Aus der Zeit gefallen
Michael Eggert

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Die Verklärung des Alters

„Die Früchte erlangen ihren vollen Geschmack erst in dem Augenblick, da sie vergehen.” Seneca


Die Verklärung des Alters ist eines der Themen in diesem Artikel. In Julian Barnes Roman "Liebe usw." kommt in einer Kakophonie von Stimmen und Meinungen auch eine alte Frau zu Wort, die sich eben dazu äußert. Der Roman besteht aus eben solchen Meinungsäußerungen aller Protagonisten dem Leser gegenüber. Aus diesen Stimmen ergibt sich der Verlauf einer etwas unorthodoxen Liebesbeziehung, in deren Verlauf der verlassene Ehemann durch Geld, Aura und Chuzpe sich der neuen Ehe seiner ehemaligen Frau (mit seinem ehemaligen besten Freund) nähert, sie aushöhlt und zerstört - aber in der Rück- Eroberung seiner Frau eigentlich schon wieder die Lust an dieser Beziehung verliert. So tragisch sich diese Dreiecksbeziehung anhören mag, so leichtfüßig und frivol kommt sie daher.

Lassen wir nun Mme Wyatt zu Wort kommen, die sich in zwei Versionen zum Alter äußert:

"Was ich begehre? Nun, da ich eine alte Frau bin - nein, unterbrechen Sie mich nicht -, da ich eine alte Frau bin, habe ich nur, was Stuart liebes Blut nennt. War das nicht ein guter Ausdruck? Ich brauche wenig Annehmlichkeiten für mich. Ich wünsche mir nicht mehr Liebe und Sex. Mir ist ein gut sitzendes Kostüm und eine filetierte Seezunge lieber. Ich will ein in gutem Stil geschriebenes Buch, das kein unglückliches Ende hat. Ich will Höflichkeit und kurze Gespräche mit Freunden, die ich respektiere. Aber im Allgemeinen will ich etwas für andere - für meine Tochter, für meine Enkeltöchter. Ich will, dass die Welt für sie nicht so bedrohlich ist, wie sie für mich war und für die Menschen, die ich in meinem Leben kannte. Ich will mehr und mehr immer weniger. Sie sehen, ich habe nur liebes Blut."

So weit Mme Wyatt. Einige Seiten später allerdings hat sich der virtuelle Gesprächspartner wieder bei ihr eingefunden. Vielleicht haben Beide auch einen Cognac oder zwei getrunken. Jedenfalls widmet sich Mme Wyatt dem Thema aufs neue:

"Nun, habe ich Sie überzeugt mit meinem kleinen Diskurs über liebes Blut, dass man nichts begehrt und nur etwas für andere will? Ich möchte es Ihnen erklären. Die Alten können sehr gut alt sein, es ist eine Fähigkeit, die sie erlernen. Sie wissen, was man von ihnen erwartet, und das geben sie dann. Was begehre ich? Ich begehre, schmerzlich und unablässig, wieder jung zu sein. Ich verabscheue mein Alter mehr, als ich in meiner Jugend je etwas verabscheut habe. Ich begehre Liebe. Ich begehre, geliebt zu werden. Ich begehre Sex. Ich begehre, umarmt und gestreichelt zu werden. Ich begehre zu ficken. Ich begehre, nicht zu sterben. Ich begehre zugleich, im Schlaf zu sterben, plötzlich, nicht wie meine Mutter, die schrie vor lauter Krebs, und sie Ärzte konnten nichts gegen die Schmerzen tun, bis sie ihr schließlich Morphium geben, dann ist sie tot und schreit nicht mehr. Ich begehre, dass meine Tochter begreift: Ich bin ganz anders als sie, wir unterscheiden uns mehr, als sie überhaupt ahnt; ich liebe sie immer, aber ich kann sie nicht immer gut leiden. Ich begehre außerdem, dass mein Mann, der mich betrogen hat, dafür leiden muss. Manchmal gehe ich in die Kirche und bete. Ich bin nicht gläubig, aber ich bete, dass es einen Gott gibt und dass mein Mann in einem anderen Leben als Sünder bestraft wird. Ich will, dass er in der Hölle schmort, an die ich nicht glaube.
Sie sehen, ich habe auch böses Blut. Sie sind sehr naiv, was uns betrifft, uns alte Leute."
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Frühe Bedeutung und späte Belanglosigkeit

"Auch bei Sandra zeigt sich das Älterwerden. Zum Beispiel bewahrt sie jetzt Gegenstände, die sie früher ohne Überlegung weggeworfen hat (eine leere Keksdose, gebrauchtes Geschenkpapier, nichtssagende Urlaubspostkarten) sorgfältig auf (...). Immer wieder wundere ich mich, dass sie sich obenrum zart, untenrum jedoch mit heftigen, ja stoßartigen Bewegungen zu Leibe rückt. Durch die beiden Waschvorgänge fällt die Person für den Betrachter gewissermaßen auseinander. Ich kann sagen, obenrum wäscht sie sich wie eine junge, untenrum wie eine ältere Frau." Wilhelm Genazino, "Die Liebesblödigkeit" 2005 Hanser Verlag

Nicht nur im privaten Rahmen fällt die „melancholische Erfahrung nachlassender Geisteskraft“1 auf; Kultur und Geschichte halten reichlich Beispiele bereit für „frühe Bedeutung und späte Belanglosigkeit2.

Nehmen wir doch einmal Grössen wie Rimbaud, Novalis oder Büchner. Sie alle hatten nicht, um eine Phrase zu variieren, die „Gnade der späten Geburt“, sondern die des frühen Todes gemeinsam. Selbst Thomas Mann hatte seine persönlichen Zweifel, ob nicht vielleicht die jung -mit Anfang Zwanzig- geschriebenen Buddenbrooks nicht der Höhepunkt seines Schaffens gewesen sein könnten. Eine Ausnahme bleiben der sich zeitlebens immer neu definierende Goethe und auch der umtriebige, die Wandlung zum Prinzip erhebende Picasso. Die anderen dagegen variieren nur das Thema, das sie in ihrer späten Jugend angeschlagen haben. Sie (Wir) schmarotzen sich selbst zu Tode. Lange Zeit drehende, aber dann durch die eigene Schwerkraft ermüdende tibetische Gebetsmühle. Rudolf Steiner soll so etwas gesagt haben wie: Die meisten Leute werden sowieso nicht älter als achtundzwanzig Jahre, geistig gesehen. Man möchte dazu sagen: Höchstens.

Man hat das, nebenbei bemerkt, auch öfter in anthroposophischen Kreisen: Man sieht so viele, zwischen 28 und 35 erblühende Sternchen (als Autoren, aber durchaus auch ganz als Menschen), die dann erst stottern, dann verstummen und sich manchmal dann als späte Selbstzitierer betätigen. Oder in irgendeiner schrägen Larmoyanz hängen bleiben. Das ist nur menschlich.
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Kratzspuren in der Tapete

Ebenso menschlich ist die mit dem Alter zunehmende Verortung, wenn man darin ein immer dringlicheres Gefühl versteht, dass die umgebenden Gegenstände und Räume gleich und immer gleicher blieben. Im hohen Alter soll alles räumlich möglichst still stehen. Mein Vater hasst es, seitdem er achtzig ist, auch nur die Wände gestrichen zu bekommen. Er kennt und liebt die Kratzspuren an der Tapete, die ein vor vielen Jahren verblichener Kater hinterlassen hat. Er kennt selbst die feinen Risse in seinem Haus, und er hängt an jedem einzelnen von ihnen. Das Alter bleibt in Details des Allernächsten hängen. Das bedeutet übrigens nicht, dass nicht ein wacher Intellekt über diesen Ozean von Beharrungsvermögen schweben kann. Auf der still stehenden Ebene können durchaus quecksilbrige Perlen hinüberschiessen.
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Jenseits von Sex, Geld & Konsum


„Seltsam, das Leben. Wenn man klein ist, vergeht die Zeit überhaupt nicht und dann ist man plötzlich 50 Jahre alt. Und alles, was von der Kindheit übrig ist, passt in ein Kästchen. Verrostet und klein.”
Aus dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“


In seinem bemerkenswerten Essay stellt der Herausgeber und Verleger Wolf Jobst Siedler
3 -anlässlich seines achtzigsten Geburtstags und im Blick auf die Frage nach seiner „Hinterlassenschaft“- die Frage, ob das Alter tatsächlich klug, reif und weise macht - eine Behauptung, die im übrigen immer wieder von anthroposophischen Autoren aufgestellt wird. Es gibt in Bezug auf das Altwerden ja diese zwei antipodischen Bilder: Auf der einen Seite die Wracks des gesellschaftlichen Jugendwahns, die dement, hilflos und gesellschaftlich unnütz an der Pforte vor dem letzten Ausgang ihre Tage verplempern. Die Empörung über die zahlreichen gewalttätigen Übergriffen gegenüber Alten, die der vorgreifenden Fürsorge mörderischer Helfer und Pfleger zum Opfer fallen, hält sich in Grenzen. Das ist bei Gewalt gegenüber Neugeborenen und Kindern ganz anders. Die haben „ihr Leben noch vor sich“, sagt man. Das lässt den Umkehrschluss zu, dass die, die ihr Leben hinter sich haben und der neokapitalistischen Produktivitätsideologie keinen Zuwachs und keine Bereicherung mehr bringen können, für diese doch weitgehend nutzlose Kostgänger darstellen.

Auf der anderen Seite hält sich das Bild des Alters, in dem aus diesem eine Art produktiver Distanz entspringt, die man gern mit Weisheit bezeichnet und von der jeweils am meisten die übernächste Generation - die der Enkel- profitiert. Dieses Alter hat seinen Ursprung offensichtlich aus prämedialen Zeiten, die einerseits auf mündliche Überlieferung setzten und andererseits auf das Abgeschlossen-Haben im Angesicht des Todes andererseits. Diese Ideale vom Alter propagieren eine Art Freigeworden- Sein von den Zwängen des Alltags, einen Zustand jenseits der profanen Ich- Bezogenheit; ein Leben jenseits von Sex, Geld und Konsum.

Die Wirklichkeit im Bekanntenkreis von Wolf Jobst Siedler sieht anders aus. Von Weisheit kann gar keine Rede sein. Die Freunde sind „doch alles mögliche, nur nicht weise. Der eine ist mürrisch, der andere melancholisch, und der dritte hat sich aus der Wirklichkeit zurückgezogen“. Diejenigen, die man um ihre Geisteskraft bewundert hat, sind „blass geworden“, und man denkt heimlich über sie: „Und der war früher so geistreich.“
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Aus der Zeit gefallen

Wolf Jobst Siedler berichtet4 nun, dass er als Verleger ja zahlreiche zeitgenössische Schriftsteller kennen gelernt habe, die ihm zum Teil auch persönlich nahe standen. Aber dennoch liebte er persönlich die Literatur seiner eigenen frühen Jahre. Und nicht anders im Kunstgeschmack. Schon auf dem Höhepunkt des Lebens ist man aus dem Zenit seiner Zeit gefallen, und man fällt immer tiefer. Der Geschmack, der sich zuerst ausbildet, prägt ein Leben lang. Aus der Gegenwart aber fällt man immer weiter hinaus und steht ihr zunehmend befremdet gegenüber. Sie hat ein anderes Tempo, einen anderen Geruch, einen anderen Egoismus und einen Trost, den man nicht mehr versteht und teilt. Altern heisst, aus der Zeit hinaus zu fallen. Sie wird einem zur Fremden, und man wird selbst fremd darin. Man wird für sie immer transparenter und verschwindet schließlich.

Meine Zeit war übrigens der Rock´n´Roll der Siebziger, Schlaghosen, lange Haare und unsägliche Fellmäntel. Es ist heute eine Zeit wie aus einem alten Film- befremdend und bizarr. Technisch gesehen ist es ein Film von schlechter Qualität. Menschlich gesehen aber ist es die für mich - und meine Zeitgenossen- prägende Zeit, gegen die alles andere danach in zunehmender Unschärfe verliert. Diese Zeit hat man in den Knochen, dagegen ist nichts zu machen. Warum auch? Es ist ein Akkord, der angeschlagen und danach variiert wurde.

Vieles, was meinen Kindern an mir vielleicht etwas rätselhaft erscheinen mag, ist aus dem Umstand zu erklären, dass sie Sprösslinge eines anderen Zeitalters sind.
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Geht´s dir nicht gut, Opa?


Vom darwinistischen Standpunkt aus betrachtet scheint es keinen Sinn zu machen, Menschen länger leben zu lassen als sie sich fortpflanzen können. Praktisch darwinistisch gedacht sollten Menschen mit Ende der Fortpflanzungsfähigkeit einfach absterben anstatt - wie in den letzten hundert Jahren- immer älter zu werden. Daher stellt der bekannte deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer mit einiger Berechtigung die Frage: „Warum werden wir alt?“5 Schließlich hat auch er festgestellt, dass wir im Alter schlechter lernen „als in der Jugend“.
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Festzuhalten ist zunächst, dass es in Bezug auf die Lebensspanne von Lebewesen eine genetisch festgelegte Spanne zu geben scheint, die sich von Eintagsfliegen bis hin zu Riesenschildkröten spannt. Innerhalb einer Spezies kann man solche Spannen mathematisch erfassen und grafisch darstellen. Der durchschnittliche Tod tritt statistisch dann ein, wenn „die absteigende Kurve die X-Achse berührt“.
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Betrachtet man den Menschen, so ist jenseits der Mythen und Ammenmärchen niemand gefunden worden, der älter als 130 Jahre geworden wäre. Hier berührt also unsere absteigende Kurve spätestens die X- Achse.
Die Diskrepanz zwischen darwinistischem Utilitarismus und unserer Lebensrealität stellt sich für Spitzer insbesondere in Bezug auf Frauen. Schließlich erreichen diese ihre Menopause spätestens mit 50 Jahren. Warum dann nicht einfach absterben? Warum noch einmal fast die gleiche Lebensspanne ohne Möglichkeit der biologischen Reproduktion verbringen?

Tatsächlich verbrauchen wir in der zweiten Lebenshälfte Ressourcen, „die von anderen sinnvoller eingesetzt werden könnten“.8 Dies deckt sich ja mit Überlegungen zur aktuellen Rentendiskussion. Warum sinnlos Alte, Gebrechliche und Gaga- Gewordene durchfüttern, wenn braungebrannte, mit jungen, straffen Körpern aufpolierte Dauerjugendliche sich fürs gleiche Geld viel sinnvoller vermehren könnten? Gaga sind sie vielleicht auch, aber eben reproduktionsfähig.
Spitzer findet diese Frage einleuchtend. Schließlich hat sich die „Evolution des Menschen in den vergangenen mehreren hunderttausend bis ein oder zwei Millionen Jahren in vielerlei Hinsicht auf der Ebene von (miteinander um knappe Nahrungsmittelressourcen konkurrierenden) Gruppen vollzogen“.9 Unter diesem Gesichtspunkt sind nicht mehr reproduktionsfähige Individuen schlicht „Ballast“. Darwinistisch gesehen ist das steigende Alter für die Menschheit sogar ein „Selektionsnachteil“. Gott sei dank müssen wir lediglich mit Schimpansen, degenerierten Hunden und Regenwürmern konkurrieren, sonst würde es uns wohl nicht mehr geben.

Sieht man sich bei Naturvölkern um - hier den neuseeländischen Maoris - dann kann man merkwürdige Regeln finden, die besagten, ein Boot zur Besiedlung neuer Lebensräume solle mit
- 6 jungen Männern
- 12 jungen dicken Frauen und
- 1 altem Mann besetzt werden.

Der erste und zweite Punkt erscheint einleuchtend, aber warum „nahmen sie noch den Alten mit?“
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Naja, sie hatten eben kein Internet. Daher stand der Alte für Wissen und Erfahrung. Schließlich waren Alte früher eine Rarität. Man wurde im allgemeinen nicht älter als 35 oder 40 Jahre. Der Archetypus des „weisen Alten“ hatte in der vortechnischen Zeit seine Berechtigung. Allerdings erscheint das Wissen der Frauen jenseits der Menopause eigentlich noch als viel wertvoller, haben sie doch Erfahrungen auch in Bezug auf die Erziehung ihrer Enkel gemacht.

Um diese Frage zu vertiefen, vollzieht Spitzer einen weiteren Ausflug in die Welt der Tiere, in diesem Fall der der Elefanten. Ein umfangreiches Forschungsvorhaben hat 1700 Elefanten über einen langen Zeitraum beobachtet. Diese Tiere bilden Gruppen, denen im Sinne eines Matriarchats das älteste weibliche Tier vorsteht. Wichtig für das Überleben der Gruppen ist die realistische Einschätzung des Verhaltens anderer Gruppen. Diese könnten durchaus feindlich gesonnen sein und angreifen. Die Gruppen kommunizieren miteinander durch weit über 100 unterschiedliche „Rufe“, von denen die meisten Anteile vom menschlichen Ohr nicht gehört werden können. Ältere weibliche Elefanten können diese Rufe - so die Ergebnisse der Forscher - am besten und am umfänglichsten unterschieden. Man hat dies dadurch herausgefunden, dass man Tonbandaufnahmen unterschiedlicher Gruppen aufnahm und bei Wiedergabe das Verhalten von Elefantengruppen studierte. Das Ergebnis: Je älter das weibliche Leittier, desto besser „wurde zwischen Freund und Feind unterschieden“.
11 Daher gingen die Gruppen mit den ältesten Leittieren stets frühzeitig in Abwehrhaltung und konnten sich verteidigen. Weibliche Leittiere können also am besten kommunizieren bzw. die Kommunikation anderer Elefanten interpretieren. Daher ist das Alter dieser Leittiere ein Indikator für die Reproduktionsfähigkeit der geleiteten Gruppe: Diese Elefantengruppen haben die meisten Nachkommen.

Alte Tiere können soziale Interaktionen effektiv interpretieren und nutzen dem Fortkommen und Überleben ihrer Herde. Kann man das auf Menschen übertragen? Spitzer hat damit kein Problem. Er meint, dass diese Fähigkeiten die genetische Ursache dafür sind, dass Frauen „sozial kompetenter sind als Männer und länger leben“.
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Seiner Meinung nach - so darf man schlussfolgern - sind ältere Menschen durchaus wertvoll und wichtig für das Überleben der Spezies. Allerdings eigentlich nur weibliche. Omas sind okay.

Geht´s dir nicht gut, Opa?

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Der Tod als Aufmerksamkeitsstörung


"Den Tod immerzu fühlen, ohne eine der tröstlichen Religionen zu teilen, welches Wagnis, welches furchtbare Wagnis!" Elias Canetti, Die Provinz des Menschen. Aufzeichnungen 1942- 1972, Seite 105

Bei Rudolf Steiner herrscht an allen Ecken und Enden teleologisches Denken; d.h. die Dinge erscheinen an sich und per se als - unter einem bestimmten Standpunkt aus gesehen -sinnvoll, und auf die Reife, das Wachstum und die Vergeistigung des Menschen abgestimmt. Der Kosmos Rudolf Steiners ist von Didaktik durchwoben.

So auch in Bezug auf das Altern. Zunächst einmal altern wir überhaupt nur deshalb, weil wir vernunftbegabt sind; das Altern beginnt mit der „Geburt des Ich“
13, worunter er in diesem Zusammenhang wohl das menschliche Selbstbewusstsein meint. Die seelische Teilhabe an, aber auch die intellektuelle und emotionale Verarbeitung der Um- und Mitwelt beginnt dann „von einem bestimmten Zeitpunkt an damit, sich von dem eigenen Ätherleibe aus geistig zu nähren“.14 Unsere natürliche und kreatürlich Existenz, unsere reine Lebensenergie wird in den Prozessen, die wir unsere Lebenserfahrung nennen können, verwandelt, aber vor allen Dingen auch zurückgedrängt: Das Altern beginnt. Auch die verwandelten Lebenskräfte selbst beginnen im hohen Alter damit, „an dem physischen Leibe zu zehren“.15 Das allerdings bezeichnet dann schon den „Verfall im Greisenalter“.16

Nun hat das aber alles - wie immer bei Steiner - natürlich seinen Sinn. Die „Schwachheit unserer Glieder“17 geschieht nicht irgendwie zufällig, sondern ermöglicht es, dass wir „wachsen im Geiste“, ja wir (wir?) wachsen „hinein in die geistige Welt“.18 Das allmähliche Zurückkehren in den Schoss, aus dem wir stammen bekommt trotz des Leidens und der Beschwerden seine typische Steinersche Didaktik; man entwickelt sich seiner Ansicht nach als Mensch ja immer auf eine endzeitliche Bedeutung hin; wenn man es nicht tut, versagt man.

Dass sich nun die Erkrankungen und Alterungsprozesse im allgemeinen an bestimmten Organen festmachen, liegt daran, dass der gesamte Organismus in seinem biologischen Selbst, in seinen unbewussten Wahrnehmungen, Reaktionen und Selbstschutzmechanismen von einer Art Bewusstheit durchzogen ist; Fremdkörper im Blut z.B. werden eben erkannt und vom Immunsystem abgefangen und eliminiert. Diese Art von biologischem Selbst ist für den Menschen „unendlich bedeutsam“. Steiner nennt dieses Bewusstsein eine Art „Geschmackserlebnis“ auf Organebene. Der auch hier wirksame Astralleib beginnt aber in seiner biologischen Aufmerksamkeit und Aktivität im Alter nachzulassen; es ist gar nicht zu vermeiden, dass er „sich abstumpft“ und die „frische Fähigkeit des Schmeckens verliert“.19 Das bedeutet, dass die Abwehrkräfte des Organismus schwächer, „unaufmerksamer“ werden; die Folge sind „Organerkrankungen“. Entartungen, unorganisiertes Wachstum (Tumore) und Autoimmunerkrankungen mögen die Folge sein, aber auch das schlichte und alltägliche Organversagen.

Letztlich ist der Tod also nichts anderes als eine Aufmerksamkeitsstörung.

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Small world


„Small World“ von Martin Suter - einem Schweizer Autor, der in Deutschland zu Recht noch immer bekannter geworden ist20 - handelt von einem Mann, der an Alzheimer erkrankt ist. „Als Konrad Lang zurückkam, stand alles in Flammen, außer dem Holz im Kamin“, ist der erste Satz des Romans. Konrad, nichtleibliches ausgehaltenes Anhängsel einer steinreichen Schweizer Familie, hatte die Aufgabe, deren Feriendomizil auf Korfu zu beaufsichtigen. Die unabsichtliche Brandstiftung ist das erste Zeichen seiner zunehmenden Desorientierung.

Um sich -an die Haut gehend- mit dem Thema Alzheimer zu beschäftigen, ist das Buch ein intensiver Einstieg. „Small World“ ist wohl ein sehr treffendes Synonym für diesen Verfall, für eine Welt, die stetig kleiner wird, von ersten alltäglichen Zeichen des Vergessens und Verlegens von Dingen über das Verlaufen im gut, bekannten Supermarkt bis hin zur totalen Desorientierung, die dann auch das Verhältnis zur Körperwahrnehmung ergreift. Meine Frau schilderte mir mal eindrücklich die letzten Monate im Leben einer alzheimer-erkrankten Frau - ihr Mann pflegte sie aufopfernd zu Hause - die ununterbrochen vor Angst schrie - bei eigentlich jeder leichten Drehung und Bewegung ihres Körpers -, weil sie das Gefühl hatte, ins Bodenlose zu stürzen. Und das fast ununterbrochen! Dieser degenerative Verfall der Wahrnehmung der Signale ihres Gleichgewichtsorgans verfolgte mich bis in schlechte Träume, weil diese Ängste zu fallen eben dort ihren letzten Ursprung haben: Ein schlechter Traum war zu ihrem Lebensinhalt geworden, zu der alles überlagernden Wahrnehmung.

Welcher Schrecken könnte grösser sein?

Übrigens wird in der Hirnforschung auch davon berichtet, dass das verebbende Bewusstsein der schwer an Alzheimer Erkrankten keinesfalls zu verstehen ist als Zeichen der Inaktivität in den Hirnpartien, mit denen wir gemeinhin etwas wie Bewusstsein produzieren - ganz im Gegenteil. Gerade in diesen Hirnarealen herrscht bei dieser Erkrankung eine geradezu übersteigerte Aktivität, ein glühendes Rasen der Synapsen. Diese Aktivität ist wohl so hoch, dass gerade dadurch gewisse Botenstoffe in Mengen und in Regionen produziert werden, die dann toxische und irreparable Schäden selbst an der Hirnsubstanz hervorrufen.

Ich stelle mir diesen Vorgang als unkontrollierbaren Assoziations- Tsunami im Gehirn vor, ein Tanzen auf ungeheuren Wellen, das jedes Zur-Ruhe-Kommen verhindert und damit auch eine Kontinuität, Kategorisierung und Systematisierung der Gedanken. Sie gleiten davon wie ein Schwarm Fische.
Wenn die Gedanken von ferne glitzern, aber nicht mehr zu erfassen sind - das ist ja nun die zu erwartende Aussicht für viele von uns im Alter - kann man ja mal - auch über die Tischkante hinaus - nach den Ursachen fragen. Wissenschaftlich gibt es dazu keine sicheren Aussagen.
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Auch eine "kleine Welt"


Vom anthroposophischen Standpunkt aus lässt sich in Bezug auf die Alzheimer- Erkrankung wenig Relevantes entdecken. In Volker Fintelmanns Standardwerk „Alterssprechstunde“
21 wird die Erkrankung auf wenigen Seiten abgehandelt und von der eigentlichen Altersdemenz abgegrenzt. Die kurze Beschreibung von Alzheimer als einer „Atrophie der Hirnwindungen“, „besonders im Stirn- und mittleren Schläfenlappen“ entspricht dem Forschungsstand der Herausgabe des Führers und ist inzwischen in Neuauflagen wahrscheinlich etwas angepasst. Typisch für die anthroposophische Szene erscheint mir bei den „Fragen nach den Ursachen“22 eine - obwohl dies mehrmals in dem umfangreichen Buch explizit geleugnet wird - Art von Schuldzuweisung in Bezug auf die Erkrankten. Tatsächlich häufen sich in letzter Zeit (2006) Berichte, in denen kausale Bezüge zu bestimmten Arten von Bluthochdruckerkrankungen und Altersdiabetes hergestellt werden.

Im anthroposophischen Standardwerk aber wird auf ganz abstruse Art und Weise gemutmasst, „die völlig einseitige Benutzung des Gehirns als Instrument für das ausschließlich intellektuelle, abstrakte Denken“ könnte ebenso eine Rolle bei der Entstehung von Alzheimer spielen wie die „heute immer weniger praktizierte Erziehung zu einem lebenskräftigen Gedächtnis“.23 Wer also in Fintelmanns Augen durch das anthroposophische Anspruchsraster fällt - beispielsweise ein Intellektueller- hat im Alter als Konsequenz die Demenz zu erwarten. Im Umkehrschluss hätten Waldorfschüler und verschwebte Meditierende das Gegenteil zu erwarten. Was für ein Unsinn! Im übrigen fordert Fintelmann, Organe - wie auch das Gehirn- „in der rechten Weise“
24 zu nutzen.

Die Gebrauchsanleitung, was eine solche „rechte Weise“ denn sein soll, hat er offensichtlich in der Tasche, und zwar durchgängig und in allen Lebenslagen. In Bezug auf das Gehirn schwadroniert er von „kreativen Phantasiekräften“, künstlerischem Tun und Training des Gedächtnisses. Kontraproduktiv sei vor allem das Benutzen eines Terminkalenders.


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1 Wolf Jobst Siedler, "Über das Alter" in: FAZ, 2.1.2006, Nr. 1/ Seite 35
2 Wolf Jobst Siedler, "Über das Alter" in: FAZ, 2.1.2006, Nr. 1/ Seite 35
3 Quelle s.u.
4 Wolf Jobst Siedler, "Über das Alter" in: FAZ, 2.1.2006, Nr. 1/ Seite 35
5 „Die Weisheit des Alters“, in: Spitzer, „Nervensachen“, Stuttgart 2005
6 Nervensachen, S. 76
7 Nervensachen, S. 77
8 Nervensachen, S. 78
9 Nervensachen, S. 78
10 Nervensachen, S. 78
11 Nervensachen, S. 82
12 Nervensachen, S. 84
13 Steiner, GA 13, S. 426
14 Steiner, GA 13, S. 426. Er nennt diesen Zeitpunkt nicht.
15 dito
16 dito
17 Steiner, GA 109, S. 110
18 dito
19 Steiner, GA 156, S. 133
20 Z.B. in den SPIEGEL- Bestsellerlisten
21 Urachhaus Verlag, Stuttgart 1991
22 Alterssprechstunde, S. 134
23 Alterssprechstunde, S. 134
24 Alterssprechstunde, S. 134