Muttertag

Ich weiss, man sucht sich seine Eltern selber aus, Generationen im voraus, schaut auf sie, von der anderen Seite des Mondes aus, ja, man verkuppelt sie möglicherweise erst. Dieser Cupido mit den Pfeilen, das sind wir, Babies-in-spe, Zellhaufen, verkorkste Erwachsene. Aber was kommt dabei heraus? Dich, Mutter, habe ich bestimmt nicht gern ausgesucht. Du warst eine Kriegswaise, ein Mädchen, das von Dessau allein bis nach Aschaffenburg floh, hinter sich ein zusammen brechendes angebliches Weltreich. Noch schlimmer war es vielleicht, bei engbrüstigen Verwandten unterschlüpfen zu müssen, schon von der piefigen bürgerlichen hessischen Mentalität her ein Alptraum.

Meine Mutter ging ganz auf im Erhard- Deutschland, vielleicht ging sie auch unter zwischen Doris Day, Mambo und Ragout Fin. Denn sie begleitete diese Vergnügungen gern mit zivilisierten Portionen von Alkohol. Der machte es leichter, sich etwas vorzumachen, mit einer gewissen Verbissenheit den bürgerlichen Traum aufrecht zu erhalten und die ihr zugewiesene Rolle als Mutter. Sie tat sich daher nachdrücklich und lebenslänglich leid, was sie auch in ihrem Gesichtsausdruck nach außen trug. Sie war recht beliebt, mit diesem zarten Auftritt. Sie unternahm mal einen Selbstmordversuch zwischendurch, aber auch eher nicht entschlossen. Der Alkohol usurpierte allmählich ihre kleinen Vergnügungen und nahm mehr und mehr Platz ein. Sie wurde antriebsloser, schwächer, immer weniger belastbar. Sie hatte Phasen von bissiger Gemeinheit, mit teilweise brutaler Offenheit und auch Peinlichkeit, weil ihr so etwas so fern lag. Es kam dann mit schrillem, vielleicht etwas trunkenen Ton herüber.. Aber dies fand nur in der Familie statt- nach außen hin stand die Fassade bis zum Ende. Erst an ihrem letzten Tag stellte sich heraus, dass hinter einer Zirrhose ein schwerer Tumor lag. Auch in den letzten Stunden fand sie sich ungerecht behandelt. Sie hätte das Recht auf Mehr gehabt, fand sie, Mehr in jeder Hinsicht. Als sie starb, wollte sie niemanden sehen.

Auf ihrer Beerdigung war ich einen Augenblick ganz entrückt und mit den Gedanken ganz bei ihr. Da hörte ich mit einem gewissen Befremden eine stampfende indianische Melodie, getragen von dem Gesang eines Stamms, feierlich, lang andauernd. Es erfüllte den ganzen inneren Raum. Ich dachte:. Sie kommt zu Hause an.
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