Terror. Ein tiefes Loch in der Erde


Ein Tagebuch des Schreckens zum 11.9.

King Kong



Keine Zeit, keine Zeit. Um 16.00 Uhr aus einem Meeting gekommen, den Wagen kurz abgestellt, nicht einmal 2 Stunden Zeit bis zum nächsten Termin. Duschen wäre schön. Und ich muss die FAZ aus dem Müll holen, weil da gestern morgen im Fernsehteil so ein wunderschön hässliches Foto aus einem alten King-Kong-Film war: Der Riesenaffe hoch über New Yorks Hochhäusern. Ich sammle solche absurden Bilder, vor allem, wenn sie so symbolträchtig sind: Die entfesselte Natur gegen die technische Zivilisation.
Ach, ich vergaß: Kati und Marcie sind da. Kati, eine alte Freundin aus Freakzeiten, hat die kleine Baby-Marcie adoptiert. Heute ist gewissermaßen ihr Antrittsbesuch bei uns. Schade, dass das an so einem für mich hektischen Tag sein muss.
Hallo, Kati. Hallo, Marcie. Hallo, Kinder. Hallo, Bettina.
Bettina hat frischen Apfelkuchen gemacht von dem Baum, der eigentlich nicht mehr trägt. Nur so kleine, saure grüne Dinger. Alle sitzen beim Kaffee, und Marcie gluckst dazu und will immer nach der weißen Sahne greifen. Hallo, ihr Lieben. Wir nehmen uns etwas Zeit, die Dusche kann ja warten.
Ein kurzer Griff nach der Tastatur, auf die Seite der Hausbank im Internet, und da steht es. Gerade " vor einer Stunde - soll ein Flugzeug in ein Hochhaus gerast sein, mitten in New York. "Habt Ihr gehört ? Ein Unfall in New York".
"Ja", sagt Bettina, "muss ein Sportflugzeug sein, das dort notgelandet ist".
Aber die nächste Seite im Web sagt etwas ganz anderes: Der erste Tower des World Trade Centers sei gerade zusammengebrochen, steht da. Es kann und darf doch nicht wahr sein.

Die bloße Masse des Todes

Mit Baby Marcie auf dem Schoß sitzt Katie vor CNN. Beide starren hinein und sehen, wie ein zweites Verkehrsflugzeug in den zweiten Tower hineinkracht. Also kein Unfall, sagt Katie. Drei Erwachsene erstarren vor dem Fernseher. Es ist, als ob eine schreckliche Lähmung durch den Körper und Geist kriecht. Ich fühle, wie mir das Blut ins Gesicht schießt, als gäbe es einen überdimensionalen Anlass zur Scham. Dabei habe ich immer noch eine irrationale Hoffnung, es könne sich um eine Fernsehwitzaktion handeln. So wie in den Dreißigern des letzten Jahrhunderts, als Orson Welles in einem Hörspiel H.G. Wells Landung der Außerirdischen so naturalistisch in einem Hörspiel umsetzte, dass Tausende Amerikaner in blanke Panik verfielen.
Die Erwachsenen schweigen, als die Bilder von dem Crash, die den Fernsehsendern bisher nur aus einer einzigen Perspektive vorliegen, Mal um Mal wiederholt werden. Nur Baby Marcie kräht, lacht, gluckst. In einem roten Laufband bei N-TV erscheinen lapidare Meldungen, dass sich normalerweise um die 50000 Menschen in dem Gebäude aufhielten. Wie lächerlich wenig das besagt. Die bloße Masse des Todes berührt uns nicht. Sehr wohl aber Schicksal für Schicksal für Schicksal. Es wird viele Geschichten zu erzählen geben in den nächsten Tagen und Wochen, unendlich viele Geschichten. Warum sind alle diese wahnwitzigen Anschläge, die vielleicht in Bologna vor 25 Jahren begonnen haben, doch dagegen blass geblieben ? Wahrscheinlich sind zu wenig Geschichten erzählt worden.
"He", sagt Katie, "kann ich Marcie wickeln ?". Ich verstehe einen Augenblick überhaupt nicht, was Katie sagt.
"Ja natürlich".
"Aber es stinkt".
Draußen regnet es. Aber die Frauen und Marcie gehen dennoch spazieren. Es ist stickig hier drinnen, und alle " haben alle das Gefühl ", das Baby sollte irgendwie fort von dieser Stimmung, die in einen hineinkriecht, als wollte sie am Lebensnerv zupfen und ihn lähmen.
Als könnte man irgendwie fort.
Als könnte man irgendwo hin.

Rote Laufbänder

Um 18 Uhr beim Internisten. Eine absurde Veranstaltung, finde ich. Es ist fast peinlich, jetzt auf einem Fahrrad zu sitzen, um Herzschlag und Blutdruck zu messen. Auf dem Monitor rote Laufbänder, die die innere Bewegung meines Blutes darstellen. Natürlich erinnern sie mich an N-TV. Dort die Verkündung des nicht auszulotenden Todes, hier ein halbnackter schwitzender Mensch auf einem Fahrrad.
„Haben Sie gehört ?“ frage ich die Sprechstundenhilfe. „Ja“, sagt sie, „Patienten haben es uns gesagt, und nebenan läuft ein Radio, da hören wir zwischendurch mit. Schrecklich.“
Der Arzt kommt mit einem Handy am Ohr ins Zimmer.
„Ja, Schatz“, sagt er ins Handy, „ich habe es gehört. Ich komme bald. Ich weiß. Ich dich auch.“

Januskopf



Um halb Sieben, glaube ich, erstmals ein Bild von Osama bin Laden. Er sagt ein paar Worte. Was für ein sanfter Mann, denke ich. Was für eine liebenswürdige Stimme. Die Augen weich, braun. Ein richtiger Rehleinblick. In etwas anderen Zusammenhang gestellt, möchte man glauben, ein Klischeebild vom "lieben Jesus" vor sich zu haben. Es gibt da einen Christuskopf von Rembrandt, an den ich denke.
Aber wir kennen das ja, die Janusköpfigkeit dieses und des letzten Jahrhunderts. Zahlreiche Berichte zum Beispiel von liebenswerten KZ- Wärtern. Daheim, bei Schäferhund, Kind und Weib, ein Ausbund von Nettigkeit. Danach, im Lager, mit der Stahlknute Häftlinge zu Tode gedroschen. Wahrscheinlich war auch Pol Pot in Paris, bevor er zurück nach Kambodscha ging, von berückendem Charme. Wahrscheinlich hätte ich gern mit ihm Rotwein in einem Bistro getrunken und über Camus geredet. Und wahrscheinlich hätte ich nicht geglaubt, dass er dann mit seinen Leuten losgeht und alle Intellektuellen, Ärzte, Brillenträger und Dorflehrer des Landes mit dem Spaten erschlagen lässt.