Das Utopie- Syndrom oder: Trink eine Tasse Tee



Streben nach dem Unerreichbaren

Wenn der Psychotherapeut und Konstruktivist Paul Watzlawick über die Spezialitäten menschlicher Kommunikation und deren Störungen schrieb, wurde es stets nicht nur brillant, sondern auch spannend. Dies gilt nicht nur für populäre Werke wie „Anleitung zum Unglücklichsein“, sondern auch für eher periphere Arbeiten, die sich eher an die psychotherapeutische Praxis wenden wie das hier vorliegende1, denn selbstverständlich ist auch dieses gespickt mit Beobachtungen und Anekdoten.
Das fünfte Kapitel widmet sich dem „Utopie-Syndrom“ in der Therapie und wird durch ein Zitat von Robert Ardrey eingeleitet: „Wir streben nach dem Unerreichbaren und verhindern so die Verwirklichung des Möglichen“. Darum geht es. „Wir leben“- so Watzlawick - „in einer utopischen Zeit. Grandiose, esoterische Programme sind nicht einfach eine Spielerei, sie sind ein Ausdruck unseres Zeitalters. Alle möglichen, meist selbsternannten gurus bieten stupende Weisheiten und Lösungen an: „Der natürliche Zustand des Menschen ist ekstatisches Staunen; wir dürfen uns nicht mit weniger abfinden“, steht in der Präambel zur Verfassung einer kalifornischen „Freien“ Universität zu lesen“.2
Seit 1968 sind solche utopischen Konzepte in Massen im Rahmen der New-Age- Bewegung aus dem Boden geschossen; oft mit pseudo- wissenschaftlichem Ansatz. „Kosmisches Denken“ und „Liebe ohne Kompromisse“ werden im mcdonaldisierten esoterischen Supermarkt ebenso wie „sicheres Selbstbewusstsein“ feilgeboten.


Die Insel Nirgendwo

Ein solcher idealisierter individueller und gesellschaftlicher Zustand ist erstmals 1516 von Thomas More als ferne Insel mit dem Namen Utopia beschrieben worden. Man sollte aber bedenken, dass „Utopia“ nichts anderes heißt als „Nirgendwo“. Watzlawick möchte zeigen, dass utopische Zielsetzungen dieser Art in ihren Folgen genau das verschärfen, was sie zu lösen versprechen. Das Utopie- Syndrom ist in seinen Augen dadurch gekennzeichnet, dass eine endgültige Lösung bezüglich menschlicher Probleme nicht nur propagiert, sondern dann auch mit allen Mitteln gesucht wird- allerdings in drei Abarten.
Die introjektive Art besteht vor allem in einem Selbstvorwurf. Ein unerreichbares Ziel wird in seiner utopischen Eigenart als solches nicht erkannt. Vielmehr grämt man sich in Bezug auf die eigene Unzulänglichkeit. Das eigene Leben ist voller „Banalität und Langeweile“ und droht in einer existentiellen, depressiven Weltanschauung und Alltagswirklichkeit tatsächlich zu verflachen. Möglich ist auch eine Schuldverschiebung auf Andere; Eltern, Ehepartner, Staat, Gesellschaft, ja der Menschheit als solcher wird die Nichterreichbarkeit des utopischen Ziels zur Last gelegt.



Niemals ankommen

Die zweite Variante geniesst das Unterwegssein, grämt sich aber durchaus nicht. Das Ankommen wird von vorne hinein im Grunde ausgeklammert. Der Neurotiker, der stets am Vorabend des Examens scheitert, der Dauerstudent, der Verbalerotiker sind Varianten dieses Typs. George Bernard Shaw drückte es so aus: „Im Leben gibt es zwei Tragödien. Die eine ist die Nichterfüllung eines Herzenswunsches. Die andere ist seine Erfüllung“3.
Problematisch ist dabei lediglich die endlich doch eingestandene Tatsache des persönlichen Scheiterns- oder aber die „Aufladung“ von Bedeutung bezüglich bestimmter zu erwartender Ereignisse, die es unmöglich machen, den Lebenstatsachen realiter zu begegnen und sie zu bewältigen. Die mystifizierte Ehe, Kindererziehung, Pensionierung, die endlos lange erwartete Reise werden so zwangsläufig stets zur bitteren Enttäuschung.


Weltverbesserer und Terroristen

Bei der dritten, „projektiven“ Art des Utopie- Syndroms sieht sich der Klient bereits im Besitz der Wahrheit. Er sieht eine moralische Verpflichtung in der Beseitigung allen Übels auf der Welt und begibt sich in eine Rolle als diesbezüglicher Missionar. Im Falle des (anzunehmenden) Scheiterns „liegt die Schuld bei denen, die verstockt sind und sich der Wahrheit gegenüber verschliessen. Denn dass seine Wahrheit die Wahrheit schlechthin ist, daran hat der utopische Weltverbesserer keinerlei Zweifel. Damit aber steht der Verteufelung „der anderen“ nichts mehr im Wege, und dass in Extremfällen ihre Ausrottung nicht nur wünschenswert, sondern zur Beglückung der Menschheit einfach notwendig ist, ergibt sich dann fast zwanglos.4“ Die angestrebte „universelle Liebe aller für alle“ führt auf diese Weise schnell zu Gewalt, Hass und Aggression gegenüber denen, denen die Schuld am Scheitern der Utopie aufgeladen wird. Gleichzeitig führt diese exaltierte Haltung schnell (nach Alfred Adler) zu der „Fiktion seiner Überlegenheit“. Solche Typen vergessen im Angesicht ihrer Utopie alle Lehren der Geschichte - auch die innere Nähe zum „Vorgehen der braunen Rollkommandos in den dreissiger Jahren. Das Ignorieren der Geschichte „verdammt“ einen dazu, „sie zu wiederholen“.



Die Unerschütterlichkeit der Prämissen

Die hier von Watzlawick aufgeführten Typisierungen sind natürlich breit angelegt. Auch die sich in ihrer Mutterrolle „aufopfernde“ Frau, der Karrierist, der für den Beruf lebt, leben nach utopischen Prämissen. Gemeinsam ist allen Utopisten die Zuweisung von Schuld. Entweder es liegt an der eigenen Unzulänglichkeit oder an der der Anderen. Selten aber wird der Grund des Scheiterns in der Absurdität der Prämissen selbst gesucht. Die Kluft zwischen der Welt, wie sie ist und der Welt, wie sie den Prämissen nach sein sollte, ist daher unüberwindbar. Die Pathologien der utopischen Systeme führen entweder zu einer existentiellen Verzweiflung des Individuums- oder aber zu gesellschaftlichen und politischen Marschrichtungen, die in einer extremen Rigidität bis hin zur Vernichtung der konstruierten Reaktionäre (dies nur als beliebige Variable für angeblich Schuldige am Scheitern der utopischen Ziele) führen können.
Besonders anfällig für solche Konstruktionen sind soziale und politische Visionäre aller Art, aber selbstverständlich auch sich esoterisch verstehende Organisationen. Kaum eine davon nimmt die nonchalante Position des Königs in „Alice im Wunderland“ ein, der kundgab: „Wenn kein Sinn darin ist, so erspart uns das eine Menge Arbeit, denn dann brauchen wir auch keinen zu suchen“5. Aber genau diese Sinnsuche ist ja der tiefere Grund in den esoterischen Bestrebungen. In meinen Augen ausgenommen von solchen Teleologien ist der echte Zen- Buddhismus, bei dem „die ganze Lehre in so einfachen Sätzen“ zu vermitteln ist wie „Trink eine Tasse Tee“6.
Aber ich möchte an dieser Stelle keine Bewertung esoterischer Institutionen und Gesellschaften vornehmen. Das kann jeder selbst unternehmen, der damit zu tun hat.


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1 Watzlawick/ Weakland/ Fisch: „Lösungen“. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. Huber
2 dito, S. 69
3 dito, S,. 72
4 dito, S. 73
5 Lewis Carroll, „Alice im Wunderland“, 1947, S. 120
6 Shunryu Suzuki, „Zen- Geist Anfänger-Geist“, Berlin 1975