Regina Reinsperger: Autismus-Syndrom

In der Woche nach Weihnachten hatte ich lieben Besuch von einem befreundetem Ehepaar mit ihrem erwachsenen, 26 jährigem Sohn: er ist Autist. Er lebt in einer deutschen Kleinstadt, in einer anderen als seine Eltern, in einem Heim für behinderte Erwachsene und arbeitet in einer beschützenden Werkstatt. Er arbeitet sehr gut, für ihn muss keine „Bedarfskraft“ auf 400 Euro Basis eingeplant werden, er schafft sein Pensum immer, wenn man auf seine Bedürfnisse Rücksicht nimmt: er braucht öfter mal eine 10 Minuten Pause, in der er aus dem Fenster schaut und beobachtet. Der junge Mann hat sich bestmöglich entwickelt.

An der Diagnosefindung vor 23 Jahren war ich mitbeteiligt. Den Eltern war aufgefallen, dass der Sohn neben einer verzögerten Sprachentwicklung noch andere Besonderheiten zeigte: er vermied den direkten Blickkontakt ihnen, fixierte auch die Dinge nicht und sah kurz und knapp an Personen und Dingen vorbei. Er ließ sich von der Mutter nicht umarmen und spielte weder mit der Mutter noch mit anderen Kindern, allein in seinem Zimmer probierte er jedoch alle seine Spielsachen aus. Die Mutter entdeckte eine relative Schmerzunempfindlichkeit und die Neigung sich selbst zu verletzen: er zog sich an seinen Ohren, schrie dabei durchdringend und konnte den Griff allein nicht wieder lösen. Bei Aufregung zeigte er ein typisches Schaukeln und legte großen Wert auf alltägliche Rituale: die Anordnung der Gegenstände auf dem Esstisch musste immer genau gleich sein, ebenso wie z.B. die Handlungen, bevor er zu Bett ging. Wurden sie nicht eingehalten, bekam er Stunden lang anhaltende Schreianfälle.

Diese Beispiele sind nur einige, herausgegriffen aus einem komplexen Verhaltens-Muster eines kleinen Kindes, dessen Entwicklung man zur Diagnosefindung über mehrere Jahre verfolgen muss. Bei diesem Kind konnte man die Diagnose jedoch schon im 4. Lebensjahr anhand einer typischen, autistischen Sonderbegabung feststellen: der Junge saß am Spieltisch blickte diesen mit geneigtem Kopf nur aus den Augenwinkeln an und konnte in dieser Haltung ein Puzzle mit 1000 Teilen in ca. 45 Minuten zusammenlegen.
Nun, dieser Junge hatte in gewisser Weise Glück, dass seine Störung früh diagnostiziert werden konnte und er so die notwendige Förderung erhalten konnte. Nicht so gut geht es hingegen Menschen, bei denen die Störungen nicht so massiv ausgeprägt sind, dass eine autistische Störung diagnostiziert wird. Meist liegt dann das „Asperger-Syndrom“ vor, darunter versteht man autistische Personen mit hohem Entwicklungsniveau (high-function autism). Diese so betroffenen Menschen gelten dann oft schon in Kindheits- und Jugendalter als komische Einzelgänger, Egoisten, oder besserwisserische und arrogante Typen mit einem komischen Hobby und werden von Gleichaltrigen gemieden. Wie kommt es zu solchen Aussagen? Dazu muss man ein wenig die häufigsten Probleme dieser Menschen mit autistischen Zügen kennen und da jedem von uns ein „unerkannter Autist“ im Berufs- oder Privatleben begegnen kann, seien hier zum besseren Verständnis für diese Personen einige der Probleme kurz aufgeführt (ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit!): sie liegen nämlich überwiegend im sozialen Bereich.
Kulturelle Normen, Werte und Formen des Zusammenseins lernen die meisten Menschen nebenbei. Wir haben keine detaillierten Anleitungen, die uns verstehen helfen, was für unsere Kultur wichtig ist. Soziale Regeln verstehen wir normalerweise spontan und intuitiv aus der Situation heraus, hierbei helfen uns verbale Kommunikation und nonverbale Signale der Menschen: Tonfall, Art des Sprachgebrauchs, Mimik, Körperhaltung, Gestik u.a. Für Personen mit Autismus ist das alles schwer zu verstehen und es ist ihnen oft ein Rätsel, wieso so viele soziale Regeln dehnbar und situationsabhängig sind. – Bleibt dieser Komplex unverstanden, erleben andere Menschen den Autisten als „taktlosen“ und „ungehobelten“ Menschen, der keine Erziehung genossen hat.

Autistische Menschen haben auch Schwierigkeiten, die Gefühle und Stimmungen, die Meinungen, Wünsche und Absichten anderer Menschen zu erfassen und Schlüsse aus den Äußerungen anderer zu ziehen. Sie können daher nicht erkennen, wem sie vertrauen können und wem nicht. Dieser Komplex setzt voraus, ein Bewusstsein davon zu entwickeln, dass verschiedene Leute verschiedenes Wissen besitzen, je nachdem, was sie gesehen oder erlebt haben. Es setzt eine Vorstellung darüber voraus, dass andere etwas anderes wissen können als ich („theory of mind“ - Normalerweise entwickeln Kinder dies zwischen dem 4 und 7. Lebensjahr). - Viele haben trotz guter Sprachbegabung auch Probleme, die in verschiedenen Situationen sich ändernden Bedeutungen zu verstehen. Die Worte werden verstanden, aber nicht immer die Intention oder die Bedeutung für den Sprecher, da dies eine ganzheitliche Erfassung der Situation auf verbaler und nonverbaler Ebene voraussetzt.

Personen mit Autismus haben ein geringes Verständnis für Ganzheiten: sie können nur schwer verschiedene Informationen und Erfahrungen kombinieren, um einen Zusammenhang zu erkennen. Sie haben Probleme, Schlüsse im Verhältnis zum Ganzen einer gegebenen Situation zu ziehen, da sie eine erhöhte Aufmerksamkeit für Details zeigen. Zum Beispiel können einzelne Wörter, geschrieben oder ausgesprochen, missverstanden werden, obwohl die Bedeutung des ganzen Satzes eindeutig ist. Mehrdeutige, metaphorische Wörter und Bezeichnungen können völlig wörtlich verstanden werden und zutiefst verunsichern: z.B. „aus der Mücke einen Elefanten machen“ Auch indirekte Ausdrücke wie z.B. „Es ist kalt hier“ oder „Ich würde es begrüßen, wenn das Fenster zu wäre.“ Werden nicht unbedingt als Aufforderung verstanden, das Fenster zu schließen. Wortwörtliches und pedantisches Verstehen von Aussagen ist nicht ungewöhnlich: Auf die Frage: „Möchtest du etwas Kaffee haben?“ beantwortete jemand mit nein, obwohl er gern Kaffee haben wollte: „Ich will viel Kaffee, nicht etwas“ antwortete er auf nochmalige Nachfrage. Diese Missverständnisse kommen vor, auch wenn der Betreffende ein reiches Vokabular, perfekte Grammatik- oder sogar Fremdsprachenkenntnisse hat. Und dieses mangelnde Sprachverständnis von „Mehrdeutigkeiten“ und das Unvermögen, Details in neue und größere oder ungewöhnliche Zusammenhänge zu denken, bedingt bei vielen autistischen Menschen eine auffallende Humorlosigkeit für Wort- und auch Bild-Witz.

Am Arbeitsplatz haben Menschen mit autistischen Zügen Schwierigkeiten, in der Nähe anderer oder in einer Gruppe zu arbeiten, passend auf Ansprache zu reagieren, höflich zu sein, Anweisungen zu verstehen, Unterbrechungen und Änderungen zu erdulden, oder am „Small talk“ teilzunehmen, den sie ob seiner Belanglosigkeiten als überflüssig empfinden, da sie die nonverbale Kommunikation nicht beherrschen und belanglose Aussagen nicht in ein Gesamtbild über den Gesprächspartner einbauen können. Ein small talk hat auch keine festen, logischen Regeln und verunsichert somit. Aber auch eigene Bedürfnisse müssen unterdrückt werden, man muss um Hilfe bitten können und darf nicht ungeduldig werde. Das alles sind Punkte, die höchste Konzentration für den Betroffenen erfordern. Als ideal für sich empfinden daher viele Autisten isolierte PC-Arbeitsplätze, am besten zu Hause.
Die Interessen sind in der Regel begrenzt. Menschen mit Hochschulreife studieren oft nur ein Fach, das nur wenige Vernetzungen in andere Fächer zeigt und Möglichkeiten zu einer Spezialisierung bietet. Ob der Autist nach dem Studium arbeiten kann, hängt in der Regel nicht von seiner fachlichen Qualifikation ab, sondern von seinen sozialen Fähigkeiten.

Viele dieser Menschen suchen sich auch im Privatleben ein Interessengebiet von ungewöhnlichem Inhalt, das sie auch ungewöhnlich schmalspurig vertieft betreiben und das oft nur wenig Bedeutung für das praktische Leben hat. Elemente von sich wiederholenden und systematisierendem Charakter werden bevorzugt. Die Art wie diese Interessen anderen Menschen präsentiert werden, erfolgt nach einem immer gleichbleibenden, logischen Schema und wird oft aggressiv präsentiert, besonders wenn die Umwelt verständnislos reagiert. Da nur Details gesehen werden können, es am oben genannten „theory of mind“ , an Sprachverständnis und am Verständnis für Ganzheiten fehlt, und die Umwelt meist die Art der Präsentation nicht als Ausdruck einer autistischen Störung sieht, kann sich kein fruchtbarer Dialog aufbauen, obwohl der Betroffene dies oft wünscht: er zeigt aber durchaus Ambivalenz und fordert oft demonstrativ Zuwendung und Abwendung gleichzeitig.

Wie schon aus dieser kurzen Darstellung ersichtlich, ist Autismus keine Charaktereigenschaft, sondern eine Behinderung, die auf verschiedener Stufe: „ganz leicht“ („Asperger“) bis „sehr schwer“ ausgeprägt sein kann und die dem Betroffenen die Chancen in der „Normalwelt“ und die eigene Lebensqualität sehr einschränkt – besonders auch, wenn es nicht zu einer Diagnose gekommen ist und die „Absonderlichkeiten“ des Betroffenen als Charaktereigenschaften missdeutet werden. Mittlerweile ist der Formenkreis des Autismus besser erforscht als noch vor 30 Jahren und den Betroffenen wird vielfältige Hilfe angeboten. Einen hohen Stellenwert hat hierbei das Sozialtraining, in dem versucht wird, normale Umgangsformen zu vermitteln. In der Gruppe kann man üben:

Fähigkeiten, die man benötigt, wenn man mit anderen zusammenkommt oder herausfinden will, was andere interessiert;
Den Gesprächspartner fragen, ob er an dem, was man erzählt interessiert ist (ebenso muss gelernt werden, sich nach der erhaltenen Antwort zu richten);
Gefühle und soziale Signale anderer Menschen beachten;
Gefühle ausdrücken, Fragen stellen, um Hilfe bitten, an einem Gesprächsthema festhalten
Lernen, dass einige Regeln flexibler sind als andere; dass wir es manchmal unterlassen die Wahrheit zu sagen, wenn diese andere verletzen kann.

Gute Arbeitsmethoden sind Rollenspiele, Lernen am Modell, Gespräche und Interaktion in Spielen und Freizeitaktivitäten. Übungen zum Verstehen von Humor und von Witzen sind hilfreich, ebenso Training in Selbstbehauptung. Inwieweit die Gruppenteilnehmer das Gelernte auf praktische Situationen übertragen können, ist individuell sehr unterschiedlich.

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Quellen: 1. Kari Steindal: „Das Asperger-Syndrom“ Herausgeber: Bundesverband Hilfe für das autistische Kind und Vereinigung zur Förderung autistischer Menschen, Hamburg 1997
2. „Autistische Kinder brauchen Hilfe“ Elternverband „Hilfe für das autistische Kind“, München 1998