Regina Reinsperger: Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft in der NS-Zeit


Wer sich nicht nur mit der Geschichte des europäischen Judentum im 20. Jahrhundert, sondern auch einmal in einer wissenschaftlichen Bibliothek (und nicht nur im Internet) mit der Geschichte des Judentum im Deutschen Reich des 19. Jahrhunderts befasst hat, findet dabei selbstverständlich auch überaus reichliches Material über den Antisemitismus. Man ist erschüttert, wer sich alles negativ über „die Juden“ geäußert hat: angesehene Philosophen, Theologen, Wirtschaftswissenschaftler, Politiker, Journalisten und Bürger, die sogar unzählige „Antisemitische Vereine“ gegründet haben und überaus erfolgreich Mitglieder warben. Selbstverständlich stößt man bei dieser Beschäftigung auch auf die Rassentheoretiker, die sich gern einen wissenschaftlichen Anstrich gaben und nicht nur gegen die „jüdische Rasse“ hetzten. Alles in allem ist es ein beschämendes Thema, ähnlich der Inquisition des Mittelalters.

Nur eins lässt sich nicht finden: Schriften Rudolf Steiners, die den theoretischen Rassismus vorbereitet oder gefördert haben. Ihn dessen zu beschuldigen entspricht der Ebene, die Philosophie des Aristoteles auf seine Äußerungen über das Nicht-Menschsein der Sklaven und das nicht voll entwickelte Menschsein der Frauen und Kinder zu reduzieren oder die Philosophie des Thomas von Aquin an seiner Ansicht über die Frauen zu messen, mit der er aber „im Trend der Zeit“ lag. Da eine weitere Ausführung den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, hier nur ein kurzes Zitat Steiners aus dem Jahre 1909 über die Rassen: „Was wir heute Rassen nennen, das sind nur noch Überbleibsel jener bedeutsamen Unterschiede der Menschen, wie sie in der alten Atlantis üblich waren. So recht anwendbar ist der Rassebegriff nur auf die alte Atlantis. (GA 117, Seite 151)“ „Die alte Atlantis“ entspricht dabei einer wissenschaftlich nicht belegbaren Zeit kurz nach den Dinosauriern, hat also mit unserer realen Gegenwart nicht das Mindeste zu tun. „Aber jetzt schon hört der Rassebegriff auf, in Bezug auf die Entwicklung der Menschheit einen rechten Sinn zu haben. (GA 130, Seite 169)“. Wer sprach sonst solch einen Gedanken aus in einer Zeit, in der Antisemitismus und abenteuerliche Rassentheorien als „normal“ empfunden wurden? Und welcher Rassentheoretiker verkehrte mit den von ihm verachteten Menschen jüdischen Glaubens?

In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts schrieb Rudolf Steiner Artikel für „Das Magazin für Literatur“. Dessen Verleger , Emil Felber, schrieb im September 1897 an Rudolf Steiner: „Man braucht nicht gerade Antisemit zu sein, um Nummern wie die dies-wöchentliche denn doch nicht gerade gern zu sehen. Die Nummer macht den Eindruck eines Magazins für das Judentum. Jüdische Fragen und lauter jüdische Autoren; denn Ihrem Namen nach wird man Sie in den meisten Fällen auch zum auserwählten Volk rechnen.“ - Zu dieser Zeit lag der Berliner Antisemitismus-Streit, der die Gemüter allseits heftig bewegt hatte, erst wenige Jahre zurück.
Im Mai 1900 war der Literatenkreis „Die Kommenden“ von dem Dichter Ludwig Jacobowski gegründet worden. Jakobowski war auch Mitarbeiter des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus“. Zu den Mitgliedern der „Kommenden“, die sich wöchentlich trafen, gehörten u.a. Else Lasker-Schüler, Stefan Zweig, Ephraim Moses Lilien, Käthe Kollwitz und Frank Oppenheimer. Nach dem Tod Jakobowskis im Dezember 1900 übernahm Rudolf Steiner die Leitung der „Kommenden“.
Auch die Nationalsozialisten rechneten die Anthroposophie keinesfalls zu ihren ideologischen Wegbereitern. Anbei einige Auszüge aus dem Bericht des Sicherheitshauptamtes (SD) Berlin über die Anthroposophische Gesellschaft vom 8. Mai 1935. Dieser Bericht war die Grundlage für das Verbot (Quelle: Bundesarchiv Berlin Z/B 1 903)

„Als Anthroposoph war Steiner internationaler Pazifist und Weltverbrüderer. Er propagierte offen die Abkehr vom Rassenprinzip, hatte enge Beziehungen mit ausländischen Freimaurern, Juden, Pazifisten …..“
„Bezeichnend ist auch, dass nach Steiners Tod ein Jude, und zwar der ehemalige Stuttgarter Fabrikant Dr. Karl Unger, Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft wurde.“
„Zwischen 1899 und 1902 war Steiner Lehrer an der marxistischen Liebknecht-Schule und rühmte sich öffentlich seiner Beziehung zu Liebknecht. Er bewarb sich im Revolutionsjahr 1918 mit Hilfe seiner kommunistischen Freunde um einen württembergischen Ministersessel. Später trat er mit dem verkappten kommunistischen Dreigliederungsprojekt an die Öffentlichkeit. Für die anarchisch-kommunistische Gesinnung der Anthroposophen sprechen auch die Erklärungen zum Marxismus und für Rosa Luxemburg (im Volkshaus Zürich 1919), sowie das landesverräterische Treiben bei den Wahlen in Oberschlesien und im Saargebiet.“
„Es bestehen heute noch in Deutschland anthroposophische Schulen, in denen Steiners Unterrichtsmethoden angewandt werden. Die Pädagogik Steiners steht in unvereinbarem Gegensatz zum Nationalsozialismus. Die Schulen verfolgen eine individualistische, nach dem Einzelmenschen ausgerichtete Erziehung, die nichts mit den nationalsozialistischen Erziehungsgrundsätzen gemein hat. Der Nationalsozialismus erstrebt die pflichtbewusste, kämpferische Persönlichkeit, die nach dem gesamten deutschen Volk ausgerichtet ist. ..“

Rudolf Steiner und seine Anthroposophie werden also ausdrücklich als nicht zu den Nationalsozialistischen Ideen passend charakterisiert, da Steiner „offen die Abkehr vom Rasseprinzip“ propagierte und ein „internationaler Pazifist und Weltverbrüderer“ war und zudem noch mit „anarchischen“ Kommunisten bekannt war und mit ihnen auf Grund seiner „verkappten kommunistischen“ Dreigliederungs-Ideen auch noch „paktierte“.
Das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland wurde dann am 1. November 1935 ausgesprochen. Es hatte folgenden Wortlaut:

Preußische Geheime Staatspolizei Berlin, den 1. November 1935. Der stellv. Chef und Inspekteur II 1 B 2 69121/766 L/35
Betrifft: Anthroposophische Gesellschaft
Aufgrund des § 1 der VO. Des Herrn Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. 2. 1933 löse ich mit sofortiger Wirkung die im Gebiete des deutschen Reiches bestehende Anthroposophische Gesellschaft auf. Das Vermögen der Organisation wird beschlagnahmt. Die Neugründung der Gesellschaft sowie die Schaffung getarnter Nachfolgeorganisationen wird bei Androhung der Folgen aus § 4 dieser Verordnung verboten.
Gründe: Nach der geschichtlichen Entwicklung der anthroposophischen Gesellschaft ist diese international eingestellt und unterhält auch heute noch enge Beziehungen zu ausländischen Freimaurern, Juden und Pazifisten. Die auf der Pädagogik des Gründers Steiner aufgebauten und in den noch heute bestehenden anthroposophischen Schulen angewandten Unterrichtsmethoden verfolgen eine individualistische nach dem Einzelmenschen ausgerichtete Erziehung, die nichts mit den nationalsozialistischen Erziehungsgrundsätzen gemein hat. Infolge ihres Gegensatzes zu dem vom Nationalsozialismus vertretenen völkischen Gedanken besteht die Gefahr, dass durch die weitere Tätigkeit der Anthroposophischen Gesellschaft die Belange des nationalsozialistischen Staates geschädigt werden.
Die Organisation ist daher wegen staatsfeindlichen und staatsgefährlichen Charakters aufzulösen.
i.V. gez. H e y d r i c h
(Quelle: Bundesarchiv Berlin, Z/B 1 904 )

Auch hier wird von Seiten der nationalsozialistischen Ideologen noch einmal ausdrücklich festgestellt, dass Steiners Anthroposophie in keiner Weise mit dem Nationalsozialismus kompatibel ist.
Dass es in dieser Zeit Anthroposophen gegeben hat, die dies anders sahen, ist nur natürlich, wenn man bedenkt, wie wenige Menschen in diesen Zeiten der Massen-Suggestion und Propaganda noch eigenständig denken konnten. Hannah Arendt spricht 1946 von einer „überdimensionalen Totalität“ der Schuld, zu dem „Verwaltungsmassenmord“ habe man ein ganzes Volk gebraucht und konnte es dazu gebrauchen. Die braunen Mitläufer unter den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft und einige Täter lassen sich Rudolf Steiner nicht anlasten, das haben die Nazis selbst schriftlich bestätigt.

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Quellen:
Monumenta Judaica, Hrsg.: Konrad Schilling im Auftrage der Stadt Köln, 1963
Walter Kugler: „Rudolf Steiner, wie manche ihn sehen und andere wahrnehmen“, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008
Uwe Werner: „Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945), Oldenburg Verlag München 1999
Hannah Arendt: „Organisierte Schuld“ in: „Die Wandlung“, Heidelberg 1946