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Drogen- und Internetideologie
Timothy Leary - der kurz vor seinem Tod zu einem Apostel für das Internet avancierte und annahm, es werde die ihm "eigene Intelligenz" in einem kommenden globalen "Weltgehirn" erwecken und der Menschheit das geben, was Drogen und Gurus offensichtlich nicht vermochten - hat seine letzten Jahre, bewundert von alternativen Intellektuellen und jungen Szeneleuten aus der Schauspielbranche, mit der mutigen Publikation seiner Befindlichkeiten während seiner schweren Krebserkrankung verbracht- mittels seiner Homepage (www.leary.com ).
Er machte darin die Art publik, in der er diese seine letzte Erkrankung mit Hilfe von Drogen erträglich machte- nun nicht mehr als halluzinogenes Stimulans- und Erleuchtungsmittel, sondern als Weg zur Meisterung der psychischen und physischen Folgeerscheinungen seiner Erkrankung und der damit verbundenen starken Schmerzen. Learys Netzideologie - visionäre Phantasien über die Entstehung einer quasi- übermenschlichen Intelligenz im Netz als Hypermensch, als neuer Schöpfungsakt, als Gottersatz - hatten die Nachfolge seiner Hoffnungen nach Grenzüberschreitungen durch halluzinogene Drogen angetreten.
Aus Learys öffentlichem Tagebuch seines "Input"s of Neuro-Active Drugs:"
January 28, 1995
3 cups of coffee
36 cigarettes
4 glasses of champagne
1 midnight brownie
12 balloons of Nitrous Oxide
3 lines of cocaine
4 Leary biscuits
Anmerkung: Bei den "Leary Plätzchen" handelt es sich um ein Rezept mit hohem Marihuana - Anteil
Berkeley

Gehen wir aber noch einmal zurück in die Zeit vor 30 Jahren, als er Ende der sechziger Jahre in Berkeley als ausgeflippter Professor einer der Hauptideologen der Hippie- und Drogenphilosophie war. Viele seiner Erfahrungen als Experimentator, Forscher, Guru des LSD-Trips hat er schon 1964 in dem Buch "Psychedelische Erfahrung" dargelegt. Darin versuchte er, typische psychedelische Erfahrungen an Hand der Stufen des Tibetanischen Totenbuches strukturiert darzustellen, obwohl das Tibetanische Totenbuch ja den Weg durch nachtodliche Sphären schildert. Wir gehen später darauf ein.
Grenzüberschreitungen erschienen Leary auf vielerlei Weise gangbar: "Eine psychedelische Erfahrung ist eine Reise in neue Bereiche des Bewusstseins. Ausmaß und Inhalt der Erfahrung sind ohne Grenzen. Ihre charakteristischen Merkmale übersteigen die in Worte zu fassenden Begriffe, die Dimensionen von Raum und Zeit ebenso wie des Ich oder die Identität. Eine solche Erfahrung von Bewusstseinserweiterung kann auf verschiedenste Art sich ereignen: durch Verlust der Sinneswahrnehmungen, durch Yogaübungen, geschulte Meditation, religiöse oder ästhetische Ekstasen, auch ganz unmittelbar. In jüngster Zeit werden sie einem jeden durch psychedelische Drogen wie LSD, Psilocybin, Meskalin und DMT etc. ermöglicht".
Leary machte also keinen ersichtlichen Unterschied zwischen tradierten geistigen Schulungswegen einerseits und der Einnahme einer bewusstseinsverändernden Droge andererseits. Der Begriff Bewusstseinserweiterung subsumierte dies alles für ihn. So war es für ihn naheliegend, auch die tibetischen Methoden weniger zu erarbeiten, als sie vielmehr so weit als Konstrukt für seine Triperfahrungen zu nutzen, als sie zu passen schienen. Leary fand das legitim, einerseits, weil seine Schrift ohnehin von niemandem verstanden werden kann, "der keine Bewusstseinserweiterung erfahren" hat, und andererseits, weil auch "die Lamas selbst nach ihrer jüngsten Vertreibung den Wunsch hegen, ihre Lehren einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen". In dem Maße, in dem Leary east ging, gingen die Lamas und die mit ihnen verbundenen östlichen Bruderschaften also offensichtlich west.