Anmerkungen zu Rudolf Steiners Gottesbegriff
Von Michel Gastkemper

Das Erste, was ich anmerken möchte, ist die Tatsache, dass man auch in der Verfolgung von Rudolf Steiners Biografie Entwicklungsschritte sieht, und zwar im Sinne einer allmählichen Entfaltung. Diese Entfaltung lässt sich auch als ein Zuwachs von Verständnis bei Steiner verstehen. Dies gilt auch für den Gottesbegriff bei Steiner.
Es kommt nicht von ungefähr, dass auch manche Anthroposophen heute dazu neigen, „Gott“ als individuelles Konstrukt zu verstehen- als etwas, was der Mensch selber hervorbringt. Steiner argumentiert nämlich nicht unähnlich in seiner Ausgabe aus 1902 von „Das Christentum als mystische Tatsache“. Es dauerte lange, neunzehn Jahre, bis er in
der seitdem endgültig bekannten Formulierung völlig klarstellen konnte, wie es seiner Meinung nach um Christus und das Christentum gestellt ist.
Dies in einen Artikel darzustellen, gerade auf Deutsch, ist eine zu grosse Herausforderung für mich! Aber ich werde doch versuchen, mein Anliegen nochmals mit einigen
Stellen aus dem 2. Kapitel aufzuzeigen.
1902 und 1910 formulierte Rudolf Steiner: Gott „hat sich in die Mannigfaltigkeit der Naturdinge zerstückelt; sie leben und er lebt nicht. Er ruht in ihnen. Und der Mensch kann ihn erwecken. Soll er ihn zum Dasein kommen lassen, muss er ihn schaffend erlösen.“
1921 änderte er diese Formulierung auf prägnante Weise ab:
Gott „hat sich in die Mannigfaltigkeit der Naturdinge zerstückelt; sie leben und er lebt nicht in ihnen. Er ruht in ihnen. Er lebt im Menschen. Und der Mensch kann das Leben des Gottes in sich
erfahren. Soll er ihn in die Erkenntnis kommen lassen, muss er diese Erkenntnis schaffend erlösen.“
Es geht nicht mehr um das Erwecken von Gott und ihn zum Dasein kommen lassen, sondern um das Erfahren des Lebens Gottes in sich, und um das schaffende Erlösen der Erkenntnis. Mit dieser „Erlösung“ wird Gott erfahr- und erkennbar.
In den frühen Textstellen (1902 und 1910) war es Gott, den man in sich aufleben liess:
„Der Mensch blickt nun in sich. Als verborgene Schöpferkraft, noch Dasein-los, pocht (1910: wirkt) das Göttliche in seiner Seele. In dieser Seele ist eine Stätte, in der der verzauberte Gott wieder aufleben kann. Die Seele ist die Mutter, die den Gott aus der Natur empfangen kann. Lasse die Seele sich von der Natur befruchten, so wird sie ein Göttliches gebären. Aus der Ehe der Seele mit der Natur wird Gott geboren. Das ist nun kein “verborgener” Gott mehr, das ist ein offenbarer Gott. Er hat Leben, wahrnehmbares Leben, das unter den Menschen wandelt. Er ist der entzauberte Gott, der Spross des verzauberten.“
1921, in der redigierten Ausgabe dagegen ändert sich dieses in etwas Göttliches:
„Der Mensch blickt nun in sich. Als verborgene Schöpferkraft, noch Dasein-los, wirkt das Göttliche in seiner Seele. In dieser Seele ist eine Stätte, in der das verzauberte Göttliche wieder aufleben kann. Die Seele ist die Mutter, die das Göttliche aus der Natur empfangen kann. Lasse die Seele von der Natur sich befruchten, so wird sie ein Göttliches gebären. Aus der Ehe der Seele mit der Natur wird es geboren. Das ist nun kein “verborgenes” Göttliches mehr, das ist ein offenbares. Er hat Leben, wahrnehmbares Leben, das unter den Menschen wandelt. Er ist der entzauberte Geist im Menschen, der Spross des verzauberten Göttlichen.’

Und etwas weiter in 1902 und 1910 ist es der Mensch, der selbst seinen Gott schafft:
„Die mystische Erkenntnis ist damit ein wirklicher Vorgang im Weltprozesse. Sie ist eine Geburt Gottes. Sie ist ein Vorgang, so wirklich wie ein anderer Naturvorgang, nur auf einer höheren Stufe. Das ist das große Geheimnis des Mysten, dass er selbst seinen Gott schafft, dass er sich zuvor aber vorbereitet, um diesen von ihm geschaffenen Gott auch anzuerkennen. Ein Nicht-Myste kann diesen Gott nicht anerkennen. Dem Nicht-Mysten fehlt die Empfindung von dem Vater dieses Gottes. Denn dieser Vater ruht in Verzauberung. Jungfräulich geboren erscheint der Sohn. Die Seele scheint unbefruchtet ihn geboren zu haben. Alle ihre anderen Geburten sind von der Sinnenwelt empfangen. Man sieht und tastet hier den Vater. Er hat sinnliches Leben. Der Gott-Sohn allein ist von dem ewigen, verborgenen Vater-Gott selbst empfangen.“
Betrachten wir wiederum die Ausgabe von 1921, ist es der Mensch, der seinen Gottessprossen schaffend erlöst:
„Die mystische Erkenntnis ist damit ein wirklicher Vorgang im Weltprozesse. Sie ist eine Geburt eines Gottessprossen. Sie ist ein Vorgang, so wirklich wie ein anderer Naturvorgang, nur auf einer höheren Stufe. Das ist das große Geheimnis des Mysten, dass er selbst seinen Gottessprossen schaffend erlöst, dass er sich zuvor aber vorbereitet, um diesen von ihm geschaffenen Gottessprossen auch anzuerkennen. Ein Nicht-Myste kann diesen Gott nicht anerkennen. Dem Nicht-Mysten fehlt die Empfindung von dem Vater dieses Sprossen. Denn dieser Vater ruht in Verzauberung. Jungfräulich geboren erscheint der Spross. Die Seele scheint unbefruchtet ihn geboren zu haben. Alle ihre anderen Geburten sind von der Sinnenwelt empfangen. Man sieht und tastet hier den Vater. Er hat sinnliches Leben. Der Gottes-Spross allein ist von dem ewigen, verborgenen Vater-Gott selbst empfangen.“

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Texte im Zusammenhang:
Siehe auch Christoph Lindenberg, ‘Individualismus und offenbare Religion. Rudolf Steiners Zugang zum Christentum’ (1970), erweiterte Neuausgabe Stuttgart 1995.
2. Kapitel: ‘Mysterien und Mysterienweisheit’, aus Absatz 17, Ausgabe 1902:
Wo ist Gott? Das war die Frage, die dem Mysten im Herzen brannte. Gott ist nicht, aber die Natur ist. In der Natur muß er gefunden werden. In ihr hat er sein Zaubergrab gefunden. In einem höheren Sinne faßte der Myste die Worte: Gott ist die Liebe. Denn Gott hat diese Liebe bis zum äußersten gebracht. Er hat sich selbst in unendlicher Liebe hingegeben; er hat sich ausgegossen; er hat sich in die Mannigfaltigkeit der Naturdinge zerstückelt; sie leben und er lebt nicht. Er ruht in ihnen. Und der Mensch kann ihn erwecken. Soll er ihn zum Dasein kommen lassen, muss er ihnen schaffend erlösen. – Der Mensch blickt nun in sich. Als verborgene Schöpferkraft, noch Dasein-los, pocht das Göttliche in seiner Seele. In dieser Seele ist eine Stätte, in der der verzauberte Gott wieder aufleben kann. Die Seele ist die Mutter, die den Gott aus der Natur empfangen kann. Lasse die Seele sich von der Natur befruchten, so wird sie ein göttliches gebären. Aus der Ehe der Seele mit der Natur wird Gott geboren. Das ist nun kein “verborgener” Gott mehr, das ist ein offenbarer Gott. Er hat Leben, wahrnehmbares Leben, das unter den Menschen wandelt. Er ist der entzauberte Gott, der Spross des verzauberten. Der große Gott, der war, ist und sein wird: der ist er wohl nicht, aber er ist es doch in gewissem Sinne auch. Der Vater bleibt ruhig im Verborgenen; dem Menschen ist der Sohn aus der eigenen Seele geboren. Die mystische Erkenntnis ist damit ein wirklicher Vorgang im Weltprozesse. Sie ist eine Geburt Gottes. Sie ist ein Vorgang, so wirklich wie ein anderer Naturvorgang, nur auf einer höheren Stufe. Das ist das große Geheimnis des Mysten, dass er selbst seinen Gott schafft, dass er sich zuvor aber vorbereitet, um diesen von ihm geschaffenen Gott auch anzuerkennen. Ein Nicht-Myste kann diesen Gott nicht anerkennen. Dem Nicht-Mysten fehlt die Empfindung von dem Vater dieses Gottes. Denn dieser Vater ruht in Verzauberung. Jungfräulich geboren erscheint der Sohn. Die Seele scheint unbefruchtet ihn geboren zu haben. Alle ihre anderen Geburten sind von der Sinnenwelt empfangen. Man sieht und tastet hier den Vater. Er hat sinnliches Leben. Der Gott-Sohn allein ist von dem ewigen, verborgenen Vater-Gott selbst empfangen.
Derselben Absatz, Ausgabe 1910:
Wo ist Gott? Das war die Frage, die dem Mysten sich vor der Seele stellte. Gott ist nicht, aber die Natur ist. In der Natur muss er gefunden werden. In ihr hat er sein Zaubergrab gefunden. In einem höheren Sinne fasste der Myste die Worte: Gott ist die Liebe. Denn Gott hat diese Liebe bis zum äußersten gebracht. Er hat sich selbst in unendlicher Liebe hingegeben; er hat sich ausgegossen; er hat sich in die Mannigfaltigkeit der Naturdinge zerstückelt; sie leben und er lebt nicht. Er ruht in ihnen. Und der Mensch kann ihn erwecken. Soll er ihn zum Dasein kommen lassen, muss er ihnen schaffend erlösen. – Der Mensch blickt nun in sich. Als verborgene Schöpferkraft, noch Dasein-los, wirkt das Göttliche in seiner Seele. In dieser Seele ist eine Stätte, in der der verzauberte Gott wieder aufleben kann. Die Seele ist die Mutter, die den Gott aus der Natur empfangen kann. Lasse die Seele von der Natur sich befruchten, so wird sie ein göttliches gebären. Aus der Ehe der Seele mit der Natur wird Gott geboren. Das ist nun kein “verborgener” Gott mehr, das ist ein offenbarer Gott. Er hat Leben, wahrnehmbares Leben, das unter den Menschen wandelt. Er ist der entzauberte Gott, der Spross des verzauberten. Der große Gott, der war, ist und sein wird: der ist er wohl nicht, aber er kann doch in gewissem Sinne als dessen Offenbarung genommen werden . Der Vater bleibt ruhig im Verborgenen; dem Menschen ist der Sohn aus der eigenen Seele geboren. Die mystische Erkenntnis ist damit ein wirklicher Vorgang im Weltprozesse. Sie ist eine Geburt Gottes. Sie ist ein Vorgang, so wirklich wie ein anderer Naturvorgang, nur auf einer höheren Stufe. Das ist das große Geheimnis des Mysten, dass er selbst seinen Gott schafft, dass er sich zuvor aber vorbereitet, um diesen von ihm geschaffenen Gott auch anzuerkennen. Ein Nicht-Myste kann diesen Gott nicht anerkennen. Dem Nicht-Mysten fehlt die Empfindung von dem Vater dieses Gottes. Denn dieser Vater ruht in Verzauberung. Jungfräulich geboren erscheint der Sohn. Die Seele scheint unbefruchtet ihn geboren zu haben. Alle ihre anderen Geburten sind von der Sinnenwelt empfangen. Man sieht und tastet hier den Vater. Er hat sinnliches Leben. Der Gott-Sohn allein ist von dem ewigen, verborgenen Vater-Gott selbst empfangen.
Derselben Absatz, Ausgabe 1921:
Wo ist Gott? Das war die Frage, die dem Mysten sich vor der Seele stellte. Gott ist nicht, aber die Natur ist. In der Natur muss er gefunden werden. In ihr hat er sein Zaubergrab gefunden. In einem höheren Sinne fasste der Myste die Worte: Gott ist die Liebe. Denn Gott hat diese Liebe bis zum äußersten gebracht. Er hat sich selbst in unendlicher Liebe hingegeben; er hat sich ausgegossen; er hat sich in die Mannigfaltigkeit der Naturdinge zerstückelt; sie leben und er lebt nicht in ihnen. Er ruht in ihnen. Er lebt im Menschen. Und der Mensch kann das Leben des Gottes in sich erfahren . Soll er ihn in die Erkenntnis kommen lassen, muss er diese Erkenntnis schaffend erlösen. – Der Mensch blickt nun in sich. Als verborgene Schöpferkraft, noch Dasein-los, wirkt das Göttliche in seiner Seele. In dieser Seele ist eine Stätte, in der das verzauberte Göttliche wieder aufleben kann. Die Seele ist die Mutter, die das Göttliche aus der Natur empfangen kann. Lasse die Seele von der Natur sich befruchten, so wird sie ein göttliches gebären. Aus der Ehe der Seele mit der Natur wird Gott geboren. Das ist nun kein “verborgener” Göttliches mehr, das ist ein offenbares . Er hat Leben, wahrnehmbares Leben, das unter den Menschen wandelt. Er ist der entzauberte Geist im Menschen , der Spross des verzauberten Göttlichen. Der große Gott, der war, ist und sein wird: der ist er wohl nicht, aber er kann doch in gewissem Sinne als dessen Offenbarung genommen werden. Der Vater bleibt ruhig im Verborgenen; dem Menschen ist der Sohn aus der eigenen Seele geboren. Die mystische Erkenntnis ist damit ein wirklicher Vorgang im Weltprozesse. Sie ist eine Geburt eines Gottessprossen. Sie ist ein Vorgang, so wirklich wie ein anderer Naturvorgang, nur auf einer höheren Stufe. Das ist das große Geheimnis des Mysten, dass er selbst seinen Gottessprossen schaffend erlöst , daß er sich zuvor aber vorbereitet, um diesen von ihm geschaffenen Gottessprossen auch anzuerkennen. Ein Nicht-Myste kann diesen Gott nicht anerkennen. Dem Nicht-Mysten fehlt die Empfindung von dem Vater dieses Sprossen . Denn dieser Vater ruht in Verzauberung. Jungfräulich geboren erscheint der Spross . Die Seele scheint unbefruchtet ihn geboren zu haben. Alle ihre anderen Geburten sind von der Sinnenwelt empfangen. Man sieht und tastet hier den Vater. Er hat sinnliches Leben. Der Gottes-Spross allein ist von dem ewigen, verborgenen Vater-Gott selbst empfangen.
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1 Ich habe im Jahre 2000 für die holländische Ausgabe von ‘Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Alterums’ ein von den zwei Nachwörter geschrieben.2 aus Steiners ‘Das Christentum als mystische Tatsache’