Biomedizinische Eingriffe, elektronische Implantate und Identität
Michael Eggert*

 
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„Körper als Maß?
1“ - hinter dem irreführend unscheinbaren Titel verbirgt sich eine Sammlung von Aufsätzen zu biomedizinischen Eingriffen in den Körper einerseits und für das Verständnis von Identität im Zusammenhang solcher Eingriffe andererseits. Die Autoren und Autorinnen sind dementsprechend Philosophen, plastische Chirurgen, Molekularbiologen, Ethnologen, Kulturwissenschaftler und Theologen.
Die Körperbilder und die Identität werden bereits heute, aber in Zukunft in steigendem Maß in Frage gestellt durch Implantation von tierischen Organen, durch künstlich erzeugte Organismen, Chip- Implantate und „Brain- Computer- Interfaces“
2, durch gekaufte menschliche Organe („Body- Shopping“) und nicht zuletzt durch bereits heute weit verbreitete Manipulieren des Äußeren durch Schönheitschirurgie.
Das widerspricht zutiefst den uns bekannten menschlichen Selbstkonzeptionen, in denen der Körper stets als „konstitutiver Bestandteil des Selbst“ empfunden wurde und ganz und gar nicht als ein Teil „körperlicher Rohstoffe“, die dazu benutzt werden, durch unterschiedliche Technologien und zurückgreifend auf „Körpermärkte“
3 andere Körper zu manipulieren. Die Frage, die deshalb in diesen Aufsätzen aus unterschiedlichen Gesichtspunkten aufgeworfen wird, ist, ob wir „auf eine radikale und in ihrer Natur nicht vorhersagbare Veränderung von Körperidentität als Folge“4 solcher Manipulationen vorbereitet sind.


Die Frage ist schon von daher dringlich, als bereits heute trotz aller ethischen Bedenken spätestens dann alle Einwände vom Tisch gefegt werden, wenn behauptet wird, „etwas sei therapeutisch nutzbar“
5. Und das ist es ja vielfach auch. Der „therapeutische Imperativ“ verspricht nicht nur Schönheit und Instandsetzung nach Unfällen und schweren Erkrankungen, sondern Auslöschung von Krankheiten schlechthin, pränatale Diagnostik mitsamt genetischer Korrekturen, individualisierte Medikamente auf genetischer Grundlage, biomechanische und sensorische Implantate und den Austausch und die Produktion ganzer menschlicher Organsysteme, im besten Fall ohne die gefürchteten Abstossungsreaktionen des Organismus.
Der Körper - früher ein unveränderlicher Ausdruck der menschlichen Individualität - wird damit aber auch zu einer „exponierten Oberfläche der Selbstgestaltung“, zu einer Selbstinszenierung, zu der heute z.B. eher Webseiten und künstlerische Aktivitäten zählen. Diese Neuerfindung des Körpers „als biokybernetisches System“
6 entspricht einer gesellschaftlichen Tendenz, die im Kontext sich verflüchtigender Werte, Normen, Bindungszusammenhänge und „stabilen Sinnhorizonten“7 ganz auf eine Individualisierungstendenz setzt, die „den Einzelnen immer mehr zum verantwortlichen Gestalter seines Lebens werden lässt“8. Vorbilder, Orientierung, Lebensformen, partnerschaftliche Bindungen, aber eben auch der eigene Körper selbst werden zu variablen Gestaltungsmöglichkeiten, die permanent neu erprobt, revidiert und neu gewählt werden. Das multiple menschliche Ich passt sich seinen eigenen Erscheinungsformen, den virtuellen Umwelten wie Internet, Email-Beziehungen und einer kakophonischen Informationsflut stetig an. Die Virtualisierung des eigenen Körpers ist da nur eine Konsequenz.


Aber es gibt ja auch „bodenständigere“ Eingriffe in den Körper wie die „Wiederanpflanzung abgetrennter Gliedmaßen“
9 nach Verstümmelungen oder die elektronische Innenohrprothese Cochlea- Implantat, die Tauben eine neue Möglichkeit des Hörens vermitteln. Selbst bei letzteren aber gibt es Einwände vonseiten der Betroffenen. Denn diese Neuroimplantate machen einen Tauben, der sich, einer Gehörlosengemeinschaft zugehörig, in seiner sozialen und leiblichen Identität keineswegs selbst als Behinderten empfinden muss, dauerhaft zum Patienten. Die im Schädel implantierten Chips führen - auch wenn sie selbst nicht gewartet werden müssen - zu möglichen Einwachsungen, Abstossungsreaktionen und Infektionen; sie werden vom Körper als Fremdes identifiziert, gegen das er sich wehrt. In vielen Situationen (Schlaf, Handynutzung, Flughäfen, Sport, Kontakt mit Wasser) müssen die Geräte außerdem abgeschaltet werden. Die Integration auf körperlicher, seelischer und geistiger, aber auch sozialer Ebene ist selbst bei solch erprobter Technik nicht ohne weiteres und nicht ohne gravierende Kompromisse möglich.


Auch in vielen Interviews mit Patienten, die Implantate tierischer Herkunft bekommen haben, wird die widersprüchliche Haltung deutlich. Vorbehalte ethischer Art gibt es gegenüber Biotechnologie viele - gleichzeitig besteht aber für den Betroffenen selbst natürlich immer die pragmatische Hoffnung, wieder „normal“ zu werden. Gesteigert wird diese zwiespältige Haltung z.B. bei schweren Parkinsonerkrankungen, die mit den Zellen abgetriebener Föten behandelt werden. Häufig bestehen aber auch Ängste und diffuse Empfindungen des Abscheus - etwa bei Diabetikern, die eine Schweineniere erhalten haben: „Es fühlt sich wie etwas Großes und Fleischiges an. Und ich frage mich, inwiefern es mich als Person verändern kann. Ja, nicht dass mir ein Schwanz wachsen wird oder so- aber dass mir dennoch etwas passieren wird“
10.


Biotechnologische Massnahmen, die dem Patienten zur körperlichen „Normalität“ verhelfen sollen, können also durchaus zur inneren Zerrissenheit und zu einem gestörten Selbstbild führen. Das Unbehagen, das aus Goethes Mephistomund spricht -“Am Ende hängen wir doch ab/ Von Kreaturen, die wir machen“ - wird von den Betroffenen also durchaus auch geteilt. Die Integration fremder Bestandteile in den eigenen Körper, die eine auf vielen Ebenen galoppierende technologische Entwicklung vorwärts treibt - gelingt dem Individuum nur langsam, mit Mühen und mit ungewollten Effekten, die mit Selbstzweifeln, ethischen Bedenken und Gefühlen der Fremdbestimmung durchsetzt sind. Untersuchungen zeigen aber, dass in den Fällen, in denen mit Hilfe der biotechnologischen Massnahmen die soziale Integration der Patienten wieder besser gelingt, positive Aspekte überwiegen und die Zweifel überlagern.

Einige Aufsätze reflektieren die allmähliche Ablösung des „Naturkörpers“
11 auch in Bezug auf Filme, Literatur und Kunst. Cyborgs, Untote und Monster sind ein Spiegel des kulturellen Unbehagens gegenüber den medizinischen Fortschritten.
Der Sammelband „Körper als Maß?“ stellt eine umfassende, anregende Lektüre aus unterschiedlichen Gesichtspunkten zu einem Thema dar, das exemplarisch steht für die Schwierigkeiten und Hoffnungen, die mit technologischem Fortschritt verbunden sind; hier verschärft durch die Tatsache, dass diese hier angesprochenen Eingriffe direkt am und im Körper des Individuums ansetzen. Manche der Beiträge erscheinen mir etwas skurril - insbesondere der psychoanalytische Ansatz und die Fotos; andere fehlen wie die Ergebnisse der aktuellen Hirnforschung zum Themenbereich Integration von elektronischen Implantaten. Die Lektüre ist wegen der höchst unterschiedlichen Diktion der Fachleute nicht einfach; eine etwas stringentere Absprache zwischen den Autoren wäre sicher gut gewesen. Dennoch: Eine wichtige, ja notwendige Lektüre auch deshalb, weil ethische Bedenken nicht abstrakt formuliert, sondern von betroffenen Patienten selbst artikuliert werden.

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* im Auftrag von "Die Drei"
1 Körper als Maß? Biomedizinische Eingriffe und ihre Auswirkungen auf Körper- und Identitätsverständnisse. Hrsg. von Simone Ehm und Silke Schicketanz. Stuttgart 2006
2 Schnittstellen zwischen Hirn und Computern
3 „Körper als Maß“, S. 207
4 S. 204
5 S. 188
6 S. 170
7 S. 170
8 S. 170
9 S. 138
10 S. 105
11 S. 46