Der Wind auf den man bauen kann

Manchmal erschien es Karl, als stünde er in einem Gegenwind- ein kühler Wind, der ihn fast physisch berührte und bedrängte, aber selbst nichts körperliches hatte, nichts, was zu hören oder zu sehen gewesen wäre. Er drängte auch nirgendwo hin, denn er entsprang der Stille und führte auch wieder zu ihr hin.

Der Wind, der keiner war, wurde Karls ständiger Begleiter. Es kam so weit, dass Karl ihn sich herbei wünschte, wenn er in Entscheidungen stand, in schwierigen Situationen, wenn er unter Druck stand und vielleicht in Verhaltensmuster zurück gefallen wäre, mit denen er sich das Leben lang genug selbst schwer gemacht hatte. Der sanfte Wind war ein guter Begleiter.

Allmählich lernte Karl, dass der Wind auch Forderungen stellte. Karl dachte an Madeleines unbedingte Aufrichtigkeit. Der Wind duldete keine schiefen Positionen, in die man sich stellen mochte. Vielleicht blies er auch allmählich Karls schroffe Kanten ab- eine Art innerer Erosion. Das war immerhin eine Hoffnung, wenn auch unwahrscheinlich.

Aber Karl musste auch lernen, dass der kühle Wind verschwinden konnte. Er hatte sich geirrt. Er hatte gedacht, der Wind sei inzwischen zu seinem Eigentum geworden. Karl hatte sich auf ihn verlassen. Aber es gab neue Nachrichten, die Karl in den Ohren klingelten. Es gab Umstände, die so laut und schmerzlich waren, dass Karl die Stille verlor. Er hatte vergessen, dass man den Boden unter den Füßen verlieren kann. Es ist ein Fehler, wenn man es so weit kommen lässt. Denn wenn der Wind still steht, gelingt gar nichts mehr. Das Glück wendet sich ab, als hätte es einen nie gekannt. Es ist, als ginge man plötzlich wie ein Fremder durch sein Leben. Man kann nicht glauben, dass das möglich ist. Aber wer vom Wind verlassen ist, hat nichts mehr, auf das er bauen kann.

Wer vom Wind verlassen wird, kann nur warten. Aber vielleicht ist das schreckliche Warten nichts anderes als die Abwesenheit des Windes, der unterwegs abhanden kam. Man darf sich im Warten nicht einrichten, selbst wenn jede Änderung des prekären Zustands als, vernünftig gesehen, unwahrscheinlich gelten muss. Wer den Wind kennt, weiss eigentlich, dass dieser eigene Wege geht und einen dort erwartet, wo man nicht gewartet hat.

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Ein weiterer Baustein zur Internet- Erzählung „Karls Jahr
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