Small World


Small World von Martin Suter - einem Schweizer Autor, der in Deutschland zu Unrecht noch unbekannter ist - handelt von einem Mann, der an Alzheimer erkrankt ist. „Als Konrad Lang zurückkam, stand alles in Flammen, außer dem Holz im Kamin“, ist der erste Satz des Romans. Konrad, nichtleibliches ausgehaltenes Anhängsel einer steinreichen Schweizer Familie, hatte die Aufgabe, deren Feriendomizil auf Korfu zu beaufsichtigen. Die unabsichtliche Brandstiftung ist das erste Zeichen seiner zunehmenden Desorientierung.

3257230885.03.LZZZZZZZ

Die im Roman folgende Beschreibung kleiner Pannen ist so genau, in fast lakonischem Sprachstil verfasst, dass das Lesen ungeachtet des ernsten Sujets ein reines Vergnügen darstellt. Am Ende, kurz vor der Konrads beginnender Odyssee durch geriatrische Kliniken, verläuft er sich selbst im Supermarkt und kann sich nur noch damit helfen, dass er fremden Menschen wie ein Schatten durch den Markt folgt, da er weiss, dass sie früher oder später zur Kasse gehen werden.
Dabei hat Konrad noch Glück. Er lernt eine Frau kennen, die sich in ihn verliebt und ihn lange Zeit - solange es eben noch geht - begleitet und ihn unterstützt. Und er hat diese merkwürdige überaus wohlhabende Familie im Rücken, die ihn zu unterstützen scheint. Sie hat dafür aber ihre kalkulierten und keineswegs wohlwollenden Gründe. An diesem Punkt entspringt der Kriminalroman, der dieses Buch auch ist. Vielleicht ist diese Rahmenhandlung etwas konstruiert und bemüht und im Endeffekt sogar überflüssig. Mich jedenfalls hat sie nicht annähernd so interessiert wie die nackte, klare und präzise Schilderung der Verwirrung un der Strategien Konrads: „Konrad Lang entwickelte Techniken, sein Problem zu kaschieren. Er skizzierte einen Lageplan des Hauses und der Geschäfte, in denen er normalerweise einkaufte. Er steilte die Liste zusammen mit Namen, die er oft brauchte und die ihm eigentlich geläufig sein sollten. Er bewahrte in seinem Portemonnaie, seiner Brieftasche und seinem Schlüsseletui ihre gemeinsame Adresse auf. Und für den Fall, daß er sich im weiteren Umkreis verirrte, trug er einen Stadtplan bei sich, mit dessen Hilfe er sich als verirrter Tourist ausgeben konnte“.
Die Welt Konrads schnurrt allmählich zusammen, weil er sich im Umfeld nicht mehr zurecht findet; sie wird zur „Small World“ eines Alzheimer- Patienten.
__________________
Im
Literatur- Cafe- leider ist es technisch nicht möglich, einen genauen Link zu setzen- gibt es ein Interview mit Martin Suter:
"Literatur-Café: In der Vergangenheit haben Sie auch als Werbetexter gearbeitet und jahrelang das Amt des Präsidenten des Art Directors Club in der Schweiz bekleidet. Gab es Gründe, wieso Sie dieses Repertoire verlassen haben?
Suter:  Ich bin von Haus aus Schreiber. Das Schreiben ist meine Leidenschaft. Von diesem Beruf lebe ich seit über dreißig Jahren. Als Journalist, Filmautor, Theaterautor, Fernsehautor, Songtexter, Kolumnist und eben auch als Werbetexter. Als ich merkte, dass ich das Werbetexten nicht mehr zum Überleben brauchte, habe ich es ganz weggelassen"
__________________
Auch in anderen Büchern Martin Suters geht es um den Einbruch des Unerwarteten in eine Biografie: Mal ist es ein Selbstversuch mit psychedelischen Drogen ("Die dunkle Seite des Mondes"), mal eine Kopfverletzung mit Gedächtnisverlust ("Ein perfekter Freund"). Suter berührt die so gern verdrängte, einen jeden bedrohende Bodenlosigkeit unter der scheinbar soliden Banalität unseres Daseins. Ein winziger Moment, ein Schicksalsschlag, eine Erkrankung fegen diese Sicherheiten weg. Aber Suter verpackt diesen unauslotbaren Schrecken in Präzision, äußerst zurückgenommene Sprache und eine Präzision der Beobachtung. Es ist gut, ihn zu lesen.