Jörgen Smit: Wie man Zugang zu seinem Engel bekommt__________________________________________

aus: Jörgen Smit, „Der werdende Mensch. Zur meditativen Vertiefung des Erziehens". Stuttgart 1989
 
In dem Vortrag «Was tut der Engel in unserem Astralleib» stellt Rudolf Steiner tief eindrucksvoll dar, wie der Engel in unserem Astralleib mächtige Ideal-Bilder malen, entwerfen möchte. Er kann es aber im 2o. Jahrhundert nur tun, wenn der Mensch «mitmalt». Ohne das geht es nicht. Der Mensch muss beim Einschlafen etwas mitbringen aus dem Tag, etwas, wo er schon angefangen hat «mitzumalen» - dann kann der Engel die Keime verstärken und die Idealbilder im Astralleib entfalten und mächtig machen. Wenn er durch das Versagen des Menschen an diesem Tag gehindert wird, verschiebt sich seine Tätigkeit auf ein anderes Gebiet und es entstehen schreckliche Karikaturen. Darauf soll jetzt nicht näher eingegangen werden. Liest man den Vortrag aber weiter, so kommt ganz am Ende, im letzten Abschnitt, eine höchst erstaunliche, überraschende Ausführung, die man leicht übersehen, in ihrer Bedeutung nicht gleich bemerken kann. Da wird eine Übung, eine Phantasie-Übung - zugleich eine der vielen Karma-Übungen - beschrieben. Man soll sich innerlich ausdenken, was im Laufe eines Tages hätte geschehen können, was aber nicht geschehen ist.

Man kann auf den Tag so zurückblicken, dass man ins Auge fasst, was tatsächlich geschehen ist, was man getan hat. Bei dieser Übung kommt es darauf an, zum Wesentlichen durchzudringen. jetzt aber soll man seine Phantasie entfalten und ausdenken, was nicht geschehen ist. Man könnte es zunächst etwas sonderbar finden- Es ist doch nicht geschehen, warum soll ich es mir dann ausmalen?

Vielleicht vergisst man daraufhin die Übung - bis man das Entscheidende entdeckt. Was geschieht nämlich, wenn man die Übung tatsächlich macht? Dann hat man einmal den Verlauf dessen, was tatsächlich geschehen ist und dann denkt man zum anderen viele konkrete Bilder aus von dem, was hätte geschehen können und wie daraufhin alles ganz anders verlaufen wäre. Da hat man ein Negativ des Lebens, - negativ nicht im abträglichen Sinne, sondern als Gegensatz, das Umgekehrte, das sich wie das Konkave zum Konvexen verhält. Was geschieht nun dadurch? Man hat eine große Fülle von Möglichkeiten, die hätten sein können - und aus diesem Ganzen tritt eine Möglichkeit hervor, die tatsächlich stattgefunden hat. Damit gewinnt man eine ganz andere Einstellung zu dem Schicksal - es ist nicht etwas punktuell oder linear Verlaufendes, erst geschieht das und darauf folgt jenes, eine unabänderliche Notwendigkeit, die nur so weiterrollt; - nein, man ist in einem Ganzen, wie in einer großen Wölbung darinnen und aus ihm tritt das Einzelne, was tatsächlich geschehen ist, hervor. Rudolf Steiner schildert diesen Vorgang in dem genannten Vortrag wie folgt:
 
Aber das tut man ja im gewöhnlichen Leben gar nicht, weil man sich gewöhnlich nicht fragt: Was ist zum Beispiel durch irgend etwas verhindert worden? Wir kümmern uns meistens nicht um die Dinge, die verhindert worden sind, die, wenn sie eingetreten wären, unser Leben gründlich verändert hätten. Hinter diesen Dingen, die aus unserem Leben fortgeschafft werden auf irgendeine Weise, sitzt ungeheuer viel von dem, was uns zu wachsamen Menschen erzieht. Was hätte mir heute alles passieren können ?- wenn ich diese Frage mir an jedem Abend stelle und dann einzelne Ereignisse betrachte, die dies oder jenes hätten herbeiführen können, so knüpfen sich an solche Fragen Lebensbetrachtungen, die Wachsamkeit in die Selbstzucht hereinbringen. Und das ist etwas, was einen Anfang machen kann, und was schon von selbst immer weiter und weiter führt. Endlich dazu führt, dass wir nicht nur auskundschaften, was es in unserem Leben bedeutet, dass wir z. B. um 1/2 11 Uhr vormittags einmal ausgehen wollten und dass gerade im letzten Augenblicke noch irgendein Mensch kam, der uns aufhielt ... Wir sind ärgerlich, dass er uns aufhielt, aber wir fragen nicht nach: Was hätte geschehen können, wenn wir wirklich zur rechten Zeit ausgegangen wären, wie wir es geplant haben? Was hat sich da verändert? Ich habe über solche Dinge auch hier einmal schon ausführlicher gesprochen. Von der Beobachtung des Negativen in unserem Leben, das aber von der weisheitsvollen Führung unseres Lebens Zeugnis ablegen kann, bis zu der Beobachtung des webenden und wirkenden Engels in unserem astralischen Leib ist ein gerader Weg, ein recht gerader Weg und ein sicherer Weg, den wir einschlagen können."
 
Zuerst ist also die Rede von den großen Idealbildern, die der Engel in den Astralleib des Menschen hineinmalen möchte - und da darf der Mensch mitmalen. Nun aber die Frage. wie bekommt der Mensch den Zugang zu seinem Engel? Der sichere, der gerade Weg dazu ist diese Übung- Phantasieentfaltung gegenüber dem Schicksalslauf, so dass das Ganze - das sonst auch im Denken wirkt, wo jede Denkkristallisation aus diesem Ganzen herausgeboren wird - jetzt erfasst wird auf diesem inneren Felde. Es geht ja darum, langsam hinzukommen zu der Freiheitsmöglichkeit, wo man aus Einsicht handelt, sich nicht dem Zufall überlässt, sondern mitwirkt an dem Schicksalsgewebe, mit dem Engel zusammenarbeitend, und doch eingebettet in seine weisheitsvolle Führung. Und ebenso wird man durch die moralisch-religiöse Aufrichtekraft mit den Archai, durch das in tieferem Sinne Sprechen- Lernen mit den Archangeloi zusammenwirken können.