnisses haben die Seelen nicht durchdringen können. Die Grundlage dazu, das „gesunde, vorurteilslose Denken“, von dem das Verständnis der erforschten Wirklichkeit zu erhoffen wäre, fehlt, sie wurde nicht erarbeitet. Ebenso fehlt es am Verfolgen und Erarbeiten des Erkenntnisweges, ohne die dem Begründer der Anthroposophie keine Gegenwart und keine Zukunft der Welt- und Menschheitsentwicklung möglich erschiene. Aus dem gleichen Grund wurde aus der geisteswissenschaftlichen Bewegung der Anthroposophie kein durchgreifender Kulturimpuls,wie Rudolf Steiner es erhofft hatte. Das wahre und wirksame Christentum ist im Rückzug- an Stelle seiner heilenden Kraft wird die Menschheit von immer weiteren neuen Krankheiten befallen und begibt sich auf die verschiedensten, in Riesenpaletten angebotenen „esoterischen“ Wege.

Rudolf Steiner äusserte sich in einem Vortrag über das Verhältnis des Christus-Jesus zu den Schriftgelehrten. Und dieses Verhältmis könnte auch für das Verhältnis von uns Zeitgenossen zu seinem Werk gelten: „Er (Christus-Jesus) hat das gegen sie (die Schriftgelehrten) einzuwenden, dass sie in ihren Seelen nicht unmittelbar zusammenhängen mit jenem Quell, aus dem das lebendige Wort unmittelbar ausfliesst. Darinnen sieht er die Verfälschung des lebendigen Wortes, und muss sie sehen.““

Die Geisteswissenschaft liegt zunächst im Grab der veröffentlichten Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners- das muss natürlich so sein. Um sie zum Auferstehen zu bringen, bedürfte es des „unmittelbaren Zusammenhangs“ mit jenem Quell, aus dem der Text als lebendiges Wort geflossen ist. Allein die meditativ- intuitive Annäherung an das geschenkte Werk könnte die Fähigkeiten erwecken, das Werk fortzusetzen und es dadurch am Leben und in Wirksamkeit zu erhalten- und nur dadurch kann es am Leben gehalten werden. Denn „das ist Ahrimanisches, was in irgendeiner Form fixiert wird.““
**

______________________
*R. Steiner, GA 175, 10.4.1917
** ebd.
Bildquelle
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Kühlewinds Meditationen

Es ist vielleicht keine Schande zu gestehen, dass der verstorbene Georg Kühlewind immer noch (und sogar immer mehr) mein persönlicher Favorit unter den anthroposophischen Autoren ist. Seit Monaten gehe ich mit Gewinn vor allem mit seinem Büchlein "Meditationen über Zen- Buddhismus, Thomas von Aquin und Anthroposophie" um. Klingt abschreckend und ist es auch für denjenigen, der sich mal eben schnell ein Überblick über anthroposophische Grundtatsachen beschaffen will. Es ist tatsächlich unmöglich, Kühlewind in der Art einer Illustrierten zu lesen. Dies nicht nur wegen der sperrigen Thematik, sondern auch aufgrund der zahlreichen eingeschobenen "Meditationen" im Buch, die in Form von kurzen Sätzen Essenzen aus Zen, Anthroposophie und von Thomas von Aquin dargebieten, aber dadurch auch den Ansatz eines flüssigen Herunterlesens fast unmöglich machen:

"Was durch Denken nicht erfassbar ist,
kann durch Nicht- Denken erfahrbar sein."

Nein, dieses Buch bietet keine Informationen im herkömmlichen Sinne- es erfordert tätige Mitarbeit des Lesers.
Auch der Text selbst ist derartig verdichtet, dass man praktisch dauernd innerlich stolpert. Es ist also ein Buch, das tatsächlich zur Eigenaktivität, zur meditativen Vertiefung auffordert und sich ansonsten verweigert. Was soll man sonst mit Textstellen wie dieser machen:

"Im Fühlen, das kein Mich- Empfinden ist, liegt eine weitere, mit dem Erkennen verwandte Gestimmtheit des Menschen, die Gestimmtheit zum Guten."

Kühlewind spricht in diesem Satz eine Ebene an, die nur in meditativer Erfahrung verifizierbar und damit auch entschlüsselbar ist- eine Ebene jenseits des diskursiven Denkens. Nur in dieser Erfahrung wird die angesprochene Qualität des nicht Ich-bezogenenen Empfindens real. Ein jenseits des platten Subjektivismus erlebtes Empfinden hat bestimmte Qualitäten und Eigenschaften. Es ist nicht "leer" oder "neutral", sondern ist erstaunlicherweise durchtränkt mit einer Moralität, die man vielleicht "in sich" gar nicht vermutet hätte. Es ist auch mehr so, dass man durch die meditative Überwindung des Subjektivismus mehr in die Empfindung eintritt als dass man sie "in sich" trüge. Noch erstaunlicher ist vielleicht, dass dieses Eintreten in den Strom reiner Empfindung zugleich eine essentielle Selbst- Erfahrung darstellt. Diese ist damit verbunden, dass dieses "reine Empfinden" so konzentriert ist, dass man damit gewissermaßen fokussieren kann. Man kann die fühlende Aufmerksamkeit z.B. auf Fragestellungen und Betrachtungen fokussieren, so wie man sich im normalen Bewusstsein denkend auf Sachverhalte konzentriert. Dieses Empfinden hat daher erkennenden Charakter.

Diese vermutlich reichlich unklare Umschreibung versucht lediglich den einen Satz von Kühlewind in seine Bestandteile und Zusammenhänge aufzulösen. Es ist der Anfang einer Erklärung. Man müsste jeden meiner erklärenden Sätze wiederum mit umfassenden Erläuterungen versehen. Es zeigt dies nur, in wie verdichteter Weise Kühlewind schrieb.
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Georg Kühlewind tot

Wie gerade in verschiedenen Newsgroups gemeldet wird, ist Kühlewind, einer der gebildetsten, unkonventionellsten und kompetentesten anthroposophischen Autoren, der ein umfangreiches Werk zur persönlichen Schulung, zur Philosophie und auch zur Kritik an der Rezeption und zum Zustand der anthroposophischen Bewegung herausgegeben hat, verstorben. Ich teile das mit großer Betroffenheit mit, denn auch für mich war Kühlewind - auch in der persönlichen Begegnung- eine der herausragenden anthroposophischen Bezugspersonen.
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