27. Januar: Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
von Regina Reinsperger

Dieser Gedenktag ist noch neu, er wurde erst im Jahr 1996 vom damaligen Bundespräsident Roman Herzog in Deutschland als Gedenktag eingeführt und erst im Jahr 2005 von der UNO als internationaler Gedenktag deklariert.
Er ist kein arbeitsfreier Tag, deshalb auch nicht fest im Bewusstsein der Bevölkerung verankert, jedoch findet seit 1996 alljährlich eine Feierstunde des Gedenkens im Deutschen Bundestag statt, über die in allen Nachrichtensendern berichtet wird: man gedenkt überwiegend des Holocaust an den Juden Europas und der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 durch Soldaten der Roten Armee. Nach neueren Statistiken, die Zahlen wurden nach unten korrigiert, sind dort ca. 1.305.190 Menschen ermordet worden. (Jeder dort ermordete Mensch ist ein Mensch zu viel, der sinnlos ermordet wurde, insofern muss man nicht über Zahlen diskutieren, sie sind einfach Ungeheuer-lich.)
Von Auschwitz haben wir auch schon auf den Egoisten-Seiten im Rahmen der Benesch-Recherche gesprochen: dorthin waren auch die 437.500 ungarischen Juden von April bis Juli 1944 abtransportiert worden, nur kurz, bevor die Rote Armee Ende August Ungarn erreichte. In diesen Zahlen sind auch die Juden aus Nordsiebenbürgen und die 6000 Juden aus dem Kreis Sächsisch-Regen enthalten, sofern sie die dortigen grausamen Sammellager überlebt hatten: sie mussten auf einem einfach umzäunten und bewachten Ackerfeld mehrere Wochen bei regnerischem kühlen Wetter kampieren. Dort kam auch Simon Ber aus Beneschs Dorf Birk um, sein Name ist in „The Central Database of Shoa Victim´s Names“ zu finden. Von den 6000 jüdischen Menschen des Kreises Sächsisch-Regen überlebten knapp 300 das KZ Auschwitz.
Nun, der Holocaust an den Juden Europas oder die Euthanasie an geistig behinderten Menschen sind zumeist bekannt, nicht aber die Verbrechen der deutschen Wehrmacht. Diese werden oft auch heute noch geleugnet und alle Schuld auf Waffen-SS-Einheiten abgewälzt, denn bei der Wehrmacht war ja „Jeder-Mann“, also die eigenen Angehörigen. Da der 27. Januar ausdrücklich ein „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ ist möchte ich hier auch an Opfer erinnern, die in Deutschland meistens vergessen werden: Die über eine Millionen zählenden zivilen Opfer der Belagerung von Leningrad, einer Großstadt mit damals ca. drei Millionen Einwohnern, die Zahl der Opfer kommt der in Auschwitz gleich.


Die Leningrader Blockade vom 8. September 1941 bis 27. Januar 1944

Die Heeresgruppe Nord unter Generalfeldmarschall Wilhelm von Leeb (1876-1956) hatte die Aufgabe 1941 die baltischen Häfen zu erobern und sollte dann Leningrad (heute wieder: Sankt Petersburg) einnehmen. Dies gelang nicht, man konnte lediglich am 8. September 1941 den Belagerungs-Ring um Leningrad schließen. In den folgenden Monaten zeigte es sich, dass eine schnelle Eroberung nicht möglich sein würde, und da Hitler einen Rückzug auf eine strategisch günstigere Position nicht genehmigte, bat von Leeb um Ablösung und wurde am 16.1.1942 seines Postens entbunden, in die Führerreserve versetzt und während des Krieges nicht wieder verwendet. Zum nachfolgenden Oberbefehlshaber wurde Generalfeldmarschall Georg von Küchler (1881-1968) ernannt. Küchler war über die Verbrechen gegen die Menschlichkeit im besetzten Polen genauestens informiert. Er schrieb am 20. 08. 1940 in sein Kriegstagebuch:
„Ich betone die Notwendigkeit dafür Sorge zu tragen, dass sich alle Soldaten der Armee, besonders die Offiziere, jeder Kritik an dem im Generalgouvernement durchgeführten Kampf mit der Bevölkerung, z.B. der Behandlung der polnischen Minderheiten, der Juden und kirchlicher Angelegenheiten, enthalten. Die völkische Endlösung dieses Volkskampfes, der an der Ostgrenze seit Jahrhunderten tobt, verlangt besonders strenge Maßnahmen.“
Schon dieser Eintrag aus dem Tagebuch zeigt, dass dieser Mann aufgrund seiner rassistischen Einstellung keinerlei Hemmungen hatte, eines der größten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht zu begehen: der Verzicht auf die Einnahme der Stadt hatte zum Ziel, die Leningrader Bevölkerung systematisch verhungern zu lassen. Ein geheimer Führerbefehl vom 23. 09. 1941 unterstützte den Befehlshaber, er lautete:
„Der Führer ist entschlossen, die Stadt Petersburg (=Leningrad) vom Erdboden verschwinden zu lassen. Es besteht nach der Niederwerfung Sowjetrusslands keinerlei Interesse am Fortbestand dieser Siedlung.“
Mit der Schließung des Blockaderinges wurden praktisch alle Versorgungslinien für die Millionenstadt abgeschnitten, eine Minimalversorgung war nur noch per Flugzeug oder im Winter über den vereisten Lagodasee möglich, beide Optionen lagen aber unter deutschem Artillerie-Beschuss. Während der Belagerung wurde die Stadt mit Artillerie beschossen und es fielen etwa 100.000 Fliegerbomben, die auch Lebensmittellager und Wohngebiete vernichteten. Die deutsche Luftwaffe griff gezielt Kindergärten, Schulen, Betriebe und Straßenbahnhaltestellen an, um die Menschen zusätzlich zu demoralisieren. Bis zum Ende der Blockade starben ca. 1.100.000 Leningrader, meist durch Unterernährung und Unterkühlung, und etwa 500.000 sowjetische Soldaten, die versuchten, die Stadt zu befreien.
Im Gegensatz zur Blockade von Leningrad sind die Kriegsereignisse um Stalingrad allgemein bekannt: Stalingrad hatte damals ca. 400.000 Einwohner und zusätzlich ca. 200.000 ukrainische Flüchtlinge, zu Beginn der Kämpfe waren aber nur noch etwa 75.000 Zivilisten in der Stadt. Die Kampfhandlungen kosteten ca. 500.000 deutschen Soldaten und ca. 200.000 sowjetischen Soldaten und Zivilisten das Leben, also insgesamt etwa halb so viele Menschenleben, wie die Blockade Leningrads, die nicht im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit verankert ist.
Im Lichte der beiden obigen Zitate kann man die Blockade Leningrades und der rassistisch motivierten Hungerpolitik getrost von einem deutschen Genozid an der Bevölkerung Leningrades sprechen. Leningrad wurde, wie Auschwitz auch, an einem 27. Januar befreit – ein Grund mehr, an diesem Tag auch dieser Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken – und: man kann die Ursache sehen, wieso die Sowjets auf die Idee gekommen sind, West-Berlin vom 26.6. 1948 – 15.5.1949 zur Durchsetzung ihrer politischen Interessen zu blockieren. Die Berliner hatten mehr Glück als die Leningrader: da die „heiße Phase“ des Krieges seit 1945 vorbei war, wurden die „Rosinenbomber“ nicht beschossen und die Sowjets gaben schließlich nach.


Nachtrag: Nach dem Krieg: Aufarbeitung und Gerechtigkeit?

Generalfeldmarschall Ritter von Leeb kam im Mai 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde im Prozess gegen das Oberkommando der Wehrmacht in Nürnberg 1948 zu drei Jahren Haft verurteilt, die durch die Zeit seiner Kriegsgefangenschaft ab 1945 als verbüßt galten. Er starb 1956 im Alter von 79 Jahren in Füssen. 1965 benannte die deutsche Bundeswehr die Ritter-von-Leeb-Kaserne in Landsberg am Lech nach dem General, die Kaserne wurde jedoch 1992 aufgegeben.
Generalfeldmarschall Georg von Küchler wurde am 29. Januar 1944, 2 Tage nach dem Durchbruch der Roten Armee, von Adolf Hitler seines Kommandos enthoben. Er wurde bis Kriegsende nicht wieder verwendet und stand 1948 ebenfalls in Nürnberg als Angeklagter im Prozess gegen das Oberkommando der Wehrmacht vor Gericht. 1949 wurde er zu 20 Jahren Haft verurteil. Die Haftzeit wurde später auf 12 Jahre herabgesetzt und bereits 1953 wurde Küchler aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg am Lech wieder entlassen. Er starb 1968 im Alter von 87 Jahren in Garmisch-Partenkirchen.
Im Gegensatz zu den Wehrmachtsgenerälen wurde der Staatssekretär und SS-Standartenführer (=Oberst) Otto Ohlendorf, der ebenfalls in Landsberg einsaß, und als Chef der Einsatzgruppe D „nur“ 90.000 tote Zivilisten zu verantworten hatte (und nicht ca. 1.100.000 wie Küchler) im Juni 1951 dort hingerichtet.
In der Bundesrepublik Deutschland wurden ausländische Strafen von Kriegsverbrechern, und als solche wurden die Urteilssprüche von Nürnberg eingestuft, nicht in das Strafregister eingetragen, das heißt: die verurteilten Kriegsverbrecher galten nach Bundes-deutschem Recht nicht als vorbestrafte, sondern als unbescholtene Männer. Dadurch blieben alle Pensionsansprüche, auch die der Witwen, erhalten. Die Verfolgten mussten dagegen oft jahrelang mit deutschen Behörden um ihre Anerkennung als Verfolgte und um eine kleine Rente kämpfen.


Quellen:

Auf dieser Egoisten-Seite unter der Rubrik: „Friedrich Benesch“:
Benesch-Material: „Birk“ und „Leprich“
„Jugendterror“ , „Zeitzeugen“, „Siebenbürgen“
unter der Rubrik: „Anthroposophie und NS“:
Thomas Reinsperger: „Der Holocaust in Siebenbürgen“
Regina Reinsperger: „Otto Ohlendorf – Gralshüter…“
Unter der Rubrik: „Autoren“:
Peter Staudenmaier : diverse Aufsätze zu NS-Themen
Regina Reinsperger: „700 Reichsmark“
Wikipedia-Lexikon: „Leningrader Blockade“, „Sankt Peterburg“, „Wilhelm von Leeb“, „Georg von Küchler“, „Auschwitz“, „Auschwitz-Birkenau“, „Opferzahlen der Konzentrationslager Auschwitz“, „Berlin-Blockade“
Internetseite: „Bürgervereinigung „Landsberg im 20. Jahrhundert“ e.V.“
Literatur: Ella Fonjakova: „Das Brot jener Jahre“ – Ein Kind erlebt die Leningrader Blockade; Verlag Johannes M. Mayer, Stuttgart, 216 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 3-932386-31-0
Ernst Klee: „Personenlexikon zum Dritten Reich“, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2003