Fünf Minuten nach PISA und achtzig Jahre nach Steiner

Rudolf Steiner über die Deutschen

Vorbemerkung, Auswahl der Zitate, Absätze, Anpassung an neue Rechtschreibung und Zwischenüberschriften von Michael Eggert


Fünf Minuten nach der Pisastudie fallen die europäischen Nachbarn mit hämischen Kommentaren über den Bildungsstand der Deutschen her. Die Besserwessis finden sich plötzlich, erheblich irritiert, als Schlusslaterne der Entwicklung im "Euroland" wieder. Und müssen Behauptungen über sich ergehen lassen, sie seien nicht nur " "vom Fußballspielen einmal ganz zu schweigen"" "flächendeckend", ob in den Arbeitslosenzahlen oder der Produktivität der Nation "schlechter als der Durchschnitt geworden", sondern einfach "doofer und doofer" [1] . Das trifft.

Ein kleiner Schwenk zu Rudolf Steiner tröstet da auch nur wenig. Auch dieser spricht bei den Deutschen auf dem Weg zur Intellektualität erhebliche zu überwindende Widerstände an: Der Deutsche, der all seinen Bemühungen, vernünftig zu denken "nur etwas werden kann" " "ist" eben noch nicht. Die Neigungen, unpolitisch träumerisch idealisierten Blödsinn zu produzieren, und das als saftiger "Instinktmensch", scheinen in Rudolf Steiners Auffassungen den Bemühungen um intellektuelle Brillanz ziemlich hinderlich zu sein. So schlussfolgert Steiner folgerichtig, dass der typisierte Deutsche "beherrscht sein will". Nicht einmal 15 Jahre später hat die Geschichte Steiner recht gegeben.

In dem letzten Zitat singt er " leider auf reichlich kryptische Weise" dem deutschen Zweiflertum ein Loblied. Im Aushalten widersprüchlicher Sichten besteht nach Steiners Meinung eine Mission für den Deutschen. Die Positionierung zwischen allen Stühlen mag auch die beste für eine Art politisches und menschliches Mittlertum zu sein. Der Deutsche als intellektueller Dialektiker ? Als dialogisierender Zweifler ? Fünf Minuten nach Pisa und achtzig Jahre nach Steiner scheint sich in dieser Positionierung momentan nur Außenminister Joschka Fischer pudelwohl zu fühlen.


Auch wenns schwer fällt - der Deutsche muss intellektuell werden

"Während im Britentum die instinktive Anlage zur Entwickelung der Bewusstseinsseele vorhanden ist, muss der deutsche Mitteleuropäer, wenn er irgendwie die Bewusstseinsseele in sich rege machen will, dazu erzogen werden.

Weil das Zeitalter der Bewusstseinsseele eben zugleich das Zeitalter der Intellektualität ist, muss daher der Deutsche wenn er irgendwie die Bewusstseinsseele in sich rege machen will, ein intellektueller Mensch werden.

Daher haben gewissermaßen die Aufgaben der Deutschen nur diejenigen erreicht, welche in einer gewissen Weise ihre Selbsterziehung in die Hand genommen haben. Die bloßen Instinktmenschen bleiben in einer gewissen Weise zurück. Das ist auch der Grund dafür, warum das britische Volkstum von vornherein instinktiv zur Politik veranlagt ist, während das deutsche Volk ein apolitisches Volk ist. Der Engländer ist etwas; der Deutsche kann nur etwas werden". (GA 186. Seite 147 ff)


Die breite Masse will beherrscht werden

"Daher ist es so schwierig mit der deutschen Kultur, daher ragen immer nur einzelne Individualitäten heraus, die sich in die Hand genommen haben, während die breite Masse beherrscht sein will. Daher verfiel auch die mitteleuropäische Bevölkerung solchen Herrschaftsgelüsten, wie die der Habsburger und Hohenzollern es waren". (GA 186. Seite 147ff)


Der träumerische Idealismus der deutschen Politik

"Die deutschsprechende Bevölkerung wird durch ihre Politik zu etwas gebracht, was ihr eigentlich nicht liegt, wodurch sie sehr leicht in ein trübes Fahrwasser, in die Unwahrhaftigkeit kommen kann, namentlich, wenn sie sich den Instinkten überlässt. Das russische Volkstum ist nicht nur apolitisch wie das deutsche, sondern antipolitisch.

Daher wird britische Politik selbstsüchtig sein, deutsche Politik wird in träumerischen Idealismus, der mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun zu haben braucht, ausschlagen, mit allem " das ist jetzt nicht moralisch gemeint " Unwahrhaftigen, mit allem Theoretisierenden, denn alles Theoretisierende ist unwahrhaftig. Die russische Politik muss durch und durch unwahr sein, denn sie ist ein fremdes Element". (GA 186. Seite 153)


Trotz allem und alledem: Das Wesen des Deutschen ist der Zweifel

"Wenn jemand im Volkstum der Deutschen drinnen stehen bleibt, und er kommt an den Hüter der Schwelle, dann bemerkt er nicht die bösen Diener von Krankheit und Tod. Er bemerkt aber vor allen Dingen, wie ahrimanische und luziferische Mächte " die einen herüberstürmend aus der physischen Welt, die anderen heranstürmend aus der geistigen Welt " miteinander im Kampfe liegen, und wie dieser Kampf angeschaut werden muss, weil er eigentlich ein fortwährend fortlebender Kampf ist, weil man niemals dazu kommen kann, zu sagen: da wird der Sieg sein. Mit demjenigen macht man sich beim Hüter der Schwelle bekannt, was die eigentliche reale Grundlage des Zweifels ist, was einen geradezu ins Schwanken bringt, was aber zu gleicher Zeit dazu erzieht, die Welt von den verschiedensten Seiten anzuschauen.

Und das wird die besondere Mission, trotz allem und alledem, des Deutschtums sein, dass von dieser Seite es in die Weltkultur eingreift, auch als Deutschtum. Gewisse Dinge werden nur durch das deutsche Volkstum entwickelt werden können. (...)

Darauf hin ist die ganze Welt dressiert, einseitige Wahrheiten festhalten zu können. Die Deutschen sind dazu " ich möchte sagen, tragisch verurteilt, sich gegen ihre eigenen Anlagen abzustumpfen, wenn sie bei einer einseitigen Wahrheit verweilen wollen. Entwickeln sie ihre eigenen Anlagen, so wird ihnen sofort überall auftauchen, wenn sie sich nur ein wenig vertiefen: Wenn man irgendeine Behauptung macht über Weltenzusammenhänge, so ist das Gegenteil davon auch richtig. Und nur durch das Zusammenschauen der zwei ist es möglich die Wirklichkeit zu sehen. Das lernt man so recht erkennen beim Hüter der Schwelle."

(GA 186.Seite 149f)

[1] Stephan Selle, Lehrbeauftragter an der Uni Hamburg im Bereich Medienkultur, in: MACUP Magazin 02/02