Puschel

Vor Jahren habe ich einmal auf einem Waldorfbasar in Trier seltsame Roben bewundert, die der Werkstatt einer anthroposophischen Kleider- Manufaktur entsprungen waren. Man wagt es nicht, dafür den Begriff "Mode" zu verwenden. Denn diesen schweren, lila- und bordeauxfarbenen Gewändern entströmte der Geruch des 19. Jahrhunderts. In Anthropotantenkreisen war so etwas, wie man alten Fotos entnehmen kann, auch noch am Anfang des 20. Jahrhunderts chic. Man trug dazu schwere goldfarbene Broschen mit der Form von Planetensiegeln und auf dem Kopf gelegentlich eine Art Turbane. Ich bewunderte so ein Ding in Trier, das in dunkelstem Lila gehalten war, dazu eine Art - farblich abgesetzter- Schal, der vorne genau dort, wo man den Schambereich vermuten könnte (wenn es einen gäbe) in einem wollenen Puschel zusammen geführt wurde. Das gab dem Ganzen unfreiwillig eine bizarr erotische Note, machte aber auch klar, dass Modemachern wie Trägerinnen jede Selbstironie fremd war.

Die Damen und Herren, die Auren und Ätherleiber via Kleidung visualisieren möchten (aus welchen Gründen auch immer), gibt es erstaunlicherweise noch immer. Sie hatten, wie die Nachrichtenagentur NNA berichtet, gerade ihre Tagung in Dornach: "Kulturtagung am Goetheanum machte Zusammenhänge zwischen dem Ich und seinen Hüllen deutlich". Der Text von Wolfgang G. Voegele hat etwas von Realsatire, ist aber sicherlich so nicht gemeint. Was aber genau meint er, wenn er tiefschürfend schreibt "Die Veranstaltung machte deutlich, wie sich in der Bekleidung menschliches Bewusstsein spiegelt oder gegebenenfalls auch verhüllt"? Verhüllte Körper kennen wir, mehr oder weniger, aber verhülltes Bewusstsein? Klingt wie eine Art Drogenwirkung.

Dann aber geht es im Text gleich ans Eingemachte, nämlich um Ost und West und um (in diesen anthroposophischen Augen) hüllenlose "Ich Kerne": "Anthroposophie versöhne die gegensätzlichen Auffassungen: im Osten Geist als Widersacher der (sinnlichen, materieverhafteten) Seele; im Westen ein materialistisches Menschenbild, das keinen Ich-Kern mehr, nur noch Hüllen kenne.". Oh, wie furchtbar. Gut, dass wir Dornach haben, wo die Ich-Kerne nur so ins Kraut schiessen. Ersaunlicherweise wird in der Folge anscheinend ein Loblied auf Tattoos gesungen, zumindest wenn man zufällig ein Angehöriger eines "Naturvolkes" ist: "Die Bekleidungskunst habe zu allen Zeiten versucht, die naturgegebenen übersinnlichen Hüllen fantasievoll abzubilden oder neu zu gestalten. Körperbemalung und Tätowierung der Naturvölker machten die visionären Klänge und Muster der menschlichen Aura sichtbar."

Dornacher schätzen solche Körperbemalungen eher weniger, sondern setzen mehr auf die Aura- ähnlichen Roben mit Wollpuschel: "Ausgehend von Steiners Annahme, dass das aurische Farbenerleben in Zukunft wieder möglich sein werde, prognostizierte Speckner eine zunehmende Individualisierung der Mode und Bekleidungskunst: „Je mehr unter den Menschen das aurische Farbensehen wieder Platz greift, umso mehr werden schreiende Gegensätze zwischen der Aura eines Menschen und seiner Kleidung wieder wahrnehmbar. Geschmackvolle Menschen werden sich aus wohlverstandenem Eigeninteresse davor hüten, deplatzierte Missverhältnisse in ihrer Hülle zu zeigen (…) Während die Pariser Modeßene jedes Jahr der Welt ihre Vorstellungen eines einheitlichen „Look“ diktiert, werden die aurischen Unterschiede, die ja zu den physischen noch hinzukommen, ein starker Anreiz zu individueller Bekleidungskunst sein“, so Speckner."

Anscheinend hat sich die "Bühnenkostümabteilung des Goetheanum" während dieser Vorträge auf der Bühne als Model verdingt und historische und hypermoderne Kleidungsstücke für Aura- Sehende dargeboten: " vier Personen - zwei Paare- ließen sich mit ägyptischen beziehungsweise griechischen Gewändern bekleiden, die ausnahmslos nach historisch gesicherten Vorbildern angefertigt waren. Dadurch konnte die Entstehung der einzelnen Faltenwürfe, aber auch die in diesen Gewändern mögliche Beweglichkeit nachvollzogen werden. Eine selten zu sehende Demonstration, die mit viel Beifall bedacht wurde." Das glauben wir unbesehen. Es muss sehr komisch gewesen sein. Auf mich wirkt die Schilderung eher wie ein DDR- Parteitag unter Einwirkung halluzinogener Substanzen.
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