Regina Reinsperger: Märchen

„Alles im Märchen tritt so auf, dass die verschiedenen Vorgänge und Bilder nichts anderes sind, als die Wiedererzählungen astralischer Erlebnisse. Solche astralischen Erlebnisse hatten in einer gewissen Urzeit alle Menschen. Dann wurden sie immer seltener und seltener. Die einen Menschen erzählten sie den anderen, die nahmen sie auf, und so wanderten die Märchen von Gegend zu Gegend. In den verschiedensten Sprachen traten sie auf, und wir merken die Ähnlichkeit des Märchenschatzes über die ganze Welt, wenn wir die ihnen zugrunde liegenden astralischen Erlebnisse herausschälen können.“ (1)
„Wer nicht vermag in Vorstellungen zu leben, die für den physischen Plan keine Wirklichkeit haben, der stirbt für die geistige Welt.“ (2)


1) Rudolf Steiner: „Die Beantwortung von Welt und Lebensfragen durch die Anthroposophie“ (1908/09) GA 108, Seite 167 ff
2) Rudolf Steiner: „Wie erwirbt man sich Verständnis für die geistige Welt“ (1914), GA 154, Seite 132


Die verzauberte Prinzessin
Märchen von Ludwig Bechstein


Es war einmal ein armer Handwerksmann, der hatte zwei Söhne, einen guten, der hieß Hans, und einen bösen, der hieß Helmerich. Wie das aber wohl geht in der Welt, der Vater hatte den bösen mehr lieb als den guten.

Nun begab es sich, dass das Jahr einmal ein mehr als gewöhnlich teures war und dem Meister der Beutel leer ward. Ei! Dachte er, man muss zu leben wissen. Sind die Kunden doch so oft zu dir gekommen, nun ist es an dir höflich zu sein und dich zu ihnen zu bemühen. Gesagt, getan. Früh morgens zog er aus und klopfte an mancher stattlicher Tür; aber wie es sich denn so trifft, dass die stattlichsten Herren nicht die besten Zahler sind, die Rechnungen zu bezahlen hatte niemand Lust. So kam der Handwerksmann müde und matt des Abends in seine Heimat und trübselig setzte er sich vor die Tür der Schenke ganz allein, denn er hatte weder das Herz mit den Zechgästen zu plaudern, noch freute er sich auf da lange Gesicht seines Weibes. Aber wie er da saß in Gedanken versunken, konnte er doch nicht lassen hinzuhören auf das Gespräch, das drinnen geführt ward. Ein Fremder, der eben aus der Hauptstadt angelangt war, erzählte, dass die schöne Königstochter von einem bösen Zauberer gefangen gesetzt sei und müsse im Kerker bleiben ihr lebelang, wenn nicht jemand sich fände der die drei Proben löste, welche der Zauberer gesetzt hatte. Fände sich aber einer, so wäre die Prinzess sein und ihr ganzes herrliches Schloss mit all seinen Schätzen. Das hörte der Meister zuerst mit halben Ohr, dann mit dem ganzen und zuletzt mit allen beiden, denn er dachte: mein Sohn Helmerich ist ein aufgeweckter Kopf, der wohl den Ziegenbock balbieren möchte, so das einer von ihm heischte; was gilt´s, er löst die Proben und wird der Gemahl der schönen Prinzess und Herr über Land und Leute. Denn so hatte der König, ihr Vater, verkünden lassen. - Schleunigst kehrte er nach Haus und vergaß seine Schulden und Kunden über der neuen Mär, die er eilig seiner Frau hinterbrachte. Des anderen Morgen schon sprach er zum Helmerich, dass er ihn mit Ross und Wehr ausrüsten wolle zur Fahrt, und wie schnell machte der sich auf die Reise! Als er Abschied nahm, versprach er seinen Eltern, er wolle sie samt seinem dummen Bruder Hans gleich holen lasse in einem sechsspännigen Wagen; denn er meinte schon, er wäre König. Übermütig wie er dahin zog, ließ er seinen Mutwillen aus an allem, was ihm in den Weg kam. Die Vögel, die auf den Zweigen saßen und den Herrgott lobten mit Gesang, wie sie es verstanden, scheuchte er mit der Gerte von den Ästen und kein Getier kam ihm in den Weg, an dem er nicht seinen Schabernack ausgelassen hätte. Und zum ersten begegnete er einem Ameisenhaufen; den ließ er sein Ross zertreten, und die Ameisen, die erzürnt an sein Ross und an ihn selbst krochen und Pferd und Mann bissen, erschlug und erdrückte er alle. Weiter kam er an einen klaren Teich, in dem schwammen zwölf Enten. Helmerich lockte sie ans Ufer und tötete deren elf, nur die zwölfte entkam. Endlich traf er auch einen schönen Bienenstock; da machte er es den Bienen wie er es den Ameisen gemacht. Und so war seine Freude die unschuldige Kreatur nicht sich zum Nutzern, sondern aus bloßer Tücke zu plagen und zu zerstören.

Als Helmerich nun bei sinkender Sonne das prächtige Schloss erreicht hatte, darin die Prinzessin verzaubert war, klopfte er gewaltig an die geschlossene Pforte. Alles war still; immer heftiger pochte der Reiter. Endlich tat sich ein Schiebefenster auf und hervor sah ein altes Mütterlein mit spinnwebfarbigem Gesichte, die fragte verdrießlich, was er denn begehre. „Die Prinzess will ich erlösen“, rief Helmerich, „geschwind macht mir auf.“ „Eile mit Weile, mein Sohn“, sprach die Alte; „morgen ist auch ein Tag, um neun Uhr werde ich dich hier erwarten.“ Damit schloss sie den Schalter.

Am anderen Morgen um neun Uhr, als Helmerich wieder erschien, stand das Mütterchen schon seiner gewärtig mit einem Fässchen voll Leinsamen, den sie ausstreute auf eine schöne Wiese. „Lies´ die Körner zusammen“, sprach sie zu dem Reiter, „in einer Stunde komme ich wieder, da muss die Arbeit getan sein.“ - Helmerich aber dachte, dass sei ein alberner Spaß und es lohne nicht sich darum zu bücken; er ging derweil spazieren und als die Alte wiederkam, war das Fässchen so leer wie vorher. „Das ist nicht gut“, sagte sie. Darauf nahm sie zwölf goldene Schlüsselchen aus der Tasche und warf sie einzeln in den tiefen dunklen Schlossteich, „Hole die Schlüssel herauf“, sprach sie, in einer Stunde komme ich wieder, da muss die Arbeit getan sein.“ Helmerich lachte und tat wie vorher. - Als die Alte wiederkam und auch diese Aufgabe nicht gelöst war, da rief sie zweimal: „Nicht gut! Nicht gut!“ Doch nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn die Treppe hinauf in den großen Saal des Schlosses; da saßen drei Frauenbilder, alle drei in dichte Schleier verhüllt. „Wähle, mein Sohn“, sprach die Alte, „aber sieh´ dich vor, dass du recht wählst. In einer Stunde komme ich wieder.“ Helmerich war nicht klüger, da sie wiederkam als da sie wegging; übermütig aber rief er aufs Geratewohl: „Die zur Rechten wähle ich.“ - Da warfen alle drei die Schleier zurück; in der Mitte saß die holdselige Prinzess, rechts und links zwei scheußliche Drachen, und der zur Rechten packte Helmerich in seine Krallen und warf ihn durchs Fenster in den tiefen Abgrund.

Ein Jahr war verflossen, seit Helmerich ausgezogen die Prinzess zu erlösen und noch immer war bei den Eltern kein sechsspänniger Wagen angelangt. „Ach!“ sprach der Vater, „wäre nur der ungeschickte Hans ausgezogen statt unseres besten Buben, da wäre das Unglück doch geringer.“ - „Vater“, sagte Hans, „lass mich hin ziehen, ich will´s auch probieren.“ Aber der Vater wollte nicht, denn was dem Klugen misslingt, wie führt das der Ungeschickte zu Ende? Da der Vater ihm Ross und Wehr versagte, machte Hans sich heimlich auf und wanderte wohl drei Tage denselben Weg zu Fuß, den der Bruder in einem geritten war. Aber er fürchtete sich nicht, und schlief des Nachts auf dem weichen Moos unter den grünen Zweigen so sanft wie unter dem Dach der Eltern; die Vögel des Waldes scheuten nicht vor ihm, sondern sangen ihn in Schlaf mit ihren besten Weisen. Als er nun an die Ameisen kam, die beschäftigt waren ihren neuen Bau zu vollenden, störte er sie nicht, sondern wollte ihnen helfen, und die Tierchen, die an ihm herauf krochen, las er ab ohne sie zu töten, wenn sie ihn auch bissen. Die Enten lockte er auch ans Ufer, aber um sie mit Brosamen zu füttern; den Bienen warf er die frischen Blumen hin, die er am Weg gepflückt hatte. So kam er fröhlich an das Königsschloss und pochte bescheiden am Schalter. Gleich tat die Türe sich auf und die Alte fragte nach seinem Begehr. „Wenn ich nicht zu gering bin, möchte ich es auch versuchen die schöne Prinzess zu erlösen“, sagte er. „Versuche es, mein Sohn“, sagte die Alte „aber wenn du die drei Proben nicht bestehst, kostet es dein Leben.“ „Wohlan, Mütterlein“, sprach Hans, „sage, was ich tun soll.“ Jetzt gab die Alte ihm die Probe mit dem Leinsamen. Hans war nicht faul sich zu bücken, doch schon schlug es drei Viertel und das Fässchen war noch nicht halb voll. Da wollte er schier verzagen; aber auf einmal kamen schwarze Ameisen mehr als genug und in wenigen Minuten lag kein Körnlein mehr auf der Wiese. Als die Alte kam, sagte sie: „Das ist gut!“ und warf zwölf Schlüssel in den Teich, die sollte er in einer Stunde herausholen. Aber Hans brachte keinen Schlüssel aus der Tiefe; so tief er auch tauchte, er kam nicht an den Grund. Verzweifelnd setzte er sich ans Ufer; da kamen die zwölf Entchen herangeschwommen, jede mit einem goldenen Schlüsselchen im Schnabel, die warfen sie ins feuchte Gras. So war auch diese Probe gelöst, als die Alte wiederkam, um ihn nun in den Saal zu führen, wo die dritte und schwerste Probe seiner harrte. Verzagend sah Hans auf die drei gleichen Schleiergestalten; wer sollte ihm hier helfen? Da kam ein Bienenschwarm durchs offene Fenster geflogen, die kreisten durch den Saal und summten um den Mund der drei Verhüllten. Aber von rechts und links flogen sie schnell wieder zurück, denn die Drachen rochen nach Pech und Schwefel, wovon sie leben; die Gestalt in der Mitte umkreisten sie alle und surrten und schwirrten leise: „Die Mittle, die Mittle.“ Denn da duftete ihnen der Geruch ihres eigenen Honigs entgegen, den die Königstochter so gern aß. Also, da die Alte wiederkam nach einer Stunde, sprach Hans ganz getrost: „Ich wähle die Mittle.“ Und da fuhren die bösen Drachen zum Fenster hinaus, die schöne Königstochter aber warf ihren Schleier ab und freute sich der Erlösung und ihres schönen Bräutigams. Und Hans sandte dem Vater der Prinzess den schnellsten Boten und zu seinen Eltern einen goldenen Wagen mit sechs Pferden bespannt und sie alle lebten herrlich und in Freuden, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.


Einige Symbole des Märchens
erläutert nach dem „Lexikon der Symbole“ von Gerd-Heinz Mohr, erschienen in Dietrichs Gelbe Reihe, München 1998

AMEISE
Im alten China Symbol der Tugend und der Vaterlandsliebe, in Rom als Getreidesammlerin der Fruchtbarkeitsgöttin Ceres zugeordnet, spielt wegen ihres geordneten Fleißes auch in der griechischen Mythologie eine gewisse Rolle und dient in der Bibel (Sprüche 6, 6ff; 30, 24ff) ebenfalls als Vorbild der Klugheit und Arbeitsamkeit. Die Kirchenväter (z.B. Augustinus) können sie zum Symbol christlicher Glaubens- und Lebenspraxis machen.

BIENE
Die Symbolbedeutung der Biene gründet sich besonders auf ihren Fleiß (Bibel: Sprüche 6,8,Septuagintatext) und die Organisation ihres Lebenszusammenhanges. „Die Biene saugt an den Blüten einer ganzen Wiese, um daraus doch nur einen einzigen Honig zu machen“ (Clemens von Alexandria). „Ahmet die Klugheit der Bienen nach!“ predigte Theolept von Philadelphia und zitierte die Bienen als Beispiel für das geistliche Leben der monastischen Gemeinschaften. So ist sie ein uraltes Symbol einer frommen Gemeinde. Ambrosius vergleicht die Kirche mit einem Bienenkorb und den Christen mit einer dem Stock stets treuen und fleißig darin arbeitenden Biene, die den bösen Rauch der Hoffart, Schmeichelei etc. hasse und, die Blumen prüfend, von allem nur das Beste, den Honig behalte. In Frankreich war die Biene unter Napoleon Herrscher Symbol. Zugrunde liegt das Bild der Königin (die man lange für einen König hielt!) an der Spitze eines fleißigen und gedeihlichen Gemeinwesens. - Die Hieroglyphe der Biene mit sechs Beinen ist Zeichen für das Rad mit sechs Strahlen, daher Sonnensymbol. Bei den alten Griechen hieß sie „das priesterliche Tier“, weil sie alles Unreine meidet und nur vom Duft der Blume lebt. Daher ist sie auch im Abendland Sinnbild der Reinheit. Für Bernhard von Clairvaux repräsentierte die Biene den Heiligen Geist. Ihre zielgerichtete Arbeit hat sie zum Symbol der theologischen Tugend und der Hoffnung werden lassen.

BIENENKORB
Symbol der Kirche, außerdem eins der Attribute des heiligen Ambrosius, Bischof von Mailand, weil Bienen ihm, als er schlief, Honig auf die Lippen legten, ferner auch der Heiligen Johannes Chrysostomos und Bernhard von Clairvaux infolge ihrer „wie Honig fließenden“ Redekunst.

VÖGEL
In der christlichen Kunst begegnen Vögel zum ersten Mal in der Domitilla-Katakombe in Rom, dann auf zahlreichen Fresken, Gemälden, Reliefs, Mosaiken usw. Taube und Pfau sind häufig, Hahn Ente, Fasan usw. seltener. Besonders auf Mosaiken begegnende Darstellungen zahlreicher Vögel und anderer Tiere inmitten dekorativer Weinranken weisen auf das Schöpfungswerk im Allgemeinen. Auch auf den Darstellungen der Jahreszeiten spielen Vögel eine Rolle. Wenn auf Muttergottes-Statuen das Christus-Kind mit einem Vogel spielt, liegt häufig die auf die Katakomben-Kunst zurückgehende Symbolik der geretteten Seele zugrunde.

DRACHE
Für die ersten christlichen Generationen stellt der Drache im Anschluss an die Vernichtung des Drachen zu Babel durch Daniel (Apokryphen zum Buch Daniel des A.T)und die Endgerichtsvision der Offenbarung Johannes (Kapitel: 12: 3,7,9; 13:2.11; 20: 2), die Verkörperung des bösen Prinzips dar. In diesem Sinne ist der Drache mit der Schlange identisch. Der Kirchenvater Origines hat diese Identität formuliert. Für die Kirchenväter ist der Drache ein Repräsentant des Teufels, eine giftige und feuerspeiende Riesenschlange, die im Wasser lebt. In die Luft erhebt sie sich nur selten. Die Bilder, auf denen der Erzengel Michael, der heilige Georg oder Christus selbst als Drachentöter dargestellt sind, sind alten Ursprunges und weit verbreitet.
Anmerkung: das obige Märchen kennt zwei Drachen!

SCHLÜSSEL
Die Symbolik des Schlüssels bezieht sich auf die Tatsache, dass er sowohl öffnet, wie auch schließt. Der Inhaber des Schlüssel hat besondere Vollmacht (Apokalypse 1,18; 3,7). In der christlichen Kunst wird gem. Matthäus 16,19 und 18,18 die besondere Vollmacht des Apostel Petrus und des gesamten Jünger-Kreises: zu binden und zu lösen , dargestellt.

DIE ZAHL ZWÖLF
Ist eine der bedeutendsten Zahlen und ein Leitmotiv der Bibel: 12 Stämme Israels, 12 Edelsteine auf dem Brustschild des Hohenpriesters, 12 kleine Propheten, 12 Apostel. 12 Stunden haben Tag und Nacht, 12 Monate ein Jahr, 12 Tierkreiszeichen stehen am Himmel. Während der Nacht sang man 12 Psalmen, nach Benedikt von Nursia hat die Leiter des Jakobs-Traumes als Leiter der Tugenden 12 Sprossen. In der Johannes – Apokalypse begenet man der Zwölfzahl zweiundzwanzigmal, die himmlische Stadt Jerusalem ist ganz von der Zwölfzahl bestimmt.

DIE ZAHL ELF
Elf bedeutet nach der Lehre der Kirchenväter die Sünde, denn die Elf überschreitet die Zehn, die Zahl des Dekaloges (= 10 Gebote des AT), und die Sünde ist Überschreitung des Gesetzes. Es ist damit eine negativ geladene, destruktive Zahl. Wo sich Darstellungen der Apostel auf elf beschränken, ist auf ihre Zahl nach dem Verrat des Judas, D.H. auf den Ausgangspunkt der Passion Christi angespielt.

DIE ZAHL NEUN
Die Neun steht als Dreimaldrei in Bezug zur Dreifaltigkeit; es ist die Zahl der Engelchöre. Durch neun Planetensphären gelangt man zum zehnten Bereich: dem Empyreum, Ort der Erlösten. Daher ist die Zahl Neun häufig mit den Stufen der Erlösung, dem Himmelsweg der Seele verbunden. Christi Kreuzestod fand um die neunte Tagesstunde statt (15 Uhr).

WASSER
Das Wasser des Lebens (z.B. der menschliche Körper besteht überwiegend aus Wasser): ohne Wasser kann auf der Erde kein Leben sein. Wasser wird zur Taufe verwendet (Jordantaufe Jesu durch Johannes) Es ist das Symbol der Reinigung. Und auch im neuen Testament kommt das Motiv des Wassers immer wieder vor: Jesus predigt vom Boot aus oder am Ufer des See Genezareth. Johannes empfängt die Apokalypse, als er am Ufer des Meeres war. Das Wasser ist also auch Sinnbild für die andere Sphäre: die geistige Welt