Thomas Reinsperger: Nachtodliches Leben und Reinkarnation in Buddhismus und der Anthroposophie



Am Donnerstag, den 15.01.2010, hielt der ehrwürdige Lama Gonsar Rinpotche im Staatlichen Museum für Völkerkunde in München einen Vortrag darüber, wie aus Buddhistischer Sicht der Sterbevorgang abläuft. Dies soll Anlass sein, kurz die Unterschiede der buddhistischen Sicht zur Anthroposophie Rudolf Steiners darzustellen.



Nachtodliches Leben und Reinkarnation in der Anthroposophie

Rudolf Steiner schildert den Menschen zunächst als viergliedrige Wesenheit, bestehend aus Physischem Leib, der vom „Ätherischen- oder Lebensleib“ getragen wird, darin wiederum der „Astralleib“ mit seinen Seelengliedern und dem „Ich“(1) An anderer Stelle (2) unterteilt er diese Leiber noch in feinere Glieder, so dass er letztendlich je nach Betrachtung eine sieben- oder neungliedrige „Wesenheit des Menschen“ aufführt, was für die hier dargestellten Kurzausführungen jedoch nicht wesentlich ist.

Während des Erdenlebens prägen sich die Erlebnisse des Menschen in die Äthersubstanz des Ätherleibes ein. Nach dem Tode löst sich nach Steiner innerhalb von 3 Tagen der Ätherleib auf, und der Mensch betrachtet während dieser Zeit in einer umfassenden Lebens-Rückschau sein gerade gelebtes Leben in Bildern. (3)

Danach tritt der Mensch mit den ihm verbleibenden Gliedern: Astralleib und Ich, in die Astralwelt ein und erlebt nun rückläufig in ca. einem Drittel der Zeit seines irdischen Lebens bewusst das, was er während des Erdenerlebens unbewusst als Inhalt der Tageserlebnisse in der im Schlafe ruhenden Seele gebildet hat. Diese Zeit des Schlafes wird also dem Menschen im Nachtodlichen bewusst. Er sieht, dass in diesen Schlafinhalten Urteile enthalten sind, welche die Geistwesen einer höheren Welt während der Schlafenszeit dem Astralleib einprägten und insbesondere sieht der Mensch das, was er anderen Menschen angetan hat, von deren Warte aus. (4)
Nach dieser Zeit der Aufarbeitung legt der Mensch auch den Astralleib ab und kommt mit den verarbeiteten Ergebnissen des Lebens in den geistigen Wesensbereich zu seinem höheren Ich und arbeitet dort nun am Fortgang der Welt von der geistigen Seite her mit. (5)

Steiner bezeichnet 30 Erdenjahre als ein Jahr im Geistigen (6), 2160 Jahre im Geistigen ergeben also im Irdischen das alte Idealmaß der Länge des menschlichen Lebens von 72 Jahren. (7) In diesem Zeitraum von 2160 Jahren verkörpert sich nach Steiner der Mensch zweimal, einmal als Mann und einmal als Frau. Auch im äußeren verwandelt sich ja die Welt innerhalb dieser Zeit vollständig, so dass der Mensch also immer neue Erfahrungen in einer gewandelten Welt machen kann. (8)
Dieser Zeitangaben gibt Steiner als normale Regel an, sie kann jedoch auch individuell durchbrochen werden. Steiner spricht auch von näher aufeinander folgenden Inkarnationen, aber eben als Ausnahme, eine ständige Anwesenheit auf dem physischen Plan gibt es für ihn auch nur als Ausnahme, nicht aber als normale der Regel (z.B. Christian Rosenkreuz). Auch die Reinkarnationsfolgen laufen nach Steiner nicht unendlich, sie sind nur für eine gewisse Dauer der Erdenentwicklung erforderlich. (9)


Der Sterbevorgang im Buddhismus

Ich berufe mich auf meine Notizen von obigem Vortrag und auf den im Internet veröffentlichten Artikel: „Was geschieht, wenn wir sterben“ von Geshe Pema Samten, übersetzt von Oliver Petersen. (10)
Der Sterbevorgang beginnt schon in den letzten Tagen des irdischen Lebens. Die vier Elemente die den menschlichen Körper bilden, beginnen sich schon zu Lebzeiten aufzulösen. Damit sind die alten Elemente Erde (das Feste), Wasser (das Flüssige), Feuer (die Wärme) und Luft, Windenergie (das Bewegende) gemeint.
Das Erdenelement löst sich in das Wasserelement auf, der Sterbende nimmt in einer Art Fata Morgana wahr, als ob Sommerhitze auf einer Straße flimmern würde und seine Kraft lässt nach. Das Wasserelement löst sich dann in das Feuerelement auf, der Sterbende nimmt eine innere Erscheinung von Rauchschwaden wahr, er hört nicht mehr gut und seine Körperflüssigkeiten trocknen aus. Löst sich das Feuerelement im Windelement auf, nimmt der Sterbende das innerlich als „Glühwürmchen“ oder Funkenflug war. Der Körper wird kälter und die Verdauungsfunktion fällt aus. Zuletzt löst sich das Element des Windes in das Element des Bewusstseins auf. Der Sterbende nimmt dies als ein flackerndes Kerzenlicht war. Er kann sich jetzt nicht mehr bewegen, die fünf Sinnesorgane funktionieren nicht mehr. Die Atmung setzt aus. Hier würden die Ärzte nun den Hirntod diagnostizieren. Die geistige Sinneskraft bleibt aber in subtiler Form erhalten und lässt den Sterbenden innere Visionen erscheinen.

Der weitere Sterbeprozess nach dem Hirntod

Für Buddhisten ist es wichtig, dass der Körper während 3 Tagen nicht berührt wird, auch die Augen sollten nicht geschlossen werden, da der Sterbevorgang noch weiter dauert. Hieraus ergibt sich z. B. ein Problem bei Organspenden, welches auch auf buddhistischen Seiten diskutiert wird.
Nach dem buddhistischen Tantra wie auch nach dem Yogasystem ist der gesamte materielle Körper von einem feinstofflichen Körper durchzogen, bestehen aus feinstofflichen Kanälen den Nadis, in denen die Windenergie, Prana, zirkuliert. Es gibt energetische Zusammenballungen, die „Tropfen“. Am Scheitel der Weiße Tropfen, Am Nabel der Rote Tropfen und in der Herzregion der Äußerst subtile Tropfen. Dieser subtile Körper, der mit subtilen Geisteszuständen verbunden ist, die wir normalerweise im Leben nicht erfahren, löst sich nun ebenfalls auf.
Die Windenergie ist Träger des Geistes, wie ein Pferd den Reiter trägt. Sie zieht sich beim Sterbenden in der Körpermitte zusammen. Die Windenergie zieht sich in der Körpermitte zusammen und zieht in den Zentralen Kanal, und zwar zunächst die Energie aus dem oberen Körperbereich, hierbei erlebt der Sterbende die „Weiße Erscheinung“ (das Weiße Licht), wie helles Mondlicht in tiefer Nacht.
Dann bewegt sich die Energie aus dem unteren Bereich in den Herzbereich. Dabei bewegen sich die „Tropfen“ mit und treffen im Herztropfen letztlich zusammen. Während die untere Energie aufsteigt hat der Sterbende die Erscheinung des „Roten Lichtes“ wie Herbsthimmel bei Sonnenuntergang. Beim Zusammentreffen der Tropfen in der Herzregion erlebt der Sterbende eine tiefe Bewusstlosigkeit oder Ohnmacht, das „Nahe Erreichen.“
Hieraus erwacht er dann zum „Klaren Licht“ des Todes, die subtilste Ebene des Geistes. Das klare Licht vergeht niemals und geht durch sämtliche Wiedergeburten, es liegt allen geistigen Prozessen des Samsara und Nirvana zugrunde. Jeder Mensch hat dieses äußerst subtile Bewusstsein des klaren Lichtes, jedoch haben wir keinen Zugang zu dieser Ebene des Geistes.

In dieser Ebene verbleibt jedoch die Wesenheit nicht lange. Die Prozesse verlaufen jetzt in umgekehrter Reihenfolge zum Sterbeprozess. Das „Bardo-Wesen“, wenn es normales, gewöhnliches Wesen ist, kann sich sehr schnell von einem Ort zum anderen bewegen und weil es im Sterbeprozess den Verlust seines Körpers erlitten hat, reift Karma heran, das den starken Wunsch nach erneuter Geburt entstehen lässt. Dieser Bardo-Prozess kann bis zu 49 Tagen dauern, die Wiedergeburt findet im Moment der sexuellen Vereinigung der Eltern statt.
Der Mensch ist also in weniger als einem Jahr nach seinem Tod wiedergeboren auf der Erde.


Unterschiede zur Anthroposophie

Es entsteht aus buddhistischer Sicht keine Rückschau aus Auflösung des Kraftleibes und es kommt zur unmittelbaren Wiedergeburt.


Fragen…

Es ergeben sich hieraus einige grundlegende Fragen. Zunächst einmal gibt es unzählige Veröffentlichungen über das Sterben und die Meinungen der Menschen, wie es nach dem Tode weitergeht. Diese würden den Rahmen dieser kurzen Ausführung bei weitem sprengen.

Für mich ergibt sich die grundlegende Frage, warum „Hellsichtige“ und Menschen verschiedener Kulturen, Religionen und Philosophien im meditativen Leben zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen:

Ein Materialist - der würde aber sicher nicht meditieren - würde postulieren, dass mit dem Tod „alles aus und vorbei ist“, der „Rest“ sind nur Einbildungen unseres Gehirns, welches seinen Tod nicht akzeptieren kann und dessen Neurone im Sterbeprozess „Wahnbilder feuern“. Unter dieser Weltsicht entstehen in der Meditation nur Einbildungen und die Meditationsergebnisse richten sich nach demjenigen, was der Mensch in seiner Kultur und seinem individuellen Leben erfahren hat. So bildet sich also ein Christ den Todesschlaf und die Auferweckung zum Gericht ein, ein Anthroposoph die Auflösung des Ätherleibes und den Gang durch die geistigen Welten und ein Buddhist die Wiedergeburt nach zwei Monaten.

Wenn man eine geistige Welt anerkennt, wird die Frage nach den Unterschieden natürlich subtiler, aber auch nicht einfacher. Eine Denk-Möglichkeit wäre die „Größe“ und „Vielschichtigkeit“ der Geistigen Welt und die Beschränktheit des auch in der Meditation durch den eigenen Körper beeinflussten Wahrnehmens. So wäre auch möglich, dass der Meditierende sich seine eigenen geistigen Räume aus seinen Vorstellungen schafft und in diesen gefangen bleibt. Es gibt also viele Möglichkeiten der Wahrnehmung des Geistigen und keiner der Meditierenden, auch der nicht, der das „reine Denken“ entwickelt, ist in der Lage die endgültige Wahrheit „hinter der Maya“ zu erfassen.

Eine weitere Denk-Möglichkeit ist der Fortschritt der Zeit: das nachtodliche Leben war im vorchristlichen Zeitraum offensichtlich ein anderes. Homer lässt z.B. Achilles den Satz sagen: „Lieber ein Bettler im Reiche der Lebenden, als ein König im Reiche der Schatten.“ Es wäre also möglich, dass Meditierende in den Bildern aus der vorchristlichen Zeit verharren. Dieser Gedanke setzt eine Veränderung Weiterentwicklung der geistigen Welt voraus.
Die vielfältigen Möglichkeiten der Täuschung und des Irrtums in dieser Welt setzen sich also auch nach einem „Schwellenübergang“ in der geistigen Welt und ihren Bereichen fort.

Nun – es gibt sicher noch eine ganze Anzahl von Möglichkeiten, sich die Unterschiede zwischen den Religionen und Philosophien zu erklären, hier sollte mit dieser kurzen Wiedergabe lediglich ein Denk-Anstoß gegeben werden.
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Quellen:

Rudolf Steiner (GA):
(1) GA 26, Anthroposophische Leitsätze, Leitsatz 7-16
(2) GA 9, Theosophie, Kapitel: „Das Wesen des Menschen“
(3) GA 26, Leitsatz 23
(4) GA 26, Leitsatz 23-25
(5) GA 26, Leitsatz 26-28
(6) GA 168, Verbindung zwischen Lebenden und Toten, Seite 216 ff
(7) Bibel, Psalm 90 http://www.wort-und-wissen.de/bibel/bibel.php?go=ps_90_2
(8) GA 62, Ergebnisse der Geistesforschung, Seite 177 ff. GA 227, Initiationserkenntnis, Seite 237 ff
(9) GA 93, Die Tempellegende und die goldenen Legende, Seite 25

Buddhismus:
(10) Geshe Pema Samten: „Was geschieht, wenn wir sterben“ in: Vierteljahresschrift des Tibetischen Zentrums Hamburg „Tibet und Buddhismus“ Nr.91, 4/2009, im Internet:
http://www.schattenblick.de/infopool/religion/buddha/rbpre801.html