Virtualität & Schicksalsschlag

Auf dem Blog „Netzwertig“ wird angesichts des Neuen Lebens in den Netzen, das wir seit etwa einem Jahrzehnt erleben, gefragt, wie man mit realen Schicksalsschlägen, denen man durch Kontakte im Social Web begegnet, fertig werden kann: „Mit den Möglichkeiten des Social Web wächst unser Netzwerk. Je mehr lose Verbindungen wir besitzen, desto häufiger werden wir “Zeuge” von individuellen Schicksalsschlägen.“ Die vielen - manchmal losen - Kontakte im Internet führen zunehmend dazu, dass man unvermittelt mit dem Unglück von virtuellen Gesprächspartnern konfrontiert wird. Im ersten Augenblick wirkt das eventuell wie eine Grenzüberschreitung. Denn die meisten derartigen Beziehungen haben einen eher ausschnitthaften Charakter. Man teilt meist bestimmte Interessen und Themen.

Dennoch sind die Netzkontakte weniger anonym als man im ersten Augenblick denken mag. Sprachliche Wendungen, Sichtweisen, Reaktionsmuster und dadurch übermittelte emotionale Befindlichkeiten führen auch bei Email-, Social-Netzwork- und Forenpartnern nicht selten zu einem recht deutlichen Bild vom Anderen und zu einer Art von Beziehung, die über Jahre halten kann. Abgehoben von Mimik, Gestik und Gestalt konzentrieren sich die Kontakte manchmal in gewisser Hinsicht sogar gegenüber realen Freundschaften- dies um so mehr, da das Verdecktsein durch das Medium zu einer grösseren Öffnung führt als dies im Alltag für Manchen üblich sein mag. Die Durchmischung von Abstraktion, Anonymität und dadurch bedingter übermäßiger Direktheit führt dann, wie im Blog berichtet wird, gelegentlich zu seltsamen Effekten: „Ein Twitter-Nutzer kündigte bei dem Microbloggingdienst an, sich das Leben nehmen zu wollen. In einem Tweet veröffentlichte er seine Handynummer mit dem Aufruf, man solle ihn überreden, seine Entscheidung zu ändern. Und tatsächlich gelang es einem Follower, ihn von dem Suizidversuch abzuhalten und rechtzeitig Alarm zu schlagen.“ Das führt zu der Erfahrung, plötzlich „Teil eines menschlichen Schicksals (zu sein), ohne zu dieser Person vorher irgendeine Bindung gehabt zu haben.“

An der Nahtstelle von virtuellen und höchst realen Kontakten müssen wir unsere Verbindlichkeit und Verantwortung neu verorten.
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