Fred
Poeppig: Über die Rückschau-Übung
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aus: Yoga oder Meditation. Freiburg 1965/2
Was bei dem Schulungswege niemals
vergessen werden sollte, ist die abendliche Rückschau,
wobei man versucht, den Ablauf des verflossenen Tages
sich bildhaft vor die Seele zu stellen, doch so, dass
man sich selbst dabei als Fremder gegenübertritt 'Man
wird erleben, dass das gewöhnliche Selbstgefühl, das im
Leben meist zu stark ausgebildet ist, sich hierdurch
zurückzieht, das heißt vergeistigt. Hierin liegt ein
Hauptwert dieser Übung. Um objektiv seinen eigenen
Erlebnissen gegenüberzustehen, bedarf es großer innerer
Kraft.
Darum handelt es sich aber hierbei
gerade. Wenn man nicht den ganzen Tag in dieser Art
rückschauend zu erleben vermag, kann man damit
beginnen, ein einzelnes Erlebnis herauszugreifen, um
diesem gegenüber die nötige Ruhe aufzubringen. Auch
sollte man sich davor hüten, in Reue- oder Bußstimmung
über eigene Fehler und Schwächen sich zu ergeben, weder
sich selbst zu vernichten, noch sich zu verherrlichen-
sondern gelassen und objektiv sich selbst
gegenüberzutreten, wie man sich von einem höheren
Standorte aus erleben würde. Mit der Zeit kommt man
dazu, in voller Bildhaftigkeit sein Tagesgeschehen sich
vor die Seele zu stellen und sich selbst wie ein
Fremder zu betrachten, wobei eine tiefe innere Ruhe uns
durchdringt. Später kann man dazu übergehen, den ganzen
Tag rückläufig zu erleben, indem man vom letzten
Erlebnis am Abend ausgeht und bis zum Morgen in
rückläufiger Richtung hindurchgeht. Hierdurch werden
geistige Willenskräfte ausgelöst und frei gemacht. Wir
kommen in den geistigen Zeitenrhythmus hinein, der
entgegengesetzt dem äußeren Zeitverlauf während des
Schlafes sowie im nachtodlichen Erleben durchlebt wird.
Nur sollte man vermeiden, das Ganze
filmartig sich abrollen zu lassen, sondern sollte
vielmehr stets mit der inneren Kraft und Regsamkeit
dabei sein.
Viele beklagen sich, dass sie bei der
Rückschauübung einschlafen. Man braucht diese aber gar
nicht unmittelbar vor dem Schlafengehen zu machen. Dies
kann auch während eines Spazierganges geschehen. Wer im
Bett liegend dabei einschläft, sollte zunächst
versuchen, sie sitzend zu verrichten, wobei er stärkere
Wachsamkeit aufbringen kann.