Wüstenkind

Sie war eine junge Berberin und sprach nicht viel. Einmal habe ich im Fernsehen gesehen, wie die armen jungen Frauen um Tanger sich ihren Lebensunterhalt verdienen: Mit dem Knacken von Nüssen, was sie bei der endlosen und monotonen Arbeit mit Gesängen begleiten, als wären sie die Baumwollarbeiter von Mississippi, die den Blues entstehen liessen.

Nun aber sass sie hier, und sie sass hier schon vier Jahre, einmal hatte sie wiederholt, aber sie war selbst in Arabisch schlecht. Wie so oft, hatte sie alles mögliche an Kulturschock verkraftet, aber das phonologische Vermögen hatte sich nicht recht angepasst. Sie lebte noch in ihren Sprachklängen, in einem luftigen Sprachgeist, der den Atem der Wüste antrieb; die formalisierten unmelodiösen Sprachcontainer der deutschen Sprachen waren von dieser Luft noch durchdrungen, und daher schrieb sie sehr schlecht. Der Zusammenhang von Graphem und Phonem war bei ihr mit Luftsprüngen begleitet, und das ist im Deutschen nicht vorgesehen.
Schriftsprache überzieht bei uns alle Lerninhalte wie ein Pelz, man muss damit zurecht kommen. Sie aber hatte sich zur unsichtbaren jungen Frau gemacht, zu einem Wüstenkind mitten in einer mitteleuropäischen Schulbaustelle, einer so genannten pädagogischen Kompetenzzentrale. Sie aber spielte die Nichtabwesende, gar nicht Präsente. Sie lächelte gelegentlich.

Ich aber setzte sie in die erste Reihe zu den chaotischen Schülern, den Brüllern und Schreiern, denen, die ihr Ego in den Fäusten haben. Sie war alarmiert. Sie wusste, ich hatte sie jetzt genau im Blick. Sie kam oft dran. Sie konnte nicht mehr von ihrer Kleinmädchenzeit, zwischen kalkigen Wänden, Nussgeruch, Ölgewinnung, blanken Füßen und Ziegenmilch träumen. Düfte überall, Staub und Frauen, die keinen echten einzigen Job kennen.

Manchmal reicht eben auch das: Die Nichtwahrnehmung beachten. Es ist keine Ermahnung nötig, nicht einmal ein Wort. Es reicht der Blick, der sagt: Ich war unsichtbar, und du hast mich gesehen. Ich mag es nicht besonders, dass Du mich fordern wirst, aber es wird sich etwas verändern. Ich habe das nicht alleine gemacht oder gewollt, aber Du hast mich durch einen einzigen Blick anders ins Leben gestellt. Um dieses Blickes willen werde ich lernen.
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