Tiefwinter

Ich bin ja jedes Jahr doch etwas darauf eingestellt und vorbereitet auf die speziellen Schwierigkeiten, die nach der Mitte des November entstehen und in der Adventszeit kulminieren. Ich meine damit gewisse Unwägbarkeiten, die unvermittelt aus Leuten, mit denen man im (Arbeits-) Zusammenhang steht, so heraus brechen können- manchnal in einer derart drastischen Art, dass man doch staunt. Hatten wir nicht eben noch einvernehmlich Absprachen getroffen- warum jetzt diese unverhältnismäßige Wut? Warum läuft eine Person, mit der man umzugehen hat, plötzlich offenkundig vor die Wand, schüttet ein Füllhorn von Attacken aus und redet sich um Kopf und Kragen? In der Zeit, wenn die Glöcklein an den Kränzen klingeln, werden nicht selten hektisch und sinnlos die Ellenbogen ausgefahren. Manchmal scheint die vorweihnachtliche vorgebliche Innigkeit wie eine Soße, die über dem nackten inneren Beben liegt. Natürlich sind nicht alle betroffen, natürlich sorgt man für Erklärungen: Depression wegen Lichtmangels, zum Beispiel. Vorweihnachtsstress.

Von Rudolf Steiner gibt es keine Erklärung, wohl aber eine Schilderung, die sich auf den antiken Menschen bezieht:

"Ebenso wie sich der Mensch in der Hochsommerzeit über sich hinausgehoben fühlte zu dem göttlich-geistigen Dasein des Kosmos, so fühlte sich der Mensch in der Tiefwinterzeit wie unter sich herunterentwickelt. Er fühlte sich gewissermaßen wie von den Kräften der Erde umspült, von den Kräften der Erde mitgenommen. Er fühlte so etwas, wie wenn seine Willensnatur, seine Instinkt- und Triebnatur durchsetzt und durchströmt wäre von Schwerkraft, von Zerstörungskraft und anderen Kräften, die in der Erde sind.

Das Frostige, das fühlen wir ja auch noch heute, denn das bezieht sich auf die Körperlichkeit, aber der alte Mensch fühlte seelisch als Begleiterscheinung des Frostigen das Dunkle, das Finstere. Er fühlte gewissermaßen, als ob sich überall, wo er ging, aus der Erde heraus das Finstere höbe und ihn wolkenförmig einschlösse, nur bis zur Körpermitte herauf allerdings. Er fühlte, wie wenn die Erde ihn in Anspruch nähme, wie wenn er umgarnt würde von den Kräften der Erde in bezug auf seine Willensnatur
." (GA 223, Seite 78f)

In diesem Zusammenhang spricht Steiner in bezug auf den tiefen Winter von einer regelrechten "Versuchung". Mag sein, dass uns das heute als übertrieben erscheint. Aber ein wenig antik sind wir, scheint mir, doch noch.
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