Zu dem neuen Buch von Eliot Pattison, "Das Auge von Tibet" [1]
hauser
Kaspar Hauser in Tibet

Es geht um die systematische Ermordung einer Gruppe tibetischer Waisen, die im kasachischen Grenzland aus zunächst undurchschaubaren Gründen von diversen chinesischen Interessengruppen verfolgt werden. Die Peiniger vertreten die Interessen der Militärjunta, korrupter Geheimdienstbeamter, moderner Wirtschaftsvertreter und einer fast schwarzmagischen grauen Eminenz - einem ehemaligen Militär und Folterknecht . Auf die Kinder, die von Kasachischen Gebirgshirten aufgenommen worden sind, ist ein Kopfgeld ausgesetzt.

Vor allem aber geht es ihnen allen um einen besonderen Jungen, der für die Tibeter die Reinkarnation eines hohen Lamas verkörpert. Die Pekinger Besatzer befinden sich in einer zweiten Ära der 50jährtigen Verfolgung des tibetischen Volkes, in der es ihnen nicht mehr allein um Genozid, Stationierung von Interkontinentalraketen in Tibet, Errichtung von Konzentrationslagern, wirtschaftlicher Ausbeutung, Zerstörung der Tempel und Ermordung der Priester geht, sondern auch um Ausrottung der kasachischen Sippen im Grenzland und vor allem die Zerstörung der kulturellen und religiösen Grundlagen der unterdrÜckten Tibeter. Dies soll bewerkstelligt werden durch Ausschaltung der Reinkarnationen hoher tibetischer WÜrdenträger und die darauf folgende Ersetzung durch Pekinger Gefolgsleute. Kaspar Hauser und Demetrius - in diesem entlegenen Bergland wiederholt sich die Geschichte.

Gegenspieler dieser Interessengruppen sind die ansässigen Kasachen, muslimische Widerstandskämpfer und vor allem ein in Ungnade gefallener chinesischer Kommissar, der im Auftrag tibetischer Lamas ermittelt. Er gewinnt die Freundschaft einer jungen Kasachin, einiger amerikanischer Anthropologen und sogar einer chinesischen Bezirksverwalterin, die die von ihr begangenen Exekutionen und die Führung eines Konzentrations- und Arbeitslagers nur noch mit Mühe moralisch verkraftet. Shan - der Ermittler- war selbst langjähriger Insasse eines solchen Arbeitslagers. Er - ehemaliger Ehemann einer linientreuen Pekinger Genossin, ehemaliger Karrierist und Sohn eines in der Kulturrevolution auf bittere Weise verstorbenen Professors - hat die Gabe, sich zwischen allen politischen und kulturellen Linien zu bewegen. Er wird aufgenommen von den kasachischen Hirten und Clans des Hochlandes. Aber vor allem liebt er auf eigensinnige Weise nicht nur die Weite des tibetischen Himmels, sondern dient auf unbedingte Weise der Wahrheit selbst.

Erstaunlicherweise handelt es sich bei diesem grossartigen und umfänglichen Buch um den zweiten Band einer Krimireihe, die von Eliot Pattison, einem Amerikaner, verfasst wird. Selten hat man auf so unambitionierte und unangestrengte Weise so viel von Tibet, seiner Religion, Landschaft und aktuellen Bedrohung gelesen - und dazu noch in ungemein spannender Weise. Selten schimmerte in Büchern so poetisch und eindringlich die Kraft dieser alten, aber zutiefst gedemütigten Kultur hervor, wenn die gefolterten Lamas in den Arbeitsbrigaden der Chinesen sich bei ihren Peinigern dafür bedanken, dass diese auf so eindringliche Weise ihren Glauben prüften.
"In den Bergen warten alte Männer, deren Weisheit dem Schnee gleicht"
[2]: Auch diese Männer, die in verborgenen und verbotenen, teilweise in Höhlen befindlichen Klöstern als Einsiedler leben, lernt man als Leser kennen.  Man kommt ihrem Erleben nah.
Erstaunlich, dass Pattison - ein in Pennsylvania ansässiger politischer Journalist - nicht nur einen nicht abreissenden Spannungsbogen Über fast 700 Seiten durchhält, sondern dass er in seinem aus Recherche und Fiktion bestehenden Buch ein solch dichtes und stimmiges Bild einer ganzen Kultur vermittelt.   Sein vorangehendes Buch
[3]  verfolgt das gleiche Sujet in ebenso perfekter Weise. Es hat lediglich den Vorzug, bereits als Taschenbuch erschienen zu sein. Beide sind unbedingt lesenswert.

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[1]Berlin 2002, bereits in zweiter Auflage
[2]Pattison, S. 346
[3]Pattison, "Der fremde Tibeter", ausgezeichnet mit dem Edgar Allan Poe Award