Regina Reinsperger:
Ralf Sonnenberg (Hrsg.): Anthroposophie und Judentum


Unter diesem Titel erscheint in den nächsten Tagen ein 160 Seiten Band in der Schriftenreihe „Kontext“ des info 3 Verlages mit Beiträgen diverser Autoren. Herausgeber ist Ralf Sonnenberg, von dem bereits ein profunder, ausgewogener und sachlicher Beitrag auf den Egoisten-Seiten zu finden ist (siehe unter Autoren).

Sonnenberg, geb. 1968, war von 2001 bis 2007 Mitglied der Redaktion der anthroposophischen Kulturzeitschrift „Die Drei“. Er ist studierter Historiker und Religionswissenschaftler und lebt heute in Berlin. Seine Kompetenz in dem schwierigen und heiklen Thema hat er bereits mit einem Beitrag in dem führenden deutschsprachigen Publikationsorgan des Zentrums für Antisemitismusforschung bewiesen. Im „Jahrbuch für Antisemitismusforschung“ das von Professor Wolfgang Benz herausgegeben wird, erschien 2003 ein Beitrag von Ralf Sonnenberg, der jetzt von ihm überarbeitet und unter der Überschrift „…ein Fehler der Weltgeschichte? – Rudolf Steiners Sicht des Judentums zwischen spiritueller Würdigung und Assimilationserwartung“ in das Buch aufgenommen wurde.

Da ich erst vor wenigen Tagen ein Vorabexemplar bekommen habe, habe ich das Buch noch nicht vollständig gelesen und werde Inhaltliches in einem weiteren Beitrag anmerken und vorerst das Buch nur formal vorstellen: es ist in drei Teile gegliedert und das Vorwort schrieb der in Frankfurt lebenden jüdischen Theologen Dr. Yuval Lapide, (geb. 1961 in Jerusalem), der sich mit rabbinischer Bibelexegese und mittelalterlicher jüdischer Philosophie und Mystik befasst hat.
Der „ Teil I. Forschung: Anthroposophie und Judentum“ enthält drei Beiträge: den oben genannten Artikel von Sonnenberg als Hauptartikel und einen weiteren unter dem Titel: „Metahistorisches oder zeitabhängiges Wissen? Chancen und Grenzen der historisch-kritischen Beschäftigung mit dem Werk Rudolf Steiners“ – schon der Titel macht neugierig. Eine kurze Darstellung von Lorenzo Ravagli: „Die Darstellung Jahwes im esoterischen Werk Rudolf Steiners“ beschließt den ersten Teil des Buches.

Der Teil II steht unter dem Thema „Zeitgeschichte: Portraits“. Hier bringt der Pädagoge, Waldorflehrer und ehemalige Journalist der Zeitung „Novalis“ Hans-Jürgen Bracker (geb.1961) einen Beitrag.: „Humanistischer Zionismus - Hugo Bergmann, Ernst Müller und der Palästina Konflikt.“ Der Zionist und Philosoph Professor Schmuel Hugo Bergmann war vor dem 1. Weltkrieg zeitweilig Schüler Rudolf Steiners und regte 1961 an der Hebräischen Universität Jerusalem eine Feier zu Rudolf Steiners 100. Geburtstag an. Man darf gespannt sein.

Es folgt ein Artikel über eine Spurensuche um Ernst Müller. „Für den Zionisten und Kabbalisten Ernst Müller erschloss sich die zeitlose jüdische Mystik mit Hilfe der Anthroposophie“ berichtet der Autor Nathanael Riemer, der Jüdische Studien, Germanistik und Philosophie in Köln, Jerusalem und Tel Aviv studiert hat. Seit 2004 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am renommierten Institut für Jüdische Studien am Institut für Religionswissenschaften in Potsdam.
Ein Beitrag von Maja Rehbein schließt sich an: „könnte man als Freier unter Freien leben…“ Sie berichtet über Berta Fanta, Ida Freund und den „Prager Salon“, den auch Rudolf Steiner bei seinen Aufenthalten in Prag besuchte. Wegen der langen Trennung Prags vom Westen Europas durch den „eisernen Vorhang“ ist den meisten heute nicht mehr bekannt, dass Prag nicht nur über Jahrhunderte ein jüdisches, geistiges Zentrum war, sondern um 1900 auch ein künstlerisches (Kafka, Werfel, Meyerbeer u.v.a.) und auch die unterschiedlichsten esoterischen Kreise und Logen dort zu Hause waren. - Maja Rehbein ist 1947 in Greiz/Thüringen geboren und in Jena und Greifwald zur Schule gegangen. Ihr Medizinisches Staatsexamen legte sie in Dresden ab. Nach einer medizinischen Tätigkeit im stationären und ambulanten Bereich arbeitet sie seit 1994 arbeitet sie als freie Autorin.

Verena Naegele studierte Geschichte und Musikwissenschaft in Zürich und promovierte mit einer Arbeit über Richard Wagner. Sie arbeitete im Bereich Regie und Dramaturgie und als Kulturredakteurin. Jetzt ist sie freischaffende Publizistin, Agentin für Musik und Leiterin des Musikfestivals Klang-November in Aarau. Sie erinnert unter dem Titel: „Komponieren in verlorener Zeit“ an Viktor Ullmann, der am 18. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Der abschließende dritte Teil des Buches steht unter dem Thema: „Erfahrungen: Jüdische Spiritualität heute“ und bringt je einen Beitrag von Gerhard Wehr und Janos Darvas. Gerhard Wehr, geb. 1931 in Schweinfurt, war lange Jahre auf verschiedenen Gebieten der Diakonie der evangelischen Kirche in Bayern tätig und von 1970 – 1990 Lehrbeauftragter an der evangelischen Fachakademie für Sozialpädagogik in Rummelsberg. Er lebt jetzt als freier Schriftsteller bei Nürnberg und beschreibt aus der Sicht Hugo Bergmanns und Albert Steffens Martin Bubers Missverstehen der Anthroposophie: „Was sollen uns, wenn es sie gibt, die oberen Welten?“ – man darf neugierig sein, auf diese Auseinandersetzung.
Als letzter Beitrag folgt der von Janos Darvas. Darvas wurde 1948 in einer jüdischen Familie in Budapest geboren und studierte Philosophie in Wien und Paris. Seit 1973 arbeitet er als Waldorflehrer und ist langjähriger fachlicher Leiter des Institutes für Waldorfpädagogik in Solymar/Ungarn. Er ist außerdem Redakteur der Monatszeitung „info 3“ und Korrespondent der Wochenzeitung „Das Goetheanum“ und schreibt Kommentare und Essays zu zeitgeschichtlichen, spirituellen und religiösen Fragen in deutsch- und französischsprachigen Zeitungen. Er beschäftigt sich in seinem Buchbeitrag unter dem Titel: „Spirituelle Praxis als Einigungsprozess“ mit der Esoterik des Ich in der Anthroposophie und der Kabbala.
Ein Anreiz, sich mit dem Buch auseinanderzusetzen sind neben den interessanten Themen die Autoren selbst. Sie sind sehr unterschiedlich und vielfältig hinsichtlich der Generation, der sie angehören, Studium, Beruf und kultureller, philosophischer und religiöser Lebenserfahrung. Verena Naegele und Nathanael Riemer teilen die Gedankenwelt der Anthroposophie nicht, beteiligen sich aber dankenswerter Weise an diesem Buch mit den beiden einfühlsamen Portraits über Ullmann und Müller. Ich denke doch, dass eine solche Sammlung von Beiträgen ein Beginn sein kann, die Beziehung von Anthroposophie und Judentum wissenschaftlich aufzuarbeiten. Setzen wir uns also mit diesem neuen Buch getrost auseinander, es wartet auf sachliche Diskussionen.

P.S. Die genannten Namen lassen sich im Wikipedia-Lexikon googeln.

Ralf Sonnenberg (Hrsg.) „Anthroposophie Und Judentum“, info 3-Verlag Frankfurt am Main, 2009, 160 Seiten, ISBN 978-3-924391-43-0, in Deutschland 14,80 Euro